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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Der eine kommt, der andere geht: Richard Lutz (links) und Rüdiger Grube. Foto: dpa

Der eine kommt, der andere geht: Richard Lutz (links) und Rüdiger Grube. Foto: dpa

Ausgabe 311
Politik

Bahnfeinde im Bahnvorstand

Von Winfried Wolf
Datum: 15.03.2017
Am 22. März wird der Aufsichtsrat der Bahn AG voraussichtlich Richard Lutz zum neuen Bahnchef wählen, wie seine Vorgänger kein Eisenbahner. Das ist kein Zufall: den Schienensektor mit bahnfremdem Top-Personal zu besetzen, ist eines von mehreren Charakteristika von Eisenbahnprivatisierungen weltweit, wie unser Autor darstellt.

Die Bahnprivatisierungen in Japan (1987), Großbritannien (1993) und Deutschland (ab 1994) waren gewissermaßen Grundmodelle für einen umfassenden Prozess der Zerschlagung der Eisenbahnen. Seit den 1990er Jahren findet in ganz Europa ein verallgemeinerter Prozess solcher Eisenbahnprivatisierungen statt. Er wird in erheblichem Maß von den Vorgaben der Europäischen Union – die übrigens auch in die Schweiz hineinwirken – dirigiert. Dieser durchgängig zerstörerische Prozess weist von Land zu Land höchst unterschiedliche Formen auf. Es gibt allerdings auch sechs gemeinsame Merkmale:

  1. Es kommt zu einer Auflösung bislang weitgehend einheitlicher Eisenbahngesellschaften, die überall integrierte Unternehmen waren und sich fast immer in öffentlichem Eigentum befanden. In der Regel verläuft dies unter Verweis auf eine EU-Richtlinie, die eine Trennung von Infrastruktur und Betrieb einfordert.
  1. Die Beschäftigung im Bahnsektor wurde drastisch reduziert; in Deutschland kam es seit 1994 zur Halbierung der Jobs im Bahnbereich (bereits einschließlich der Arbeitsplätze bei den privaten Bahnen). Europaweit wurden mehr als eine Million Eisenbahner-Arbeitsplätze zerstört.
  2. Die Bahnprivatisierungen sind europaweit mit einem massiven Abbau von Komfort und Service und mit einer deutlichen Verteuerung der Ticketpreise verbunden. Europaweit wurden mehr als 10 000 Bahnhöfe und mehr als 100 000 Schalter für Fahrkartenverkauf und Beratung geschlossen. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sauberkeit der Züge haben sich deutlich verschlechtert.
  3. Es kommt zu einer Konzentration auf den Bau und den Betrieb von Hochgeschwindigkeitsstrecken, während gleichzeitig die Schiene in der Fläche (regionale Strecken usw.) vernachlässigt und abgebaut wird. Insgesamt erweisen sich jedoch Hochgeschwindigkeitstrassen und die superschnellen Züge TGV, ICE, AVE, Italo bzw. Frecce als unrentabel.
  4. Die Eisenbahnunternehmen werden umstrukturiert in Transport- und Logistik-Mischkonzerne. Diese expandieren vor allem im Ausland und in bahnfremden Bereichen.
  5. Es kommt zu einer Durchsetzung des gesamten Schienenverkehrssektors mit einem bahnfremdem, bahnignoranten und bahnfeindlichen Top-Personal.

Die einmalige Durchsetzung der Deutschen Bahn AG mit bahnfremdem Top-Personal Das deutsche Beispiel ist hinsichtlich der Durchsetzung mit bahnfremdem Personal wohl das lehrreichste in ganz Europa. Die drei Bahnchefs, die die Deutsche Bahn AG in den ersten 23 Jahren ihrer Existenz prägten, waren Heinz Dürr, Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube. Sie hatten alle drei vor ihrem Amtsantritt nie etwas mit Eisenbahn zu tun. Sie stammten alle drei aus der Kaderschmiede des Daimler-Konzerns. Dürr hatte Mehdorn als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Mehdorn hatte Grube als Nachfolger ins Spiel gebracht. Grube war bei Daimler-Dasa Mehdorns Büroleiter. Es ist ohne Zweifel eine beeindruckende Dynastie aus dem Daimler-Systemhaus, die gut ein Vierteljahrhundert lang fast ununterbrochen an der Spitze der Eisenbahn in Deutschland herrschte.

Die Bahn-Kaderschmiede: Daimlerzentrale. Foto: Joachim E. Röttgers
Die Bahn-Kaderschmiede: Daimlerzentrale. Foto: Joachim E. Röttgers

Eine große Zahl der Top-Leute der Deutschen Bahn kommt ihrerseits aus der Autobranche und der Luftfahrt. In der Ära Mehdorn fiel vor allem der große Einfluss von Ex-Lufthansa-Leuten ins Auge, die dann auch 2002/2003 das neue und gescheiterte Bahnpreissystem am Ticket-System der Airlines ausrichteten und die Abschaffung der BahnCard50 umsetzten – um dann letzteres ein halbes Jahr später zurücknehmen zu müssen.

Im 2016-er Vorstand der Deutschen Bahn AG gab es keinen einzigen Eisenbahner (jemand, der bei der Bahn ausgebildet wurde oder eine Person, die ein Studium an einer Hochschule für Verkehr oder Eisenbahnwesen absolviert hätte). Wir haben Juristen, Politikwissenschaftler und Ingenieure, aber keinen, der vom Fach ist – und schon gar keinen, der für die Eisenbahn lebt (wir erinnern an den viel zitierten Satz aus der Autobranche, wonach dort die Top-Leute "Benzin im Blut" hätten).

Unterhalb der Ebene des Holdingvorstands und in den Vorständen der wichtigsten Konzerntöchter gibt es ebenfalls keinen Eisenbahner und erneut eine erkleckliche Zahl von Top-Managern, die aus den mit der Schiene konkurrierenden Sektoren oder von Konzernen kommen, die als DB AG-Lieferanten zu dieser in einem höchst spezifischen Verhältnis stehen. Wenn beispielsweise die Vorstandsvorsitzende der Sparte Fernverkehr, Birgit Bohle, bis 2007 für die berüchtigte Unternehmensberaterfirma McKinsey gearbeitet hat, so klingt das für einen Eisenbahner ausgesprochen beunruhigend. Zumal Frau Bohle in den Debatten um den Erhalt der Nachtzugsparte ihre Ignoranz für gesamtheitliche und kulturelle Aspekte des Schienenverkehrs und ihre Mentalität als kurzsichtige Saniererin unter Beweis stellte. Erst auf den mittleren Management-Ebenen stößt man auf erfahrene Eisenbahner. Die meisten von ihnen leiden unter der Ignoranz der Bahn-Oberen.

Auch der S-21-Verantwortliche Leger ist ein Daimler-Gewächs

Oder nehmen wir das Großprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke über die Schwäbische Alb: Der seit August 2013 für das gesamte Projekt verantwortliche Top-Manager und Vorsitzende der Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart-Ulm, Manfred Leger, ist Wirtschaftsingenieur. Er war im Zeitraum 2002 bis 2013 für den Baukonzern Balfour Beatty in führenden Positionen tätig. Ursprünglich startete er seine Karriere bei MBB, ging 1994 zu AEG und war dann – wie Mehdorn – mehrere Jahr aktiv für die Daimler-Tochter Dasa, später für die Daimler-Bahntechnik-Firma Adtranz.

Auch ein Daimler-Gewächs: Manfred Leger. Foto: Joachim E. Röttgers
Auch ein Daimler-Gewächs: Manfred Leger. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Hinweise auf eine sehr weitreichende Durchsetzung der Deutschen Bahn AG mit diesen bahnfremden Interessen können fast endlos fortgesetzt werden. So lässt sich sehr gut argumentieren, dass in den letzten 23 Jahren alle Aufsichtsratsvorsitzenden der Bahn mit Interessen in Verbindung gebracht werden können, die in einem Widerspruch zu den Zielsetzungen eines gedeihlichen Bahnverkehrs stehen. Das gilt eindeutig für den seit 2010 amtierenden Oberkontroller Utz-Hellmuth Felcht. Er gelangte in die Position vor allem durch eine Amigo-Connection: Er war Aufsichtsratsvorsitzender bei dem Unternehmen Südchemie und gut befreundet mit Peter Ramsauer, dem damaligen Bundesverkehrsminister. Irritieren sollte an dieser Personalie, dass Felcht bei dem Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) seit 2007 eine führende Position einnimmt. OEP ist mit der zweitgrößten Bankengruppe in den USA, JP Morgan Chase & Co, verbunden. OEP könnte auch ins Spiel kommen, wenn es zu einer Privatisierung der Deutschen Bahn kommt oder wenn große Tochtergesellschaften der Deutschen Bahn teilprivatisiert werden, wie dies 2015/2016 geplant war.

Aufsichtsrat-Mitglied Frenzel: ein Fan von Luftfahrt und Fernstraßen

Darüber hinaus ist Mitglied im aktuellen Aufsichtsrat – wohlgemerkt immer für die Eignerseite, also in Vertretung der deutschen Bevölkerung – Michael Frenzel. Dieser ist Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). Er fordert in dieser Funktion ausdrücklich, dass "die Eisenbahnmärkte europaweit liberalisiert" werden und einen generellen "Aus- und Neubau der Fernstraßen". Sein Verband bezieht unmissverständlich Partei für die Luftfahrtbranche und fordert "die Luftverkehrssteuer ad acta zu legen", "Nachtflugverbote und Flugverbote in Tagesrandzeiten [...] zu verhindern" und "die großen Flughafendrehkreuze bedarfsgerecht" auszubauen. All das sind Positionen, die in direktem Widerspruch zu den Interessen der DB AG stehen.

Ein weiteres langjähriges Mitglied im Bahnaufsichtsrat, ebenfalls als Vertreter des Bundes, ist Jürgen Großmann. Er ist Alleingesellschafter des Stahlkonzerns Georgsmarienhütte, dessen Tochtergesellschaften nach Konzernaussagen "in Europa führend bei der Herstellung von Radsätzen" (für Schienenfahrzeuge) waren und der die DB AG auch unter anderem mit Radsätzen und Prüftechnik für Radsätze belieferte.

Das Irritierende an den all diesen Bahn-Top-Leuten mit Interessenswidersprüchen ist vor allem die Tatsache, dass diese Art Durchsetzung der Bahn ja keineswegs Resultat einer konspirativ wirkenden Autolobby ist. Die Bundesregierung als Vertreterin des hundertprozentigen Eigentümers Bund, der wiederum im Interesse der deutschen Bevölkerung handeln müsste, delegierte all diese Herren, die eigene und Fremdinteressen haben, in den Bahn-Aufsichtsrat und in den Vorstand der DB AG. Für ihre vielfachen Verstöße gegen die Interessen der Schiene, beispielsweise aufgrund der Unterstützung des Monsterprojekts Stuttgart 21, werden die Leute immer aufs Neue belohnt. Herr Grube machte sich ja keineswegs im Zorn und als Resultat eines einseitigen, individuellen Beschlusses vom Gleisacker; der Aufsichtsrat nahm seinen Vorschlag, umgehend auszuscheiden, einstimmig an. Was erhebliche Sonderzahlungen nach sich ziehen dürfte.

Die Delegation von Leuten, die keine Garantie abgeben können, Eisenbahn-Interessen zu vertreten, wird auch immer wieder aufs Neue bestätigt. So wurde der Vertrag von Felcht als Aufsichtsratschef im März 2015 um fünf weitere Jahre verlängert. Die debattierte Ablösung von Felcht – beispielsweise durch Michael Frenzel – würde erneut auf eine satte Abfindung hinauslaufen.

 

Der vorliegende (gekürzte) Text stammt aus dem Buch "abgrundtief und bodenlos" von Winfried Wolf, das im April im Papyrossa-Verlag erscheinen wird. Wolf befasst sich darin mit der Geschichte und den strukturellen Voraussetzung von Stuttgart 21 und anderen Großprojekten in Deutschland – und mit den Gründen, warum aus seiner Sicht Stuttgart 21 scheitern wird.


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Kommentare

Dr. Stefan+Kissinger, 17.03.2017 05:03
Lustig ist der Hinweis auf Frau Nikutta.

Die Ergebnisse von Frau Nikutta sind:
- fehlende U-Bahnzüge, so dass Uralt-U-Bahnen aktiviert werden müssen
- fehlende Busse,
- fehlendes Personal ( neue Jobs für Rentner-Fahrer ab 65 Jahre aufwärts!) usw.
Die Zunahme der Fahrgastzahlen war und ist dem Tourismus-Hype Berlin und der Erkenntnis der Berliner geschuldet, dass es immer schwieriger wird, sich am Tage mit dem PKW zu bewegen und nutzen das vor über 100 Jahren konzipierte ÖPNV-System von Berlin. Frau Nikuttas Marketingaktion "wir lieben die BVG" soll von der gleichen Agentur gemacht worden sein, die für Edeka den Slogan schaffte "Wir lieben Lebensmittel". Sehr originell.

Sehr viele Probleme der BVG kann man sicherlich der Politik des Landes und der Stadt Berlin anlasten, aber nicht alle.

Interessant ist auch , dass es Frau Nikutta gelungen ist als einzige Hauptstadt in Europa ein elektronisches Ticketing (Fahrausweise auf Chipkarten) nach mehr als 10 Jahren nicht zum Laufen zu bringen - trotz Millionen an Subventionen. Wahrscheinlich sind Maßnahmen, die bereits in anderen urbanen Ballungszentren im ÖPNV umgesetzt sind (mehr Straßenbahnen, andere Taktfrequenzen der Busse, bessere Umsteigemöglichkeiten der verschiedenen Verkehrsträger etc. und andere wie Preispolitik (siehe z.B. Wien, Lissabon u.a.) so streng geheim, dass niemand mehr weiß, wo diese Planungen sich befinden.

Vielleicht wäre es schön für Berlin und für die BVG , wenn Frau Nikutta bald von der BVG verschwindet - ob sie als Ex-Schlenker-Mitarbeiterin in Polen dann bei der DB-AG den Bahnanforderungen genügt ist allerdings sehr zu bezweifeln.

Thomas A, 16.03.2017 20:14
Der Schlüssel liegt in Zetsches Universalerkenntnis und Erfolgsrezept..."manchmal reicht es einfach aus kein Arschloch zu sein."..
Ob man die DB als Logistik oder als Dienstleistungsfirma betrachtet, Kundenorientierung sollte selbstverständlich sein. Damit ist nicht gemeint dem Kunden dahin zu kriechen... Die customer value gibt es als Rezeptbuchbuch für nachhaltigen Markterfolg. Den Kundengewinn gilt es zu identifizieren . Mitarbeiter sind anerkannterweise das Potential. Dürr, Mehdorn und Grube wurden mit sharehouldervalue sozialisiert, ausgerichtet auf kurzfristige und kurzsichtige Margenverbesserung. In dieser Strategie sind Kunden Störfälle und Mitarbeiter Kostenerzeuger.
Lutz und Russwurm sind charakterlich so beschrieben, dass es klappen kann. Die Mitarbeiter den Bahnkonzern retten lassen.

Schwabe, 16.03.2017 14:05
"Bahnfeinde im Bahnvorstand" - so zerstört und verschleudert bürgerlich kapitalorientierte Politik systematisch Volksvermögen und die Daseinsvorsorge.
Gleiches geschieht unter bürgerlicher Politik mit anderen (ehemals) öffentlichen Einrichtungen (siehe z.B. Staatsgalerie), bei Energieunternehmen, Gewerkschaften, bei städt. Wohnbaugesellschaften (s.SWSG), etc. um sie auf kapitalorientierte Linie und somit auf Linie bürgerlicher Politik zu bringen. Und die Bevölkerungsmehrheit der Lohnabhängig Beschäftigten wird immer ärmer sowie mehr und mehr ausgebeutet. Alles paletti im Hause Merkel, Gabriel, Kretschmann, Schulz, Petri, etc. & Co

Markus Hitter, 15.03.2017 11:47
Richard Lutz mag die Eisenbahnerei nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, doch immerhin ist er schon mehr als 20 Jahre im DB-Konzern tätig. Also quasi seine gesamte Karriere. Ihn als branchenfremd darzustellen ist ein wenig gewagt.

Im Gegenteil, in den einschlägigen Fachforen, z.B. bei Drehscheibe-Online, wird Lutz nicht gerade gefeiert, dennoch anerkannt. Wesentlich bessere Leute werden kaum angesprochen, offensichtlich gibt es da nicht allzu viele. Dafür ist man froh, dass nicht eine wesentlich schlechtere Besetzung wie z.B. Pofalla oder eben ein tatsächlich völlig Branchenfremder daher kommt.

Für ebenfalls erwähnenswert halte ich Sigrid Nikutta. Man sagt, dass sie nicht zaubern könne, sich aber auch vor tiefgreifenden Umwälzungen nicht scheut. Das ist genau das, was der DB-Güterverkehr gerade braucht.

Insgesamt bin ich schon fast überrascht, welch besonnenen Personalentscheidungen getroffen wurden. Kaum steht ein Wahlkampf an, klappt sowas.

Horst Ruch, 15.03.2017 07:59
.....was doch zu erwarten war. Die Deutschland Schummel AG, als größter Eigner der Europa AG. Wundersame Bosse schummeln sich zur sogenannten Elite aus rein privatwirtschaftlichem Interesse, das volkswirtschaftlich erbrachte Kapital zu veruntreuen. Blamabel ist die naive "kritische" Begleitung unserer gewählten k.A.(keine Ahnung) Volksvertreter.

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Ausgabe 312 / Das große Fressen / tauss, 24.03.2017 15:03
@HifppiE ... so darf man unterschiedlicher Meinung sein... Ich bleibe dabei: Eine völlig verantwortungslose Staatengemeinschaft, die über "Werte" faselt, sich allein über die Steigerung von Rüstungsausgaben definiert und die UN-...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Jupp, 24.03.2017 07:17
Mein Herz geht auf. Hier wird nicht nur über die Vergangenheit oder Gegenwart gschimpft. Nein, es wird tatsächlich über die Zukunft nachgedacht! Und ich bin vollkommen bei Frau Rath :-) Was soll ein Fussgängerstegle? Wir haben...

Ausgabe 312 / Afrika kommt / leo loewe, 24.03.2017 00:24
"Die künftige Entwicklung gestalten!" Wir sollten versuchen, die globale Entwicklung weiterhin aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich die Welt um uns herum rasch verändert und dass es dabei um so mehr auf...

Ausgabe 312 / Das große Fressen / HippiE, 23.03.2017 23:50
@tauss: Dieser gelungene Beitrag handelt nicht von Kompensation, sondern von haarsträubender Ungleichheit und niederschmetternder Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Er nervt daher nicht, sondern macht betroffen und fassungslos.

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Horst Ruch, 23.03.2017 22:12
....a propos "Stegle". Das ist es gerade was W.Backes angesprochen hat: Think big. Stirling hatte nicht umsonst die Planung für die Erschließung der Staatsgalerie und Musikhochschule auf einer höheren Ebene angeordnet, somit die (Teil)...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

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