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Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Ausgabe 260
Medien

Im Nichts-Kanal

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 23.03.2016
Das Pressehaus Stuttgart startet ein "einmaliges Modell". Am 1. April. Zwei Zeitungen mit einer Redaktion, die den Eindruck erwecken soll, es seien zwei. Sehr lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Für LeserInnen und KollegInnen.

Gemeinhin verbreitet die "Nervenband" gute Laune. Mit Jazz und Swing lockt die in der Tübinger Nervenklinik gegründete Combo zum Tanz, aber an diesem Freitagabend, dem 18. März, mochte niemand tanzen. Nicht im Studio S des Stuttgarter Pressehauses, und Reden wollte auch keiner hören. Der Anlass war einfach nicht danach: der Abschied von 35 Kolleginnen und Kollegen, die es vorgezogen hatten, das Haus mit einer Abfindung vorzeitig zu verlassen. Sie wollten den "neuen Stuttgarter Weg" nicht mehr mitgehen, von dem niemand weiß, wohin er führt. Viele von ihnen waren lange bei der Zeitung, als sie noch eine gute war. Das Leitmedium Baden-Württembergs.

Ganz anders ihre Chefs. Joachim Dorfs von der "Stuttgarter Zeitung" (StZ), angetreten 2008, der graue Anzug, blickte "zuversichtlicher als zuvor" in die Zukunft. Christoph Reisinger von den "Stuttgarter Nachrichten" (StN), angetreten 2011, Militärexperte, sah seine Truppe mit "großem Elan" voranschreiten.

Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers
Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Zuversicht beziehen sie aus einem Konstrukt, das in Branchendiensten als "Stuttgarter Zeitungsnachrichten" (STZN) bezeichnet wird, aber nicht so daherkommen soll. Erscheinen soll es den LeserInnen wie eigenständige Titel, eben als StZ und StN. Die eine gelb, die andere blau. Die eine geschmeidiger, die andere Molitor. Um den Schein zu wahren, werden die ersten drei Seiten jeweils "exklusiv" von einem Titelteam bestückt, alles was danach folgt, wird von einer "flexiblen Gemeinschaftsredaktion" abgefüllt, in Aufmachung, Gewichtung und Kommentierung nur variabel gestaltet. Kurz gesagt: In beiden Blättern wird weitgehend dasselbe stehen, das eine mal kürzer, das andere mal länger. Aufmerksame LeserInnen, so vorhanden, haben diese Doppelungen schon in der Vergangenheit registriert.

23 Männer und eine Frau machen den Unterschied

Doch halt, exklusiv sind auch 23 Männer und eine(!) Frau, die inzwischen als "Titelautoren" firmieren. Je zur Hälfte dem einen und dem anderen Blatt zugeordnet. Am bekanntesten sind noch Joe Bauer (StN) und Andreas Müller (StZ), die nur in ihren angestammten Zeitungen schreiben. Sie haben, so ihr gefordertes Profil, das Gesicht des Blattes zu prägen und eine "starke Präsenz" in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Chefredakteure zählen qua Amt zum erlesenen Kreis, was sicherstellt, dass die StN-LeserInnen auf Wolfgang Molitor, den schwarzen Sheriff, nicht verzichten müssen. Des Weiteren gehören noch diverse aussortierte Ressortleiter dazu, deren Funktionsverlust ausgeglichen werden musste.

Wolfgang Molitor.
Wolfgang Molitor.

Sie sollen jetzt Sorge dafür tragen, dass beide Organe auseinandergehalten werden können. Wie das aussehen könnte, beschreibt das Pressehaus in internen Blattprofilen folgendermaßen:

Die StZ ist "kompetent und kritisch, regional und international, analytisch und differenzierend, werteorientiert, unabhängig und überparteilich, meinungsfreudig und meinungsführend, exklusiv und investigativ, frisch und nützlich, frisch und unterhaltend". Kurzum: "Der perfekte Tagesbegleiter, den man nicht missen mag."

Die StN sind "blau, lebendig, exklusiv, unerschrocken, bodennah, verständlich, verbraucherorientiert, schwäbisch, engagiert, kampagnenfähig, plakativ, identitätsstiftend, freiheitsliebend". Kurzum: "Die Leserin, der Leser sitzt mit am Tisch."

Ob der Werbesprech der Erhellung dient, ist zweifelhaft, aber einige Ratlose haben's tatsächlich versucht. Jüngst in der Echterdinger Zehntscheuer, wo die Vizechefs Molitor und Michael Maurer (StZ) der Kundschaft den "neuen Stuttgarter Weg" erläuterten. Der sei "einmalig in Deutschland", versprach Maurer, weil man eben keine Zeitung dichtmache oder aufkaufe. Stattdessen beschreite man einen "dritten Weg", der nicht der Spur der "Dinosaurier" folge, sondern das "innovative Gegenteil" sei. Und das alles für den "Nutzer", der früher einmal Leser hieß.

Jener Nutzer nämlich will alles, und das sofort. Auf allen Kanälen, auf seinem Smartphone, seinem Tablet, seinem PC, und deshalb soll er "zu jedem Zeitpunkt den richtigen Inhalt" kriegen. Dazu werde es neue digitale Produkte geben, die "ganz andere Erzählkonzepte" haben. Die (überwiegend ältere) Zuhörerschaft hat darüber nicht schlecht gestaunt, wollte sie zuvörderst doch wissen, wie künftig ihre gedruckten Zeitungen aussehen werden, die sie seit Jahrzehnten abonniert haben. Sie wollten nicht in Medienkanälen schwimmen, wie sie sagten, sondern ihre StZ und ihre StN behalten. Und dort keinen "Einheitsbrei" und kein "Artensterben". So blieb es Molitor vorbehalten, ihnen die Furcht zu nehmen. Wenn BMW und Mercedes ihre Blinker von denselben Zulieferern bezögen, so der StN-Vize, käme doch auch niemand auf die Idee, zu sagen, das sei "ein und dasselbe Auto".

Womöglich muss der Kaktus ins Schließfach

Nun wäre einzuwenden, dass eine Zeitung kein Auto ist. Aber das wäre auch Dinosaurier, eine Debatte darüber, ob Journalismus nur noch Betriebswirtschaftslehre ist. Darüber wird im Pressehaus schon lange nicht mehr diskutiert, dafür fehlt die Zeit, die Inspiration. Die Kolleginnen und Kollegen beschäftigen ganz andere Probleme. Seit einem Jahr pilgern sie von AG zu AG, von Workshop zu Workshop, von Mediation zu Mediation, um zu erahnen, was ihnen blüht. Ob ihr Arbeitsplatz noch sicher ist, ob sie von der Oper zu "Haus und Garten" oder "Kind und Kegel" wechseln müssen, ob sie ihren Schreibtisch behalten oder ihren Kaktus im Schließfach unterbringen müssen? Ob es noch lange auszuhalten ist, wenn krankgeschriebene Kollegen ins Büro kommen, "weil sonst niemand mehr im Ressort" gewesen wäre? Das alles ist in Protokollen der Belegschaft nachzulesen, ihre Angst und ihr Brass auf die Chefs, die (erstaunlicherweise) nie zur Disposition gestanden haben.

Ihr Betriebsrat kämpft derweil mit einer Geschäftsleitung, die ihm vorhält, wechselweise Blockierer und Bremser oder Aufhetzer zu sein. Gegen das Neue, "von Verdi-Anwälten gesteuert". Die wiederum haben an der Frage zu kauen, wie sie ihre Mandanten vor Einkommensverlusten schützen, wenn sie, wie beschlossen, in eine neue Gesellschaft ausgegliedert werden. Die trägt den sperrigen Namen "Die Redaktion Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten GmbH" und soll aus der Tarifbindung raus. Die Chefredaktionen bleiben im alten Verlag, zu alten Konditionen.

Michael Maurer.
Michael Maurer.

Die Kolleginnen und Kollegen fragen sich, wie es sein wird, wenn sie zu hundert im Newsroom sitzen, den StZ-Chef Dorfs als einen der "modernsten Deutschlands" feiert? Schäufele im Sandkasten. Mit dem Fernglas müsse man gucken, erzählt einer, wenn man jemand suche. Dorfs, der beim "Handelsblatt" gelernt hat und die StZ bis heute als schwäbisches "Handelsblatt" begreift, glaubt wirklich, dass Journalismus so funktioniert. Und nur so. In einem Großraumbüro, das niemand mehr in diesem Ausmaß bauen würde, in dem die Hälfte der Belegschaft aufeinanderhockt, als wäre Journalismus industrielle Arbeit wie zu Charlie Chaplins Zeiten. Aber genau so ist es. 

Um die vielen Plattformen (Zeitung, Internet, E-Paper, App, Facebook, Twitter usw.) zu bespielen, hat der oder die Erste um sechs Uhr morgens da zu sein, der oder die letzte macht weit nach Mitternacht das Licht aus. Ein "Multi-Kanal-Manager", so heißt der wirklich, kippt die Produktion in die diversen Kanäle, nachdem sie von den Arbeitsbienen in den Ressorts in den "Nichts-Kanal" geschrieben wurden. So heißt der wirklich. Wie das funktionieren soll, bleibt bis zum Start am 1. April unklar.

Aber auch hier: halt. Inmitten des wunderbaren Newsrooms soll ein Loungebereich zum Verweilen einladen. Orangene und türkisfarbene Sofas, auf denen die KollegInnen plaudern können, wenn ihnen nach der vierten Version ihres Textes die Zeit dazu bleibt. Oder wenn ihnen nach den Konferenzen, die aus Effizienzgründen im Stehen stattfinden, die Füße wehtun. Oder der Kopf, wenn ihnen Dorfs wieder einmal von den Medienpartnerschaften erzählt, die ihm geglückt sind. Mit dem VfB, dem SWR, der Messe, der Region Stuttgart, dem Kinder- und Jugendfestival, der Bach-Akademie, der Versicherungsgruppe Stuttgart und, und, und. Das befeuert die Lust an der Kritik.

Das Pressehaus ruft zur Party, und kaum einer kommt

Die Nähe zählt, die Umarmung der guten Gesellschaft, die sich ihrerseits dankbar erweisen soll. Tut sie aber nicht. Man stelle sich vor: Die beiden Tageszeitungen laden, erstmals, ein zum "Stuttgarter Jahresempfang" ins Theaterzelt Palazzo, in dem der Dreisternekoch Harald Wohlfahrt auftischt und ein spektakuläres Showprogramm über die Bühne geht. Sie wollen den Wichtigen und Mächtigen in der Stadt erläutern, wie sie ihre Redaktionen fusionieren und warum. Beide Chefredakteure stehen dafür Rede und Antwort, heißt es in der Einladung.

Man stelle sich vor, was in so einem Fall in Berlin, Hamburg oder München los wäre. Die Köpfe schlügen sie sich ein, um bei so einem Event dabei zu sein. 511 Einladungen hat das Pressehaus ausgeschickt für jenen Abend am 16. Februar 2016, an alles, was Rang und Namen hat. 111 Anmeldungen gingen ein. Ein paar Bürgermeister, Hoteldirektoren, Anwälte und Steuerberater zählten StZ und StN tags darauf in ihren Berichten auf. Hans-Peter Stihl, der Sägen-Patriarch, wurde stolz als Super-Promi gefeiert und letztlich las es sich grad so, als hätte auf der Party der Bär gesteppt. Von der bevorstehenden Fusion war in dem halbseitigen Artikel nicht die Rede. Aber vielleicht interessiert das auch niemanden mehr.

 

Josef-Otto Freudenreich war Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung" bis 2010.

 

 

 

 

 


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Kommentare

Peter S., 29.03.2016 15:36
Ob freiwillig selber gleichgeschaltet mag jeder selber entscheiden. Der Unterschied zwischen den zwei Blättchen ist nun wirklich heute schon marginal.
Und was erfahre ich in unseren Stuttgarter Blättchen was ich nicht fast buchstabengetreu in den anderen etablierten Mainstream Medien erfahre?
Blättchen soll nicht verächtlich klingen, aber wer die kombinierte Auflag von "StZN" anschaut und mal die Auflagen anderer Printmedien in Deutschland betrachtet, wird verblüfft sein.
Und ja, wenn ich mal alleine in einem Kaffee bin, dann schnapp ich mir auch ein Blättchen. Aber nur weil ich das Papier zum schnellen Überfliegen und für die Lesbarkeit mag. Es ist mir aber von der Qualität her weder ein Abo und nur ganz selten einen Einzelpreis wert.
Das ging schon etwas vor S21 los, aber das war dann eben der Sargnagel.

Gela, 24.03.2016 18:25
Ich lese regelmäßig 3 Zeitungen: Die" Stuttgarter Nachrichten", die "Süddeutsche" und" Kontext". Auf keine davon möchte ich verzichten. Sie ergänzen sich teilweise, haben oft andere Schwerpunkte und helfen mir, mir eine Meinung zu bilden. Ich will auch die Denkweise von Leuten wie Wolfgang Molitor und die Stimmung in den Leserbriefen in den "Nachrichten" kennen lernen, auch wenn ich mich oft darüber ärgere - aber nicht immer. Es gibt auch gut recherchierte Beiträge, z.B. über die Pannen bei S 21 oder den Terrorismus.
Ich halte die Vielfalt der Presse für unbedingt notwendig und finde es daher sträflich, wenn aus den beiden Stuttgarter Zeitungen nun eine Einheitszeitung wird - wenn auch der sachliche Unterschied zwischen beiden schon lange nicht mehr sehr groß war. Allerdings kann ich keine Trauer über das Einstellen von"Sonntag aktuell" empfinden - so inhaltslos wie dies Blatt seit Aufgabe der eigenständigen Redaktion ( damals wichtige und kritische Artikel z.B. von Susanne Stiefel) geworden ist!

joergkrauss, 24.03.2016 17:33
In den Printmedien erscheint es mir wie in den Fernsehmedien. Gleichschaltung ist angesagt, in eine dem monetären wie "Eliten" bildenden Wachstum unterworfene Richtung denken und basta. Bezahlen tut schlussendlich ob über Werbung oder Kioskpreise alles der arbeitende Leser oder Zuschauer. Gemacht wird das Ganze aber nicht zum Zwecke einer Wissensgesellschaft, sondern um den geneigten Betrachter im Unklaren dessen zu belassen ,was sich die Kapitalinteressen so für das Volk an Umsatz- wie Wachstumsideen ausgedacht haben. Beruhigend dabei empfinde ich, das die Evolution von nichts und niemand aufzuhalten ist.

Stuagetter, 24.03.2016 15:06
"Wes Brot ich ess'..."

Obwohl es bei unserem (selbst-)ausgewiesenen "Medienexperten" wohl korrekt heissen müsste: "Wes Wein ich trink'..."

invinoveritas, 24.03.2016 14:30
die kontext-redaktion bemüht sich - ganz überwiegend mit erfolg -, die äußerst unerfreulichen tatsachen rund um die kritikwürdigen vorgänge im stuttgarter pressewesen zu schildern. bei lektüre der kommentare zu den drei einschlägigen texten springt aber einmal mehr der unterschied zwischen kritisch-seriösem journalismus und der lust an simplem heruntermachen ins auge.

bleibt zu hoffen, dass der von kontext betriebene journalistische aufwand bei der nicht-kommentierenden leserschaft andere effekte zeitigt als bloß einem affen zucker zu geben, aus dessen kundiger sicht die stuttgarter blätter a) gleichgeschalteter einheitsbrei sind, für den sich b) schon jetzt "niemand" interessiert.

zwei fakten: stz und stn haben zusammen immer noch eine tägliche auflage von ca. 180 000 stück, davon sind ca. 150 000 abo-exemplare. und in meinem stammcafé versuchen morgens dutzende "niemands" ein exemplar der beiden zeitungen zu ergattern; einen desinteressierten oder auf einheitsbrei erpichten eindruck machen sie dabei in der regel nicht.

fazit: "macht mal halblang!", möchte man mal wieder den hier versammelten medienexperten mit dem vielen schaum vorm mund zurufen. wenn man nicht wüsste, wie vollständig vergebens das ist.

Siegfried Heim, 24.03.2016 12:04
Lieber Josef-Otto Freudenreich,
an einem ganz entscheidenden Detail hast Du den korrekten Stand der Dinge nicht wiedergegeben. Die ausgelagerte Redaktionsgesellschaft soll mitnichten tariflos werden. Diese Zusage haben die Pressehaus-Manger der streikerprobten Belegschaft nicht nur gegeben - sie wird aktuell sogar praktisch umgesetzt. Der Verlegerverband in Baden-Württemberg hat sogar seine Satzung dafür geändert und ist bereit, mit den Journalistengewerkschaften dju/ver.di und DJV einen ergänzenden Tarifvertrag zum Geltungsbereich der Redaktionstarifverträge abzuschließen. Der ver.di-Landesfachbereich Medien geht nach wie vor davon aus, dass alle notwendigen Schritte noch im April abgeschlossen werden können. Selbstverständlich ist die Tarifbindung keine Freundlichkeit der Manager sondern Ergebnis der glaubhaft dargelegten Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, ihre Tarifbindung notfalls auch im Konflikt mit dem Arbeitgeber zu erstreiten.
Siegfried Heim
Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie
ver.di Baden-Württemberg

gerd_k21, 24.03.2016 08:07
EINHEITSBREI ZEITUNG

Dass der Zeitungsmarkt in Stuttgart mal so verkommt hätte ich nicht gedacht war aber abzusehen als bekannt geworden ist dass Sonntag Aktuell zum 1.4.2016 eingestellt wird.
Es ist von der Zeitunsgruppe Stuttgart eine unverfroenheit wie sie den Abo Nutzern durch den wegfall der Sonntagszeitung in die Taschen greifen.
Ich schlage vor dass die Zeitungsgruppe Stuttgart die beiden gleichgeschaltenen Zeitungen in Zukuft auf den Namen
" EINHEITSBREI ZEITUNG " abändert.
Wenn ich eine Alternative zur Einheitsbreizeitung finde werde ich mein Abo kündigen.

Stuagetter, 24.03.2016 07:29
Das Schicksal der Sonntag Aktuell wäre auch diesem "doppelzüngigen" Einheitsblatt zu wünschen.

marion kuster, 23.03.2016 10:37
Zutreffend beschrieben, die beiden Blätter interessieren tatsächlich niemanden mehr. Besonders jetzt, wo nur die Konformisten übriggeblieben sind, die sich teilweise sogar trotz Verlust ihres Ressortleiterpostens krampfhaft an eine “Schreiberstelle“ klammern. Das ist armselig.
Rückgrat scheint unter Journalisten noch seltener verbreitet zu sein als unter der allgemeinen Bevölkerung.

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