KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Ausgabe 260
Medien

Im Nichts-Kanal

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 23.03.2016
Das Pressehaus Stuttgart startet ein "einmaliges Modell". Am 1. April. Zwei Zeitungen mit einer Redaktion, die den Eindruck erwecken soll, es seien zwei. Sehr lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Für LeserInnen und KollegInnen.

Gemeinhin verbreitet die "Nervenband" gute Laune. Mit Jazz und Swing lockt die in der Tübinger Nervenklinik gegründete Combo zum Tanz, aber an diesem Freitagabend, dem 18. März, mochte niemand tanzen. Nicht im Studio S des Stuttgarter Pressehauses, und Reden wollte auch keiner hören. Der Anlass war einfach nicht danach: der Abschied von 35 Kolleginnen und Kollegen, die es vorgezogen hatten, das Haus mit einer Abfindung vorzeitig zu verlassen. Sie wollten den "neuen Stuttgarter Weg" nicht mehr mitgehen, von dem niemand weiß, wohin er führt. Viele von ihnen waren lange bei der Zeitung, als sie noch eine gute war. Das Leitmedium Baden-Württembergs.

Ganz anders ihre Chefs. Joachim Dorfs von der "Stuttgarter Zeitung" (StZ), angetreten 2008, der graue Anzug, blickte "zuversichtlicher als zuvor" in die Zukunft. Christoph Reisinger von den "Stuttgarter Nachrichten" (StN), angetreten 2011, Militärexperte, sah seine Truppe mit "großem Elan" voranschreiten.

Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers
Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Zuversicht beziehen sie aus einem Konstrukt, das in Branchendiensten als "Stuttgarter Zeitungsnachrichten" (STZN) bezeichnet wird, aber nicht so daherkommen soll. Erscheinen soll es den LeserInnen wie eigenständige Titel, eben als StZ und StN. Die eine gelb, die andere blau. Die eine geschmeidiger, die andere Molitor. Um den Schein zu wahren, werden die ersten drei Seiten jeweils "exklusiv" von einem Titelteam bestückt, alles was danach folgt, wird von einer "flexiblen Gemeinschaftsredaktion" abgefüllt, in Aufmachung, Gewichtung und Kommentierung nur variabel gestaltet. Kurz gesagt: In beiden Blättern wird weitgehend dasselbe stehen, das eine mal kürzer, das andere mal länger. Aufmerksame LeserInnen, so vorhanden, haben diese Doppelungen schon in der Vergangenheit registriert.

23 Männer und eine Frau machen den Unterschied

Doch halt, exklusiv sind auch 23 Männer und eine(!) Frau, die inzwischen als "Titelautoren" firmieren. Je zur Hälfte dem einen und dem anderen Blatt zugeordnet. Am bekanntesten sind noch Joe Bauer (StN) und Andreas Müller (StZ), die nur in ihren angestammten Zeitungen schreiben. Sie haben, so ihr gefordertes Profil, das Gesicht des Blattes zu prägen und eine "starke Präsenz" in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Chefredakteure zählen qua Amt zum erlesenen Kreis, was sicherstellt, dass die StN-LeserInnen auf Wolfgang Molitor, den schwarzen Sheriff, nicht verzichten müssen. Des Weiteren gehören noch diverse aussortierte Ressortleiter dazu, deren Funktionsverlust ausgeglichen werden musste.

Wolfgang Molitor.
Wolfgang Molitor.

Sie sollen jetzt Sorge dafür tragen, dass beide Organe auseinandergehalten werden können. Wie das aussehen könnte, beschreibt das Pressehaus in internen Blattprofilen folgendermaßen:

Die StZ ist "kompetent und kritisch, regional und international, analytisch und differenzierend, werteorientiert, unabhängig und überparteilich, meinungsfreudig und meinungsführend, exklusiv und investigativ, frisch und nützlich, frisch und unterhaltend". Kurzum: "Der perfekte Tagesbegleiter, den man nicht missen mag."

Die StN sind "blau, lebendig, exklusiv, unerschrocken, bodennah, verständlich, verbraucherorientiert, schwäbisch, engagiert, kampagnenfähig, plakativ, identitätsstiftend, freiheitsliebend". Kurzum: "Die Leserin, der Leser sitzt mit am Tisch."

Ob der Werbesprech der Erhellung dient, ist zweifelhaft, aber einige Ratlose haben's tatsächlich versucht. Jüngst in der Echterdinger Zehntscheuer, wo die Vizechefs Molitor und Michael Maurer (StZ) der Kundschaft den "neuen Stuttgarter Weg" erläuterten. Der sei "einmalig in Deutschland", versprach Maurer, weil man eben keine Zeitung dichtmache oder aufkaufe. Stattdessen beschreite man einen "dritten Weg", der nicht der Spur der "Dinosaurier" folge, sondern das "innovative Gegenteil" sei. Und das alles für den "Nutzer", der früher einmal Leser hieß.

Jener Nutzer nämlich will alles, und das sofort. Auf allen Kanälen, auf seinem Smartphone, seinem Tablet, seinem PC, und deshalb soll er "zu jedem Zeitpunkt den richtigen Inhalt" kriegen. Dazu werde es neue digitale Produkte geben, die "ganz andere Erzählkonzepte" haben. Die (überwiegend ältere) Zuhörerschaft hat darüber nicht schlecht gestaunt, wollte sie zuvörderst doch wissen, wie künftig ihre gedruckten Zeitungen aussehen werden, die sie seit Jahrzehnten abonniert haben. Sie wollten nicht in Medienkanälen schwimmen, wie sie sagten, sondern ihre StZ und ihre StN behalten. Und dort keinen "Einheitsbrei" und kein "Artensterben". So blieb es Molitor vorbehalten, ihnen die Furcht zu nehmen. Wenn BMW und Mercedes ihre Blinker von denselben Zulieferern bezögen, so der StN-Vize, käme doch auch niemand auf die Idee, zu sagen, das sei "ein und dasselbe Auto".

Womöglich muss der Kaktus ins Schließfach

Nun wäre einzuwenden, dass eine Zeitung kein Auto ist. Aber das wäre auch Dinosaurier, eine Debatte darüber, ob Journalismus nur noch Betriebswirtschaftslehre ist. Darüber wird im Pressehaus schon lange nicht mehr diskutiert, dafür fehlt die Zeit, die Inspiration. Die Kolleginnen und Kollegen beschäftigen ganz andere Probleme. Seit einem Jahr pilgern sie von AG zu AG, von Workshop zu Workshop, von Mediation zu Mediation, um zu erahnen, was ihnen blüht. Ob ihr Arbeitsplatz noch sicher ist, ob sie von der Oper zu "Haus und Garten" oder "Kind und Kegel" wechseln müssen, ob sie ihren Schreibtisch behalten oder ihren Kaktus im Schließfach unterbringen müssen? Ob es noch lange auszuhalten ist, wenn krankgeschriebene Kollegen ins Büro kommen, "weil sonst niemand mehr im Ressort" gewesen wäre? Das alles ist in Protokollen der Belegschaft nachzulesen, ihre Angst und ihr Brass auf die Chefs, die (erstaunlicherweise) nie zur Disposition gestanden haben.

Ihr Betriebsrat kämpft derweil mit einer Geschäftsleitung, die ihm vorhält, wechselweise Blockierer und Bremser oder Aufhetzer zu sein. Gegen das Neue, "von Verdi-Anwälten gesteuert". Die wiederum haben an der Frage zu kauen, wie sie ihre Mandanten vor Einkommensverlusten schützen, wenn sie, wie beschlossen, in eine neue Gesellschaft ausgegliedert werden. Die trägt den sperrigen Namen "Die Redaktion Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten GmbH" und soll aus der Tarifbindung raus. Die Chefredaktionen bleiben im alten Verlag, zu alten Konditionen.

Michael Maurer.
Michael Maurer.

Die Kolleginnen und Kollegen fragen sich, wie es sein wird, wenn sie zu hundert im Newsroom sitzen, den StZ-Chef Dorfs als einen der "modernsten Deutschlands" feiert? Schäufele im Sandkasten. Mit dem Fernglas müsse man gucken, erzählt einer, wenn man jemand suche. Dorfs, der beim "Handelsblatt" gelernt hat und die StZ bis heute als schwäbisches "Handelsblatt" begreift, glaubt wirklich, dass Journalismus so funktioniert. Und nur so. In einem Großraumbüro, das niemand mehr in diesem Ausmaß bauen würde, in dem die Hälfte der Belegschaft aufeinanderhockt, als wäre Journalismus industrielle Arbeit wie zu Charlie Chaplins Zeiten. Aber genau so ist es. 

Um die vielen Plattformen (Zeitung, Internet, E-Paper, App, Facebook, Twitter usw.) zu bespielen, hat der oder die Erste um sechs Uhr morgens da zu sein, der oder die letzte macht weit nach Mitternacht das Licht aus. Ein "Multi-Kanal-Manager", so heißt der wirklich, kippt die Produktion in die diversen Kanäle, nachdem sie von den Arbeitsbienen in den Ressorts in den "Nichts-Kanal" geschrieben wurden. So heißt der wirklich. Wie das funktionieren soll, bleibt bis zum Start am 1. April unklar.

Aber auch hier: halt. Inmitten des wunderbaren Newsrooms soll ein Loungebereich zum Verweilen einladen. Orangene und türkisfarbene Sofas, auf denen die KollegInnen plaudern können, wenn ihnen nach der vierten Version ihres Textes die Zeit dazu bleibt. Oder wenn ihnen nach den Konferenzen, die aus Effizienzgründen im Stehen stattfinden, die Füße wehtun. Oder der Kopf, wenn ihnen Dorfs wieder einmal von den Medienpartnerschaften erzählt, die ihm geglückt sind. Mit dem VfB, dem SWR, der Messe, der Region Stuttgart, dem Kinder- und Jugendfestival, der Bach-Akademie, der Versicherungsgruppe Stuttgart und, und, und. Das befeuert die Lust an der Kritik.

Das Pressehaus ruft zur Party, und kaum einer kommt

Die Nähe zählt, die Umarmung der guten Gesellschaft, die sich ihrerseits dankbar erweisen soll. Tut sie aber nicht. Man stelle sich vor: Die beiden Tageszeitungen laden, erstmals, ein zum "Stuttgarter Jahresempfang" ins Theaterzelt Palazzo, in dem der Dreisternekoch Harald Wohlfahrt auftischt und ein spektakuläres Showprogramm über die Bühne geht. Sie wollen den Wichtigen und Mächtigen in der Stadt erläutern, wie sie ihre Redaktionen fusionieren und warum. Beide Chefredakteure stehen dafür Rede und Antwort, heißt es in der Einladung.

Man stelle sich vor, was in so einem Fall in Berlin, Hamburg oder München los wäre. Die Köpfe schlügen sie sich ein, um bei so einem Event dabei zu sein. 511 Einladungen hat das Pressehaus ausgeschickt für jenen Abend am 16. Februar 2016, an alles, was Rang und Namen hat. 111 Anmeldungen gingen ein. Ein paar Bürgermeister, Hoteldirektoren, Anwälte und Steuerberater zählten StZ und StN tags darauf in ihren Berichten auf. Hans-Peter Stihl, der Sägen-Patriarch, wurde stolz als Super-Promi gefeiert und letztlich las es sich grad so, als hätte auf der Party der Bär gesteppt. Von der bevorstehenden Fusion war in dem halbseitigen Artikel nicht die Rede. Aber vielleicht interessiert das auch niemanden mehr.

 

Josef-Otto Freudenreich war Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung" bis 2010.

 

 

 

 

 


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Kommentare

Peter S., 29.03.2016 15:36
Ob freiwillig selber gleichgeschaltet mag jeder selber entscheiden. Der Unterschied zwischen den zwei Blättchen ist nun wirklich heute schon marginal.
Und was erfahre ich in unseren Stuttgarter Blättchen was ich nicht fast buchstabengetreu in den anderen etablierten Mainstream Medien erfahre?
Blättchen soll nicht verächtlich klingen, aber wer die kombinierte Auflag von "StZN" anschaut und mal die Auflagen anderer Printmedien in Deutschland betrachtet, wird verblüfft sein.
Und ja, wenn ich mal alleine in einem Kaffee bin, dann schnapp ich mir auch ein Blättchen. Aber nur weil ich das Papier zum schnellen Überfliegen und für die Lesbarkeit mag. Es ist mir aber von der Qualität her weder ein Abo und nur ganz selten einen Einzelpreis wert.
Das ging schon etwas vor S21 los, aber das war dann eben der Sargnagel.

Gela, 24.03.2016 18:25
Ich lese regelmäßig 3 Zeitungen: Die" Stuttgarter Nachrichten", die "Süddeutsche" und" Kontext". Auf keine davon möchte ich verzichten. Sie ergänzen sich teilweise, haben oft andere Schwerpunkte und helfen mir, mir eine Meinung zu bilden. Ich will auch die Denkweise von Leuten wie Wolfgang Molitor und die Stimmung in den Leserbriefen in den "Nachrichten" kennen lernen, auch wenn ich mich oft darüber ärgere - aber nicht immer. Es gibt auch gut recherchierte Beiträge, z.B. über die Pannen bei S 21 oder den Terrorismus.
Ich halte die Vielfalt der Presse für unbedingt notwendig und finde es daher sträflich, wenn aus den beiden Stuttgarter Zeitungen nun eine Einheitszeitung wird - wenn auch der sachliche Unterschied zwischen beiden schon lange nicht mehr sehr groß war. Allerdings kann ich keine Trauer über das Einstellen von"Sonntag aktuell" empfinden - so inhaltslos wie dies Blatt seit Aufgabe der eigenständigen Redaktion ( damals wichtige und kritische Artikel z.B. von Susanne Stiefel) geworden ist!

joergkrauss, 24.03.2016 17:33
In den Printmedien erscheint es mir wie in den Fernsehmedien. Gleichschaltung ist angesagt, in eine dem monetären wie "Eliten" bildenden Wachstum unterworfene Richtung denken und basta. Bezahlen tut schlussendlich ob über Werbung oder Kioskpreise alles der arbeitende Leser oder Zuschauer. Gemacht wird das Ganze aber nicht zum Zwecke einer Wissensgesellschaft, sondern um den geneigten Betrachter im Unklaren dessen zu belassen ,was sich die Kapitalinteressen so für das Volk an Umsatz- wie Wachstumsideen ausgedacht haben. Beruhigend dabei empfinde ich, das die Evolution von nichts und niemand aufzuhalten ist.

Stuagetter, 24.03.2016 15:06
"Wes Brot ich ess'..."

Obwohl es bei unserem (selbst-)ausgewiesenen "Medienexperten" wohl korrekt heissen müsste: "Wes Wein ich trink'..."

invinoveritas, 24.03.2016 14:30
die kontext-redaktion bemüht sich - ganz überwiegend mit erfolg -, die äußerst unerfreulichen tatsachen rund um die kritikwürdigen vorgänge im stuttgarter pressewesen zu schildern. bei lektüre der kommentare zu den drei einschlägigen texten springt aber einmal mehr der unterschied zwischen kritisch-seriösem journalismus und der lust an simplem heruntermachen ins auge.

bleibt zu hoffen, dass der von kontext betriebene journalistische aufwand bei der nicht-kommentierenden leserschaft andere effekte zeitigt als bloß einem affen zucker zu geben, aus dessen kundiger sicht die stuttgarter blätter a) gleichgeschalteter einheitsbrei sind, für den sich b) schon jetzt "niemand" interessiert.

zwei fakten: stz und stn haben zusammen immer noch eine tägliche auflage von ca. 180 000 stück, davon sind ca. 150 000 abo-exemplare. und in meinem stammcafé versuchen morgens dutzende "niemands" ein exemplar der beiden zeitungen zu ergattern; einen desinteressierten oder auf einheitsbrei erpichten eindruck machen sie dabei in der regel nicht.

fazit: "macht mal halblang!", möchte man mal wieder den hier versammelten medienexperten mit dem vielen schaum vorm mund zurufen. wenn man nicht wüsste, wie vollständig vergebens das ist.

Siegfried Heim, 24.03.2016 12:04
Lieber Josef-Otto Freudenreich,
an einem ganz entscheidenden Detail hast Du den korrekten Stand der Dinge nicht wiedergegeben. Die ausgelagerte Redaktionsgesellschaft soll mitnichten tariflos werden. Diese Zusage haben die Pressehaus-Manger der streikerprobten Belegschaft nicht nur gegeben - sie wird aktuell sogar praktisch umgesetzt. Der Verlegerverband in Baden-Württemberg hat sogar seine Satzung dafür geändert und ist bereit, mit den Journalistengewerkschaften dju/ver.di und DJV einen ergänzenden Tarifvertrag zum Geltungsbereich der Redaktionstarifverträge abzuschließen. Der ver.di-Landesfachbereich Medien geht nach wie vor davon aus, dass alle notwendigen Schritte noch im April abgeschlossen werden können. Selbstverständlich ist die Tarifbindung keine Freundlichkeit der Manager sondern Ergebnis der glaubhaft dargelegten Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, ihre Tarifbindung notfalls auch im Konflikt mit dem Arbeitgeber zu erstreiten.
Siegfried Heim
Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie
ver.di Baden-Württemberg

gerd_k21, 24.03.2016 08:07
EINHEITSBREI ZEITUNG

Dass der Zeitungsmarkt in Stuttgart mal so verkommt hätte ich nicht gedacht war aber abzusehen als bekannt geworden ist dass Sonntag Aktuell zum 1.4.2016 eingestellt wird.
Es ist von der Zeitunsgruppe Stuttgart eine unverfroenheit wie sie den Abo Nutzern durch den wegfall der Sonntagszeitung in die Taschen greifen.
Ich schlage vor dass die Zeitungsgruppe Stuttgart die beiden gleichgeschaltenen Zeitungen in Zukuft auf den Namen
" EINHEITSBREI ZEITUNG " abändert.
Wenn ich eine Alternative zur Einheitsbreizeitung finde werde ich mein Abo kündigen.

Stuagetter, 24.03.2016 07:29
Das Schicksal der Sonntag Aktuell wäre auch diesem "doppelzüngigen" Einheitsblatt zu wünschen.

marion kuster, 23.03.2016 10:37
Zutreffend beschrieben, die beiden Blätter interessieren tatsächlich niemanden mehr. Besonders jetzt, wo nur die Konformisten übriggeblieben sind, die sich teilweise sogar trotz Verlust ihres Ressortleiterpostens krampfhaft an eine “Schreiberstelle“ klammern. Das ist armselig.
Rückgrat scheint unter Journalisten noch seltener verbreitet zu sein als unter der allgemeinen Bevölkerung.

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