KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 258
Politik

Wo bleibt das Schmerzensgeld?

Von Jürgen Bartle und Dieter Reicherter
Datum: 09.03.2016
Ministerpräsident Kretschmann hat sich bei den Opfern der Polizeigewalt vom Schwarzen Donnerstag entschuldigt. Das war's dann aber schon, was Grün-Rot an Wiedergutmachung geleistet hat. Über Schadensersatz und Schmerzensgeld müssen die Verletzten mit den Tätern verhandeln: mit dem Polizeipräsidium Stuttgart. Und was ist nach der Wahl?

Die Geste war großzügig und die Entschuldigung ehrlich. Nur das Versprechen, wie's nun weitergehen soll, war wohl zu vollmundig. "Zügig" solle es "konstruktive Gespräche" geben, damit "rasch Entschädigung" geleistet werden könne, und schon im Januar werde das Polizeipräsidium Stuttgart auf die Betroffenen zukommen – so hatte es Winfried Kretschmann am 17. Dezember jenen Gästen angekündigt, die er in die Villa Reitzenstein eingeladen hatte.

Kretschmann bittet die Opfer des Schwarzen Donnerstags um Entschuldigung. Foto: Joachim E. Röttgers
Kretschmann bittet die Opfer des Schwarzen Donnerstags um Entschuldigung. Foto: Joachim E. Röttgers

Es war ein besonderer Tag, ein Tag der Genugtuung für viele: Mehr als fünf Jahre nach dem Schwarzen Donnerstag, bei dem es mehrere Hundert Verletzte gegeben hatte, gab es erstmalig Worte des Bedauerns. Und nicht von irgendwem, sondern von Kretschmann, dem allseits angesehenen Landesvater. Durch den Polizeieinsatz sei "das Vertrauen in den Staat und seine Diener auf schlimme Weise beschädigt worden", sagte der grüne Ministerpräsident, als er sich entschuldigte – namens des Landes Baden-Württemberg und deren Polizei. Eine große Geste, denn selbst hatte der damalige Oppositionsführer Kretschmann im Schlossgarten vergeblich zu schlichten versucht.

Geladen hatte er kurz vor Weihnachten neun Geschädigte, darunter jene sechs Kläger, die vier Wochen zuvor vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart einen späten Erfolg erstritten hatten. Ohne Wenn und Aber hatte das Gericht ihrem Anliegen stattgegeben, den Polizeieinsatz als unrechtmäßig zu erklären. Alle diese Kläger, auch Edmund Haferbeck, nahmen die Entschuldigung an. Öffentlich.

Für Minister Gall sind die Verletzten immer noch selber schuld

Seither wartet Haferbeck, dass sich "gleich im Januar" jemand bei ihm meldet. Oder wenigstens im Februar; doch nichts dergleichen. Inzwischen weiß der promovierte Agrarwissenschaftler, dem eine Polizistin grundlos Pfefferspray in die Augen gesprüht hatte, woran das liegen könnte. Bereits im Vorfeld von Kretschmanns Einladung war ein mittlerer Koalitionskrach darüber ausgebrochen, wo das Thema Entschädigungen anzusiedeln wäre. Ob beim grünen Staatsministerium, als Chefsache quasi, oder beim roten Innenminister Reinhold Gall, der für die Polizei zuständig ist, aber mit der Angelegenheit nichts zu tun haben wollte. Für den Sozialdemokraten sind die Verletzten des Schwarzen Donnerstags bis heute "selber schuld".

Gall sieht die Schuld bei den Verletzten selbst.
Gall sieht die Schuld bei den Verletzten selbst.

Bei Gall, der bis heute einen 2010 von der Mappus-Regierung erlassenen Rahmenbefehl zur (geheimdienstlichen) Ausspähung des Widerstands gegen Stuttgart 21 aufrechterhält, landete die Entschädigungssache schließlich, verblieb im Ministerium aber nur kurz und wurde zur Erledigung delegiert an – die Täter. Zuständig seither ist das Polizeipräsidium Stuttgart, also jene Behörde, deren Fehlverhalten ursächlich war für die Ansprüche derjenigen, die sie nun entschädigen soll.

Bearbeitet werden die Ansprüche dort vom Leitendenden Regierungsdirektor Gerhard Groß. Er hatte noch im Herbst im Verwaltungsgerichtsverfahren das beklagte Land Baden-Württemberg und die Meinung vertreten, die Demonstration sei keine Versammlung, sondern eine unfriedliche Menge gewesen, von der die Aggression ausging. Er beantragte im Prozess, die Klagen abzulehnen. Und verlor.

Immerhin, im Februar schrieb Groß die Anwälte von fünf der sechs Kläger an und forderte sie auf, ihre Ansprüche zu beziffern und nachzuweisen: "Wir werden Ihre Forderungen prüfen und danach wieder auf Sie zukommen." Eine Anerkennung der Ansprüche, wenigstens dem Grunde nach, oder das Angebot einer Abschlagszahlung zumindest für die Schwerverletzten sucht man in dem knappen Text vergeblich. Und den sechsten Kläger, Edmund Haferbeck, den hat Groß vermutlich einfach vergessen. Denn Haferbeck hatte das Verfahren, das sich über vier Jahre hinzog, allein und ohne anwaltliche Unterstützung durchgezogen.

Dafür machte Groß Anspruchstellern Hoffnung, die gar nicht vor dem Verwaltungsgericht geklagt hatten. So erhielt Walter Müller (Name geändert) am 15. Januar Post von Groß des Inhalts: "Das Polizeipräsidium Stuttgart stimmt derzeit mit dem Innenministerium Baden-Württemberg das weitere Vorgehen ab und wird nach Abschluss des Dialogs unaufgefordert auf die Anspruchsteller von Schadenersatzforderungen zugehen." Müller hatte, wie so viele, Pfefferspray abgekriegt und leidet bis heute unter einer posttraumatischen Störung. Gleich nach dem Urteil im November hatte er seine Forderung erhoben. Seit Mitte Januar allerdings hat Müller nichts mehr gehört.

Wer ist der Polizist, der sprüht?

So wenig wie Volker Klenk, der ebenfalls nicht zu den Klägern gehört hatte. Als bisher erster uns bekannter Geschädigter hat er seine Ansprüche bei der Stuttgarter Polizei in Euro und Cent angemeldet. Auch Klenk war von Pfefferspray getroffen worden und leidet fünfeinhalb Jahre danach noch an einer Augenreizung. Der damals 72-jährige Diplom-Volkswirt hatte einst (von 1976 bis 1980) für die FDP im Landtag gesessen und aus dem traumatischen Erlebnis im Schlossgarten sehr persönliche Konsequenzen gezogen: Fünf Tage danach steckte Klenk sein Bundesverdienstkreuz in ein Briefkuvert und schickte es zum weiteren Verbleib an den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nach Berlin.

Volker Klenk reibt sich die Augen. Foto: Jens Volle.
Volker Klenk reibt sich die Augen. Foto: Jens Volle.

Wie so viele hatte Klenk damals Anzeige erstattet. Wie so viele Anzeigen wurde auch seine von der Staatsanwaltschaft Stuttgart niedergeschlagen. Zweimal. Denn irgendwann stieß Klenk in einem Buch auf ein Foto, das just jene Szene zeigt, in der ihn der Strahl gerade eben getroffen hat. Das Foto zeigt dreierlei: im Vordergrund den Exabgeordneten, der sich das verletzte Auge reibt, im Hintergrund den Polizeibeamten, der wider alle Vorschriften sprüht – in eine Menschenmenge hinein, die ihm den Rücken zuwendet.

Das fand auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart, politische Abteilung, nicht sonderlich prickelnd. Sie ließ Klenk freilich wissen, "der handelnde Polizeibeamte" könne "aufgrund des vorliegenden Schwarz-Weiß-Fotos ... nicht identifiziert werden". Vielleicht ändert sich das, wenn jemand dazu beitragen kann, den behelmten, Pfefferspray sprühenden Beamten zu identifizieren. Das Bild ist farbig und scharf. Es wäre ja nicht das erste Foto, das in Kontext erscheint und für einen Polizisten Konsequenzen zeitigt. Man denke nur an den mittlerweile vorbestraften damaligen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf ... 

Rech zweifelte öffentlich am Urteil des Verwaltungsgerichts. Foto: Joachim E. Röttgers
Rech zweifelte öffentlich am Urteil des Verwaltungsgerichts. Foto: Joachim E. Röttgers

So weit die Lage kurz vor der Landtagswahl. Nicht zu erwarten also, dass die grün-rote Landesregierung das Thema Schadensersatz und Schmerzensgeld noch geregelt kriegt. Und was wäre von der CDU zu erwarten? In der Union hat es in fünf Jahren auf den Oppositionsbänken in Sachen Schwarzer Donnerstag keinerlei Erkenntniszuwachs gegeben. Keiner hat sich entschuldigt, der damals Verantwortung trug. Im Gegenteil, das Verwaltungsgerichtsurteil wurde vom damaligen Innenminister Heribert Rech sogar öffentlich in Zweifel gezogen, und hinter vorgehaltener Hand bezeichnen es damalige wie heutige CDU-Abgeordnete schlichtweg als Fehlurteil.

Kaum drei Wochen ist es her, dass der CDU-Obmann im zweiten Untersuchungsausschuss des Landtags, der Stuttgarter Abgeordnete Reinhard Löffler, im Plenum des Hohen Hauses Folgendes von sich gab: "Ein Mime zelebrierte ein Gelöbnis am Bahnhof. Eine fromme Pastorin feierte Feldgottesdienste. Eine Trutzburg von Parkschützern im Schlossgarten, deren Straftaten nicht verfolgt wurden, Stolperfallen für Polizeipferde, Anspucken von Polizisten und die militante Drohung bei Abriss Aufstand. Diese explosive Mischung hat den Schwarzen Donnerstag mit ermöglicht, nicht nur die Fehler beim Polizeieinsatz. Auch das gehört zur Wahrheit."

Die Wahrheit sprach Löffler ein paar Sätze später dann tatsächlich aus, als er die Arbeit des Ausschusses kritisierte: "Antworten, wie wir Geschehnisse wie am Schwarzen Donnerstag künftig vermeiden und welche Lehren wir daraus ziehen, haben wir nicht gesucht."

Eine solche Antwort wäre – siehe das Foto oben – die Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte gewesen, die 2011 im Koalitionsvertrag vereinbart und fünf Jahre lang von Reinhold Gall blockiert wurde. Insofern kann auch morgen wieder ein baden-württembergischer Polizist sprühen, was die Dose hergibt, ohne Sorge zu haben, dass er belangt wird. Was immer der kommende Sonntag bringt. 


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Kommentare

Louisiana, 20.04.2016 11:56
@Müller, 13.03.16:

Schon mal was von der Verhältnismäßigkeit der Mittel gehört?
Man kann eine Demonstration auch schützen, ohne eine Schneise von Schwerverletzten zu hinterlassen.
Abgesehen davon sollte die Versammlung am 30.09.2010 im Schlossgarten von der Polizei nicht geschützt, sondern gewaltsam zerschlagen werden.

Müller, 13.03.2016 12:10
@Lousiana
Die S21-Gegner dürfen seit Jahren jeden Montag durch die Stadt ziehen. Man hat einen Platz geschaffen für die Mahnwache. Niemand brüllt die Gegner nieder. Keiner wirft Steine auf einen Bus in dem S21-Gegner sitzen.
Es nennt sich Demokratie, wenn man Gruppierungen mit unterschiedlichen Meinungen den Platz gibt diese kundzutun.
Warum akzeptiert der Linke Flügel diese Regeln des demokratischen Zusammenlebens nicht?
Warum muss man sogar bei so banalen Themen wie einem Bahnhofsumbau, oder dem Bildungsplan die Veranstaltungen stören?
Warum respektiert man nicht das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit?
Vor allem, wenn man es selbst nicht nur nutzt, sondern die Grenzen zum zivilen Ungehorsam dehnt?

Warum tritt man zum einen die Demokratie mit Füßen. Nimmt aber auf der anderen Seite alles demokratische Recht in Anspruch?
Warum braucht man Polizei um Demonstrationen zu schützen?

Alfred, 12.03.2016 22:04
Da berichtet mir eine Verletzte - die auch beim MP geladen war und bei der sich der MP fuer den rechtwidrigen Einsatz des Landes und seiner Polizei entschuldigt hatte - vom anschliessenden Entschaedigungsprozedere :
"bis heute - 3 Monate danach - hat sich zur Regulierung niemand gemeldet".

Der Käs stinkt gewaltig.
Ob das mit der vorgesehenen Aufstockung der Polizeikraefte besser wird darf bei dieser "Erledigungspraxis" bezweifelt werden.

Günter Sare, 12.03.2016 20:28
Kretschmanns Worte sind billig und seine Versprechen wohl ähnlich viel Wert wie das der "kritischen Begleitung."
Schlimm finde ich, dass seitdem alles genau beim alten geblieben ist - abgesehen von der PR macht die Polizei alles noch genauso.

Ich muss Louisiana leider zu 100% zustimmen; ich war auf der gleichen Demo. Die staatlichen Prügelhorden (das ist leider die freundlichste passende Bezeichnung) waren äusserst gewaltbereit und aggressiv; mehrfach wurde ich bei freundlichem Ansprechen sofort mit Pfefferspray bedroht ("Hau lieber schnell ab, sonst..." mit der grossen Sprühdose in der Hand und eindeutigen Gesten). Es war überall deutlich erkennbar, dass sie mit Hingabe und Herzblut den Weg für ihre Freunde und Gesinnungsgenossen auf der Demo ohne zu Zögern freiprügeln. Eine übermächtig ausgerüstete, brutale Horde mit quasi staatlich garantierter Immunität, die ihre ideologischen Genossen verteidigt...

Ich half an der Torstrasse noch mit, einige Verletzte zu versorgen - diese Bilder gehen mit bis heute nicht aus dem Kopf: zwei junge Mädchen waren so lange mit Pfefferspray besprüht worden, bis sie quasi bewusstlos bzw. völlig handlungsunfähig auf dem Boden lagen, einem jungen Mann, der mit Krampfanfällen auf dem Boden lag, wurde die Abholung verwehrt; später durften ein paar Verletzte ihre Kleidung nicht mit in den Krankenwagen nehmen, da sie noch zu stark mit Pfefferspray getränkt war.

Was hat das mit Kretschmann und seinen Versprechen zu tun - ausser, dass er letztendlich Verantwortung für die im Namen dieses Bundeslandes verübte Brutalität hat?
Diese Menschen gingen FÜR SEINE Politik, FÜR SEINEN Bildungsplan und gegen die sinnlose Aufstachelung dagegen auf die Strasse und hielten im Wortsinne ihre Gesichter dafür hin - es ist eine perfide, herzenskalte politische Macht-Erwägung, wenn er sie dann kein einziges mal erwähnt, sondern den Bürgerlichen gibt, der die "Störer" von der Strasse räumen lässt.

Nina Picasso, 09.03.2016 21:50
Einfach nur menschenverachtend! Die Polizei/Behörden fordern von den Bürgern, dass sie Konsequenzen tragen müssen für ihr Tun - scheint nicht für die hier involvierten Beamten zu gelten.
Wäre der Fall umgekehrt-der Bürger müsste Entschädigung an die Polizei/Behörde zahlen- bin sicher, sie würden es mit aller ihnen gebotenen Härte einfordern. #FindeDenFehler

Alfred, 09.03.2016 18:46
Da gibt es einen Verletzten dem ein Kopfschuss des Wasserwerfers die Brille vom Kopf geschossen hat.
Bereits 3 x hat er die Brillenrechnung eingeschickt ohne Erfolg.
Wie lange will die PP Bürokratie und das IM noch mit der Zahlungsanweisung warten ?
Bis nach der LTW ?
Wer verantwortet diese Verschleppung ?
Fuehrt die Administration eigentlich den MP vor ?
Oder geschieht dies mit seiner stillen Duldung ?

Ulrich Scheuffele, 09.03.2016 15:15
Lieber Herr Gall,

sie und ihre Haltung in diesem Fall, ist für mich ein zusätzlicher Grund, dass ich ihrer Partei keine Stimme mehr geben kann.
Weshalb haben gerade die Sozis immer die reaktionärsten Innenminister?

Wolfgang Schneider, 09.03.2016 14:09
Werte Wasserwerfergeschädigte,
selbst, wenn eine nachfolgende Instanz auf dem Wege über eine
Nichtzulassungsbeschwerde eine Fortsetzung des Verfahrens erzwingen würde, bleibt festzuhalten :
Selbst der neue WaWe 10 setzt teilweise das Prinzip der "hydro-
dynamischen Stoßwaffe" fort. Laut Firma haben die Strahlrohre
einen Azimuthwinkel von -40°. Einen Sitzblockierer vorm Gerät
können sie mit der Sinuskomponente gegen den Boden pressen.
Zielsetzungswidrig + zielerfüllungsvereitlerisch. -
Saget das auch, bitte, Eurem Innenminister, derzeit Herrn Gall.

Grüße aus Braunschweig ! Wolfgang Schneider (0531) -37 58 47

Andrea, 09.03.2016 11:14
Erkenntniszuwachs gibt es immer. Dieser Fall zeigt wieder sehr deutlich, warum die Kennzeichnungspflicht einfach nicht kommen will.

Blender, 09.03.2016 10:21
@In der Union hat es in fünf Jahren auf den Oppositionsbänken in Sachen Schwarzer Donnerstag keinerlei Erkenntniszuwachs gegeben.

Ich glaube den Erkenntniszuwachs gab es schon.
z.B.: "Wenn doch blos den Wagner keiner fotografiert hätte, dann hätte es 2011 gereicht und alles andere wäre danach zu vertuschen gewesen!"
Und:
"Wie konnten wir denn nur solche Verwaltungsrichter einsetzen. Da haben wir doch nicht richtig aufgepasst!"

Das ist der Erkenntnisgewinn.

Keine Demut vor Gerichten. Keinen Respekt vor Demonstranten. Keine Entschuldigung vor Opfern der Polizeigewalt.

Fazit: 5Jahre Opposition ist viel zu wenig für gefährliche Körperverletzung, Verfassungsbruch, Amtsmissbrauch, und Milliarden an Geldverschwendung (S21, EN-BW-Deal)!

Volker Klenk, 09.03.2016 09:55
Ich lege großen Wert auf die Feststellung, dass ich die FDP bereits 1982 (nach der Wende) verlassen habe.9

Louisiana, 09.03.2016 07:46
Und die Polizei hat in Stuttgart nichts dazu gelernt. Neulich erst wurde in Stuttgart wieder sinnlos brutal und mit viel Pfefferspray diesmal gegen die Gegner der sogenannten Demo für alle vorgegangen.

Siehe http://demobeobachtung-suedwest.de/2016/03/bericht-zu-den-bildungsplandemos-am-28-02-2016-in-stuttgart/

Und ein Beitrag der Demobeobachter von gestern, in dem ein Videoclip mit der fraglichen Szene abrufbar ist:
http://demobeobachtung-suedwest.de/2016/03/reizgas-einsatz-der-polizei-im-fadenkreuz-die-stuttgarter-nachrichten-berichten/

Ich hoffe wirklich, dass dieser Vorfall jetzt ein Nachspiel haben wird: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.bildungsplangegner-demo-in-stuttgart-reizgas-einsatz-der-polizei-im-fadenkreuz.f2514b57-6728-4a4c-ab98-399722f3ec06.html

Und diese Leute jammern in der Öffentlichkeit allen Ernstes darüber, dass man sie nicht mehr genügend respektiert?

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