KONTEXT Extra:
AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Ausgabe 293
Debatte

Tengelmann hoch zwei

Von Gerhard Manthey
Datum: 09.11.2016
Bei Tengelmann hängen sich der Vize- und der Alt-Kanzler rein. Wenn Zeitungsmonopole zuschlagen, rührt sich nichts. Dabei wäre es höchste Zeit für Gegenwehr, kommentiert unser Autor. Zum Beispiel beim Stuttgarter Pressemonopoly.

Ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister hat seine sozialpolitischen Wurzeln entdeckt, mit dem Bundeskartellamt monatelang herumgezerft, zuletzt noch den Ex-Bundeskanzler, seinen Freund Gerhard Schröder, als Schlichter beim Discounter-Deal Tengelmann versus Rewe/Edeka eingeschaltet. Die Genossen wollen 15 000 Arbeitsplätze sichern. Beim Lebensmittelmonopoly. Dann schalten wir schnell zur "Tagesschau": Fanfaren – Jobs gerettet. "Toll", das schnelle Lob für Gabriel. Sogar der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske steht medienwirksam zur Seite, weil die Schlacht um schlechte und gute Filialen der Kaiser's-Tengelmann-Kette nun erst beginnt, wenn Rewe seine Klage vor dem Kartellamt denn zurücknimmt.

Das Kartellamt schützt – wen?

Als im vergangenen Jahrzehnt mehr als zehntausend JournalistInnen an deutschen Tageszeitungen aus Pressekonzentrationsgründen entlassen wurden, hat kein Kartellamt interveniert. Nichts ist passiert, was die Marktmacht der Monopolisten in den Ein-Zeitungs-Kreisen eingeschränkt, Vielfalt und Pressefreiheit gestärkt hätte. Die Konzerne durften noch größer werden. Und wenn ihr Übernahmehunger nochmal größer wurde, kam die Verlegerlobby und forderte noch weniger Beschränkungen. Mit Erfolg.

Keine Kanzlerin, kein Ministerpräsident und auch kein Chinese wollte die "Eßlinger Zeitung" retten. Foto: Joachim E. Röttgers
Keine Kanzlerin, kein Ministerpräsident und auch kein Chinese wollte die "Eßlinger Zeitung" retten. Foto: Joachim E. Röttgers

JournalistInnen und Pressevielfalt haben keine Lobby beim Wirtschaftsminister, keine beim Justizminister. Weder eine Kanzlerin noch ein, zwei Ministerpräsidenten wurden gefunden, die sich gegen diesen Wort- und Schrifthandel wehrten. Die Kontrolle der Eigentumsverhältnisse in den Medien, die Beobachtung der Medienmärkte, der Verflechtungen von Wirtschaft und Medien, die Einschränkung von Pressevielfalt und damit auch der Pressefreiheit, das ist für Politiker ein Tabuthema. Da legen sich keine Parteien oder Volksvertreter quer.

Wenn wieder eine Zeitung über die Wupper, Spree oder den Neckar bei Esslingen geht, ist das, als würde ein Sack Reis in China umfallen. Ja, wenn wenigstens ein Chinese für die "Eßlinger Zeitung" geboten hätte, dann – Herr Oettinger, Herr Gabriel ...

Wen juckt's? Nur die meist älteren Journalisten, die noch genügend Erregungspotenzial im Leib haben, oder eine Zeitung wie "Kontext", die Pressevielfalt wichtig findet und eine Diskussion in der Öffentlichkeit haben will, um Mitstreiter zu finden. Wie eben jetzt beim Verkauf der "Eßlinger Zeitung" an den Konzern Südwestdeutsche Medienholding SWMH.

Jede Essiggurke ist Esslingens OB wichtiger

Was für die Bundesebene gilt, setzt sich im Regionalen und Lokalen fort: Der Oberbürgermeister der betroffenen Stadt will kein Sterbenswörtchen verlieren, wo ihm doch sonst jede Essiggurke am Standort und der dazugehörige Arbeitsplatz viel wert ist. Auch die Pressestelle des Ministerpräsidenten, die vor über 14 Tagen angeschrieben und gefragt wurde, ob sie einen Vertreter zu einer Podiumsdiskussion zur Situation der "Eßlinger Zeitung" entsenden wolle, schweigt laut. Warum also noch einen weiteren Artikel darüber schreiben, was Pressefreiheit und Pressevielfalt wert sind?

Mag lieber Essiggurken: Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Foto: Joachim E. Röttgers
Mag lieber Essiggurken: Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Foto: Joachim E. Röttgers

Die türkische Oppositionszeitung "Cumhuriyet" wurde verboten. Die Republik trauert. Der "Kölner Stadtanzeiger", der "Kölner Express", die "Berliner Zeitung", der "Berliner Kurier" werden fusioniert. Deutschland trauert nicht. Nicht ein Interview mit den betroffenen Beschäftigten, mit deren Betriebsräten, mit den Journalisten-Gewerkschaften. Keine Statements der Politik. Ein langes Interview in der "Zeit" mit dem DuMont-Chef Christoph Bauer (samt Foto, auf dem dessen Armbanduhr fünf vor zwölf zeigt), in dem aber keine saubere Analyse des Zeitungsmarktes Berlin vorgenommen und nicht gefragt wird, wie man ihn am Leben halten könnte. Stattdessen ein Kahlschlag des Controllers Bauer mit seiner Bertelsmann-Erfahrung. Die schlichte "Strategie" ist das Schrumpfen des Personals – wie bei SWMH-Chef Richard Rebmann. Redaktions-Pools, die möglichst viele Blätter beliefern, sollen es richten. Ein Blick nach Stuttgart genügt.

So viel Zorn und niemand regt sich auf

Es gab Zeiten in dieser Republik, da dürsteten die Menschen nach dem freien Wort. Da waren BürgerInnen ungeduldig, ein wahres Wort zur Lebens- und Gesellschaftssituation am Zeitungsstand und im Briefkasten vorzufinden. Das war nach dem Nationalsozialismus. Da wurde die Presse als unverzichtbares Lebensmittel geführt, als Brot der Demokratie.

Wann begann sich dies alles zu ändern? Mit der Kommerzialisierung unseres Alltags, aller Empfindungen, Ideen, Wünsche? Warum streichen wir nicht den Artikel 5 aus dem Grundgesetz, der uns die Meinungs- und Informationsfreiheit garantieren soll? Was ist er uns noch wert? Oder, andersherum gefragt: Wer macht Werbung für ihn? So viel Zorn und niemand regt sich auf!

Die jungen JournalistInnen nicht. Der Ministerpräsident nicht. Und Frau Bundeskanzlerin spricht auf dem Medien-Kongress in München, ohne ein Wort über den bedrohten Journalismus und die Pressevielfalt zu verlieren. Da ging es um die Gefahr der Digitalisierung in den Medien- und Konsummärkten. Stimmt, wir sind in unserem Konsumverhalten bald in Gänze per Strichcode der Konzerne durchleuchtet und markiert. Nur unser Schlaf und unsere Träume wurden noch nicht gescannt und ausgebeutet.

Kommt noch. Google, Youtube, Twitter, Facebook & Co. schaffen auch das noch mit Hilfe der NSA und des BND. Orwell ist wirklich und wir prosten uns mit frisch gepresstem Biosaft zu. Die stille Unzufriedenheit muss zum Zorn kulminieren und zur kreativen Gegenwehr genutzt werden. Wer macht mit? Wann ist die Zeit dafür reif?

Wie wär's mit einer Stiftung, Frau Bechtle-Kobarg?

Warum wird eine Verlegerin, die in über 50 Jahren mit ihrer Bechtle-Sippe neidlos Millionen Euro in ihrer privaten Schatulle ansammelte, nicht von der Stadt, den RedakteurInnen und der Landespolitik dazu aufgefordert, aus der "Eßlinger Zeitung" eine Stiftung zu machen? Wenn der Filius keine Lust zum Verleger hat, ist das okay. Aber warum nicht – wie weiland im "Ahlener Programm" der CDU – das Gemeinwohl stärken? Wenn das Alt-Verleger Hans W. Baur und seine Gattin in Karlsruhe mit den "Badischen Neuesten Nachrichten" konnten, warum sollte das in Esslingen nicht auch gehen? Seit 1994 sind die BNN eine Stiftung.

Christine Bechtle-Kobarg mit SWMH-Chef Rebmann auf dem Südwestdeutschen Verlegerkongress 2014. Foto: Oliver Hanser
Ein Herz und eine Seele: Christine Bechtle-Kobarg mit SWMH-Chef Rebmann beim Verlegerkongress 2014. Foto: Oliver Hanser

Wenn die BürgerInnen die Stromversorgung nicht in der Hand der EnBW belassen, sondern sie vom Konzern zurückkaufen wollen ­– warum nicht auch bei der "Eßlinger Zeitung" eine "Stiftung Lesen" für alle in der Stadt machen? Das wäre doch ein Versuch für die Journalisten-Organisationen wert. Dann könnte aus dem jetzt schon gemurmelten "Aber" ein lautes "Aber es geht doch!" werden, wenn sich alle daran beteiligten. Denn sicher ist: Die "Eßlinger Zeitung" war nicht das letzte Fusionsopfer. Vor den Toren Stuttgarts gibt es eine Reihe kleiner Zeitungen, die noch auf dem Einkaufszettel der SWMH stehen.

Stillhalten ist keine Lösung

Wenn's wieder einmal so weit ist, steht der Hintergrund in Kontext – und sonst wohl nirgendwo. Aber können solche Diskussionen nicht jetzt schon zum Wohle wenigstens der Beschäftigten geführt werden? Ist ein Sozialplan mit guter Abfindung das Höchste, was wir den KollegInnen zum Abschied vom aktiven Journalismus bieten können und wollen? Und bis dahin stillhalten?

Ohne Phantasie und Kreativität wird die Pressevielfalt ab- und die Pressekonzentration zunehmen. Es ist höchste Zeit, dass die RedakteurInnen, die Gewerkschaften und die Parteien beginnen, eine Lobby für den Journalismus zu bilden. Denn eines ist sicher: Pressefreiheit ist Tengelmann hoch zwei!

 

Gerhard Manthey, gelernter Journalist, war bis 2014 Leiter des Fachbereichs Medien bei Verdi in Baden-Württemberg und kennt die hiesige Presselandschaft wie kein anderer.


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Kommentare

Weltenbummler2016, 13.11.2016 03:56
Schreibt doch bitte Vermögensteuer, die taz macht's auch - in Kontext Extra!
SG

Horst Ruch, 12.11.2016 18:16
....ein zwar hinkender Vergleich,.... doch wer vermißt heute noch die Lebensmittel(Kolonialwaren)märkte Gaissmaier oder Nanz usw.?
Die Konzentration größer,weiter,schneller ist doch ein Zeichen einer jeden Epoche mit all ihren "Wende"nachteilen .
Wer kennt heute noch z.B. den Roman "die Weber" von Gerhard Hauptmann, in dem er das Schicksal bzw. den Aufstand der Weber beschreibt, als Handweben auf Maschinenweben umgestellt wurde.
Wer bekommt heute noch einen handgeschriebenen Brief mit der Post(kutsche) oder schreibt gar selbst noch von Hand.
So dient die Zeitung nur noch als 2.tes Informationsmedium, denn wir sind im Zeitalter der Elektronik angelangt.
So gesehen ist es verständlich, daß eine junge Generation nicht in "veraltete" Methoden investiert.
Und Hand aufs Herz, ob ich eine dpa-Nachricht vom Vorabend im Fernsehen gesendet, am nächsten Tag aus der Esslinger oder aus der Stuttgarter Zeitung lese, ist nun wirklich
egal. Kritischer wird es natürlich bei der Sichtweise von politischen, künstlerischen, literarischen Beiträgen.
Ich denke, es ist einfach die Kosten/Nutzenfrage, wieviele Ressorts man für welchen Leserkreis in wie hohen Auflagen sich als Verlag leisten kann.
Wirtschaftlichkeit spielt im Gegensatz zu unseren staatlich subventionierten Eigenbetrieben als Aktiengesellschaft getarnt,
beim Überleben schon die Hauptrolle.

Schwabe, 10.11.2016 13:01
Danke für den (grundsätzlich) guten Kommentar - da schließe ich mich dem Vorkommentator Fritz an!

Aus dem Artikel m.E. jedoch eine leichte - aus meiner Sicht verständliche - Verzweiflung herauszulesen,
Doch in Deutschland ist die Pressefreiheit nicht der einzigste Pfeiler einer Demokratie der - mit Billigung der etablierten Politik - unter die Räder kommt. Erinnert sei hier nur an die Privatisierung der Daseinsvorsorge (Volksvermögen einer starken, lebenswerten und demokratischen Gesellschaft) und die über die Medien lancierte Hetze gegenüber Gewerkschaften die ihren Job gut machen (Stichwort Union-Bashing).
Deshalb möchte ich den Auszug aus obigem Artikel "Es ist höchste Zeit, dass die RedakteurInnen, die Gewerkschaften und die Parteien beginnen, eine Lobby für den Journalismus zu bilden. Denn eines ist sicher: Pressefreiheit ist Tengelmann hoch zwei!" hinzufügen, dass z.B. auch die Daseinsvorsorge (Gesundheits-, Energieversorgung, Bildung, öffentlicher Personen Nah- und Fernverkehr, Wohnen, etc.) einer Lobby bedarf um die Demokratie zu retten. Denn hier herrscht die selbe Ignoranz bzw. Einigkeit unter den etablierten Parteien.

Manthey bzw. Kontext redet dennoch m.E. um den heißen Brei herum, ohne das Kind wirklich beim Namen zu nennen. Denn der Dreh- und Angelpunkt, für oder gegen die Mehrheitsbevölkerung sprich für oder gegen die Demokratie, liegt in der herrschenden Politik begraben. Und da weigert sich m.E. auch Manthey bzw. Kontext, politische Aufklärung/Bildung zu betreiben und so die verantwortlichen Parteien beim Namen zu nennen, sowie die mittlerweile Einzug gehaltene, parteiübergreifende Einigkeit bürgerlicher Parteien deutlich anzusprechen - Stichwort "marktkonforme Demokratie".
Um diese "marktkonforme Demokratie" (m.E. eine Diktatur des Kapitals) ohne Gewalt anwenden zu müssen zu erreichen, muss der Mediensektor unter Kontrolle gebracht werden, um so die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Fritz, 09.11.2016 11:10
Danke für den guten Kommentar!

Aber die Presselandschaft in der Region war in den letzten Jahrzehnten sowieso schon weitestgehend "einheitlich" (schwarz).

Eine SZ, die (zumindest früher gelegentlich mal) duch kluge Kommentare auffällt, hat es bei uns sowieso nie gegeben. Koi oiga's G'wächs.

Insofern ist die "Bereinigung", dass die ganzen kleinbürgerlichen Blätter jetzt einem grossen Meinungsmacher gehören, eher nur der Abschluss dieser Entwicklung.

Die Printmedien hatten sich dank ihrer Muffigkeit und politischen Einseitigkeit - im Sinne der "Eigentümerausrichtung" - sowieso gründlich bei der jüngeren Generation erledigt. Den "alten Scheiss" der Eltern- und Grosselterngeneration wollen die nicht mehr lesen.

Die Alternativen lassen sich problemlos im Netz finden - so z.B. der Kontext.


Insofern ist es dann auch kein Wunder, wenn die Blogosphäre bei jeder Gelegenheit in den "etablierten" Medien verteufelt wird.

"Ungefilterte Berichterstattung" und "subjektive Meinungsmache" sind dabei noch die harmlosesten Schlagworte. Mit dem Scheinargument der "Plattformen für (politischen) Extremismus" (= alle anderen, unerwünschten Meinungen), der sich ja angeblich "virulent" über solche Medien verbreitet, wird mit Vorliebe dann zur Terrorismuskeule gegriffen. So würde quasi die Jugend "verdorben" werden.

Die eigenen Geschäftsmodelle im Internet wiederum stehen einem Erfolg der "Etablierten" natürlich auch im Weg. Wenn Springer und (leider auch) die SZ den Leuten den Adblocker (bis hin zum Gerichtsentscheid) verbieten wollen, dann fördert das sicherlich nicht die Begeisterung. (Insbesondere wenn man weiss, daß nicht die Werbung, sondern vor allem die sog. "Tracker" nicht nur als Belästigung sondern konkrete Gefahr empfunden werden. Und das zu Recht!)

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