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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 177
Medien

Talfahrt auf dem eigenen Schlitten

Von Henning Kornfeld
Datum: 20.08.2014
Die Tageszeitungen rutschen immer tiefer in den Keller. Vorne dabei ist das Stuttgarter Pressehaus. Ist daran wirklich das Internet schuld? Zeitungsforscher halten andere Faktoren für wichtiger – nicht zuletzt Fehler oder Versäumnisse der Blattmacher und Verlagsmanager selbst.

Viermal im Jahr müssen sich Manager und Chefredakteure in deutschen Verlagen einer Art chinesischer Wasserfolter unterziehen: Jeweils quartalsweise veröffentlicht die Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) aktuelle Zahlen zur Auflagenentwicklung von Zeitungen und Zeitschriften – und die sind mit beängstigender Zuverlässigkeit mies.

Am 18. Juli war es wieder soweit: Die IVW-Statistik offenbarte, dass die Regionalzeitungen der Funke-Mediengruppe in Nordrhein-Westfalen binnen eines Jahres gut sieben Prozent ihrer Käufer verloren haben. Bei der "Abendzeitung" in München, gerade mit knapper Not dem Untergang entronnen, betrug der Verlust sogar 32 Prozent. Zu den wenigen Titeln mit einem Plus gehört der "Südkurier", der um 0,2 Prozent zulegte. In die schwarzen Zahlen schaffte es die Regionalzeitung aus Konstanz aber nur mithilfe stark rabattierter Exemplare, sogenannter sonstiger Verkäufe. Insgesamt haben die deutschen Tageszeitungen zwischen April und Juni 2014 im Vergleich zum Vorjahr vier Prozent ihrer Auflage verloren. Der stete Tropfen höhlt den Stein.

Die SWMH-Strategie 2020: Wo sind die Konzepte?

Zu den Verlierern zählt regelmäßig die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), einer der größten Medienkonzerne der Republik. Dort erscheinen unter anderem die "Süddeutsche Zeitung", die "Stuttgarter Zeitung" und die "Stuttgarter Nachrichten". Vor allem die beiden Letztgenannten verzeichnen die stärksten Verluste in Baden-Württemberg. Da wäre es geboten, dass die Marke noch eine Weile strahlt und entsprechend poliert wird. Eine selbstverständliche Einsicht ist das nicht: Der schwäbisch-pfälzische Medienkonzern hat gerade ein Strategiepapier "SWMH 2020" verfasst, in dem von allerhand "Projektaufträgen" à la "Identifikation neuer Geschäftsfelder" oder "Möglichkeiten der anknüpfenden Monetarisierung redaktioneller Themenfelder" die Rede ist. Man sucht hingegen vergeblich Aussagen darüber, mit welchen Konzepten und Inhalten die SWMH ihre Blätter weiter entwickeln will.

Vielleicht bald ein seltener Anblick: Tageszeitungen am Bahnhofskiosk. Foto: Joachim E. Röttgers
Vielleicht bald ein seltener Anblick: Tageszeitungen am Bahnhofskiosk. Foto: Joachim E. Röttgers

Für Internet-Aktivisten ist der Niedergang gedruckter Zeitungen und Zeitschriften das Spiegelbild zum Siegeszug digitaler Medien. Auch viele Verantwortliche in den Verlagen selbst erklären und entschuldigen die Auflagenverluste ihrer Titel damit, dass die Leser ins Internet abwandern, wo rund um die Uhr ein zumeist kostenloses, umfangreiches Nachrichtenangebot lockt.

Doch hinter diese populäre These setzen Zeitungsforscher ein dickes Fragezeichen. Professor Andreas Vogel, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts für Presseforschung und Medienberatung in Köln, hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung die Ursachen der "Talfahrt der Tagespresse" untersucht. Sein Ergebnis: Die zunehmende Konkurrenz durch Online-Medien spiele nur eine kleine Rolle beim Niedergang der Tageszeitungen. Vogel nennt ein Indiz für seine These: Der Auflagenschwund begann schon, als es das Internet noch gar nicht gab beziehungsweise es sich noch nicht etabliert hatte. Die deutsche Tagespresse erreichte ihre höchsten Auflagen zu Beginn der 1980er-Jahre, seitdem geht es kontinuierlich bergab.

Wenn das Netz nicht der Hauptschuldige an der Print-Misere ist, was sind dann die Ursachen? Vogel meint, die beiden wichtigsten seien fehlende Kaufkraft eines erheblichen Teils der Bevölkerung und "mangelnde Produktdifferenzierung": Adressat der klassischen Tageszeitung sei weiterhin die "bürgerliche Mitte" der Gesellschaft, deren Bedeutung aber stetig abnehme; Migranten, Singles in großen Städten oder ärmere Menschen könnten mit solchen Blättern nichts anfangen. Anders formuliert: Viele Blattmacher und Journalisten, die ständig über gesellschaftliche Trends berichten, haben völlig ignoriert, dass diese Trends auch ihre eigene Arbeit betreffen.

Die Jüngeren lassen Regionalzeitungen links liegen

Dass die "Talfahrt der Tageszeitungen" nicht vorrangig auf das Internet zurückzuführen ist, ist keineswegs die Minderheitsmeinung eines einzelnen Print-Nostalgikers. Michael Haller, emeritierter Professor für Journalismusforschung an der Universität Leipzig, predigt das schon seit Jahren. In seiner Streitschrift "Brauchen wir Zeitungen?" hat er seine Thesen noch einmal zusammengefasst und eine Reihe von Vorschlägen gemacht, wie speziell die Regionalzeitungen zu retten seien. Haller nennt eine ganze Reihe von Versäumnissen und Fehlern. Zum Beispiel diese: Die Mehrheit der Jüngeren halte Regionalzeitungen zwar für glaubwürdig, lasse sie aber links liegen, weil ihr Inhalt mit ihrer Lebenswelt nichts mehr zu tun habe: "Viele junge Leute zeigen Respekt vor der Printzeitung wie vor einer Autoritätsperson, die man kennt, der man aber wen möglich aus dem Wege geht", meint Haller. 

Der Medienforscher polemisiert auch gegen Chefredakteure, die fragwürdigen Moden folgen oder etwa durch "eigensinnige Blattideen" wie "ganzseitige Firmenporträts in der Art eines PR-Prospekts" die grundlegende Aufgabe einer Regionalzeitung ignorieren, nämlich möglichst alle relevanten Ereignisse tagesaktuell zu vermitteln und Orientierung zu bieten. Ein Beispiel dafür ist die Seite eins der "Leipziger Volkszeitung" vom 8. November 2013: Das Aufmacherbild zeigte die Motorhaube eines Maserati, flankiert von zwei jungen Frauen und garniert mit der Information, dass man dieses Auto nun auch in Leipzig kaufen könne – in einer Stadt mit einem Durchschnittseinkommen von 2250 Euro brutto pro Monat.

Trügerische Vielfalt im Zeitungsständer. Immer weniger Relevanz, immer mehr PR. Foto: Joachim E. Röttgers
Trügerische Vielfalt im Zeitungsständer. Immer weniger Relevanz, immer mehr PR. Foto: Joachim E. Röttgers

Haller belegt seine Behauptung von der hausgemachten Krise der Regionalzeitungen mit dem Verweis auf "Top-" und "Flop-Zeitungen", deren Auflagenentwicklung sich diametral unterscheidet, obwohl sich ihre Erscheinungsgebiete im Hinblick auf Bevölkerungsentwicklung, Migrantenanteil oder Altersstruktur gleichen. In Baden-Württemberg zum Beispiel steht die "Schwäbische Zeitung" deutlich besser da als der "Schwarzwälder Bote", was sich durch Besonderheiten des jeweiligen Reviers nicht erklären lässt.

Den meisten Verlagen ist nichts anderes eingefallen als Sparen

Zuspruch für Vogels und Hallers Thesen zur Rolle des Internets kommt auch von Praktikern: Joachim Widmann war Chefredakteur der Nachrichtenagentur dapd und des "Fränkischen Tags" in Bamberg, heute leitet er die Berliner Journalisten-Schule. Obwohl die Leserforschung bereits in den 1980er-Jahren ergeben habe, dass das sinkende Publikumsinteresse auch "an der Abstraktion, am Textduktus und an der Aufmachung der gängigen journalistischen Produkte" liege, hätten die Verlage von "optischen Retuschen" abgesehen wenig bis nichts verändert, kritisiert er: "Im Gegenteil haben die meisten Verlage durch Sparen an Redaktionen und Rationalisierungen die Rendite stabilisiert und den Status quo zementiert." Doch diese Rechnung geht laut Widmann nicht mehr auf, weil Leser und Anzeigenkunden im Netz Alternativen zu den ausgedünnten Blättern finden. Seine Schlussfolgerung: Das Internet sei tatsächlich nicht Ursache der Krise der Tageszeitungen – aber es verstärkte sie in stetig zunehmendem Maße.

Lässt sich die Tageszeitung also retten, wenn Journalisten und Verlagsmanager einfach nur ihren Job vernünftig machen? Das wäre zu kurz gesprungen, weil es einen für ihr Überleben wichtigen Faktor gibt, den Vogel und Haller nur am Rande behandeln: das Anzeigengeschäft. Derzeit wenden sich nicht nur die Leser, sondern auch Werbekunden und Inserenten von den Zeitungen ab ­– und das hat sehr wohl mit dem Internet zu tun. Ein Beispiel dafür ist das Schicksal des Stellenmarkts der FAZ. Einst verdiente die Zeitung damit 200 Millionen Euro, heute ist es nur noch ein Zehntel davon. Dieses Geschäft machen jetzt vor allem Online-Jobbörsen.

Die beiden Zeitungsforscher Vogel und Haller haben zudem ganz verschiedene Vorstelllungen davon, was genau zu tun ist, um die Zeitung überlebensfähig zu machen. Vogel sieht in einer "Produktdifferenzierung" ihre "letzte Chance". Wenn die "Zeitung für alle" nicht mehr oder immer schlechter funktioniert, müssten die Verlage eben verschiedene Varianten anbieten, damit für möglichst viele Menschen etwas dabei ist. Er schlägt daher vor, neben der klassischen Ausgabe billigere Versionen auf den Markt zu bringen, die dünner sind: Wer keinen Lokalsport will, bestellt ihn einfach ab. Der Zeitungsforscher denkt auch laut darüber nach, warum es eigentlich keine speziellen Wochenendausgaben für Singles einerseits und Familien andererseits gibt.

Ganz anders Haller: Er will die Tageszeitung als "nachrichtliches Informationsmedium mit Universalanspruch" erhalten und erneuern und postuliert, dass ihre "Kernzielgruppe", gebildete Berufstätige zwischen 30 und 55 Jahren, genau das weiterhin erwartet. Vogel fehle es hingegen an "empirischem Wissen über Mediennutzung" und sein Plädoyer für "Differenzierung" stütze sich auf "Ansichten aus den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts", ätzt Haller.

Das Reich der SWMH: vom "Schwarzwälder Boten" bis zu "fernweh-aktuell". Grafik: SWMH
Das Reich der SWMH: vom "Schwarzwälder Boten" bis zu "fernweh-aktuell". Grafik: SWMH

Es ist allerdings ohnehin unwahrscheinlich, dass die Verlage genau den Weg beschreiten, den Vogel ihnen vorschlägt, und neben unterschiedlichen Lokalausgaben weitere Varianten eines Titels anbieten. Der logistische Aufwand wäre hoch, die Verlage müssten in Personal investieren, um ihr redaktionelles Angebot aufzufächern – und am Ende stünden sie vielleicht dennoch schlechter da als zuvor. Was tun, wenn plötzlich größere Gruppen von Abonnenten den Lokalsport, die Kultur oder den Wirtschaftsteil abbestellen?

Wie mache ich eine Zeitung für 17- und 70-Jährige?

"Produktdifferenzierung" mit einer anderen Stoßrichtung ist aber sehr wohl ein Thema in der Zeitungsbranche, und seine Bedeutung wächst stetig: Zeitungsverlage versuchen, Menschen mit speziellen Interessen oder in bestimmten Lebenslagen mit neuen Produkten zusätzlich zur herkömmlichen Zeitung als Leser zu gewinnen. Das können Print- oder Online-Medien sein. Häufig werden sie allerdings nicht mit dem bei Tageszeitungen üblichen redaktionellen Aufwand und nach den dort geltenden Qualitätsmaßstäben produziert.

Ein Haus, das eine solche Differenzierungsstrategie seit Längerem verfolgt, ist die "Saarbrücker Zeitung". Ihr Chefredakteur Peter-Stefan Herbst postulierte schon vor Jahren, es werde immer schwerer, eine Zeitung zu machen, die einen 17-Jährigen und eine 70-Jährige gleichermaßen anspricht. Die "Saarbrücker Zeitung" hat heute unter anderem eine Website für Jüngere ("sol.de") und eine für Feinschmecker ("finerio.de") im Angebot, sie gibt eine wöchentlich erscheinende Sportzeitung ("Saar.amateur") und ein "Familien Magazin" heraus. Zwischen 2005 und 2009 leisteten sich Herbst & Co. sogar eine tägliche Boulevardzeitung für junge Leute namens "20 Cent". Sie scheiterte jedoch am Mangel an Anzeigenkunden.

Bei der "Rheinischen Post" (RP), die zum gleichen Konzern wie die "Saarbrücker Zeitung" gehört, bastelt der junge Chefredakteur Michael Bröcker an einer ganzen Handvoll neuer Produkte: Dazu zählen ein Campus-Magazin, ein Weinportal, Schülermagazine und ein regionales Wirtschaftsblatt. Premiere hatte am 2. Mai bereits "RP+", eine Zeitung für jüngere Leser in der Stadt Düsseldorf. Sie soll an Brückentagen erscheinen, an denen die "RP" selbst nicht herauskommt.

Aus einer Tageszeitung mehr zu machen setzt aber voraus, dass sie noch eine Zeit lang existiert. Joachim Widmann sagt es so: "Um sich im Netz vom Kostenlos-Mainstream abzuheben und auf jeder Plattform mehr Zahlungsbereitschaft zu wecken, braucht es einen kompetenten und auch streitbaren, auf viele exklusive Aspekte zu aktuellen Themen bedachten Journalismus."


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Kommentare

Ulrich Frank, 26.08.2014 20:23
Es ist doch in der Tat auch so daß viele Redakteure bzw. Redakteurinnen an den Entwicklungen die ihre Zeitungen und ihre Arbeitsplätze betreffen - darunter der erwähnte Kaufkraftschwund relevanter Bevölkerungsteile - selber die Mitschuld tragen, den Kaufkraftschwund durch ihre großenteils hemmungslose Bejubelung der Agenda 2010 und von Hartz-IV förmlich selber herbeigeschrieben haben. Erst vor wenigen Tagen verkündete ein Schreiberling der Stuttgarter SWMH-Presse das Lob der "Erfolgsnation Deutschland". Gleichzeitig bzw. wenige Tage später ist zu lesen daß Stuttgarter Bürger - Bürger einer Stadt die zu den reichsten der Republik gehört - Nahrung aus Mülleimern fischen müssen und in deutschen Städten die Armut wächst.

Für diese erbärmlichen Zustände tragen JOURNALISTEN hierzulande die MITVERANTWORTUNG - sowie sie auch Verantwortung für den schlechten Zustand ihrer Blätter tragen.

Deutschland über alles und Autostadt und Stuttgart 21 ist natürlich wichtiger für einen vorherrschenden Typus von Redakteur.

Das gegenwärtige journalistische Resultat ist hinmit eine grassierende Schizophrenie, angereichert mit evasionistischen Elementen wie Berichten über Bikini-Wettbewerbe und Perkins-Park-Berichterstattung und ausuferndem Fußball: Heroisierung von Spielern für welche sogar die nächtliche Auslieferung der Blätter verzögert wird), wenn nicht manipulativer Meinungsmache a la Kornelius oder Denkler (SZ) (oder z.B. Hamann oder Gayer, in dieser Stadt).

Diese Schizophrenie und Beliebigkeit läßt sich auch in angeblichen Qualitätsblättern wie z.B. der Süddeutschen Zeitung feststellen, oder dem SPIEGEL der in der letzten Zeit stellenweise zu FOCUS- und gar BILD-Niveau verkommen ist. Die Chefredakteure welche Rechenschaft - und Haltung - schuldig wäre halten sich bedeckt oder führen eine merkwürdige Existenz im dubiosen Schattenreich des Hintergrunds.

Ob ein Aufstand der Leserschaft diesem Zustand Abhilfe schaffen kann ist fraglich. Die Borniertheit der zu oft in selbstgefälliger coolness verharrenden Verantwortlichen kann nicht überschätzt werden, zumal sie durch politische und wirtschaftliche (IHK) Einflüsse zementiert wird.

Peter Boettel, 23.08.2014 10:46
Ich bitte die Redaktion, die vorstehenden Kommentare den Stuttgarter, evtl. auch anderen zeitungen zukommen zu lassen, damit diese endlich erfahren, weshalb ihre Abos zurückgehen, wenn sie es denn auf andere Weise nicht wahrhaben wollen.

Alfred, 22.08.2014 11:41
Es soll Leser geben die älter als 70 sind und sehr wohl seriöse Beiträge des Qualitätsjournalismus suchen und lesen würden.

In den Stuttgarter SWMH Medien sind mir da leider zuviel kritiklos übernommene Presseerklärungen (wie z.B. PR, LPD transportiert von der dpA).
Bei SIR - der Internettochter der Stuttgarter Medien - ist das am deutlichsten.

Werbebeilagen in Farbdruck sind oberflächlich und uninformativ.
Beispiel : StZ Sonderbeilage "Leichter Wohnen im Alter" und einem Interview mit Wieland Backes "Wohnen muss wie eine zweite Haut sein" von Petra M.
Veröffentlicht ist ein Foto mit Herrn Backes auf seiner Gartentreppe - ohne sicherndes Geländer - mit mindestens 5 Stufen.
Da lässt sich gut zu Fuss angenehm wohnen.
Altersgerecht wäre allerdings ein ohnehin vorgeschriebens Gländer um komplizierte Brüche im Alter zu vermeiden.
Für Leser wäre eine Adressenliste mit altersgerechten
Angeboten eine wichtige Nachricht.
Eben eine Nachricht nach denen sich - auch Leser über 70 - richten könnten.

Das Grauen nimmt kein Ende, 22.08.2014 09:46
In Sachsen wird nächste Woche der Landtag gewählt. Laut Umfragen liegt die CDU bei rd. 40 %.
Wer mit unserer Medienlandschaft, dem Öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehr, dem Gesundheitswesen, der Energiepolitik oder der Bildungspolitik zufrieden ist, wählt genau richtig.
Jeder Wähler der auch nur mit einem der oben genannten Politikfeldern unzufrieden ist und trozdem CDU, SPD, Grüne oder AfD wählt oder nicht zur Wahl geht, für den gilt: "Nur die dümmsten Lämmer wählen ihre Metzger selbst"

Liane, 21.08.2014 19:33
" Das Aufmacherbild zeigte die Motorhaube eines Maserati, flankiert von zwei jungen Frauen und garniert mit der Information, dass man dieses Auto nun auch in Leipzig kaufen könne – in einer Stadt mit einem Durchschnittseinkommen von 2250 Euro brutto pro Monat."

DAZU konnte ich mir doch ein breites Grinsen nicht verkneifen :-)
und musste an den viel gescholltenen Bericht Steinfest/Schorlau denken:
http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/173/rasende-literaten-2338.html

"Die S-Klasse von Mercedes ist Stuttgarts vielleicht vornehmster Exportartikel, weltweit geschätzt von Diplomaten, Direktoren und Despoten"

Sind DAS die anvisierten Kunden der Kontext??? (die neuen Grünen?) o.k. garniert mit Schriftstellern :-))

Karl Pfaff, 21.08.2014 17:55
Wer in des Höllen Schlund schauen will, besorge sich ein Gratis-Abo der Esslinger Zeitung. Fröhliche Lokalnachrichten aus den Sportvereinen sind noch die spannendste Lektüre. Alles andere eignet sich gerade noch um die Grillkohle anzufeuern. Das Zeitungsbashing bringt uns aber leider nicht weiter. Dadurch werden die Zeitungen nicht besser. Ein ganze Kulturzweig bricht weg, die vierte Gewalt verschwindet sang und klanglos. Und so sehr sich Kontext bemüht, es ersetzt keine Meinungsführerschaft a la FAZ und BLIND. Was als Hofberichterstattung bei den Lokalzeitungen begann, hat sich bei den überregionalen fortgesetzt. Irgendwann einmal wird es keine divergierenden Meinungen mehr geben, wird es keine Diskussionen mehr geben, brauchen wir nicht einmal mehr zur Wahl gehen. Dann werden wir alle glücklich sein.

Heinz Beyrer, 21.08.2014 16:54
Meinem Vor-Kommentator muß ich recht geben:
"Gähnende Langweile", im allgemeinen. Ich bin 71 und lese die Stuttgarter Zeitung seit 50 Jahren, schon mein Vater hatte das Blatt abonniert, also ich weiß von was ich rede, wenn ich sage, dass die Stuttgarter Zeitung einfach "keinen Biß" hat, natürlich in erster L inie auch im Vergleich zu Kontext. Themen sind verwässert, werden so gut wie nie investigativ aufbereitet. Hintergründe bleiben oft im dunklen und recht schwammig. Nichtssagende Berichte, absolut nicht in einer Zeitung erwähneswerter Kleinkram, Seitenfüller die das Papier nicht wert sind auf dem sie geschrieben sind.
Aber so ist das halt heutzutage, wenn Redakteure bzw der Chefredakteur darauf achten müssen, nicht mit den Verlags/Holding-Veranwortlichen in Gegensatz zu treten, sie wollen ja schließlich ihren Arbeitsplatz behalten. Es ist schon traurig, wie das Niveau der Stuttgarter Zeitung immer mehr absinkt. Die extrem einseitige Berichterstattung über Stuttgart 21 als Befürworter des Projektes spricht für sich!

Stephantastisch, 21.08.2014 15:01
Die StZ war früher unbedingte Tageslektüre meines Vaters. Als Stuttgarter in Badisch Sibirien wollte auf seine tägliche Dosis "Heimat" nie und nimmer verzichten. Seit der unsäglichen Berichterstattung und Parteinahme dieser Zeitung zu Stuttgart 21: "...die Redaktion steht hinter dem Projekt...." und "...ohne die StZ wäre S21 nicht realisiert" (oder so ähnlich), möchte er nichts mehr von seinem einstigen Lieblingsblatt wissen. Er hat sich ,genau wie ich mir, die Kontext/TAZ abonniert und freut sich über gut recherchierte Artikel.

Lea, 21.08.2014 12:13
Viele Probagandablätter wie die FAZ werden nicht zufällig gratis überall massenhaft ans Volk verteilt (in Sportvereinen, bahnhöfen, Fußgängerzonen, etc., etc.).

Dada, 21.08.2014 12:01
Früher ersetzte die Lektüre des Wirtschaftsteils der FAZ ein BWL-Studium: Artikel von fähigen Journalisten, Hintergrundinformationen zu Unternehmen und Sachverhalten. Dem ist schon lange nicht mehr so! Auch im Politikteil ist seit Jahren eine dramatische Verflachung eingetreten, sicherlich auch eine Folge der Ausdünnung des Korrespondentennetzes.
Heute sehe ich die FAZ als reines Propagandamedium, das sich allenfalls im Feuilleton noch als lesenswert zeigte, alle anderen Bereiche wurden usurpiert von Polit-, Unternehmens-, Anzeigenkundeninteressen. Selbst die Sportredaktion ist nur noch ein Schattten ihrer selbst. Die Krone aufgesetzt hat dieser Entwicklung zuletzt das Nichtzulassen von Leserkommentaren zu allen Artikeln mit Ukraine-Bezug. Die Artikel waren derart tendenziös, daß man 1. der aufklärenden Leserkommentare nicht mehr Herr wurde und 2. sich beim Propagandamachen bzw. Lügen nicht mehr stören lassen wollte, bestes Beispiel zuletzt der vermeintliche Grenzübertritt russischer Militärs mit anschließender angeblicher Zerstörung durch Ukrainer.
Mein Fazit: Informationen kann ich mir nur noch selbst durch aufwendige Recherchen beschaffen, ich sehe im Inland keine Zeitung mehr, die meinen Bedarf an objektiven Informationen und -das wäre Handwerk- Trennung zwischen Fakten und Meinung gerecht wird. Für unser Gemeinwesen sehe ich schwarz, zumal der Befund bei Einbeziehung der elektronischen Medien (Fernsehen inkl. ÖR) noch weitaus schlimmer wird. Orwell läßt grüßen!

Christoph Kant, 21.08.2014 10:19
Solange es "Medien Holdings" oder "Media Groups" gibt - oder welch lächerliche Namen sie sich auch immer geben - die im Eigentum oder Teileigentum hunderte von Tageszeitungen unter sich vereinen wird es für die breite Masse der Bevölkerung keinen investigativen Journalismus geben. So ist gewährleistet das bei wichtigen wirtschaftspolitischen Themen eine Gleichschaltung stattfindet. Und genau das ist gewollt!

Hermann Jack, 20.08.2014 17:06
Man muß nur mal die Berichterstattung zu S 21 anschauen. Über die Jahre. Dann wird einem klar, warum z.B. die Stuttgarter Zeitungen massive Rückgänge zu verzeichnen haben. Dümmliche Bahnpropaganda kann man sich auch direkt beim Projektbüro anschauen oder bei Dietrich anhören. Wozu dann eine Tageszeitung?

Peter Boettel, 20.08.2014 16:39
Wenn ich in allen Tageszeitungen immer nur Wiedergaben von Agenturmeldungen ohne eigene Recherche - und wenn, dann gleichgeschaltete - lesen muss, nimmt es nicht wunder, wenn es nicht lohnt, zwischen den noch bestehenden wenigen Pressemogulen Springer, Schaub und Bertelsmann auszuwählen. Bleiben nur noch kontext, Spiegelfechter und nachdenkseiten.

zara, 20.08.2014 15:34
Toller Artikel!! Was ich als Abonnent einer Tageszeitung tatsächlich manchmal vermisse, ist eine Haltung. Ich finde zwar Ausgewogenheit und Liberalität wichtig, jedoch ist es bei manchen Themen einfach gut zu wissen, wo "meine" Zeitung steht. Wenn diese Haltung nicht die meine sein sollte, umso besser....:-) Hieran kann ein kritischer Blick nur wachsen.

Guter Jounalismus hilft auf jeden Fall!

Floh, 20.08.2014 12:38
Meines Erachtens betreffen alle Themen 17-jährige und 70-jährige gleichermaßen. Insbesondere wenn es sich um das Alltagsleben in einer Gesellschaft handelt (Gesundheit, Verkehr, Energie, etc.) oder um weltpolitische Themen (deutsche Außenpolitik, deutsche Wirtschaftsinteressen).
Ob diese gesellschaftsrelevanten Themen 17- jährige und 70-jährige auch gleichermaßen interessieren ist m.E. einzig und allein eine Frage der Einbeziehung, der Ansprache, sprich von investigativem Journalismus.
Wer dies bestreitet unterschätzt investigativen Journalismus bzw. den Intellekt einzelner Bevölkerungsschichten bzw. -gruppen.
Jedes gesellschaftsrelevante Thema (und das sind fast alle) in unserer Gesellschaft geht ALLE an! Nur eine Frage der Aufbereitung!

Würde investigativer Journalismus Einzug halten, der die Menschen über gesellschaftlich relevantes wieder vielfältig und differenziert informiert, ihnen echte Orientierungshilfen zur eigenen Meinungsbildung anbietet, bin ich davon überzeugt, dass auch die Printmedien wieder zulegen würden!
Spezielle Websites für Feinschmecker oder besonders sportliche sind nett aber gesellschaftlich uninteressant - solche Websites packen m.E. das Übel nicht bei der Wurzel. Weder hinsichtlich der Printmedien, noch hinsichtlich gesellschaftlicher Aufklärung.

Auch wenn es so mancher nicht mehr hören kann. Für flächendeckenden investigativen Journalismus sehe ich schwarz. Hier stehen zu mächtige egoistische Interessen dagegen (niedere Beweggründe). Da müsste die Bevölkerung (und da jeder einzelne) sich schon selbst drum kümmern. Zum Beispiel indem man/frau Kontext finanziell unterstützt (siehe weiter oben, rechts neben der Titelzeile)

hajomueller, 20.08.2014 10:32
Ich hoffe, dass der Niedergang unserer Zeitungen weniger darauf zurückzuführen ist, dass die Zeitungen nicht mehr das Lebensgefühl ihrer Leser treffen, sondern dass die Leser merken, wie manupulierend die Zeitungen agieren. Deutlich sichtbar wird das derzeit in den Kommentarspalten der Leser, in denen den Journalisten (oder ihrer Zeitung) kräftig die Leviten gelesen werden.

Vielleicht könnte man den Boykott der kritischen Leser so umschreiben: Nur die allerdümmsten Kälber, finanzieren ihre Metzger selber.

Cybertronic, 20.08.2014 10:32
Wenn alle Zeitungsverleger für die Nachhaltigkeit der Bäume , was bekanntlich für die Papierverschwendung durch kurzlebige Druckerzeugnisse kommt, selbst aufkommen würden, dann wären alle schon pleite. Das wäre mal eine Hausnummer !

FernDerHeimat, 20.08.2014 06:54
Am Erfolg gerade der Kontextwochenzeitung (aber auch z.B. Heise) sieht man noch viel besser, WAS genau Schuld am Niedergang der "etablierten" Zeitungen ist - politsche Einseitigkeit, offensichtliche Befangenheit und gähnende Langweile.

Jene Leserschaft aber, die nur nicht ihre Zeitung aufschlagen will, um damit ihre kleinbürgerliche Gesinnung bestätigt zu wissen oder von ausgesuchten Belanglosigkeiten gezielt eingelullt zu werden, sucht sich zwischenzeitlich bessere Alternativen.

Genau aus diesem Grund funktionieren die kostenpflichtigen Angebote der "Etablierten" auch nicht besser als die Printausgaben.

(Ausser vielleicht als Propagandaschleudern für allerlei Bezahltrolle und Soziopathen, wenn man sich die - häufig wortgleichen - Kommentare auf STZ/STN, WELT und FAZ antut.)

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