Ausgabe 18
Gesellschaft

Schmäh

Von Heinrich Steinfest
Datum: 03.08.2011
Sie sind dem Himmel so nah und der Erde so fern, die Damen und Herren auf und von der Stuttgarter Halbhöhe. Höchste Zeit für die Beschimpfung einer Kulturlandschaft von und mit Heinrich Steinfest.

Ich frage mich, was haben die Schwaben gegen den Dackel, immerhin, wie ich aus eigener Anschauung weiß, des Wieners Lieblingshund, sicher nicht das schönste Tier auf der Welt, aber doch ein edles, kluges, liebenswertes und sehr treues Wesen, dem man an kalten Tagen gerne ein Mäntelchen umschnallt und an warmen Tagen, wenn die beträchtliche Länge der Zunge offenkundig wird, einen feinen Sprühregen kalten Wassers verabreicht. Warum also muss ausgerechnet diese Kreatur, der man so viele gute Stunden verdankt, für ein Schimpfwort beziehungsweise eine Schimpfwortsteigerung herhalten?

Die Dackelverachtung des Schwaben wird nur noch übertroffen von seiner Verachtung gegenüber jenen Individuen, die er noch tiefer einstuft und selbige dann als Halbdackel verunglimpft, was aber auch sehr schön diese gewisse Uneindeutigkeit des schwäbischen Wesens veranschaulicht, indem die mutwillige Halbierung des Dackels ja nicht etwa einem Menschen zugedacht wird, welcher als halb so dumm wie ein als dumm diffamierter Dackel eingeschätzt wird, sondern im Gegenteil als doppelt so dumm.

Dreimal so bissig wie ein durchschnittlicher Schwabe

Aber natürlich soll ich nicht über die Schwaben schwadronieren, sondern über die Spezialform der Schwaben, die Stuttgarter, und wiederum deren Spezialform, die Bewohner der Halbhöhenlage. Im Sinne der fortgesetzten Zerstückelung eines an sich ohnehin klein gewachsenen Dachshundes würde das zu einem Vierteldackel und dann zu einem Achteldackel führen. Wenn man nun aber statt "Dummheit" und "Unbeholfenheit" die Parameter "Gefährlichkeit", "Anmaßung" und "Arroganz" einsetzt und diesen drei Faktoren wiederum etwas Hündisches zuordnet, könnte man sagen, die Bewohner der Halbhöhenlage sind dreimal so bissig wie ein durchschnittlicher Schwabe.

Was aber ist das, die Halbhöhe? Ein Zustand? Eine Gabe? Eine Krankheit? Ein Unfall? Eine Segnung? Oder bloß eine Örtlichkeit, die zu einer Haltung führt? Oder gar umgekehrt: eine Haltung, die immer schon bestand und dann in Form einer Örtlichkeit ihre absolute Entsprechung fand? So wie ja auch zuerst einmal das bösartige Wesen eines Superschurken vorhanden ist – Dr. Caligari, Dr. Mabuse, Lex Luthor, Colonel Kurtz, Blofeld – und in der Folge die diesem Wesen entsprechenden Wirkungsstätten entstehen: unterirdische Labore, Mondstationen, künstliche Inseln, Dschungeltempel, Bankgebäude, gespenstische Villen.

Ist die Halbhöhe gespenstisch? Diese weichen, bewaldeten Hänge, diese locker ins Grün gesetzten Häuser und Villen, diese märchenhaften Treppen aus Weinbauzeiten? Wie könnte ein Monster aussehen, das in solchen Refugien haust? Was sind das für Leute, die in solchen Gegenden leben und von denen viele dies im ständigen Bewusstsein der außerordentlichen Lage tun? Und nicht etwa meinen, ein paar Meter weiter unten wäre es ihnen genau so recht. Selbst die, die der Zufall und nicht etwa das Geld und/oder gute Beziehungen hierher gebracht haben, betonen den Umstand der Lage. Selbst dann, wenn sie sich dafür aus ideologischen Gründen genieren, aber immer wieder davon reden, wie sehr sie sich genieren und wie dumm es ist, ausgerechnet dort eine Wohnung gefunden zu haben und nicht in einer weniger elitären Gegend. Leider, leider!

Die Stuttgarter Halbhöhe: privilegierte Lage mit geradezu aufreizendem Selbstbewusstsein. Foto: Jo RöttgersDie meine ich nicht. Sondern jene, die vollkommen zur "Sünde" einer besseren Wohnlage stehen, einer privilegierten Situation, mit geradezu aufreizendem Selbstbewusstsein, als habe man diese bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Architektur so gut wie unbeleckte bewaldete Einfassung des bebauten Tals nicht allein darum ins Visier der Stadtgestaltung genommen, um der Wohnungsnot Herr zu werden, sondern um einen Bereich zu schaffen, der nicht nur topografisch, sondern auch in einem ideellen Sinn näher bei den Göttern liegt und halbgöttlich veranlagten Menschen ein Refugium an passender Stelle bietet. Angesichts vieler Bewohner der Stuttgarter Halbhöhe muss ich an eine Szene aus dem Mephisto-Film von István Szabó denken, wenn Klaus Maria Brandauer mit der ihm eigenen Affektiertheit den Theaterschauspieler Hendrik Höfgen sprechen lässt: "Weißt du, Nicoletta, was ich mir in letzter Zeit sehr oft überlegt habe? Ob wir das eigentlich alles verdienen? Und wenn ich ganz hart mit mir ins Gericht gehe, dann muss ich sagen: Ja! – Wer sonst, wenn nicht wir, die wir die Individualität vertreten, die Kunst vertreten ..."

Im Rahmenplan Halbhöhenlage hört sich das übrigens so an: "Durch seine Sozialstruktur hebt sich der Kesselrand deutlich vom städtischen Durchschnitt ab: Eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote, ein deutlich geringerer Ausländeranteil und eine überdurchschnittlich hohe Kaufkraft sind drei signifikante Merkmale." So sieht also die Bürokratie das Halbhöhenlager: guter Job, ausgesprochen indigen, lauter pekuniäre Kraftlackel und pekuniäre Kraftlackelinnen. Und zur Kraft des Geldes kommt noch die Kraft der Darstellung, des Sich-in-Szene-Setzens.

Die ererbte Souveränität

Was mir oft auffällt, ist der Umstand, wie konsequent der typische Halbhöhenlagler Fremdwörter verwendet, die er gar nicht versteht, dies aber mit einer Selbstverständlichkeit praktiziert, die jeglichen Zweifel an seinem Kenntnisreichtum ausschließt. Den Verdacht, er wisse gar nicht, was er tue, er sage gar nicht, was er meine, er schmecke gar nicht, was er esse, eliminiert der Halbhöhenlagler mit einer aristokratischen Haltung. So links oder alternativ kann er gar nicht sein, um nicht diese Ausstrahlung "blauen Blutes" zu vermitteln, eine ererbte Souveränität, die in demselben Satz mündet, den der von Clive Owen gespielte geniale Bankräuber in dem Film "Inside Man" als eigentlichen Grund für seinen Einbruch angibt. Er sagt: "Weil ich es kann."

Aber natürlich ist die Halbhöhe komplexer, schwieriger zu greifen. Als ich auf einem meiner Recherchezüge am Killesberg – als Jogger getarnt, weil in dieser Rolle mein latenter Zustand des Ertrunkenseins für die pure Ermüdung des Bergläufers gehalten wird –, als ich da also die Zeppelinstraße hochkeuche, da sehe ich einen wunderschönen Jaguar aus der automatisch sich öffnenden Einfahrt ... ja, wie sagt man da? So ein Auto fährt ja nicht einfach, weil schließlich auch die meisten Killesbergautos das Bewusstsein in sich tragen, bessere, privilegierte Autos zu sein, nicht bloß Brennstoff in Energie und Abgase zu verwandeln, eher tun sie so, als würden sie Zigarren verbrennen, Pfeifentabak, biologisch einwandfreie Kräuter, exklusive Drogen, Parfüm, umweltfreundliches Parfüm, versteht sich, welches trotzdem gut riecht ...

Kleinbürgerliches Streben nach Macht

Also, ich sehe den Jaguar, bewundere seine Gestalt, sein kompaktes Schlanksein, seine glänzende Walfischhaut, seine im Anfahren herrschaftliche Pose und schaue sodann auf das Nummernschild: dem obligaten S sind die Buchstaben P und D angefügt und dann noch irgendeine Zahl. Könnte natürlich sein, dass hier jemand einfach Pius Drexler heißt, aber wichtiger ist doch: genau so sieht hier oben die SPD aus – kein dicker Bonzenmercedes, in dessen Karosserie sich das Versagen einer Partei spiegelt und ihr kleinbürgerliches Streben nach Macht einen parodistischen Ausdruck findet, sondern ein katzenhaft elegantes Gefährt, das über einen philosophisch-schöngeistigen Touch verfügt.

Der SPDler der Halbhöhe möchte nicht einfach ein gieriger Multifunktionär sein, der im Kochtopf seines Grandiositätswahns vor sich hin köchelt und weicher und weicher wird, nein, der halbhohe Funktionär will dem eigenen Weichwerden eine würdevolle Ausformung verleihen. Es kommt nämlich auf den Topf an, in dem man da hockt und weich wird. Der Topf, also der Jaguar, verspricht ein ungleich erhabeneres Weichwerden, weil er eben frei von Peinlichkeit scheint. Der heutige Porsche wie der heutige Mercedes hingegen sind Karikaturen. Allerdings versuchen beide, sobald sie Angehörige der Halbhöhe sind, etwas Jaguarmäßig-Dignitives zu vermitteln. Sie tun so, als handle es sich bei ihnen in Wirklichkeit um die Kreuzung verschiedener Nobelmarken. So gibt ein typischer Halbhöhenmercedes vor, zwar der äußeren Gestalt nach ein Daimler zu sein, nichtsdestotrotz aber über den edlen Geist des Jaguars zu verfügen, dessen Intellekt zu besitzen. (Denn der Jaguar hat Kafka gelesen, der Mercedes nicht.)

Der Angeber ist ein intellektueller Angeber

Und da sind wir gleich bei einem wichtigen Punkt, denn der Bewohner der Halbhöhenlage – ganz gleich, ob Mensch oder Auto oder Haustier – hält sich in der Regel für einen Intellektuellen. Auch wenn er ein Angeber ist, wähnt er sich als intellektueller Angeber, der aus der Angeberei ein geistreiches Spiel formt und dann so tut, als wäre er gar kein Angeber, sondern nur jemand, der die Untugend des Aufschneidens qua der eigenen Person theatralisch umsetzt und somit auf originelle Weise erläutert.

Was nun aber kaum als Teil dieser "Inszenierung" sich bislang offenbarte, ist das politische Engagement, das echte, intensive, obsessive, konsequente, durchdachte, nicht zuletzt riskante. Maximal ein wenig Erregung, vor allem über die hohen Steuern, von denen immer die Besserverdienenden erwischt werden, wobei die hohen Steuern offenkundig gar nichts an besagter überdurchschnittlich hoher Kaufkraft zu ändern vermögen, so wie umgekehrt die verstärkte Einbürgerung von Ausländern kaum dazu führt, das mehr davon die Halbhöhe erobern.

In der Hörspielfassung zum Roman "Wo die Löwen weinen" charakterisiere ich einen gewissen Professor Fabian – seines Zeichens Haupt einer dieser unseligen und ungnädigen, geistig verrotteten und diese Verrottung an immer neue Generationen dünkelhafter Spitzbuben weitergebenden Burschenschaften –, und zwar folgendermaßen: "Ganz klar, Fabian war einer dieser eingefleischten Stuttgarter Stuttgarthasser, die da von der Halbhöhe aus ihre Stadt verachten." Stimmt schon, selbige Stuttgarthasser sprechen gerne von dem fantastischen Ausblick, den sie haben, aber damit meinen sie eben nicht die trotz aller Verletzungen und Demütigungen aufrecht dastehende, anmutige Stadt, sondern sie meinen den Blick an sich, die Möglichkeit, herunterzuschauen auf die anderen: das Tal, die Bauern und Proleten, die Kleinbürger, das Fußvolk, die Ameisen, auf Leute, die nicht begriffen haben, daß es gar nicht darauf ankommt, ob man seine Doktorarbeit selbst geschrieben hat oder nicht und ob der, den zu schreiben man diese Doktorarbeit beauftragt hat, sich die Mühe gemacht hat, Quellen anzugeben.

Es geht doch vielmehr darum, eine solche Doktorarbeit mittels der eigenen charismatischen Persönlichkeit zu unterstreichen, ihr mittels des eigenen Namens, der eigenen gloriosen Erscheinung eine Aura zu verleihen, so wie es auch bei einem wirklich großen Künstler – siehe Rubens – gar nicht darauf ankommt, ob er ein spezielles Bild eigenhändig gemalt hat oder das Gemälde von ein paar Schülern stammt, die halt einen Pinsel halten können.

Fast alles in dieser Welt ist eine Maultasche

Das Entscheidende ist nämlich nicht, wer ein Bild malt, sondern wer es signiert. Die Signatur besitzt jene Wirkung, die erst das Bild zum Leuchten bringt. Ohne Signatur, ohne Katalog, ohne tonnenschwere Biografien und hochglänzende Kunstkritik, ohne museale Erhöhung und auktionatorische Superlative wäre die viel beschworene Aura eines Kunstwerks ein gar schwacher Schein. Die Blendung ist wesentlicher Teil des Kunstwerks. Ja, die größte Kunst scheint die Blendung zu sein. Fast alles in dieser Welt ist eine Maultasche, also eine Kulinarie, die der Schwabe als "Herrgottsbscheißerle" bezeichnet, da ja diese Teigware als der Versuch gilt, während der Fastenzeit Fleisch vor den Augen Gottes zu verstecken. – Das mag nun naiv erscheinen, einen Allmächtigen auf diese Weise hereinlegen zu wollen, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wer alles in Wirtschaft und Politik unchristliche Taten hinter christlichen Namen zu verbergen trachtet, dann erscheint die Camouflage einer schwäbischen Nudelteigtasche geradezu subtil.

Überhaupt die Christen! – Nicht wenige der privilegierten Auf-die-anderen- Herunterschauer meinen, dieser famose Ausblick, die bessere Luft, das exklusive Grün, in das sie und ihre Häuser eingerahmt sind, das alles würde ihnen in einem moralischen Sinn zustehen. Sie vertreten die Auffassung, ihr spezieller Wohlstand sei Ausdruck einer göttlichen Zuwendung, sie hätten sich also diesen Wohlstand mittels ihres Fleißes verdient. Dabei ist in Wirklichkeit nichts schlimmer als der Fleiß. Was nicht heißen soll, die Faulheit auf ein Podest heben zu müssen, sie will ja auch gar nicht gehoben werden. Die Faulheit blüht lieber auf einer Wiese, die ohne Blüten auskommt. Die Faulheit ist ein kleines, blasses, schwächliches Wesen, das sich in der Unterlassung übt, also nicht bereit ist, die alte Dame dort drüben über die Straße zu führen.

Der Fleiß hingegen ist ein Wüterich, er packt auch dann jene alte Dame an der Hand, wenn sie gar nicht über die Straße geführt werden möchte, weil sie weder blind noch blöd noch reaktionsarm ist, eigentlich auch nicht alt, aber egal, sie wird vom Fleiß über die Straße geschleift, ob sie will oder nicht, ja selbst auf die Gefahr hin, dass sie, die gar nicht alte, gar nicht blinde Dame, dabei unter die Räder eines Autos kommt. Wenn die Welt einst untergeht, dann nicht, weil alle so schrecklich faul, so ungemein hellenisch angehaucht sind.

Besitz bis in den Tod

Faulheit hat ihre Grenzen, aber der Fleiß, auch der halbhohe, kennt keine Gnade, er ist ein Geschwür, das sich ausbreitet, tief verankert in einer anfälligen Seele. Das ist der Grund, warum wir in einer Erbgesellschaft leben und uns an den althergebrachten Bodenbesitzverhältnissen festklammern, dass wir Häuser nicht nur einfach bauen und ausstatten und bewohnen, sondern uns quasi in und an den Grundstücken festkrallen, um sie sodann an unsere Kinder weiterzugeben und auf diese Weise die Illusion zu schaffen, unseren Besitz über den Tod hinaus erhalten zu können. Man kann sagen, jene Immobilien, die wir unseren Nachkommen vermachen, sind nichts anderes als unsere eigene Grabbeigabe. Wir fesseln unsere Kinder an das Erbe und können auf diese Weise unseren mit so viel unbändigem Fleiß erarbeiteten Besitz auf eine "übertragene Weise" mit in den Tod nehmen. Was wohl der Grund dafür sein mag, dass viele Erben ständig diesen Geruch verfaulenden Fleisches in ihrer Nase tragen. Das ganze Erbe ist ein Stück Aas, welches gewissermaßen im Zuge immer neuen Fleißes renoviert wird, ohne aber nur annähernd seinen üblen Geruch zu verlieren.

Das würde nun auch für ein Stück Seife gelten, würde man Seife vererben, aber es gilt eben vor allem für Grundbesitz. Und ist dort besonders perfide, wo Menschen an einer Verunstaltung und Banalisierung der Welt verdienen, sich selbst aber die netteren, sprich die halbhohen Orte zugestehen. Ich meine nicht nur Architekten, sondern etwa auch jene Leute, die fürs Fernsehen arbeiten und welche die Verblödung des Publikums in einer Weise betreiben, die im Gegensatz zum Begriff der Gehirnwäsche als Gehirnverschmutzung bezeichnet werden müsste. Und solche Menschen sind es dann, die in schönen, hellen Räumen vor prächtigen Regalreihen voll von Büchern posieren, progressive Kunst sammeln und ihren Kindern verbieten, sich zu viel von dem Dreck im Fernsehen anzuschauen.

Die Halbhöhe ist exemplarisch dafür, sein Geld mit der Verschandelung der Welt zu verdienen, sich selbst aber in einer Oase niederzulassen. Denn allein mit der Verschandelung scheint sich das nötige Geld verdienen zu lassen, um sich und den seinen die besseren Gefilde zu garantieren.

Richtig, man kann auch mit "guten Dingen" Geld verdienen. Aber was sind "gute Dinge"? Behauptet denn nicht jeder das "Gutsein" seiner Dinge, auch der Bauunternehmer, der die technische Qualität seiner Gerätschaften mit einer moralischen Integrität verwechselt. Natürlich ebenso der Schriftsteller, der ja selten zugibt, die Gehirne seiner Leser mit banalem Quatsch zu bestreichen. (Die Wahrheit dazu hat kurz und knapp Adolph Freiherr Knigge postuliert: "Bei der Menge unnützer Schriften tut man übrigens wohl, ebenso vorsichtig im Umgang mit Büchern wie mit Menschen zu sein.")

Madame im Volk. Foto: Martin StorzDie Halbhöhenreichen sind jedenfalls prädestiniert, von den Terrassen und Balkonen und von den Dächern der Garagen aus – wie jener erwähnte Professor Fabian – die Welt zu verachten und gleichzeitig diese verachtete Welt zu gestalten. Aber Fabian gehört natürlich zu den Zynikern, zu jenen Architekten und Baumeistern und Werbeleuten und Verkehrswissenschaftlern und Investoren, für die es keine sinnlosen Projekte gibt, sondern nur unprofitable. Wobei in einer merkwürdigen Umkehrung der Verhältnisse das Sinnvolle einen gewissen Hang aufweist, unprofitabel zu sein, während sich die absurdesten Konstruktionen – etwa ein Wirtschaftsliberalismus, der ein atavistisches Hauen und Stechen hervorbringt – als sehr viel einträglicher herausstellen. Für die Fabians zählt allein der eigene Gestaltungswille. Man will die Welt formen, umformen, neuformen, betonieren, "verschönern", dekorieren, versachlichen, sich selbst aber in einer traditionellen Hülle belassen. Die anderen Menschen sollen verändert werden, sich selbst hingegen will man bewahren.

Ja, sie steigen in die Niederungen hinunter, ins Tal, in die vom vielen Fischfutter gärende, schlammige Masse des Kessels – und verwandeln sich dort in eine neue Spezies. Fortgesetzt großkopfert, dennoch Mitbürger. Ich will nicht sagen, dass sie jetzt auch "Fische" werden oder gar "Fischfutter", natürlich nicht, aber sie sind mehr als bloße Besucher. Diese Leute sind keine jacques-cousteauschen Reinkarnationen. Sie wollen nicht einfach nur beobachten und ein paar Fotos schießen. Auch "Wutbürger" trifft es ziemlich ungenau, denn die Wut der Bauherrn, der politisch Verantwortlichen, der Repräsentanten ist sehr viel heftiger. Verständlicherweise. Ein paar linksradikale Radaubrüder in die Ecke stellen und ihnen eine Eselsmütze aufsetzen fällt ja nicht schwer, aber wie soll man mit der schwäbischen Ausgabe der Buddenbrooks verfahren.

Nehmen wir doch nur mal den ultimativen Ausdruck des politisch bewegten Halbhöhenindividuums: die Dame. Und zwar die von der furchterregenden Sorte. Man kennt sie, diese erlebnishungrigen Edelfrauen: dünner als dünn, sehnig, mit spitzen Zungen, das Fleisch zusammengesetzt aus vielen goldenen Fäden, die Münder so schmal, als handle es sich um die gespannten Häute zusammengepresster Nacktschnecken; dazu das Grau ihrer Haare, das den Glanz tausendfach frisierter Stahlwolle besitzt; dazu ihre manikürten Finger so schmal und lang, als wären sie aus den weißen Elfenbeintasten einer Klaviatur herausgewachsen. In ihren Augen leuchtet – vergleichbar dem dagobert-duckschen Dollarzeichen – das Wort "Kultur" auf, ja sie riechen nach Kultur, sie transpirieren die Kultur, während die aufgereihten Perlen ihrer Halsketten so aussehen, als handle es sich um die abgeschlagenen Ohrringe getöteter Feindinnen.

Diesen dünnhalsigen, in der Tat schlangenhaften Damen verdanken wir, dass der Begriff des wollenen Straßenkostüms derzeit eine neue Bedeutung erhält, ja, man darf vielleicht sagen, der von den Halbhöhendamen forcierte "Straßenkampf" bestehe vor allem darin, besser und geschmackvoller gekleidet zu sein als diese vergammelte Horde politischer Funktionäre und Manager, all diese biederen Männlein und Weiblein, die, gleich wie sehr ihre Anzüge und Kostüme der Maßschneiderei entstammen mögen, ausschauen wie aus einem Otto-Katalog herausgeschnitten. – Stimmt schon, es heißt allgemein, man solle nicht so viel Wind um das Äußere machen, aber der Wind bläst nun mal, und zwar den meisten von uns um die Ohren und leider auch um die Hüften.

 

Der Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die Heinrich Steinfest beim Fritz-Erler-Forum am 21. Juli gehalten hat.


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