KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Aussichten auf den Preis "Spiel des Jahres": "Kosten versenken". Fotos: Joachim E. Röttgers

Aussichten auf den Preis "Spiel des Jahres": "Kosten versenken". Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 255
Politik

S 21: Kosten versenken

Von Jürgen Lessat
Datum: 17.02.2016
Trotz Baggern und Bohren: Nach einem neuen Gutachten lohnt der Ausstieg aus Stuttgart 21 noch. Bis zu 7,9 Milliarden Euro könnte die Bahn sparen, würde sie das Tiefbahnhofprojekt jetzt begraben. Die Bauherrin widerspricht – mit einer Mitteilung, die ein Fall für den Psychologen ist.

Jeder kennt die Zwickmühle. Etwa im Kino, wo sich nach wenigen Szenen zeigt, dass der Film grottenschlecht ist. Soll man rausgehen, um die kostbare Zeit besser zu nutzen? Viele bleiben sitzen – und treffen damit die falsche Entscheidung. Denn das Eintrittsgeld ist immer weg, egal ob der Film gut oder schlecht ist. "Sunk Costs", versunkene Kosten, sagen Betriebswirtschaftler dazu.

Nicht nur im Kino, auch auf den Großbaustellen der Republik stellt sich die Frage, ob Aussitzen oder Aussteigen sinnvoller ist? Spätestens dann, wenn nach dem Baustart die Kosten explodieren. Und der Verdacht besteht, dass ein Projekt nicht den versprochenen Nutzen bringt. "In diesen Fällen taucht die Sunk-Cost-Problematik auf, welche eine spezielle Vorgehensweise erfordert", beschreibt der Wormser Wirtschaftsprofessor Peter Hoberg auf der Internetseite controllingportal.de derartige Entscheidungsprozesse. So könnten etwa bereits angefallene Planungs- und Baukosten nicht mehr zurückgedreht werden, wenn ein Projekt eingestellt würde. "Sie dürfen somit für Entscheidungen nicht mehr berücksichtigt werden", betont Hoberg. Nur zukünftig beeinflussbare Nutzen und Kosten sind relevant, so die wichtigste Entscheidungsregel nach dem Projektstart. In die Gesamtabrechnung oder Schadensermittlung fließen Sunk Costs dagegen wieder ein.

Die Bahn sitzt im falschen Film

Nimmt man diese Prämissen, dann sitzt auch die Deutsche Bahn mit Stuttgart 21 im falschen Film. Bekanntlich erschütterten bereits heftige Kostenexplosionen das Projekt, das den bestehenden Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation verwandeln soll. Einst auf 2,3 Milliarden Euro taxiert, buddelt der Staatskonzern seit der spektakulären Kostenkorrektur im März 2013 (plus zwei Milliarden Euro) in einem Finanzierungskorsett von 6,5 Milliarden. Ohne genau zu wissen, wer die Mehrkosten stemmt. Aber nach eigenen Angaben mit der Gewissheit, bei Stuttgart 21 nie "den Maßstab der Wirtschaftlichkeit zu erreichen". Allerdings hatte Bahnchef Rüdiger Grube als "Sollbruchstelle" für Stuttgart 21 auch schon 4,53 Milliarden Euro genannt. Das war am 8. November 2009, kurz nach der feierlichen Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung mit den Projektpartnern Land, Stadt und Region Stuttgart.

Je tiefer die Grube, desto mehr Kosten lassen sich darin versenken.
Je tiefer die Grube, desto mehr Kosten lassen sich darin versenken.

Mittlerweile gibt es Indizien, dass es noch schlimmer kommen könnte. Im vergangenen Dezember errechnete das Münchner Planungsbüro Vieregg & Rössler im Auftrag der Projektgegner, dass die Gesamtkosten von Stuttgart 21 auf 9,8 Milliarden Euro steigen werden. Damit wäre der Tiefbahnhof hochdefizitär. Und jeder ehrbare Kaufmann würde sofort die Reißleine ziehen.

Zudem wuchsen seit Baustart im Februar 2010 die Zweifel, ob der neue Hauptbahnhof den Nutzen bringt, dem ihm seine Protagonisten attestierten. Bis heute muss sich die Bahn mit vielen, früh von den Kritikern vorhergesagten Problemen herumschlagen. Etwa beim Brandschutz oder Planungschaos am Stuttgarter Flughafen. Manche Mankos werden für immer einbetoniert, etwa die auf acht Bahnsteiggleise beschränkte Kapazität des U-Bahnhofs. Oder das extreme Gleisgefälle, das das Wegrollen von Zügen wahrscheinlicher macht.

Vorstand und Aufsichtsrat des Staatskonzerns entschieden Anfang 2013 dennoch, weiterzubauen. Weil dies angeblich um einen Kapitalwert von 77 Millionen Euro günstiger sei als der Abbruch. Seither spitzte kein Entscheidungsträger mehr den Stift, um zu ermitteln, ob sich der Weiterbau noch rechnet. Den Job übernahm jüngst erneut der Münchner Verkehrsplaner Martin Vieregg, im Auftrag des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21.

Das Ergebnis ist eindeutig. "Der Weiterbau kostet 7,9 Milliarden Euro mehr als der Ausstieg", präsentierte Vieregg am vergangenen Freitag in Stuttgart die Zahlen zum Ausstiegsszenario. Selbst die aufwendige Ertüchtigung des Kopfbahnhofs mit direkter Anbindung an die Neubaustrecke nach Ulm rechne sich noch für den Konzern, betonte der Gutachter. Die Bahn würde 5,9 Milliarden Euro sparen, beerdigte sie Stuttgart 21 zum Stand heute.

Als versenkte Kosten sind bisher 1,5 Milliarden Euro aufgelaufen

Der Schaden wäre laut Vieregg vergleichsweise gering, auch wenn im Stuttgarter Talkessel bereits fleißig gebaggert und gebohrt wird. Als unmittelbare Ausstiegskosten abschreiben müsste der Konzern 1,5 Milliarden Euro. Es sind die berühmten Sunk Costs: Geld, das etwa für Vorarbeiten am Tiefbahnhof und Tunnelvortriebe (730 Millionen Euro), für Planungskosten (309 Millionen) oder Baustelleneinrichtungen (153 Millionen) schon ausgegeben ist.

Wenig überraschend war, dass die Bahn das Szenario umgehend zurückwies, freilich ohne Viereggs Studie im Detail zu kennen. Noch bevor das Bündnis sie im Internet publiziert hatte, sprach die bahneigene Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm (PSU) von "nicht haltbaren Spekulationen". Doch das Statement ist schwammig und enthält falsche Zahlen. "Ein Ausstieg aus dem Projekt wäre nicht im Sinne Baden-Württembergs. Außerdem sprechen knapp 40 Kilometer Tunnelvortrieb eine völlig andere Sprache als die Ausstiegsszenarien der Projektgegner", wurde PSU-Geschäftsführer Peter Sturm zitiert. Tatsächlich sind unter der Landeshauptstadt bislang elf Kilometer Bahntunnel vorgetrieben, wie die PSU selbst im Internet angibt. Auf der Neubaustrecke nach Ulm sind es 24 Kilometer.

Teure Tunnel: 730 Millionen Euro wurden bisher für Vorarbeiten am Tiefbahnhof und Tunnelvortriebe ausgegeben.
Teure Tunnel: 730 Millionen Euro wurden bisher für Vorarbeiten am Tiefbahnhof und Tunnelvortriebe ausgegeben.

Als unredlich zu werten ist auch der Versuch der PSU, den Weiterbau mit den (irrelevanten!) Sunk Costs zu rechtfertigen. "Ausgegeben wurden im Projekt Stuttgart 21 bis zum Jahresende 2015 rund 1,5 Milliarden Euro und damit knapp ein Viertel der im Finanzierungsrahmen bewilligten Mittel", heißt es wörtlich. Andererseits bestätigt die Bahn damit die Projektkritiker, deren Zahlen einige Zeilen zuvor noch als unhaltbare Spekulationen abgetan werden. Die gleiche Summe hatte auch deren Gutachter Vieregg als unmittelbare Ausstiegskosten beziffert.

Zur Erinnerung: SPD-Schmiedel sprach von drei Milliarden

"Die Deutsche Bahn gibt nicht nur die Kosten des Projekts wissentlich viel zu niedrig an, sie hat auch von Anfang an die Kosten eines Ausstiegs maßlos überhöht und so Politik und Öffentlichkeit in die Irre und zu falschen Entscheidungen geführt", erinnert das Aktionsbündnis an frühere Gelegenheiten, bei denen die Sunk Costs fälschlicherweise herhalten mussten. Etwa bei der Volksabstimmung im November 2011. Damals überboten sich die Befürworter gegenseitig bei den Ausstiegskosten. Mit "Pi mal Daumen" drei Milliarden Euro schoss der SPD-Fraktionschef und S-21-Verfechter Claus Schmiedel den Vogel ab. Die Projektgegner rechneten damals mit 300 Millionen Euro.

Auch Bahnchef Grube argumentierte wiederholt mit den "versunkenen" Kosten, obwohl es der Manager besser wissen müsste. Zuletzt bezifferte er die Ausstiegskosten im März 2013 gegenüber dem Aufsichtsrat auf rund zwei Milliarden Euro – und damit nach heutigem Stand um mindestens 500 Millionen Euro oder ein Drittel zu hoch.

Längst sind die Sunk Costs ein Fall für den Psychologen. Für den irrationalen Bedeutungszuwachs hat die Wirtschaftspsychologie den Begriff "Sunk-Cost-Fallacy" geprägt, deutsch: "Ausstiegskosten-Trugschluss". Das irrationale Verhalten wurde im Jahr 1979 erstmals ausführlich in der Prospect-Theorie, auch Neue Erwartungstheorie, von Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben. Nach Kahneman, der 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, verletzt der Trugschluss die Annahmen der neoklassischen ökonomischen Entscheidungstheorie, wonach versunkene Kosten, da sie unwiederbringbar sind, bei einer gegenwärtigen oder zukünftigen Entscheidung keine Rolle spielen dürfen. Als Ursache für das irrationale Verhalten ermittelten die Wissenschaftler einerseits die sogenannte Verlustaversion und andererseits das Bedürfnis des Betroffenen, nicht verschwenderisch zu erscheinen.

Gutes Geld wird schlechtem hinterhergeworfen

1985 beschrieben die Amerikaner Hal R. Arkes und Catherine Blumer von der Ohio University in "The Psychology of Sunk Cost" detailliert die Tendenz, ein Vorhaben fortzusetzen, wenn bereits eine Investition in Form von Geld, Anstrengung oder Zeit getätigt wurde. Auch Arkes und Blumer betonen, dass die bereits getätigten Investitionen dazu führen, dass "gutes Geld schlechtem hinterhergeworfen wird". Versuche zeigten, dass am Trugschluss umso stärker festgehalten wird, wenn eine Person selbst für die vergangenen Kosten verantwortlich oder persönlich in die Entscheidungsprozesse und ihre Folgen involviert ist.

Der Ausstiegs-Trugschluss ist nicht nur ein psychologisches Phänomen. Er kann auch strafrechtliche Konsequenzen haben. Das Aktienrecht untersagt Aufsichtsräten unwirtschaftliche Entscheidungen. "Eine vorsätzliche Straftat begeht, wer einen wirtschaftlichen Nachteil für sein Unternehmen in Kauf nimmt, obwohl er ihn für möglich hält", erläutert Bündnissprecher Eisenhart von Loeper. Für den Rechtsanwalt ist der Weiterbau von Stuttgart spätestens seit der Aufsichtsratsentscheidung im März 2013 ein Fall für den Staatsanwalt. Bislang lehnte die zuständige Berliner Behörde Strafermittlungen ab, weil den Räten "nicht bewusst gewesen sei, dass ein Ausstieg aus dem Projekt Stuttgart 21 mit geringeren Kosten verbunden sein würde als dessen Fortführung".

Genau daran hegt offenbar der Bundesrechnungshof (BRH) Zweifel. "Der Bundesrechnungshof untersucht [...] seit dem Jahr 2013 insbesondere, wie sich der Bund als Eigentümer der DB AG (aktuell vertreten durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur – BMVI) verhalten hat und wie die Bundesvertreter im Aufsichtsrat der DB AG den Vorstand in Bezug auf das Großprojekt Stuttgart 21 überwacht haben", heißt es in einem aktuellen Behördenschreiben, das Kontext vorliegt.

In die Baugrube passt ein Busterminal

Das sorgte in den zuständigen Bundesministerien für Wirbel. Ein halbes Jahr brauchte es, bis sie zu einem vorläufigen BRH-Bericht am 28. Dezember 2015 Stellung nahmen. Beigefügt war eine umfassende Stellungnahme der Bahn. Beide Dokumente wertet der Rechnungshof derzeit für eine abschließende Prüfmitteilung aus, auf deren Grundlage auch der Bundestag informiert werden soll.

Derweil bemühen sich die Projektgegner, juristische Schlupflöcher im Fall Stuttgart 21 zu schließen. "Das Aktionsbündnis wird den Bahn-Aufsichtsräten das Vieregg-Gutachten zustellen, verbunden mit der Aufforderung, das Ausstiegsszenario auf die Tagesordnung der Sitzung am 15. März zu setzen", sagt Bündnissprecher von Loeper. Falls die Aufsichtsräte Zweifel an den Zahlen hegten, müssten sie zumindest selbst ein unabhängiges Gutachten in Auftrag geben, erwartet der Jurist. Falls nicht, werde eine Strafverfolgung umso wahrscheinlicher, glaubt von Loeper.

Sollten die Aufsichtsräte bei Stuttgart 21 den Vorhang fallen lassen, wäre ein vorderer Platz in der Hitliste der bedeutendsten Investitionsruinen der Lohn. Bislang gilt der Schnelle Brüter in Kalkar mit Kosten von 3,5 Milliarden Euro als eines der größten Bauprojekte, die in den Sand gesetzt wurden. Wie beim Atommeiler in Kalkar, der nach zwei Jahrzehnten Planen und Bauen endgültig im Jahr 1991 gestoppt wurde und zum Vergnügungspark wurde, gibt es auch für den Stuttgarter Tiefbahnhof bereits Konversionsideen. "In die bereits ausgehobene Baugrube passen die Schillerstraße, ein unterirdischer Busterminal sowie ein großes Autoparkdeck", so eine Vision der Projektgegner.


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Kommentare

maguscarolus, 23.02.2016 12:19
@Andi, 17.02.2016 17:35

Lesen sollte man können! Es ist von dem Teil des Geldes die Rede, die wieder in Form von Steuern an die öffentliche Kassen zurück fließt. Dass Steuern Einnahmen der öffentlichen Hand sind, das geht freilich in den Schädel der "Schwäbischen Hausfrau" nicht hinein – erst recht nicht, falls sie BWL studiert hat.

maguscarolus, 23.02.2016 12:14
@Blender, 22.02.2016 15:17

So etwas liegt nicht im herrschenden Interesse (Interesse der Herrschenden) und ist somit von keiner Regierung in Schland machbar, wenn diese sich, wie es bei politischen "Eliten" Usus ist, an die Macht klammert.

Blender, 22.02.2016 15:17
@dix, 17.02.2016 09:23
Sie haben recht, das Geld zirkuliert teilweise zum Staat zurück, aber das gilt bei anderen (sinnvolleren) Ausgaben auch. ... und ehrlich gesagt, wäre das Geld für S21 im öffentlichen Wohnungsbau wesentlich besser angelegt als für die Umwandlung eines funktionierenden ebenerdigen Hautstadt-Kopfbahnhofs in eine Tief-Schräg-Haltestelle deren Gleise nur mittels Treppen erreicht und gewechselt werden können in der Züge, Rollstühle und Kinderwagen wegrollen können. Im Gegensatz zu S21 würden die Wohnungen dann auch dem Staat, dem Land oder der Stadt gehören.

Visionär, 21.02.2016 10:33
Die Tunnelröhren des Fildertunnels, können als direkter Weg von der City auf die Autobahn A8 genutzt werden.

maguscarolus, 19.02.2016 22:51
So machen es politische Eliten: Lieber sehenden Auges in eine wirtschaftliche Katastrophe hinein rennen, als zuzugeben, dass man von Anbeginn falsch lag, und das Ganze nichts weiter als ein Immobilienprojekt für reiche Privatleute war, denen man aus diesem oder jenem Grunde verpflichtet ist.

Peter.S, 18.02.2016 15:17
Was ist der Unterschied zwischen der Deutschen Bahn und der Deutschen Bank?
Die letzteren haben schon Milliarden Strafen bezahlt und Rücklagen für weitere Verurteilungen gemacht.

denisci, 18.02.2016 11:47
"Wer A sagt, der muß nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war"
Bertolt Brecht

Zaininger, 17.02.2016 21:19
Mit Baustopp ließe sich auch eine neue Oper finanzieren und schnell realisieren: die Baugrube wäre schon ausgehoben, die begonnenen Tunnel wären als Aservatenkammer zu nutzen und wenn der Nesenbach überläuft, wird halt der Fliegende Holländer mit seinem Geisterschiff S21 gegeben oder "was anderes mit Wasser". Da müssten sich die Bregenzer aber warm anziehen...!

Nachhaltig leben, 17.02.2016 17:49
Mir fällt eines aktuell dazu ein :
die Riesendefizite , die der Staat (Land Nordrhein-Westfalen) mit RWE macht, wegen dessen dinosaurierhaften Fehlinvestitionen in Kohle und Atom.

Andi, 17.02.2016 17:35
@dix

Geld gibt man also nicht aus sondern es "rotiert" lediglich?

Na dann fangen Sie und "rotieren" Sie Ihr eigenes Geld und keine Sorge, ausgeben tun sie es damit ja nicht und daher ist auch nicht weg, nur eben nicht mehr auf Ihrem Konto.

Markus Hitter, 17.02.2016 17:12
Das liebe Prestige. Obwohl es inzwischen nicht nur für die Kritiker offensichtlich ist, dass beim teuren Tiefbahnhof nicht alles rund läuft, in Befürworterkreisen hat man immer noch mächtig Bammel davor, hinterher als unfähig dazustehen. "Wenn man den Kritikern nachgibt, kann danach in Deutschland kein einziges Grossprojekt mehr angegangen werden."

Gelingt es, mit diesen Verlustängsten überzeugend umzugehen, ist der teure Tiefbahnhof Geschichte.

Markus Hitter, 17.02.2016 15:56
An die Kommentatoren, die an eine andere Verwendung der Tunnel denken (Abluft, Rundfahrten, etc.):

Es sind zwar ein paar Hilfsbauwerke vollständig ausgebrochen, doch von den Streckentunneln ist kein einziger auch nur annähernd rohbaufertig. Prozentual am weitesten ist der Tunnel Hbf <-> Bad Cannstatt, der zu etwa 50% voran getrieben ist. Dazu vielleicht noch eine der beiden Röhren des Fildertunnels, die ähnlich weit ist, jetzt jedoch in den Gipskeuper eindringen will.

Mit Tunnel-Rundfahrten wird es also so oder so nichts. Ein 4000 Meter langes Tanzlokal ähnlich der "Röhre" wäre aber möglich. Eintritt dann in der Nähe des Flughafens.

Horst Ruch, 17.02.2016 10:39
...nicht zu vergessen.......immerhin hat die Bahn AG im Auftrag ihrer Sponsoren Prof.Dr. Schuster und Mappus mit der braven Steuerzahlergefolgschaft im Hintergrund zum Bruttosozialprodukt ganz wesentlich beigetragen. Auch bei einem Abbruch der Arbeiten. Statt Busbahnhof im Trog wäre mein Vorschlag, aus dem unterirdischen Gehäuse das schönste Deutsche Eisenbahnmuseum der Welt zu präsentieren. Ein Gleis für Tunnelrundfahrten sollte dabei aktiviert bleiben um den Touristen aus aller Welt das derzeitige Bild der deutschen Ingenieurswissenschaften für immer vor Augen zu halten.
N.S. Der Brandschutz und Notausstieg wäre auf einen Schlag gelöst.

dix, 17.02.2016 09:23
Ist bei den Kosten bedacht, dass Umsatz- und Lohnsteuer ja wieder zurück fließen? Also ein Teil des Geldes "rotiert" nur und wird nicht ausgegeben.
Oder sehe ich das falsch?

Mjo, 17.02.2016 08:53
Kleine Anmerkung: "Zudem wuchsen seit Baustart im Februar 2010 die Zweifel, ..." das mag für die Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung gelten, das Projekt selbst war von Anfang an komplett unplausibel, durch die einfache Erkenntnis, dass durch die (noch) bestehenden Überwerfungsbauwerke der Kopfbahnhof topologisch gesehen einem Durchgangsbahnhof entsprechen. D.h., jeder Kapazitätsgewinn, den ein Durchgangsbahnhofgleis gegen ein Stuttgarter Kopfbahnhofgleis überhaup erzielen könnte, kann nur aus verkürzten Standzeiten und ggf. etwas höherer Einfahrtgeschwindigkeit gezogen werden, so dass die Parole 8 "Durchgangsgleise sind besser als 16 Kopfbahnhofgleise" nicht nur falsch, sondern um einen Faktor annähernd 2 falsch ist. Und das war weit vor 2010 bekannt. Alles andere sind nur noch Details.

Blender, 17.02.2016 08:43
@"In die bereits ausgehobene Baugrube passen...
und die Tunnelröhren können dafür genutzt werden die Autos und einen Teil des Feinstaubs aus der Stadt zu bringen.

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