KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Ausgabe 125
Medien

Wenn das Totenglöcklein bimmelt

Von Roger Repplinger
Datum: 21.08.2013
Die Tageszeitung hat die Erfindung des Fernsehens überlebt. Aber das Internet könnte ihr Totengräber sein. Landauf, landab verlieren die Zeitungen im Sturzflug-Tempo Leser und Anzeigenumsätze. Wie man gegensteuert, weiß offenbar niemand genau. Nicht einmal die drei Großen der Branche.

Kollege Cordt Schnibben, mit dem für Redakteure des "Spiegels" obligatorischen absoluten Gehör ausgestattet, hat das "Totenglöcklein" der Institution Tageszeitung läuten hören. Aber vielleicht bimmelt da auch nur sein eigener Tinnitus. Die Tageszeitung, so wie wir sie kennen, gibt es seit über 150 Jahren. Angesichts des Tempos, in dem sich moderne Gesellschaften wandeln, ist das was. Die Tageszeitungen haben sogar das Fernsehen überlebt. Ob das auch mit dem Internet möglich sein wird, weiß allerdings niemand. Nicht mal Schnibben.

Beim Umgang mit der Situation, in der Zeitungen sind, wenden Verlage verschiedene Strategien an. Je nachdem, ob sie die Situation als durch die Ökonomie verursacht oder als Problem der Printmedien allein oder als eines des Journalismus begreifen. Oder als die Summe von allem. Oder ob sie es gar nicht begreifen. Je nachdem treibt das bunte Blüten. Der Burda-Verlag in Offenburg macht das meiste Geld inzwischen mit dem Online-Verkauf von Tierfutter, der mittelständische Jahreszeiten-Verlag in Hamburg ("Für Sie", "Der Feinschmecker", "Merian") macht seine Magazine nur noch mit Führungskräften und freien Mitarbeitern – ohne Redaktion.

Springer setzt auf das Online-Geschäft

In Hamburg, das als Medienstadt gilt, in der es an relevanten Tageszeitungen aber nur die des Springer-Verlags gibt, kam Wind auf, als die Springer AG am 25. Juni 2013 bekannt gab, dass sie das "Hamburger Abendblatt" veräußert. Von Axel Springer gegründet, die erste Zeitung erschien am 14. Oktober 1948, Auflagenverlust seit 1998 etwa 39 Prozent. Von den 1,8 Millionen in der Hansestadt haben noch 200 000 ein Abo des "Ahmblatts". In den Großstädten, in denen die Tageszeitung, wie der Journalist und Medienwissenschaftler Robert Ezra Park 1923 erkannte, ihren Siegeszug begann, verliert sie heute mehr Auflage als auf dem Land.

Springer-Haus in Hamburg.
Springer-Haus in Hamburg.

Springer verkauft – wenn das Kartellamt zustimmt – zum 1. Januar 2014 auch die "Berliner Morgenpost" und alle Frauen- und Programmzeitschriften, darunter die "Hörzu", an die Funke-Mediengruppe aus Essen. Das Paket bringt Springer 920 Millionen Euro. Der Preis gilt in der Branche inzwischen als hoch – vielleicht war es die letzte Chance, so viel zu erzielen. Der Springer-Verlag nannte den Verkauf einen "weiteren bedeutenden Schritt bei der Umsetzung der Strategie, das führende digitale Medienunternehmen zu werden". Im Geschäftsbericht des Jahres 2012 der Springer AG steht: "Protektionistisch verteidigen wollen wir den Informationsträger Papier als solchen nicht. Warum nicht? Weil es ein Kampf ist, der nicht zu gewinnen ist. Und weil es ein Kampf ist, der gar nicht gewonnen werden sollte. [...] Publizistisch ist das Internet ohnehin längst aufregender geworden als Print. [...] Und auch wirtschaftlich ist das Internet reizvoller geworden als Medien auf Papier. Die Grenzkosten sind niedriger, die Margen oft höher, die Distribution günstiger. Ihr Geld, liebe Aktionäre, ist in einem digitalen Medienunternehmen künftig schlicht besser angelegt."

Da freuen sich die "lieben Aktionäre", andere nicht: Als der Verlag die Hamburger Mitarbeiter über den Verkauf informierte, hörte Springer-Vorstandsmitglied Andreas Wiele, der sich für die "jahrelange gute Zusammenarbeit" bedankte, Buhrufe. Denn Springer macht natürlich weiter in Papier und behält "Welt" und "Bild". Die "Welt", Auflage 225 000, liefert künftig den Mantel für die Funke-Zeitungen: "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ), "Westfalenpost" (WP), "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (NRZ), die redaktionslose "Westfälische Rundschau" (WR) und weiterhin fürs "Abendblatt". Der Mantel wird von den Zeitungen jeweils auf deren regionale Verhältnisse angepasst. Das sichert die Existenz der defizitären "Welt" – erst mal. Die Frage ist, ob die Leser des "Abendblatts" merken, dass der Verlag künftig in Essen sitzt, und die der NRW-Blätter, dass der Mantel aus Berlin kommt. Und wie sie reagieren, wenn sie es merken.

Funke kauft zu und speckt ab

Mit Portalen wie Autohaus24 GmbH und Immonet.de versucht Springer, die im Printbereich verlorenen Auto- und Immobilienanzeigen aus dem Internet zu angeln. Springer verhandelt mit der Deutschen Telekom über den Kauf der Scout24-Gruppe. Das sind Anzeigenportale wie Immobilienscout.de und Autoscout.de, sie sollen 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro kosten. Das Doppelte dessen, was die Zeitungen eingebracht haben. Und es gibt einen Konkurrenten, der um die Scout24-Gruppe mitbietet.

Springer verkauft und investiert, Funke kauft und spart. Manfred Braun, Geschäftsführer der mit einer Milliarde Euro verschuldeten Funke-Mediengruppe, sagte der Zeitschrift "MedienWirtschaft" zum radikalen Stellenabbau bei den NRW-Blättern: "Worum es uns geht, ist, das journalistische Angebot überhaupt am Leben zu erhalten." Im Übrigen ziehe er persönlich lokale und lesernahe Berichte denen mit journalistischer Qualität vor.

Die Funke-Mediengruppe kürzt und streicht an allen Standorten und auf allen Ebenen. Bei der "Westfälischen Rundschau", die nach Verlagsangaben mit einer Auflage von 115 000 Verluste in Millionenhöhe verursachte, wird versucht, eine regionale Tageszeitung mit 24 Lokalausgaben in Dortmund, im östlichen Ruhrgebiet und im südlichen Westfalen zu machen – ohne eigene Redaktion. 120 Stellen wurden abgebaut. Die redaktionellen Inhalte liefern andere Funke-Zeitungen. Das mögen die Leser offenbar nicht: Jeder dritte "Rundschau"-Abonnent zwischen Iserlohn und Lüdenscheid kündigte.

In Stuttgart sind die Probleme auch hausgemacht

Auch die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), nach Funke die Nummer zwei, kaufte und spart seither. Mal bei der "Stuttgarter Zeitung" (StZ), seit Jahren mehr bei den "Stuttgarter Nachrichten" (StN), moderater bei der "Süddeutschen" (SZ), die die größten Verluste macht und das größte Renommee der Blätter des Konzerns hat. "Wir sind, was das Verhältnis von Personalstärke und Leistungsdichte anbelangt, am Ende", sagt Uwe Kreft, bei der Gewerkschaft Verdi für die Mitglieder bei der SWMH zuständig. Für 2013 sind Personaleinsparungen nur in Stuttgart vorgesehen. "Den Stuttgarter Beschäftigten schwillt der Kamm", sagt Kreft, "es wird gefragt: "Warum nur bei uns in Stuttgart, warum nicht in München?" Unter dem Tisch, verrät Kreft, sagen die SWMH-Verantwortlichen: "Die Münchner kriegen ihr Fett auch noch ab." Das kann Taktik sein, um die SWMH-Mitarbeiter in Stuttgart zu vertrösten.

Es gibt einen schwäbischen Verleger mit eigenständiger Zeitung, der sich über die Art wundert, wie die SWMH spart: "Die 'Stuttgarter Nachrichten' sind doch als Mantelblatt für die Holding unverzichtbar. Die kaputtzusparen macht keinen Sinn." Die beiden Stuttgarter Blätter haben seit Anfang 2008 etwa 30 000 Leser und 80 Prozent ihrer Anzeigenumsätze verloren. Gerüchte sagen, dass die Entscheidung, wie viele Zeitungen Stuttgart künftig haben wird, 2014 fallen wird. Der kaufmännische Direktor der SWMH, Alexander Paasch, soll gesagt haben, "dass die beiden Stuttgarter Titel bleiben werden, aber ob diese Titel von zwei Redaktionen gemacht werden, das ist die Frage".

Das Jahr 2007 war das mit 27 Prozent Umsatzrendite beste der SWMH. In diesem Jahr fiel die Entscheidung, zu den vorhandenen 19 Prozent, die 150 Millionen Euro gekostet hatten, für 750 Millionen Euro weitere 62,5 Prozent der Anteile am Verlag der "Süddeutschen Zeitung" zu kaufen. Ohne Eigenkapital und – viel zu teuer. Heute geht fürs gleiche Geld – siehe oben – der halbe Springer-Verlag über den Tisch, während die 81,5 Prozent an der "Süddeutschen" zwar längst nicht abbezahlt, aber bestenfalls noch die Hälfte wert sind. Ein schwäbischer Verleger, der vor den Toren Stuttgarts sitzt, sagt: "Ein Kaufmann macht sein Geschäft beim Kauf. Das war also ein schlechtes."

Auch der Preis für den "Schwarzwälder Boten", den sich die SWMH ebenfalls 2007 im Zuge einer Fusion einverleibte, war mit 18 Prozent der SWMH-Anteile viel zu hoch. Ein Verleger, selbst Gesellschafter der SWMH, nennt das "Blödheit, Größenwahn, Hybris".

Hoch verschuldet und schlecht beleumundet

Funke und die SWMH sind durch ihre Investitionen hoch verschuldet. Funke mit einer Milliarde Euro, die SWMH immer noch mit knapp einer halben. "Daraus ergeben sich Schwierigkeiten, Geld in die Qualität zu investieren, wie es nötig wäre", sagt ein ehemaliger leitender Angestellter der SWMH. Nötig wäre dies, denn die StZ hat neben den branchenüblichen Problemen auch eines der Glaubwürdigkeit. Der Leserboykott begann mit einem Leitartikel zum Bahnprojekt Stuttgart 21 vom September 2010, in dem sich der stellvertretende Chefredakteur Michael Maurer zum Bahnprojekt bekannte: "Die Stuttgarter Zeitung hat schon lange eine klare Haltung zu Stuttgart 21: Wir sehen das Vorhaben positiv, weil wir in dem Ausbau der Schieneninfrastruktur eine große Chance für die Stadt, für die Region und das Land erkennen."

Pressehaus Stuttgart.
Pressehaus Stuttgart.

Der Geschäftsführer eines schwäbischen Verlags sagt: "So kann man das nicht machen, so kann man sich nicht festlegen. Das ist publizistisch ein Unding – egal ob man für oder gegen Stuttgart 21 ist." Das machen die Leser nicht mit. Ein schwäbischer Verleger meint: "Man kann eine Zeitung nicht gegen die Leser machen. Wenn man's macht, verliert man sie." Die Reaktion der SWMH auf Verluste ist immer gleich: Zeitung und Anzeigen werden bei abnehmender Qualität und Auflage teurer. Ein schwäbischer Verleger sagt: "Ich gebe denen noch sechs Monate, bis Jahresende, dann werden die, woran sie früher nie gedacht haben, was verkaufen müssen, was Geld bringt. Zum Beispiel ihre Beteiligung am Radiosender Antenne 1."

Die Funke-Gruppe glaubt ans Überleben ihrer Regional- und Lokalzeitungen, deshalb der Kauf des "Hamburger Abendblatts" und der "Berliner Morgenpost". Die SWMH hat alle Typen von Tageszeitungen: mit der "Süddeutschen" eine Zeitung mit internationaler Bedeutung, dazu Mantelzeitungen, Regional- und Lokalblätter. Der schwäbische Verleger meint, dass die SWMH schon mit der Lösung der Probleme für einen Zeitungstyp überfordert sei.

Aber für alle? "Pft", macht der Verleger, "pffft."


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Kommentare

hans, 27.02.2014 16:17
es gibt sogar zeitungen, deren auflage steigt, wenn auch langsam und von niedrigem niveau: junge welt z.b. ... die sind nicht angepasst.

kornelia, 24.08.2013 19:55
ja, das ist ja die Krux in diesem Land: alle schreien Markwirtschaft, aber wenn es sie selber betrifft dann machen sie den katatonen Karnickel"..... die Journalisten haben die Konkurenz des fokus, m.E. nie richtig angepackt, sondern ab da sind sie immer mehr in einen boulevardismus verfallen (auch die sogenannten öffentlich rechtlichen Medien, die bei Wettbewerb offensichtlich mit Dumpfbackentum antwortetten! es wird da mehr zeit mit kate und co und Börsenachrichten und den Hinweisen man solle doch lieber sofort ins Netz gehen verbracht...sind die oberdoof?)
und die schreibende Zunft? Auch sie hat nicht verstanden, dass a) die Freiberufler sie immer biliger sein lässt, und dass prinmedien immer ein nachsehen nach den schnellen Brütern Internet haben werden... doch haben sie reagiert? auch die Enthüllungen die über andere Kanäle liefen weil Journalisten in den VIP loungen oder beim kamingespräch mit der Kanzlerin waren sind an ihnen vorbeigegangen....
das System21 ist ein deutliches Zeichen, dass die Kessel-Medien vor lauter Bergen ihren job nicht gesehen haben!! Es ist ihre Aufgabe, kritische Fragen zu stellen (wie eigentlich auch der Job einer Opposition ist nervend und kritisch zu sein und nicht Presse-referent der Bahn, s.Drechsler (wo war da die kritische Zeitung?)
... und als dann die Bürger diesen Job übernahmen haben sie polemisiert, diffamiert und kriminalisiert ....den Journalismus brauch ich nicht!.... die Schreibtisch-Täter sollten sich mal ein bisschen in der Geschichte umsehen, vielleicht könnten sie ja lernen, dass nur Ausweis haben, nicht heisst das auch Journalismus drin ist!!
warum soll ich also ein Alt-Print kaufen, wenn das Netz mich besser, breiter und schneller informiert?
genau hier hätten die Journalisten sehen müssen: es braucht weiterhin den taktilen, den riechenden, den fassenden Leser...dafür braucht es aber wieder den investigativen Journalisten.... und nicht die Abnicker und Schwänzchen-Wedler (interview mit Merkel und Dorfs)

Dana Hoffmann, 23.08.2013 09:53
Danke, ich hatte den Text nicht als Teil einer Serie identifiziert. Also sind der "schwäbische Verleger mit eigenständiger Zeitung" und "der Geschäftsführer eines schwäbischen Verlags" und "ein schwäbischer Verleger, der vor den Toren Stuttgarts sitzt" verschiedene Personen? Schade, dass sich keiner von ihnen namentlich zitieren lässt...

Thomas, 23.08.2013 09:04
Ich lese ausgesprochen gerne Zeitung, auch die Lokalzeitung, trotzdem überlege ich ernsthaft, mein Abonnement zum Jahresende zu kündigen. Im Mantelteil (SWP) gibt es ohne Sinn und Verstand zusammengekürzte Agenturmeldungen und aus BILD und BUNTE abgetippten Promiklatsch, den Lokalteil macht ein Redakteur mit zwei Praktikantinnen und einem Haufen Freier. Es folgt ein üppiger Sportteil, der die Jubelmeldungen der Vereinspressesprecher ungeprüft in voller Länge wiedergibt. Themen werden nur noch angerissen, Hintergrundberichte sind Fehlanzeige. Die ganze Berichterstattung ist affirmativ, aus Angst die letzten Leser zu verprellen. Dafür brauche ich keine Zeitung.

Kontext:Wochenzeitung Redaktion, 22.08.2013 11:46
Liebe Frau Hoffmann,
unsere Serie wird sich mit sieben verschiedenen Verlagshäusern in Ba-Wü beschäftigen und erhebt damit nicht entfernt den Anspruch auf Vollständigkeit. Insofern dürfen Sie ruhig davon ausgehen, dass wir mit mehr als einem Verleger geredet haben...
Viele Grüße
Kontext:Wochenzeitung Redaktion

Dana Hoffmann, 22.08.2013 09:41
Ganz schön viele Verleger im Schwäbischen - oder kommen die Zitate alle vom selben?

Margot Imm, 21.08.2013 19:25
Bei dem Streit um Stuttgart 21 konnte man überdeutlich erkennen, daß es den einstmals in Old Germany sehr hochgelobten oder als Wähler hochgehaltenen deutsch-dümmlichen Michel nicht mehr wirklich gibt und die Bürger bei zwei Billionen Staatsschulden aus Veranwortung ganz genau hinschauen!

Die Bürger oder Wähler in Deutschland sind meines Erachtens längstens um ein Vielfaches klüger als die gegenwärtigen überversorgten Politiker und sämtliche bundesweiten Tageszeitungen sind wahrlich gut beraten, wenn sie die Leserschaft am Internet vorbei wahrheitsgetreu und ohne jegliche Scheuklappen informieren und immerzu die Fahne für die Meinungs- und Pressefreiheit in verfassungsmässig-demokratischer Manier hochgehalten wird.

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