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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann: Wie immer zuversichtlich. Foto: Michael Bode

SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann: Wie immer zuversichtlich. Foto: Michael Bode

Ausgabe 224
Medien

Blumenstrauß zum Frühstücksei

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 15.07.2015
Was wäre, wenn der VfB und die Kickers in Stuttgart fusionieren würden, um mit dem gesparten Geld Bayern München zu finanzieren? Empörung allerorten. Wenn das Zeitungen tun, bleibt fast alles ruhig. Drinnen und draußen. Auch wenn die Pläne noch so hanebüchen sind.

Eine Zeitung sei "wie ein neuer Blumenstrauß", sagt Richard Rebmann, der 57-jährige Schwarzwälder. Täglich auf dem Tisch, ja, das hinterlasse ein "Gefühl der Bereicherung". Nun hat der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), soweit wir wissen, keinen Beratervertrag mit dem Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels e. V., aber er hat das gewiss nett gemeint, oder war zumindest stolz darauf, ein so hübsches Bild gefunden zu haben. Poesie ist normalerweise seine Sache nicht, Emotion eher dem Kontoauszug vorbehalten, weshalb in seinem Pressehaus gleich wieder Bitterkeit ausgebrochen ist. Aha, haben sie dort geschimpft, wir sind also die "Dekoration zum Frühstücksei".

Sie wollten damit sagen, dass der Inhalt für ihren Verleger nicht so wichtig ist. Dafür gibt es ausreichend Anhaltspunkte im "Schwarzwälder Boten", den Rebmann in die SWMH eingebracht hat, um 2007 deren Geschäftsführer zu werden. Jetzt soll die "Stuttgarter Zeitung" (StZ) leuchten wie eine Sonnenblume, die "Stuttgarter Nachrichten" (StN) wie ein Vergissmeinnicht, was ihnen durch allerlei Layoutreformen optisch schon geglückt ist. Insoweit ist die Reise auf dem "Neuen Stuttgarter Weg", den der Oberndorfer im CvD-Büro der StZ erfinden lassen hat, konsequent: alle Blümchen zu einem Strauß zusammen und jeweils ein anderes Schleifchen drum rum binden.

Finden die Zusammenlegung gar nicht gut: Journalisten. Foto: Joachim E. Röttgers
Finden die Zusammenlegung gar nicht gut: Journalisten. Foto: Joachim E. Röttgers

Prosaischer nennt man das die Fusion zweier Redaktionen unter Beibehaltung zweier Zeitungstitel. Und die Kunst wird sein, sagt Rebmann, jeden Tag eine "möglichst unterscheidbare" Zeitung heraus zu bringen. Über das Wie zerbricht sich das journalistische Personal jetzt den Kopf beziehungsweise fasst sich an denselben, weil es die Sinnhaftigkeit der Unternehmung noch nicht durchdrungen hat. Die Chefredakteure überraschen ihr Fußvolk mit der Aufforderung, sich eine "intelligente Arbeitsorganisation" einfallen zu lassen, was jenem schwer fällt, weil es nicht weiß, wie das gehen soll, wer gehen muss und wer bleiben darf. 35 von 240 Vollzeitstellen sollen weg fallen, alle sollen sich neu bewerben, auch die Ressortleitungen, und nur die Chefredakteure bleiben. Vorläufig.

Gefordert sind "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken"

Die Ressortchefs müssen sich dabei vom alten Denken lösen. Wer weiter das Feuilleton führen will, muss kein Petras-Kenner sein, sondern, laut Stellenausschreibung, ausgeprägte "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken" im Kopf haben, einen "Medienkanal-übergreifenden Workflow" aufbauen sowie "journalistische Sonderformate" konzeptionieren. Wie zum Beispiel den "Kulturreport", die gemeinsame Beilage von StZ und StN, in der die Theater über den Inhalt mitbestimmen, weil sie dafür zahlen. Von unabhängigem Journalismus steht nichts in der Stellenausschreibung. Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier meint, die Pressehaus-Manager täten auch Aale verkaufen.

Wer das alles nicht mehr mag, muss nur das "außerordentliche Abfindungsangebot" bis zum 31. August 2015 unterschreiben, und erhält dann 25 000 Euro (bis zum 40. Lebensjahr), bis zum 60. das Doppelte, und danach wieder 25 000. Dazu kommen 0,75 Prozent des durchschnittlichen Bruttomonatsgehalts pro Dienstjahr sowie eine Turboprämie von 22 500 Euro. Alles voll zu versteuern, woraus folgt, dass die Bereitschaft, seinen Redaktionssessel zu verlassen, offenbar noch zu schwach ausgeprägt ist, um die Zahl 35 zu erreichen. Stärker scheint der Wille zu sein, sich mehr einzubringen, etwa via Facebook, das zur Markenbildung beiträgt.

Das hat mit dieser Unterschiedlichkeit, mit dem eigenständigen Profil zu tun, worauf Geschäftsführer Rebmann abhebt. Dazu muss man wissen, dass eine Zeitung früher eine Zeitung war. Die "Stuttgarter Zeitung" zum Beispiel eine, die auf ihre Liberalität stolz war und einen Herausgeber hatte, der einst Lesern wegen erwiesener Blödheit das Abonnement gekündigt hat. Heute soll eine Zeitung eine Marke sein, die sich im Warengeschäft behaupten und ihre Kundschaft mit hübschen Auslagen binden soll. Besonders gut ist es, wenn auch deren Produzenten, sprich die Journalisten, eine Marke sind. Und wie schaffen Frau und Mann das, wenn sie nicht schon Joe Bauer sind? Am besten über die so genannten sozialen Medien, in denen sie erzählen, mit wem sie alles befreundet sind und was sie gerade so machen. In Baden-Württemberg ist Boris Palmer gut, Bernd Riexinger schlecht.

Wolfgang Molitor muss unbedingt Profilautor werden

Auf dem Weg in die digitale Zukunft ist das unabdingbar und vom Arbeitgeber auch gefordert. Für die Profilsicherung braucht es Profilautoren, zwölf für jede Zeitung, die den LeserInnen signalisieren sollen: du bist jetzt bei der "Zeitung" und du bei den "Nachrichten". Konkret: Wolfgang Molitor, der stellvertretende StN-Chef, muss unbedingt Profilautor werden, weil er a) schon viele Facebook-Freunde hat und b) auf alles eindrischt, was nach linken Umtrieben riecht. Joachim Dorfs wiederum, der StZ-Chef, ist zwar schon gesetzt, aber niemand weiß so recht warum. Es sei denn, dass a) das Amt qualifiziert und b) sein Verweis auf Wolf Biermann, mit dem er die Zusammenlegung der Redaktionen (treu bleibt sich nur, wer sich ändert) rechtfertigte, Ausweis genug ist.

Voll profiliert: Wolfgang Molitor (links) und Joachim Dorfs. Foto: Joachim E. Röttgers
Voll profiliert: Wolfgang Molitor (links) und Joachim Dorfs. Foto: Joachim E. Röttgers

Apropos Amt: Es gab bei den Zeitungen früher Chefredakteure, die sich nicht als verlängerter Arm der Verleger verstanden haben. Und tatsächlich soll es so einen noch geben. In München bei der "Süddeutschen Zeitung". Kurt Kister heißt er, und vor ihm sollen die Herren der SWMH mächtig Mores haben. Dankbar sollen sie sein, heißt es, wenn sie bei ihm einen Termin kriegen, und nicht umgekehrt. Das Dumme ist nur, dass sie sein Blatt als Flaggschiff betrachten, das ihnen zu Ruhm und Ehre gereichen soll, das aber auch für ihre Nöte verantwortlich ist. Hätten sie damals, anno 2008, nicht 60 Prozent der SZ-Anteile für sage und schreibe 720 Millionen Euro gekauft, wären sie heute liquide wie eh und je, und müssten ihren Gesellschaftern von Ulm über Pforzheim bis Heilbronn seitdem nicht vorenthalten, was die über Jahrzehnte gewohnt waren: die Millionen-Dividende. Stattdessen mussten die Teilhaber mehr als 100 Millionen Euro nachschießen. "Die SWMH steht mit dem Arsch an der Wand", sagt ein Insider, und das ist der eigentliche Grund für das ganze Gedöns um die "flexible Gemeinschaftsredaktion", die Geschäftsführer Rebmann als neuen Weg ohne Vorbild preist. Es ist nichts anderes als Sparen auf Kosten der Stuttgarter Blätter, und das wird weiter gehen.

Entsprechend sauer sind die KollegInnen in Möhringen - auch auf die in München. Von bayerischen Weltblatt komme keine Unterstützung, heißt es, bestenfalls ein Artikel ("Eine ganz neue Nähe"), in dem sich die Autoren über die einstige Sitzordnung bei der Daimler-Pressekonferenz lustig machten. Dort der StZ-Kollege, weit entfernt der StN-Mensch. Danach durften die Chefredakteure Christoph Reisinger ("Der Weg hat Charme") und Dorfs ("eine Herausforderung") das Ihre sagen, und mit dem Fazit enden: Unterschiede ja, aber keine Fehde mehr. Da hätten sie mal besser in die letzte Betriebsversammlung rein gehört, in der Dorfs behauptete, seine Leute hätten einst die Einstellung der "Nachrichten" ins Gespräch gebracht. Da war kurz Rambazamba.

Das kann also heiter werden, wenn die Großredaktion von April 2016 an, so der Plan, in einem gemeinsamen Newsroom sitzen wird. Das müsste eigentlich der weltweit größte sein. In dem dann der Ressortleiter Lokales mit seinen "Change- und Prozessoptimierungs-Gedanken" entscheidet, welche Geschichte in welchem Blatt erscheint. Der S-21-Skandal vielleicht als Dreispalter in der StZ, als Meldung, wenn überhaupt, in der StN? Auf diesen behördlichen Schwergang darf man gespannt sein.

Eine Idee wäre auch, die treuen LeserInnen zu pflegen

Aber das macht erst mal nichts, weil dahinter das große Ganze steckt. "Wirtschaftliche Erwägungen" nämlich, wie Rebmann in einem Gespräch mit dem Mediendienst "Kress" verriet. Es habe keinen Sinn, in jeden Titel getrennt zu investieren, das sei zu teuer, rausgeschmissenes Geld, weil die mediale Zukunft digital sei, meint er. Deshalb wird das künftig wichtigste Ressort auch "multimediale Reportagen" heißen, in dem "neue Workflows mit Reportern, Videospezialisten und Web-Designern bzw. -Entwicklern" ausprobiert werden. Dafür werden noch 15 Fachleute gesucht.

Ob die LeserInnen diesen Weg mitgehen wollen? Ausschnitt aus dem "Strategieprozess SWMH 2020".
Ob die LeserInnen diesen Weg mitgehen wollen? Ausschnitt aus dem "Strategieprozess SWMH 2020".

Nun könnten "wirtschaftliche Erwägungen" auch bedeuten, das zu sichern, was man hat. Die gedruckten Zeitungen etwa, die immer noch das Geld bringen. Sprich die LeserInnen, die treu und brav ihre Abos bezahlen, Jahr für Jahr fast zehn Prozent mehr. 275 Euro kostete die StZ im Jahr 2008, heute sind es bereits 435 Euro. Immerhin: Die verkaufte Auflage von StZ und StN liegt noch knapp über 180 000 im ersten Quartal 2015, vor sieben Jahren waren es fast 220 000. Ein dramatischer Rückgang gewiss, aber immer noch das Rückgrat der Bilanz. Doch irgendwie scheint diese Kundschaft eine Restgröße, eine aussterbende Spezies, zu sein, der so ziemlich alles zuzumuten ist. Oder hat sich irgendeiner der hoch bezahlten Manager in Möhringen mal überlegt, was die LeserInnen denken? Die einen lesen seit Jahren die "Zeitung", weil sie ihnen liberal erschien, die anderen die "Nachrichten" wegen ihrer konservativen Grundhaltung. Jetzt sollen sie alles in einem kriegen, nur unter ihrem vertrauten Etikett. Als Blumengruß zum Frühstücksei.

Dem Oberndorfer Blumenhändler wird dabei am wenigsten passieren. Er hat seine Schafe im Trockenen. Er vertraut einfach darauf, dass alles ruhig bleibt. Draußen und in seinem Laden. Man stelle sich mal vor, der VfB Stuttgart und die Stuttgarter Kickers würden fusionieren, um mit dem ersparten Geld Bayern München zu finanzieren.


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Kommentare

Reimund Abel, 24.07.2015 17:04
Lieber Herr Freudenreich,

mit Interesse lese ich immer wieder Ihre Berichte über die Vorgänge hier im Pressehaus Stuttgart. So auch den, der mit der Headline „Blumenstrauß zum Frühstücksei“ überschrieben. Dabei geht es auch um dem „Kulturreport Stuttgart“, die monatliche Kulturbeilage. Sie schreiben: „Wie zum Beispiel den "Kulturreport", die gemeinsame Beilage von Stz und Stn, in der die Theater über den Inhalt mitbestimmen, weil sie dafür zahlen.“

Hier irrt der Autor, lieber Herr Freudenreich. Die Theater bezahlen nicht für den Inhalt, wie Sie schreiben. Richtig ist folgendes: Die Partner des „Kulturreports“ – vom Theaterhaus über Trio-Bühne bis zu SKS Ruß – haben bei der Anzeigenabteilung ein Paket gekauft, das mehrere Leistungen enthält: Die sogenannten „Short Cuts“ (Anzeigen, auch als solche markiert), eine regelmäßige Logo-Abbildung und bestimmte Anzeigenformate. Darüber hinaus steht die Sonderthemenredaktion (also meine Kollegin und ich) im Kontakt mit Theaterschaffenden, Veranstaltern und Konzertagenturen. Wir informieren uns bei den Obengenannten über deren Jahresprogramm, vereinbaren Interview-Termine mit Künstlern, fragen nach hintergründigen Themen, die man im „Kulturreport“ beschreiben könnten – und wollen wissen, ob und wie der „Kulturreport“ ankommt. Bei den Lesern kommt er sehr gut an. Bei den Kulturschaffenden, die uns bisher Rede und Antwort gestanden haben, ebenso.

Aber wir reden natürlich nicht nur mit denen, die „dafür bezahlen“, wie Sie schreiben. Der „Kulturreport Stuttgart“ will das Angebot an Live-Kultur in der Stadt Stuttgart möglichst vielfältig abdecken. Dazu zählen auch kleine Theater, Musikrichtungen wie Kirchenmusik oder mehrtägige Festivals, um einige Beispiele zu nennen. Außerdem bieten wir Künstlern ein Forum, die sonst selten oder gar nicht in einer Tageszeitung einen Platz finden würden. Auch dafür gibt es in den bisher produzierten drei Ausgaben einige Beispiele

Wir versuchen, den Lesern einen Monat im voraus einen Service aus dem reichhaltigen Kultur-Angebot zu machen. Im „Dialog“ mit den Kulturschaffenden, aber nicht in „Mitbestimmung“. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.

Freundliche Grüße aus dem Pressehaus!
Reimund Abel | Leiter Service- und Sonderthemenredaktion
Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH

P.S.: Der nächste „Kulturreport Stuttgart“ erscheint am 25. August, viel Spaß beim Lesen!

Benno, 20.07.2015 16:29
Klasse! Natürlich schwingt da etwas vom jof von früher mit - aber das ist auch gut so!!!!

Petzi, 17.07.2015 15:14
Hallo Gelegentlicher Leser,

Ihre Vergleiche hinken - wie Sie selbst ja auch schreiben - da Sie einen eher linksorientierten Herrn Prantl nicht mit einem rechtskonservativen Herrn Molitor als Kommentator vergleichen können.

Wenn Sie hier in der Region Stuttgart leben: fehlt Ihnen nicht der Baden-Württemberg-Bezug und die lokale Berichterstattung mit aktuellen Terminen? Das leistet die Süddeutsche leider nicht. Wäre das so, dann hätte ich die SZ schon lange abonniert.

Gelegentlicher Leser, 17.07.2015 14:06
Lieber Herr Freudenberg,
was regt Sie zum Nachdenken und damit zu einer fundierten Meinungsbildung an?
Dazu finden Sie im Folgenden zu zwei Themen einige Beispiele.

Bitte vergleichen Sie selbst diese Reportage:
- http://www.sueddeutsche.de/politik/stuetzpunkt-bundesrepublik-amerikas-geheimer-krieg-in-deutschland-1.1818850
- http://www.geheimerkrieg.de/#entry-5-7879-das-projekt
http://www.sueddeutsche.de/politik/terror-angst-als-waffe-1.2538882
mit jener Reportage:
- http://extra.stuttgarter-nachrichten.de/africom/

Und anschließend dann diese Kommentare aus der Chefredaktion:
- http://www.sueddeutsche.de/politik/videokolumne-prantls-politik-1.2563434
- http://www.sueddeutsche.de/politik/grexit-debatte-wer-hat-die-deutschen-zum-richter-bestellt-1.2565097
mit jenen Kommentaren aus der Chefredaktion:
- http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kommentar-zu-griechenland-dann-geh-doch.fe6735ce-4df5-465f-80f0-a2bb4276020c.html
- http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kommentar-zu-griechenland-die-faxen-dicke.48db0751-d8c5-4382-a003-53d783baa71d.html

Solche Beispiele befriedigen sicher nicht den Anspruch eines systematischen Vergleichs. Sie könnten aber zu folgender Beantwortung Ihrer Eingangsfrage führen: Was wäre, wenn die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten fusionieren würden, um mit dem gesparten Geld die Süddeutsche Zeitung zu finanzieren?
Tja, keine Empörung, wenigstens kaum unter den Lesern.

Outsider, 17.07.2015 11:04
Wenn das allen Ernstes Ihre "Insider"-Informationen sind, na dann herzlichen Glückwunsch zum sagenhaft-investigativen Qualitätsjournalismus!

Dazu fällt mir ein Sprichwort ein: wer im Glashaus sitzt, der sollte sich gut überlegen mit Steinen zu werfen, oder so ähnlich ...

Schwabe, 16.07.2015 13:56
Ja!

Peter Ford, 16.07.2015 10:50
Ach ja?

Schwabe, 16.07.2015 09:01
@Josef-Otto Freudenreich
Gratulation zu Ihrem unwiderstehlichen Artikel ;-).

Unglaublich - 435 € kostet das Abo von StZ/StN im Jahr?! Was könnte man damit nicht alles sinnvolles unterstützen - z.B investigativen Journalismus!

Heike Schiller, 15.07.2015 11:32
Grins. Herr Freudenreich,
jetzt hab ich das Stück doch gelesen. Nette Prosa. Aber Qualitätsjournalismus? Naja, ich versteh davon bekanntlich nix. Vermeine aber zu wissen: Äpfel mit Birnen vergleichen iss echt eine Kunst, die nicht jedem gegeben ist. :-)

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