KONTEXT Extra:
VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


Kretschmann gewählt – CDU wieder staatstragend

Mit 82 von 142 Stimmen – bei einer Krankmeldung – ist Winfried Kretschmann zum zehnten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Seine neue grün-schwarze Koalition wäre rein rechnerisch auf 88 Stimmen gekommen. Für einen Moment war es auch mucksmäuschenstill im Plenarsaal, bevor sich die Abgeordneten zum Applaus erhoben. Wie schon am Vortag nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin verweigerten die Abgeordneten der AfD diese Ehrbezeugung. Zuvor hatte Kretschmann die CDU-Fraktion besucht, mit der sich Parteichef Thomas Strobl erst am Morgen ausgesöhnt hatte. Eine Probeabstimmung am Dienstag war schiefgegangen. Einzelne CDU-Abgeordnete blieben auch am Donnerstag bei ihrer ablehnenden Haltung. Es wurde dementsprechend gemutmaßt, dass die fehlenden sechs Stimmen aus der Union kommen. Sichtlich gerührt nahm Aras ihrem Parteifreund den Amtseid ab. Danach gab’s einen weißen Blumenstrauß für den grünen Regierungschef. (12.5.2016)


"Ein Zeichen für das Gelingen von Integration"

Mit der Stuttgarterin Muhterem Aras bekleidet zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Württembergs eine Frau das Amt der Landtagspräsidentin, und noch dazu eine mit Migrationshintergrund. „Sie haben mit Ihrer Wahl ein deutliches Zeiten für Weltoffenheit, für Toleranz und für das Gelingen von Integration gesetzt“, sagte die 50-Jährige in ihrer Antrittsrede zu den Abgeordneten. Handeln wolle sie im hohen Amt nach einem Zitat der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz aus dem Jahr 1919: „Scharfes kluges Denken, ruhiges Abwägen und warmes menschliches Fühlen gehören zusammen in einer vom ganzen Volke gewählten Körperschaft.“ Die 23 Abgeordneten der „Alternative für Deutschland“ (AfD) verweigerten der neuen Präsidentin sowohl den Beifall als auch die traditionelle Ehrerbietung durch Erheben. Die AfD scheiterte beim Versuch an der übergroßen Mehrheit der anderen vier Fraktionen, einen eigenen Vizepräsidenten durchzusetzen. Der neue CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart begründete die Ablehnung „ganz unabhängig davon, dass es keinen Anspruch der AfD gibt“ damit, ein Zeichen der Sparsamkeit setzen zu wollen. Und er hielt AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen Äußerungen vor, in denen der die Verknappung der Zahl der Vizes auf einen einzigen Posten unterstützt hatte – gerade mit dem Hinweis auf das Portemonnaie der Bürger. (11.5.2016)


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Die Finanzwelt dreht sich immer schneller. Das ist schlecht für ehrliche Investoren. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Finanzwelt dreht sich immer schneller. Das ist schlecht für ehrliche Investoren. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 260
Wirtschaft

Monopoly mit Gewinngarantie

Von Ulrich Viehöver
Datum: 23.03.2016
Die Anklage gegen die früheren Porsche-Chefs Wiedeking und Härter wegen Marktmanipulation ist krachend gescheitert. Der Staatsanwalt stolperte über heimtückische Fallstricke wachsweicher Börsengesetze – und die habgierige Zockerwelt.

Die Börsenregeln für Aktiengeschäfte folgen scheinbar einer einfachen Logik: Gute Nachrichten locken Käufer an und lösen steigende Kurse aus, schlechte Botschaften vergraulen Anleger, die Kurse fallen. Wenn zum Beispiel Porsche beim VW-Konzern einsteigt und wie 2008 massenhaft Aktien kauft, dann ist das ein Fressen für die sogenannten Märkte. Sie ziehen hemmungslos mit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, genauer: den Börsenkurs. Diese Formel lernen wir bereits in der Schule. Viele Finanz- und Wirtschaftsjournalisten pauken uns den wie in Stein gemeißelten Grundsatz täglich im Fernsehen, Radio, Internet und in den Printmedien ein.

Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.
Wendelin Wiedeking entsteigt einem Porsche Panamera. Rechtsanwalt Hanns W. Feigen musste hinten sitzen.

Kein Wunder, dass auch die Justiz – hier die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – an ein Gesetz der Märkte glaubt. Aus dem Lot gerät dieses Regelwerk indes nur, wenn Manager sträflich falsch informieren oder wichtige Nachrichten unterlassen. Wenn solche Spitzbuben gegen die Marktmechanismen verstoßen, müssen sie bestraft werden. Im früheren Porsche-Boss Wendelin Wiedeking und im Ex-Finanzchef Holger Härter glaubten die Stuttgarter Kläger, gefährliche Störenfriede gefasst zu haben. Beide sollen böswillig Marktmanipulation betrieben und den VW-Aktienkurs steil nach oben getrieben haben.

Börsendealer verbrannten sich an VW die Finger – und viel Geld

Dieser Vorwurf war ganz im Sinne jener milliardenschweren, international agierenden Hedge- und Investitionsfonds. Die Finanzakrobaten fühlen sich von dem Vorstandsduo bei ihren VW-Engagements betrogen, weil sie nicht rechtzeitig und umfassend über Porsches Aktivitäten bei Volkswagen informiert wurden. Am Ende verbrannten sich die Börsendealer die Finger und Milliardensummen.

Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.
Holger Härter mit Rechtsanwältin Anne Wehnert auf dem Weg zum Gericht.

Ab in den Kerker mit den Spielverderbern und die Börsenwelt ist wieder heil? Keinesfalls! Die angeblich festen Regeln folgende Geschäftemacherei ist in Wahrheit undurchsichtig, hinterhältig und verlogen. Das offenbart einmal mehr der Prozess gegen die Ex-Porsche-Manager Wiedeking und Härter. Es ist nämlich kinderleicht, die Chefs einer Aktiengesellschaft der Falschinformation zu bezichtigen. Die Kläger stellen sich einfach dumm – weil uninformiert –, und schon dreht sich die Beweislast um.

Die beschuldigten Bosse müssen nun beweisen, dass sie regelgerecht informiert haben. Sündhaft teure Anwaltskanzleien – möglichst mit Referenzadressen wie New York, London und Singapur im Briefkopf – sind darauf spezialisiert, entsprechende Klagen zu konstruieren. Je großkotziger die globalisierten Advokaten auftrumpfen, umso imposanter wirken ihre Schriftsätze bei Staatsanwälten und Richtern in der Provinz. Genug Geld für Megaprozesse besitzen die riesigen Zockerbuden allemal, zumal Prozessieren ein wichtiger Teil ihres Spekulationsmodells ist. Geht ein Zockerspiel verloren wie im Fall VW-Porsche, versuchen die Fonds ihr Glück vor Gericht – Monopoly mit Gewinngarantie. In einigen Fällen sprachen ihnen Richter tatsächlich hohe Summen an Schadensersatz zu, besonders im angloamerikanischen Raum.

Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.
Ort des Geschehens: das Stuttgarter Landgericht.

Diese paradiesische Aussicht verleitet die Börsenspieler zu grenzenlos riskanten Einsätzen. So spekulierten die Fonds beim Übernahmepoker Porsche-VW nicht etwa auf steigende Kurse – was angesichts des Kaufs von VW-Aktien durch den Sportwagenbauer anzunehmen gewesen wäre –, sondern auf fallende. Sie erwarben Optionsrechte (Verkaufs- oder Put-Optionen) mit dem Hintergedanken, dass der Porsche-Deal platzen könnte. Die damals verlockend billigen Optionen mussten im Oktober 2008 zu einem bestimmten Wert eingelöst werden. Wären die VW-Aktien bis zum entsprechenden Zeitpunkt tatsächlich gefallen, hätten die Spekulanten bei ihrem Coup gewaltige Gewinne abgeräumt.

Verlierer des spekulativen Börsentreibens sind die Kleinanleger

Stattdessen trat das Gegenteil ein: Der VW-Kurs stieg steil bis über tausend Euro an einem Tag im Oktober. Damit verloren die Verkaufsoptionen ihren Kurswert, und deren Besitzer mussten dann Milliardensummen auf den Tisch legen – ganz wie beim Pokerspiel. Ihren Verlust hätten die Spieler indes nun gerne von den Exvorständen und deren Versicherungen ersetzt. Dem Strafprozess in Stuttgart wären sicher Zivilverfahren gefolgt. Mit der eigentlichen Übernahmeschlacht Porsche gegen Volkswagen hat das Spiel mit Kauf- und Verkaufsoptionen übrigens direkt nichts zu tun. Denn die Durchstecher sind nicht am Unternehmen, sondern nur an der Aktie als Spekulationsobjekt für ihr riskantes Börsen-Monopoly interessiert.

Welchen Sinn haben solche Spielereien überhaupt? Immerhin gefährden Verkaufsoptionen und Leerverkäufe (hier werden geliehene Aktien auf den Markt geworfen mit dem Ziel, den Kurs zu drücken und anschließend die Aktien billig zu erwerben) den Wert und damit die Kreditwürdigkeit von Aktiengesellschaften. Dieser tägliche Börsenpoker, betrieben von wenigen großen Spielern, ist ein Irrsinn. Er torpediert den normalen Aktienhandel zulasten der Kleinanleger und benachteiligt ehrliche Investoren tagtäglich.

Die undurchsichtigen Spielchen führen dazu, dass Aktienkurse ständig unkalkulierbar stark in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Daraus resultiert eine ungezügelte Sprunghaftigkeit (Volatilität), die nur der schnellen Spekulation und nicht einer nachhaltigen Geldanlage dient. Jeder kann sich im Internet von diesen hektischen Ausschlägen selbst ein Bild machen. Risikospieler nutzen das kurzhubige Auf und Ab dazu, in immer kürzeren Zyklen flott Geld scheffeln zu können.

Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.
Das alte Rein- und Rausspiel auch an der Stuttgarter Börse.

Dabei waren es auch die Hedgefonds, die mit ihrer Gier den Finanzcrash 2007/8 mit verursacht hatten. Wurden diese Profitjäger jemals zur Rechenschaft gezogen? Nein. Stete Verlierer sind dagegen die Kleinanleger, die zwangsweise Gegenspieler der Zocker sein müssen. Im Gegensatz zu den hemdsärmeligen Geldmanagern bekommen sie keinen direkten Zugang zu den Börsen. Sie bleiben als Zuschauer des spekulativen Treibens auf verlorenem Posten. Und was sie als Börsenhandel auf dem "Börsenparkett" zu sehen bekommen, ist nur eine inszenierte (TV-)Kulisse. Denn der Börsenhandel läuft fast vollständig von Computer zu Computer ab. Doch wo keine Menschen mehr persönlich präsent sind, sich kennen und handeln, liegen die Motive der Käufer und Verkäufer bald im Dunkeln.

Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. Stattdessen werden sie täglich mit schwatzhaften Kommentaren im Fernsehen, Hörfunk und in Zeitungen geblendet über vermeintliche Gründe des Aufstiegs oder Falls der Börsenkurse. Alles meistens Quatsch! Da wird die Kursentwicklung wohlfeil rational begründet, obwohl die Ursachen fast immer woanders liegen: in der Gier und Mentalität der Zocker.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden

Was wirklich in der echten Wirtschafts- und Geschäftswelt passiert, ist für Spieler bestenfalls ein Anhaltspunkt für die Frage: Was denken meine Mit- und Gegenzocker über diverse Ereignisse und wie wirkt sich ihre Haltung auf ihr spekulatives Handeln aus? "Wenn du denkst, dass ich denke, was du denkst", so das Motto von Pokerface. Denn bei diesem Spiel siegt nur, wer als Spekulant vor allen anderen im richtigen Moment am schnellsten ein- und aussteigt. Beim Rennen um den höchsten Profit ist jeder des anderen Feind. Dafür wird getrickst und gelogen, werden schamlos Märchen erzählt. Daher existiert oft kein kausaler Zusammenhang zwischen einem Ereignis oder einer Mitteilung und der Kursentwicklung, wie es dem Staatsanwalt idealtypisch vorschwebt.

Ein typisches Beispiel für diese Diskrepanz ist die Spekulation auf ein Wahlergebnis hin. Siegt bei der Wahl eine konservative Partei, ist die Überraschung an der Montagsbörse groß: Anstatt zu steigen, sinken die Kurse durch die Bank. Kommentatoren deuten den Widerspruch als "Enttäuschung der Märkte". Völlig daneben. Die Gewinner unter den Spekulanten stiegen aus der Spekulationsrunde rechtzeitig aus und erzielten so ihren optimalen Profit.

Ähnlich widersprüchliche Kursverläufe sind etwa bei Bekanntgabe höherer Dividenden und Umsätze, von Fusionen oder Großaufträgen zu beobachten – alles gute Nachrichten, die indes längst in der Gerüchteküche (Insiderinformationen) schmorten und von Profiteuren verzockt wurden. Das eigentliche Ereignis lässt Großspekulanten dann kalt. Sie haben das Papier ja vorher profitabel verkauft.

Die Börsen verkommen zu entfesselten Zockerbuden. Kleinaktionäre sollten sich ihr Engagement daher gründlich überlegen. Die Schiebereien mit ständigen Rein-raus-Nummern führen zu immer kürzeren Haltefristen der Papiere. Manche Durchstecher steigen morgens fett ein und nachmittags fix aus. Haben sie gewonnen – auf Kosten der unbeteiligten Kleinanleger –, bezeichnen Beobachter diese Zockerparty dann wohlwollend als "Gewinnmitnahmen". Leider reden auch Journalisten so zynisch. Übrigens trägt die suggestiv positive Sprache der Medien dazu bei, die Machenschaften der Zocker auf dem Rücken der Kleinen zu verschleiern.

Wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren?

Hört endlich auf, Spekulanten als "Investoren" zu adeln und anonyme "Märkte" für die Durchstecherei verantwortlich zu machen. Die privilegierte Stellung der auf schnelle Kursgewinne fixierten Börsianer gleicht eher einer Bande von Schiebern als verantwortungsbewussten Unternehmern. Wahre Investoren sind diejenigen, die langfristig ihr Kapital einer Aktiengesellschaft anvertrauen und das Wohl von Firma wie Mitarbeitern im Auge haben. Die Spekulationen aus der Gerüchteküche spielen bei nachhaltig orientierten Anlegern kaum eine Rolle. Ob und wann eine Pressemeldung der Gesellschaft genau herausgegeben wurde, tangiert ehrliche Investoren wenig.

Seine undifferenzierte Betrachtungsweise wurde dem Stuttgarter Staatsanwalt zum Verhängnis. Und er stolperte noch über eine andere wachsweiche Börsenregel: die komplexe Insiderregel. Also über die Frage, wann und unter welchen Umständen die Aktionäre über ein Ereignis informiert werden müssen. Ist das bereits der Fall, wenn Vorstände zwischen Tür und Angel oder ganz im Privaten darüber plaudern, Aktien von VW kaufen oder die Chefetage umbauen zu wollen? Liegen hier schon Insiderkenntnisse vor? Und wer kontrolliert das Flüstern auf den Fluren? Genau diese Punkte sind in der Praxis schwer zu beantworten, Verstöße kaum zu verfolgen.

Um die weltfremde Insidervorschrift konsequent ahnden zu können, müsste die Börsenaufsicht überall Augen und Ohren haben. Spitzel, die alles denunzieren. Das käme einer Art Börsen-Stasi gleich. Die hätte uns noch gefehlt! Ohne genaue Informationen indes sind gerichtlich verwertbare Beweise für eine vorsätzliche Marktmanipulation wie im Fall Wiedeking-Härter nicht belegbar. Abgesehen davon, dass sie hier wenig plausibel erscheinen.

Diese Einsicht veranlasste den Richter am Stuttgarter Landgericht nach monatelangen Verhandlungen zu dem Schluss: "Hinten nichts, vorne nichts und in der Mitte nichts." Die vermeintlichen Gesetze des Marktes erwiesen sich bei der Wahrheitsfindung einmal mehr als Makulatur. Um den Kurs der Millionen VW-Aktien zu manipulieren, bedarf es gottlob weit mehr als einer Presseinformation.


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Kommentare

Stuagetter, 24.03.2016 07:42
Der Hund, den man erst zum Jagen tragen musste, ist also gestolpert? Ja, so kann man das natürlich auch sagen.

Blender, 24.03.2016 06:28
Hätten die angeklagten Porsche Männer sich genau so verhalten, wie die Staatsanwaltschaft heutzutage gefordert hat, hätte der selbe Staatsanwalt garantiert die selbe Anklage erhoben, denn auch dann hätte es Menschen gegeben die Geld verloren hätten. Herr Merkle allerdings würde in Saus und Braus (und überhaupt noch) leben, und andere wären dafür ruiniert. Wer mit Aktien, Derivaten und Swaps spekuliert hat nunmal das Risiko sein Geld zu Verlieren, weil andere cleverer sind oder mehr wissen als man selbst, und deshalb Firmenanteile kaufen oder die Finger von Aktien lassen...
Jeder realisierte Aktiengewinn ist ein Verlust für einen Anderen. So-einfach-ist-das! Mein Tip: Finger weg von Aktien, die insider suchen gerade wieder nach Leuten die ihre Gewinne der letzten Jahre zahlen.

M. Hardt, 23.03.2016 16:08
Was ist denn das für eine Märchenstunde? "Ehrliche Investoren", aufrichtige "Kleinanleger", "normaler Aktienhandel" - so funktioniert das Wirtschaftssystem einfach nicht. Natürlich wünscht man sich, dass solche Ungustl wie Wiedeking und seine unangenehmen Steigbügelhalter und Komplizen aus Politik und "Arbeitnehmervertretung" auf ewig in der Hölle schmoren - aber dafür auf Hilfe aus genau dem System zu hoffen, dass eben solche Personen begünstigt und mit grosser Macht ausstattet, ist einfach weltfremd.
Die einzige Daseinsberechtigung eines "Unternehmens" ist der Profit - wie er generiert wird, ist letzten Endes völlig egal. Da sich mit "echten" Waren einfach nicht mehr genug Profit erzeugen lässt (der aber systembedingt immer schneller erzeugt werden muss), gibt es die Finanzmärkte, die mit ihren Märchen virtueller "Produktion" inzwischen ein zig-Faches des Wertes "echter" Produkte angenommen haben. Dieser Mechanismus beschleunigt sich selbst natürlich immer stärker. (Genau - man nennt es "Kapitalismus")

"Die Verliererposition trifft wahre Investoren umso mehr, da weder Banken noch Medien (geschweige denn Politiker) das Anlegervolk ehrlich informieren und Hintergründe aufdecken. "
Alle sind integraler Bestandteil dieses Systems - zwischen "wahren" und "falschen" Investoren gibt es höchstens einen emotional konstruierten, aber keinen Unterschied in ihrer Ausrichtung. Und ein "Anlegervolk" - ohne diesen üblen, völkischen Jargon jetzt näher zu thematisieren - gibt es in der sozio-ökonomischen Realität überhaupt nicht. "Anleger" sind die wenigen Prozent, die noch was zum Zocken überhaben oder von ihren Kapitalerträgen leben können (in dieser Gesellschaft immer weniger immer besser); "kleine Leute" an die Finanzmärkte zu locken war (ist) ein neoliberales Märchen, um mehr Zocker ins Casino zu holen und dadurch noch stärkere Abhängigkeit und Legitimität zu produzieren. Bei dem ganzen Riester-Kram hat nur eine Gruppe profitiert - und das sind nicht die RentnerInnen.

Es liegt nicht am "wahren" oder "falschen" Spekulanten oder am "ehrlichen" oder "unehrlichen" Investor oder an der "Börsen-Stasi" oder dem ungeschickten Richter - es liegt am System. Zu hoffen, dass der Kapitalismus irgendwann stehenbleibt, wenn alle genug haben und es allen gut geht (wie es bei gerechter Verteilung wohl schon jetzt sein könnte), ist ein Märchen, das nicht wahr werden kann.

(Besonders zu verachten ist das sozialdemokratische Herbeihalluzinieren eines urspürnglicheren, eines "ehrlicheren" oder "gerechteren" Kapitalismus .)

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Ich finde es nachvollziehbar, dass so viele neoliberal mit Mitte gleichsetzen. Uns wird ja seit gut 20 Jahren nichts anderes mehr vorgebetet... Wo sollen denn also die Leute herkommen, die Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität neu...

Ausgabe 268 / Öko im Quadrat / Stefan König, 24.05.2016 13:24
Schöner Artikel, schöne Ergänzung dazu: http://www.thermo-natur.de/jute-story/

Ausgabe 268 / Öko im Quadrat / Fred Heine, 24.05.2016 11:03
Jürgen Falkenstein, 18.05.2016 10:25 Oh, wie öde. Und vorhersehbar. Kaum schreibt ein Journalist einmal etwas Positives über einen Unternehmer, schon subsumiert man ihn unter die Lohnschreiber. Was spukt in manchen frustrierten...

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