KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Ausgabe 260
Medien

Im Nichts-Kanal

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 23.03.2016
Das Pressehaus Stuttgart startet ein "einmaliges Modell". Am 1. April. Zwei Zeitungen mit einer Redaktion, die den Eindruck erwecken soll, es seien zwei. Sehr lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Für LeserInnen und KollegInnen.

Gemeinhin verbreitet die "Nervenband" gute Laune. Mit Jazz und Swing lockt die in der Tübinger Nervenklinik gegründete Combo zum Tanz, aber an diesem Freitagabend, dem 18. März, mochte niemand tanzen. Nicht im Studio S des Stuttgarter Pressehauses, und Reden wollte auch keiner hören. Der Anlass war einfach nicht danach: der Abschied von 35 Kolleginnen und Kollegen, die es vorgezogen hatten, das Haus mit einer Abfindung vorzeitig zu verlassen. Sie wollten den "neuen Stuttgarter Weg" nicht mehr mitgehen, von dem niemand weiß, wohin er führt. Viele von ihnen waren lange bei der Zeitung, als sie noch eine gute war. Das Leitmedium Baden-Württembergs.

Ganz anders ihre Chefs. Joachim Dorfs von der "Stuttgarter Zeitung" (StZ), angetreten 2008, der graue Anzug, blickte "zuversichtlicher als zuvor" in die Zukunft. Christoph Reisinger von den "Stuttgarter Nachrichten" (StN), angetreten 2011, Militärexperte, sah seine Truppe mit "großem Elan" voranschreiten.

Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers
Joachim Dorfs. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Zuversicht beziehen sie aus einem Konstrukt, das in Branchendiensten als "Stuttgarter Zeitungsnachrichten" (STZN) bezeichnet wird, aber nicht so daherkommen soll. Erscheinen soll es den LeserInnen wie eigenständige Titel, eben als StZ und StN. Die eine gelb, die andere blau. Die eine geschmeidiger, die andere Molitor. Um den Schein zu wahren, werden die ersten drei Seiten jeweils "exklusiv" von einem Titelteam bestückt, alles was danach folgt, wird von einer "flexiblen Gemeinschaftsredaktion" abgefüllt, in Aufmachung, Gewichtung und Kommentierung nur variabel gestaltet. Kurz gesagt: In beiden Blättern wird weitgehend dasselbe stehen, das eine mal kürzer, das andere mal länger. Aufmerksame LeserInnen, so vorhanden, haben diese Doppelungen schon in der Vergangenheit registriert.

23 Männer und eine Frau machen den Unterschied

Doch halt, exklusiv sind auch 23 Männer und eine(!) Frau, die inzwischen als "Titelautoren" firmieren. Je zur Hälfte dem einen und dem anderen Blatt zugeordnet. Am bekanntesten sind noch Joe Bauer (StN) und Andreas Müller (StZ), die nur in ihren angestammten Zeitungen schreiben. Sie haben, so ihr gefordertes Profil, das Gesicht des Blattes zu prägen und eine "starke Präsenz" in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Chefredakteure zählen qua Amt zum erlesenen Kreis, was sicherstellt, dass die StN-LeserInnen auf Wolfgang Molitor, den schwarzen Sheriff, nicht verzichten müssen. Des Weiteren gehören noch diverse aussortierte Ressortleiter dazu, deren Funktionsverlust ausgeglichen werden musste.

Wolfgang Molitor.
Wolfgang Molitor.

Sie sollen jetzt Sorge dafür tragen, dass beide Organe auseinandergehalten werden können. Wie das aussehen könnte, beschreibt das Pressehaus in internen Blattprofilen folgendermaßen:

Die StZ ist "kompetent und kritisch, regional und international, analytisch und differenzierend, werteorientiert, unabhängig und überparteilich, meinungsfreudig und meinungsführend, exklusiv und investigativ, frisch und nützlich, frisch und unterhaltend". Kurzum: "Der perfekte Tagesbegleiter, den man nicht missen mag."

Die StN sind "blau, lebendig, exklusiv, unerschrocken, bodennah, verständlich, verbraucherorientiert, schwäbisch, engagiert, kampagnenfähig, plakativ, identitätsstiftend, freiheitsliebend". Kurzum: "Die Leserin, der Leser sitzt mit am Tisch."

Ob der Werbesprech der Erhellung dient, ist zweifelhaft, aber einige Ratlose haben's tatsächlich versucht. Jüngst in der Echterdinger Zehntscheuer, wo die Vizechefs Molitor und Michael Maurer (StZ) der Kundschaft den "neuen Stuttgarter Weg" erläuterten. Der sei "einmalig in Deutschland", versprach Maurer, weil man eben keine Zeitung dichtmache oder aufkaufe. Stattdessen beschreite man einen "dritten Weg", der nicht der Spur der "Dinosaurier" folge, sondern das "innovative Gegenteil" sei. Und das alles für den "Nutzer", der früher einmal Leser hieß.

Jener Nutzer nämlich will alles, und das sofort. Auf allen Kanälen, auf seinem Smartphone, seinem Tablet, seinem PC, und deshalb soll er "zu jedem Zeitpunkt den richtigen Inhalt" kriegen. Dazu werde es neue digitale Produkte geben, die "ganz andere Erzählkonzepte" haben. Die (überwiegend ältere) Zuhörerschaft hat darüber nicht schlecht gestaunt, wollte sie zuvörderst doch wissen, wie künftig ihre gedruckten Zeitungen aussehen werden, die sie seit Jahrzehnten abonniert haben. Sie wollten nicht in Medienkanälen schwimmen, wie sie sagten, sondern ihre StZ und ihre StN behalten. Und dort keinen "Einheitsbrei" und kein "Artensterben". So blieb es Molitor vorbehalten, ihnen die Furcht zu nehmen. Wenn BMW und Mercedes ihre Blinker von denselben Zulieferern bezögen, so der StN-Vize, käme doch auch niemand auf die Idee, zu sagen, das sei "ein und dasselbe Auto".

Womöglich muss der Kaktus ins Schließfach

Nun wäre einzuwenden, dass eine Zeitung kein Auto ist. Aber das wäre auch Dinosaurier, eine Debatte darüber, ob Journalismus nur noch Betriebswirtschaftslehre ist. Darüber wird im Pressehaus schon lange nicht mehr diskutiert, dafür fehlt die Zeit, die Inspiration. Die Kolleginnen und Kollegen beschäftigen ganz andere Probleme. Seit einem Jahr pilgern sie von AG zu AG, von Workshop zu Workshop, von Mediation zu Mediation, um zu erahnen, was ihnen blüht. Ob ihr Arbeitsplatz noch sicher ist, ob sie von der Oper zu "Haus und Garten" oder "Kind und Kegel" wechseln müssen, ob sie ihren Schreibtisch behalten oder ihren Kaktus im Schließfach unterbringen müssen? Ob es noch lange auszuhalten ist, wenn krankgeschriebene Kollegen ins Büro kommen, "weil sonst niemand mehr im Ressort" gewesen wäre? Das alles ist in Protokollen der Belegschaft nachzulesen, ihre Angst und ihr Brass auf die Chefs, die (erstaunlicherweise) nie zur Disposition gestanden haben.

Ihr Betriebsrat kämpft derweil mit einer Geschäftsleitung, die ihm vorhält, wechselweise Blockierer und Bremser oder Aufhetzer zu sein. Gegen das Neue, "von Verdi-Anwälten gesteuert". Die wiederum haben an der Frage zu kauen, wie sie ihre Mandanten vor Einkommensverlusten schützen, wenn sie, wie beschlossen, in eine neue Gesellschaft ausgegliedert werden. Die trägt den sperrigen Namen "Die Redaktion Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten GmbH" und soll aus der Tarifbindung raus. Die Chefredaktionen bleiben im alten Verlag, zu alten Konditionen.

Michael Maurer.
Michael Maurer.

Die Kolleginnen und Kollegen fragen sich, wie es sein wird, wenn sie zu hundert im Newsroom sitzen, den StZ-Chef Dorfs als einen der "modernsten Deutschlands" feiert? Schäufele im Sandkasten. Mit dem Fernglas müsse man gucken, erzählt einer, wenn man jemand suche. Dorfs, der beim "Handelsblatt" gelernt hat und die StZ bis heute als schwäbisches "Handelsblatt" begreift, glaubt wirklich, dass Journalismus so funktioniert. Und nur so. In einem Großraumbüro, das niemand mehr in diesem Ausmaß bauen würde, in dem die Hälfte der Belegschaft aufeinanderhockt, als wäre Journalismus industrielle Arbeit wie zu Charlie Chaplins Zeiten. Aber genau so ist es. 

Um die vielen Plattformen (Zeitung, Internet, E-Paper, App, Facebook, Twitter usw.) zu bespielen, hat der oder die Erste um sechs Uhr morgens da zu sein, der oder die letzte macht weit nach Mitternacht das Licht aus. Ein "Multi-Kanal-Manager", so heißt der wirklich, kippt die Produktion in die diversen Kanäle, nachdem sie von den Arbeitsbienen in den Ressorts in den "Nichts-Kanal" geschrieben wurden. So heißt der wirklich. Wie das funktionieren soll, bleibt bis zum Start am 1. April unklar.

Aber auch hier: halt. Inmitten des wunderbaren Newsrooms soll ein Loungebereich zum Verweilen einladen. Orangene und türkisfarbene Sofas, auf denen die KollegInnen plaudern können, wenn ihnen nach der vierten Version ihres Textes die Zeit dazu bleibt. Oder wenn ihnen nach den Konferenzen, die aus Effizienzgründen im Stehen stattfinden, die Füße wehtun. Oder der Kopf, wenn ihnen Dorfs wieder einmal von den Medienpartnerschaften erzählt, die ihm geglückt sind. Mit dem VfB, dem SWR, der Messe, der Region Stuttgart, dem Kinder- und Jugendfestival, der Bach-Akademie, der Versicherungsgruppe Stuttgart und, und, und. Das befeuert die Lust an der Kritik.

Das Pressehaus ruft zur Party, und kaum einer kommt

Die Nähe zählt, die Umarmung der guten Gesellschaft, die sich ihrerseits dankbar erweisen soll. Tut sie aber nicht. Man stelle sich vor: Die beiden Tageszeitungen laden, erstmals, ein zum "Stuttgarter Jahresempfang" ins Theaterzelt Palazzo, in dem der Dreisternekoch Harald Wohlfahrt auftischt und ein spektakuläres Showprogramm über die Bühne geht. Sie wollen den Wichtigen und Mächtigen in der Stadt erläutern, wie sie ihre Redaktionen fusionieren und warum. Beide Chefredakteure stehen dafür Rede und Antwort, heißt es in der Einladung.

Man stelle sich vor, was in so einem Fall in Berlin, Hamburg oder München los wäre. Die Köpfe schlügen sie sich ein, um bei so einem Event dabei zu sein. 511 Einladungen hat das Pressehaus ausgeschickt für jenen Abend am 16. Februar 2016, an alles, was Rang und Namen hat. 111 Anmeldungen gingen ein. Ein paar Bürgermeister, Hoteldirektoren, Anwälte und Steuerberater zählten StZ und StN tags darauf in ihren Berichten auf. Hans-Peter Stihl, der Sägen-Patriarch, wurde stolz als Super-Promi gefeiert und letztlich las es sich grad so, als hätte auf der Party der Bär gesteppt. Von der bevorstehenden Fusion war in dem halbseitigen Artikel nicht die Rede. Aber vielleicht interessiert das auch niemanden mehr.

 

Josef-Otto Freudenreich war Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung" bis 2010.

 

 

 

 

 


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Kommentare

Peter S., 29.03.2016 15:36
Ob freiwillig selber gleichgeschaltet mag jeder selber entscheiden. Der Unterschied zwischen den zwei Blättchen ist nun wirklich heute schon marginal.
Und was erfahre ich in unseren Stuttgarter Blättchen was ich nicht fast buchstabengetreu in den anderen etablierten Mainstream Medien erfahre?
Blättchen soll nicht verächtlich klingen, aber wer die kombinierte Auflag von "StZN" anschaut und mal die Auflagen anderer Printmedien in Deutschland betrachtet, wird verblüfft sein.
Und ja, wenn ich mal alleine in einem Kaffee bin, dann schnapp ich mir auch ein Blättchen. Aber nur weil ich das Papier zum schnellen Überfliegen und für die Lesbarkeit mag. Es ist mir aber von der Qualität her weder ein Abo und nur ganz selten einen Einzelpreis wert.
Das ging schon etwas vor S21 los, aber das war dann eben der Sargnagel.

Gela, 24.03.2016 18:25
Ich lese regelmäßig 3 Zeitungen: Die" Stuttgarter Nachrichten", die "Süddeutsche" und" Kontext". Auf keine davon möchte ich verzichten. Sie ergänzen sich teilweise, haben oft andere Schwerpunkte und helfen mir, mir eine Meinung zu bilden. Ich will auch die Denkweise von Leuten wie Wolfgang Molitor und die Stimmung in den Leserbriefen in den "Nachrichten" kennen lernen, auch wenn ich mich oft darüber ärgere - aber nicht immer. Es gibt auch gut recherchierte Beiträge, z.B. über die Pannen bei S 21 oder den Terrorismus.
Ich halte die Vielfalt der Presse für unbedingt notwendig und finde es daher sträflich, wenn aus den beiden Stuttgarter Zeitungen nun eine Einheitszeitung wird - wenn auch der sachliche Unterschied zwischen beiden schon lange nicht mehr sehr groß war. Allerdings kann ich keine Trauer über das Einstellen von"Sonntag aktuell" empfinden - so inhaltslos wie dies Blatt seit Aufgabe der eigenständigen Redaktion ( damals wichtige und kritische Artikel z.B. von Susanne Stiefel) geworden ist!

joergkrauss, 24.03.2016 17:33
In den Printmedien erscheint es mir wie in den Fernsehmedien. Gleichschaltung ist angesagt, in eine dem monetären wie "Eliten" bildenden Wachstum unterworfene Richtung denken und basta. Bezahlen tut schlussendlich ob über Werbung oder Kioskpreise alles der arbeitende Leser oder Zuschauer. Gemacht wird das Ganze aber nicht zum Zwecke einer Wissensgesellschaft, sondern um den geneigten Betrachter im Unklaren dessen zu belassen ,was sich die Kapitalinteressen so für das Volk an Umsatz- wie Wachstumsideen ausgedacht haben. Beruhigend dabei empfinde ich, das die Evolution von nichts und niemand aufzuhalten ist.

Stuagetter, 24.03.2016 15:06
"Wes Brot ich ess'..."

Obwohl es bei unserem (selbst-)ausgewiesenen "Medienexperten" wohl korrekt heissen müsste: "Wes Wein ich trink'..."

invinoveritas, 24.03.2016 14:30
die kontext-redaktion bemüht sich - ganz überwiegend mit erfolg -, die äußerst unerfreulichen tatsachen rund um die kritikwürdigen vorgänge im stuttgarter pressewesen zu schildern. bei lektüre der kommentare zu den drei einschlägigen texten springt aber einmal mehr der unterschied zwischen kritisch-seriösem journalismus und der lust an simplem heruntermachen ins auge.

bleibt zu hoffen, dass der von kontext betriebene journalistische aufwand bei der nicht-kommentierenden leserschaft andere effekte zeitigt als bloß einem affen zucker zu geben, aus dessen kundiger sicht die stuttgarter blätter a) gleichgeschalteter einheitsbrei sind, für den sich b) schon jetzt "niemand" interessiert.

zwei fakten: stz und stn haben zusammen immer noch eine tägliche auflage von ca. 180 000 stück, davon sind ca. 150 000 abo-exemplare. und in meinem stammcafé versuchen morgens dutzende "niemands" ein exemplar der beiden zeitungen zu ergattern; einen desinteressierten oder auf einheitsbrei erpichten eindruck machen sie dabei in der regel nicht.

fazit: "macht mal halblang!", möchte man mal wieder den hier versammelten medienexperten mit dem vielen schaum vorm mund zurufen. wenn man nicht wüsste, wie vollständig vergebens das ist.

Siegfried Heim, 24.03.2016 12:04
Lieber Josef-Otto Freudenreich,
an einem ganz entscheidenden Detail hast Du den korrekten Stand der Dinge nicht wiedergegeben. Die ausgelagerte Redaktionsgesellschaft soll mitnichten tariflos werden. Diese Zusage haben die Pressehaus-Manger der streikerprobten Belegschaft nicht nur gegeben - sie wird aktuell sogar praktisch umgesetzt. Der Verlegerverband in Baden-Württemberg hat sogar seine Satzung dafür geändert und ist bereit, mit den Journalistengewerkschaften dju/ver.di und DJV einen ergänzenden Tarifvertrag zum Geltungsbereich der Redaktionstarifverträge abzuschließen. Der ver.di-Landesfachbereich Medien geht nach wie vor davon aus, dass alle notwendigen Schritte noch im April abgeschlossen werden können. Selbstverständlich ist die Tarifbindung keine Freundlichkeit der Manager sondern Ergebnis der glaubhaft dargelegten Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, ihre Tarifbindung notfalls auch im Konflikt mit dem Arbeitgeber zu erstreiten.
Siegfried Heim
Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie
ver.di Baden-Württemberg

gerd_k21, 24.03.2016 08:07
EINHEITSBREI ZEITUNG

Dass der Zeitungsmarkt in Stuttgart mal so verkommt hätte ich nicht gedacht war aber abzusehen als bekannt geworden ist dass Sonntag Aktuell zum 1.4.2016 eingestellt wird.
Es ist von der Zeitunsgruppe Stuttgart eine unverfroenheit wie sie den Abo Nutzern durch den wegfall der Sonntagszeitung in die Taschen greifen.
Ich schlage vor dass die Zeitungsgruppe Stuttgart die beiden gleichgeschaltenen Zeitungen in Zukuft auf den Namen
" EINHEITSBREI ZEITUNG " abändert.
Wenn ich eine Alternative zur Einheitsbreizeitung finde werde ich mein Abo kündigen.

Stuagetter, 24.03.2016 07:29
Das Schicksal der Sonntag Aktuell wäre auch diesem "doppelzüngigen" Einheitsblatt zu wünschen.

marion kuster, 23.03.2016 10:37
Zutreffend beschrieben, die beiden Blätter interessieren tatsächlich niemanden mehr. Besonders jetzt, wo nur die Konformisten übriggeblieben sind, die sich teilweise sogar trotz Verlust ihres Ressortleiterpostens krampfhaft an eine “Schreiberstelle“ klammern. Das ist armselig.
Rückgrat scheint unter Journalisten noch seltener verbreitet zu sein als unter der allgemeinen Bevölkerung.

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