KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Ausgabe 260
Medien

Abgenagte Abonnenten

Von Jürgen Bartle
Datum: 23.03.2016
Die Probleme der Zeitungsgruppe Stuttgart sind – Krise hin oder her – hausgemacht und tragen einen Namen: Richard Rebmann. Seit 2008 im Amt, hat der Geschäftsführer den Branchenprimus zum Sanierungsfall gemanagt.

Januar 2008, die Zeitenwende im Pressehaus in Stuttgart-Möhringen: Nach 17 erfolgreichen Jahren an der Spitze von Deutschlands drittgrößtem Zeitungskonzern macht Jürgen Dannenmann, 60, aus Altersgründen Platz für einen, der das Blaue vom Himmel herunter verspricht. Nicht den Lesern, aber den Eigentümern: Auf diesem Markt, in der wohlhabendsten Metropolregion Europas, so weissagt es Richard Rebmann, muss mehr Profit zu machen sein, noch viel mehr, als Dannenmann erwirtschaftet hat. 2007, in dessen letztem Amtsjahr, hat die Zeitungsgruppe Stuttgart 28 Prozent Umsatzrendite erzielt, 223 Millionen Euro beträgt am 31. 12. 2007 die Summe aus Rücklagen und Bilanzgewinn. Rekordergebnis.

Richard Rebmann ist auch Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Foto: BDZV/David Ausserhofer
Richard Rebmann ist auch Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Foto: BDZV/David Ausserhofer

Der Nachfolger kommt weder von unten noch von außen, sondern von oben. Aus dem Aufsichtsgremium: Rebmann, 49 Jahre alt im Herbst 2007 und seit einiger Zeit schon alternierender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH), will hinunter ins aktive Geschehen; er will Chef sein in Stuttgart. Und in München und in ganz Süddeutschland.

Das komplizierte Gebilde SWMH hat an seiner Spitze ein Trittbrett, und Rebmann musste nur draufspringen. Jeweils zur Hälfte gehört das Unternehmen, von ein paar wenigen Prozenten links und rechts abgesehen, der Mediengruppe Schaub aus Ludwigshafen zum einen und einer Gruppe württembergischer Zeitungsverleger zum anderen, deren weit gestreute Anteile zwischen maximal sieben und einem halben Prozent betragen. So oder so: Das Interesse der Eigentümer daran, dass es dem Unternehmen gut geht, war immer schon ausschließlich ein monetäres. Und insbesondere die Gruppe der Württemberger Verleger hat die in Stuttgart verlegten Zeitungen zuvorderst immer als eines betrachtet – als Konkurrenz.

Das ureigene lokale Interesse wurde durch die Gründung des "Stuttgarter Modells" Anfang der 1970er-Jahre gewahrt, als der Platzhirsch "Stuttgarter Zeitung" (StZ) die maroden "Stuttgarter Nachrichten" (StN) unters Dach nahm und den kleinen Zeitungen im Speckgürtel rund um die Landeshauptstadt durch Zulieferung des StN-Mantels das Überleben garantierte. 35 Jahre lang war es der Job eines "neutralen" SWMH-Geschäftsführers, bis hin zu Dannenmann, beide Eigentümerseiten auszugleichen und vor allem Geld zu verdienen.

Für die Württemberger Verleger war Rebmann ein Visionär

Rebmann war nie neutral. Er hatte es – dank eines familiären Erbteils – auf den Chefposten des "Schwarzwälder Boten" (Auflage 145 000) gebracht und im Jahr 2000 beschlossen, seine Gesamt-Redaktion aufzulösen, den Mantel der StN zu kaufen und nur noch Lokalteile zu produzieren. Die Gruppe der Württemberger Verleger innerhalb der SWMH wählte den "Visionär Rebmann" daraufhin zu ihrem Sprecher. Und ließ ihn im Aufsichtsrat, im jährlichen Wechsel mit dem Schaub-Vertreter Oliver Dubber, fortan über die Geschicke des Unternehmens mitbestimmen.

Das ging halbwegs gut bis 2007, bis aus München die Kunde kam, dass drei von vier Eignerfamilien der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) das Handtuch werfen und verkaufen wollten. Zu dem Zeitpunkt gehörte bereits ein knappes Fünftel der "Süddeutschen" der SWMH. Das hatte man 2003 für 125 Millionen gekauft. Jetzt hätte man es gut verkaufen können – an Investoren, mit hohem Gewinn, denn pro 20 Prozent wurden 2007 schon gut 200 Millionen aufgerufen. Doch Dubber und Rebmann, die alternierenden Aufsichtsräte, wollten lieber selber Monopoly spielen und kauften drei weitere Fünftel. Für eine Dreiviertelmilliarde Euro. Größtenteils mit Geld von den Banken. Heute sind die 80 Prozent an der SZ vielleicht noch die Hälfte wert, Schulden aber hat man immer noch reichlich.

Alles neu im komplizierten Konstrukt Stuttgarter Pressehaus. Foto: Joachim E. Röttgers
Alles neu im komplizierten Konstrukt Stuttgarter Pressehaus. Foto: Joachim E. Röttgers

Januar 2008, Zeitenwende im Pressehaus: Rebmann verkündet seinen leitenden Mitarbeitern, er werde Stuttgart zum "innovativsten Medienunternehmen Deutschlands" machen, und zwar auf der Basis der "großartigen Vorarbeit, die Sie geleistet haben!". Drei Jahre später war von seinen Zuhörern keiner mehr da, der den Satz live gehört hatte. Kaum ein halbes Jahr im Amt, jagte der "Visionär" Monat für Monat eine Führungskraft vom Hof, anfangs brachial, dann freundlicher, als das ruchbar und öffentlich wurde, aber gleichwohl anhaltend. Und bis Mitte 2011 war keiner mehr da, der vorher was zu sagen hatte. 30 Mann, bis hin zum Chef der Kantine.

Ersetzt wurde das komplette Know-how des Unternehmens von Leuten, die Rebmann aus dem Schwarzwald mitbrachte (Branchenjargon damals: "die Blackforestierung der Landeshauptstadt") und von durchreisenden Karrieristen, die – je klarer wurde, wie Rebmann mit seinen Leuten umgeht – desto häufiger nur noch aus der zweiten Liga kamen. Wenn überhaupt noch von dort. Inzwischen, im achten Jahr danach, ist in Möhringen teils schon die dritte Generation am Probieren.

Der Widerstand blieb nicht aus. Allerdings nicht aus den Redaktionen, die fügten sich in ihr Schicksal. Im Januar 2009 kursierte ein anonym versandter "Geschäftsbericht über das erste Amtsjahr des Dr. Richard Rebmann", der nicht nur die SWMH-Gesellschafter erreicht hatte, sondern auch den damaligen Ministerpräsidenten Günter Oettinger. Und die Grünen verhinderten, was Stuttgarts amtierender Oberbürgermeister Wolfgang Schuster als eine Morgengabe an den neuen Zeitungsmogul verstanden hatte: dass Rebmann als "sachkundiger Bürger" in den Aufsichtsrat der Landesbank einziehen sollte – bei der die SWMH fast 700 Millionen Euro Schulden hatte. So etwas schafft keine Freunde in der Stadt, macht einen schnell zur Persona non grata.

Die SWMH-Eigner hat das nicht abgeschreckt. Im Gegenteil. Schon Rebmanns Deal, um den SWMH-Hut überhaupt aufsetzen zu können, war ein erstaunlicher: Im Zuge einer Fusion wurde der "Schwarzwälder Bote" der SWMH einverleibt und mit 18 Prozent bedacht. Und damit völlig überbewertet: 18 Prozent hatte der "Bote" niemals bei Umsatz und Gewinn.

Am besten verhandelt der Oberndorfer für sich selbst

Für sich selber hat der Oberndorfer noch besser verhandelt. Eine Dreiviertelmillion Jahresgehalt unkündbar(!) auf zehn Jahre sind das eine. Das andere sind garantierte Ausschüttungen an die ehemaligen Eigner des "Schwarzwälder Boten", darunter Richard Rebmann, völlig unabhängig vom Geschäftsverlauf der SWMH. 22,1 Millionen Euro hat die SWMH laut ihrem kürzlich im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschluss auch 2014 wieder überwiesen – unter anderen an die Ex-Schwabo-Besitzer sowie an Johannes Friedmann, dem bis heute das letzte Fünftel der "Süddeutschen"gehört und der die gleichen Rechte hat.

Und das, obwohl das Unternehmen rote Zahlen schreibt, seit Jahren. Und 2014 die Summe aus Rücklagen und Bilanzgewinn bei 28 Millionen lag. Bei minus 28 Millionen. "Sie haben alles vervespert und nagen bereits an den Knochen", sagt einer, der die SWMH-Bilanz seit Jahren mit Interesse verfolgt und lesen kann, was die Zahlen bedeuten. Zum Beispiel, wenn die Verbindlichkeiten bei Banken im Jahr 2014 zwar abgebaut werden, jene bei Gesellschaftern aber um 50 Millionen steigen. Als ob Geld bei Privatleuten billiger zu kriegen wäre als bei Banken. Summa summarum hat Rebmann einen Konzernverlust von rund 250 Millionen Euro eingefahren. In sieben Jahren.

Zugegeben: Einfacher ist es nicht geworden seit 2008, erfolgreich eine Tageszeitung zu führen. Und erst recht nicht in Ballungsräumen. Überall dort, wo das Internet schnell ist, die Leute jung sind und das Leben hip, dort stirbt die gedruckte Zeitung einen noch schnelleren Tod. So erklärt es auch Rebmann, wann immer er auftritt in seinem Ehrenamt als stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Aber es erklärt nicht, warum ausgerechnet die beiden Stuttgarter Blätter seit Jahren die höchsten Rückgänge aller Zeitungen südlich der Mainlinie zu verzeichnen haben. Sowohl bei den Anzeigenumsätzen als auch bei den Abonnentenzahlen.

Um ein Viertel ging die gedruckte Auflage der beiden Stuttgarter Titel seit Rebmanns Amtsantritt zurück, von 255 000 auf 191 000. Um 48 Prozent rutschte der Einzelverkauf am Kiosk in den Keller, und auf 23 Prozent beläuft sich der Verlust an Abos. Das sind 40 000 Bezieher oder Haushalte, die gekündigt haben in sieben Jahren.

Und es werden noch mal mehr. Am 28. März wird "Sonntag Aktuell" letztmals erscheinen, danach finden Abonnenten nur noch sechs Mal in der Woche ein Zeitung im Briefkasten. Zum selben Preis. Mit bis zu 10 000 Kündigungen rechnen sie intern deswegen in Möhringen. Aber die Größenordnung ist ihnen vertraut: 10 000 Kündigungen hatte sich die "Stuttgarter Zeitung" binnen weniger Monate eingefangen, nachdem sie sich im Sommer 2010 – ohne jede Not – in einem Leitartikel der Chefredaktion als Befürworter von Stuttgart 21 geoutet hatte.

Ein Modell floriert – die Preiserhöhung beim Abo

Immerhin, ein Geschäftsmodell von Rebmann ist bisher aufgegangen. Mitgetragen von immer noch 152 000 Menschen/Haushalten, die StZ oder StN abonniert haben. "Viel zu billig!", befand der Geschäftsführer anno 2008 und sattelt seither Jahr für Jahr den Abonnenten die Verluste drauf, die er anderswo macht. In Zahlen: 275 Euro wurden 2008 für ein Jahresabo der "Stuttgarter Zeitung" fällig, 458 Euro kostet es 2016. Kein anderes Produkt des täglichen Bedarfs hat in Zeiten niedrigster Inflation auch nur annähernd eine solche Teuerung erlebt. Dass mit der grafischen Neugestaltung 2009 noch 15 Prozent an Text wegfielen und mehrfach Umfänge gekürzt und Sonderseiten gestrichen wurden, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Online first. Screenshot: www.stuttgarter-zeitung.de
Online first. Screenshot: www.stuttgarter-zeitung.de

Schlimmer noch. Längst haben die Chefredakteure auf dem Weg zum digitalen Zeitungsprodukt die Devise "online first" ausgegeben. Heißt auf Deutsch: Wann immer wir etwas erfahren, geht das zuerst ins Internet. Und an die Agenturen und via Facebook und Twitter in die Welt. Der, der's finanziert, der Zeitungsabonnent, erfährt's als Letzter. Am nächsten Morgen, im Briefkasten.

Profitieren werden auch diesmal wieder andere. Zum einen die Konkurrenz vor der eigenen Haustür, die kleinen Zeitungsverlage rund um Stuttgart, die den Mantel der "Stuttgarter Nachrichten" beziehen. Denn der wird über Nacht um eine Klasse besser werden, wenn die Mantelredaktion der StN auf beinahe alle Inhalte zugreifen kann, die bisher in der personell weit besser ausgestatteten StZ-Redaktion produziert wurden. Warum jemand in Waiblingen, Sindelfingen oder Mühlacker künftig noch zusätzlich die StZ halten soll, wenn im eigenen Blättle das gleiche drinsteht, die Frage werden die Leser beantworten.

Und zum anderen heißt der Gewinner München. Die "Süddeutsche Zeitung" wird gehätschelt, weil sich deren Chefredakteur gegen Übergriffe wehrt, redaktionelle Synergien zwischen den Standorten München und Stuttgart sind nicht erkennbar. "Wann immer sie zwei Möglichkeiten haben", sagt ein Redakteur, der das Geschehen von innen betrachtet, "dann entscheiden sie sich seit Jahren konsequent für die falsche." Als eine solche "Schnittmenge zwischen Nichtwissen und Nichtkönnen" war Rebmann bereits nach einem Jahr von den Autoren jenes anonymen Rundschreibens bezeichnet worden, deren Vorhersagen allenfalls insofern falsch waren, als sie noch schneller eintraten als prophezeit.

Rebmann schaut derweil zu, ganz entspannt. Er hat neue Geschäftsführer eingestellt, für zwei Millionen Euro den neunten Stock in Möhringen umgebaut, damit auch alle Chefs ein schönes Plätzle haben. Mehr als 50 Millionen Euro, heißt es, hat man bisher allein für Abfindungen ausgegeben.


Jürgen Bartle war bis 2011 Geschäftsführer bei der Hier Lokalzeitung GmbH im Stuttgarter Pressehaus.


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Kommentare

Philippe Ressing, 25.03.2016 16:15
Eine zutreffende Zustandsbeschreibung, die nicht alleine die Stuttgarter Blätter oder den SWMH-Konzern betrifft. Wurden einst Tageszeitungen zu einem Drittel aus dem Verkauf und zwei Dritteln aus Anzeigen finanziert, hat sich das Verhältnis heute radikal gedreht. So erklärt sich auch der massive Anstieg der Abopreise. Große Mengen der Anzeigenwerbung - vor allem Stellenanzeigen - sind ins Internet abgewandert. Woher soll also das Geld kommen? Bei der StuttZ füllen zunehmend, als journalistische Produkte daherkommende 'Extras', das Blatt - de facto sind das bezahlte Werbeseiten - und dafür darf ich als Abonnent auch noch zahlen? Solche 'Extras' sollen die Leser locken, die klassische Werbung einfach überblättern. Viele Verlage investieren seit Jahren Millionen in ihre Online-Auftritte. Beispiel Axel-Springer Verlag: Das Unternehmen hat - bis auf die BLÖD-Blätter, die WELT und Special-Interest-Magazine. Alle anderen Zeitungen wurden verkauft, man investiert massiv in medienfremde Onlineaktivitäten. Ob sich das allerdings auch rechnet, bleibt die Frage. Der Beitrag der Online-Ableger von Printprodukten zumindest an den Konzernbilanzen bewegt sich oft im einstelligen Prozentbereich. Geld verdient wird dagegen mit Online-Buchungsportalen und medienfernen Aktivitäten. Da wird die Zeitung zum Beiwerk eines Mischkonzerns. Gleichzeitig ist zunehmend der Qualitätsverlust bei Zeitungen spürbar. Oft wird das mit 'luftigen Layouts' kaschiert, faktisch bekommte man weniger journalistische Qualitätsware udn muss mehr dafür zahlen. Gewinne werden aber eben nicht in die Zeitung, sondern in fragwürdige Online-Aktivitäten gesteckt.

Kurt Mueller, 25.03.2016 13:05
Kleiner Nachtrag zum Thema Qualität: Aktuell steht auf der Startseite der StZ - wieder - ein Link zu einem Maultaschentest, der offensichtlich aus dem Jahr 2013 stammt und es vor Wochen schon einmal auf die Startseite schaffte. Lt. den Leserkommentaren ist einer der getesteten Metzger zwischenzeitlich verstorben! Daß die Bildstrecke technisch vergurkt ist, kommt noch dazu...

Kurt Mueller, 25.03.2016 12:02
Schon bitter, wie man die Stuttgarter Blätter runterwirtschaftet. Für ein Lokalblatt ist es der sichere Tod, ganze Lokalgeschichten kostenlos ins Netz zu stellen - und wenn es im Netz vor der gedruckten Zeitung ist, erst recht. Wer nicht versteht, daß man im Netz bestenfalls Appetithäppchen oder Abgehangenes kostenlos offerieren darf, wer sich nicht ein Modell ausdenkt, das Zeitungsabo mit vollem Onlinezugang kombiniert - der ist bald Ex-Verleger. Und Abopreise erhöhen (485 € p.a. sind fast schon dreist) und gleichzeitig für die Leser erkennbar an der Qualität sparen geht halt auch nicht auf Dauer gut... Ist's ein Schuttgarter Virus? Die einstmals stolze Motorpresse wurde erst von den Eigentümerfamilien und dann von Gruner runtergewirtschaftet, Reader's Digest ist nur noch ein dünnes Heftle, der Franckh-Kosmos-Verlag hat sein Naturblättchen "Kosmos" schon vor 15 Jahren erfolgreich an die Wand gefahren, ETM das beliebte Lkw-Klassiker-Magazin Last & Kraft verkauft und andere Sondertitel eingestellt - wer mag, setze die Liste fort.

Bruno Bienzle, 23.03.2016 20:04
Totengräber verlegerischer Initiativen
Autor Jürgen Bartle und Leserkommentator Andreas Braun wissen, worüber sie geschrieben haben, versuchten sie doch mit engagierten Journalisten /Innen der leserfeindlichen Kahlschlagswirtschaft von Richard Rebmann und Konsorten nach Kräften mit Qualität, gegenzusteuern. Dass die Gesellschafter in Württemberg und Ludwigshafen dem profitlichen Tannenzäpfle nicht Einhalt geboten haben, stempelt sie zu Mittätern wider besseren Wissens, aus Saumseligkeit oder gar aus purer Feigheit. In jedem Fall wurden sie zu Totengräbern verlegerischer Initiativen und des über Jahrzehnte profitablen Stuttgarter Modells des SWMH-Gründers Eugen Kurz mit den Eigenmarken IWZ, Sonntag Aktuell und den unter Rebmanns Vorgänger Jürgen Dannenmann gestarteten Sublokalteilen der HIER GmbH.

kornelia, 23.03.2016 12:45
Ich fordere viel mehr Sozialexperimente!
Z.B. ein Jahr werden alle vom Volk bezahlten Abos etc storniert! Also keine Bibliotheken, keine Ministerien, keine staatl Einrichtungen, desweiteren auch keine indirekten Subventionen über freie Eintritte, Preisnachlässe, Beförderungen, etc.... Dann würden manche Journalisten evtl begreifen dass sie in einer Demokratie Zwei 'Herren' dienen!
UND diese sogenannten Rebmanns würden begreifen, dass ihre Gehälter massgeblich vom Volk abhängen!

Es sind die Journalisten, die gerne dem Volk eine Obrigkeitshörigkeit anschwatzen.... dabei sind sie's selber!
Die Journalisten haben den ü25jährigen Verfall nahezu katatonisch zugesehen! Sie haben den arm/reich Krieg in den eigenen Reihen nie zum Thema gemacht.... und auch noch heute nicht!

Der Widerstand21 hätte ihnen Impulse und Hinweise geben müssen, eine selbstkritische 5tage Tagung zu veranstalten:
wo wollen wir hin?
was ist ein demokratischer Journalismus?
wie gehen wir mit kritischen Bürgern um, welche Verantwortung tragen wir?
Können wir weiterhin den Arroganten bei Vorteile und den Jammernden bei Gegenwind raushängen lassen?
Reihenweise erklären und verachten wir die Bürger weil sie wohlstandsverwöhnt seien und keinerlei Risiko ertragen könnten...wie gehen wir mit Kritik, Wettbewerb, reich/arm etc um?
Was machen wir mit der BürgerKonkurrenz in Form von Blogs und Querlesen?
Wie verhunzen wir -neben den Kulturschaffenden die Hüter der Sprache - diese Wahnsinnsleistung der Solidargemeinschaft?
Sind wir nicht zu einfachen Dünnschisshaufen-Machenden geworden wenn PR von oben kommt und wir sie 1:1 abschreiben während wir gleichzeitig von Unliebsamen alles auf Punkt und Komma prüfen?
Wo erfüllen wir noch unsere vollmundigen Verspreche(r)n von unabhängig, investigativ und (selbst)kritisch?
Wo geben wir den Sprach- und Machtlosen eine Stimme?
Wo treten wir mutig für unsere Interessen ein? (z.B. indem wir uns von den Alice Kaisers nicht gefallen lassen wie Hunde vor die Tür geschickt zu werden?)

Nein nicht die Rebmanns sind schuld, sondern genauso und auch DIE feigen Journalisten (die sich kolossal über die Wutbürger und 'dagegen sein ist leicht' amüsiert haben!)

Während noch zur Zeit der Spiegelaffäre sowohl der Zusammenhalt unter den Journalisten gross UND die Solidarität der Bevölkerung stark war.... Und die Medien damit zur 4.Gewalt werden konnten ist heute das Zusammenstehen der Journalisten und die Solidarität seitens der Bevölkerung komplett kaputt, deswegen sind sie auf Gedeih und Verderb einer Geldfixierten Obrigkeit ausgesetzt!

Andreas Braun, 23.03.2016 10:54
Der Text liest sich zwar wie Kolportage und doch stimmt im Kern alles. Leider. Ein einzelner machtbewusster Mann hat mit einer Schar von grauen Satrapen ganz viel kaputt gemacht. Ohne publizistische Strategie, dafür mit miesen Methoden, die Menschlichkeit und Anstand Hohn sprachen. Hauptsache, er hat sich selber die Taschen voll gestopft. Schade: die Gesellschafter haben tatenlos zugeschaut. Schade aber vor allem um die einst zahlreichen engagierten Journalistinnen und Journalisten.

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