KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Montagsdemo am 28.9.2015. Foto: Martin Storz

Montagsdemo am 28.9.2015. Foto: Martin Storz

Ausgabe 235
Politik

Krieg der Pensionäre

Von Jürgen Bartle
Datum: 30.09.2015
Der eine war Richter, der andere Staatsanwalt, und ihre Zusammenarbeit war "stets tadellos". Bis zum 30. September 2010. Den Schwarzen Donnerstag haben beide vor Ort erlebt, und seither führen sie Krieg: Jetzt hat der Vorsitzende Richter a. D. Dieter Reicherter gegen den Oberstaatsanwalt a. D. Bernhard Häußler Anzeige erstattet. Beim Generalstaatsanwalt, wegen falscher uneidlicher Aussage und Strafvereitelung im Amt.
Foto: privat
Foto: privat

Dieter Reicherter war seit vier Wochen Pensionär, als er auf dem Weg zu einer Verabredung den Stuttgarter Schlossgarten durchquerte – an jenem 30. September 2010, an dem der friedliche Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit Füßen getreten, mit Knüppeln geschlagen, mit Pfefferspray besprüht und aus Wasserwerfer-Kanonen beschossen wurde. Selber abseits der zu räumenden Wege auf einer Wiese stehend, wurde Reicherter vom Wasserwerfer durchnässt und in seinem Weltbild erschüttert: Polizeigewalt über Stunden, Übergriffe vor allem auch gegen Jugendliche, Hunderte von Verletzten, aber weit und breit kein Rettungsdienst – nichts von dem, was er da mit eigenen Augen zu sehen bekam, hatte der langjährige Strafrichter und vormalige Staatsanwalt in diesem Land für möglich oder auch nur für denkbar gehalten.

Reicherter bietet sich Häußler als Zeuge an

Reicherter setzte sich an den Schreibtisch, brachte seine Erlebnisse zu Papier und schickte sie, verbunden mit dem Angebot, als Zeuge zur Verfügung zu stehen, an den zuständigen Staatsanwalt Bernhard Häußler, den damals schon umstrittenen Leiter der politischen Abteilung 1 in Deutschlands fünftgrößter Anklagebehörde. Doch Häußler, schon immer ein Rechts-Ausleger der Rechtsauslegung, hatte nur daran Interesse, den Widerstand gegen Stuttgart 21 zu kriminalisieren: In Hunderten von Verfahren gegen Demonstranten gab die Staatsanwaltschaft in den folgenden Jahren Vollgas, selbst bei teils absurd geringfügigen Tatvorwürfen, und stand zugleich auf der Bremse, wenn es um die Aufarbeitung polizeilichen Fehlverhaltens ging.

Dieter Reicherter im März 2015 bei der Präsentation seines Buchs "Unerhört. Ungeklärt. Ungesühnt." Foto: Joachim E. Röttgers
Dieter Reicherter im März 2015 bei der Präsentation seines Buchs "Unerhört. Ungeklärt. Ungesühnt.". Foto: Joachim E. Röttgers

Den ungewollten Zeugen Reicherter versuchte Häußler auf seine Art mürbe zu machen: Kaum fünf Wochen nach dessen Schreiben und einem weiteren telefonischen Hinweis Reicherters ("Damals vertraute ich ihm noch") an den Oberstaatsanwalt in anderer Sache verfasste Häußler eine Aktennotiz des Inhalts, bei ihm sei "der Eindruck entstanden, dass Herr Reicherter eine Wahnvorstellung entwickelt hat". Ohnehin großzügig gestreut in Kreisen der Ermittler, wanderte Häußlers Erkenntnis, "versehentlich", wie es später hieß, sogar noch in mindestens eine Gerichtsakte, die weder mit der Sache noch überhaupt mit Dieter Reicherter zu tun hatte.

Während jener Vermerk 2013 nach Intervention des Landesdatenschutzbeauftragten aus der Akte gelöscht werden musste, ist Häußlers zweiter Frontalangriff auf den ehemaligen Kollegen bis heute juristisch nicht aufgearbeitet: Im Juni 2012 veranlasste die politische Abteilung der Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung bei Reicherter, wohl wissend, dass dieser sich auf einer Auslandsreise befand. Gefunden wurde zwar nichts, was die Ermittler weitergebracht hätte, dafür wurde so manches mitgenommen, was nichts mit den Ermittlungen zu tun hatte. Wohlgemerkt: Die Durchsuchung fand nicht bei einem Beschuldigten statt, sondern – in wiederum anderer Angelegenheit – bei Reicherter als Zeugen. Dagegen hat Dieter Reicherter Verfassungsbeschwerde erhoben; die ist noch nicht entschieden.

Häußler wird zur Hassfigur des Widerstands

Da standen sich die beiden versierten Strafrechtler längst in herzlicher Feindschaft gegenüber: der eine als immer häufiger und auch öffentlich angefeindete Hassfigur des Stuttgart-21-Widerstands, deren Ablösung verschiedentlich sogar aus politischen Kreisen gefordert wurde, der andere als unermüdlicher Aufklärer, Rechercheur, Redner auf Demonstrationen (wie bei der am fünften Jahrestag) und als kritischer Journalist. Als solcher hat Reicherter seither mehrere Bücher veröffentlicht und im vergangenen Jahr monatelang für die Kontext:Wochenzeitung über den Wasserwerferprozess am Stuttgarter Landgericht berichtet. "Als Folge dieser Tätigkeit", schreibt Reicherter jetzt in seiner Anzeige gegen Häußler, die er am Freitag, dem 25. September, erstattet hat, hätten sich bei ihm "zahlreiche Zeugen und Betroffene" gemeldet und ihm "etliche neue, bislang unbekannt gewesene Informationen zukommen lassen".

Der damalige Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf (Pfeil links) und Bernhard Häußler (Pfeil rechts) am 30. 9. 2010 auf dem "Feldherrenhügel". Foto: privat
Der damalige Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf (Pfeil links) und Bernhard Häußler (Pfeil rechts) am 30.9.2010 auf dem "Feldherrenhügel". Foto: privat

Das war schon während des Prozesses so. Unter anderem führte ein Reicherter zugespieltes und in der Kontext:Wochenzeitung erstmals am 16. Juli 2014 veröffentlichtes Foto mit dazu, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart erneut Ermittlungen gegen den ehemaligen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf aufnehmen musste. Diese ergaben schließlich, dass Stumpf einen Strafbefehl annahm und seither vorbestraft ist.

Das Foto zeigt Stumpf, aber auch Häußler, zu einem Zeitpunkt am Schwarzen Donnerstag auf dem sogenannten Feldherrenhügel im Schlossgarten, als die Wasserwerfer aus vollen Rohren und auf Kopfhöhe von Demonstranten schossen – und mindestens Stumpf hätte da einschreiten müssen. Häußler nicht: So hat es jedenfalls die Staatsanwaltschaft Heidelberg befunden, die im Auftrag des baden-württembergischen Justizministers den Sachverhalt prüfte. Und keine drei Wochen brauchte bis zum "Freispruch".

So manches wurde von den Ermittlern "übersehen"

Beweiskraft hatte besagtes Foto übrigens deshalb, weil sich die nämliche Szene zur gleichen Uhrzeit auch in polizeilichen Filmaufnahmen vom Schwarzen Donnerstag fand – und lediglich bis dahin "übersehen" worden war. Wie so manches mehr in den mehr als 200 Stunden Videomaterial, von dem die Polizei vergeblich gehofft hatte, es würde belegen, die Gewalt am Schwarzen Donnerstag sei von den Demonstranten ausgegangen. Es belegte ganz überwiegend das genaue Gegenteil. Und das war nicht nur in zahlreichen, im Prozess vorgespielten Sequenzen zu sehen, sondern geht auch aus neu aufgetauchten und in der vergangenen Woche als Zusammenschnitt vom Magazin "Stern" veröffentlichten Aufnahmen hervor.

Am 25. 9. 2015 erstattet Reicherter Anzeige gegen unbekannt. Foto: Joachim E. Röttgers
Am 25.9.2015 erstattet Reicherter Anzeige gegen unbekannt. Foto: Joachim E. Röttgers

Eine darin enthaltene Szene, in der ein Polizist über Sprechfunk einem anderen befiehlt, sich das an diesem Tag tausendfach verwendete Pfefferspray zuerst in den Handschuh zu sprühen und es dann Demonstranten ins Gesicht zu reiben, hat Dieter Reicherter veranlasst, Anzeige gegen unbekannt "wegen Verabredung eines Verbrechens" zu erstatten. Überdies liegt ihm die Zeugenaussage eines 14-Jährigen vor, der angibt, ein Polizist habe ihm mit seinem Handschuh Pfefferspray ins Gesicht gerieben.

Auf die Missachtung der polizeilichen Dienstvorschrift, wonach Reizgas in keinem Fall gegen Kinder eingesetzt werden darf (ebenso wenig wie gegen Schwangere und Allergiker, bei denen das sogar zum Erstickungstod führen kann), nimmt Reicherter Bezug in seiner Anzeige gegen Häußler und erwähnt dessen Aussage als Zeuge im Wasserwerferprozess. Dort hatte der mittlerweile ebenfalls und aus privaten Gründen vorzeitig in den Ruhestand getretene Häußler einen schwachen und überdies von skandalösen Umständen begleiteten Auftritt hingelegt und behauptet, seinen Ermittlungen zufolge seien alle Personen, die von Pfefferspray-Einsätzen betroffen waren, über 18 Jahre alt gewesen.

Häußler am 30.1.2015 vor dem zweiten Schlossgarten-Untersuchungsausschuss. Foto: Raimund Wimmer
Häußler am 30.1.2015 vor dem zweiten Schlossgarten-Untersuchungsausschuss. Foto: Raimund Wimmer

Tatsächlich hat Häußlers politische Abteilung ihre spärlichen Ermittlungen gegen Beamte, die Pfefferspray unerlaubt aus nächster Nähe Demonstranten ins Gesicht gesprüht haben, allesamt eingestellt mit Hinweis darauf, dass die Identität der – gepanzerten und vermummten – Polizisten nicht zu klären gewesen sei. Nur in einem Fall wurde schließlich Anklage erhoben, ganz und gar unfreiwillig: Der Beamte, der dann einen teuren Strafbefehl akzeptierte, war von den eigenen Kollegen angezeigt worden, weil er einer am Boden liegenden Frau aus nächster Nähe in die Augen gesprüht hatte.

Die Qualität von Häußlers Ermittlungsarbeit – genauer: sein Unwille, überhaupt gegen Polizisten zu ermitteln – macht sich auch an dem Umstand fest, dass allein die Demosanitäter am Schwarzen Donnerstag 320 Patienten versorgten, die "unter Augen-, Haut- und Schleimhautreizungen" litten, allesamt hervorgerufen durch Pfefferspray. Weitere solchermaßen Verletzte wurden vom Roten Kreuz behandelt, das sich selbst alarmiert hatte, oder begaben sich auf eigene Faust außerhalb des Schlossgartens in Behandlung. Als ob ausgerechnet die Staatsanwaltschaft Stuttgart sich die Mühe gemacht hätte, in all diesen Fällen das Alter der Betroffenen zu ermitteln.

Sind unterbliebene Ermittlungen Strafvereitelung im Amt?

Häußlers Aussage vor Gericht sei, schreibt Dieter Reicherter deshalb in seiner Anzeige, "vorsätzlich falsch", und liefert ein mögliches Motiv gleich mit: "... dass er anderenfalls das pflichtwidrige Unterlassen von Ermittlungen hierzu hätte einräumen müssen." Und weiter:

Häußler mittendrin. Foto: privat
Häußler mittendrin. Foto: privat

"Herr Häußler war deswegen in Kenntnis der Vorgänge nach seinen dienstlichen Verpflichtungen gehalten, hierzu Ermittlungen durchzuführen und verantwortliche Polizeibeamte zur Rechenschaft zu ziehen. Dies hat er jedoch nicht getan, sodass bis heute kein einziger Polizeibeamter wegen durch Pfefferspray verursachte Verletzung von Kindern unter dem Gesichtspunkt der gefährlichen Körperverletzung im Amt bestraft wurde. Selbst wenn Verletzte nicht namentlich bekannt sein sollten, hindert dies die Verfolgung und Bestrafung von Verantwortlichen nicht, da schon der Versuch gefährlicher Körperverletzung (im Amt) strafbar und erweislich ist. In den unterbliebenen Ermittlungen sehe ich den Vorwurf der Strafvereitelung im Amt begründet, wobei schon der Versuch strafbar ist."

Dieter Reicherter hat die Anzeige gegen Häußler bewusst nicht bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart gestellt, sondern sie beim übergeordneten Generalstaatsanwalt Brauneisen in den Briefkasten geworfen. Verbunden mit der Bitte, "eine andere Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen zu beauftragen". Ob das zu anderen Ergebnissen führt als zuletzt – siehe oben – bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg und wer am Ende also den Krieg der Pensionäre gewinnt, bleibt abzuwarten. Gut sind Reicherters Chancen nicht.

Viel vom Schwarzen Donnerstag gilt mit dem 30. 9. 2015 als verjährt. Foto: Joachim E. Röttgers
Viel vom Schwarzen Donnerstag gilt mit dem 30.9.2015 als verjährt. Foto: Joachim E. Röttgers

Denn bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, aus der – hinter vorgehaltener Hand – mittlerweile zu hören ist, es sei wohl ein Fehler gewesen, Häußler nicht früher Einhalt geboten zu haben, geht in Sachen Schwarzer Donnerstag auch zwei Jahre nach Häußlers Ausscheiden trotzdem noch alles seinen gewohnten Gang. Die Anzeige Reicherters gegen unbekannte Polizisten "wegen Verabredung eines Verbrechens" wurde nach zweiwöchiger Prüfung zur "weiteren Bearbeitung" weitergeleitet an das Dezernat 31 der Stuttgarter Polizei, das sich um Amts- und Korruptionsdelikte kümmert. Just dessen Chef Andreas Dorer hatte bereits dazumal – im Auftrag von Polizeipräsident Stumpf und unter persönlicher Aufsicht von Häußler – die Ermittlungen in eigener Sache geleitet und bei der Sichtung des hauseigenen Videomaterials noch nicht einmal ebenjene beiden Herren auf dem Feldherrnhügel entdeckt. Oder entdecken wollen/sollen.

Diesmal geht Dorer deutlich detektivischer ran an den Fall: "Zusätzlich bitte ich auch um Mitteilung aller Namen und Adressen der von Ihnen mehrfach erwähnten – und uns unbekannten – Kinder, die seinerzeit im Park durch den polizeilichen Einsatz verletzt wurden. Für Ihre freundliche und tatkräftige Unterstützung danke ich Ihnen im Voraus", ließ Dorer dieser Tage Dieter Reicherter per E-Mail wissen.


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Kommentare

Horst Ruch, 04.10.2015 23:45
...es gilt auch hier der alte alemannische Spruch: Herre hilft Herre. So entscheiden die Herre Richter so wie die Herre der Staatsanwalt wollen. Gemeinsame Verbindung im gemeinsamen Studium in gleicher Uni im gleichen Bundesland verpflichten geradezu Urteile innerhalb des persönlichen Netzwerkes zu fällen. Es ist doch ein Witz im "vereinigten"Europa mit Kirchturmspolitikurteilen den Rechtstaat verteidigen zu wollen, solange jedes Bundesland sich seine eigenen Rechte herausnimmt. Schon allein deshalb bleibt die Rolle des Herre Häussler unantastbar, mit der Verjährung auch gut zu begründen in der schwäbischen Justiz zumindest. In 30 Jahren darf der Unterlegene gerne in den Archiven nachforschen ob und überhaupt die Urteilsfindung gerecht war oder nicht.

Alfred, 03.10.2015 22:40
5 Jahre wurden zahlreiche Verfahren eingestellt und viele Bürger wurden verurteilt trotz eines Demonstrationsrechtes.
Nun ist die Verjährung bis auf den neu angezeigten Vorgang durch.
Nach 5 Jahren "Verfahrensdauer" beim VG wird nun verhandelt.
Zeitnah kann ich beim besten Willen nicht erkennen.
Diese juristische Verfahrensdauer ist inakzeptabel.
Da stellt sich mir die Frage wenn sich am Ende herausstellt, dass der Einsatz nicht Rechtmäßig war - von dem ich ausgehe - werden dann alle seither Bestraften rehabilitiert ?

Blender, 01.10.2015 11:05
Vor Gericht bekommt man in Deutschland keine Gerechtigkeit, sondern nur Urteile. Versicherungen die Sachverständige bestechen bekommen genauso "Recht" wie angeklagte Polizisten und Staatsanwälte. Im Zweifel für den Angeklagten ist ja im Prinzip O.K. aber wo bleibt bei den o.g. Fällen noch Raum für Zweifel? Wohl nur bei der Staatsanwaltschaft. Aber ein Richter bekommt bei den von der Staatsanwaltschaft eingestellten Verfahren noch nicht mal die Chance sich eine eigene Meinung zu Bilden. Wer ungestraft Täter sein möchte sollte mit Sachverständigen und Staatsanwaltschaften kungeln, dann wird alles es gut.

zara, 01.10.2015 08:52
Unsere Welt krankt an solchen Rechthabern.

Zaininger, 01.10.2015 00:14
Zu gewissen "furchtbaren Juristen" lässt sich nur sagen: der Schoß war fruchtbarer doch, aus dem das kroch, als wir uns das nach 1945, 1968, 1989 vorgestellt haben! Wer Herrn Häußler protegiert hat und wem er sich politisch verpflichtet fühlte, ist bekannt, Welcher von braun nach schwarz gewendeter Lehrherr diesen Juristen ausgebildet hat, würde mich interessieren.

Klaus, 30.09.2015 21:32
Im Grundgesetz - der sogenannten Verfassung und Grundordnung Deutschlands - steht Vieles, z.B.

- Rechtsgleichheit ist garantiert.

Das lernt heute jeder Antragssteller auf eine Aufenthaltsgenehmigung im Orientierungskurs und
bei den Fragebögen im Eingliederungstest.

Ausgerechnet die "juristische Elite" - nicht nur in Stuttgart,
sondern auch in HD und B-B und und und - will das nicht kennen
- wahrhaben - umsetzen?

Es geht hier um sehr viel, um Alles, was die Grundlagen unseres freiheitlich demokratischen Gemeinwesens ausmacht:
- die Artikel und Garantien des Grundgesetzes
- das Recht auf körperliche Unversehrheit und Verhältnismäßigkeit
- Versammlungsrecht und freie Meinungsäusserung
- parlamentarische Kontrolle
- Dienstaufsicht
- Der Humanismus als Basis des europäischen Gemeinwesens
...
...
...
Himmel - hilf! Es ist doch im Grunde so einfach. Aber es braucht Klarheit - Wahrheit - Aufrichtigkeit - Mut - Augen zum Sehen.

Peter Boettel, 30.09.2015 17:43
Ich wünsche Hern Reicherter viel Erfolg, indem Ex-StA Häußler wegen der von ihm verübten Straftaten verurteilt wird.

Dies würde erheblich dazu beitrragen, das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Justiz wiederherzustellen.

Dr. Klaus Kunkel, 30.09.2015 17:06
Sehr geehrter Herr Bartle, welcher Teufel hat sie denn bei dieser Überschrift geritten?!
Der Vorsitzende Richter a.D. Dieter Reicherter versucht hier lediglich, den feige aus "privaten" Gründen in den Ruhestand versetzten Oberstaatsanwalt Häussler mit friedlichen, juristisch zulässigen und gebotenen Mitteln der längst überfälligen Würdigung seines dienstlichen Verhaltens am und nach dem 30.9.2010 durch ein deutsches Gericht zuzuführen.
Wer hier von Krieg der Pensionäre schreibt, vermittelt einen völlig falsches Bild und fördert den Eindruck, zwei alte Männer würden hier eine Privatfehde austragen.
Ich bin mir sicher, Herrn Reicherter geht es um weit mehr, nämlich darum, aufzuzeigen, in welch erbärmlichem Zustand sich Justiz und Polizei in Baden-Württemberg mittlerweile befinden.

PeterPan, 30.09.2015 16:28
Wenn man an dem Filzteppich in der BW-Justiz mal kräftig ziehen würde, dann würden vermutlich nicht nur in Heidelberg und Mannheim Wellen im Teppich entstehen, sondern auch in Chicago, Washington, London, Paris und Kleinwölferode.
"Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus" - im Gegenteil:
Im Krähennest besteht ein weitverzweigtes Netzwerk sich gegenseitig erhaltender Krähen.

Rainer Daeschler, 30.09.2015 14:11
Dieser Fall und auch der des Ehepaar Viertels präsentieren ein Bild der Justiz Baden-Württembergs, mit der es als eigenständiger Staat nie die Chance hätte, in die EU aufgenommen zu werden.

Schwabe, 30.09.2015 08:49
"Gut sind Reicherters Chancen nicht." - das sehe ich (leider) genau so!
Dennoch wünsche ich mir, dass Dieter Reicherter den Häussler richtig am A... kriegt. Das wäre ein (von mir lang ersehntes) starkes Zeichen von Demokratie (Normalisierung) in Deutschland.
Andererseits, sollte Dieter Reicherter abserviert werden ( was m.E. auf jeden Fall versucht werden wird), zeigt dieser "Kampf" Reicherter (stellvertretend für die friedliche Bewegung für K 21) gegen Häussler (Vertreter der politischen Justiz) einmal mehr, deutlich den m.E. miserablen Zustand des deutschen Rechtsstaates.

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