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AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Ausgabe 177
Gesellschaft

Der Sponti-Kurator von Heidelberg

Von Mario Damolin
Datum: 20.08.2014
Urplötzlich häufen sich in Heidelberg im Sommer 2014 Veranstaltungen zur Jugend- und Studentenbewegung in den 60er- und 70er-Jahren. Offensichtlich will eine älter gewordene Generation noch einmal ihre "wilde" Jugendzeit nachfühlen. Zentraler Protagonist: der Verleger und Rechtsanwalt Manfred Metzner.

"Mein Gott, was für eine Selbstbeweihräucherung", stöhnt der aus dem dampfig-heißen Saal des Heidelberger Karlstorbahnhofs herausdrängelnde ehemalige 68er und jetzige Professor A., "was für ein Krampf." Anlass dieser Klage ist die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung "Eine Stadt bricht auf. Heidelbergs wilde 70er" (bis zum 21. September). Auf dem Podium haben sich gerade in einem netten Smalltalk der Direktor des Kurpfälzischen Museums, Frieder Hepp, und Manfred Metzner, Kurator dieser Ausstellung, gegenseitig die Worte in den Mund gelegt.

Ausstellungsplakat zu den "wilden 70ern" in Heidelberg. Plakat: Kurpfälzisches Museum
Ausstellungsplakat zu den "wilden 70ern" in Heidelberg. Plakat: Kurpfälzisches Museum

Ein freundlicher Herrenabend, garniert mit Musik und Sketchen. Draußen vor dem Karlstorbahnhof lungert ziemlich unschlüssig ein immer noch – obwohl 73 Jahre alt – drahtiger Mani Neumeier herum. Aus dem Rucksack des Guru-Guru-Chefs ragen ein paar Trommelstöcke, und dann fragt die Kultfigur des psychodelischen Rock mit großen Augen: "Wo ist denn hier das Wilde, ich höre die nur reden. Das ist ja richtige Provinz."

Manfred Metzner, der Inspirator dieser Veranstaltung, hat immer wieder betont, er habe sich bewusst für Heidelberg als Lebens- und Arbeitsort entschieden, für die Provinz. Sein gar nicht so unbescheidenes Motto: "Ich bleibe so lange in der Stadt, bis man es ihr anmerkt." Ein Satz wie in Stein gemeißelt. In der Tat gibt es einige Dinge in Heidelberg, die auch heute noch Metzners Handschrift tragen: der Verlag Das Wunderhorn, die Heidelberger Literaturtage, die Initiative für ein Literaturhaus, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ist Metzner unter anderem Herausgeber des Werkes von Philippe und Ré Soupault, Träger des französischen Verdienstordens "Officier de l'Ordre National du Mérite", ehemaliger Vorsitzender und Preisträger der Kurt-Wolff-Stiftung, führendes Mitglied im Arbeitskreis Heidelberger Literaturtage, Sprecher der Festivalregion Rhein-Neckar, Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg und, und, und ... "Männe" Metzner, der Kulturfunktionär mit großem Radius.

"Männe" Metzner begegnet dem Besucher, wo er nur hinschaut

Aber gerade die "Träger großer Radien" zeichnen sich manchmal dadurch aus, dass sie in einer Art permanenter Selbstreferenz kreisen. Bei Metzner tritt dieser Drang in der Ausstellung zu den "wilden 70ern" überdeutlich zutage. Der Kurator, sozusagen als exemplarisches kulturpolitisches Gesamtwerk, begegnet dem Besucher, wo er nur hinschaut: Metzner als Verleger, Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer, Metzner als Stadtrat, Metzner als OB-Kandidat, Metzner als Fotograf, Metzner als Postkartenproduzent, Metzner als Inhaber der "Sammlung Metzner", Metzner als Moderator, Metzner und der Internationalismus, Metzner als Führer durch die Ausstellung, Metzner in der Ausstellungszeitung.

Manfred Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer. Foto: Kurpfälzisches Museum/privat
Manfred Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer. Foto: Kurpfälzisches Museum/privat

Und dazu die Metzner'sche Geschichtsschreibung. Die geht ungefähr so: Die linke politische Bewegung sei spätestens 1978 am Ende gewesen, und dann stellte sich die Frage, wie man die Kultur zur kreativen Erneuerung der Gesellschaft einsetzen könne – sozusagen eine Umwidmung von Politik in kulturelle Aktivität. Die Spontis, zu deren Chefrepräsentanten sich Metzner im Laufe der letzten Zeit – in stiller Konkurrenz zu seinem Autor Michael Buselmeier - berufen fühlt, sollen jetzt, knappe vierzig Jahre danach, als die wahren "Träger der Kreativität" in den "wilden" 70er-Jahren beschrieben und dingfest gemacht werden. Schließlich sei über dieses Kapitel der Studentenbewegung, so Metzner, noch überhaupt nicht wissenschaftlich und historisch gearbeitet worden. Was übrigens nicht stimmt, denn gerade vor Kurzem ist Sven Reichardts umfangreiche Studie "Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren" bei Suhrkamp erschienen, und schon 1978 beschäftigte sich unter anderem das Buch "Autonomie oder Getto? Kontroversen über die Alternativbewegung" mit den Lebensvisionen und Verwerfungen in der Spontiszene.

Das medial lancierte Festival zur Erinnerung an die Spontis in Heidelberg geht natürlich einher mit den üblichen kleinen Geschichtsklitterungen und Legenden. Beispiel: "Carlo Sponti". Diese Studentenzeitung der 70er-Jahre, war nicht etwa, wie man nach den vielen Auftritten von Metzner meinen könnte, seine Kreation. Es war ein Uniblättchen, gemacht von einer permanent wechselnden Gruppe von Anarchisten, Spontaneisten, undogmatischen Linken an der Universität – anfangs ohne Metzner. Namensgeber war ein heute noch in Heidelberg lebender Rechtsanwalt.

Diese oft zielgerichtet provokante, selbst geklebte "Illustrierte" war, und das muss betont werden, im Geiste ihrer Zeit ein Gruppenprodukt. Nur der presserechtlich Verantwortliche erschien – und das erst in den späteren Ausgaben – mit Namen und erfüllte somit die Bedingungen für den Vertrieb eines Printprodukts. Einen Herausgeber Metzner, wie in manchen Veröffentlichungen unwidersprochen behauptet wird, gab es nicht. Auch bei den Gründungsdiskussionen und ersten Aktivitäten des Verlags Das Wunderhorn waren weit mehr Personen beteiligt, als das in der Öffentlichkeit kommuniziert wird. Das schmälert nicht das interessante und von vielen Fachleuten so belobigte Verlagsprogramm, aber auch hier waren Gruppenprozesse leitend und die solventen und im Hintergrund bleibenden Sponsoren, die dieses Programm auf Dauer erst möglich machten.

Küßchen gibt's auch von der Chefin der Lokalzeitung

Der Übergang vom "Sponti-Wir" über das "Nach-Sponti-Ich" zum Sponti-Kurator ist Metzner im Laufe der letzten Jahrzehnte gut gelungen. Dieser Prozess entspricht auf anderer Ebene in etwa dem stufenweisen Umzug aus der selbst definierten, "kreativen" Spontiszene in die moderne "Kreativwirtschaft", dieses ominöse neue Feld der Ökonomie, aus dem natürlich prompt Referenten für Kreativwirtschaft gewonnen werden – die neuen Verwalter und Administratoren, die die Verteilung der gesellschaftlichen und privaten Gelder kontrollieren. Eine neue Bürokratie der Kreativen, mit starkem Selbstbehauptungsdrang. So zu beobachten etwa bei den diversen "Denkfesten" in der Region, auch als "Kreativschmiede" angepriesen, bei denen Metzner als Vertreter einer die Gesellschaft inspirierenden "kreativen Klasse" (ein Begriff des US-Ökonomen Richard Florida) ebenso vertreten ist.

Gründungsfoto des Verlags Wunderhorn.
Gründungsfoto des Verlags Wunderhorn. Foto: Kurpfälzisches Museum/Michael Berger

Und diese "kreative Klasse" wird natürlich auch vom bürgerlichen Mainstream hofiert. So ist etwa der frühere Zeitungssponti Metzner in der Lokalpresse immer wieder und gut vertreten, wird von der Lokalchefin der "Rhein-Neckar-Zeitung" mit Küsschen begrüßt. Und moderiert mit ihr zusammen eine auf Harmonie und historische Versöhnung ausgelegte Podiumsdiskussion über die "wilden 70er" und die Ausstellung dazu. Doch die Ausstellung demonstriert in aller Deutlichkeit, was eigentlich, im Rückblick, die Sponti-Kreativität gewesen sein soll: Frauengruppen, Männergruppen, Schwulengruppen, Filmfestivals, Verlage, Zeitungen, Straßentheater und so weiter. Kultur eben und nur sehr vermittelt Politik. So gerät das Thema Stadtsanierung in dieser Ausstellung schon fast zum stadtpolitischen Feigenblatt. Denn mit der Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Heidelberger Altstadt beschäftigten die Spontis sich nur am Rande. Man dümpelte da eher in der Wohngemeinschafts- und Selbstfindungskultur.

Die "wilden 70er" sind eine Sponti-Puppenstube mit Lederjacke

So sorgt der Haupttenor dieser Ausstellung über die Heidelberger "wilden 70er-Jahre" für einigen Widerspruch: Entgegen dem präsentierten Sponti-Puppenstuben-Bild (inklusive Manfred Metzners 70er-Lederjacke über der Stuhllehne) werden – nicht nur in der FAZ – die wirklich "wilden" Elemente der 70er-Jahre angemahnt, weil sie fehlen: die RAF und das Sozialistische Patientenkollektiv (nur in der Ausstellungszeitung erwähnt); die wild gewordene Heidelberger Justiz mit ihren in Deutschland einzigartigen Massenverfahren und -verurteilungen; die Relegationen vieler Studenten von der Universität; die Hetzkampagnen der "Rhein-Neckar-Zeitung" und vieles mehr. Man kann zu Recht einwenden, dass in solch einer Bilderschau nicht alles gezeigt werden kann, aber man muss schon darauf hinweisen, dass etwas weniger Sponti-Kurator mehr und besser gewesen wäre – allein der historischen Richtigkeit wegen. Dass beispielsweise der von den Spontis zu Recht bekämpfte und teilweise übermächtige KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands) mit Helga Rosenbaum in den 70er-Jahren die erste "linke" Stadträtin stellte, wird einfach unterschlagen, stattdessen darf Metzner sich als "kreativer" Stadtpolitiker exponieren.

Innenansicht des Heidelberger Collegium Academium.
Innenansicht des Heidelberger Collegium Academium. Foto: Kurpfälzisches Museum/Communale Archiv

So entpuppt sich diese Ausstellung am Ende, ob gewollt oder nicht, als eine Art Manfred-Metzner-Gedächtnisveranstaltung. Erstaunlich viele Stimmen bedauerten, dass Museumsdirektor und Kurator nicht auf das in Heidelberg umfangreich vorhandene Bild- und Tonmaterial zurückgegriffen haben und dass diese gute Idee, die Chance eines historischen Rückblicks – als kollektive Erinnerung – nicht ergriffen wurde. Man wollte wohl unter sich sein, und da ist die Selbstbeweihräucherung nicht weit. Karl Markus Michel 1978 in seinem Essay "Provinz aus dem Kopf. Neue Nachrichten über die Metropolen-Spontis" über die von ihm sogenannten Hellroten: "Die Hellroten beziehen sich nur projektiv, nur symbolisch auf Äußeres, in Wahrheit auf sich selbst (...) Sie sind wirklich betroffen nur von dem, was sie selbst betrifft (...) Das erklärt ihren Lokozentrismus, der in der Provinz u. a. als Kirchturmpolitik in Erscheinung tritt."

"Ich bleibe so lange in der Stadt, bis man es ihr anmerkt", betont Manfred Metzner immer wieder. Hoffnung oder Drohung? Jedenfalls ein klassisches Provinz-Mantra – und zugleich der sehnsuchtsvolle Ruf nach Unvergänglichkeit. Man stelle sich nur vor: In Stuttgart, München, Frankfurt, Köln, Berlin oder Hamburg würde jemand aus der Kulturszene versuchen, mit diesem Spruch öffentlich zu reüssieren. Schallendes Gelächter oder zumindest sarkastische oder gar hämische Kommentare wären ihm gewiss. Aber so ist sie halt, die Provinz, sie braucht eben den Provinzler, selbst wenn der Name "Metropolregion" (hier: Kurpfalz) als Verpackung doch ganz Anderes suggerieren will. Das ist Kreativwirtschaft.

 

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Kommentare

Dierk Helmken, 09.09.2014 12:16
War gerade am 7.9.14 mit meiner Frau in der Ausstellung.
Kann die Kritik von Damolin nur bestätigen.
Als pensionierter Richter, der damals Referendar und junger Richter und Staatsanwalt war, ist mir das fast gänzliche Fehlen der Darstellung des unheilvollen Wirkens von auch und gerade der Justiz aufgefallen.
Metzners Vortrag musste ich an einer Stelle unterbrechen, als er sich zu der Aussage verstieg, dass in den 70ern Gewalt gegen Frauen nicht strafbar gewesen sei.
Wer umfassend über die Studentenunruhen in Heidelberg informiert werden will, sollte sich die Dissertation von Katja Nagel
"Die Provinz in Bewegung" (2009) kaufen.
In der Ausstellung gab es natürlich keinen Hinweis auf dieses Buch.

Christian Jansen, Uni Trier, 03.09.2014 19:54
Vielen Dank, liebe Annette! Du sprichst mir aus der Seele! Als Historiker, der gelegentlich über diese Zeit arbeitet und zugleich damals in Heidelberg "dabei" war, wurde ich im Vorfeld angesprochen. Es war die Rede von einer begleitenden Vortragsreihe, und ich hätte (wie viele andere auch, von denen ich weiß) mich gerne an der Vorbereitung mit Materialien und Ideen beteiligt. Aber dann wärs natürlich kein Egotripp geworden, man hätte diskutieren und das eigene Bild reflektieren, eine gemeinsame Perspektive aushandeln müssen. Das hätte Zeit und Mühe gekostet, die offenbar nur begrenzt in diese Ausstellung investiert wurden.
Schade! Wenn noch einmal eine fundiertere Aufarbeitung versucht wird, bin ich gerne dabei!

Annette Schiffmann, 29.08.2014 09:32
Sehr interessanter Artikel, der viele meiner eigenen Eindrücke spiegelt. Ich war in der Ausstellung und tief enttäuscht und ärgerlich. Ratlos auch.

Wo sind WIR ALLE aus jener Zeit geblieben?
Wieso hat NIEMAND einen Aufruf unter all den vielen Leuten gestartet, ihr Bildmaterial zu suchen und zur Verfügung zu stellen?

Es war das WESENSMERKMAL der Bewegung in den 70ern, dass sie VIELFÄLTIG und höchst (und zum Teil absurd) KONTROVERS war.
Die Unistreiks, die Fachschulstreiks der Erzieherinnen (ich war dabei), die Schlägereien zwischen unterschiedlichen Politfraktions-Obermackern auf Uni-Vollversammlungen, die unfassbar und unverhältnismäßig langen Haftstrafen für viele KHG-Mitglieder, die besetzten Studentenwohnheime, die Free Klinik, das SPK, die Indianerkommune, die entstehenden Buchladen- und Druckereikollektive (meins auch) - -
das Kinderhaus mit seinen öffentlichen Protest-Kindergartenstunden auf dem Marktplatz und den Demos für bezahlte Erzieherinnen, die RAF samt Sympatisanten und ihrem großen Umfeld, die neue Schwulen- und Lesbenszene, der Drogen-Stress in der Unteren Straße, die Pop-Kultur - -
die Kapitalschulungen, die Verfolgung aller K-Gruppen, die Spekulantenskandale um den Abriss von Alter Post und Darmstädter Hof, die Fahrpreiserhöhungen und die von der Polizei inszenierten Straßenschlachten mit Pfefferspray in jedem Wasserwerfer - -
die Kooperation mit linken Gis aus den Ami-Kasernen, der Einfluss von Vietnam-Veteranen in der Soldatenzeitung Stars & Stripes - -
und 1000 andere vollkommen neue Erscheinungen, die aufregend, anregend, ätzend, aufreibend und spannend waren - -
die unermüdlichen Debatten zwischen ALLEN um eine neue Art der POLITIK im Leben - WO ist das alles geblieben?
Wieso hat uns alle NIEMAND dazu gebeten?
Wie schade.

Es hätte eine Ausstellung über die wirklichen wilden 70er werden können.
Was für eine verschenkte Gelegenheit, Menne.

massac, 24.08.2014 19:30
Damolin räumt auf! Recht hat er!

rockiol, 23.08.2014 14:40
Wie recht er doch hatte, der Mani Neumeier. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

JoVo, 23.08.2014 10:53
Nach dem Besuch dieser Ausstellung kann ich als ehemaliger Heidelberger nur sagen, dass der Versuch, hiermit Geschichte zu schreiben, an der Einseitigkeit und Eitelkeit der Macher gescheitert ist. Etwa Metzner als OB-Kandidat, das war doch eine Lachnummer. Wenn das Ausdruck der "wilden 70er" war, dann war jedes "teach-in" an der Uni ein wahrhaft extatisches Rauscherlebnis. Völlig absurd.

tillupp, 22.08.2014 09:53
@Ralf Kiefer
Danke für den Kommentar.

Ralf Kiefer, 20.08.2014 22:01
Wie peinlich ist denn schon die Anbiederung im ersten Abschnitt der Ankündigung des Kurpfälzischen Museums?

"[...] da Computer nun dank neu gegründeter Firmen wie Apple und Microsoft massentauglich werden. "

Als damaliger Heidelberger weiß ich zu gut, daß in den 1970er Jahren Apple und schon gar Microsoft (in Form des Basics in den ROMs der Apple ][) vielleicht einer Handvoll Heidelbergern bekannt waren. Das hat mit diesem Jahrzehnt überhaupt nichts zu tun. Apple wurde 1976 gegründet und hatte bis in den frühen 1980er Jahren keine Bedeutung in Deutschland. Überhaupt spielten technische Entwicklungen wie die der PCs in Heidelberg damals keine Rolle, da es an der damaligen Uni größtenteils Diskussionswissenschaften gab, denn die Ingenieure waren in Karlsruhe.

Vielmehr vermisse ich im "offiziellen" Text, wie teils hier schon angemerkt, die RAF, die vielen US-Amerikaner in Uniform, die z.B. 1981 in Form einer Flugabwehrrakete Bekanntschaft miteinander machten, den Grund für manche Demo um 1970 herum (die Fahrpreiserhöhung der HSB), die Umgestaltung der heidelberger Altstadt zur touristengerechten Puppenstube, die Untere Straße und ihre damalige, wirtschaftliche Bedeutung mit Spezialisierung auf internationale Handelswaren[1], usw. Die paar Fotos der Web-Seite sollen wohl ein typisches Stück Heidelberg dieser Zeit zeigen. Daß das Whisky dazugehört, ist klar, aber eine revolutionäre Bedeutung kann ich dem nicht beimessen. Vielleicht hatte es für Herrn Metzner eine Bedeutung? Da gab es wirklich bedeutendere Kneipen, Clubs und Cafés in der Altstadt.

Weswegen die Rhein-Neckar-Zeitung hier und jetzt so prominent auftritt, ist genauso unverständlich. Die glänzten gerade zu dieser Zeit nicht besonders mit neutraler, objektiver oder umfassender Berichterstattung. Vermutlich heute auch nicht. Wer sich seinerzeit informieren wollte, drehte sein UKW-Radio nach unterhalb vom Pilotton (87,5MHz?) und konnte dort in Echtzeit die vielen Neckar-$irgendeine_Nummer miteinander die aktuellen Informationen austauschen hören. Genausowenig objektiv, aber vollständig :-)

Welchen Name ich allerdings an prominenter Stelle vermisse, ist Klaus Staeck. Dessen Werke und Aktionen hatten im vorgestellten Zeitraum tatsächlich eine große Bedeutung, auch überregional. Nebenbei: ich habe heute noch einen damals bei ihm persönlich gekauften "Stoppt Strauß, solange es noch geht"-Aufkleber. Ehrensache :-)


[1] Man könnte behaupten, daß Heidelberg, zumindestens in der Unteren Straße, Vorreiter für den viel später einsetzenden Fluch der Globalisierung war ;-)

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