KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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SWMH auf Shopping-Tour: Die "Eßlinger Zeitung" hat sie jetzt auch in der Tasche. Foto und Montage: Joachim E. Röttgers

SWMH auf Shopping-Tour: Die "Eßlinger Zeitung" hat sie jetzt auch in der Tasche. Foto und Montage: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 291
Medien

Die STZN-EZ

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 26.10.2016
Die Krake SWMH schluckt die kleine "Eßlinger Zeitung", rührt sie in ihren Einheitsbrei, und die Verlegerin sagt, sie müsse verkaufen, weil der Sohn nicht nachfolgen will. Tatsächlich will sie Kasse machen, bevor es zu spät ist. Ein Lehrstück aus dem deutschen Pressewesen.

Ja, sie habe mit den Tränen gekämpft, die Verlegerin, berichten die Beschäftigten. Sehr nervös und fahrig sei Christine Bechtle-Kobarg (BeKo) gewesen, an jenem Mittwoch, den 5. Oktober, um 14.30 Uhr in der Kantine, als sie den Verkauf verkündete. Sie habe dies "schweren Herzens" entschieden, sagte die 61-Jährige, allerdings aus guten Gründen. Erstens benötige der Verlag eine "starke Hand" in diesen schweren Zeiten, zweitens sehe sich ihr Sohn Sebastian nicht in diesem Business. Das habe er in der Woche zuvor final befunden. Und weil das alles so frisch sei, könne sie keine Fragen beantworten.

´Von denen hätten sie, die kalt Erwischten, noch viele gehabt. Warum gerade jetzt, wo sie, die Eigentümerin, doch immer versichert hat, nicht verkaufen zu wollen? Noch vor einem Monat, im Branchendienst "Kress", hatte sie betont, sie bleibe Verlegerin, führe die Geschäfte weiter. Das sei "alles machbar". Und jetzt der Besitzerwechsel, nur weil der Filius nicht will? Nur weil sie plötzlich entdeckt hat, dass die starke Hand das Stuttgarter Pressehaus ist, ein verlässlicher Mitgesellschafter seit 22 Jahren, vor dem auch ihr Personal keine Angst haben müsse. Richard Rebmann, der Boss auf dem Möhringer Berg, sei ein angenehmer Gesprächspartner und führe gewiss nichts Schlimmes im Schilde. Alles bleibe beim Alten. So sprach sie vor der Belegschaft, die sich nun fragt, wer in welcher Wirklichkeit lebt. "Natürlich geht jetzt die Angst um", sagt ein Redakteur, der um Anonymität bittet, weil er nicht zu den ersten Opfern gehören will.

In Esslingen steht alles zur Disposition – auch die Redaktion

Er kennt die Verlegerprosa, die von "Synergien" spricht und Arbeitsplatzvernichtung meint. Die "Eßlinger Zeitung" ist dafür wie gemalt, was der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) nicht verborgen geblieben ist. Lediglich das Kartellamt – und der 2012 verstorbene Patriarch Otto Wolfgang Bechtle – haben bisher verhindert, dass die Zeitungskrake mehr als 24 Prozent an dem Traditionsblatt halten konnte. Jetzt, im Zuge der Lockerung des Kartellrechts, ist es so weit. Damit steht alles zur Disposition, was sich unter dem verschleiernden Begriff "Doppelstrukturen" versammelt: Druck, Vertrieb, Anzeigen, IT, Lohn- und Gehaltsabteilung. In Menschenzahlen: rund 300.

Besonders bitter ist es für die Redaktion. Die "Eßlinger Zeitung" (EZ) war bis dato ein eigenständiges Blatt mit einer Mantel- und Lokalredaktion, das sich dem Verlegermotto verpflichtet sah: "Esslingen und die Region liegen uns am Herzen." In der Lokalausgabe Esslingen mag das noch eine Weile funktionieren, aber was wird aus Cannstatt und Untertürkheim, wo die Stuttgarter jetzt schon mit ihren sublokalen Erzeugnissen, den fünften Büchern, präsent sind? Und was ist mit dem Rest der Welt? Der findet im Mantel statt, den zwölf KollegInnen produzieren, von der Politik über Wirtschaft, Kultur und Sport. Dieser Teil ist mit einem Knopfdruck auszutauschen, weil das Zeitungsformat dasselbe ist. Nichts leichter, als die Seiten der "Stuttgarter Zeitung" oder der "Stuttgarter Nachrichten" voranzustellen, wobei das eher eine kosmetische Frage ist, nachdem die Blätter inhaltlich weitgehend identisch sind. Am Ende dürfte eine STZNEZ stehen, die so tut, als wäre sie eine "Eßlinger Zeitung". Wenigstens im Titel.

Das waren noch Zeiten: Christine Bechtle-Kobarg mit Vater Otto Wolfgang Bechtle 1998. Foto: dpa/Fotoreport
Das waren noch Zeiten: Christine Bechtle-Kobarg mit Vater Otto Wolfgang Bechtle 1998. Foto: dpa/Fotoreport

Was waren das noch für Zeiten, als der stockkonservative Haudegen Otto Wolfgang Bechtle (OWB) die EZ regierte. Von 1947 bis 2012. Als einer der "profiliertesten Verfechter der Pressevielfalt" (Günther Oettinger), Kämpfer gegen die Monopole und für die kleinen Verlage. Das erschien ihm wichtig, was ihn freilich nicht daran hinderte, die "Bild"-Zeitung zu drucken und damit Millionen zu scheffeln. Die Schmährufe von damals, von den APO-Rüpeln ("Bechtle, Bechtle, Springers Knechtle"), hat er des Kontos halber in Kauf genommen. Sie sind längst Geschichte, die enormen Profite allerdings auch. Und damit kommen wir zu des Pudels Kern. Zum Geld.

Die "Eßlinger Zeitung" war, wie alle Regionalzeitungen, eine Goldgrube. Noch im Jahr 2007, als das Gewerbe schon am Rutschen war, verbuchte die Bechtle-Gruppe, laut Bundesanzeiger, einen operativen Gewinn (Ebita) von 13 Millionen Euro, bei einem Umsatz von 83,5 Millionen Euro. Sieben Jahre später waren es "nur" noch 5,5 Millionen Euro, der Umsatz war auf 68 Millionen Euro gesunken. Neuere Bilanzen sind nicht bekannt, dürften aber weiter rückläufig sein, weil die EZ im Trend liegt – bei den teils dramatischen Rückgängen im Abo-, Anzeigen- und Druckbereich. Laut IVW (Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) verzeichnet das gedruckte Bechtle-Blatt seit 2007 ein Minus von 15,7 Prozent bei den Abonnements und im Einzelverkauf. Bei STZ und StN sind es sogar 28,6 Prozent.

Das macht die Verleger nervös. Über Jahrzehnte verwöhnt von traumhaften Renditen, seit Jahren ohne Rezept, den Niedergang aufzuhalten, verstört zuschauend, wie ihre Unternehmen Jahr für Jahr an Wert verlieren – das verführt zu digitaler Don Quichotterie oder zum Ausstieg. Christine Bechtle-Kobarg, der ein genaues Auge auf die Börse nachgesagt wird, hat sich für Letzteres entschieden. Sie gibt der gedruckten Zeitung keine Zukunft mehr. Also höchste Zeit, Kasse zu machen.

Link zur Aufstellung der Beteiligungen der SWMH

Nun wissen wir, dass Geld nicht alles ist. Ein Herr oder eine Herrin über eine Zeitung ist nicht irgendwer. Zumindest in einer Stadt oder Region sind sie so wichtig wie ein Oberbürgermeister oder Landrat oder noch wichtiger. Selbstverständlich auch die EZ-Verlegerin. Mit dem OB per Du, im Südwestdeutschen Zeitungsverlegerverband (der Heimat von Pressevielfalt) im Vorstand, im Kuratorium des "Kinderfreundlichen Stuttgart", im Universitätsrat der Uni Hohenheim, in der "Wirtschaftswoche" mit der Aufforderung, Stuttgart 21 umzusetzen, beim Bundespräsidenten, um das Verdienstkreuz abzuholen, bei den Grünen zu Gast, um Schwarz-Grün zu festigen.

Auch das muss sein, hat aber den Nachteil, dass das Privatleben darunter leidet. EZ-Betriebsräte kennen ihre Nöte, die Klagen, ihr Mann sehe sie zu selten, wolle mehr mit ihr reisen. Bernd Kobarg (71) hätte die Zeit, seitdem er als Geschäftsführer des Deutschen Sparkassenverlags 2011 ausgeschieden ist. Der ehemalige Honorarkonsul der Republik Polen wird sich über die neue Work-Life-Balance freuen.

In der Tat, die Belastung wird weniger werden. Christine Bechtle-Kobarg bleibt zwar Herausgeberin der "Eßlinger Zeitung" mit eigenem Büro, doch das ist ein eher undefiniertes Amt, das den notwendigen Repräsentationsbedürfnissen dient. Auch die von Richard Rebmann per Pressemitteilung hinausgeschickte Erklärung, sie beende ihr "direktes unternehmerisches Engagement", bleibe durch ihre Beteiligung an der SWMH (0,77 Prozent) aber aktiv, verspricht ausreichend Zeit für Kreuzfahrten. Auch im ruhigen Gewissen, dass sich Rebmann auf die "künftig noch engere Zusammenarbeit" zwischen Stuttgart und Esslingen freut.

Von Protesten ist bisher nichts zu spüren

Das ist zu glauben. Auf einen Schlag erhöht er die stark bröckelnde STZN-Auflage um knapp 40 000, was wiederum seine Anzeigenabteilung freut, die mit größerer Reichweite locken kann. Zu Beginn des neuen Jahres, so der Plan, wird er einen Geschäftsführer in Esslingen installieren, der sich die "Synergien" und "Doppelstrukturen" anschauen wird, und die Chefredaktionen der STZN haben darüber nachzudenken, ob sie in der Großen Kreisstadt noch ein eigenes Büro brauchen, dessen Leiter auf ebenso trautem Fuß mit dem OB steht.

Widerstand hat SWMH-Chef Rebmann nicht zu erwarten. Die Übernahme kommt wie Blitz und Hagelschlag, als Naturgesetz sozusagen, wie die Pflichtmeldungen der Gewerkschaften. Am schärfsten formuliert noch Dagmar Lange, die Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, wenn sie beklagt, die SWMH trage die Medien- und Meinungsvielfalt "zu Grabe". Unter der Überschrift "SWMH wächst weiter" vermerkt Uwe Kreft, der Konzernbetreuer von Verdi, es wäre "naiv zu glauben, dass alles so bleibt, wie es ist", es sei aber der "Versuch zu unternehmen", möglichst viele Arbeitsplätze am Standort Esslingen zu erhalten und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Und die Betroffenen schweigen, auf Empfehlung der Gewerkschaft.

Mit seinem Saftladen geht Sebastian Kobarg (rechts) gerne in die Presse. Screenshot: www.mittelbayerische.de
Mit seinem Saftladen geht Sebastian Kobarg (rechts) gerne in die Presse. Screenshot: www.mittelbayerische.de

Nichts sagen will auch die Familie Bechtle. "Kein Interview", antwortet die Noch-Verlegerin auf Kontext-Anfrage, und ihr Sohn Sebastian teilt mit, es sei richtig, dass er "für eine Nachfolge meiner Mutter in Esslingen nicht zur Verfügung" stehe. Man möge aber Verständnis dafür haben, wenn er keine "weiteren Stellungnahmen abgeben" wolle. Das ist echt schade, weil der 27-Jährige, der am Verkauf der EZ schuld sein soll, so einiges zu erzählen hätte. Zum Beispiel, wie es kommt, dass ein Diplom-Kaufmann und Doktorand an der TU München, einer, der bei Bosch, BMW und Ernst & Young Praktika gemacht hat, nicht Verleger werden will?

Sebastian Kobarg hat sich für etwas anderes entschieden. Er hat einen Bio-Saftladen in München aufgemacht. Dort werkelt er daran, zusammen mit zwei Kumpels, Gurke, Spinat, Sellerie, Grünkohl und Ingwer zu Drinks zu verflüssigen, die so hübsche Namen tragen wie "Karotte Kid" oder "Big Melons". Kalt gepresst und voll nachhaltig. Das Startup heißt "Antidote", übersetzt Gegengift.


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Kommentare

Fritz, 30.10.2016 07:36
Und zweimal im Sinne der Auftraggeber gepostet hält besser. Gell, "Fred Heine"?

Fred Heine, 28.10.2016 17:53
"Tatsächlich will sie Kasse machen, bevor es zu spät ist."

Sie hat die Zeichen der Zeit einfach erkannt, deshalb Hut ab! Wo ist denn das Problem? Ob StZ, StN, EZ oder Untertürkheimer Zeitung – man muss doch nur unter der Woche eines der Blätter durchblättern, um zu sehen, woran sie kranken. Der Werbemarkt hat sich extrem zurückgezogen. Die Zeitungen kämpfen ums Überleben. Alleine mit dem Copy-Preis ist die Qualität der Arbeit nicht zu bezahlen.

Bevor es zu spät ist, hat sie verkauft. Das ist gut so. Sollte sie warten, bis es tatsächlich zu spät ist?

by-the-way, 27.10.2016 20:55
... braucht irgendjemand den SWHM-Propaganda-Müll wirklich?

Wäre es tatsächlich ein Verlust der Presse"freiheit" wenn es diese Medien nicht mehr geben würde?

Die "Esslinger Zeitung" ist im übrigen ein Stuttgart21-Proler-Blatt.

Also "Weg damit" - kritischen investigativen Journalismus können die sowieso nicht.

Das haben sie bewiesen.
Schlichtweg überflüssig!!

alex, 27.10.2016 10:59
Trends verschlafen, Pech gehabt. Die SWMH übrigens auch...

Wolfgang Borgmann, 26.10.2016 16:45
oben "Kir royal", unten Saftpresse - gut, dass es Kontext gibt.
Gruß
Bob

Benno Mehring, 26.10.2016 13:33
Mit diesem Beitrag wird Kontext zur Abwechslung mal wieder seiner Funktion als Alternative zum Einheitsbrei aus dem Möhringer Pressehaus voll gerecht. Der Mann, der in Rebmanns Auftrag die Synergien bei Bechtle Druck und Medien inklusive EZ aufspüren darf, ist schon fleißig zu Gange und soll zunächst mal für sechs Monate die Herausgeberin "entlasten": Andreas Heinkel, vordem für Verleger Ippen bei MM/tz in München im Einsatz. Exakt zwei Jahre und zwei Monate lang.

printfan, 26.10.2016 13:29
Liebe Redaktion,

Ihre Frage "wie es kommt, dass ein Diplom-Kaufmann und Doktorand an der TU München, einer, der bei Bosch, BMW und Ernst & Young Praktika gemacht hat, nicht Verleger werden will?" haben Sie mit dem Link zum Startup des zukünftigen Verlagserben selbst beantwortet.

Warum sollte er in ein Geschäft einsteigen, das sich offensichtlich im "trading down" befindet, wo es mehr um kaufmännische Kniffe geht, etwas lange Bestehendes zu optimieren, statt um den Aufbau eines wirklich neuen Geschäfts? Vielleicht wird er ja später noch Verleger und es gibt eine Zeitschrift zum Saft, eine mobile App, Events oder was auch immer heute funktioniert (und evt. auch morgen noch).

Ein weiterer Aspekt dürfte der Generationsunterschied sein. Es ist gar nicht so leicht, mit einer deutlich älteren Generation, die wirklich große Zeiten hinter sich hat, an der Zukunft zu arbeiten. Es verbindet einen einfach zu wenig Gemeinsames und dadurch sind alle Schritte eher mühsam, wo sie unter Gleichaltrigen leicht fallen. Der Autor des Saftartikels beschreibt es ja ganz gut, wie mit einer gewissen Leichtigkeit bei aller harter Arbeit, die dahinter steckt, ein neues Unternehmen entsteht. Wer weiß, vielleicht verkaufen es die Gründer später an einen Konzern und gründen dann wieder neu, vielleicht auch Verlage.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es sich hart anfühlt für die Mitarbeiter eines Familienunternehmens, verkauft zu werden, weil es keine Nachfolge gibt - aber das ist immer häufiger anzutreffen. An sich ist es ja gut, wenn nun ein weiterer Verleger mit Herzblut in der Holding als Gesellschafter wirken kann - mir fehlen dazu aber die Hintergrundinformationen, um das beurteilen zu können.

In den USA bleiben selbst Medienunternehmen mit Milliardengewinnen nicht mehr selbständig, weil sie auf sich alleine gestellt, die Herausforderungen der Zukunft fürchten (müssen).

Mein Fazit: die Zeiten ändern sich wirklich dramatisch und man sollte froh sein, wenn es noch Käufer für Medienunternehmen gibt - denn "optimiert" wird auch ohne Verkauf, das liest man fast jeden Tag oder hört es aus den Redaktionen.

Christina Samel, 26.10.2016 13:15
Dann bleibt der Familie wenigstens EIN SAFTLADEN erhalten.

Fritz, 26.10.2016 05:39
Wow! Was für ein Artikel!

Passend zum Einheitsblock kommt noch die SZ, die ihren Online-Lesern auch noch den Adblock verbieten will*.

Die einzige Lösung für den Konsumenten besteht darin, diese Postillen nicht mehr zu lesen. Weg damit! Beim Lügen hat man sie in den letzten Jahren sowieso viel zu oft überführt.

Es gibt bessere Alternativen. Und die liegen nicht fern. Man muss da einfach nur im Kontext bleiben.


* Das Hauptproblem für die Mehrheit der Kritiker ist übrigens nicht die Werbung, sondern die sog. Tracker.

Harald A.+Irmer, 26.10.2016 03:37
Gefärbtes, totes Holz

Irgendwann gibt es hierzulande nur noch eine Zeitung, die "Nordwest"-Zeitung, mit dem Mantel der globalen "Welt"-Zeitung und Lokalteil für die nordwestliche Welt. Und nachher gar keine Zeitung mehr. - So, what?
Es gibt inzwischen andere Kommunikationsmittel.

Alles hat seine Zeit. Sage ich, mit 60 Jahren.

marion kuster, 26.10.2016 00:52
Otto Wolfgang Bechtle wird im Grab rotieren, das steht fest:
Seine Tochter verschachert sein Lebenswerk an einen planlosen nervösen Konzern, der auch diesen Auflagenzuwachs ( wie zuvor schon den der Leonberger Zeitung) innerhalb weniger Jahre vervespern wird.
Und Esslingen wird derweil immer mehr zur langweiligen Schlafstadt Stuttgarts: keinProfil, kein Ehrgeiz, kein Nachtleben und nun auch keine eigene Meinung und Presse mehr. Esslingen (insbesondere die dortige Fußgängerzone) präsentiert sich als endloses Cafe für gelangweilte wohlsituierte Vorstädter. Zum Einkaufen gehen die Bewohner fast alle nach Stuttgart oder Metzingen.
Insofern kann man den Sohn Kobarg verstehen, München macht auf jeden Fall deutlich mehr Spaß.
Wie man eine Stadt schrittweise kaputtmachen kann, sieht man wunderbar in der traditionellen SPD-Hochburg: Kein Biss, keine Vision, sondern seit Jahren nur Kungelei. Dass OB Zieger sich zum Verlust der eigenständigen Zeitung nicht äußert und somit mal wieder keine ernsthafte Stellung als Stadtoberhaupt bezieht, ist folgerichtig und passt zu ihm und seiner Partei. Sein blasser Gemeinderat wird ihm wohl auch hier nicht in die Quere kommen.
Unertürkheim, Obertürkheim, Esslingen, Altbach, Plochingen: ich sehe wirklich keine Unterschiede mehr. Überall hält die S-Bahn.

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