KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Ausgabe 194
Medien

Linie mit Knick

Von Jürgen Bartle und Dieter Reicherter
Datum: 17.12.2014
Der Wasserwerferprozess ist Geschichte: Die 18. Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hat mit Beschluss vom 9. Dezember das Verfahren endgültig eingestellt, nachdem die beiden Angeklagten ihre Geldauflagen innerhalb weniger Tage erfüllt hatten. Auch die Opfer, die als Nebenkläger am Prozess teilnahmen, müssen zahlen: Ein Drittel ihrer Kosten mindestens, in einem Fall sogar alles.

Grund genug für eine Nachbetrachtung, welche Auswirkungen das Prozessende ohne schriftliches Urteil hat. Aufgegriffen sind darin auch einige Fragen, die das Publikum bei der Podiumsdiskussion der Kontext:Wochenzeitung im Württembergischen Kunstverein stellte. Voraus etwas Juristisches: Gemäß § 153a der Strafprozessordnung kann das Gericht mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und der Angeklagten das Verfahren bei einem Vergehen vorläufig einstellen "und zugleich den Angeklagten Auflagen und Weisungen erteilen, wenn diese geeignet sind, das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung zu beseitigen, und die Schwere der Schuld nicht entgegensteht".

Als Auflagen und Weisungen kommen nach der Vorschrift unter anderem in Betracht: Schadenswiedergutmachung, Erfüllung einer Geldauflage an eine gemeinnützige Einrichtung oder an die Staatskasse, Arbeitsstunden, Erfüllung von Unterhaltspflichten, Täter-Opfer-Ausgleich. Zur Erfüllung dieser Verpflichtung muss eine Frist – höchstens sechs Monate – festgesetzt werden. 

Volles Haus bei der Kontext-Podiumsdiskussion zum Wasserwerferprozess. Foto: Joachim E. Röttgers
Volles Haus bei der Kontext-Podiumsdiskussion zum Wasserwerferprozess. Foto: Joachim E. Röttgers

Im Wasserwerferprozess hat man sich (ohne die Nebenkläger, deren Zustimmung nicht erforderlich ist) auf eine Geldauflage zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung geeinigt. Irgendeine Tabelle oder Ähnliches zur Höhe der Geldauflage gibt es nicht. Die Vorsitzende hat auch keine Begründung zum Betrag von je 3000 Euro abgegeben. Ob die Angeklagten den Zahlungsempfänger vorgeschlagen haben oder das Gericht diesen ausgewählt hat, ist nicht bekannt.

Vorläufige Einstellung bedeutet, dass das Verfahren bis zur Erfüllung der Auflagen und Weisungen ruht. Endgültig beendet ist das Verfahren dann, wenn die fristgemäße Erfüllung nachgewiesen und eine endgültige Einstellung durch einen weiteren Beschluss erfolgt ist. Im Beschluss über die endgültige Einstellung wird auch über die Kosten und Auslagen des Verfahrens entschieden. Das Gesetz sieht vor, dass die Staatskasse die Verfahrenskosten (zum Beispiel für Zeugen und Sachverständige) trägt, die Angeklagten jedoch ihre eigenen Auslagen (Verteidiger, Verdienstausfall, Fahrtkosten und Ähnliches). Die notwendigen Auslagen der Nebenkläger (Anwaltskosten, Verdienstausfall, Fahrtkosten) sind den Angeklagten aufzuerlegen. Aber: "Hiervon kann ganz oder teilweise abgesehen werden, soweit es unbillig wäre, den Angeklagten damit zu belasten." Das heißt, von der Entscheidung der Strafkammer hängt es ab, ob die Nebenkläger auch noch auf diesen Auslagen ganz oder zum Teil sitzen bleiben.

Die Opfer trifft laut Gericht ein Mitverschulden

Genau dies ist nun eingetreten. In dem umfangreich begründeten Beschluss vom 9. Dezember 2014 legte die Strafkammer fest, dass die Staatskasse die Verfahrenskosten und die Angeklagten ihre eigenen Auslagen zu tragen haben. Von den notwendigen Auslagen von vier Nebenklägern müssen die Angeklagten je zwei Drittel, die Nebenkläger selbst ein Drittel tragen. Das begründete die Strafkammer damit, dass die Nebenkläger ein Mitverschulden an ihren Verletzungen treffe. Sie hätten nämlich den polizeilichen Anweisungen keine Folge geleistet und seien bewusst im abzusperrenden Sicherheitsbereich und damit im Einwirkungsbereich der eingesetzten Wasserwerfer verblieben. Damit hätten sie die ihnen in eigener Angelegenheit obliegende Sorgfalt verletzt und sich bewusst in eine Situation drohender Eigengefährdung begeben. 

Den zu räumenden Sicherheitsbereich, in dem sich die Nebenkläger bewusst aufgehalten hätten, definierte die Kammer wie folgt: "Dieser umfasste eine gedachte Linie, die von der Straße am Schlossgarten zunächst quer über die Wiese Richtung Biergarten und von dort östlich entlang des Weges bis zum Abgang in die Arnulf-Klett-Passage verlief. Nach dem Biergarten erstreckte sich der Bereich in die östlich des Weges (Richtung Willy-Brandt-Straße) gelegene Wiese, sodass die gedachte Linie einen 'Knick' bildete." 

Bemerkenswert daran: Die Nebenkläger hatten nach Überzeugung der Strafkammer diese gedachte Linie also gekannt, denn sonst hätten sie sich ja kaum "bewusst" dort aufhalten können. Im Prozess hatte sich freilich ergeben, dass die Polizisten, die die Absperrung vornahmen, diese Linie nicht gekannt hatten. 

Wasserwerfereinsatz war recht- und verhältnismäßig!

Ausdrücklich stellte die Strafkammer auch fest, der Einsatz der Wasserwerfer sei rechtmäßig und mit Ausnahme der Wasserabgaben in Kopfhöhe auch verhältnismäßig gewesen.

Die fünfte Nebenklägerin muss ihre gesamten Auslagen selbst tragen, da ihre Verletzungen an den Unterschenkeln nicht rechtswidrig und Verletzungen am Kopf nicht festzustellen gewesen seien. Die Verletzungsfolgen seien durch öffentlich-rechtliche Eingriffs- und Befugnisnormen gerechtfertigt.

Insgesamt – aber das wäre ein eigenes Thema – zeigen der Prozess und das mit ihm verbundene Kostenrisiko exemplarisch, wie schwach ausgeprägt die rechtliche Stellung eines Nebenklägers im deutschen Strafprozess ist. Seine Beteiligung wird nicht selten als eher störend empfunden. Bei Terminabsprachen, Zustimmungen zur Verlesung von Schriftstücken, Einverständnis mit einer Einstellung und vielem anderen braucht man ihn nicht. Seine Rechtsmittel gegen Urteile sind eingeschränkt. Das mag bei Verfahren mit geringen Vorwürfen angemessen sein, bei schweren Folgen einer Straftat aber nicht.

Selbst die Beiordnung eines Rechtsanwalts hatten die Nebenkläger des Wasserwerferprozesses beim Oberlandesgericht erkämpfen müssen, während das Landgericht den Angeklagten Pflichtverteidiger bestellt hatte. Eine Waffengleichheit zwischen Angeklagten und Nebenklägern war zunächst gar nicht vorgesehen. 

Die Angeklagten sind nicht mehr zu belangen

Eine endgültige Verfahrenseinstellung hat zur Folge, dass die Angeklagten wegen derselben Taten nicht mehr verfolgt werden können mit der Einschränkung, dass dies nur für eine Verfolgung wegen Vergehen gilt (Vergehen sind weniger schwere Delikte – so wie der angeklagte Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung im Amt). Nur wegen des Verdachts eines Verbrechens könnte neu ermittelt werden. Ob den Angeklagten ein Verbrechen zur Last gelegt werden könnte, wurde jedoch von der Strafkammer zunächst gar nicht mehr näher geprüft, obwohl das Oberlandesgericht dies in mehreren Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt der versuchten schweren Körperverletzung im Amt für in Frage kommend gehalten hatte. Das war von den Nebenklägern am letzten Verhandlungstag ausdrücklich gerügt worden. Hierzu wurde jetzt in der Begründung der endgültigen Einstellung – gegenüber der mündlichen im Prozess – nachgebessert und festgestellt, eine hierfür erforderliche vorsätzliche Tatbegehung liege nicht vor.

Kein Wort zur Schuld der Angeklagten

Die endgültige Einstellung hat aber auch noch andere Folgen: Es gibt keinerlei gerichtliche Feststellungen zur Schuld der Angeklagten und zu den Beweismitteln. Fest steht nur, dass die Angeklagten "eine geringe Schuld" trifft, sie also nicht unschuldig sind – auch wenn ihre Verteidiger in der Zustimmungserklärung zur Einstellung ausdrücklich erklärt hatten, diese erfolge nur aus prozessökonomischen Gründen ohne Eingeständnis einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit und ohne Einräumung der Anklagevorwürfe. 

Worin aber diese geringe Schuld besteht, ist nirgends festgehalten. Die mündliche Begründung der Vorsitzenden am letzten Verhandlungstag unter Ausschluss der Zuhörer ist nicht verbindlich. Eine schriftliche Begründung sieht das Gesetz nicht vor. Wäre ein Urteil ergangen, enthielte dies hingegen solche Feststellungen und würde auch die Aussagen von Zeugen und Sachverständigen sowie den Inhalt sonstiger Beweismittel wiedergeben. Die jetzt in der endgültigen Einstellung gemachten Ausführungen sind – im Gegensatz zu einem Urteil – nicht durch ein Rechtsmittel nachprüfbar. Sie stehen sozusagen im luftleeren Raum.

Nach den gesetzlichen Vorschriften enthalten die Hauptverhandlungsprotokolle des Landgerichts (anders als beim Amtsgericht) keinerlei Angaben über den Inhalt der Zeugenaussagen. Vermerkt wird lediglich, dass der Zeuge Angaben zur Sache gemacht hat, nicht aber, welche Angaben. Das bedeutet, dass kein Inhaltsprotokoll existiert, welches in anderen gerichtlichen Verfahren oder im Untersuchungsausschuss des Landtags verlesen oder bei erneuten Vernehmungen vorgehalten werden kann oder als Beweis für eine Falschaussage herangezogen werden kann.

Mit anderen Worten: Die Einstellungsentscheidung führt zur erheblichen Mehrbelastung der Gerichte in anderen Verfahren zum Schwarzen Donnerstag, beispielsweise beim Verwaltungsgericht, das die Frage der Rechtswidrigkeit des Polizeieinsatzes prüfen muss, und beim Zivilgericht, das die Verpflichtung des Landes Baden-Württemberg zum Schadenersatz und zur Zahlung eines Schmerzensgeldes an die Verletzten zu klären hat. Das bedeutet zugleich eine zu erwartende viel längere Verfahrensdauer, und das mehr als vier Jahre nach dem Einsatz. 

Erst recht gilt diese Erschwernis bei den Ermittlungen gegen den damaligen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf und etwaige sonstige Verantwortliche, zumal der an der jetzigen Hauptverhandlung teilnehmende Staatsanwalt Stefan Biehl zum Jahresende bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ausscheiden wird und deswegen diese Ermittlungen nicht mehr führen kann.


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Kommentare

Ernst Hallmackeneder, 23.12.2014 07:22
Grün wirkt! Stetig! Auch in der Justiz!
Wird aber vom roten Kontext-Blättle totgeschwiegen! Warum kommt hier nichts über das bahnbrechende und hochlöbliche Umweltschutzurteil einer hochweisen, mit beiden Beinen voll im richtigen Leben stehenden Amtsrichterin gegen diesen frevelhaften Schloßgarten-Pinkler? Warum keine Reaktion der Parkschützer?
Jedenfalls haben meine Frau (96) und ich (98) uns vor Freude über dieses löbliche Urteil von oben bis unten voll gepisst.

GOTT sei Dank gibt es noch rechte Aufklärer wie mich und den Herrn Jupp, die das Schweigekartell der Kontext schonungslos aufdecken. Wie schön!

Dieter Reicherter, 23.12.2014 00:30
@Schorsch:
Leider reise- und krankheitsbedingt verspätet: Nein, die Schöffen hätten die Einstellung nicht verhindern können. Es gilt bei einer Einstellung die einfache Stimmenmehrheit (Besetzung: 3 Berufsrichter, 2 Schöffen).

@Manfred Fischer:
Danke. Das sind haargenau die entscheidenden Argumente. Leider hat sich die Strafkammer in ihrem nicht anfechtbaren Beschluss über diese polizeirechtliche Betrachtung hinweg gesetzt, ohne sich mit den Argumenten von Prof. Feltes (und anderen) zu befassen. Eine völlig unnötige Aussage, die die rechtliche Situation der Opfer extrem beeinträchtigt.

Klaus Neumann, 22.12.2014 20:17
@ Manfred Fischer, 17.12.2014 15:16

Ich darf Sie zitieren: "Die wirklichen Verhältnisse vor Ort machen daher deutlich, dass alleine schon der Einsatz von hohem Wasserdruck bei den Wasserwerfern auf friedliche Demonstranten, von denen keine Gewalt ausging, völlig unverantwortlich und rechtlich verboten war, denn es konnte jederzeit, auch ohne Zielen auf einen Kopf irgend ein Demonstrant vom Wasserstrahl am Kopf oder anderswo mehr oder weniger stark getroffen und verletzt werden. Der Einsatz von gebündelten Wasserstrahlen mit hohem Druck auf Demonstranten hätte somit überhaupt nicht angeordnet werden dürfen! "

Weiter unten im Text dann belegen Sie die Unrechtmässigkeit des WaWe-Einsatzes und berufen sich dabei auf den Polizeiwissenschaftlers Thomas Feltes.

Wir haben die Entscheidungsgründe des Gerichtes vernommen. Bleibt aber, dass nach der mir zu diesem Punkt bekannten Dienstvorschrift aus einem anderem Bundesland ein gezielter Strahl aus dem Wasserrohr nur dann erlaubt ist, wenn ein Beamter durch Demonstranten oder ein Dienstfahrzeug der Polizei direkt gefährdet
wird. Das wurde wohl von dem Gericht "übersehen", dass hier in keinem Fall die Besatzung auf diese Weise aus der Schuld zu entlassen ist.

Nun, es steht niemanden zu, auch den Politikern nicht, die Richter zu kritisieren. Ein Richter des VGH hat sich das auch zu seinem Urteil aus dem Jahre 2006 zur Leistungsfähigkeit von S21 von dem Schlichter und Kollegen Geissler verbeten. Der VGH hatte zu seiner Urteilsfindung drei "GUT" achter in eigener Sache berufen hatte, was Geissler in der Schlichtung bemängelt hatte: Heimerl, Martin und Schwanhäusser. Auf dieses Urteil unabhängiger Richter hat sich dann zu guter letzt auch das BVerfG. in der Klage gegen den Abriss eines Hauses in der Sängerstrasse berufen, womit sich der Kreis dann schliesst. Und obendrein hat hier das Gericht schon einmal den Weg zum Ausgang bei den zivilrechtlichen Verfahren gebahnt, deren Ausgang damit bereits feststeht.

Alles bestens im Lot des Rechtsstaates eben. Noch eine kleine Randbemerkung zur Personalie Stefan Biehl, die auch hier von zentraler Bedeutung bei einer korrekten Antragstellung bei Gericht gewesen wäre. Er war es, und das weiss Herr Reicherter am besten, der den rechtsstaatlich organisierten Wohnungseinbruch in seinem Haus während seiner Abwesenheit bei Babette Einstmans Drehscheibe ganz rechtsstaatlich begründet hat. Wie sollte er dann in dieser Gerichtsverhandlung auch anders agieren als wie hier festzustellen. Und solange Herr Stickelberger durch entsprechende Umbesetzungen in der Staatsanwaltschaft Stuttgart nicht das klare Signal setzt, dass in seinem Laden unter ihm Recht und Gesetz gelten, bleibt alles so wie es ist. Der Fisch stinkt, es tut mir leid, eben auch hier vom Kopf her.

Herr Stickelberger ist somit als Justizminister nicht mehr zu halten nach diesen Vorfällen. Eigentlich. Aber da kann man sich die Augen reiben wie man will, es bleibt der selbe böse Traum als Realität im Ländle bestehen. Und alle Kumpels sind weiterhin unter sich und man versteht sich über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft und die Urteile der Gerichte und damit jeweils weiter gereichten Botschaften auch nonverbal bestens. Nichts zu machen. Keine bessere Botschaft.

Bei der Gelegenheit noch eine Frage an Herrn Reicherter: sitzt das BVerfG Ihre Grundrechtsklage wegen des Bruchs bei Ihnen zu Hause durch Herrn Biehl und den zeichnenden Richter aus und wartet einfach zu, bis S21 als Thema gestorben ist, oder haben Sie wenigstens einmal etwas dazu aus Karlsruhe gehört, über die Bestätigung hinaus, dass die Klage eingereicht wurde?

invinoveritas, 22.12.2014 11:12
@ schwabe

Das Projekt Stuttgart 21 ist ein großer Blödsinn, gewollt von wirtschaftlichen und politischen Interessen, durchgewinkt von der Mehrheit einer Bevölkerung, die sich hat blenden lassen. Der Schwarze Donnerstag war eine Katastrophe und die Einstellung des Wasserwerferprozesses eine Fehlentscheidung. Bis hierher Übereinstimmung.

Und ab hier grundlegende Differenz: Wer eine solche Entscheidung, an der kaum mehr als eine Handvoll Leute beteiligt gewesen sein dürften und "die Politik" schon mal gar nicht, als "weiteren eindeutigen Beweis" für eine "politische Justiz" im Lande ausgibt, betreibt keine Beweisführung, sondern vorurteilsbeladene Diffamierung.

Gewisse Zeitgenossen hier und anderswo machen halt immer denselben Fehler: Es reicht ihnen nicht, etwas für falsch zu halten und dafür Argumente und Belege vorzubringen. Sondern in ihrer Welt wimmelt es von vorsätzlich bösartigen Widersachern und Feinden, die zudem von oben (hier: Stickelberger, noch besser: Kretschmann) oder auf geheimnisvolle Weise vom System (hier: Lobbyismus, Kapital) gesteuert werden. Beweise braucht es da nicht mehr, nur noch Ressentiment und enthemmten Verdacht.

Allerdings: Seriöse Kritik, sowohl an einzelnen Entscheidungen als auch am System, sieht anders aus.

Jupp, 22.12.2014 11:00
@Schwabe
..."Und in einer "echten" Demokratie Lobbyismus (einseitige Interessenvertretung) nichts verloren hat und unter harte Strafe gestellt werden sollte.wabe
..."

Es gibt in Stuttgart so eine Veranstaltungsreihe in der über 250x die gleichen, einseitigen Interessen vertreten werden.
Sollte das unter Strafe gestellt werden?
Ich denke nein. Gute Demokraten wissen, dass es immer verschiedene Lager gibt. Wer einen Kopf zum Denken hat kann sich in aller Ruhe die jeweiligen Interessenvertreter anhören und sich so seine eigene Meinung bilden. Im Falle von S21 genügt manchmal auch ein Spaziergang mit einem entsannten Blick von Stuttgarts Höhen. Hier sieht man das zerstörte Tal und die wenigen Züge die sich im Schritttempo durch das riesige Weichengewimmel quälen. Da kann sich jeder fernab jeglicher Manipulation seine eigene Meinung bilden. Es geht tatsächlich, selber zu denken. Ohne Redner von der Bühne. Kann ich jedem emfehlen. Das stärkt das innere Ich.
Gefährlich wird es nur dann, wenn man nur noch einer Seite zuhört. Die Argumente sind auch nach dem 250. Mal stets die gleichen. Sie nehmen durch das monotone Wiederholen aber irgendwann so viel Raum ein, dass man um sich nichts mehr wahrnimmt.
Dann haben die einseitigen Interessenvertreter von einem Besitz ergriffen.
Das ist nicht gut. Passiert aber in unserem Land zum Glück so wenigen Menschen, dass dies wiederum nur von geringer Bedeutung für die Demokratie ist.

Beobachter, 22.12.2014 05:23
Ich werde daraus politische Konsequenzen ziehen. Danke für die ausführliche Berichterstattung.

Schwabe, 21.12.2014 12:52
Der WaWe Prozess ist für mich als aufmerksamen politischen Beobachter ein weiterer eindeutiger Beweis für eine nicht unabhängige Justiz sprich für eine "politische Justiz".
In einer "politischen Justiz" wird nicht die Schuldfrage geklärt sondern es wird lediglich das Strafmaß festgestellt. Die Schuldfrage unterliegt Interessen und wird an anderen Stellen entschieden. Und alles unter dem demokratischen Deckmäntelchen - hier ist Kreativität niederträchtigster Art gefragt.

Schwabe, 21.12.2014 12:41
"bürgerliche" Politik bedeutet eine neoliberale, konservative Politik die sich unter dem starken Einfluss des Lobbyismus überwiegend, wenn nicht gar ausschließlich dem Kapital, sprich den Banken und Konzernen verpflichtet sieht und nicht der Mehrzahl der Menschen die diese sogenannte "bürgerliche" Politik gewählt haben.
Der Begriff "bürgerlich" (den Begriff benutzte z.B. Kretschmann selbst in Bezug auf seine Partei) steht für mich heute als Synonym für eine nicht soziale, Gesellschafts-, Kultur- und Umweltschädigende Politik. Da stehen insbesondere CDU/CSU, SPD, FDP an vorderster Front!
Wobei "bürgerlich" - aus dem französischen "Bourgoisie" stammend, was soviel wie "Bürgertum" bedeutet - im ursprünglichen Sinne durchaus alle Bürger umfasst. Sowohl das kapitalistische Großbürgertum (Banken, Konzerne, Einkommensmillionäre, Unternehmer), wie auch die Mehrheit der Bevölkerung, das Proletariat (die Lohn- bzw. Einkommensabhängigen).

Der Begriff der bürgerlichen Partei bzw. des bürgerlichen Lagers wird oft in Abgrenzung zur politischen Linken gebraucht. Seine Verwendung ist umstritten, da in einer (echten) Demokratie alle Mitglieder der Gesellschaft (gleichberechtigte) Bürger sind, unabhängig von ihrer politischen Einstellung oder sozialen Herkunft. Und in einer "echten" Demokratie Lobbyismus (einseitige Interessenvertretung) nichts verloren hat und unter harte Strafe gestellt werden sollte.

Peter S., 18.12.2014 11:45
Herr Schwabe, bei Ihrem Kommentar steht auch der Begriff "bürgerliche Politik". Und wie Sie treffend beschreiben, versteckt sich hinter diesem Begriff wie auch bei "bürgerliche Parteien" heute eine zwar gut getarnte, aber zutiefst bürgerfeindliche Politik.
Dies wird auch durch die "Politische Justiz" speziell im Ländle erschreckend deutlich. Nicht erst seit dem WaWe Prozess.

Ich war noch nie ein "Linker" sondern immer ziemlich "Schwarz", u.a. weil ich dort Vertrauen auf wirtschaftliche Kompetenz und auch die "C" Werte sah.
Beginnend mit dem Kohle'schen Ganovenehrenwort ging dieses Vertrauen zunehmend den Bach runter und ist mit dem Verhalten der Politik und Justiz bei S21 auf einem absoluten Tiefpunkt.
Ich sehe heute keinen Unterschied zwischen mafiagesteuerten italienischen Politikern und unseren.
Hier werden nur noch, unter Verschleuderung von Steuergelder, Posten ergaunert. (z.B. Pofalla)

Was mich schockiert ist, dass weder die SPD noch eine der anderen Parteien (FDP, Grüne) sich dieses Vertrauensvakuums annimmt.
Gibt es einen Unterschied im Innenministerium oder Justizministerium zum Sumpf der Vorgängerregierung?
Ich sehe keinen.

Die Botschaft an die Bevölkerung?
Wer nicht betrügt ist selber schuld.
Betrug ist "Smart"
Werte sind Out

Will die Mehrheit der Bürger wirklich so ein Gemeinwesen?

Schorsch, 18.12.2014 10:00
Hallo Herr Reicherter,
kurze Frage: Hätten die beiden Schöffen mittels Minderheitenvotum bei der Abstimmung die Einstellung verhindern können?
Danke im Voraus für Ihre Antwort!

Ansonsten danke für den Kommentar von Manfred Fischer!

Schwabe, 18.12.2014 09:29
Vielen Dank Manfred Fischer für diese hervorragende Analyse in Ihrem Kommentar vom 17.12.2014 15:16 Uhr.
Doch wie ich schon öfters betont habe sind m.E. die Ziele bürgerlicher Politik (hier S21) von Lobbyismus (Korruption) durchdrungen und damit von (Wirtschafts)Interessen geleitet. Diese (Wirtschafts)Interessen stehen den Interessen des Gemeinwohls/der Daseinsfürsorge in aller Regel immer unversöhnlich gegenüber (und das ist nicht "alternativlos" sondern wird der breiten Bevölkerung tagtäglich so suggeriert - Stichwort "tendenziöse Leitmedien"). Aus diesem Grund interessiert sich der Verwaltungsapparat (als Erfüllungsgehilfe/Instrument der bürgerlichen Politik) inkl. der vermeintlich unabhängigen Justiz auch nicht für so logische und sachliche Analysen wie Sie sie hier anstellen Herr Fischer.
Vergleicht man Ihre treffende und logische Analyse mit dem Ausgang des Verfahrens kann man m.E. zweifelsfrei von einer "abgehobenen Bürokratie" sprechen, welche die einfachsten Vorgänge verschleiert bzw. falsch darstellt. Eine "abgehobene Bürokratie" klingt harmlos, zwingt letztendlich aber Sichtweisen auf - diktiert diese sozusagen aufgrund ihrer Machtposition! Und was "Macht" im Zusammenhang mit "diktieren" bedeutet brauche ich hier glaube ich nicht näher ausführen.

@CharlotteRath und dichtbert
"Karriereförderlich dürften beide Interpretationen für deutsche Richter eigentlich nicht sein." und "...Testlauf, ob die alten CDU-Strukturen noch verlässlich sind und noch funktionieren?".
"Eigentlich" ist in Ihrem Satz m.E. das Zauberwort Frau Rath. "Eigentlich" sollten diese Auslegungen/Interpretationen des Gerichts nicht karrierefördernd sein, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall - und zwar für alle die entscheidend an diesem Ausgang des Verfahrens mitgewirkt haben. Davon bin ich überzeugt, solange das jetzige bürgerliche/neoliberale "System" funktioniert.
dichtbert, meines Erachtens darf man den Ausgang des Verfahrens (welches für mich in dieser oder ähnlicher Form absehbar war) auch nicht ausschließlich auf die CDU und deren "Strukturen" reduzieren, die mit SPD und FDP sicherlich die schlimmsten sind. Es geht, wie bereits am Anfang von mir erwähnt, um bürgerliche Politik insgesamt. Und damit verbunden geht es - und das kann man nicht oft genug betonen - um von Kapitalinteressen geleiteter Politik. Um mit Frau Merkels Worten zu sprechen, es geht um "marktkonforme Demokratie". Was m.E. eine verharmlosende Bezeichnung für eine Finanzmarktdiktatur ist!

Heike, 17.12.2014 23:50
Die "gedachte Linie mit Knick" ist ja wohl ein ganz schlechter Witz (wenn es nicht so traurig wäre)!
Diese "gedachte Linie" hat sich offenbar das Gericht ausgedacht. Die Polizei kannte sie selbst nicht mal.
Es hieß immer nur bei den Durchsagen der Polizei: "Machen Sie die Straße frei!"
Und nicht: "Machen Sie die Wiese frei!"
Trotzdem wurde man nass, wenn man sich von der Straße auf die Wiese begab - das war schon alleine eine Frechheit.
Die Versammlung wurde nicht mal aufglöst - und die Verletzten bekommen eine Mitschuld? Wo ist da die Gerechtigkeit? Bei diesem Prozess ist sie völlig auf der Strecke geblieben.
Die Behauptungen und Schlüsse des "Gerichts" sind unwahr, unerhört und skandlös.
Zumindest sollte es jetzt eine extra Demo zum Landgericht geben. EMPÖRT EUCH!

CharlotteRath, 17.12.2014 23:23
Keine Dokumentation der Zeugenaussagen, folglich auch begründetes Nachfragen mehr, wie es beispielsweise dazu kam
- dass Pfefferspray und Wasserwerfer trotz der angemeldeten Schülderdemo so rasch zum Einsatz gelangten,
- dass in der Einsatzzentrale der Polizei das Foto des schwer verletzten Herrn Wagners als Fälschung gewertet wurde, obwohl zusätzlich Live-Videos des Wasserwerfereinsatzes verfügbar waren,
- dass keine Rettungskräfte den "robusten" Einsatz flankierten?
Auch keine Nachforschungen mehr, wer da am Telefon gegenüber der Einsatzleitung die Antwort gegeben habe, das Baumfällverbot des EBA spiele keine Rolle?

Diese "gerichtliche Überprüfung eines Sachverhalts auf seine Rechtsfolgen" wirkt etwas rudimentär: Zur Feststellung des Sachverhalts sind mir zu viele Fragen offen geblieben.

Oder zielt diese Form der Verhandlungsführung mit Einstellung des Verfahrens genau darauf ab, nämlich zur Aufklärung derartiger Fragen eben gerade nicht beitragen wollen?
Dann trägt dieses Gericht die Verantwortung dafür mit, dass sich ein "schwarzer Donnerstag" wiederholen kann.

Karriereförderlich dürften beide Interpretationen für deutsche
Richter eigentlich nicht sein.

Pardon, ich vergaß: Wir befinden uns im Land der Spätzle-Connections.

dichtbert, 17.12.2014 22:13
war dieser Prozess am Ende nur eine art Testlauf, ob die alten CDU-Strukturen noch verlässlich sind und funktionieren?

Jupp, 17.12.2014 20:23
Der Polizeieinsatz war eine Katastrophe.
Das Einstellen des Prozesses kann ich nicht nachvollziehen.
Ich fand den Einsatz der ww in keinster Weiße verhältnismäßig.
Schon seltsam, dass niemand hierfür zur Verantwortung gezogen wird.

Alfred, 17.12.2014 17:17
Der Prozess war "eingefaedelt" und wird der Jutiz noch lange Hohn und Spott einbringen.
Für mich war das ein Showprozess, ein Alibiprozess in dem

junge unerfahrene Justizler sich zeigen konnten und für weitere Aufgaben (siehe Dr. B.) empfohlen haben.

Das ständige Laecheln, das sture Schweigen, das Zusammenspiel und nicht zuletzt der Verkuendigungstag der Einstellung ist geeignet für ein Drehbuch einer Gerichtsshow in den weltweiten Privat TV Sendern fürs Nachmittagsprogramm
Der Schlussauftritt der Polizeikette mit Schlagstock am Gürtel, der die Zuhörer in den Flaschenhals der Personenschleuse aus dem Saal trieb - wo es eben naturgemaess staute - war der Schlussakkord eines abgewürgten Prozesses.

Eine Fortsetzung zur Aufarbeitung in einem naechsten Prozess erwarte ich nicht.
Eher eine weitere Einstellung der Ermittlungen.
Die Verletzten werden mehrfach verletzt.
Auch als Waehler der jetzigen Regierung die sie gewählt haben und die so sehr enttäuscht.

Tillupp, 17.12.2014 15:46
Dieses Vorgehen haben Heerscharen von CDU-Anwälten, -Staatsanwälten, -Parlamentarier, -Polizisten und -Richter so ausklamüsert, nämlich wie man das Recht bzw. die Gesetze zugunsten der CDU-Amtsinhaber so kreativ auslegt, dass sich die Balken biegen. Das erinnert mich an H. Kohls "Tätiger Reue" der damals trotz Aussageverweigerung (Ehrenwort)durch eine zusätzliche Spendensammlung mildernde Umstände für seine illegale Spendensammlung (bzw. Bestechung von 6 Millionen) bekam. Für Angeklagte der CDU gibt es eben eigene Gesetzesauslegungen. Und die Inquisitoren (alle CDU) machen weiterhin Karriere und untergraben weiterhin systematisch den Rechsstaat. Wo bleibt da jetzt die Überwachung der CDU durch den Verfassungsschutz?

Manfred Fischer, 17.12.2014 15:16
Eine fatale Aussage des Gerichtes ist die Behauptung, "Der Einsatz der Wasserwerfer sei rechtmäßig und mit Ausnahme der Wasserabgaben in Kopfhöhe auch verhältnismäßig gewesen." Hier möchte ich zuerst auf die Bezeichnung "Wasserabgabe auf Kopfhöhe" eingehen. Sie ist bezüglich der Wirklichkeit des Geschehens am Schwarzen Donnerstag eine völlig unbrauchbare Beschreibung für den Einsatz der Wasserwerfer. Es wird hier so getan, als wäre es möglich, wie bei einem Scharfschützen mit Munition aus einem Gewehr, punktgenau ein Ziel mit einem Wasserstrahl zu erreichen. Was ist aber Kopfhöhe in einer Menschenmenge, die sich auch noch hin und her bewegt, in der Personen unterschiedlicher Größe stehen, sitzen, sich niedersetzen oder aufstehen usw. Außerdem ist die Entfernung in der Menge einmal weit und einmal nah und somit die Ballistik selbst eines Wasserstrahls mit höchstem Druck nicht genau kalkulierbar. Es ist somit völlig klar, dass beim Einsatz von Hochdruckwasserstrahlen auf eine solche Menschenmenge in hohem Maße der Zufall regiert. Im Wasserwerferprozess wurde dies besonders deutlich bei dem Musiker-Opfer. Er saß zuerst gar am Boden mit abgewandtem Gesicht zum Wasserwerfer. Erst beim Aufstehen und bei seiner Orientieren, die mit einer Kopfdrehung verbunden war, wurde er im Auge getroffen. Die wirklichen Verhältnisse vor Ort machen daher deutlich, dass alleine schon der Einsatz von hohem Wasserdruck bei den Wasserwerfern auf friedliche Demonstranten, von denen keine Gewalt ausging, völlig unverantwortlich und rechtlich verboten war, denn es konnte jederzeit, auch ohne Zielen auf einen Kopf irgend ein Demonstrant vom Wasserstrahl am Kopf oder anderswo mehr oder weniger stark getroffen und verletzt werden. Der Einsatz von gebündelten Wasserstrahlen mit hohem Druck auf Demonstranten hätte somit überhaupt nicht angeordnet werden dürfen! Im Fall von zivilem Ungehorsam dürfen weder die Demonstrant die Polizisten, noch die Polizisten die Demonstranten verletzen.

Hierzu zitiere ich die Aussage des Polizeiwissenschaftlers Thomas Feltes, die er schon am 2.Okt. 2010 in seinem Interview in der StZ zum Schwarzen Donnerstag gemacht hat :
“Die Polizei hat es schon als Aggression gewertet, wenn Demonstranten auf Aufforderung den Weg nicht frei gemacht haben. Diese Form von passivem Widerstand legitimiert RECHTLICH keine aktive Gewalt durch die Polizei. Das lernt jeder Polizeibeamte im ersten Ausbildungsjahr. Aggressionen beginnen dort, wo Steine oder Leuchtkörper fliegen, wo einzelne Beamte körperlich angegriffen werden. Der Wasserwerfereinsatz war in meinen Augen überzogen, weil er grundlos in die Menschenmenge hinein gerichtet war. Sich passiv verhaltende Demonstranten werden weggetragen. Dies wollte man sich wohl sparen und stattdessen ein aggressives Zeichen setzen.

Grotesk ist es gar, dass den Demonstranten und besonders den verletzten Demonstranten heute gesagt wird, sie hätten doch die Gefahr der Wasserwerfer erkennen müssen, wenn gleichzeitig Polizisten behaupteten, diese Gefahr sei ihnen bis dato selbst unbekannt gewesen. Sie hätte ihnen aber bekannt sein müssen! Wenn schon Wasserwerfer alleine zu dem Zweck eingesetzt werden, um nicht Gewalt ausübende Demonstranten zu vertreiben, dann hätte die Anweisung gelten müssen. „Keine Wasserstöße mit hohem Druck, d.h. nur Wasserregen!“ Hier haben in erster Linie die Polizeioberen versagt und auch die Politiker. Letztere haben nach meiner Beobachtung die Polizeioberen durch viele vorausgehende Äußerungen, in denen sie Härte verkündeten (Gnadenlose Verfolgung... Fehdehandschuh hinwerfen …..usw.), in dieses Unternehmen hinein getrieben.

Wie „schmal“ die Prozessführung durch die Staatsanwaltschaft im WW-Prozess schon von Anfang an gehalten wurde, ist auch daran zu erkennen, dass Straftaten wie das Verletzen mit Pfefferspray von Kindern und das Verletzen von erwachsenen Demonstranten (etwa400), die einfach sitzen oder stehen geblieben sind, jedoch keine Gewalt ausgeübt haben, von der Staatsanwaltschaft überhaupt nicht aufgegriffen wurde. Will denn die Staatsanwaltschaft die Stuttgarter Polizei ermutigen, den zivilen Ungehorsam von Demonstranten bei Blockaden in Zukunft mit Pfefferspray zu beenden?

Ich sehe natürlich auch Personen wie Herrn Minister Stickelberger und Herrn MP Kretschmann, die zu allen diesen Vorgängen einfach schweigen, obwohl sie selbst involviert sind/waren und es daher besser wissen müssten, nunmehr als Beteiligte an der Aushöhlung unserer Demokratie. Schweigen zu dieser einseitigen Rechtsprechung, heißt in diesem Fall für mich: mitmachen.

Insider, 17.12.2014 12:00
Vor Gericht und auf hoher See ist man in GOTTES HAND? !

Hans-Peter Piepho, 17.12.2014 08:28
Ich schlage vor, die Stadt Stuttgart bis auf Weiteres als "Unrechtsstadt" zu bezeichnen. Diese Bezeichnung hat sich die Justiz in dieser Stadt inzwischen redlich verdient.

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