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Egomanie

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Als sich Banken mächtig verzockten und die globale Finanzkrise 2008 auch über die Deutschen kam, forderten Moralinstanzen in flammenden Kommentaren einen Wertewandel. Seit es dieser Gesellschaft, wirtschaftlich betrachtet, wieder Gold geht, ist davon kaum noch die Rede. Über Egomanie und den ganz normalen Etikettenschwindel, den es gerade auch im Medienbereich gibt.

Für jeden Einzelnen ist es wichtig, ein starkes Ich zu besitzen. Und für jede soziale Gemeinschaft, möglichst viele Mitglieder mit einem starken Ich zu haben. Eine demokratische Gesellschaft lebt von konturierten Persönlichkeiten mit Selbstbewusstsein, klarer Meinung, kritischem und streitbarem Geist. Und auch mit dem Denken, etwas Besonderes zu sein. Jeder Mensch ist etwas Besonderes, von der ersten Sekunde seines Lebens an. Auch der Wunsch und Wille, besser zu sein als andere, mehr zu können und dafür Anerkennung zu bekommen, ist ein ganz normaler, positiver Teil des Menschseins.

Wettbewerb belebt das Geschäft. Und bringt die Gesellschaft weiter. Ein großer Wille und das Selbstbewusstsein, eine besondere Idee oder Fähigkeit zu haben, die besser und größer sind als das, was bisher "auf dem Markt" ist, haben der Menschheit seit Jahrtausenden immer wieder geistige und materielle Erfindungen beschert, die sie vorangebracht haben.

Doch wo Menschen sich selbst um Welten besser sehen und darstellen, als sie wirklich sind, hat sich das Ich zum Überego aufgebläht. Dann ist es zum Größenwahn nicht mehr weit. Er liegt vor, wenn Menschen sich in Selbstübersteigerung ihrer eigenen Person über andere erheben und diese nicht mehr als gleich, sondern als niederrangiger, unwichtiger und wertloser ansehen. Und wenn sie sich nicht mehr bewusst sind beziehungsweise bewusst sein wollen, dass sie Teil einer Gemeinschaft und Ordnung sind, aus der ihr eigenes Können maßgeblich herrührt und die es wert ist, dass man diese besonderen Fähigkeiten in sie einbringt.

Erst zu Lichtgestalten stilisiert, dann verteufelt

Eine Ordnung, die sich an etwas Höherem orientiert, wobei dieses Höhere keineswegs nur christlich-religiös definiert sein muss, sondern auch und besonders durch grundlegende Werte wie Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit und Wahrheit. Was als starkes Ich positiv ist, mutiert in dieser Selbstüberschätzung negativ zu einem Hyperego, das sich selbst zum Maßstab macht, um sich selbst kreist und sich für wichtiger hält als der andere oder die Ordnung und Gemeinschaft, in der es lebt.

Im christlich-traditionellen Denken steht Luzifer für Hochmut – jener schönste und hochbegabte Erzengel, der sich über Gott stellen wollte und dafür in die Hölle gestürzt wurde. Luzifer, der "Lichtträger", fiel tief und wurde zum Teufel.  In postmodernen Zeiten wie heute gibt es auch "Lichtgestalten", selbst ernannte oder von Öffentlichkeit und Medien zu solchen hochstilisiert. Viele von ihnen wurden beneidet und gefeiert, als Superspitzenmanager etwa oder Politstars. Viele zelebrierten selbst auch ihre luzide Ausnahmestellung. Bis man merkte, dass sie beileibe keine Engel sind. Sondern dass vieles, vielleicht alles nur gespielt war, gebogen und gelogen und gedreht. Schöner Schein. Als ihr Hochmut sichtbar und sogar nachweisbar wurde, fielen die Bimbes-Könige, Steuerhinterzieher, Lustreisenden oder Dissertations-Plagiatoren – und wurden verteufelt. Vorübergehend zumindest.

Doch die allermeisten fielen weich. Weil die Justiz mit sich dealen ließ. Oder weil die Halbwertszeit, was die Erinnerung der Bevölkerung angeht, oft bemerkenswert kurz ist. So kommt es,  dass derartige Hochmuts-Fälle vielen im Rückblick nur noch als Kavaliersdelikt erscheinen, wenn nicht sogar als ein Akt kreativer Ich-Verwirklichung. "Irgendwas geht immer." Hochmut hat, zumindest klammheimlich, bei vielen Menschen eine große Anziehungskraft.

Ethische Standards und die Realität

Mehr zu scheinen, als man tatsächlich ist – wer kann von sich sagen, dass er dieser Versuchung nicht schon mal erlegen ist?  Konversationen unter Kollegen oder Freunden, Party-Talk oder Gespräche mit dem Chef sind wahre Fundgruben solcher kleinen oder größeren Übertreibungen. Aus verregneten Strandferien mit quengelnden Kindern kann da schon mal ein richtig schöner Familienurlaub werden. Oder aus der eher bieder verbrachten Jugendzeit eine ganz wilde Epoche. Jeder will sich möglichst im besten Licht darstellen.

Viel ernster und mitunter grotesk ist jedoch der Etikettenschwindel, der in vielen  Bereichen betrieben wird, um dem Größenwahn Vorschub zu leisten. Wenn etwa ein Automobilkonzern wie Daimler unter dem Vorstandschef Jürgen Schrempp jahrelang stolz der Öffentlichkeit erklärte, man habe einen Marktanteil von mehr als zehn Prozent – und verschwieg, dass die Verkaufszahlen auch durch einen erheblichen Anteil an anrüchigen Graumarktgeschäften künstlich hochgehalten wurden, bei denen Geschäftspartner hohe Rabatte erhielten, damit sie die auf Halde stehenden Fahrzeuge loswurden. Wenn Vertriebsmanager und Niederlassungschefs, die dies nicht mehr unter der Decke halten wollten, massiv unter Druck gesetzt wurden, damit der schöne Marketing-Schein gewahrt blieb. Und wenn der heutige Daimler-Boss Dieter Zetsche vor einigen Jahren, auch als Zeuge vor Gericht, partout meinte, er habe von diesen dubiosen Geschäften nichts gewusst, obwohl er in der fraglichen Zeit Vertriebsvorstand war. Wo waren da die viel beschworenen ethischen Standards?

Auch Medienmachern ist Hybris nicht fremd

Medien sind stolz darauf, wenn sie solche Auswüchse von Konzern-Hybris aufdecken. Weniger investigativ und kommunikationsfreudig sind sie indes, wenn es um bewusste Falschetikettierung in der eigenen Branche geht: Richtig wichtige Enthüllungsgeschichten, so wird der breiten Kundschaft immer wieder suggeriert, entstehen ausschließlich durch hervorragende, knallharte, monatelange Recherche. Das klingt klasse und verlangt Beifall.

Was die Leser meist nicht erfahren: bei nicht wenigen solcher Stories überregionaler Medien bestand die "herausragende Recherche" insbesondere darin, mit dem Informationsdealer handelseinig zu werden – und den Preis für die entscheidenden Unterlagen möglichst niedrig zuhalten. "Pay and publish" nennt man so etwas in Fachkreisen. Verkauft wird es als "investigativer Journalismus".

Dass "Informationshonorar", so der Terminus technicus in der Branche, bezahlt wird, ist beileibe nichts Verwerfliches. Zumal bei einer klaren Regelung, wie sie seriöse Medien auch haben: wenn etwa die angebotenen Informationen von sehr hoher öffentlicher Relevanz sind – und wenn diese nicht nur durch eigene Recherche zu erlangen sind. Ein Skandal, der auf diesem Weg ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden kann, ist und bleibt ein Skandal. Pauschal von "Scheckbuchjournalismus" zu sprechen, wie es etliche Mediennutzer gerne tun, ist ein schräges Klischee. Und falsch.

"Es war ein ganzes Bündel von Motivationen"

Das Problem ist ein anderes: Manche Journalisten, die auf diesem Weg zu Berichten mit breiter Öffentlichkeitswirkung gekommen sind, glauben im Laufe der Zeit selbst daran, dass sie "hervorragende Recherche" betrieben hätten. Sie wollen es glauben. Die Realität wird Stück für Stück ausgeblendet, jede selbstkritische Einschätzung auch. Bei Recherchen ohne monetäre Hilfe kochen sie zwar mitunter mit lauwarmem Wasser; doch fordern sie von allen Kollegen "mehr Qualitätsjournalismus", in der Tonart von Chefredakteuren. Ihre Hybris steigt mit jeder neuen Geschichte, die mit dem Pay-Prinzip gebucht wurde. Denn wieder wird sie als eigene Leistung verkauft. Und wieder staunt das unwissende Lesepublikum voller Respekt, und wieder knallen in der Redaktion die Sektkorken. Jetzt werden Journalistenpreise im Dutzend eingefahren, in den Würdigungen steht immer: "Für eine herausragende Recherche". Die Branche kennt zwar die Realität, doch sie schweigt diskret und macht beim Etikettenschwindel mit. Hybris eint.

Am Ende zucken die Helden der Pay-Recherche nicht einmal mehr mit der Wimper, wenn sie in öffentlichen Auftritten fantasievoll und einfallsreich den hohen Wert der Wahrheit biegen: "Die Unterlagen sind uns zugespielt worden." Oder eine noch schönere, besser, skurrilere Szene: von Nachwuchsjournalisten ehrfürchtig angehimmelt, wird der topinvestigative Autor der Topstory gebeten, bitte zu erzählen, welche Motivation denn seine Informanten hatten. Damit man ihm in seiner Kunst nacheifern kann. Da krabbelt dem journalistischen Recken plötzlich ein zartes Rot ins Gesicht. Und in freudscher Fehlleistung, aber irgendwie sehr authentisch, prägt er die symbolträchtige Sentenz: "Es war ein ganzes Bündel an Motivationen."


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