KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


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Ausgabe 219
Medien

Stuttgarter Zeitungsnachrichten

Von Uwe Vorkötter
Datum: 10.06.2015
Zwei Titel, ein Inhalt. Für unseren Autor ist das eine Zeitungsrevolution im Südwesten. Und er muss es wissen. Uwe Vorkötter war lange Jahre Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", die im journalistischen Wettbewerb zu den "Stuttgarter Nachrichten" gestanden hat.

Im Jahr 1972 entwickelte der legendäre Verlagsgeschäftsführer Eugen Kurz das Stuttgarter Modell: Zwei Zeitungen erscheinen unter einem Dach, mit gemeinsamer Anzeigenvermarktung, gemeinsamer Technik, gemeinsamen Verlagsabteilungen - aber redaktionell strikt getrennt.

Damals wurde auf diese Weise die Existenz der "Stuttgarter Nachrichten" gesichert. Seitdem sind die Rollen verteilt: Die "Stuttgarter Zeitung" bedient als Flaggschiff des Medienhauses das gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt, die "Stuttgarter Nachrichten" liefern den Mantel für eine Vielzahl lokaler Blätter im Württembergischen und attackieren zugleich mit einiger Lust den Platzhirsch auf dem lokalen Feld. Gut vierzig Jahre später schleift Richard Rebmann, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), einen der Grundpfeiler dieses Modells, die redaktionelle Eigenständigkeit. "Der neue Stuttgarter Weg", wie Rebmann sein Programm nennt, ersetzt das alte Stuttgarter Modell.

Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz.
Schon 2011 ging's bergab: Journalisten der Stuttgarter Zeitungen streiken auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Eckpunkte der neuen Struktur: Eine "flexible Gemeinschaftsredaktion", die aus neun Ressorts besteht, liefert künftig die Inhalte für beide Zeitungen und produziert die Seiten in einem gemeinsamen Newsroom. Getrennt bleiben allein die Chefredaktionen, kleine Teams für die Titelseiten, Artdirektionen sowie insgesamt zwölf exklusive Autoren, die die inhaltliche Profilierung beider Blätter gewährleisten sollen. Neu gegründet wird das Ressort "Multimediale Reportage", in dem Reporter gemeinsam mit Videoredakteuren und Webdesignern Inhalte für die digitalen Kanäle erstellen.

Die Chefredakteure machen mit - ohne Begeisterung

Die Chefredakteure beider Titel haben das Fusionsprogramm maßgeblich mitentwickelt, wenn auch nicht aus Begeisterung. Sie sehen allerdings, dass auch in der wirtschaftsstarken Stadt Stuttgart Anzeigengeschäft und Auflagen bröckeln. Die Gesamtauflage von 470 000 Exemplaren, die in der aktuellen SWMH-Pressemitteilung stolz präsentiert wird, steht ohnehin nur auf dem Papier. Darin enthalten sind die Auflagen der Partnerzeitungen, die aus Stuttgart den Mantel beziehen, aber ansonsten eigenständig arbeiten, vor allem in der lokalen Vermarktung. Für die beiden Stuttgarter Blätter weist die ivw-Statistik im ersten Quartal 2015 zusammen 155 000 Abos aus - vor zwei Jahrzehnten lag die "Stuttgarter Zeitung" allein in dieser Größenordnung.

Als Schwachpunkt der derzeitigen Struktur haben Geschäftsführer und Chefredakteure die Tatsache ausgemacht, dass die Redaktionen nach wie vor stark auf die Printausgaben konzentriert sind. Die Digitalisierung der Mediennutzung ist denn auch ein zentrales Argument für den neuen Weg: Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", gibt als Ziel vor, "die Informationsbedürfnisse unserer Leser künftig besser von morgens früh bis in den späten Abend auf unterschiedlichen Kanälen zu befriedigen". Und sein Kollege von den "Nachrichten", Christoph Reisinger, will Kräfte freisetzen, "die wir in die quantitative und qualitative Ausweitung des Digitalangebots investieren können".

Investieren will SWMH-Chef Rebmann in der Tat auch: Zehn bis fünfzehn Stellen für "neue Aktivitäten und die Sicherung der Qualität" sollen neu geschaffen werden. Im Vordergrund steht allerdings das Sparen: 30 bis 35 Stellen fallen in den Redaktionen weg. Das finanzielle Ziel dürfte sich folglich auf eine Kostensenkung in der Redaktion von etwa zwei Millionen Euro belaufen. Diese Vorgabe ist nicht eben rabiat, die neue Gemeinschaftsredaktion soll immerhin 240 Vollzeitstellen umfassen. Auch bei der Umsetzung will man offenbar gemäßigt vorgehen: Der Personalabbau soll über freiwillige Abfindungsangebote, nicht über betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Und die Gelegenheit, mit der Gründung der Gemeinschaftsredaktion den Tarifvertrag zu verlassen, bleibt ungenutzt - betriebswirtschaftlich eine teure Entscheidung, die Rebmann als Vizepräsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV politisch allerdings kaum anders treffen konnte.

Die Stuttgarter Revolution wirkt im bundesweiten Vergleich nicht einmal besonders revolutionär. Bei DuMont Schauberg arbeitet die DuMont Redaktionsgemeinschaft seit Jahren aus einer Hand für die Abotitel "Berliner Zeitung", "Kölner Stadtanzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung". Nach wie vor ist auch die "Frankfurter Rundschau" an den Verbund angegliedert. Madsack hat im vergangenen Jahr das Redaktionsnetzwerk Deutschland gegründet, eine Gemeinschaftsredaktion, die von Hannover aus fast zwanzig Titel aus einer Hand beliefert und deren Mantelseiten produziert. Bei Funke in Essen wird mit Hochdruck an der gemeinsamen Mantelredaktion für die Titel der Gruppe (unter anderem "WAZ", "NRZ", "Berliner Morgenpost", "Hamburger Abendblatt") gearbeitet. Nun eben auch Stuttgart?

Die "Nachrichten" werden zur Light-Version der "Zeitung"

Tatsache ist, dass sich auch in Stuttgart seit den Zeiten des Eugen Kurz vieles geändert hat. "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" haben bereits seit 1979 mit "Sonntag Aktuell" eine gemeinsame siebte Ausgabe für die Abonnenten (die allerdings gerade zur Disposition steht), Beilagen werden gemeinsam produziert, die "Nachrichten" können auf regionale Inhalte der "Zeitung" zugreifen, die Onlineangebote beider Titel enthalten bereits weitgehend identische Inhalte.

Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.
Eine Woche später standen die Kollegen noch einmal an gleicher Stelle.

Und dennoch ist die Fusion der beiden Redaktionen ein Bruch, in dem ein Stück Zeitungsgeschichte und -kultur untergehen: Wenn die beiden Abotitel der Schwabenmetropole künftig unter verschiedenen Markennamen, aber ganz überwiegend mit denselben Nachrichten, Reportagen und Kommentaren erscheinen, werden die "Stuttgarter Nachrichten" praktisch zur Light-Version der StZ: etwas dünner, täglich vier Seiten weniger Inhalt, dafür drei Euro billiger im Monat. Ein Stuttgarter Weg, der sehr dem Aachener Modell ähnelt. "Aachener Zeitung" und "Aachener Nachrichten" erscheinen seit 2003 ebenfalls unter verschiedenen Titeln mit gleichem Inhalt, allerdings unter einheitlicher Chefredaktion.

Im zweiten Quartal 2016 soll die neue Gemeinschaftsredaktion arbeiten, bis dahin stehen dem Stuttgarter Konzern wohl noch einige Turbulenzen ins Haus. Gewerkschaften und Betriebsräte werden die Opposition gegen Rebmanns Programm formieren; in den beiden Redaktionen sind sie traditionell stark verankert. Aufatmen werden dagegen ihre Kollegen in München: Für die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" ist der Stuttgarter Weg die Garantie, auf absehbare Zeit nicht in die Synergieprozesse der SWMH-Gruppe einbezogen zu werden. Denn das wäre die strategische Alternative gewesen: die SZ und die "Stuttgarter Zeitung" redaktionell eng miteinander zu verknüpfen. In München allerdings hat Chefredakteur Kurt Kister aus seiner Abneigung gegen jeglichen Synergieprozess keinen Hehl gemacht. Die Marke "Süddeutsche Zeitung", so wurde es schließlich beschlossen, bleibt ganz und gar eigenständig. Das wird die Stimmung bei den Schwaben nicht aufhellen. Sie sind seit dem Einstieg bei der SZ im Jahr 2007 ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass die "Stuttgarter Zeitung" das Geld verdient, mit dem der Kauf der "Süddeutschen" finanziert wird. Und das ist keineswegs eine abwegige Sichtweise.

 

Uwe Vorkötter war Chefredakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" (1996 - 2001), bei der "Berliner Zeitung" (2002 - 2006), bei der "Frankfurter Rundschau" (2006 - 2009) und danach für BZ und FR bis 2012. Er ist heute in gleicher Funktion bei dem Mediendienst "Horizont" tätig, dessen Onlineausgabe obiger Text entstammt - mit freundlicher Anteilnahme vom Autor zur Verfügung gestellt.


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Kommentare

Markus Fehring, 19.06.2015 20:34
@invinoveritas:
Ein kurzer Blick ins Impressum würde genügen, um zu sehen, dass der Mantel der NWZ nicht von den Stuttgarter Nachrichten geliefert wird (wurde er auch noch nie), sondern von der Ulmer Südwestpresse. So wie seit Anfang der 70er. Da wurde nämlich tatsächlich der Göppinger Mantel dichtgemacht, um die Stuttgarter Nachrichten zu retten: Die bekamen all jene Blätter als Kunden, die seither von Göppingen beliefert wurden. So wurden die StN wieder profitabel. Der NWZ-Mantel wurde geopfert.
Und noch ein Irrtum: Der Lokalteil "gehört" sehr wohl der Südwestpresse, die Lokalredaktion ist nicht selbstständig, sondern nur eine Ulmer Außenredaktion und dem Chefredakteur an der Donau unterstellt, der Göppinger Lokalchef ist einfacher Abteilungsleiter (Ressortleiter).
Allerdings wurde die NWZ nicht einfach von der SWP geschluckt, sondern die seinerzeit gegründete oder vielleicht auch nur neu formierte Neue Pressegesellschaft ist ein kompliziertes Geflecht (wiederum beteiligt an der SWMH), so liegen die Namensrechte am Titel der SWP meines Wissens noch immer beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen - wodurch dieses Blatt im Verbund ziemlich viel Macht hat. Aber einen eigenen Verlag gibt es in Göppingen schon lange nicht mehr, der einzige Geschäftsführer sitzt in Ulm, alle anderen "Chefs" sind mittleres und unteres Führungspersonal.

Michael F.,+13.06.2015, 18.06.2015 19:48
Zu invinoveritas

Ach, wer ist denn der Ahnungslose?
Zur Wahrheit: Eine wirtschaftlich gesunde Zeitung wurde seinerzeit abgewickelt. Der Mantel der NWZ war sehr gut! Er brauchte den Vergleich zu anderen regionalen Blätter nicht zu scheuen. Und übrigens: die "Illustrierte Wochenzeitung" (IWZ) war ein Produkt eben dieser Mantelredakteure.
Die in Göppingen bestehende NWZ-Lokalredaktion ist eine 100prozentige Tochter der Neuen Mediengesellschaft. Diese gehört der Südwestpresse. Nach anfänglicher Eigenständigkeit wurde die NWZ Anfang der 1990erJahre auf den Ulmer SWP-Kurs getrimmt...
Eine Tatsache, die nichts mit "Inkompetenz" o. ä. zu tun hat. Auch wenn es der Verfasser gerne so hätte. Die Berichte und Kommentare aus Göppingen waren eigenständig und sehr geistreich. Und nicht eine Zusammenschau von dpa-Meldungen und -Kommentaren. Schade, dass manche auch das heute nicht mehr wahrhaben wollen.
Weil sie es nicht wissen? Oder, schlimmer noch, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen?
Nicht nur in der Redaktion sondern auch in der Leserschaft gab es seinerzeit dem Vernehmen nach einen Aufschrei über den Verlust des guten, fundierten Göppinger Mantels.
"Die Weisheit liegt in der Wahrheit!"

invinoveritas, 14.06.2015 11:17
@ Michael F.


Die zentimeterweise sterbende Freiheit wankt noch schneller ihrer letzten Ruhestätte entgegen, wenn ihre vermeintlichen Verteidiger von so grässlicher Ahnungslosigkeit geschlagen sind.

Die Stuttgarter Nachrichten brauchten 1974 weder Mantel noch frisches Blut, sondern liefern seither das Überregionale nach Göppingen, wie schon zuvor und danach an etliche andere kleinere Lokalzeitungen in der Region, die unmöglich einen halbwegs qualifizierten Mantel aus eigener Kraft zustande bringen können und konnten.

Grundsätzlich ist es ein - wiederum auf Inkompetenz zurückgehendes - Missverständnis, solche Mantellieferungen automatisch abzulehnen. Stattdessen muss abgewogen werden: Meinungsvielfalt versus Qualität. Wenn eine winzige Vollredaktion noch gerade so eben einen Mantel stemmt, d.h. überwiegend nur auf dpa-Texte angewiesen ist, trägt das schwerlich zur Meinungsvielfalt bei - was die Leserschaft bemerkt und dann gern abschätzig von ihrem "Käseblatt" spricht. Demgegenüber kann der Mantel von einer halbwegs ordentlich besetzten Vollredaktion, zumal aufgrund des eigenen Korrespondentennetzes im In- und Ausland, einen so beträchtlichen Zugewinn an Qualität und Substanz darstellen, dass die erwähnte Abwägung zugunsten derartiger Kooperationen ausfallen kann.

Und den Lokalteil bekam damals auch nicht die Südwestpresse in Ulm. Sondern der wird nach wie vor in Göppingen produziert, vom nach wie vor bestehenden Verlag der NWZ.

Michael F., 13.06.2015, 13.06.2015 22:41
"Freiheit stirbt zentimeterweise"

Rückblick: Anfang der 1970er Jahre wurde die Vollredaktion der "Neuen Württembergischen Zeitung" Göppingen, abgewickelt. Die "Stuttgarter Nachrichten" als zweite Hauptstadtzeitung brauchten einen Mantel und "frisches Blut". Den Lokalteil "bekam" die Ulmer "Südwestpresse".

Davon spricht heute keiner mehr.

Karl Haessner, 12.06.2015 18:06
Das ist doch alles Pipifax. Die SWMH, die Südwestdeutsche Medienholding, beherrscht von weniger als einer Handvoll Personen, insbesondere von Richard Rebmann, beherrscht doch eh die Gesamtrichtung von Süddeutscher Zeitung, "Freier" Presse, "Freies" Wort, Frankenpost, Neue Presse (Coburg), Südthüringer Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Schwarzwälder Bote, Sonntag Aktuell, Bayerische Staatszeitung, Werben & Verkaufen u.a. Völlig egal, welche der Zeitungen der Leser nimmt: Er erfährt sowieso keine neutrale Information. Und das gilt für die gesamte deutsche Mainstreampresse. Ich lese die STZ vor allem nur wegen des Sport- und des Regionalteils.

Wolfgang Schleiermacher, 10.06.2015 19:00
'Tschuldigung aber dieser Kalauer muss einfach raus:
Wie wäre es mit einem neuen Mischnamen für die Mischung aus Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten:
"Stuttgarter Umnachtung"

Petzi, 10.06.2015 15:21
Ich hoffe nur, dass das journalistische Niveau der Stuttgarter Zeitung nicht sinkt (jetzt ganz unabhängig von der politischen Ausrichtung). Die Stuttgarter Nachrichten lese ich nicht, aufgrund ihres starken Boulevard-Charakters mit wenig Tiefgang. Fällt mir die StN mal in die Hand, ist die Zeitung ruckzuck durchgeblättert. Hier vermisse ich v.a. anspruchsvolle Hintergrundartikel.

Eigentlich lese ich ja am liebsten die Süddeutsche Zeitung, doch es fehlen hier eben die ausführlichen Beiträge zur Landespolitik BaWü und der Lokalteil Stuttgart. Das ist für mich in Prinzip der einzige Grund, über 30 Jahre Abonnentin der StZ zu sein.

Tillupp, 10.06.2015 08:48
Zusammenlegung ist immer ein Verlust für den Kunden. In Mannheim gibt es beispielsweise seit Jahrzehnten auch nur eine Regionalzeitung, die aber eine so unerträglich schlechte (mehrfach vom Presserat kritisierte) Lokalredaktion hat, dass wir den Mannheimer Morgen inzwischen abbestellt haben. Statt dessen halte ich mich mit dem Rhein-Neckar-Block (http://www.rheinneckarblog.de/ ) und Kontext auf dem Laufenden. Ich lese also weiter, aber eben woanders. So sollten es die Stuttgarter auch machen. Unabhängigen Journalismus fördern.
Die größere Medienrevolution fand im Südwesten aber schon 1998 statt als SWF und SDR https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCddeutscher_Rundfunk zusammengelegt wurden. Der Kunde wurde nach dem Friss-oder-Stirb Prinzip genötigt und das Kartellamt hat alles abgenickt.

Peter S., 10.06.2015 01:44
Kann Zaininger nur zustimmen.
Gehöre übrigens in der Zwischenzeit (hatten StZ seit Kindertagen im Haushalt) zum "gutsituierte bürgerlich-liberale Publikum der Stadt".
Der findet sich aber anscheinend immer weniger von der vierten Gewalt ernst genommen.
Seltsam, daß mich sowohl meine ehemalige Partei als auch meine Zeitung verloren hat.
Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Zaininger, 10.06.2015 00:21
Muss ich jetzt ein schlechtes (und einige Journalisten-Stellen auf dem) Gewissen haben, weil ich die Stuttgarter Nachrichten abbestellt habe? Die Kommentare des Chefredakteuers jeden Morgen, und die z.T. schludrige Sprache waren kaum noch zu ertragen und Jo Bauers Stadtschlenderei kein ausreichender Grund für die Fortsetzung eines Dauerabonnements. Wer will sich da noch für Pressevielfalt und den Erhalt beider Titel einsetzen?

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