KONTEXT Extra:
NSU-Prozesskosten bei etwa 50 Millionen Euro

Nach 313 Verhandlungstagen äußert sich Beate Zschäpe erstmals selbst im NSU-Prozess und gibt sich als geläutert - neue Erkenntnisse über die Morde liefert ihre Aussage allerdings nicht. Immerhin weiß die Presse nun, wie ihre Stimme klingt. Die Süddeutsche Zeitung findet: "klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag".

Wann der Marathonprozess (verhandelt wird seit Mai 2013) zu einem Ende kommen wird, scheint aktuell völlig unklar. Sicher ist hingegen: Mit jedem weiteren Verhandlungstag steigen die Kosten für das Verfahren. Und bald könnten diese über 50 Millionen Euro liegen. Im September 2013 sagte Karl Huber, damaliger Präsident des Oberlandesgerichts München, gegenüber dem Münchner Merkur, er schätze die Kosten des Verfahrens auf 150 000 Euro pro Verhandlungstag. Dies sei eine gewaltige Summe, "vor allem, wenn man bedenke, dass die Opfer oder Hinterbliebenen keinen einzigen Euro bekommen haben".

Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt gegenüber Kontext, dass sich an der Kostenschätzung "im Wesentlichen nichts geändert" habe. Somit liegen die geschätzten Kosten aktuell bei etwa knapp 47 Millionen Euro. Die Sprecherin betont allerdings, dass es bislang noch keine genaue Kalkulation gibt - diese erstelle man erst nach Abschluss des Verfahrens. Dann wird die Rechnung an den Bund gestellt. (29.9.2016)


Blitzschnell gegen die AfD

Grüne, CDU, SPD und FDP wollen mit einer blitzschnell auf den Weg gebrachten Gesetzesänderung das Ansinnen der beiden AfD-Gruppierungen unterlaufen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum  Linksextremismus in Baden-Württemberg durchzusetzen. Am kommenden Mittwoch wird der Landtag in erster und zweiter Lesung endgültig eine Änderung des Untersuchungsausschussgesetzes beschließen. Danach können weiterhin zwei Fraktionen das Minderheitenrecht zur Kontrolle von abgeschlossenem Regierungshandeln wahrnehmen, allerdings nur, wenn ihre Mitglieder nicht ein- und derselben Partei angehören. Nach der vorliegenden Tagesordnung wird die gespaltene AfD ihren Antrag unter Punkt zwei einbringen. Es folgt aber keine Abstimmung, sondern eine Überweisung an den Ständigen Ausschuss. Endgültig wird sich der Landtag am 12. Oktober mit dem Begehr befassen, mit dem unter anderem unterstellt wird, dass Linksextreme im Südwesten öffentliche Gelder bekommen. Dann ist allerdings das Gesetz geändert, und die Möglichkeit zur Antragstellung entfallen. Auch die Rechtsexperten der anderen vier Fraktionen schließen nicht aus, dass die AfD deshalb vor den Verfassungsgerichtshof zieht.


Übers Ohr gehauen

Martin Schreier war jahrelang freier Journalist und Fotograf für den Reutlinger General Anzeiger (GEA) und bekam nicht einmal den ihm zustehenden Mindestlohn. Dann hat er sich einen Anwalt genommen und sich die Kohle erstritten – Kontext hat berichtet. Am  Mittwoch, 21.9.,  um 19:30 Uhr,  berichtet der resolute Journalist zusammen mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Gerhard Manthey zum Thema „Wie Zeitungsverleger freie Journalisten übers Ohr hauen“ im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus. Sie werden ihre Erfahrungen teilen und erklären, wie sich Betroffene wehren können. Neben der skandalösen Tatsache, dass viele Zeitungsverlage Mindesthonorarvorgaben missachten, wehren sich nämlich viel zu wenig JournalistInnen gegen diese Zustände. (20.09.2016)


Das Schicksal der Jesidinnen in der Geißstraße

Die Stuttgarter Stiftung Geißstraße lädt für den morgigen Dienstag (20.9., 19 Uhr) zu einer Veranstaltung über "Das Schicksal der Jesidinnen". Zu Gast ist Michael Blume, der im Auftrag der Landesregierung weibliche und stark traumatisierte Opfer des IS medizinisch und psychologisch betreut hat. Im vergangenen Jahr waren 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Blume war als Religionswissenschaftler und Referatsleiter im Staatsministerium mit der Leitung des Projekts betraut. "Eigentlich ist Michael Blume ein Beamter. Dass er in den Irak geflogen ist, um die Frauen dort rauszuholen, ist einfach eine anrührende Geschichte", erzählt Geschäftsführer Michael Kienzle. Nach dem Vortrag gibt es außerdem noch den SWR-Beitrag "Samias Rettung - Neue Heimat" zu sehen - ein Film über eine junge Jesidin in einem Flüchtlingslager im Nordirak. (19.9.2016)


Demo wie zu besten Zeiten

Stuttgart lebt – wie einst zu den Hochzeiten von S 21. Wie der BUND meldet, waren 40 000 Demonstranten auf den Beinen, um gegen TTIP und CETA zu protestieren. 320 000 seien es insgesamt in sieben deutschen Städten gewesen. Viele Junge dabei, viele Organisatoren, die aufgerufen haben, von Attac über den BUND, Gewerkschaften, Menschenrechtler, Friedensfreunde, Wohlfahrtsverbände bis zu Kirchen. Sogar fünf SPD-Fähnchen waren zu sehen. Und: Die Demo hat endlich mal wieder Laune gemacht. Auch dank Körpa Klauz ("Widerstand muss Spaß machen"), der auf der Bühne den Einheizer gab.

Artikel zu TTIP und CETA in der aktuellen Kontext:

Bundesweite Demos

Die Fronten bröckeln

Stolperstein CETA

Mehr dazu in der kommenden Kontext-Ausgabe.


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Die Finanzwelt dreht sich immer schneller. Das ist schlecht für ehrliche Investoren. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Finanzwelt dreht sich immer schneller. Das ist schlecht für ehrliche Investoren. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 260
Wirtschaft

Monopoly mit Gewinngarantie

Von Ulrich Viehöver
Datum: 23.03.2016
Die Anklage gegen die früheren Porsche-Chefs Wiedeking und Härter wegen Marktmanipulation ist krachend gescheitert. Der Staatsanwalt stolperte über heimtückische Fallstricke wachsweicher Börsengesetze – und die habgierige Zockerwelt.

Die Börsenregeln für Aktiengeschäfte folgen scheinbar einer einfachen Logik: Gute Nachrichten locken Käufer an und lösen steigende Kurse aus, schlechte Botschaften vergraulen Anleger, die Kurse fallen. Wenn zum Beispiel Porsche beim VW-Konzern einsteigt und wie 2008 massenhaft Aktien kauft, dann ist das ein Fressen für die sogenannten Märkte. Sie ziehen hemmungslos mit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, genauer: den Börsenkurs. Diese Formel lernen wir bereits in der Schule. Viele Finanz- und Wirtschaftsjournalisten pauken uns den wie in Stein gemeißelten Grundsatz täglich im Fernsehen, Radio, Internet und in den Printmedien ein.

Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.
Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.

Kein Wunder, dass auch die Justiz – hier die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – an ein Gesetz der Märkte glaubt. Aus dem Lot gerät dieses Regelwerk indes nur, wenn Manager sträflich falsch informieren oder wichtige Nachrichten unterlassen. Wenn solche Spitzbuben gegen die Marktmechanismen verstoßen, müssen sie bestraft werden. Im früheren Porsche-Boss Wendelin Wiedeking und im Ex-Finanzchef Holger Härter glaubten die Stuttgarter Kläger, gefährliche Störenfriede gefasst zu haben. Beide sollen böswillig Marktmanipulation betrieben und den VW-Aktienkurs steil nach oben getrieben haben.

Börsendealer verbrannten sich an VW die Finger – und viel Geld

Dieser Vorwurf war ganz im Sinne jener milliardenschweren, international agierenden Hedge- und Investitionsfonds. Die Finanzakrobaten fühlen sich von dem Vorstandsduo bei ihren VW-Engagements betrogen, weil sie nicht rechtzeitig und umfassend über Porsches Aktivitäten bei Volkswagen informiert wurden. Am Ende verbrannten sich die Börsendealer die Finger und Milliardensummen.

Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.
Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.

Ab in den Kerker mit den Spielverderbern und die Börsenwelt ist wieder heil? Keinesfalls! Die angeblich festen Regeln folgende Geschäftemacherei ist in Wahrheit undurchsichtig, hinterhältig und verlogen. Das offenbart einmal mehr der Prozess gegen die Ex-Porsche-Manager Wiedeking und Härter. Es ist nämlich kinderleicht, die Chefs einer Aktiengesellschaft der Falschinformation zu bezichtigen. Die Kläger stellen sich einfach dumm – weil uninformiert –, und schon dreht sich die Beweislast um.

Die beschuldigten Bosse müssen nun beweisen, dass sie regelgerecht informiert haben. Sündhaft teure Anwaltskanzleien – möglichst mit Referenzadressen wie New York, London und Singapur im Briefkopf – sind darauf spezialisiert, entsprechende Klagen zu konstruieren. Je großkotziger die globalisierten Advokaten auftrumpfen, umso imposanter wirken ihre Schriftsätze bei Staatsanwälten und Richtern in der Provinz. Genug Geld für Megaprozesse besitzen die riesigen Zockerbuden allemal, zumal Prozessieren ein wichtiger Teil ihres Spekulationsmodells ist. Geht ein Zockerspiel verloren wie im Fall VW-Porsche, versuchen die Fonds ihr Glück vor Gericht – Monopoly mit Gewinngarantie. In einigen Fällen sprachen ihnen Richter tatsächlich hohe Summen an Schadensersatz zu, besonders im angloamerikanischen Raum.

Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.
Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.

Diese paradiesische Aussicht verleitet die Börsenspieler zu grenzenlos riskanten Einsätzen. So spekulierten die Fonds beim Übernahmepoker Porsche-VW nicht etwa auf steigende Kurse – was angesichts des Kaufs von VW-Aktien durch den Sportwagenbauer anzunehmen gewesen wäre –, sondern auf fallende. Sie erwarben Optionsrechte (Verkaufs- oder Put-Optionen) mit dem Hintergedanken, dass der Porsche-Deal platzen könnte. Die damals verlockend billigen Optionen mussten im Oktober 2008 zu einem bestimmten Wert eingelöst werden. Wären die VW-Aktien bis zum entsprechenden Zeitpunkt tatsächlich gefallen, hätten die Spekulanten bei ihrem Coup gewaltige Gewinne abgeräumt.

Verlierer des spekulativen Börsentreibens sind die Kleinanleger

Stattdessen trat das Gegenteil ein: Der VW-Kurs stieg steil bis über tausend Euro an einem Tag im Oktober. Damit verloren die Verkaufsoptionen ihren Kurswert, und deren Besitzer mussten dann Milliardensummen auf den Tisch legen – ganz wie beim Pokerspiel. Ihren Verlust hätten die Spieler indes nun gerne von den Exvorständen und deren Versicherungen ersetzt. Dem Strafprozess in Stuttgart wären sicher Zivilverfahren gefolgt. Mit der eigentlichen Übernahmeschlacht Porsche gegen Volkswagen hat das Spiel mit Kauf- und Verkaufsoptionen übrigens direkt nichts zu tun. Denn die Durchstecher sind nicht am Unternehmen, sondern nur an der Aktie als Spekulationsobjekt für ihr riskantes Börsen-Monopoly interessiert.

Welchen Sinn haben solche Spielereien überhaupt? Immerhin gefährden Verkaufsoptionen und Leerverkäufe (hier werden geliehene Aktien auf den Markt geworfen mit dem Ziel, den Kurs zu drücken und anschließend die Aktien billig zu erwerben) den Wert und damit die Kreditwürdigkeit von Aktiengesellschaften. Dieser tägliche Börsenpoker, betrieben von wenigen großen Spielern, ist ein Irrsinn. Er torpediert den normalen Aktienhandel zulasten der Kleinanleger und benachteiligt ehrliche Investoren tagtäglich.

Die undurchsichtigen Spielchen führen dazu, dass Aktienkurse ständig unkalkulierbar stark in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Daraus resultiert eine ungezügelte Sprunghaftigkeit (Volatilität), die nur der schnellen Spekulation und nicht einer nachhaltigen Geldanlage dient. Jeder kann sich im Internet von diesen hektischen Ausschlägen selbst ein Bild machen. Risikospieler nutzen das kurzhubige Auf und Ab dazu, in immer kürzeren Zyklen flott Geld scheffeln zu können.

Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.
Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.

Dabei waren es auch die Hedgefonds, die mit ihrer Gier den Finanzcrash 2007/8 mit verursacht hatten. Wurden diese Profitjäger jemals zur Rechenschaft gezogen? Nein. Stete Verlierer sind dagegen die Kleinanleger, die zwangsweise Gegenspieler der Zocker sein müssen. Im Gegensatz zu den hemdsärmeligen Geldmanagern bekommen sie keinen direkten Zugang zu den Börsen. Sie bleiben als Zuschauer des spekulativen Treibens auf verlorenem Posten. Und was sie als Börsenhandel auf dem "Börsenparkett" zu sehen bekommen, ist nur eine inszenierte (TV-)Kulisse. Denn der Börsenhandel läuft fast vollständig von Computer zu Computer ab. Doch wo keine Menschen mehr persönlich präsent sind, sich kennen und handeln, liegen die Motive der Käufer und Verkäufer bald im Dunkeln.

Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. Stattdessen werden sie täglich mit schwatzhaften Kommentaren im Fernsehen, Hörfunk und in Zeitungen geblendet über vermeintliche Gründe des Aufstiegs oder Falls der Börsenkurse. Alles meistens Quatsch! Da wird die Kursentwicklung wohlfeil rational begründet, obwohl die Ursachen fast immer woanders liegen: in der Gier und Mentalität der Zocker.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden

Was wirklich in der echten Wirtschafts- und Geschäftswelt passiert, ist für Spieler bestenfalls ein Anhaltspunkt für die Frage: Was denken meine Mit- und Gegenzocker über diverse Ereignisse und wie wirkt sich ihre Haltung auf ihr spekulatives Handeln aus? "Wenn du denkst, dass ich denke, was du denkst", so das Motto von Pokerface. Denn bei diesem Spiel siegt nur, wer als Spekulant vor allen anderen im richtigen Moment am schnellsten ein- und aussteigt. Beim Rennen um den höchsten Profit ist jeder des anderen Feind. Dafür wird getrickst und gelogen, werden schamlos Märchen erzählt. Daher existiert oft kein kausaler Zusammenhang zwischen einem Ereignis oder einer Mitteilung und der Kursentwicklung, wie es dem Staatsanwalt idealtypisch vorschwebt.

Ein typisches Beispiel für diese Diskrepanz ist die Spekulation auf ein Wahlergebnis hin. Siegt bei der Wahl eine konservative Partei, ist die Überraschung an der Montagsbörse groß: Anstatt zu steigen, sinken die Kurse durch die Bank. Kommentatoren deuten den Widerspruch als "Enttäuschung der Märkte". Völlig daneben. Die Gewinner unter den Spekulanten stiegen aus der Spekulationsrunde rechtzeitig aus und erzielten so ihren optimalen Profit.

Ähnlich widersprüchliche Kursverläufe sind etwa bei Bekanntgabe höherer Dividenden und Umsätze, von Fusionen oder Großaufträgen zu beobachten – alles gute Nachrichten, die indes längst in der Gerüchteküche (Insiderinformationen) schmorten und von Profiteuren verzockt wurden. Das eigentliche Ereignis lässt Großspekulanten dann kalt. Sie haben das Papier ja vorher profitabel verkauft.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden. Kleinaktionäre sollten sich ihr Engagement daher gründlich überlegen. Die Schiebereien mit ständigen Rein-raus-Nummern führen zu immer kürzeren Haltefristen der Papiere. Manche Durchstecher steigen morgens fett ein und nachmittags fix aus. Haben sie gewonnen – auf Kosten der unbeteiligten Kleinanleger –, bezeichnen Beobachter diese Zockerparty dann wohlwollend als "Gewinnmitnahmen". Leider reden auch Journalisten so zynisch. Übrigens trägt die suggestiv positive Sprache der Medien dazu bei, die Machenschaften der Zocker auf dem Rücken der Kleinen zu verschleiern.

Wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren?

Hört endlich auf, Spekulanten als "Investoren" zu adeln und anonyme "Märkte" für die Durchstecherei verantwortlich zu machen. Die privilegierte Stellung der auf schnelle Kursgewinne fixierten Börsianer gleicht eher einer Bande von Schiebern als verantwortungsbewussten Unternehmern. Wahre Investoren sind diejenigen, die langfristig ihr Kapital einer Aktiengesellschaft anvertrauen und das Wohl von Firma wie Mitarbeitern im Auge haben. Die Spekulationen aus der Gerüchteküche spielen bei nachhaltig orientierten Anlegern kaum eine Rolle. Ob und wann eine Pressemeldung der Gesellschaft genau herausgegeben wurde, tangiert ehrliche Investoren wenig.

Seine undifferenzierte Betrachtungsweise wurde dem Stuttgarter Staatsanwalt zum Verhängnis. Und er stolperte noch über eine andere wachsweiche Börsenregel: die komplexe Insiderregel. Also über die Frage, wann und unter welchen Umständen die Aktionäre über ein Ereignis informiert werden müssen. Ist das bereits der Fall, wenn Vorstände zwischen Tür und Angel oder ganz im Privaten darüber plaudern, Aktien von VW kaufen oder die Chefetage umbauen zu wollen? Liegen hier schon Insiderkenntnisse vor? Und wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren? Genau diese Punkte sind in der Praxis schwer zu beantworten, Verstöße kaum zu verfolgen.

Um die weltfremde Insidervorschrift konsequent ahnden zu können, müsste die Börsenaufsicht überall Augen und Ohren haben. Spitzel, die alles denunzieren. Das käme einer Art Börsen-Stasi gleich. Die hätte uns noch gefehlt! Ohne genaue Informationen indes sind gerichtlich verwertbare Beweise für eine vorsätzliche Marktmanipulation wie im Fall Wiedeking-Härter nicht belegbar. Abgesehen davon, dass sie hier wenig plausibel erscheinen.

Diese Einsicht veranlasste den Richter am Stuttgarter Landgericht nach monatelangen Verhandlungen zu dem Schluss: "Hinten nichts, vorne nichts und in der Mitte nichts." Die vermeintlichen Gesetze des Marktes erwiesen sich bei der Wahrheitsfindung einmal mehr als Makulatur. Um den Kurs der Millionen VW-Aktien zu manipulieren, bedarf es gottlob weit mehr als einer Presseinformation.


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Kommentare

Stuagetter, 24.03.2016 07:42
Der Hund, den man erst zum Jagen tragen musste, ist also gestolpert? Ja, so kann man das natürlich auch sagen.

Blender, 24.03.2016 06:28
Hätten die angeklagten Porsche Männer sich genau so verhalten, wie die Staatsanwaltschaft heutzutage gefordert hat, hätte der selbe Staatsanwalt garantiert die selbe Anklage erhoben, denn auch dann hätte es Menschen gegeben die Geld verloren hätten. Herr Merkle allerdings würde in Saus und Braus (und überhaupt noch) leben, und andere wären dafür ruiniert. Wer mit Aktien, Derivaten und Swaps spekuliert hat nunmal das Risiko sein Geld zu Verlieren, weil andere cleverer sind oder mehr wissen als man selbst, und deshalb Firmenanteile kaufen oder die Finger von Aktien lassen...
Jeder realisierte Aktiengewinn ist ein Verlust für einen Anderen. So-einfach-ist-das! Mein Tip: Finger weg von Aktien, die insider suchen gerade wieder nach Leuten die ihre Gewinne der letzten Jahre zahlen.

M. Hardt, 23.03.2016 16:08
Was ist denn das für eine Märchenstunde? "Ehrliche Investoren", aufrichtige "Kleinanleger", "normaler Aktienhandel" - so funktioniert das Wirtschaftssystem einfach nicht. Natürlich wünscht man sich, dass solche Ungustl wie Wiedeking und seine unangenehmen Steigbügelhalter und Komplizen aus Politik und "Arbeitnehmervertretung" auf ewig in der Hölle schmoren - aber dafür auf Hilfe aus genau dem System zu hoffen, dass eben solche Personen begünstigt und mit grosser Macht ausstattet, ist einfach weltfremd.
Die einzige Daseinsberechtigung eines "Unternehmens" ist der Profit - wie er generiert wird, ist letzten Endes völlig egal. Da sich mit "echten" Waren einfach nicht mehr genug Profit erzeugen lässt (der aber systembedingt immer schneller erzeugt werden muss), gibt es die Finanzmärkte, die mit ihren Märchen virtueller "Produktion" inzwischen ein zig-Faches des Wertes "echter" Produkte angenommen haben. Dieser Mechanismus beschleunigt sich selbst natürlich immer stärker. (Genau - man nennt es "Kapitalismus")

"Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. "
Alle sind integraler Bestandteil dieses Systems - zwischen "wahren" und "falschen" Investoren gibt es höchstens einen emotional konstruierten, aber keinen Unterschied in ihrer Ausrichtung. Und ein "Anlegervolk" - ohne diesen üblen, völkischen Jargon jetzt näher zu thematisieren - gibt es in der sozio-ökonomischen Realität überhaupt nicht. "Anleger" sind die wenigen Prozent, die noch was zum Zocken überhaben oder von ihren Kapitalerträgen leben können (in dieser Gesellschaft immer weniger immer besser); "kleine Leute" an die Finanzmärkte zu locken war (ist) ein neoliberales Märchen, um mehr Zocker ins Casino zu holen und dadurch noch stärkere Abhängigkeit und Legitimität zu produzieren. Bei dem ganzen Riester-Kram hat nur eine Gruppe profitiert - und das sind nicht die RentnerInnen.

Es liegt nicht am "wahren" oder "falschen" Spekulanten oder am "ehrlichen" oder "unehrlichen" Investor oder an der "Börsen-Stasi" oder dem ungeschickten Richter - es liegt am System. Zu hoffen, dass der Kapitalismus irgendwann stehenbleibt, wenn alle genug haben und es allen gut geht (wie es bei gerechter Verteilung wohl schon jetzt sein könnte), ist ein Märchen, das nicht wahr werden kann.

(Besonders zu verachten ist das sozialdemokratische Herbeihalluzinieren eines urspürnglicheren, eines "ehrlicheren" oder "gerechteren" Kapitalismus .)

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Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Zaininger, 29.09.2016 00:29
Danke für den Bericht. Da weiß man doch wenigstens, was für Armeen von Betern und Knalltüten auf Gottes Acker so unterwegs sind und sich für allerlei Unsinn erwecken lassen.

Ausgabe 287 / Gefährliche Toleranz / sahofman, 28.09.2016 20:58
Ich kann dem Kommentator E-F Harmsen nur zustimmen. Als Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings habe ich deshalb die große Sorge, dass sich die gleiche Situation anbahnt wie 1933 - die Bilder gleichen sich zu sehr!

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In der Tat, der Service ist tatsächlich ziemlich schlecht, Reparaturmeldungen werden tagelang ignoriert! Egal, ob man diese telefonisch oder per Kontaktformular meldet!

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Ausgabe 284 / Ein bisschen Schweiz gefällig? / Timo Sperber, 28.09.2016 16:21
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Sehr geehrte Damen und Herren, auch ich stehe den unredlichen Jubelchristen des "Gospel-Marktplatzes" sehr kritisch gegenüber! Schon immer habe ich meine Stimme mutig gegen das Jubelchristentum erhoben, also gegen die sogenannten...

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@Fred:Lächerlich?Bitte erleutern.Danke!

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