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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 219
Medien

Stuttgarter Zeitungsnachrichten

Von Uwe Vorkötter
Datum: 10.06.2015
Zwei Titel, ein Inhalt. Für unseren Autor ist das eine Zeitungsrevolution im Südwesten. Und er muss es wissen. Uwe Vorkötter war lange Jahre Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", die im journalistischen Wettbewerb zu den "Stuttgarter Nachrichten" gestanden hat.

Im Jahr 1972 entwickelte der legendäre Verlagsgeschäftsführer Eugen Kurz das Stuttgarter Modell: Zwei Zeitungen erscheinen unter einem Dach, mit gemeinsamer Anzeigenvermarktung, gemeinsamer Technik, gemeinsamen Verlagsabteilungen - aber redaktionell strikt getrennt.

Damals wurde auf diese Weise die Existenz der "Stuttgarter Nachrichten" gesichert. Seitdem sind die Rollen verteilt: Die "Stuttgarter Zeitung" bedient als Flaggschiff des Medienhauses das gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt, die "Stuttgarter Nachrichten" liefern den Mantel für eine Vielzahl lokaler Blätter im Württembergischen und attackieren zugleich mit einiger Lust den Platzhirsch auf dem lokalen Feld. Gut vierzig Jahre später schleift Richard Rebmann, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einen der Grundpfeiler dieses Modells, die redaktionelle Eigenständigkeit. "Der neue Stuttgarter Weg", wie Rebmann sein Programm nennt, ersetzt das alte Stuttgarter Modell.

Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz.
Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Eckpunkte der neuen Struktur: Eine "flexible Gemeinschaftsredaktion", die aus neun Ressorts besteht, liefert künftig die Inhalte für beide Zeitungen und produziert die Seiten in einem gemeinsamen Newsroom. Getrennt bleiben allein die Chefredaktionen, kleine Teams für die Titelseiten, Artdirektionen sowie insgesamt zwölf exklusive Autoren, die die inhaltliche Profilierung beider Blätter gewährleisten sollen. Neu gegründet wird das Ressort "Multimediale Reportage", in dem Reporter gemeinsam mit Videoredakteuren und Webdesignern Inhalte für die digitalen Kanäle erstellen.

Die Chefredakteure machen mit - ohne Begeisterung

Die Chefredakteure beider Titel haben das Fusionsprogramm maßgeblich mitentwickelt, wenn auch nicht aus Begeisterung. Sie sehen allerdings, dass auch in der wirtschaftsstarken Stadt Stuttgart Anzeigengeschäft und Auflagen bröckeln. Die Gesamtauflage von 470 000 Exemplaren, die in der aktuellen SWMH-Pressemitteilung stolz präsentiert wird, steht ohnehin nur auf dem Papier. Darin enthalten sind die Auflagen der Partnerzeitungen, die aus Stuttgart den Mantel beziehen, aber ansonsten eigenständig arbeiten, vor allem in der lokalen Vermarktung. Für die beiden Stuttgarter Blätter weist die ivw-Statistik im ersten Quartal 2015 zusammen 155 000 Abos aus - vor zwei Jahrzehnten lag die "Stuttgarter Zeitung" allein in dieser Größenordnung.

Als Schwachpunkt der derzeitigen Struktur haben Geschäftsführer und Chefredakteure die Tatsache ausgemacht, dass die Redaktionen nach wie vor stark auf die Printausgaben konzentriert sind. Die Digitalisierung der Mediennutzung ist denn auch ein zentrales Argument für den neuen Weg: Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", gibt als Ziel vor, "die Informationsbedürfnisse unserer Leser künftig besser von morgens früh bis in den späten Abend auf unterschiedlichen Kanälen zu befriedigen". Und sein Kollege von den "Nachrichten", Christoph Reisinger, will Kräfte freisetzen, "die wir in die quantitative und qualitative Ausweitung des Digitalangebots investieren können".

Investieren will SWMH-Chef Rebmann in der Tat auch: Zehn bis fünfzehn Stellen für "neue Aktivitäten und die Sicherung der Qualität" sollen neu geschaffen werden. Im Vordergrund steht allerdings das Sparen: 30 bis 35 Stellen fallen in den Redaktionen weg. Das finanzielle Ziel dürfte sich folglich auf eine Kostensenkung in der Redaktion von etwa zwei Millionen Euro belaufen. Diese Vorgabe ist nicht eben rabiat, die neue Gemeinschaftsredaktion soll immerhin 240 Vollzeitstellen umfassen. Auch bei der Umsetzung will man offenbar gemäßigt vorgehen: Der Personalabbau soll über freiwillige Abfindungsangebote, nicht über betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Und die Gelegenheit, mit der Gründung der Gemeinschaftsredaktion den Tarifvertrag zu verlassen, bleibt ungenutzt - betriebswirtschaftlich eine teure Entscheidung, die Rebmann als Vizepräsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV politisch allerdings kaum anders treffen konnte.

Die Stuttgarter Revolution wirkt im bundesweiten Vergleich nicht einmal besonders revolutionär. Bei DuMont Schauberg arbeitet die DuMont Redaktionsgemeinschaft seit Jahren aus einer Hand für die Abotitel "Berliner Zeitung", "Kölner Stadtanzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung". Nach wie vor ist auch die "Frankfurter Rundschau" an den Verbund angegliedert. Madsack hat im vergangenen Jahr das Redaktionsnetzwerk Deutschland gegründet, eine Gemeinschaftsredaktion, die von Hannover aus fast zwanzig Titel aus einer Hand beliefert und deren Mantelseiten produziert. Bei Funke in Essen wird mit Hochdruck an der gemeinsamen Mantelredaktion für die Titel der Gruppe (unter anderem "WAZ", "NRZ", "Berliner Morgenpost", "Hamburger Abendblatt") gearbeitet. Nun eben auch Stuttgart?

Die "Nachrichten" werden zur Light-Version der "Zeitung"

Tatsache ist, dass sich auch in Stuttgart seit den Zeiten des Eugen Kurz vieles geändert hat. "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" haben bereits seit 1979 mit "Sonntag Aktuell" eine gemeinsame siebte Ausgabe für die Abonnenten (die allerdings gerade zur Disposition steht), Beilagen werden gemeinsam produziert, die "Nachrichten" können auf regionale Inhalte der "Zeitung" zugreifen, die Onlineangebote beider Titel enthalten bereits weitgehend identische Inhalte.

Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.
Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.

Und dennoch ist die Fusion der beiden Redaktionen ein Bruch, in dem ein Stück Zeitungsgeschichte und -kultur untergehen: Wenn die beiden Abotitel der Schwabenmetropole künftig unter verschiedenen Markennamen, aber ganz überwiegend mit denselben Nachrichten, Reportagen und Kommentaren erscheinen, werden die "Stuttgarter Nachrichten" praktisch zur Light-Version der StZ: etwas dünner, täglich vier Seiten weniger Inhalt, dafür drei Euro billiger im Monat. Ein Stuttgarter Weg, der sehr dem Aachener Modell ähnelt. "Aachener Zeitung" und "Aachener Nachrichten" erscheinen seit 2003 ebenfalls unter verschiedenen Titeln mit gleichem Inhalt, allerdings unter einheitlicher Chefredaktion.

Im zweiten Quartal 2016 soll die neue Gemeinschaftsredaktion arbeiten, bis dahin stehen dem Stuttgarter Konzern wohl noch einige Turbulenzen ins Haus. Gewerkschaften und Betriebsräte werden die Opposition gegen Rebmanns Programm formieren; in den beiden Redaktionen sind sie traditionell stark verankert. Aufatmen werden dagegen ihre Kollegen in München: Für die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" ist der Stuttgarter Weg die Garantie, auf absehbare Zeit nicht in die Synergieprozesse der SWMH-Gruppe einbezogen zu werden. Denn das wäre die strategische Alternative gewesen: die SZ und die "Stuttgarter Zeitung" redaktionell eng miteinander zu verknüpfen. In München allerdings hat Chefredakteur Kurt Kister aus seiner Abneigung gegen jeglichen Synergieprozess keinen Hehl gemacht. Die Marke "Süddeutsche Zeitung", so wurde es schließlich beschlossen, bleibt ganz und gar eigenständig. Das wird die Stimmung bei den Schwaben nicht aufhellen. Sie sind seit dem Einstieg bei der SZ im Jahr 2007 ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass die "Stuttgarter Zeitung" das Geld verdient, mit dem der Kauf der "Süddeutschen" finanziert wird. Und das ist keineswegs eine abwegige Sichtweise.

 

Uwe Vorkötter war Chefredakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" (1996 - 2001), bei der "Berliner Zeitung" (2002 - 2006), bei der "Frankfurter Rundschau" (2006 - 2009) und danach für BZ und FR bis 2012. Er ist heute in gleicher Funktion bei dem Mediendienst "Horizont" tätig, dessen Onlineausgabe obiger Text entstammt - mit freundlicher Anteilnahme vom Autor zur Verfügung gestellt.


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Kommentare

Markus Fehring, 19.06.2015 20:34
@invinoveritas:
Ein kurzer Blick ins Impressum würde genügen, um zu sehen, dass der Mantel der NWZ nicht von den Stuttgarter Nachrichten geliefert wird (wurde er auch noch nie), sondern von der Ulmer Südwestpresse. So wie seit Anfang der 70er. Da wurde nämlich tatsächlich der Göppinger Mantel dichtgemacht, um die Stuttgarter Nachrichten zu retten: Die bekamen all jene Blätter als Kunden, die seither von Göppingen beliefert wurden. So wurden die StN wieder profitabel. Der NWZ-Mantel wurde geopfert.
Und noch ein Irrtum: Der Lokalteil "gehört" sehr wohl der Südwestpresse, die Lokalredaktion ist nicht selbstständig, sondern nur eine Ulmer Außenredaktion und dem Chefredakteur an der Donau unterstellt, der Göppinger Lokalchef ist einfacher Abteilungsleiter (Ressortleiter).
Allerdings wurde die NWZ nicht einfach von der SWP geschluckt, sondern die seinerzeit gegründete oder vielleicht auch nur neu formierte Neue Pressegesellschaft ist ein kompliziertes Geflecht (wiederum beteiligt an der SWMH), so liegen die Namensrechte am Titel der SWP meines Wissens noch immer beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen - wodurch dieses Blatt im Verbund ziemlich viel Macht hat. Aber einen eigenen Verlag gibt es in Göppingen schon lange nicht mehr, der einzige Geschäftsführer sitzt in Ulm, alle anderen "Chefs" sind mittleres und unteres Führungspersonal.

Michael F.,+13.06.2015, 18.06.2015 19:48
Zu invinoveritas

Ach, wer ist denn der Ahnungslose?
Zur Wahrheit: Eine wirtschaftlich gesunde Zeitung wurde seinerzeit abgewickelt. Der Mantel der NWZ war sehr gut! Er brauchte den Vergleich zu anderen regionalen Blätter nicht zu scheuen. Und übrigens: die "Illustrierte Wochenzeitung" (IWZ) war ein Produkt eben dieser Mantelredakteure.
Die in Göppingen bestehende NWZ-Lokalredaktion ist eine 100prozentige Tochter der Neuen Mediengesellschaft. Diese gehört der Südwestpresse. Nach anfänglicher Eigenständigkeit wurde die NWZ Anfang der 1990erJahre auf den Ulmer SWP-Kurs getrimmt...
Eine Tatsache, die nichts mit "Inkompetenz" o. ä. zu tun hat. Auch wenn es der Verfasser gerne so hätte. Die Berichte und Kommentare aus Göppingen waren eigenständig und sehr geistreich. Und nicht eine Zusammenschau von dpa-Meldungen und -Kommentaren. Schade, dass manche auch das heute nicht mehr wahrhaben wollen.
Weil sie es nicht wissen? Oder, schlimmer noch, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen?
Nicht nur in der Redaktion sondern auch in der Leserschaft gab es seinerzeit dem Vernehmen nach einen Aufschrei über den Verlust des guten, fundierten Göppinger Mantels.
"Die Weisheit liegt in der Wahrheit!"

invinoveritas, 14.06.2015 11:17
@ Michael F.


Die zentimeterweise sterbende Freiheit wankt noch schneller ihrer letzten Ruhestätte entgegen, wenn ihre vermeintlichen Verteidiger von so grässlicher Ahnungslosigkeit geschlagen sind.

Die Stuttgarter Nachrichten brauchten 1974 weder Mantel noch frisches Blut, sondern liefern seither das Überregionale nach Göppingen, wie schon zuvor und danach an etliche andere kleinere Lokalzeitungen in der Region, die unmöglich einen halbwegs qualifizierten Mantel aus eigener Kraft zustande bringen können und konnten.

Grundsätzlich ist es ein - wiederum auf Inkompetenz zurückgehendes - Missverständnis, solche Mantellieferungen automatisch abzulehnen. Stattdessen muss abgewogen werden: Meinungsvielfalt versus Qualität. Wenn eine winzige Vollredaktion noch gerade so eben einen Mantel stemmt, d.h. überwiegend nur auf dpa-Texte angewiesen ist, trägt das schwerlich zur Meinungsvielfalt bei - was die Leserschaft bemerkt und dann gern abschätzig von ihrem "Käseblatt" spricht. Demgegenüber kann der Mantel von einer halbwegs ordentlich besetzten Vollredaktion, zumal aufgrund des eigenen Korrespondentennetzes im In- und Ausland, einen so beträchtlichen Zugewinn an Qualität und Substanz darstellen, dass die erwähnte Abwägung zugunsten derartiger Kooperationen ausfallen kann.

Und den Lokalteil bekam damals auch nicht die Südwestpresse in Ulm. Sondern der wird nach wie vor in Göppingen produziert, vom nach wie vor bestehenden Verlag der NWZ.

Michael F., 13.06.2015, 13.06.2015 22:41
"Freiheit stirbt zentimeterweise"

Rückblick: Anfang der 1970er Jahre wurde die Vollredaktion der "Neuen Württembergischen Zeitung" Göppingen, abgewickelt. Die "Stuttgarter Nachrichten" als zweite Hauptstadtzeitung brauchten einen Mantel und "frisches Blut". Den Lokalteil "bekam" die Ulmer "Südwestpresse".

Davon spricht heute keiner mehr.

Karl Haessner, 12.06.2015 18:06
Das ist doch alles Pipifax. Die SWMH, die Südwestdeutsche Medienholding, beherrscht von weniger als einer Handvoll Personen, insbesondere von Richard Rebmann, beherrscht doch eh die Gesamtrichtung von Süddeutscher Zeitung, "Freier" Presse, "Freies" Wort, Frankenpost, Neue Presse (Coburg), Südthüringer Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Schwarzwälder Bote, Sonntag Aktuell, Bayerische Staatszeitung, Werben & Verkaufen u.a. Völlig egal, welche der Zeitungen der Leser nimmt: Er erfährt sowieso keine neutrale Information. Und das gilt für die gesamte deutsche Mainstreampresse. Ich lese die STZ vor allem nur wegen des Sport- und des Regionalteils.

Wolfgang Schleiermacher, 10.06.2015 19:00
'Tschuldigung aber dieser Kalauer muss einfach raus:
Wie wäre es mit einem neuen Mischnamen für die Mischung aus Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten:
"Stuttgarter Umnachtung"

Petzi, 10.06.2015 15:21
Ich hoffe nur, dass das journalistische Niveau der Stuttgarter Zeitung nicht sinkt (jetzt ganz unabhängig von der politischen Ausrichtung). Die Stuttgarter Nachrichten lese ich nicht, aufgrund ihres starken Boulevard-Charakters mit wenig Tiefgang. Fällt mir die StN mal in die Hand, ist die Zeitung ruckzuck durchgeblättert. Hier vermisse ich v.a. anspruchsvolle Hintergrundartikel.

Eigentlich lese ich ja am liebsten die Süddeutsche Zeitung, doch es fehlen hier eben die ausführlichen Beiträge zur Landespolitik BaWü und der Lokalteil Stuttgart. Das ist für mich in Prinzip der einzige Grund, über 30 Jahre Abonnentin der StZ zu sein.

Tillupp, 10.06.2015 08:48
Zusammenlegung ist immer ein Verlust für den Kunden. In Mannheim gibt es beispielsweise seit Jahrzehnten auch nur eine Regionalzeitung, die aber eine so unerträglich schlechte (mehrfach vom Presserat kritisierte) Lokalredaktion hat, dass wir den Mannheimer Morgen inzwischen abbestellt haben. Statt dessen halte ich mich mit dem Rhein-Neckar-Block (http://www.rheinneckarblog.de/ ) und Kontext auf dem Laufenden. Ich lese also weiter, aber eben woanders. So sollten es die Stuttgarter auch machen. Unabhängigen Journalismus fördern.
Die größere Medienrevolution fand im Südwesten aber schon 1998 statt als SWF und SDR https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCddeutscher_Rundfunk zusammengelegt wurden. Der Kunde wurde nach dem Friss-oder-Stirb Prinzip genötigt und das Kartellamt hat alles abgenickt.

Peter S., 10.06.2015 01:44
Kann Zaininger nur zustimmen.
Gehöre übrigens in der Zwischenzeit (hatten StZ seit Kindertagen im Haushalt) zum "gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt".
Der findet sich aber anscheinend immer weniger von der vierten Gewalt ernst genommen.
Seltsam, daß mich sowohl meine ehemalige Partei als auch meine Zeitung verloren hat.
Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Zaininger, 10.06.2015 00:21
Muss ich jetzt ein schlechtes (und einige Journalisten-Stellen auf dem) Gewissen haben, weil ich die Stuttgarter Nachrichten abbestellt habe? Die Kommentare des Chefredakteuers jeden Morgen, und die z.T. schludrige Sprache waren kaum noch zu ertragen und Jo Bauers Stadtschlenderei kein ausreichender Grund für die Fortsetzung eines Dauerabonnements. Wer will sich da noch für Pressevielfalt und den Erhalt beider Titel einsetzen?

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