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AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Karikatur: Oliver Stenzel

Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 305
Politik

Sieben Todsünden des Herrn G.

Von Winfried Wolf
Datum: 01.02.2017
Kaum hat sich Rüdiger Grube vom Acker gemacht, wird er mit Elogen überhäuft. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn, Utz-Helmuth Felcht, spricht von "bleibenden Verdiensten" für die Zukunftssicherung des Konzerns. Unser Autor ist ganz anderer Meinung.

Halten wir fest: Würde ein Lokführer, ein Stellwerker oder irgendein Bahner, der Verantwortung trägt, auf vergleichbare Art und Weise – beim Poker um eine Vertragsverlängerung mit längerer Laufzeit beziehungsweise mit höherer Vergütung – die Brocken hinschmeißen, dann würde das zu Recht als verantwortungslos gebrandmarkt werden. Würde ein solches Verhalten im Bahnkonzern Schule machen, dann würde der Schienenverkehr schlicht kollabieren.

Es ist auch nicht zu erkennen, wofür Grube zu danken ist. Er hat nur das Zerstörungswerk der vorausgegangenen Konzernchefs der Deutschen Bahn, Heinz Dürr und Hartmut Mehdorn, fortgesetzt. Was einer gewissen Logik nicht entbehrt, stammen sie doch alle drei aus der Daimler-Kaderschmiede. Richtig ist, dass dies bei Grube meist mit einem Lächeln begleitet war, was ihn von seinem grimmgesichtigen Vorgänger unterschied. Grube war schlicht die bislang beste Bahn-Abrissbirne. Diese Bilanz lässt sich in den "Sieben Todsünden des Herrn G." wie folgt zusammenfassen.

Was von Grube bleibt. Fotos: Joachim E. Röttgers
Was von Grube bleibt. Fotos: Joachim E. Röttgers

1. Fortgesetzte Abkehr vom Brot-und-Buttergeschäft: Unter Grube wurde das Auslandsgeschäft und das Engagement in bahnfremden Bereichen erheblich ausgeweitet. Insgesamt wurden hier seit 2009 rund 3,5 Milliarden Euro für Einkäufe ausgegeben – Geld, das im Inland bei der Schieneninfrastruktur bitter benötigt würde. Inzwischen entfällt die Hälfte des Umsatzes der Deutsche Bahn AG auf das Auslandsgeschäft. Die größten Brocken waren der Kauf von Arriva und die Ausweitung der Deutsche Bahn-Aktivitäten in Osteuropa. Beispielsweise rühmt sich Grube, 20 Prozent Marktanteil im tschechischen Busgeschäft zu haben. Diese Auslandsaktivitäten trugen entscheidend dazu bei, dass die Verschuldung der Deutsche Bahn AG auf knapp 19 Milliarden Euro anstieg. Sie liegt damit so hoch wie diejenige der Bundesbahn Anfang der 1990er Jahre.

2. Neubelebung des Projekts Bahnprivatisierung: Unter Grube wurde 2015/16 das Thema Teilprivatisierung wieder aufgelegt. Offiziell hieß das Projekt Teilverkauf der Tochtergesellschaften Arriva und Schenker Logistics. Tatsächlich wollte man Heuschrecken als Anteilseigener hereinnehmen. Da es allein diese zwei Deutsche Bahn AG-Töchter auf 50 Prozent des Gesamtumsatzes bringen, hätten private Anteilseigner dort zukünftig einen erheblichen Einfluss im Konzern gehabt. Dies wäre einem Einstieg in das Unternehmen gleichgekommen. Das Vorhaben wurde im Oktober 2016 aufgrund des Widerstands in der Politik gestoppt – gegen den Willen von Grube.

3. Verschärfung der Krise des Personenfernverkehrs: Unter Grube gab es keinen Wiederausbau des Fernverkehrs und keine Reduktion der Fahrgastverluste, die die Einstellung des Interregios 2001/2002 mit sich brachte. Der Anteil der Reisenden ohne Sitzplatz ("Steherquote") hat sich deutlich erhöht. Auf 2,5 Prozent im Durchschnitt, am Freitagnachmittag auf gefühlte 20. Die Zahl der Zugräumungen wegen Überfüllung nahm zu, allein am letzten Wochenende im Oktober 2016 waren es 33. In seiner Ära stiegen die Fernverkehrsticketpreise um 20 Prozent. Das Preissystem wurde am 11. Dezember 2016 "reformiert", also nochmals undurchschaubarer gemacht. Die Flexibilität wurde ein weiteres Mal reduziert: Die neuen "Flex-Tickets" unterliegen jetzt auch preislichen Schwankungen. Darüber hinaus muss die Fahrt stets am ersten Gültigkeitstag angetreten werden. Damit entwickelte sich die Bahn zunehmend zu einem Schnäppchenjäger-Transportmittel. Konsequenz: Die wichtige Stammkundschaft wandert ab. Das dokumentiert auch die Entwicklung der Zahl der BahnCard50-Inhaber: 2008 waren es noch 1,738 Millionen, 2015 nur noch 1,311 Millionen – ein Rückgang um fast ein Viertel.

4. Einstellung des Nachtzugverkehrs: In den vergangenen acht Jahren wurde die Nachtzugsparte der Deutsche Bahn AG systematisch auf Verschleiß gefahren und am 11. Dezember 2016 eingestellt. Nach einer Tradition von mehr als 120 Jahren. Die Nachbarbahn ÖBB übernahm die Hälfte der deutschen Nachtzugverbindungen. Sie expandiert in diesem Bereich seit mehr als einem Jahrzehnt. Das belegt: Das Nachtzuggeschäft kann profitabel betrieben werden; Grube konnte oder wollte dies nicht.

Die Bahn-Infrastruktur wurde sträflich vernachlässigt.
Die Bahn-Infrastruktur wurde sträflich vernachlässigt.

5. Fortgesetzter Niedergang der Schieneninfrastruktur: Der Bundesrechnungshof hat dies in mehreren Prüfberichten dokumentiert. Die Zahl der Weichen wurde nochmals um 1759 (auf 67 552) und die Länge der Gleise um 3119 km (auf 60 795 km) reduziert (jeweils 2008-2015). Die Verschlechterung der Qualität der Infrastruktur mündete in einer extrem niedrigen Pünktlichkeitsquote, die 2015 gerade mal bei 75 Prozent im Fernverkehr lag.

6. Güterbahn kämpft ums Überleben: Unter Grube geriet der Schienengüterverkehr der Deutsche Bahn AG in eine existenzielle Krise. Diese ist auch das Resultat eines fortgesetzten Rückzugs in der Fläche. In Grubes Amtszeit wurde die Zahl der Privatgleisanschlüsse von 3732 auf 2359 abgebaut. Zum Vergleich: 1994 waren es noch 11 742. Im Herbst 2016 verkündete Herr G. die geplante de facto-Schließung von 173 Güterverkehrsstellen (Güterbahnhöfe), was 11,5 Prozent aller Güterverkehrsstellen entspricht, und einen Abbau der Beschäftigten in diesem Bereich um mehr als 2000 Personen. Kreativität entwickelte das Team um den Konzernchef lediglich beim wording: Die Güterverkehrssparte hieß früher Cargo. Mehdorn machte daraus Railion. Seit Herbst 2016 heißt sie wieder Cargo.

7. Grube als Stuttgart-21-Vollstrecker: Zwar ließ er zuletzt im trauten Kreis verlauten, er hätte Stuttgart 21 "nicht gemacht". Doch das ist die Unwahrheit. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt am 1. Mai 2009 war Baubeginn – mit ihm als Frontmann und Scharfmacher. Ende 2010 verkündete er: "Das Ding muss durchgezogen werden. Und ich ziehe das durch. Wenn wir in Stuttgart auch nur einen Millimeter nachgeben, dann fliegen uns in Deutschland alle Infrastrukturprojekte um die Ohren." (Hamburger Abendblatt vom 15. November 2010). Als im Dezember 2012 die Gesamtkosten von 4,5 auf 6,8 Milliarden explodierten, trommelte er gemeinsam mit Ronald Pofalla und Volker Kefer dafür, dass der Aufsichtsrat im März 2013 Ja zum Weiterbau sagte. Im Herbst 2016 legte der Bundesrechnungshof einen neuen Prüfbericht zu Stuttgart 21 vor. In diesem steht, dass sich die Kosten des Projekts auf zehn Milliarden Euro erhöhen. Und dass "es offen bleibt, ob es gelingt" für den Tiefbahnhof am Ende "eine Betriebsgenehmigung zu erhalten". Die Reaktion von Grube: Er erklärte, den Prüfbericht nicht zu kennen. Und verklagte Ende 2016 das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart auf die anteilmäßige Übernahme der Mehrkosten für das Milliardengrab.

Oh heilige Barbara, der Bagger kommt.
Oh heilige Barbara, der Bagger kommt.

Nein, dem Herrn G. soll keine Träne nachgeweint werden. Der Mann macht sich aus dem gleichen Grund vom Acker, aus dem im Juni 2016 bereits Vorstand Volker Kefer verschwunden ist: Stuttgart 21 gerät immer mehr in Schieflage. Wenn die Berichte des Bundesrechnungshofs und das an den Aufsichtsrat adressierte KPMG-Gutachten in Gänze an die Öffentlichkeit gelangen, dann wird allen deutlich: Das Großprojekt ist ein Fass ohne Boden. Damit aber bedeutet ein Weiterbetreiben von S 21 Untreue: Das Aktiengesetz verbietet den Vorstandsmitgliedern und den Aufsichtsräten, wissentlich ein unwirtschaftliches Projekt durchzuziehen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Utz-Helmuth Felcht, ließ am 31. Januar bereits zum dritten Mal den Punkt "Stuttgart 21" von der Tagesordnung nehmen. Wenn es zutrifft, dass auch Felcht in Bälde seinen Hut nimmt, dann hätten alle DB-Hauptverantwortlichen für das Milliardengrab rechtzeitig den Konzern verlassen.

Was die Bahn, was die Bahnbeschäftigten und was die Fahrgäste jetzt dringend brauchen, ist ein Mensch an der Bahnspitze, der selbst Eisenbahner ist, der Schiene kann und die Eisenbahn liebt, der professionell ist und der mit Menschen im Team umgehen kann. Entsprechend dieser Kriterien wären - in alphabetischer Reihenfolge - vorstellbar: Gerald Hörster, der aktuelle Chef des Eisenbahn-Bundesamtes, ein engagierter und fachkundiger Beamter. Hans Leister, ehemals für die Deutsche Bahn AG, dann für verschiedene Privatbahnen aktiv, aktuell Präsident der Zukunftswerkstatt Schienenverkehr, Berlin. Gunter Mackinger, ein österreichischer Eisenbahner von der Pike auf, lange Zeit in führender Position bei der Salzburger Lokalbahn. Heiner Monheim, ein international anerkannter Verkehrswissenschaftler, der Menschen für die Eisenbahn begeistern kann. Benedikt Weibel, der ehemalige, enorm erfolgreiche Chef der Schweizerischen Bundesbahnen SBB. Claus Weselsky, GDL-Chef und Parteifreund der Kanzlerin, mit hohem Durchsetzungsvermögen. Oder schließlich Bernhard Wewers, der Geschäftsführer des Nahverkehrsverbunds Schleswig-Holstein.

Mit das Schlimmste, was jetzt bei der Bahn passieren könnte, wäre ein Chef Pofalla. Also jemand, der wie Dürr, Mehdorn und Grube von Eisenbahn keine Ahnung hat, der, anders die drei Genannten, von Unternehmensführung keinen Schimmer hat, und der sich als CDU-Hardliner und Brüller aufführte (zu MdB-Bosbach: "Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen!"). Einer, der sich als Bundestagsabgeordneter außer Stande sah, der Versuchung zu widerstehen, aus Mitteln für den MdB-Bürobedarf Montblanc-Luxusschreibgeräte im Wert von 14 722,32 Euro zu ordern.


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Kommentare

Jürgen Deutsch, 27.02.2017 21:22
Danke für den Artikel, der mich aber immer wieder auf`s Neue ärgert. Die Privatisierung hat meinen Vater (1907-2007) seit 1982 furchtbar geärgert. Jetzt geht es in allen Bereichen nur noch bergab. Alles nur für die Autoindustrie, so seine Worte.
Man sieht es.
Ich höre heute noch Tiefensee reden: Die Eisenbahn privatisieren ist kein Verhökern des Volksvermögens. Aber Hallo!!!
Wer die Geschichte der Eisenbahn in kurzform lesen möchte,
dem empfehle ich das Heft.
Hundert Jahre Eisenbahndirektion Wuppertal
1850 - 1950
zu lesen
Da steht geschrieben, daß sie von Privaten aufgebaut wurde, dann ging ihnen das Geld aus und dann hat sie Kaiser Wilhelm gekauft. Sie wurde damit verstaatlicht und erst dann war es eine Eisenbahn für die kleinen Leute
Dann hat man 1990 die Eisenbahn schlecht geredet. Ich höre heute noch Stimmen am Hauptbahnhof in München. sie hätte Schulden und einiges mehr.
Heute haben sie noch mehr Schulden und der Karren wird wie mein Vater voraus gesagt hat, noch mehr in den Dreck gefahren.
Die eigentliche Ursache für unsere heutige Entwickklung sind die Eliten. Diesen wird alles gegeben.
Ich beende dies hiermit , danke für die Infos und die Möglichkeit.
LG
dies zu schreiben

by-the-way, 06.02.2017 23:24
Unfähigkeit , eine öffentliche Daseinsvorsorge, wie es der Bahnverkehr darstellt, zu erfüllen, wäre noch "nett" ausgedrückt...

Diesem Herrn Grube ist real betrachtet, "Sabottage" eben diesen Auftrages vorzuwerfen.

Den Nahverkehr im Großraum Stuttgart hat er, entweder aus Unfähigkeit oder, erfolgreich, weil aufgetragen (von der Auto-Lobby) sabottiert.

Und daher ist der öffentliche Nahverkehr auch keine Alternative,
auch nicht bei "Feinstaubalarm" !

Garantiert unzuverlässig - und damit wertvolle Lebenszeit kostend.

Dafür haben die Organisatoren, die für dieses Desaster verantwortlich sind, ein fürstliches Auskommen.

Höchste Zeit, dieses Klientel endlich mal persönlich zur Verantwortung zu ziehen.

Einige Exempel statuieren - wetten, dann läuft der Laden plötzlich !

Hartmut Hendrich, 04.02.2017 10:00
Im Beitrag vom 03.02.2017 12:332 äußert sich offenbar eine Wissens-Rakete. Leider versäumt es dieser werte Mitforist, uns aufzuklären, worin die Ahnungslosigkeit des Autors besteht und läßt uns ebenfalls Ahnungslose im Dunkel des Unwissens zurück.
Wenn ich aber darüber nachdenke, was uns hier eigentlich mitgeteilt werden soll, assoziiere ich bei Rakete auch Rohrkrepierer.

Rakete, 03.02.2017 12:32
Wenn man von der Sache keine Ahnung hat, sollte man nicht solche Behauptungen aufstellen. Allein die Einleitung ist hahnebüchen naiv und unreflektiert.

Ignaz Wrobel, 02.02.2017 22:21
Pofalla

„Chancen: mittelmäßig.“ ( Zitat SZT ,Deutsche Bahn Das Rennen um Grube-Nachfolge ist eröffnet ,02.02.17 ). Je nach dem , was der „ Ich kann Deine Fresse nicht mehr Sehen-Könner gegen seine „ Gönnerin ( Cave: Nicht die Namensgleiche ! ) in der Hand hat. Eine wertebedingte Wesensverwandtschaft der beiden will ich zugunsten der Kanzlerin mal nicht vermuten. Also: Machtkonstellationsgründe oder stille Erpressung nicht ausschließen ! Von den im Artikel genannten ist Pofalla der mit riesigem Abstand Fachfremdeste und Führungsunerfahrenste. Für den unwahrscheinlichsten Fall, eines - aber m.E. n. dringend notwendigen- Paradigmenwechsels im Bahnverkehr Deutschlands- wäre noch Dominik Waibel , ex SBB-Chef aus der Schweiz zu nennen. Ein schnelles Ende von S 21 würde einem Experten-Duo Waibel / Kefer freie Hand lassen. Dann könnten wohl auch alle anderen( im STZ-Artikel,s.o.) genannten Aspiranten einen guten Job machen. Wie gesagt: Paradigmenwechsel vorausgesetzt. Also eher ein unwahrscheinliches Szenario bei der ungeheuren Macht des VDA ( (Verband der Automobilindustrie ). Ein gemeingesellschaftlich wie politischer Befreiungsschlag wärs aber bestimmt.

Werner, 02.02.2017 12:25
Anne Jeziorski
Hallo Anne, leider verlassen nicht alle Ratten das sinkende Schiff. Fragen Sie mal Profalla.

Wolfgang, 02.02.2017 00:51
Knackpunt: S21 und die Rolle von Grube

Die Grünen Regierenden in Stadt und Land müssen das Projekt jetzt dringend und schnell neu bewerten.
Die ehemaligen Befürworter (Öttinger, Tiefensee, Ramsauer, Aser, Schuster, Mappus, Gönner, Kefer, Drexler, Grube uvm.) sind jetzt alle von Bord gegangen.
Es bleiben noch Merkel, Pofalla, Dobrint (Alles Namen, die in diesem Zusammenhang (Eisenbahn) für die Schlagworte Steindumm, Kenntnislos und Talentfrei stehen; frei nach E. Henscheid).
Finanziell und Verkehrstechnisch ist hier eine Neubewertung durch qualifiziertes Personal notwendig.
Die aktuellen Gutachten weisen auf hohe Risiken beim Bau und, noch viel schlimmer, auch beim späteren Betrieb hin. Viele der Risiken sind schon lange bekannt aber von den Emittierten ignoriert worden.
Die Verantwortung liegt jetzt bei den Projektpartnern.
Anstatt sich gegenseitig zu verklagen, sollten sie lieber über ein sinnvolles Verkehrskonzept nachdenken.
Wir alle wollen einen funktionierenden Schienenverkehr in der Region und darüber hinaus.

S21 ist nur ein Übel der Bahnentwicklung der letzten Jahre aber tendenziell wird überall auf Abbau zugunsten der Straße gefahren. Damit muss Schluss sein. Der "Neue" muss ein Eisenbahner sein, der von der Regierung aber auch unterstützt wird! Wahrscheinlich brauchen wir auch eine andere Regierung. Die Wahlen stehen an!

Rainer Daeschler, 01.02.2017 13:45
Bisher vier Vorstandsvorsitzende, davon drei Maulwürfe der Automobilindustrie. Auch der Nächste wird nicht ohne den Segen des VDA (Verband deutscher Automobilhersteller) ernannt werden.

CharlotteRath, 01.02.2017 11:21
Warum erst jetzt? Fragt und erklärt der Postillon:
http://www.der-postillon.com/2017/01/grube-bahn.html

Wichtige Ursachen des Rücktritts vermutet ein humorärmerer Kommentator der ZEIT in erster Linie in der Regierungspolitik:
http://www.zeit.de/mobilitaet/2017-01/deutsche-bahn-situation-schulden-bahnnetz-ruediger-grube-ruecktritt
Angesichts des (Nicht-)Handelns vergangener und amtierender Bundesverkehrsminister, der flankierend beschlossenen Maßnahmen (wie z. B. Verzicht auf Kerosinsteuer, Abwrackprämien für Pkws, Tolerierung von Abgasmanipulationen mit Steuervermeidung, Blockade der Blauen Plakette usw.) oder auch der Teflon-Kanzlerinnendirektive "Stuttgart 21 wird gebaut" eine sehr plausible Position!
Welche Bundesregierung der letzten zwanzig Jahre hat denn eine Stärkung der Schienenverkehrs unternommen? Wohin gehen Schäubles Jahresüberschüsse (z. T. aus Dividenden der DB AG erwirtschaftet)?
Herr Grube verabschiedet sich aus diesem miesen Schmierenstück immerhin mit einer gewissen persönlichen Haltung, dafür zolle ich ihm Respekt.

Andreas Haas, 01.02.2017 10:58
Traurig an der Sache ist das resignierte Verhalten des grünen Teils der Landesregierung. Angesichts der laufenden Klage der Bahn gegen ihre "Projektpartner" fäll dem Verkehrsminister Winfried Hermann zu Grubes Abgang nicht viel mehr ein als die Aussage, das Projekt sei trotz zwei Milliarden Mehrkosten weiterzuführen, sei es „politisch endgültig abgesegnet“. Wann wenn nicht jetzt wäre Zeit und Gelegenheit für ein Umdenken und einen Neuanfang bei der Bahn ?

Schwabe, 01.02.2017 08:31
Vielen Dank an Winfried Wolf alternative Namen um das Ringen des Chef Postens bei der Bahn ins Spiel zu bringen. Namen hinter denen sich echte Professionalität verbirgt, sprich Sachkunde und Orientierung am Gemeinwohl(zumindest hinter den Namen die ich spontan einordnen kann wie Heiner Mohnheim und Claus Weselsky) und die sie hoffentlich auch als Bahnchef so einbringen würden.

Anne Jeziorski, 01.02.2017 07:50
Der Bahnchef hat(te) alles im Griff - die Ratten verlassen das sinkende Schiff...

Warten auf dem Nächsten...

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