KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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SWMH auf Shopping-Tour: Die "Eßlinger Zeitung" hat sie jetzt auch in der Tasche. Foto und Montage: Joachim E. Röttgers

SWMH auf Shopping-Tour: Die "Eßlinger Zeitung" hat sie jetzt auch in der Tasche. Foto und Montage: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 291
Medien

Die STZN-EZ

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 26.10.2016
Die Krake SWMH schluckt die kleine "Eßlinger Zeitung", rührt sie in ihren Einheitsbrei, und die Verlegerin sagt, sie müsse verkaufen, weil der Sohn nicht nachfolgen will. Tatsächlich will sie Kasse machen, bevor es zu spät ist. Ein Lehrstück aus dem deutschen Pressewesen.

Ja, sie habe mit den Tränen gekämpft, die Verlegerin, berichten die Beschäftigten. Sehr nervös und fahrig sei Christine Bechtle-Kobarg (BeKo) gewesen, an jenem Mittwoch, den 5. Oktober, um 14.30 Uhr in der Kantine, als sie den Verkauf verkündete. Sie habe dies "schweren Herzens" entschieden, sagte die 61-Jährige, allerdings aus guten Gründen. Erstens benötige der Verlag eine "starke Hand" in diesen schweren Zeiten, zweitens sehe sich ihr Sohn Sebastian nicht in diesem Business. Das habe er in der Woche zuvor final befunden. Und weil das alles so frisch sei, könne sie keine Fragen beantworten.

´Von denen hätten sie, die kalt Erwischten, noch viele gehabt. Warum gerade jetzt, wo sie, die Eigentümerin, doch immer versichert hat, nicht verkaufen zu wollen? Noch vor einem Monat, im Branchendienst "Kress", hatte sie betont, sie bleibe Verlegerin, führe die Geschäfte weiter. Das sei "alles machbar". Und jetzt der Besitzerwechsel, nur weil der Filius nicht will? Nur weil sie plötzlich entdeckt hat, dass die starke Hand das Stuttgarter Pressehaus ist, ein verlässlicher Mitgesellschafter seit 22 Jahren, vor dem auch ihr Personal keine Angst haben müsse. Richard Rebmann, der Boss auf dem Möhringer Berg, sei ein angenehmer Gesprächspartner und führe gewiss nichts Schlimmes im Schilde. Alles bleibe beim Alten. So sprach sie vor der Belegschaft, die sich nun fragt, wer in welcher Wirklichkeit lebt. "Natürlich geht jetzt die Angst um", sagt ein Redakteur, der um Anonymität bittet, weil er nicht zu den ersten Opfern gehören will.

In Esslingen steht alles zur Disposition – auch die Redaktion

Er kennt die Verlegerprosa, die von "Synergien" spricht und Arbeitsplatzvernichtung meint. Die "Eßlinger Zeitung" ist dafür wie gemalt, was der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) nicht verborgen geblieben ist. Lediglich das Kartellamt – und der 2012 verstorbene Patriarch Otto Wolfgang Bechtle – haben bisher verhindert, dass die Zeitungskrake mehr als 24 Prozent an dem Traditionsblatt halten konnte. Jetzt, im Zuge der Lockerung des Kartellrechts, ist es so weit. Damit steht alles zur Disposition, was sich unter dem verschleiernden Begriff "Doppelstrukturen" versammelt: Druck, Vertrieb, Anzeigen, IT, Lohn- und Gehaltsabteilung. In Menschenzahlen: rund 300.

Besonders bitter ist es für die Redaktion. Die "Eßlinger Zeitung" (EZ) war bis dato ein eigenständiges Blatt mit einer Mantel- und Lokalredaktion, das sich dem Verlegermotto verpflichtet sah: "Esslingen und die Region liegen uns am Herzen." In der Lokalausgabe Esslingen mag das noch eine Weile funktionieren, aber was wird aus Cannstatt und Untertürkheim, wo die Stuttgarter jetzt schon mit ihren sublokalen Erzeugnissen, den fünften Büchern, präsent sind? Und was ist mit dem Rest der Welt? Der findet im Mantel statt, den zwölf KollegInnen produzieren, von der Politik über Wirtschaft, Kultur und Sport. Dieser Teil ist mit einem Knopfdruck auszutauschen, weil das Zeitungsformat dasselbe ist. Nichts leichter, als die Seiten der "Stuttgarter Zeitung" oder der "Stuttgarter Nachrichten" voranzustellen, wobei das eher eine kosmetische Frage ist, nachdem die Blätter inhaltlich weitgehend identisch sind. Am Ende dürfte eine STZNEZ stehen, die so tut, als wäre sie eine "Eßlinger Zeitung". Wenigstens im Titel.

Das waren noch Zeiten: Christine Bechtle-Kobarg mit Vater Otto Wolfgang Bechtle 1998. Foto: dpa/Fotoreport
Das waren noch Zeiten: Christine Bechtle-Kobarg mit Vater Otto Wolfgang Bechtle 1998. Foto: dpa/Fotoreport

Was waren das noch für Zeiten, als der stockkonservative Haudegen Otto Wolfgang Bechtle (OWB) die EZ regierte. Von 1947 bis 2012. Als einer der "profiliertesten Verfechter der Pressevielfalt" (Günther Oettinger), Kämpfer gegen die Monopole und für die kleinen Verlage. Das erschien ihm wichtig, was ihn freilich nicht daran hinderte, die "Bild"-Zeitung zu drucken und damit Millionen zu scheffeln. Die Schmährufe von damals, von den APO-Rüpeln ("Bechtle, Bechtle, Springers Knechtle"), hat er des Kontos halber in Kauf genommen. Sie sind längst Geschichte, die enormen Profite allerdings auch. Und damit kommen wir zu des Pudels Kern. Zum Geld.

Die "Eßlinger Zeitung" war, wie alle Regionalzeitungen, eine Goldgrube. Noch im Jahr 2007, als das Gewerbe schon am Rutschen war, verbuchte die Bechtle-Gruppe, laut Bundesanzeiger, einen operativen Gewinn (Ebita) von 13 Millionen Euro, bei einem Umsatz von 83,5 Millionen Euro. Sieben Jahre später waren es "nur" noch 5,5 Millionen Euro, der Umsatz war auf 68 Millionen Euro gesunken. Neuere Bilanzen sind nicht bekannt, dürften aber weiter rückläufig sein, weil die EZ im Trend liegt – bei den teils dramatischen Rückgängen im Abo-, Anzeigen- und Druckbereich. Laut IVW (Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) verzeichnet das gedruckte Bechtle-Blatt seit 2007 ein Minus von 15,7 Prozent bei den Abonnements und im Einzelverkauf. Bei STZ und StN sind es sogar 28,6 Prozent.

Das macht die Verleger nervös. Über Jahrzehnte verwöhnt von traumhaften Renditen, seit Jahren ohne Rezept, den Niedergang aufzuhalten, verstört zuschauend, wie ihre Unternehmen Jahr für Jahr an Wert verlieren – das verführt zu digitaler Don Quichotterie oder zum Ausstieg. Christine Bechtle-Kobarg, der ein genaues Auge auf die Börse nachgesagt wird, hat sich für Letzteres entschieden. Sie gibt der gedruckten Zeitung keine Zukunft mehr. Also höchste Zeit, Kasse zu machen.

Link zur Aufstellung der Beteiligungen der SWMH

Nun wissen wir, dass Geld nicht alles ist. Ein Herr oder eine Herrin über eine Zeitung ist nicht irgendwer. Zumindest in einer Stadt oder Region sind sie so wichtig wie ein Oberbürgermeister oder Landrat oder noch wichtiger. Selbstverständlich auch die EZ-Verlegerin. Mit dem OB per Du, im Südwestdeutschen Zeitungsverlegerverband (der Heimat von Pressevielfalt) im Vorstand, im Kuratorium des "Kinderfreundlichen Stuttgart", im Universitätsrat der Uni Hohenheim, in der "Wirtschaftswoche" mit der Aufforderung, Stuttgart 21 umzusetzen, beim Bundespräsidenten, um das Verdienstkreuz abzuholen, bei den Grünen zu Gast, um Schwarz-Grün zu festigen.

Auch das muss sein, hat aber den Nachteil, dass das Privatleben darunter leidet. EZ-Betriebsräte kennen ihre Nöte, die Klagen, ihr Mann sehe sie zu selten, wolle mehr mit ihr reisen. Bernd Kobarg (71) hätte die Zeit, seitdem er als Geschäftsführer des Deutschen Sparkassenverlags 2011 ausgeschieden ist. Der ehemalige Honorarkonsul der Republik Polen wird sich über die neue Work-Life-Balance freuen.

In der Tat, die Belastung wird weniger werden. Christine Bechtle-Kobarg bleibt zwar Herausgeberin der "Eßlinger Zeitung" mit eigenem Büro, doch das ist ein eher undefiniertes Amt, das den notwendigen Repräsentationsbedürfnissen dient. Auch die von Richard Rebmann per Pressemitteilung hinausgeschickte Erklärung, sie beende ihr "direktes unternehmerisches Engagement", bleibe durch ihre Beteiligung an der SWMH (0,77 Prozent) aber aktiv, verspricht ausreichend Zeit für Kreuzfahrten. Auch im ruhigen Gewissen, dass sich Rebmann auf die "künftig noch engere Zusammenarbeit" zwischen Stuttgart und Esslingen freut.

Von Protesten ist bisher nichts zu spüren

Das ist zu glauben. Auf einen Schlag erhöht er die stark bröckelnde STZN-Auflage um knapp 40 000, was wiederum seine Anzeigenabteilung freut, die mit größerer Reichweite locken kann. Zu Beginn des neuen Jahres, so der Plan, wird er einen Geschäftsführer in Esslingen installieren, der sich die "Synergien" und "Doppelstrukturen" anschauen wird, und die Chefredaktionen der STZN haben darüber nachzudenken, ob sie in der Großen Kreisstadt noch ein eigenes Büro brauchen, dessen Leiter auf ebenso trautem Fuß mit dem OB steht.

Widerstand hat SWMH-Chef Rebmann nicht zu erwarten. Die Übernahme kommt wie Blitz und Hagelschlag, als Naturgesetz sozusagen, wie die Pflichtmeldungen der Gewerkschaften. Am schärfsten formuliert noch Dagmar Lange, die Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, wenn sie beklagt, die SWMH trage die Medien- und Meinungsvielfalt "zu Grabe". Unter der Überschrift "SWMH wächst weiter" vermerkt Uwe Kreft, der Konzernbetreuer von Verdi, es wäre "naiv zu glauben, dass alles so bleibt, wie es ist", es sei aber der "Versuch zu unternehmen", möglichst viele Arbeitsplätze am Standort Esslingen zu erhalten und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Und die Betroffenen schweigen, auf Empfehlung der Gewerkschaft.

Mit seinem Saftladen geht Sebastian Kobarg (rechts) gerne in die Presse. Screenshot: www.mittelbayerische.de
Mit seinem Saftladen geht Sebastian Kobarg (rechts) gerne in die Presse. Screenshot: www.mittelbayerische.de

Nichts sagen will auch die Familie Bechtle. "Kein Interview", antwortet die Noch-Verlegerin auf Kontext-Anfrage, und ihr Sohn Sebastian teilt mit, es sei richtig, dass er "für eine Nachfolge meiner Mutter in Esslingen nicht zur Verfügung" stehe. Man möge aber Verständnis dafür haben, wenn er keine "weiteren Stellungnahmen abgeben" wolle. Das ist echt schade, weil der 27-Jährige, der am Verkauf der EZ schuld sein soll, so einiges zu erzählen hätte. Zum Beispiel, wie es kommt, dass ein Diplom-Kaufmann und Doktorand an der TU München, einer, der bei Bosch, BMW und Ernst & Young Praktika gemacht hat, nicht Verleger werden will?

Sebastian Kobarg hat sich für etwas anderes entschieden. Er hat einen Bio-Saftladen in München aufgemacht. Dort werkelt er daran, zusammen mit zwei Kumpels, Gurke, Spinat, Sellerie, Grünkohl und Ingwer zu Drinks zu verflüssigen, die so hübsche Namen tragen wie "Karotte Kid" oder "Big Melons". Kalt gepresst und voll nachhaltig. Das Startup heißt "Antidote", übersetzt Gegengift.


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Kommentare

Fritz, 30.10.2016 07:36
Und zweimal im Sinne der Auftraggeber gepostet hält besser. Gell, "Fred Heine"?

Fred Heine, 28.10.2016 17:53
"Tatsächlich will sie Kasse machen, bevor es zu spät ist."

Sie hat die Zeichen der Zeit einfach erkannt, deshalb Hut ab! Wo ist denn das Problem? Ob StZ, StN, EZ oder Untertürkheimer Zeitung – man muss doch nur unter der Woche eines der Blätter durchblättern, um zu sehen, woran sie kranken. Der Werbemarkt hat sich extrem zurückgezogen. Die Zeitungen kämpfen ums Überleben. Alleine mit dem Copy-Preis ist die Qualität der Arbeit nicht zu bezahlen.

Bevor es zu spät ist, hat sie verkauft. Das ist gut so. Sollte sie warten, bis es tatsächlich zu spät ist?

by-the-way, 27.10.2016 20:55
... braucht irgendjemand den SWHM-Propaganda-Müll wirklich?

Wäre es tatsächlich ein Verlust der Presse"freiheit" wenn es diese Medien nicht mehr geben würde?

Die "Esslinger Zeitung" ist im übrigen ein Stuttgart21-Proler-Blatt.

Also "Weg damit" - kritischen investigativen Journalismus können die sowieso nicht.

Das haben sie bewiesen.
Schlichtweg überflüssig!!

alex, 27.10.2016 10:59
Trends verschlafen, Pech gehabt. Die SWMH übrigens auch...

Wolfgang Borgmann, 26.10.2016 16:45
oben "Kir royal", unten Saftpresse - gut, dass es Kontext gibt.
Gruß
Bob

Benno Mehring, 26.10.2016 13:33
Mit diesem Beitrag wird Kontext zur Abwechslung mal wieder seiner Funktion als Alternative zum Einheitsbrei aus dem Möhringer Pressehaus voll gerecht. Der Mann, der in Rebmanns Auftrag die Synergien bei Bechtle Druck und Medien inklusive EZ aufspüren darf, ist schon fleißig zu Gange und soll zunächst mal für sechs Monate die Herausgeberin "entlasten": Andreas Heinkel, vordem für Verleger Ippen bei MM/tz in München im Einsatz. Exakt zwei Jahre und zwei Monate lang.

printfan, 26.10.2016 13:29
Liebe Redaktion,

Ihre Frage "wie es kommt, dass ein Diplom-Kaufmann und Doktorand an der TU München, einer, der bei Bosch, BMW und Ernst & Young Praktika gemacht hat, nicht Verleger werden will?" haben Sie mit dem Link zum Startup des zukünftigen Verlagserben selbst beantwortet.

Warum sollte er in ein Geschäft einsteigen, das sich offensichtlich im "trading down" befindet, wo es mehr um kaufmännische Kniffe geht, etwas lange Bestehendes zu optimieren, statt um den Aufbau eines wirklich neuen Geschäfts? Vielleicht wird er ja später noch Verleger und es gibt eine Zeitschrift zum Saft, eine mobile App, Events oder was auch immer heute funktioniert (und evt. auch morgen noch).

Ein weiterer Aspekt dürfte der Generationsunterschied sein. Es ist gar nicht so leicht, mit einer deutlich älteren Generation, die wirklich große Zeiten hinter sich hat, an der Zukunft zu arbeiten. Es verbindet einen einfach zu wenig Gemeinsames und dadurch sind alle Schritte eher mühsam, wo sie unter Gleichaltrigen leicht fallen. Der Autor des Saftartikels beschreibt es ja ganz gut, wie mit einer gewissen Leichtigkeit bei aller harter Arbeit, die dahinter steckt, ein neues Unternehmen entsteht. Wer weiß, vielleicht verkaufen es die Gründer später an einen Konzern und gründen dann wieder neu, vielleicht auch Verlage.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es sich hart anfühlt für die Mitarbeiter eines Familienunternehmens, verkauft zu werden, weil es keine Nachfolge gibt - aber das ist immer häufiger anzutreffen. An sich ist es ja gut, wenn nun ein weiterer Verleger mit Herzblut in der Holding als Gesellschafter wirken kann - mir fehlen dazu aber die Hintergrundinformationen, um das beurteilen zu können.

In den USA bleiben selbst Medienunternehmen mit Milliardengewinnen nicht mehr selbständig, weil sie auf sich alleine gestellt, die Herausforderungen der Zukunft fürchten (müssen).

Mein Fazit: die Zeiten ändern sich wirklich dramatisch und man sollte froh sein, wenn es noch Käufer für Medienunternehmen gibt - denn "optimiert" wird auch ohne Verkauf, das liest man fast jeden Tag oder hört es aus den Redaktionen.

Christina Samel, 26.10.2016 13:15
Dann bleibt der Familie wenigstens EIN SAFTLADEN erhalten.

Fritz, 26.10.2016 05:39
Wow! Was für ein Artikel!

Passend zum Einheitsblock kommt noch die SZ, die ihren Online-Lesern auch noch den Adblock verbieten will*.

Die einzige Lösung für den Konsumenten besteht darin, diese Postillen nicht mehr zu lesen. Weg damit! Beim Lügen hat man sie in den letzten Jahren sowieso viel zu oft überführt.

Es gibt bessere Alternativen. Und die liegen nicht fern. Man muss da einfach nur im Kontext bleiben.


* Das Hauptproblem für die Mehrheit der Kritiker ist übrigens nicht die Werbung, sondern die sog. Tracker.

Harald A.+Irmer, 26.10.2016 03:37
Gefärbtes, totes Holz

Irgendwann gibt es hierzulande nur noch eine Zeitung, die "Nordwest"-Zeitung, mit dem Mantel der globalen "Welt"-Zeitung und Lokalteil für die nordwestliche Welt. Und nachher gar keine Zeitung mehr. - So, what?
Es gibt inzwischen andere Kommunikationsmittel.

Alles hat seine Zeit. Sage ich, mit 60 Jahren.

marion kuster, 26.10.2016 00:52
Otto Wolfgang Bechtle wird im Grab rotieren, das steht fest:
Seine Tochter verschachert sein Lebenswerk an einen planlosen nervösen Konzern, der auch diesen Auflagenzuwachs ( wie zuvor schon den der Leonberger Zeitung) innerhalb weniger Jahre vervespern wird.
Und Esslingen wird derweil immer mehr zur langweiligen Schlafstadt Stuttgarts: keinProfil, kein Ehrgeiz, kein Nachtleben und nun auch keine eigene Meinung und Presse mehr. Esslingen (insbesondere die dortige Fußgängerzone) präsentiert sich als endloses Cafe für gelangweilte wohlsituierte Vorstädter. Zum Einkaufen gehen die Bewohner fast alle nach Stuttgart oder Metzingen.
Insofern kann man den Sohn Kobarg verstehen, München macht auf jeden Fall deutlich mehr Spaß.
Wie man eine Stadt schrittweise kaputtmachen kann, sieht man wunderbar in der traditionellen SPD-Hochburg: Kein Biss, keine Vision, sondern seit Jahren nur Kungelei. Dass OB Zieger sich zum Verlust der eigenständigen Zeitung nicht äußert und somit mal wieder keine ernsthafte Stellung als Stadtoberhaupt bezieht, ist folgerichtig und passt zu ihm und seiner Partei. Sein blasser Gemeinderat wird ihm wohl auch hier nicht in die Quere kommen.
Unertürkheim, Obertürkheim, Esslingen, Altbach, Plochingen: ich sehe wirklich keine Unterschiede mehr. Überall hält die S-Bahn.

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