KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Ausgabe 219
Medien

Stuttgarter Zeitungsnachrichten

Von Uwe Vorkötter
Datum: 10.06.2015
Zwei Titel, ein Inhalt. Für unseren Autor ist das eine Zeitungsrevolution im Südwesten. Und er muss es wissen. Uwe Vorkötter war lange Jahre Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", die im journalistischen Wettbewerb zu den "Stuttgarter Nachrichten" gestanden hat.

Im Jahr 1972 entwickelte der legendäre Verlagsgeschäftsführer Eugen Kurz das Stuttgarter Modell: Zwei Zeitungen erscheinen unter einem Dach, mit gemeinsamer Anzeigenvermarktung, gemeinsamer Technik, gemeinsamen Verlagsabteilungen - aber redaktionell strikt getrennt.

Damals wurde auf diese Weise die Existenz der "Stuttgarter Nachrichten" gesichert. Seitdem sind die Rollen verteilt: Die "Stuttgarter Zeitung" bedient als Flaggschiff des Medienhauses das gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt, die "Stuttgarter Nachrichten" liefern den Mantel für eine Vielzahl lokaler Blätter im Württembergischen und attackieren zugleich mit einiger Lust den Platzhirsch auf dem lokalen Feld. Gut vierzig Jahre später schleift Richard Rebmann, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einen der Grundpfeiler dieses Modells, die redaktionelle Eigenständigkeit. "Der neue Stuttgarter Weg", wie Rebmann sein Programm nennt, ersetzt das alte Stuttgarter Modell.

Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz.
Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Eckpunkte der neuen Struktur: Eine "flexible Gemeinschaftsredaktion", die aus neun Ressorts besteht, liefert künftig die Inhalte für beide Zeitungen und produziert die Seiten in einem gemeinsamen Newsroom. Getrennt bleiben allein die Chefredaktionen, kleine Teams für die Titelseiten, Artdirektionen sowie insgesamt zwölf exklusive Autoren, die die inhaltliche Profilierung beider Blätter gewährleisten sollen. Neu gegründet wird das Ressort "Multimediale Reportage", in dem Reporter gemeinsam mit Videoredakteuren und Webdesignern Inhalte für die digitalen Kanäle erstellen.

Die Chefredakteure machen mit - ohne Begeisterung

Die Chefredakteure beider Titel haben das Fusionsprogramm maßgeblich mitentwickelt, wenn auch nicht aus Begeisterung. Sie sehen allerdings, dass auch in der wirtschaftsstarken Stadt Stuttgart Anzeigengeschäft und Auflagen bröckeln. Die Gesamtauflage von 470 000 Exemplaren, die in der aktuellen SWMH-Pressemitteilung stolz präsentiert wird, steht ohnehin nur auf dem Papier. Darin enthalten sind die Auflagen der Partnerzeitungen, die aus Stuttgart den Mantel beziehen, aber ansonsten eigenständig arbeiten, vor allem in der lokalen Vermarktung. Für die beiden Stuttgarter Blätter weist die ivw-Statistik im ersten Quartal 2015 zusammen 155 000 Abos aus - vor zwei Jahrzehnten lag die "Stuttgarter Zeitung" allein in dieser Größenordnung.

Als Schwachpunkt der derzeitigen Struktur haben Geschäftsführer und Chefredakteure die Tatsache ausgemacht, dass die Redaktionen nach wie vor stark auf die Printausgaben konzentriert sind. Die Digitalisierung der Mediennutzung ist denn auch ein zentrales Argument für den neuen Weg: Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", gibt als Ziel vor, "die Informationsbedürfnisse unserer Leser künftig besser von morgens früh bis in den späten Abend auf unterschiedlichen Kanälen zu befriedigen". Und sein Kollege von den "Nachrichten", Christoph Reisinger, will Kräfte freisetzen, "die wir in die quantitative und qualitative Ausweitung des Digitalangebots investieren können".

Investieren will SWMH-Chef Rebmann in der Tat auch: Zehn bis fünfzehn Stellen für "neue Aktivitäten und die Sicherung der Qualität" sollen neu geschaffen werden. Im Vordergrund steht allerdings das Sparen: 30 bis 35 Stellen fallen in den Redaktionen weg. Das finanzielle Ziel dürfte sich folglich auf eine Kostensenkung in der Redaktion von etwa zwei Millionen Euro belaufen. Diese Vorgabe ist nicht eben rabiat, die neue Gemeinschaftsredaktion soll immerhin 240 Vollzeitstellen umfassen. Auch bei der Umsetzung will man offenbar gemäßigt vorgehen: Der Personalabbau soll über freiwillige Abfindungsangebote, nicht über betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Und die Gelegenheit, mit der Gründung der Gemeinschaftsredaktion den Tarifvertrag zu verlassen, bleibt ungenutzt - betriebswirtschaftlich eine teure Entscheidung, die Rebmann als Vizepräsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV politisch allerdings kaum anders treffen konnte.

Die Stuttgarter Revolution wirkt im bundesweiten Vergleich nicht einmal besonders revolutionär. Bei DuMont Schauberg arbeitet die DuMont Redaktionsgemeinschaft seit Jahren aus einer Hand für die Abotitel "Berliner Zeitung", "Kölner Stadtanzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung". Nach wie vor ist auch die "Frankfurter Rundschau" an den Verbund angegliedert. Madsack hat im vergangenen Jahr das Redaktionsnetzwerk Deutschland gegründet, eine Gemeinschaftsredaktion, die von Hannover aus fast zwanzig Titel aus einer Hand beliefert und deren Mantelseiten produziert. Bei Funke in Essen wird mit Hochdruck an der gemeinsamen Mantelredaktion für die Titel der Gruppe (unter anderem "WAZ", "NRZ", "Berliner Morgenpost", "Hamburger Abendblatt") gearbeitet. Nun eben auch Stuttgart?

Die "Nachrichten" werden zur Light-Version der "Zeitung"

Tatsache ist, dass sich auch in Stuttgart seit den Zeiten des Eugen Kurz vieles geändert hat. "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" haben bereits seit 1979 mit "Sonntag Aktuell" eine gemeinsame siebte Ausgabe für die Abonnenten (die allerdings gerade zur Disposition steht), Beilagen werden gemeinsam produziert, die "Nachrichten" können auf regionale Inhalte der "Zeitung" zugreifen, die Onlineangebote beider Titel enthalten bereits weitgehend identische Inhalte.

Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.
Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.

Und dennoch ist die Fusion der beiden Redaktionen ein Bruch, in dem ein Stück Zeitungsgeschichte und -kultur untergehen: Wenn die beiden Abotitel der Schwabenmetropole künftig unter verschiedenen Markennamen, aber ganz überwiegend mit denselben Nachrichten, Reportagen und Kommentaren erscheinen, werden die "Stuttgarter Nachrichten" praktisch zur Light-Version der StZ: etwas dünner, täglich vier Seiten weniger Inhalt, dafür drei Euro billiger im Monat. Ein Stuttgarter Weg, der sehr dem Aachener Modell ähnelt. "Aachener Zeitung" und "Aachener Nachrichten" erscheinen seit 2003 ebenfalls unter verschiedenen Titeln mit gleichem Inhalt, allerdings unter einheitlicher Chefredaktion.

Im zweiten Quartal 2016 soll die neue Gemeinschaftsredaktion arbeiten, bis dahin stehen dem Stuttgarter Konzern wohl noch einige Turbulenzen ins Haus. Gewerkschaften und Betriebsräte werden die Opposition gegen Rebmanns Programm formieren; in den beiden Redaktionen sind sie traditionell stark verankert. Aufatmen werden dagegen ihre Kollegen in München: Für die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" ist der Stuttgarter Weg die Garantie, auf absehbare Zeit nicht in die Synergieprozesse der SWMH-Gruppe einbezogen zu werden. Denn das wäre die strategische Alternative gewesen: die SZ und die "Stuttgarter Zeitung" redaktionell eng miteinander zu verknüpfen. In München allerdings hat Chefredakteur Kurt Kister aus seiner Abneigung gegen jeglichen Synergieprozess keinen Hehl gemacht. Die Marke "Süddeutsche Zeitung", so wurde es schließlich beschlossen, bleibt ganz und gar eigenständig. Das wird die Stimmung bei den Schwaben nicht aufhellen. Sie sind seit dem Einstieg bei der SZ im Jahr 2007 ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass die "Stuttgarter Zeitung" das Geld verdient, mit dem der Kauf der "Süddeutschen" finanziert wird. Und das ist keineswegs eine abwegige Sichtweise.

 

Uwe Vorkötter war Chefredakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" (1996 - 2001), bei der "Berliner Zeitung" (2002 - 2006), bei der "Frankfurter Rundschau" (2006 - 2009) und danach für BZ und FR bis 2012. Er ist heute in gleicher Funktion bei dem Mediendienst "Horizont" tätig, dessen Onlineausgabe obiger Text entstammt - mit freundlicher Anteilnahme vom Autor zur Verfügung gestellt.


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Kommentare

Markus Fehring, 19.06.2015 20:34
@invinoveritas:
Ein kurzer Blick ins Impressum würde genügen, um zu sehen, dass der Mantel der NWZ nicht von den Stuttgarter Nachrichten geliefert wird (wurde er auch noch nie), sondern von der Ulmer Südwestpresse. So wie seit Anfang der 70er. Da wurde nämlich tatsächlich der Göppinger Mantel dichtgemacht, um die Stuttgarter Nachrichten zu retten: Die bekamen all jene Blätter als Kunden, die seither von Göppingen beliefert wurden. So wurden die StN wieder profitabel. Der NWZ-Mantel wurde geopfert.
Und noch ein Irrtum: Der Lokalteil "gehört" sehr wohl der Südwestpresse, die Lokalredaktion ist nicht selbstständig, sondern nur eine Ulmer Außenredaktion und dem Chefredakteur an der Donau unterstellt, der Göppinger Lokalchef ist einfacher Abteilungsleiter (Ressortleiter).
Allerdings wurde die NWZ nicht einfach von der SWP geschluckt, sondern die seinerzeit gegründete oder vielleicht auch nur neu formierte Neue Pressegesellschaft ist ein kompliziertes Geflecht (wiederum beteiligt an der SWMH), so liegen die Namensrechte am Titel der SWP meines Wissens noch immer beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen - wodurch dieses Blatt im Verbund ziemlich viel Macht hat. Aber einen eigenen Verlag gibt es in Göppingen schon lange nicht mehr, der einzige Geschäftsführer sitzt in Ulm, alle anderen "Chefs" sind mittleres und unteres Führungspersonal.

Michael F.,+13.06.2015, 18.06.2015 19:48
Zu invinoveritas

Ach, wer ist denn der Ahnungslose?
Zur Wahrheit: Eine wirtschaftlich gesunde Zeitung wurde seinerzeit abgewickelt. Der Mantel der NWZ war sehr gut! Er brauchte den Vergleich zu anderen regionalen Blätter nicht zu scheuen. Und übrigens: die "Illustrierte Wochenzeitung" (IWZ) war ein Produkt eben dieser Mantelredakteure.
Die in Göppingen bestehende NWZ-Lokalredaktion ist eine 100prozentige Tochter der Neuen Mediengesellschaft. Diese gehört der Südwestpresse. Nach anfänglicher Eigenständigkeit wurde die NWZ Anfang der 1990erJahre auf den Ulmer SWP-Kurs getrimmt...
Eine Tatsache, die nichts mit "Inkompetenz" o. ä. zu tun hat. Auch wenn es der Verfasser gerne so hätte. Die Berichte und Kommentare aus Göppingen waren eigenständig und sehr geistreich. Und nicht eine Zusammenschau von dpa-Meldungen und -Kommentaren. Schade, dass manche auch das heute nicht mehr wahrhaben wollen.
Weil sie es nicht wissen? Oder, schlimmer noch, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen?
Nicht nur in der Redaktion sondern auch in der Leserschaft gab es seinerzeit dem Vernehmen nach einen Aufschrei über den Verlust des guten, fundierten Göppinger Mantels.
"Die Weisheit liegt in der Wahrheit!"

invinoveritas, 14.06.2015 11:17
@ Michael F.


Die zentimeterweise sterbende Freiheit wankt noch schneller ihrer letzten Ruhestätte entgegen, wenn ihre vermeintlichen Verteidiger von so grässlicher Ahnungslosigkeit geschlagen sind.

Die Stuttgarter Nachrichten brauchten 1974 weder Mantel noch frisches Blut, sondern liefern seither das Überregionale nach Göppingen, wie schon zuvor und danach an etliche andere kleinere Lokalzeitungen in der Region, die unmöglich einen halbwegs qualifizierten Mantel aus eigener Kraft zustande bringen können und konnten.

Grundsätzlich ist es ein - wiederum auf Inkompetenz zurückgehendes - Missverständnis, solche Mantellieferungen automatisch abzulehnen. Stattdessen muss abgewogen werden: Meinungsvielfalt versus Qualität. Wenn eine winzige Vollredaktion noch gerade so eben einen Mantel stemmt, d.h. überwiegend nur auf dpa-Texte angewiesen ist, trägt das schwerlich zur Meinungsvielfalt bei - was die Leserschaft bemerkt und dann gern abschätzig von ihrem "Käseblatt" spricht. Demgegenüber kann der Mantel von einer halbwegs ordentlich besetzten Vollredaktion, zumal aufgrund des eigenen Korrespondentennetzes im In- und Ausland, einen so beträchtlichen Zugewinn an Qualität und Substanz darstellen, dass die erwähnte Abwägung zugunsten derartiger Kooperationen ausfallen kann.

Und den Lokalteil bekam damals auch nicht die Südwestpresse in Ulm. Sondern der wird nach wie vor in Göppingen produziert, vom nach wie vor bestehenden Verlag der NWZ.

Michael F., 13.06.2015, 13.06.2015 22:41
"Freiheit stirbt zentimeterweise"

Rückblick: Anfang der 1970er Jahre wurde die Vollredaktion der "Neuen Württembergischen Zeitung" Göppingen, abgewickelt. Die "Stuttgarter Nachrichten" als zweite Hauptstadtzeitung brauchten einen Mantel und "frisches Blut". Den Lokalteil "bekam" die Ulmer "Südwestpresse".

Davon spricht heute keiner mehr.

Karl Haessner, 12.06.2015 18:06
Das ist doch alles Pipifax. Die SWMH, die Südwestdeutsche Medienholding, beherrscht von weniger als einer Handvoll Personen, insbesondere von Richard Rebmann, beherrscht doch eh die Gesamtrichtung von Süddeutscher Zeitung, "Freier" Presse, "Freies" Wort, Frankenpost, Neue Presse (Coburg), Südthüringer Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Schwarzwälder Bote, Sonntag Aktuell, Bayerische Staatszeitung, Werben & Verkaufen u.a. Völlig egal, welche der Zeitungen der Leser nimmt: Er erfährt sowieso keine neutrale Information. Und das gilt für die gesamte deutsche Mainstreampresse. Ich lese die STZ vor allem nur wegen des Sport- und des Regionalteils.

Wolfgang Schleiermacher, 10.06.2015 19:00
'Tschuldigung aber dieser Kalauer muss einfach raus:
Wie wäre es mit einem neuen Mischnamen für die Mischung aus Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten:
"Stuttgarter Umnachtung"

Petzi, 10.06.2015 15:21
Ich hoffe nur, dass das journalistische Niveau der Stuttgarter Zeitung nicht sinkt (jetzt ganz unabhängig von der politischen Ausrichtung). Die Stuttgarter Nachrichten lese ich nicht, aufgrund ihres starken Boulevard-Charakters mit wenig Tiefgang. Fällt mir die StN mal in die Hand, ist die Zeitung ruckzuck durchgeblättert. Hier vermisse ich v.a. anspruchsvolle Hintergrundartikel.

Eigentlich lese ich ja am liebsten die Süddeutsche Zeitung, doch es fehlen hier eben die ausführlichen Beiträge zur Landespolitik BaWü und der Lokalteil Stuttgart. Das ist für mich in Prinzip der einzige Grund, über 30 Jahre Abonnentin der StZ zu sein.

Tillupp, 10.06.2015 08:48
Zusammenlegung ist immer ein Verlust für den Kunden. In Mannheim gibt es beispielsweise seit Jahrzehnten auch nur eine Regionalzeitung, die aber eine so unerträglich schlechte (mehrfach vom Presserat kritisierte) Lokalredaktion hat, dass wir den Mannheimer Morgen inzwischen abbestellt haben. Statt dessen halte ich mich mit dem Rhein-Neckar-Block (http://www.rheinneckarblog.de/ ) und Kontext auf dem Laufenden. Ich lese also weiter, aber eben woanders. So sollten es die Stuttgarter auch machen. Unabhängigen Journalismus fördern.
Die größere Medienrevolution fand im Südwesten aber schon 1998 statt als SWF und SDR https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCddeutscher_Rundfunk zusammengelegt wurden. Der Kunde wurde nach dem Friss-oder-Stirb Prinzip genötigt und das Kartellamt hat alles abgenickt.

Peter S., 10.06.2015 01:44
Kann Zaininger nur zustimmen.
Gehöre übrigens in der Zwischenzeit (hatten StZ seit Kindertagen im Haushalt) zum "gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt".
Der findet sich aber anscheinend immer weniger von der vierten Gewalt ernst genommen.
Seltsam, daß mich sowohl meine ehemalige Partei als auch meine Zeitung verloren hat.
Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Zaininger, 10.06.2015 00:21
Muss ich jetzt ein schlechtes (und einige Journalisten-Stellen auf dem) Gewissen haben, weil ich die Stuttgarter Nachrichten abbestellt habe? Die Kommentare des Chefredakteuers jeden Morgen, und die z.T. schludrige Sprache waren kaum noch zu ertragen und Jo Bauers Stadtschlenderei kein ausreichender Grund für die Fortsetzung eines Dauerabonnements. Wer will sich da noch für Pressevielfalt und den Erhalt beider Titel einsetzen?

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