KONTEXT Extra:
Parkschützer helfen Wolfgang Dietrich beim VfB

Überraschende Hilfe für den früheren S 21-Sprecher Wolfgang Dietrich: Ermuntert durch das Kontext-Editorial ("Dietrich for President") finden sich im Bahnhofsgegner-Forum "Parkschützer" bereits Vorschläge für Sprechakte, die der 68-Jährige als VfB-Präsident vornehmen könnte. Besonders hübsch die Ansage, der Zweitligist plane den Kauf von Messi, Ronaldo und Ibrahimovic - "die Kosten dafür werden unseren Etat nicht belasten". Sehr schön auch der Plan, keinen Torwart einzusetzen, denn: "Ich bin sicher, wir bekommen eine Sondergenehmigung, unser Tor mit Brettern vernageln zu dürfen". Außerdem brauche der VfB keine elf Spieler - "unsere Mannschaft ist mit sechs Spielern 30 Prozent leistungsfähiger". Grundsätzlich habe der Abstieg in die 2. Liga keinerlei Auswirkungen auf das Ziel, 2017 Deutscher Meister zu werden: "Wir liegen da voll im Zeitplan". (28.7.2016)


Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


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Heidelberger Postkartenperspektive. Foto: Wowox

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Ausgabe 184
Politik

Die Heidelberg-Harmonie

Von Gastautor Dietrich Hildebrandt
Datum: 08.10.2014
Heidelberg galt einst als linke Stadt. Und noch bei den Gemeinderatswahlen im Mai 2014 war der konservative Bürgerblock in der Minderheit. Doch Grüne und SPD finden keinen Kandidaten für die OB-Wahl am 19. Oktober. Amtsinhaber Eckart Würzner, parteilos und konservativ, wird einen leichten Sieg davontragen. Heidelberg hat seinen Frieden mit der Politik gemacht.

Wer sich im Laufe der letzten zwölf Monate in einige Sitzungen des Heidelberger Gemeinderats verirrte, traf dort auf eine höchst harmonische, ja fast gemütliche Atmosphäre. Kein Streit um politische Themen oder Projekte trübte die Stimmung, und eine Stadträtin meinte einmal hervorheben zu müssen, dass die Vorlagen der Verwaltung zu "neunzig Prozent einstimmig" verabschiedet würden. Nur ab und zu waren von Seiten der "Bunten Linken" kritische Fragen zu hören oder gar Gegenstimmen zu vermelden – ihre beiden Stadträte gelten bei den Kollegen der anderen Parteien als "notorische Nörgler". Harmonie ist angesagt in der "Wohlfühlstadt". Und der Oberbürgermeister ist tatsächlich der Meister aller Parteien.

Das war einmal anders, als die politische Streitkultur in der Stadt noch den Geist und die Inhalte einer neu entstandenen Opposition atmete, zu der vor allem auch das grüne Spektrum gehörte. Aber diese Zeiten sind längst vorbei, und die Heidelberger Grünen geben – sozusagen vorbildlich für die gesamte Republik – heute ein exemplarisches Beispiel dafür ab, wie eine durch Wählerstimmen und politische Posten gesättigte Partei den Weg in die politische Erstarrung und Konzeptlosigkeit antritt. Die Heidelberger Sozialdemokraten, die immerhin von 1958 bis 2006 mit Robert Weber, Reinhold Zundel (später dann parteilos) und Beate Weber ununterbrochen über fast vier Jahrzehnte die Oberbürgermeister stellten, haben ihre Meinungsführerschaft in der Stadt schon lange verloren.

Ein laues politisches Lüftchen weht in der einstigen Rebellenstadt

Was also ist passiert, dass in der einstigen "Rebellenstadt am Neckar" nur noch ein laues politisches Lüftchen weht und vor allem Grüne und SPD es nicht wagen, einen OB-Kandidaten zu finden – wie in anderen vergleichbaren Städten im Südwesten der Republik? Und dies bei einer durchaus erfolgreichen Vorgeschichte bei den letzten OB-Wahlen 2006. Damals benötigte Würzner einen zweiten Wahlgang und siegte mit 54 Prozent der Stimmen. Die grüne Kandidatin Caja Thimm erreichte immerhin 45 Prozent, während der SPD-Kandidat schon im ersten Wahlgang mit knapp 13 Prozent die Segel streichen musste.

Parteilos an der Rathaus-Spitze: OB Eckart Würzner. Foto: Hentschel
Parteilos an der Rathaus-Spitze: OB Eckart Würzner. Foto: Hentschel

Ein ähnliches Wählerpotenzial – schaut man auf die Ergebnisse der Gemeinderatswahl im Mai – wäre durchaus auch heute vorhanden. Aber im Vorlauf zur OB-Wahl gab es einige Kuriositäten. So tönte beim Neujahrsempfang 2013 ein Sprecher der Grünen noch kraftmeierisch, man werde für die OB-Wahl "einen bedeutenden Kandidaten oder Kandidatin" nominieren. Aber schon zehn Monate später war das Makulatur. Urplötzlich präsentierte die grüne Partei den parteilosen Gemeinderat Derek Cofie-Nunoo (von der Wählerliste generation.hd, die mit den Grünen eine Fraktionsgemeinschaft bildete) unter großem Jubel als "richtige Zugperson", als "Kandidaten, der über die grüne Kernklientel hinausgeht". Cofie-Nunoo, im Gemeinderat manchmal durchaus noch einer der wacheren und kritischeren Geister, bedankte sich artig und legte ein erstes, nichtssagendes Programm vor. Kaum jemand in der Stadt ging davon aus, dass er nur den Hauch einer Chance haben könnte. Cofie-Nunoo galt eher als Verlegenheitskandidat. Und die "Rhein-Neckar-Zeitung" spottete: "Wenig Basis, viel Hoffnung."

Die SPD, wohl gewarnt durch die deutliche Abfuhr im Jahr 2006, hielt sich bedeckt. Es soll, so hört man, zwar vor der Kür Cofie-Nunoos zu informellen Gesprächen zwischen Grünen und SPD gekommen sein, aber eine gemeinsame Strategie für die OB-Wahl war danach nicht in Sicht. Während die Grünen in höchsten Tönen von ihrem Kandidaten schwelgten, ihn als "guten Oberbürgermeister" priesen, erbaten sich die Sozialdemokraten immer wieder "Bedenkzeit" für eine endgültige Entscheidung. Als nun im Sommer dieses Jahres Derek Cofie-Nunoo aus gesundheitlichen Gründen von seiner Kandidatur Abstand nahm, verzichteten die Grünen auf einen Kandidaten, ebenso die SPD – obwohl beide Parteien zusammen bei den Gemeinderatswahlen 37 Prozent erreichten, zusammen mit GAL, generation.hd und Bunter Linke gar mehr als 50 Prozent.

Die Grünen haben sich zu einer Karrierepartei entwickelt

Dass die Heidelberger Sozialdemokratie nicht mehr zu größeren Aktionen wie einer OB-Wahl fähig ist, liegt erst einmal am Mangel an qualifiziertem Personal, aber auch am mangelnden Wählerzuspruch (17 Prozent bei den Gemeinderatswahlen). Auch eher prominente Parteigenossen wollen sich in Heidelberg keine Niederlage einhandeln. Bei den Grünen mit 20 Prozent Wählerstimmen liegen die Gründe für ihre lokalpolitische Ausrichtung auf anderem Terrain. Die Heidelberger Grünen werden derzeit beherrscht von einer Seilschaft um Theresia Bauer (Ministerin in Stuttgart), Franziska Brantner (Bundestag) und – immer noch aus dem Hintergrund – Reinhard Bütikofer, ehemals Grünen-Parteichef und jetzt im Europaparlament. Sie alle haben ihre politische Karriere in Heidelberg begonnen oder gekrönt. Innerparteiliche Gegner wurden in bewährter Manier ausgegrenzt oder einfach ausgeschlossen – wie etwa die Deklaration der Unvereinbarkeit von GAL- und Grünenmitgliedschaft.

Graue Grünen-Eminenz: Reinhard Bütikofer. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung
Graue Grünen-Eminenz: Reinhard Bütikofer. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

So hat sich in Heidelberg die grüne Basisbewegung über die Jahrzehnte zu einer grünen Karrierepartei entwickelt. Eine Partei für junge und auch ältere Politkarrieristen, die sich zu Höherem berufen fühlen. Mit all der Arroganz gegenüber jenen Basisinitiativen, denen diese Partei einst selbst entsprungen ist. Lokalpolitik steht da nicht so sehr auf der Agenda – und wenn ja mit gebotener Distanz. Deshalb musste man auch zu einem außerparteilichen Verlegenheitskandidaten greifen, um im Falle einer Niederlage nicht die eigene Politkarriere zu gefährden. Die eigene Wählerklientel sieht diese Situation nicht kritisch, viele Grünen-Wähler sind wie ihre Partei: Sie wollen ihre Ruhe und Ordnung, ein bisschen Ökologie, etwas Verkehrsberuhigung, ein paar Fahrradwege, und ansonsten wollen sie zu den gesellschaftlichen Gewinnern gehören. Grünes (Spieß-)Bürgertum.

Der zweite Grund für die "Heidelberg-Harmonie" – neben der Schwäche und Konzeptionslosigkeit von Grünen und SPD –, zumindest was die Oberbürgermeisterwahl betrifft, liegt im jetzigen Amtsinhaber selbst. Eckart Würzner ist sozusagen die personelle Inkarnation einer "Größeren Koalition", die über die Merkel'sche noch weit hinausgeht. Keine GroKo, sondern eine GröKo – mit CDU, SPD, Grünen, FDP, Freien Wählern. Würzner hat es geschafft, nach den ersten Jahren im Amt seine Stellung zu stärken und den großen Mediator zu geben. Vorbei die Zeiten, als er etwa zusammen mit CDU und Grünen die Stadthalle zu einem Kongresszentrum ausbauen wollte und nur durch eine Bürgerabstimmung gestoppt wurde. Vorbei jene peinliche Episode, als er, der Provinz-Bürgermeister, 2009 nach Washington flog, in der tatsächlichen Hoffnung, die US-Generalität zu überzeugen, von ihren Abzugsplänen aus Heidelberg zu lassen. Und dies, obwohl spätestens seit September 2001 eine Änderung der amerikanischen Militärdoktrin klar war.

Der Oberbürgermeister ist ein Spezialist für Simulation von Bürgerwillen

Heute ist Würzner sehr viel selbstsicherer und tritt auch sehr viel diplomatischer und geschmeidiger auf. Was nicht heißt, dass er nicht energisch agieren kann. So hat er beispielsweise dem offensichtlich "indisponierten" CDU-Baubürgermeister Bernd Stadel in einer öffentlichen Aktion die Verantwortung für die Konversion militärischer Flächen in Heidelberg – ein Jahrhundertprojekt – aus der Hand genommen. "Das ist jetzt Chefsache", verlautete er in der Lokalpresse. Sozusagen die Höchststrafe. Nur eine Vertreterin der Grünen lobte in völliger Ahnungslosigkeit den schon Abgesetzten als "beste Besetzung" für die anstehenden Aufgaben. Und Würzner präsentierte wenig später einen neu ernannten "Konversionsbürgermeister" – der allerdings auch nicht gerade ein Spezialist oder Vorzeigedenker für Stadtplanung und Urbanisierung ist, dafür aber auch zugleich der Kämmerer der Stadt.

Schippen bis der Wähler kommt: OB Würzner am Freiwilligentag zugange im Zoo. Foto: Rothe
Schippen bis der Wähler kommt: OB Würzner am Freiwilligentag zugange im Zoo. Foto: Rothe

Die Mehrheit im Gemeinderat schaute zu, staunte und hatte nichts an alldem auszusetzen. Auch hat Würzner die Bürgerbeteiligung für alle Großprojekte der Stadt einrichten lassen, von ihm beispielhaft für die ganze Republik angepriesen, von Kritikern als "Heidelberger Gesprächstherapie" oder pure "Simulation von Bürgerwillen" kommentiert. Und Würzner lässt es sich auch nicht nehmen, ausufernde Debatten im Gemeinderat um einen Formulierungsvorschlag in einem Antrag der Bunten Linken einmal so zu beenden: "Ich schreibe jetzt die Formulierung des Antrags in das Papier, und wenn Sie was dagegen haben, melden Sie sich bei mir."

So ist die Situation vor der Heidelberger OB-Wahl, kurz gesagt, als relativ entpolitisiert zu beschreiben. Eckart Würzner hat offenbar alles im Griff, der Gemeinderat ist äußerst "kooperativ", es bleibt der Eindruck, dass die Gemeinderäte und Parteien, ja ein nicht geringer Teil der Bevölkerung ganz zufrieden mit ihrem Oberbürgermeister sind. Die einzige Angst, die Würzner jetzt noch haben muss bei einer solch "harmonischen" Atmosphäre, ist am 19. Oktober eine geringe Wahlbeteiligung. Dann könnte deutlich werden, dass mit einer kompetenten Alternative doch mehr drin gewesen wäre als der Alleingang des alten Amtsinhabers.

 

Dietrich Hildebrandt war für die Grün-Alternativen im Heidelberger Gemeinderat (1989–1994), danach Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag (1996–2001).


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Kommentare

Die GrünInnen wollen eine Partei der Mitte sein?, 13.10.2014 20:42
Und alles, was Geschrieben wurde, ist keinen Fakten geschuldet?

In der Mitte sind doch in der BRD zwischenzeitlich alle, nach dem Motto: Was der Wirtschaft gut tut, ist gut für DE. Tut bloss der Wirtschaft nicht weh. Oh weh. Ich will wählbar sein - von Vielen, ja von Allen.

Oder: Wann werden die GrünInnen mit den Partnern im Angebot verschmelzen, gerne auch als Koalition? Natürlich nicht rot-rot-grün, das wissen wir.

Danyal Bayaz, 13.10.2014 17:30
Dietrich Hildbrandt analysiert in seinem Beitrag "Heidelberger Harmonie", wie es dazu kommen konnte, dass Eckhardt Würzner am 19. Oktober konkurrenzlos zum Oberbürgermeister in Heidelberg wieder gewählt wird. Kern seiner These: Die Grünen in Heidelberg sind so Mainstream geworden, dass sie mit dem konservativen Amtsinhaber zufrieden sind. Bevor diese These inhaltlich zurüchgeweisen wird, sollte eine grundsätzliche Frage geklärt werden: Schreibt der Autor, Dietrich Hildebrandt, hier als objektiver Beobachter der Kommunalpolitik? Oder handelt es sich um eine persönliche Abrechnung mit den Heidelberger Grünen und einigen Protagonisten? Hält man sich vor Augen, dass Herr Hildebrandt 2001 von den Heidelberger Grünen nicht mehr als Landtagsabgeordneter aufgesetllt wurde, und stattdessen die heutige Wissenschaftsministerin zum Zuge kam, so spricht dies
doch eine eindeutige Sprache. Auch bei der Trennung von GAL und den Heidelberger Grünen war Herr Hildebrandt persönlich involviert, so dass klar wird: Die anstehende OB-Wahl soll dazu genutzt werden, um dem ehemaligen Ort des Wirkens - der Grünen Heidelberg also - eine persönlich motivierte Abrechnung mit auf den Weg zu geben. Dies wird den Lesern des Artikels jedoch an keiner Stelle transparent gemacht - Glaubwürdigkeit sieht anders aus!

Auch der Inhalt des Artikels lässt sich von der Hand weisen: Während die GAL nach Trennung von den Grünen fast marginalisiert wurden (4% bei der Kommunalwahl), haben Grüne es geschafft, gleichauf mit der CDU (beide ca. 20%)
sich als alternative Kraft der Mitte zu etablieren. Dabei hat sich die Mitte der Gesellschaft auf Grüne Themen zubeweget, zudem haben die Grünen in Heidelberg in Nachwuchsarbeit und neue Themen investiert. Aus dieser Situation heraus ist es
natürlich Anspruch, einen aussichtsreichen OB-Kandidaten ins Rennen zu schicken. Mit Derek Cofie-Nunoo war ein sympathischer, kluger und aussichtreicher Kandidat
gefunden, der ein Alternativangebot zum Amtsinhaber repräsentierte. Dass dieser gesundheitsbedingt kurzfristig ausgefallen ist, ist nun kein systematisches Versagen wie Hildebrandt suggeriert, sondern ist schlicht nur eines: Pech! Die Heidelberger Stadtgesellschaft, die sich eine alternative Politik zum eher verwaltenden Politikstil von Dr. Würzner gewünscht hätte und sich berechtigterweise mit Erwartungen an die Adresse der Grünen wendet, kann jedoch
mit drei Dingen fest rechnen. Erstens: Mit einer starken, professionellen und pluralen Gemeinderatsfraktion werden die Grünen in Heidelberg Ideen und Konzepte in die Kommunalpolitik einbringen und den aktuellen und künftigen Amtsinhaber weiterhin in Richtung grüne Themen treiben. Zweitens: Die grün geführte Landesregierung wird sich in Stuttgart dafür einsetzen, dass die Kommunen, also
auch Heidelberg, grüner werden. In der jüngeren Vergangenheit sind für Heidelberg wichtige Aspekte wie menschenwürdiger Umgang mit Flüchtlingen, der
Mobilitätsplan oder die Hochschulfinanzierung durch grüne Regierungsbeteiligung Wirklichkeit geworden. Und drittens: Die Grünen werden auch weiterhin DIE aktive und progressive politische Kraft in Heidelberg sein, so dass bei der OB-Wahl 2022 - da bin ich mir sicher - ein aussichtsreicher Kandidat ein Politikangebot formulieren wird, was eine ernsthafte Alternative für Heidelberg darstellen wird. Warten wir's ab!

Dr. Danyal Bayaz - Mitglied im Grünen Landesvorstand Baden-Württemberg und im Kreisverband Heidelberg

Gerd Guntermann, 08.10.2014 23:02
Derek Coffie-Nunoo dem "links/alternativen Spektrum zuzuordnen" (Helmken) ist eine Lachplatte. Ich kann mich noch gut an seine Meinung zum Stadthallen-Anbau und zur Bürgerbeteiligung erinnern: "Wir Stadträte haben doch viel bessere Informationen!" Nicht nur damals fuhren die meisten kommunalen Grünen im Fahrwasser des rechten Spektrums, sondern schon davor - siehe ihre Vertreter im "Innenstadt-Forum" 2008, als sie ein Einkaufszentrum Theaterplatz/-straße befürworteten. Würzner kann sich bei solchen Grünen nur ins Fäustchen lachen. Immerhin: Ein bißchen grüne Selbstkritik wagt Helmken zu äußern. Derek wirkte allerdings nicht nur wie "ein Verlegenheitskandidat der Grünen" (Helmken), er WAR ein Verlegenheitskandidat, der krampfhaft hochgepuscht wurde.
Ob Würzner "in 8 Jahren viel dazugelernt hat" oder ein geschickter Opportunist ist, bleibt offen. Es läßt sich auch beides unter einen Hut bringen.

Dr. Dierk Helmken, 08.10.2014 13:00
Der Schilderung der Heidelberger Zustände ist nichts hinzuzu fügen. Vor allem die grüne Parteiführung hat es verschlafen, sich rechtzeitig um einen aussichtsreichen Kandidaten zu bemühen.
Derek Coffie-Nunoo hat zwar gute und engagierte Kommunalpolitik betrieben, war jedoch zu sehr dem links/alternativen Spektrum zuzuordnen, um auch ausreichende Attraktivität für die bürgerliche Mitte zu entfalten. Er wirkte letztlich wie ein Verlegenheitskandidat der Grünen, die nichts Besseres gefunden hatten - falls sie überhaupt außerhalb Heidelbergs gesucht hatten. Der krankheitsbedingte Ausfall von Cofie-Nunoo hat den Grünen dann die erwartbare Klatsche am Wahltag erspart.
Würzner ist allerdings kein Unglück für Heidelberg. Er hat in 8 Jahren viel dazu gelernt. Er ist der "Merkel" Heidelbergs geworden. Die Bedeutung des Bürgerwillens hat er (wie auch auch die Grünen) schmerzhaft lernen müssen, als die Stadthallenerweiterunspläne per Bürgerentscheid ausgestoppt wurden. Die Einbindung der Bürger in Entscheidungen aller Art und auf allen Ebenen hat er inzwischen zum Programm gemacht. Dies ist eine gute und basis-demokratische Entwicklung. Wenn er davon in Zukunft wieder abweichen will, wird er auf den Widerstand der Mehrheit des Gemeinderats und der Bürgerinititiativen in der Stadt stoßen.
Aus die Anamnese von Dietrich Hildebrandt muss deshalb nicht notwendig eine negative Prognose folgen.
Ich empfehle also, in Ruhe die künftigen Entwicklungen abzuwarten, jedoch das Pulver trocken zu halten.

Dr. Dierk Helmken
(Mitglied des grünen Kreisverbandes Heidelberg)

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