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Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


Kretschmann gewählt – CDU wieder staatstragend

Mit 82 von 142 Stimmen – bei einer Krankmeldung – ist Winfried Kretschmann zum zehnten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Seine neue grün-schwarze Koalition wäre rein rechnerisch auf 88 Stimmen gekommen. Für einen Moment war es auch mucksmäuschenstill im Plenarsaal, bevor sich die Abgeordneten zum Applaus erhoben. Wie schon am Vortag nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin verweigerten die Abgeordneten der AfD diese Ehrbezeugung. Zuvor hatte Kretschmann die CDU-Fraktion besucht, mit der sich Parteichef Thomas Strobl erst am Morgen ausgesöhnt hatte. Eine Probeabstimmung am Dienstag war schiefgegangen. Einzelne CDU-Abgeordnete blieben auch am Donnerstag bei ihrer ablehnenden Haltung. Es wurde dementsprechend gemutmaßt, dass die fehlenden sechs Stimmen aus der Union kommen. Sichtlich gerührt nahm Aras ihrem Parteifreund den Amtseid ab. Danach gab’s einen weißen Blumenstrauß für den grünen Regierungschef. (12.5.2016)


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Ausgabe 219
Medien

Stuttgarter Zeitungsnachrichten

Von Uwe Vorkötter
Datum: 10.06.2015
Zwei Titel, ein Inhalt. Für unseren Autor ist das eine Zeitungsrevolution im Südwesten. Und er muss es wissen. Uwe Vorkötter war lange Jahre Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", die im journalistischen Wettbewerb zu den "Stuttgarter Nachrichten" gestanden hat.

Im Jahr 1972 entwickelte der legendäre Verlagsgeschäftsführer Eugen Kurz das Stuttgarter Modell: Zwei Zeitungen erscheinen unter einem Dach, mit gemeinsamer Anzeigenvermarktung, gemeinsamer Technik, gemeinsamen Verlagsabteilungen - aber redaktionell strikt getrennt.

Damals wurde auf diese Weise die Existenz der "Stuttgarter Nachrichten" gesichert. Seitdem sind die Rollen verteilt: Die "Stuttgarter Zeitung" bedient als Flaggschiff des Medienhauses das gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt, die "Stuttgarter Nachrichten" liefern den Mantel für eine Vielzahl lokaler Blätter im Württembergischen und attackieren zugleich mit einiger Lust den Platzhirsch auf dem lokalen Feld. Gut vierzig Jahre später schleift Richard Rebmann, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einen der Grundpfeiler dieses Modells, die redaktionelle Eigenständigkeit. "Der neue Stuttgarter Weg", wie Rebmann sein Programm nennt, ersetzt das alte Stuttgarter Modell.

Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz.
Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Eckpunkte der neuen Struktur: Eine "flexible Gemeinschaftsredaktion", die aus neun Ressorts besteht, liefert künftig die Inhalte für beide Zeitungen und produziert die Seiten in einem gemeinsamen Newsroom. Getrennt bleiben allein die Chefredaktionen, kleine Teams für die Titelseiten, Artdirektionen sowie insgesamt zwölf exklusive Autoren, die die inhaltliche Profilierung beider Blätter gewährleisten sollen. Neu gegründet wird das Ressort "Multimediale Reportage", in dem Reporter gemeinsam mit Videoredakteuren und Webdesignern Inhalte für die digitalen Kanäle erstellen.

Die Chefredakteure machen mit - ohne Begeisterung

Die Chefredakteure beider Titel haben das Fusionsprogramm maßgeblich mitentwickelt, wenn auch nicht aus Begeisterung. Sie sehen allerdings, dass auch in der wirtschaftsstarken Stadt Stuttgart Anzeigengeschäft und Auflagen bröckeln. Die Gesamtauflage von 470 000 Exemplaren, die in der aktuellen SWMH-Pressemitteilung stolz präsentiert wird, steht ohnehin nur auf dem Papier. Darin enthalten sind die Auflagen der Partnerzeitungen, die aus Stuttgart den Mantel beziehen, aber ansonsten eigenständig arbeiten, vor allem in der lokalen Vermarktung. Für die beiden Stuttgarter Blätter weist die ivw-Statistik im ersten Quartal 2015 zusammen 155 000 Abos aus - vor zwei Jahrzehnten lag die "Stuttgarter Zeitung" allein in dieser Größenordnung.

Als Schwachpunkt der derzeitigen Struktur haben Geschäftsführer und Chefredakteure die Tatsache ausgemacht, dass die Redaktionen nach wie vor stark auf die Printausgaben konzentriert sind. Die Digitalisierung der Mediennutzung ist denn auch ein zentrales Argument für den neuen Weg: Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", gibt als Ziel vor, "die Informationsbedürfnisse unserer Leser künftig besser von morgens früh bis in den späten Abend auf unterschiedlichen Kanälen zu befriedigen". Und sein Kollege von den "Nachrichten", Christoph Reisinger, will Kräfte freisetzen, "die wir in die quantitative und qualitative Ausweitung des Digitalangebots investieren können".

Investieren will SWMH-Chef Rebmann in der Tat auch: Zehn bis fünfzehn Stellen für "neue Aktivitäten und die Sicherung der Qualität" sollen neu geschaffen werden. Im Vordergrund steht allerdings das Sparen: 30 bis 35 Stellen fallen in den Redaktionen weg. Das finanzielle Ziel dürfte sich folglich auf eine Kostensenkung in der Redaktion von etwa zwei Millionen Euro belaufen. Diese Vorgabe ist nicht eben rabiat, die neue Gemeinschaftsredaktion soll immerhin 240 Vollzeitstellen umfassen. Auch bei der Umsetzung will man offenbar gemäßigt vorgehen: Der Personalabbau soll über freiwillige Abfindungsangebote, nicht über betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Und die Gelegenheit, mit der Gründung der Gemeinschaftsredaktion den Tarifvertrag zu verlassen, bleibt ungenutzt - betriebswirtschaftlich eine teure Entscheidung, die Rebmann als Vizepräsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV politisch allerdings kaum anders treffen konnte.

Die Stuttgarter Revolution wirkt im bundesweiten Vergleich nicht einmal besonders revolutionär. Bei DuMont Schauberg arbeitet die DuMont Redaktionsgemeinschaft seit Jahren aus einer Hand für die Abotitel "Berliner Zeitung", "Kölner Stadtanzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung". Nach wie vor ist auch die "Frankfurter Rundschau" an den Verbund angegliedert. Madsack hat im vergangenen Jahr das Redaktionsnetzwerk Deutschland gegründet, eine Gemeinschaftsredaktion, die von Hannover aus fast zwanzig Titel aus einer Hand beliefert und deren Mantelseiten produziert. Bei Funke in Essen wird mit Hochdruck an der gemeinsamen Mantelredaktion für die Titel der Gruppe (unter anderem "WAZ", "NRZ", "Berliner Morgenpost", "Hamburger Abendblatt") gearbeitet. Nun eben auch Stuttgart?

Die "Nachrichten" werden zur Light-Version der "Zeitung"

Tatsache ist, dass sich auch in Stuttgart seit den Zeiten des Eugen Kurz vieles geändert hat. "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" haben bereits seit 1979 mit "Sonntag Aktuell" eine gemeinsame siebte Ausgabe für die Abonnenten (die allerdings gerade zur Disposition steht), Beilagen werden gemeinsam produziert, die "Nachrichten" können auf regionale Inhalte der "Zeitung" zugreifen, die Onlineangebote beider Titel enthalten bereits weitgehend identische Inhalte.

Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.
Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.

Und dennoch ist die Fusion der beiden Redaktionen ein Bruch, in dem ein Stück Zeitungsgeschichte und -kultur untergehen: Wenn die beiden Abotitel der Schwabenmetropole künftig unter verschiedenen Markennamen, aber ganz überwiegend mit denselben Nachrichten, Reportagen und Kommentaren erscheinen, werden die "Stuttgarter Nachrichten" praktisch zur Light-Version der StZ: etwas dünner, täglich vier Seiten weniger Inhalt, dafür drei Euro billiger im Monat. Ein Stuttgarter Weg, der sehr dem Aachener Modell ähnelt. "Aachener Zeitung" und "Aachener Nachrichten" erscheinen seit 2003 ebenfalls unter verschiedenen Titeln mit gleichem Inhalt, allerdings unter einheitlicher Chefredaktion.

Im zweiten Quartal 2016 soll die neue Gemeinschaftsredaktion arbeiten, bis dahin stehen dem Stuttgarter Konzern wohl noch einige Turbulenzen ins Haus. Gewerkschaften und Betriebsräte werden die Opposition gegen Rebmanns Programm formieren; in den beiden Redaktionen sind sie traditionell stark verankert. Aufatmen werden dagegen ihre Kollegen in München: Für die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" ist der Stuttgarter Weg die Garantie, auf absehbare Zeit nicht in die Synergieprozesse der SWMH-Gruppe einbezogen zu werden. Denn das wäre die strategische Alternative gewesen: die SZ und die "Stuttgarter Zeitung" redaktionell eng miteinander zu verknüpfen. In München allerdings hat Chefredakteur Kurt Kister aus seiner Abneigung gegen jeglichen Synergieprozess keinen Hehl gemacht. Die Marke "Süddeutsche Zeitung", so wurde es schließlich beschlossen, bleibt ganz und gar eigenständig. Das wird die Stimmung bei den Schwaben nicht aufhellen. Sie sind seit dem Einstieg bei der SZ im Jahr 2007 ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass die "Stuttgarter Zeitung" das Geld verdient, mit dem der Kauf der "Süddeutschen" finanziert wird. Und das ist keineswegs eine abwegige Sichtweise.

 

Uwe Vorkötter war Chefredakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" (1996 - 2001), bei der "Berliner Zeitung" (2002 - 2006), bei der "Frankfurter Rundschau" (2006 - 2009) und danach für BZ und FR bis 2012. Er ist heute in gleicher Funktion bei dem Mediendienst "Horizont" tätig, dessen Onlineausgabe obiger Text entstammt - mit freundlicher Anteilnahme vom Autor zur Verfügung gestellt.


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Kommentare

Markus Fehring, 19.06.2015 20:34
@invinoveritas:
Ein kurzer Blick ins Impressum würde genügen, um zu sehen, dass der Mantel der NWZ nicht von den Stuttgarter Nachrichten geliefert wird (wurde er auch noch nie), sondern von der Ulmer Südwestpresse. So wie seit Anfang der 70er. Da wurde nämlich tatsächlich der Göppinger Mantel dichtgemacht, um die Stuttgarter Nachrichten zu retten: Die bekamen all jene Blätter als Kunden, die seither von Göppingen beliefert wurden. So wurden die StN wieder profitabel. Der NWZ-Mantel wurde geopfert.
Und noch ein Irrtum: Der Lokalteil "gehört" sehr wohl der Südwestpresse, die Lokalredaktion ist nicht selbstständig, sondern nur eine Ulmer Außenredaktion und dem Chefredakteur an der Donau unterstellt, der Göppinger Lokalchef ist einfacher Abteilungsleiter (Ressortleiter).
Allerdings wurde die NWZ nicht einfach von der SWP geschluckt, sondern die seinerzeit gegründete oder vielleicht auch nur neu formierte Neue Pressegesellschaft ist ein kompliziertes Geflecht (wiederum beteiligt an der SWMH), so liegen die Namensrechte am Titel der SWP meines Wissens noch immer beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen - wodurch dieses Blatt im Verbund ziemlich viel Macht hat. Aber einen eigenen Verlag gibt es in Göppingen schon lange nicht mehr, der einzige Geschäftsführer sitzt in Ulm, alle anderen "Chefs" sind mittleres und unteres Führungspersonal.

Michael F.,+13.06.2015, 18.06.2015 19:48
Zu invinoveritas

Ach, wer ist denn der Ahnungslose?
Zur Wahrheit: Eine wirtschaftlich gesunde Zeitung wurde seinerzeit abgewickelt. Der Mantel der NWZ war sehr gut! Er brauchte den Vergleich zu anderen regionalen Blätter nicht zu scheuen. Und übrigens: die "Illustrierte Wochenzeitung" (IWZ) war ein Produkt eben dieser Mantelredakteure.
Die in Göppingen bestehende NWZ-Lokalredaktion ist eine 100prozentige Tochter der Neuen Mediengesellschaft. Diese gehört der Südwestpresse. Nach anfänglicher Eigenständigkeit wurde die NWZ Anfang der 1990erJahre auf den Ulmer SWP-Kurs getrimmt...
Eine Tatsache, die nichts mit "Inkompetenz" o. ä. zu tun hat. Auch wenn es der Verfasser gerne so hätte. Die Berichte und Kommentare aus Göppingen waren eigenständig und sehr geistreich. Und nicht eine Zusammenschau von dpa-Meldungen und -Kommentaren. Schade, dass manche auch das heute nicht mehr wahrhaben wollen.
Weil sie es nicht wissen? Oder, schlimmer noch, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen?
Nicht nur in der Redaktion sondern auch in der Leserschaft gab es seinerzeit dem Vernehmen nach einen Aufschrei über den Verlust des guten, fundierten Göppinger Mantels.
"Die Weisheit liegt in der Wahrheit!"

invinoveritas, 14.06.2015 11:17
@ Michael F.


Die zentimeterweise sterbende Freiheit wankt noch schneller ihrer letzten Ruhestätte entgegen, wenn ihre vermeintlichen Verteidiger von so grässlicher Ahnungslosigkeit geschlagen sind.

Die Stuttgarter Nachrichten brauchten 1974 weder Mantel noch frisches Blut, sondern liefern seither das Überregionale nach Göppingen, wie schon zuvor und danach an etliche andere kleinere Lokalzeitungen in der Region, die unmöglich einen halbwegs qualifizierten Mantel aus eigener Kraft zustande bringen können und konnten.

Grundsätzlich ist es ein - wiederum auf Inkompetenz zurückgehendes - Missverständnis, solche Mantellieferungen automatisch abzulehnen. Stattdessen muss abgewogen werden: Meinungsvielfalt versus Qualität. Wenn eine winzige Vollredaktion noch gerade so eben einen Mantel stemmt, d.h. überwiegend nur auf dpa-Texte angewiesen ist, trägt das schwerlich zur Meinungsvielfalt bei - was die Leserschaft bemerkt und dann gern abschätzig von ihrem "Käseblatt" spricht. Demgegenüber kann der Mantel von einer halbwegs ordentlich besetzten Vollredaktion, zumal aufgrund des eigenen Korrespondentennetzes im In- und Ausland, einen so beträchtlichen Zugewinn an Qualität und Substanz darstellen, dass die erwähnte Abwägung zugunsten derartiger Kooperationen ausfallen kann.

Und den Lokalteil bekam damals auch nicht die Südwestpresse in Ulm. Sondern der wird nach wie vor in Göppingen produziert, vom nach wie vor bestehenden Verlag der NWZ.

Michael F., 13.06.2015, 13.06.2015 22:41
"Freiheit stirbt zentimeterweise"

Rückblick: Anfang der 1970er Jahre wurde die Vollredaktion der "Neuen Württembergischen Zeitung" Göppingen, abgewickelt. Die "Stuttgarter Nachrichten" als zweite Hauptstadtzeitung brauchten einen Mantel und "frisches Blut". Den Lokalteil "bekam" die Ulmer "Südwestpresse".

Davon spricht heute keiner mehr.

Karl Haessner, 12.06.2015 18:06
Das ist doch alles Pipifax. Die SWMH, die Südwestdeutsche Medienholding, beherrscht von weniger als einer Handvoll Personen, insbesondere von Richard Rebmann, beherrscht doch eh die Gesamtrichtung von Süddeutscher Zeitung, "Freier" Presse, "Freies" Wort, Frankenpost, Neue Presse (Coburg), Südthüringer Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Schwarzwälder Bote, Sonntag Aktuell, Bayerische Staatszeitung, Werben & Verkaufen u.a. Völlig egal, welche der Zeitungen der Leser nimmt: Er erfährt sowieso keine neutrale Information. Und das gilt für die gesamte deutsche Mainstreampresse. Ich lese die STZ vor allem nur wegen des Sport- und des Regionalteils.

Wolfgang Schleiermacher, 10.06.2015 19:00
'Tschuldigung aber dieser Kalauer muss einfach raus:
Wie wäre es mit einem neuen Mischnamen für die Mischung aus Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten:
"Stuttgarter Umnachtung"

Petzi, 10.06.2015 15:21
Ich hoffe nur, dass das journalistische Niveau der Stuttgarter Zeitung nicht sinkt (jetzt ganz unabhängig von der politischen Ausrichtung). Die Stuttgarter Nachrichten lese ich nicht, aufgrund ihres starken Boulevard-Charakters mit wenig Tiefgang. Fällt mir die StN mal in die Hand, ist die Zeitung ruckzuck durchgeblättert. Hier vermisse ich v.a. anspruchsvolle Hintergrundartikel.

Eigentlich lese ich ja am liebsten die Süddeutsche Zeitung, doch es fehlen hier eben die ausführlichen Beiträge zur Landespolitik BaWü und der Lokalteil Stuttgart. Das ist für mich in Prinzip der einzige Grund, über 30 Jahre Abonnentin der StZ zu sein.

Tillupp, 10.06.2015 08:48
Zusammenlegung ist immer ein Verlust für den Kunden. In Mannheim gibt es beispielsweise seit Jahrzehnten auch nur eine Regionalzeitung, die aber eine so unerträglich schlechte (mehrfach vom Presserat kritisierte) Lokalredaktion hat, dass wir den Mannheimer Morgen inzwischen abbestellt haben. Statt dessen halte ich mich mit dem Rhein-Neckar-Block (http://www.rheinneckarblog.de/ ) und Kontext auf dem Laufenden. Ich lese also weiter, aber eben woanders. So sollten es die Stuttgarter auch machen. Unabhängigen Journalismus fördern.
Die größere Medienrevolution fand im Südwesten aber schon 1998 statt als SWF und SDR https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCddeutscher_Rundfunk zusammengelegt wurden. Der Kunde wurde nach dem Friss-oder-Stirb Prinzip genötigt und das Kartellamt hat alles abgenickt.

Peter S., 10.06.2015 01:44
Kann Zaininger nur zustimmen.
Gehöre übrigens in der Zwischenzeit (hatten StZ seit Kindertagen im Haushalt) zum "gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt".
Der findet sich aber anscheinend immer weniger von der vierten Gewalt ernst genommen.
Seltsam, daß mich sowohl meine ehemalige Partei als auch meine Zeitung verloren hat.
Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Zaininger, 10.06.2015 00:21
Muss ich jetzt ein schlechtes (und einige Journalisten-Stellen auf dem) Gewissen haben, weil ich die Stuttgarter Nachrichten abbestellt habe? Die Kommentare des Chefredakteuers jeden Morgen, und die z.T. schludrige Sprache waren kaum noch zu ertragen und Jo Bauers Stadtschlenderei kein ausreichender Grund für die Fortsetzung eines Dauerabonnements. Wer will sich da noch für Pressevielfalt und den Erhalt beider Titel einsetzen?

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