KONTEXT:Wochenzeitung
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Vor und hinter dem Zaun

Vor und hinter dem Zaun
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Wir haben uns einbetten lassen. Wir haben das Angebot der Stuttgarter Polizei angenommen, von Einsatzbeginn an am Hauptbahnhof "eingebunden" zu sein. Das mag Leser der Kontext:Wochenzeitung erstaunen, manchen irritieren, manchen Journalistenvertreter gar empören. Ab ins Bett der Polizei, die den Abriss des Südflügels schützt? Ja, weil wir wissen wollen, was da los sein wird.

Wir haben uns einbetten lassen. Wir haben das Angebot der Stuttgarter Polizei angenommen, von Einsatzbeginn an am Hauptbahnhof "eingebunden" zu sein. Das mag Leser der Kontext:Wochenzeitung erstaunen, manchen irritieren, manchen Journalistenvertreter gar empören. Ab ins Bett der Polizei, die den Abriss des Südflügels schützt? Ja, weil wir wissen wollen, was da los sein wird.

Der "embedded journalism" war eine Erfindung des US-Militärs, das mit 500 Journalisten in den zweiten Irakkrieg (2003) gezogen ist. Die offizielle Begründung hieß: den Medien ermöglichen, den Krieg gegen Saddam Hussein direkt zu erleben, teilnehmend zu beobachten und zu dokumentieren. Die Absicht, die dahintersteckte, war ebenso klar: Bilder und Berichte, die authentisch wirken und damit den Eindruck beim Rezipienten zu Hause erwecken, die Wahrheit zu lesen und zu sehen. Das war eine Täuschung, das verhinderte schon das Militär durch seine Zensur.

Nun ist der Stuttgarter Polizeipräsident Thomas Züfle nicht George W. Bush und der Südflügel nicht der Irak. Es geht hier nicht um einen Krieg. Es geht immer noch um einen Bahnhof – und den skandalösen 30. September 2010, den "schwarzen Donnerstag". Den hat Züfle nicht zu verantworten, aber er hat daraus gelernt. Zum einen betont er in jedem Interview, die Lage nicht eskalieren zu lassen, Stichwort Wasserwerfer, zum andern ist er um Transparenz bemüht, das eigene Handeln betreffend. Das ist ihm, bis zum Beweis des Gegenteils, zu glauben.

Das ändert freilich nichts an der journalistischen Pflicht, alles auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen. Drinnen und draußen. Und das wiederum bedeutet für die eingebetteten Kollegen, nicht nur genau zu beobachten, sondern immer wieder die Bedingungen zu reflektieren, unter denen sie arbeiten. Sie müssen unterscheiden können, was Propaganda ist und was Realität. Sie müssen ein feines Gespür dafür entwickeln, wie weit sie sich instrumentalisieren lassen, welche Vorgaben, Restriktionen bis hin zur Zensur, sie bereit sind zu akzeptieren – und sie im Zweifel transparent machen. Das ist Journalismus, und der gilt hinter und vor dem Zaun.

Die Leser der Kontext:Wochenzeitung haben darauf einen Anspruch, auch im Sinne der Kontinuität der Berichterstattung. Der Stuttgarter D-Day war hier der Anfang, der kommende Einsatz ist die Fortsetzung. Ende offen. Und um alle Befürchtungen zu zerstreuen, versprechen wir der Twitterin Simone, die uns davor gewarnt hat, im Bett der Polizei einzuschlafen: wir bleiben hellwach.

 

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5 Kommentare verfügbar

  • Nichtvergesser
    am 22.01.2012
    Antworten
    Herr Freudenreich, den ich im Übrigen sehr schätze, hat sich - meiner Meinung nach eine erstaunliche Vergesslichkeit geleistet, als er Herrn Züfle eine weisse Weste, man könnte auch sagen ein Schaffell überziehen will mit den Worten
    " Das [Transparenzwille] ist ihm [Züfle], bis zum Beweis des…
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