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Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Die Finanzwelt dreht sich immer schneller. Das ist schlecht für ehrliche Investoren. Fotos: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 260
Wirtschaft

Monopoly mit Gewinngarantie

Von Ulrich Viehöver
Datum: 23.03.2016
Die Anklage gegen die früheren Porsche-Chefs Wiedeking und Härter wegen Marktmanipulation ist krachend gescheitert. Der Staatsanwalt stolperte über heimtückische Fallstricke wachsweicher Börsengesetze – und die habgierige Zockerwelt.

Die Börsenregeln für Aktiengeschäfte folgen scheinbar einer einfachen Logik: Gute Nachrichten locken Käufer an und lösen steigende Kurse aus, schlechte Botschaften vergraulen Anleger, die Kurse fallen. Wenn zum Beispiel Porsche beim VW-Konzern einsteigt und wie 2008 massenhaft Aktien kauft, dann ist das ein Fressen für die sogenannten Märkte. Sie ziehen hemmungslos mit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, genauer: den Börsenkurs. Diese Formel lernen wir bereits in der Schule. Viele Finanz- und Wirtschaftsjournalisten pauken uns den wie in Stein gemeißelten Grundsatz täglich im Fernsehen, Radio, Internet und in den Printmedien ein.

Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.
Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.

Kein Wunder, dass auch die Justiz – hier die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – an ein Gesetz der Märkte glaubt. Aus dem Lot gerät dieses Regelwerk indes nur, wenn Manager sträflich falsch informieren oder wichtige Nachrichten unterlassen. Wenn solche Spitzbuben gegen die Marktmechanismen verstoßen, müssen sie bestraft werden. Im früheren Porsche-Boss Wendelin Wiedeking und im Ex-Finanzchef Holger Härter glaubten die Stuttgarter Kläger, gefährliche Störenfriede gefasst zu haben. Beide sollen böswillig Marktmanipulation betrieben und den VW-Aktienkurs steil nach oben getrieben haben.

Börsendealer verbrannten sich an VW die Finger – und viel Geld

Dieser Vorwurf war ganz im Sinne jener milliardenschweren, international agierenden Hedge- und Investitionsfonds. Die Finanzakrobaten fühlen sich von dem Vorstandsduo bei ihren VW-Engagements betrogen, weil sie nicht rechtzeitig und umfassend über Porsches Aktivitäten bei Volkswagen informiert wurden. Am Ende verbrannten sich die Börsendealer die Finger und Milliardensummen.

Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.
Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.

Ab in den Kerker mit den Spielverderbern und die Börsenwelt ist wieder heil? Keinesfalls! Die angeblich festen Regeln folgende Geschäftemacherei ist in Wahrheit undurchsichtig, hinterhältig und verlogen. Das offenbart einmal mehr der Prozess gegen die Ex-Porsche-Manager Wiedeking und Härter. Es ist nämlich kinderleicht, die Chefs einer Aktiengesellschaft der Falschinformation zu bezichtigen. Die Kläger stellen sich einfach dumm – weil uninformiert –, und schon dreht sich die Beweislast um.

Die beschuldigten Bosse müssen nun beweisen, dass sie regelgerecht informiert haben. Sündhaft teure Anwaltskanzleien – möglichst mit Referenzadressen wie New York, London und Singapur im Briefkopf – sind darauf spezialisiert, entsprechende Klagen zu konstruieren. Je großkotziger die globalisierten Advokaten auftrumpfen, umso imposanter wirken ihre Schriftsätze bei Staatsanwälten und Richtern in der Provinz. Genug Geld für Megaprozesse besitzen die riesigen Zockerbuden allemal, zumal Prozessieren ein wichtiger Teil ihres Spekulationsmodells ist. Geht ein Zockerspiel verloren wie im Fall VW-Porsche, versuchen die Fonds ihr Glück vor Gericht – Monopoly mit Gewinngarantie. In einigen Fällen sprachen ihnen Richter tatsächlich hohe Summen an Schadensersatz zu, besonders im angloamerikanischen Raum.

Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.
Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.

Diese paradiesische Aussicht verleitet die Börsenspieler zu grenzenlos riskanten Einsätzen. So spekulierten die Fonds beim Übernahmepoker Porsche-VW nicht etwa auf steigende Kurse – was angesichts des Kaufs von VW-Aktien durch den Sportwagenbauer anzunehmen gewesen wäre –, sondern auf fallende. Sie erwarben Optionsrechte (Verkaufs- oder Put-Optionen) mit dem Hintergedanken, dass der Porsche-Deal platzen könnte. Die damals verlockend billigen Optionen mussten im Oktober 2008 zu einem bestimmten Wert eingelöst werden. Wären die VW-Aktien bis zum entsprechenden Zeitpunkt tatsächlich gefallen, hätten die Spekulanten bei ihrem Coup gewaltige Gewinne abgeräumt.

Verlierer des spekulativen Börsentreibens sind die Kleinanleger

Stattdessen trat das Gegenteil ein: Der VW-Kurs stieg steil bis über tausend Euro an einem Tag im Oktober. Damit verloren die Verkaufsoptionen ihren Kurswert, und deren Besitzer mussten dann Milliardensummen auf den Tisch legen – ganz wie beim Pokerspiel. Ihren Verlust hätten die Spieler indes nun gerne von den Exvorständen und deren Versicherungen ersetzt. Dem Strafprozess in Stuttgart wären sicher Zivilverfahren gefolgt. Mit der eigentlichen Übernahmeschlacht Porsche gegen Volkswagen hat das Spiel mit Kauf- und Verkaufsoptionen übrigens direkt nichts zu tun. Denn die Durchstecher sind nicht am Unternehmen, sondern nur an der Aktie als Spekulationsobjekt für ihr riskantes Börsen-Monopoly interessiert.

Welchen Sinn haben solche Spielereien überhaupt? Immerhin gefährden Verkaufsoptionen und Leerverkäufe (hier werden geliehene Aktien auf den Markt geworfen mit dem Ziel, den Kurs zu drücken und anschließend die Aktien billig zu erwerben) den Wert und damit die Kreditwürdigkeit von Aktiengesellschaften. Dieser tägliche Börsenpoker, betrieben von wenigen großen Spielern, ist ein Irrsinn. Er torpediert den normalen Aktienhandel zulasten der Kleinanleger und benachteiligt ehrliche Investoren tagtäglich.

Die undurchsichtigen Spielchen führen dazu, dass Aktienkurse ständig unkalkulierbar stark in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Daraus resultiert eine ungezügelte Sprunghaftigkeit (Volatilität), die nur der schnellen Spekulation und nicht einer nachhaltigen Geldanlage dient. Jeder kann sich im Internet von diesen hektischen Ausschlägen selbst ein Bild machen. Risikospieler nutzen das kurzhubige Auf und Ab dazu, in immer kürzeren Zyklen flott Geld scheffeln zu können.

Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.
Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.

Dabei waren es auch die Hedgefonds, die mit ihrer Gier den Finanzcrash 2007/8 mit verursacht hatten. Wurden diese Profitjäger jemals zur Rechenschaft gezogen? Nein. Stete Verlierer sind dagegen die Kleinanleger, die zwangsweise Gegenspieler der Zocker sein müssen. Im Gegensatz zu den hemdsärmeligen Geldmanagern bekommen sie keinen direkten Zugang zu den Börsen. Sie bleiben als Zuschauer des spekulativen Treibens auf verlorenem Posten. Und was sie als Börsenhandel auf dem "Börsenparkett" zu sehen bekommen, ist nur eine inszenierte (TV-)Kulisse. Denn der Börsenhandel läuft fast vollständig von Computer zu Computer ab. Doch wo keine Menschen mehr persönlich präsent sind, sich kennen und handeln, liegen die Motive der Käufer und Verkäufer bald im Dunkeln.

Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. Stattdessen werden sie täglich mit schwatzhaften Kommentaren im Fernsehen, Hörfunk und in Zeitungen geblendet über vermeintliche Gründe des Aufstiegs oder Falls der Börsenkurse. Alles meistens Quatsch! Da wird die Kursentwicklung wohlfeil rational begründet, obwohl die Ursachen fast immer woanders liegen: in der Gier und Mentalität der Zocker.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden

Was wirklich in der echten Wirtschafts- und Geschäftswelt passiert, ist für Spieler bestenfalls ein Anhaltspunkt für die Frage: Was denken meine Mit- und Gegenzocker über diverse Ereignisse und wie wirkt sich ihre Haltung auf ihr spekulatives Handeln aus? "Wenn du denkst, dass ich denke, was du denkst", so das Motto von Pokerface. Denn bei diesem Spiel siegt nur, wer als Spekulant vor allen anderen im richtigen Moment am schnellsten ein- und aussteigt. Beim Rennen um den höchsten Profit ist jeder des anderen Feind. Dafür wird getrickst und gelogen, werden schamlos Märchen erzählt. Daher existiert oft kein kausaler Zusammenhang zwischen einem Ereignis oder einer Mitteilung und der Kursentwicklung, wie es dem Staatsanwalt idealtypisch vorschwebt.

Ein typisches Beispiel für diese Diskrepanz ist die Spekulation auf ein Wahlergebnis hin. Siegt bei der Wahl eine konservative Partei, ist die Überraschung an der Montagsbörse groß: Anstatt zu steigen, sinken die Kurse durch die Bank. Kommentatoren deuten den Widerspruch als "Enttäuschung der Märkte". Völlig daneben. Die Gewinner unter den Spekulanten stiegen aus der Spekulationsrunde rechtzeitig aus und erzielten so ihren optimalen Profit.

Ähnlich widersprüchliche Kursverläufe sind etwa bei Bekanntgabe höherer Dividenden und Umsätze, von Fusionen oder Großaufträgen zu beobachten – alles gute Nachrichten, die indes längst in der Gerüchteküche (Insiderinformationen) schmorten und von Profiteuren verzockt wurden. Das eigentliche Ereignis lässt Großspekulanten dann kalt. Sie haben das Papier ja vorher profitabel verkauft.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden. Kleinaktionäre sollten sich ihr Engagement daher gründlich überlegen. Die Schiebereien mit ständigen Rein-raus-Nummern führen zu immer kürzeren Haltefristen der Papiere. Manche Durchstecher steigen morgens fett ein und nachmittags fix aus. Haben sie gewonnen – auf Kosten der unbeteiligten Kleinanleger –, bezeichnen Beobachter diese Zockerparty dann wohlwollend als "Gewinnmitnahmen". Leider reden auch Journalisten so zynisch. Übrigens trägt die suggestiv positive Sprache der Medien dazu bei, die Machenschaften der Zocker auf dem Rücken der Kleinen zu verschleiern.

Wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren?

Hört endlich auf, Spekulanten als "Investoren" zu adeln und anonyme "Märkte" für die Durchstecherei verantwortlich zu machen. Die privilegierte Stellung der auf schnelle Kursgewinne fixierten Börsianer gleicht eher einer Bande von Schiebern als verantwortungsbewussten Unternehmern. Wahre Investoren sind diejenigen, die langfristig ihr Kapital einer Aktiengesellschaft anvertrauen und das Wohl von Firma wie Mitarbeitern im Auge haben. Die Spekulationen aus der Gerüchteküche spielen bei nachhaltig orientierten Anlegern kaum eine Rolle. Ob und wann eine Pressemeldung der Gesellschaft genau herausgegeben wurde, tangiert ehrliche Investoren wenig.

Seine undifferenzierte Betrachtungsweise wurde dem Stuttgarter Staatsanwalt zum Verhängnis. Und er stolperte noch über eine andere wachsweiche Börsenregel: die komplexe Insiderregel. Also über die Frage, wann und unter welchen Umständen die Aktionäre über ein Ereignis informiert werden müssen. Ist das bereits der Fall, wenn Vorstände zwischen Tür und Angel oder ganz im Privaten darüber plaudern, Aktien von VW kaufen oder die Chefetage umbauen zu wollen? Liegen hier schon Insiderkenntnisse vor? Und wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren? Genau diese Punkte sind in der Praxis schwer zu beantworten, Verstöße kaum zu verfolgen.

Um die weltfremde Insidervorschrift konsequent ahnden zu können, müsste die Börsenaufsicht überall Augen und Ohren haben. Spitzel, die alles denunzieren. Das käme einer Art Börsen-Stasi gleich. Die hätte uns noch gefehlt! Ohne genaue Informationen indes sind gerichtlich verwertbare Beweise für eine vorsätzliche Marktmanipulation wie im Fall Wiedeking-Härter nicht belegbar. Abgesehen davon, dass sie hier wenig plausibel erscheinen.

Diese Einsicht veranlasste den Richter am Stuttgarter Landgericht nach monatelangen Verhandlungen zu dem Schluss: "Hinten nichts, vorne nichts und in der Mitte nichts." Die vermeintlichen Gesetze des Marktes erwiesen sich bei der Wahrheitsfindung einmal mehr als Makulatur. Um den Kurs der Millionen VW-Aktien zu manipulieren, bedarf es gottlob weit mehr als einer Presseinformation.


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Kommentare

Stuagetter, 24.03.2016 07:42
Der Hund, den man erst zum Jagen tragen musste, ist also gestolpert? Ja, so kann man das natürlich auch sagen.

Blender, 24.03.2016 06:28
Hätten die angeklagten Porsche Männer sich genau so verhalten, wie die Staatsanwaltschaft heutzutage gefordert hat, hätte der selbe Staatsanwalt garantiert die selbe Anklage erhoben, denn auch dann hätte es Menschen gegeben die Geld verloren hätten. Herr Merkle allerdings würde in Saus und Braus (und überhaupt noch) leben, und andere wären dafür ruiniert. Wer mit Aktien, Derivaten und Swaps spekuliert hat nunmal das Risiko sein Geld zu Verlieren, weil andere cleverer sind oder mehr wissen als man selbst, und deshalb Firmenanteile kaufen oder die Finger von Aktien lassen...
Jeder realisierte Aktiengewinn ist ein Verlust für einen Anderen. So-einfach-ist-das! Mein Tip: Finger weg von Aktien, die insider suchen gerade wieder nach Leuten die ihre Gewinne der letzten Jahre zahlen.

M. Hardt, 23.03.2016 16:08
Was ist denn das für eine Märchenstunde? "Ehrliche Investoren", aufrichtige "Kleinanleger", "normaler Aktienhandel" - so funktioniert das Wirtschaftssystem einfach nicht. Natürlich wünscht man sich, dass solche Ungustl wie Wiedeking und seine unangenehmen Steigbügelhalter und Komplizen aus Politik und "Arbeitnehmervertretung" auf ewig in der Hölle schmoren - aber dafür auf Hilfe aus genau dem System zu hoffen, dass eben solche Personen begünstigt und mit grosser Macht ausstattet, ist einfach weltfremd.
Die einzige Daseinsberechtigung eines "Unternehmens" ist der Profit - wie er generiert wird, ist letzten Endes völlig egal. Da sich mit "echten" Waren einfach nicht mehr genug Profit erzeugen lässt (der aber systembedingt immer schneller erzeugt werden muss), gibt es die Finanzmärkte, die mit ihren Märchen virtueller "Produktion" inzwischen ein zig-Faches des Wertes "echter" Produkte angenommen haben. Dieser Mechanismus beschleunigt sich selbst natürlich immer stärker. (Genau - man nennt es "Kapitalismus")

"Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. "
Alle sind integraler Bestandteil dieses Systems - zwischen "wahren" und "falschen" Investoren gibt es höchstens einen emotional konstruierten, aber keinen Unterschied in ihrer Ausrichtung. Und ein "Anlegervolk" - ohne diesen üblen, völkischen Jargon jetzt näher zu thematisieren - gibt es in der sozio-ökonomischen Realität überhaupt nicht. "Anleger" sind die wenigen Prozent, die noch was zum Zocken überhaben oder von ihren Kapitalerträgen leben können (in dieser Gesellschaft immer weniger immer besser); "kleine Leute" an die Finanzmärkte zu locken war (ist) ein neoliberales Märchen, um mehr Zocker ins Casino zu holen und dadurch noch stärkere Abhängigkeit und Legitimität zu produzieren. Bei dem ganzen Riester-Kram hat nur eine Gruppe profitiert - und das sind nicht die RentnerInnen.

Es liegt nicht am "wahren" oder "falschen" Spekulanten oder am "ehrlichen" oder "unehrlichen" Investor oder an der "Börsen-Stasi" oder dem ungeschickten Richter - es liegt am System. Zu hoffen, dass der Kapitalismus irgendwann stehenbleibt, wenn alle genug haben und es allen gut geht (wie es bei gerechter Verteilung wohl schon jetzt sein könnte), ist ein Märchen, das nicht wahr werden kann.

(Besonders zu verachten ist das sozialdemokratische Herbeihalluzinieren eines urspürnglicheren, eines "ehrlicheren" oder "gerechteren" Kapitalismus .)

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