KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Ausgabe 125
Medien

Wenn das Totenglöcklein bimmelt

Von Roger Repplinger
Datum: 21.08.2013
Die Tageszeitung hat die Erfindung des Fernsehens überlebt. Aber das Internet könnte ihr Totengräber sein. Landauf, landab verlieren die Zeitungen im Sturzflug-Tempo Leser und Anzeigenumsätze. Wie man gegensteuert, weiß offenbar niemand genau. Nicht einmal die drei Großen der Branche.

Kollege Cordt Schnibben, mit dem für Redakteure des "Spiegels" obligatorischen absoluten Gehör ausgestattet, hat das "Totenglöcklein" der Institution Tageszeitung läuten hören. Aber vielleicht bimmelt da auch nur sein eigener Tinnitus. Die Tageszeitung, so wie wir sie kennen, gibt es seit über 150 Jahren. Angesichts des Tempos, in dem sich moderne Gesellschaften wandeln, ist das was. Die Tageszeitungen haben sogar das Fernsehen überlebt. Ob das auch mit dem Internet möglich sein wird, weiß allerdings niemand. Nicht mal Schnibben.

Beim Umgang mit der Situation, in der Zeitungen sind, wenden Verlage verschiedene Strategien an. Je nachdem, ob sie die Situation als durch die Ökonomie verursacht oder als Problem der Printmedien allein oder als eines des Journalismus begreifen. Oder als die Summe von allem. Oder ob sie es gar nicht begreifen. Je nachdem treibt das bunte Blüten. Der Burda-Verlag in Offenburg macht das meiste Geld inzwischen mit dem Online-Verkauf von Tierfutter, der mittelständische Jahreszeiten-Verlag in Hamburg ("Für Sie", "Der Feinschmecker", "Merian") macht seine Magazine nur noch mit Führungskräften und freien Mitarbeitern – ohne Redaktion.

Springer setzt auf das Online-Geschäft

In Hamburg, das als Medienstadt gilt, in der es an relevanten Tageszeitungen aber nur die des Springer-Verlags gibt, kam Wind auf, als die Springer AG am 25. Juni 2013 bekannt gab, dass sie das "Hamburger Abendblatt" veräußert. Von Axel Springer gegründet, die erste Zeitung erschien am 14. Oktober 1948, Auflagenverlust seit 1998 etwa 39 Prozent. Von den 1,8 Millionen in der Hansestadt haben noch 200 000 ein Abo des "Ahmblatts". In den Großstädten, in denen die Tageszeitung, wie der Journalist und Medienwissenschaftler Robert Ezra Park 1923 erkannte, ihren Siegeszug begann, verliert sie heute mehr Auflage als auf dem Land.

Springer-Haus in Hamburg.
Springer-Haus in Hamburg.

Springer verkauft – wenn das Kartellamt zustimmt – zum 1. Januar 2014 auch die "Berliner Morgenpost" und alle Frauen- und Programmzeitschriften, darunter die "Hörzu", an die Funke-Mediengruppe aus Essen. Das Paket bringt Springer 920 Millionen Euro. Der Preis gilt in der Branche inzwischen als hoch – vielleicht war es die letzte Chance, so viel zu erzielen. Der Springer-Verlag nannte den Verkauf einen "weiteren bedeutenden Schritt bei der Umsetzung der Strategie, das führende digitale Medienunternehmen zu werden". Im Geschäftsbericht des Jahres 2012 der Springer AG steht: "Protektionistisch verteidigen wollen wir den Informationsträger Papier als solchen nicht. Warum nicht? Weil es ein Kampf ist, der nicht zu gewinnen ist. Und weil es ein Kampf ist, der gar nicht gewonnen werden sollte. [...] Publizistisch ist das Internet ohnehin längst aufregender geworden als Print. [...] Und auch wirtschaftlich ist das Internet reizvoller geworden als Medien auf Papier. Die Grenzkosten sind niedriger, die Margen oft höher, die Distribution günstiger. Ihr Geld, liebe Aktionäre, ist in einem digitalen Medienunternehmen künftig schlicht besser angelegt."

Da freuen sich die "lieben Aktionäre", andere nicht: Als der Verlag die Hamburger Mitarbeiter über den Verkauf informierte, hörte Springer-Vorstandsmitglied Andreas Wiele, der sich für die "jahrelange gute Zusammenarbeit" bedankte, Buhrufe. Denn Springer macht natürlich weiter in Papier und behält "Welt" und "Bild". Die "Welt", Auflage 225 000, liefert künftig den Mantel für die Funke-Zeitungen: "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ), "Westfalenpost" (WP), "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (NRZ), die redaktionslose "Westfälische Rundschau" (WR) und weiterhin fürs "Abendblatt". Der Mantel wird von den Zeitungen jeweils auf deren regionale Verhältnisse angepasst. Das sichert die Existenz der defizitären "Welt" – erst mal. Die Frage ist, ob die Leser des "Abendblatts" merken, dass der Verlag künftig in Essen sitzt, und die der NRW-Blätter, dass der Mantel aus Berlin kommt. Und wie sie reagieren, wenn sie es merken.

Funke kauft zu und speckt ab

Mit Portalen wie Autohaus24 GmbH und Immonet.de versucht Springer, die im Printbereich verlorenen Auto- und Immobilienanzeigen aus dem Internet zu angeln. Springer verhandelt mit der Deutschen Telekom über den Kauf der Scout24-Gruppe. Das sind Anzeigenportale wie Immobilienscout.de und Autoscout.de, sie sollen 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro kosten. Das Doppelte dessen, was die Zeitungen eingebracht haben. Und es gibt einen Konkurrenten, der um die Scout24-Gruppe mitbietet.

Springer verkauft und investiert, Funke kauft und spart. Manfred Braun, Geschäftsführer der mit einer Milliarde Euro verschuldeten Funke-Mediengruppe, sagte der Zeitschrift "MedienWirtschaft" zum radikalen Stellenabbau bei den NRW-Blättern: "Worum es uns geht, ist, das journalistische Angebot überhaupt am Leben zu erhalten." Im Übrigen ziehe er persönlich lokale und lesernahe Berichte denen mit journalistischer Qualität vor.

Die Funke-Mediengruppe kürzt und streicht an allen Standorten und auf allen Ebenen. Bei der "Westfälischen Rundschau", die nach Verlagsangaben mit einer Auflage von 115 000 Verluste in Millionenhöhe verursachte, wird versucht, eine regionale Tageszeitung mit 24 Lokalausgaben in Dortmund, im östlichen Ruhrgebiet und im südlichen Westfalen zu machen – ohne eigene Redaktion. 120 Stellen wurden abgebaut. Die redaktionellen Inhalte liefern andere Funke-Zeitungen. Das mögen die Leser offenbar nicht: Jeder dritte "Rundschau"-Abonnent zwischen Iserlohn und Lüdenscheid kündigte.

In Stuttgart sind die Probleme auch hausgemacht

Auch die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), nach Funke die Nummer zwei, kaufte und spart seither. Mal bei der "Stuttgarter Zeitung" (StZ), seit Jahren mehr bei den "Stuttgarter Nachrichten" (StN), moderater bei der "Süddeutschen" (SZ), die die größten Verluste macht und das größte Renommee der Blätter des Konzerns hat. "Wir sind, was das Verhältnis von Personalstärke und Leistungsdichte anbelangt, am Ende", sagt Uwe Kreft, bei der Gewerkschaft Verdi für die Mitglieder bei der SWMH zuständig. Für 2013 sind Personaleinsparungen nur in Stuttgart vorgesehen. "Den Stuttgarter Beschäftigten schwillt der Kamm", sagt Kreft, "es wird gefragt: "Warum nur bei uns in Stuttgart, warum nicht in München?" Unter dem Tisch, verrät Kreft, sagen die SWMH-Verantwortlichen: "Die Münchner kriegen ihr Fett auch noch ab." Das kann Taktik sein, um die SWMH-Mitarbeiter in Stuttgart zu vertrösten.

Es gibt einen schwäbischen Verleger mit eigenständiger Zeitung, der sich über die Art wundert, wie die SWMH spart: "Die 'Stuttgarter Nachrichten' sind doch als Mantelblatt für die Holding unverzichtbar. Die kaputtzusparen macht keinen Sinn." Die beiden Stuttgarter Blätter haben seit Anfang 2008 etwa 30 000 Leser und 80 Prozent ihrer Anzeigenumsätze verloren. Gerüchte sagen, dass die Entscheidung, wie viele Zeitungen Stuttgart künftig haben wird, 2014 fallen wird. Der kaufmännische Direktor der SWMH, Alexander Paasch, soll gesagt haben, "dass die beiden Stuttgarter Titel bleiben werden, aber ob diese Titel von zwei Redaktionen gemacht werden, das ist die Frage".

Das Jahr 2007 war das mit 27 Prozent Umsatzrendite beste der SWMH. In diesem Jahr fiel die Entscheidung, zu den vorhandenen 19 Prozent, die 150 Millionen Euro gekostet hatten, für 750 Millionen Euro weitere 62,5 Prozent der Anteile am Verlag der "Süddeutschen Zeitung" zu kaufen. Ohne Eigenkapital und – viel zu teuer. Heute geht fürs gleiche Geld – siehe oben – der halbe Springer-Verlag über den Tisch, während die 81,5 Prozent an der "Süddeutschen" zwar längst nicht abbezahlt, aber bestenfalls noch die Hälfte wert sind. Ein schwäbischer Verleger, der vor den Toren Stuttgarts sitzt, sagt: "Ein Kaufmann macht sein Geschäft beim Kauf. Das war also ein schlechtes."

Auch der Preis für den "Schwarzwälder Boten", den sich die SWMH ebenfalls 2007 im Zuge einer Fusion einverleibte, war mit 18 Prozent der SWMH-Anteile viel zu hoch. Ein Verleger, selbst Gesellschafter der SWMH, nennt das "Blödheit, Größenwahn, Hybris".

Hoch verschuldet und schlecht beleumundet

Funke und die SWMH sind durch ihre Investitionen hoch verschuldet. Funke mit einer Milliarde Euro, die SWMH immer noch mit knapp einer halben. "Daraus ergeben sich Schwierigkeiten, Geld in die Qualität zu investieren, wie es nötig wäre", sagt ein ehemaliger leitender Angestellter der SWMH. Nötig wäre dies, denn die StZ hat neben den branchenüblichen Problemen auch eines der Glaubwürdigkeit. Der Leserboykott begann mit einem Leitartikel zum Bahnprojekt Stuttgart 21 vom September 2010, in dem sich der stellvertretende Chefredakteur Michael Maurer zum Bahnprojekt bekannte: "Die Stuttgarter Zeitung hat schon lange eine klare Haltung zu Stuttgart 21: Wir sehen das Vorhaben positiv, weil wir in dem Ausbau der Schieneninfrastruktur eine große Chance für die Stadt, für die Region und das Land erkennen."

Pressehaus Stuttgart.
Pressehaus Stuttgart.

Der Geschäftsführer eines schwäbischen Verlags sagt: "So kann man das nicht machen, so kann man sich nicht festlegen. Das ist publizistisch ein Unding – egal ob man für oder gegen Stuttgart 21 ist." Das machen die Leser nicht mit. Ein schwäbischer Verleger meint: "Man kann eine Zeitung nicht gegen die Leser machen. Wenn man's macht, verliert man sie." Die Reaktion der SWMH auf Verluste ist immer gleich: Zeitung und Anzeigen werden bei abnehmender Qualität und Auflage teurer. Ein schwäbischer Verleger sagt: "Ich gebe denen noch sechs Monate, bis Jahresende, dann werden die, woran sie früher nie gedacht haben, was verkaufen müssen, was Geld bringt. Zum Beispiel ihre Beteiligung am Radiosender Antenne 1."

Die Funke-Gruppe glaubt ans Überleben ihrer Regional- und Lokalzeitungen, deshalb der Kauf des "Hamburger Abendblatts" und der "Berliner Morgenpost". Die SWMH hat alle Typen von Tageszeitungen: mit der "Süddeutschen" eine Zeitung mit internationaler Bedeutung, dazu Mantelzeitungen, Regional- und Lokalblätter. Der schwäbische Verleger meint, dass die SWMH schon mit der Lösung der Probleme für einen Zeitungstyp überfordert sei.

Aber für alle? "Pft", macht der Verleger, "pffft."


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Kommentare

hans, 27.02.2014 16:17
es gibt sogar zeitungen, deren auflage steigt, wenn auch langsam und von niedrigem niveau: junge welt z.b. ... die sind nicht angepasst.

kornelia, 24.08.2013 19:55
ja, das ist ja die Krux in diesem Land: alle schreien Markwirtschaft, aber wenn es sie selber betrifft dann machen sie den katatonen Karnickel"..... die Journalisten haben die Konkurenz des fokus, m.E. nie richtig angepackt, sondern ab da sind sie immer mehr in einen boulevardismus verfallen (auch die sogenannten öffentlich rechtlichen Medien, die bei Wettbewerb offensichtlich mit Dumpfbackentum antwortetten! es wird da mehr zeit mit kate und co und Börsenachrichten und den Hinweisen man solle doch lieber sofort ins Netz gehen verbracht...sind die oberdoof?)
und die schreibende Zunft? Auch sie hat nicht verstanden, dass a) die Freiberufler sie immer biliger sein lässt, und dass prinmedien immer ein nachsehen nach den schnellen Brütern Internet haben werden... doch haben sie reagiert? auch die Enthüllungen die über andere Kanäle liefen weil Journalisten in den VIP loungen oder beim kamingespräch mit der Kanzlerin waren sind an ihnen vorbeigegangen....
das System21 ist ein deutliches Zeichen, dass die Kessel-Medien vor lauter Bergen ihren job nicht gesehen haben!! Es ist ihre Aufgabe, kritische Fragen zu stellen (wie eigentlich auch der Job einer Opposition ist nervend und kritisch zu sein und nicht Presse-referent der Bahn, s.Drechsler (wo war da die kritische Zeitung?)
... und als dann die Bürger diesen Job übernahmen haben sie polemisiert, diffamiert und kriminalisiert ....den Journalismus brauch ich nicht!.... die Schreibtisch-Täter sollten sich mal ein bisschen in der Geschichte umsehen, vielleicht könnten sie ja lernen, dass nur Ausweis haben, nicht heisst das auch Journalismus drin ist!!
warum soll ich also ein Alt-Print kaufen, wenn das Netz mich besser, breiter und schneller informiert?
genau hier hätten die Journalisten sehen müssen: es braucht weiterhin den taktilen, den riechenden, den fassenden Leser...dafür braucht es aber wieder den investigativen Journalisten.... und nicht die Abnicker und Schwänzchen-Wedler (interview mit Merkel und Dorfs)

Dana Hoffmann, 23.08.2013 09:53
Danke, ich hatte den Text nicht als Teil einer Serie identifiziert. Also sind der "schwäbische Verleger mit eigenständiger Zeitung" und "der Geschäftsführer eines schwäbischen Verlags" und "ein schwäbischer Verleger, der vor den Toren Stuttgarts sitzt" verschiedene Personen? Schade, dass sich keiner von ihnen namentlich zitieren lässt...

Thomas, 23.08.2013 09:04
Ich lese ausgesprochen gerne Zeitung, auch die Lokalzeitung, trotzdem überlege ich ernsthaft, mein Abonnement zum Jahresende zu kündigen. Im Mantelteil (SWP) gibt es ohne Sinn und Verstand zusammengekürzte Agenturmeldungen und aus BILD und BUNTE abgetippten Promiklatsch, den Lokalteil macht ein Redakteur mit zwei Praktikantinnen und einem Haufen Freier. Es folgt ein üppiger Sportteil, der die Jubelmeldungen der Vereinspressesprecher ungeprüft in voller Länge wiedergibt. Themen werden nur noch angerissen, Hintergrundberichte sind Fehlanzeige. Die ganze Berichterstattung ist affirmativ, aus Angst die letzten Leser zu verprellen. Dafür brauche ich keine Zeitung.

Kontext:Wochenzeitung Redaktion, 22.08.2013 11:46
Liebe Frau Hoffmann,
unsere Serie wird sich mit sieben verschiedenen Verlagshäusern in Ba-Wü beschäftigen und erhebt damit nicht entfernt den Anspruch auf Vollständigkeit. Insofern dürfen Sie ruhig davon ausgehen, dass wir mit mehr als einem Verleger geredet haben...
Viele Grüße
Kontext:Wochenzeitung Redaktion

Dana Hoffmann, 22.08.2013 09:41
Ganz schön viele Verleger im Schwäbischen - oder kommen die Zitate alle vom selben?

Margot Imm, 21.08.2013 19:25
Bei dem Streit um Stuttgart 21 konnte man überdeutlich erkennen, daß es den einstmals in Old Germany sehr hochgelobten oder als Wähler hochgehaltenen deutsch-dümmlichen Michel nicht mehr wirklich gibt und die Bürger bei zwei Billionen Staatsschulden aus Veranwortung ganz genau hinschauen!

Die Bürger oder Wähler in Deutschland sind meines Erachtens längstens um ein Vielfaches klüger als die gegenwärtigen überversorgten Politiker und sämtliche bundesweiten Tageszeitungen sind wahrlich gut beraten, wenn sie die Leserschaft am Internet vorbei wahrheitsgetreu und ohne jegliche Scheuklappen informieren und immerzu die Fahne für die Meinungs- und Pressefreiheit in verfassungsmässig-demokratischer Manier hochgehalten wird.

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