KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Demonstration vor malerischer Kulisse: 400 Journalisten in der Tübinger Mühlstraße. Foto: Joachim E. Röttgers

Demonstration vor malerischer Kulisse: 400 Journalisten in der Tübinger Mühlstraße. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 152
Medien

Streiken im Keller

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 26.02.2014
Das Ansehen der Journalisten ist im Keller. Im Job-Ranking liegen sie auf Platz 29, kurz vor den Politikern. Das kommt nicht von ungefähr: Ihre Kundschaft glaubt ihnen nur noch eingeschränkt. Wenn überhaupt. Dann wird streiken schwer. Vor allem, wenn das Motto „Gutes Geld für gute Arbeit“ heißt. Ein notwendiger Weckruf.

Der Koch im Tübinger Casino passt sich der Lage an. Es ist landesweiter Streiktag der Journalisten, und es gibt dünne Gemüsesuppe mit drei Wursträdle. Im Saal sagt ein Gewerkschaftsvertreter, man preise ein Minus bei den Tarifverhandlungen ein, worauf ein Murren unter den Zuhörern entsteht. Sind sie dafür, 400 an der Zahl, vorher über die Neckarbrücke gezogen und haben Transparente hochgehalten, auf denen steht, dass sie gutes Geld für gute Arbeit wollen? "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Löhne klaut", ist auch zu hören, was die Verlegerin des "Schwäbischen Tagblatts", Elisabeth Frate, gewiss nicht erfreut hat. Am Rande der Kundgebung hat sie eifrig mitgeschrieben. Im Casino, wo später vom Einpreisen die Rede war, ist sie nicht mehr zugegen.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Also sagt ein Betriebsrat aus dem Stuttgarter Pressehaus, jetzt müsse eine Urabstimmung mit einem längeren Streik her. Aber nur, wenn fünf weitere namhafte Blätter aus Baden-Württemberg mitmachten. Darauf melden sich ein Vertreter der "Heilbronner Stimme" und des "Schwäbischen Tagblatts". Sie seien dabei. Der Kollege des "Mannheimer Morgen" dagegen winkt ab. Beim letzten Streik 2011 seien Volontäre, Freie und Pauschalisten abgestraft worden. Mit ihnen sei nicht zu rechnen. Und ein Abgesandter der "Badischen Zeitung" berichtet, dass ihr Verleger freiwillig bereit sei, zwei Prozent mehr zu bezahlen. Solidarität sei deshalb nur im Geiste zu üben.

Das klingt, in Anbetracht der Verhältnisse, nicht sehr kampfeslustig. Noch nie haben die Verleger und ihre Manager derart dreist die Daumenschrauben angezogen. Bis zu 20 Prozent wollen sie die Einkommen ihres journalistischen Personals kürzen, ran ans Urlaubs- und Weihnachtsgeld, an die Altersversorgung und hin zu einer Entlohnung, gestaffelt nach regionaler Kaufkraft. Und dafür wollen sie immer mehr: Content für die gedruckte Zeitung, fürs Internet, für Facebook & Co., Fotos und Videos. Alles am besten gleichzeitig, von immer weniger Personal, was einleuchtet, weil den meisten von ihnen ohnehin egal ist, was drin- und draufsteht. Hauptsache billig. Dagegen müsste eigentlich Sturm gelaufen werden. Aber es geschieht nicht. Was geschieht, sind fruchtlose Verhandlungen zwischen Verlegern und Gewerkschaften, schon sieben seit August vergangenen Jahres.

Gegen die Verleger müsste man Sturm laufen – aber nichts geschieht

Das ist merkwürdig, wo der Feind doch klar auszumachen ist: Reich gewordene Profiteure von Zeitungslizenzen, die ihnen die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg geschenkt haben. Kleine und große Könige in deutschen Provinzen, die sie mit ihren Blättern mit regiert und für die Akkumulation ihrer Gewinne genutzt haben. Das ist heute nicht mehr so einfach, wegen der wegbrechenden Anzeigen und Auflagen und wegen des Internets. Aber es ist auch nicht so, dass für diese Berufsgruppe gesammelt werden müsste. Sie verdienen immer noch genug. Um ihre Profite zu sichern, sparen sie an allem: am Personal und am Produkt. Die Zeitungen werden dünner, inhaltlich wie umfänglich, Redaktionen werden geschlossen, ausgelagert oder zusammengelegt, Tarife mehr und mehr umgangen. Der Billiglöhner ist das Ziel.

Und die Journalisten? Stecken den Kopf in den Sand. Die meisten jedenfalls. Es ist ja nicht so, dass sie nicht registrierten, was um sie herum so vor sich geht. Dazu ist der Arbeitsdruck in den einst warmen Redaktionsstuben zu hoch, sind die Demütigungen durch die Geschäftsleiter zu häufig, die Eingriffe durch kogeschäftsführende Chefredakteure, Anzeigenkunden und PR-Industrien zu massiv. Aber was hindert sie daran, sich dagegen zu wehren? Das Eigenheim, Frau und Kinder, 34 Tage Urlaub, die Rente?

Die Angst vor der Courage. Es war ja nett, die ganzen Jahre mitzusingen im Chor der Konsensdemokraten, die sich darauf geeinigt hatten, der Presse die Aufgabe der "vierten Gewalt" zu übertragen. Das schuf das Gefühl, wichtig zu sein, an der guten Sache der Demokratie zu arbeiten und dafür auch noch Geld zu bekommen. Nun war das mit der "vierten Gewalt" schon immer eine zweifelhafte Geschichte, weil sie von Anfang an darauf angelegt war, die Presse zur Absicherung der Macht zu instrumentalisieren – im jeweils für wünschenswert gehaltenen Rahmen. Nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Darin waren sich Staat und Verleger einig, weshalb sie auch in ihren Festreden stets betonten, dass daran auf keinen Fall gerüttelt werden dürfe.

Keine Frage, es gab und gibt Journalisten, die immer wieder die Probe aufs Exempel machen. Sie finden sich noch in den Zeitungshäusern, als Einzelkämpfer in aller Regel. Aber das ist anstrengend. Das stört, bringt Probleme und Klagen ins Haus, ist der Karriere hinderlich und beeinträchtigt das Wohlbefinden. Angenehmer ist es, die Deutungshoheit der Machteliten zu teilen beziehungsweise gleich deren PR-Texte zu übernehmen. Das sichert den Arbeitsplatz oder bringt einen neuen – bei der Deutschen Bahn, in einem Ministerium, bei den Stadtwerken, überall dort, wo professionelle Medienarbeit vonnöten scheint. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Drehtür-Effekt.

Es gibt immer noch Journalisten, die widerborstig sind

Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann reden die Verleger und ihre Hilfstruppen inzwischen seltener von der Demokratie und ihrem gesellschaftlichen Auftrag. Sie klagen lieber über schlechte Geschäfte, den Tod der gedruckten Zeitung (den sie selbst betreiben) und Journalisten, die ihre Rolle als eierlegende Wollmilchsau noch nicht verinnerlicht haben (was nicht gänzlich falsch ist). Richtig ist, dass ihr Geschäftsmodell kracht. Die Kohle kommt nicht mehr schubkarrenweise ins Haus, weil Leser und Anzeigenkunden andere Plätze gefunden haben, weil sie sich nicht mehr über die Tageszeitung verständigen, sondern übers Netz. Darauf haben die Verleger keine Antwort. Woher auch, wenn sie es gewohnt waren, Kommunikation von oben zu betreiben?

Am Ende des Tages. Foto: Joachim E. Röttgers
Am Ende des Tages. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Gesellschaft ist heute eine andere. Wer will sich noch vorschreiben lassen, was er wo zu lesen hat? Wer will Zeit investieren in die Lektüre von Artikeln, die stimmen können oder auch nicht? Und wer traut den Verfassern? Offenbar immer weniger. Einer jüngsten Umfrage zufolge rangieren Journalisten an 29. Stelle unter 32 Berufsgruppen, wenn bewertet wird, welche Jobs in Deutschland das höchste Vertrauen genießen. Ein schlechteres Ansehen genießen nur noch Werbeleute, Versicherungsvertreter und Politiker. Ganz oben stehen Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenschwestern.

Die Frage, wem zu trauen ist, bleibt die zentrale. Sie zielt auf die Integrität der Journalisten, ihr Berufsverständnis, ihre Einstellung, ihre Haltung, und damit ihre Glaubwürdigkeit. Es ist nicht schwer, mit dem Finger auf die Verleger und ihre Manager zu zeigen, und sich selbst zu exkulpieren, als Opfer von deren Willkür. Schwieriger ist es, den Beweis anzutreten, dass dieser Beruf notwendig ist, dass sie einer Gesellschaft dienen, die einen Marktplatz der Öffentlichkeit braucht. Mit einer Vielzahl von Meinungen, mit dem Versprechen, sich um die Aufklärung der täglichen Sauereien zu kümmern, mit der Lust am Streit.

Kante zeigen, auch den eigenen Herren gegenüber

Resignation ist da ein schlechter Ratgeber, Frust kein Muntermacher, die Hoffnung, irgendwie noch durchzukommen, keine Perspektive. Besser ist, sich einzumischen, Position zu beziehen, Kante zu zeigen, auch gegenüber den Herren im Haus, Spielräume, die es noch gibt, zu nutzen. Sprich das zu tun, was diese Gesellschaft erwarten kann: kritischen Journalismus.

Wenn das gelingt, dann ist auch besser streiken. Dann kann man den Leuten sagen, dass gute Arbeit gutes Geld kostet. Dann verstehen sie, warum Journalisten auch für ihre Interessen kämpfen. Dann leuchtet ihnen ein, warum es so fatal ist, wenn die Verleger ein journalistisches Prekariat heranzüchten, das nur noch überlebt, wenn es Aufträge von Daimler hat. (Dass Chefredakteure, Ressortleiter und altgediente Festangestellte immer noch ordentlich verdienen, sei an dieser Stelle auch nicht verschwiegen.)

Und dann ist auch Schluss mit der Demut, und dann erübrigt sich auch die Frage, wer keinen Arsch in der Hose hat: die Journalisten oder die Gewerkschaften. So lange beide darauf keine Antwort haben, spielen die Verleger weiter Zirkusdirektor und ziehen sie am Nasenring durch die Manege.


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Kommentare

caesar von+struwe, 13.03.2014 14:14
wenn ich meinen Kindern ein Karnikel kaufe, dann muss das gefüttert und gepflegt werden und entmistet. So ist das auch mit der Pressefreiheit und der Lizenz diese zu pflegen.
Allein mit dem Kauf einer Zeitung ist nichts getan. Stellen Sie sich vor, dass ebenso dienstags wie montags eine Demonstration vor Herrn Rebmanns oder Frau Kobans Toren stattfände, die ein Redaktionsstatut, ein Tariftreuegesetz, einen Leser-Beirat und eine Umwandlung der Zeitung in den kommenden zehn Jahren in eine öffentliche Stiftung fordert und gleichzeitig die Damen und Herren Politiker dazu einlädt, vor den Toren dieses Procedere für eine demokratische Presse und Neulizenzierung zu unterstützen. Vielleicht wird dann das Pressehaus rückgebaut und unter die Erde verlegt. Aber ein Versuch, die Journalisten, die jetzt für Qualität und etwas mehr Geld und , wäre es wert Und nicht nur mäklen.Und was die Qualität der Produkte angeht: Wenn in sechs Jahren in einem Konzern der Medien die Beschäftigtenzahl von 2400 auf 1600 reduziert wird, da kann keine Premium-Zeitung herauskommen, nur etwa 90 Millionen Euro Gewinn pro Jahr.
Darum: Pflegen und entmisten.

Zeitungsleser, 28.02.2014 22:54
Warum immer weniger Menschen eine Tageszeitung lesen, weil:

- ein Abonnement sich schlicht nicht jeder leisten kann im Hartz IV Billiglohnland Deutschland - auf das SPD und Grüne so stolz sind...
- die allgemeine Verblödung durch die TV Sender zur Erhöhung der Legastheniker-Zahl führt
- die Kompanei des Großteils der Medien mit dem Gedankengut des Neoliberalismus zur Unglaubwürdigkeit der Medien führt
- die Bürger ein Gespür dafür haben, dass die meisten Medien bloßes Schmiermittel der heutigen Fassadendemokratie sind, die schamlos die Umverteilung von unten nach oben betreibt.

Respekt vor jedem Journalisten, der sich in einem solchen Umfeld nicht korrumpieren lässt.

Viele Bürger dürsten nach der Arbeit unabhängiger Journalisten und haben das PR-Gelalle der sog. Qualitätsmedien so was von satt.

Jogi, 28.02.2014 12:00
@gast
Sie haben viel geschrieben gast und ich bin noch am überlegen welche Aussagen dahinter stecken.

Ich als journalistischer Laie denke, dass Journalisten - denen Sie Schuld zuweisen - für den "Zustand" ihrer Arbeitgeber genau so wenig Schuld haben wie z.B. Lokführer der Deutschen Bahn AG für deren heutige global und auf Gewinn ausgerichtete Untenehmensstrategie oder Krankenhausärzte für die private gewinnorientierte Ausrichtung von Krankenhäusern.
Ich sehe viele Journalisten eher als Opfer solcher von "oben" (den Eigentümern) gewollter und übergestülpter Umstände.

Sie schreiben weiter: "..sind Todesanzeigen die meist gelesene Rubrik, das restliche Blatt besteht aus nichtssagender Hofberichterstattung.." oder "Das Feuilleton ist zumeist eine unkritische Werbeplattform, wie auch all die anderen Ressorts außerhalb von Politik und Sport."!
Dem ersten Zitat/Satz kann ich Problemlos folgen. Beim Zweiten Zitat/Satz bekomme ich große Bauchschmerzen.
Für mich klingt es so lieber gast, als ob Sie zum Ausdruck bringen möchten, dass Politik und Sport in den heutigen Tageszeitungen die am besten recherchierten und kritischsten Beiträge darstellen.
Da es sich hinsichtlich der "Politik" hierbei nur um ein Versehen handeln kann, möchte ich Sie hiermit auf Ihren kleinen Vopa aufmerksam machen.
Den "Sport" würde ich so springen lassen.

gast, 27.02.2014 14:43
Die Krise können sich sowohl Verleger wie auch Journalisten selbst zuschreiben. Jahrzehntelang haben sie sich auf ihr Geschäftsmodell verlassen, das ihnen satte Gewinne bescherte und bei dem sie ohne Konkurrenzdruck die Anzeigenkunden und Leser bevormundet haben. Jetzt brechen die Auflagen weg und gleichzeitig soll der Auftritt im "Neuland" finanziert werden. Bloss, für beides will niemand bezahlen, weil die Inhalte es eben nicht wert sind. Bei den meisten Lokalzeitungen sind Todesanzeigen die meistgelesene Rubrik, das restliche Blatt besteht aus nichtssagender Hofberichterstattung für Kommunen, Gewerbetreibende und Vereine. Nicht unüblich ist auch, dass Textbeiträge mitsamt Bildern vorgefertigt angeliefert werden und der Redakteur sie nur noch ins Layout einpasst. Kein Wunder, wenn das überzeugendste Argument der Leser-Blatt-Bindung inzwischen die Prämie der Abonnentenwerbung ist. Bei überregionalen Blättern bzw. Internet-Auftritten besteht das Angebot überwiegend aus wörtlich übernommenen Agenturmeldungen und einer Unmenge von Kolumnen, die möglichst kontrovers gehalten werden, damit sie ordentlich Klicks generieren. Das Feuilleton ist zumeist eine unkritische Werbeplattform, wie auch all die anderen Ressorts ausserhalb von Politik und Sport. Artikel zu komplexeren Themenstellungen zeugen oft genug von mangelnder Recherche und müssen sich dann von den Leserkommentaren korrigieren oder ergänzen lassen. Dass mancher Journalist nicht mal mehr die Rechtschreibprüfung bemüht bevor er seine Texte online stellt, sagt viel über die Arbeitsethik und die Wertschätzung des Lesers aus. Die vierte Gewalt hat sich zu lange auf der eigenen Bequemlichkeit ausgeruht, die sie mal innehatte, jetzt wird sie umso schmerzlicher von der Wirklichkeit eingeholt. Inzwischen kann sie der Kundschaft nämlich immer weniger Argumente liefern, warum und wofür sie eigentlich bezahlt werden soll. Nebenbei sei bemerkt, dass alleine schon die Bereitstellung der Technik für elektronische Medien den Konsumenten Geld kostet, das er dann eben nicht mehr für ein Produkt zur Verfügung hat, dessen grösster Nutzen vielfach darin besteht, den Vogelkäfig auszulegen bzw. die Küchenabfälle darin einzuschlagen. Die Verleger sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die fetten Jahre endgültig vorüber sind. Die Journalisten hingegen müssen sich die Frage gefallen lassen, wer von ihnen eigentlich noch die Berufsbezeichnung verdient?

Klaus Walter, 27.02.2014 13:10
Armer Journalismus. Sich erst mit dem Politzirkus solidarisieren, und dann den Pöbel um Unterstützung anflehen.
Ich bin ein mündiger Bürger, dem die Machenschaften der Politgilde jeglichen Glauben an die Institutionen genommen hat. Ob Europa, Finanzkrise, ESM, und, und, und. Wenn man sich informieren will, muss man sich in der ausländischen Presse informieren. Anstatt die politischen Verfehlungen unserer kriminellen Politvereinigungen anzuprangern, werden diese mit allerlei schönen Umschreibungen kaschiert. Der Kommentar spricht einiges an, aber die Wahrheit folgt in diesem Zitat.
„Das Absurdeste - noch nie haben Journalisten in einem freien Land, sich freiwillig so heftig selbst geknebelt, und ihr Recht/Pflicht auf freie Meinungsäußerung verschenkt/verletzt. Das erinnert an DDR-Berichterstattung, nur dass es dort Staatsvorgabe war.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Ulrich Scheuffele, 27.02.2014 11:18
sehr guter Artikel.
Allerdings wir können auf die Journalisten nicht verzichten. Wir brauchen dringender den je einen kritischen und unabhängigen Journalismus.
Wir müssen den Journalisten den Rücken stärken, dies gilt auch bei den Streikenden, auch die benötigen unsere Solidarität.
Es darf keine Maulkörbe in den Redaktionen geben.
Bis jetzt hat immer noch der Artikel5 des GG Gültigkeit.
Dies gilt für Print und TV.
Kontext, danke dass es euch gibt.

Jogi, 26.02.2014 14:19
irgendwas bzw. irgendwer (vielleicht der kleine fleisige Journalist) ist bei dem "wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass" Abkommen wohl zu kurz gekommen.
Politiker mögen zwar in den Umfragewerten zu den Berufsgruppen ähnlich schlecht abschneiden, aber finanzielle Sorgen muss niemand fürchten der seine Gehaltserhöhungen selbst festlegt (Bundespolitiker jetzt über 9.000 €/Monat)!
Allgemeine Frage am Rande: Zahlen (auf Zeit gewählte) Politiker eigentlich Sozialleistungen (Renten-, Arbeitslosenversicherungsbeiträge) von ihrem spärlichen Gehalt?

Liane, 26.02.2014 11:51
Was würde wohl passieren wenn heute wieder die Räume einer Redaktion durchsucht würden (siehe Spiegel-Affäre 1962)
würde es dann auch zu einem beispiellosen Solidarisieren der kompletten Redaktionen egal von welchem Blatt kommen?
Ich behaupte nein!

Journalisten haben den Rückhalt in der Bevölkerung verloren und in den eigenen Reihen!
Selber schuld, die vielfältige Unterstützung der Bevölkerung wurde -römisch dekadent- als selbstverständlich angesehen!

"Diese Polizeimaßnahmen führten in Teilen der Bevölkerung, insbesondere von Studenten, sowie bei der übrigen Presse, die sie als Angriff auf die Pressefreiheit kritisierte, zu Protesten. Da die Besetzung der Redaktionsräume des Spiegel wochenlang anhielt, ermöglichte neben den ebenfalls im Pressehaus untergebrachten Zeit, Stern und Morgenpost auch die Springer-Presse den Spiegel-Redakteuren die Nutzung von Räumen und Ressourcen, so dass das Magazin weiterhin erscheinen konnte."

Liane, 26.02.2014 11:45
Hier mal wieder ein "gelungener Artikel" der sogenannten 4. Gewalt:
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neubaustrecke-wedlingen-ulm-wird-die-trasse-schneller-fertig.67eec13e-dbd4-4f50-8ddb-d9d06b32c239.html
komplette Wiedergabe einer Pressemitteilung, Überschrift verzerrt Realität, und im Inhalt keine "Gegendarstellung"!

Der Klaus, 26.02.2014 11:16
Zeitungslizenzen: da fällt mir das Wort Einteignung wieder mal ein...... Wer sich nur von Besitz ernährt...... (zu viel) Einkommen ohne Arbeit..... aber nun gut..... Kommt Zeit kommt Rebellion. Just wait.

Gerd, 26.02.2014 11:11
Ich mag den Gregor sehr - sehr sehr! Klasse, was und wie er es herüberbringt:

https://www.youtube.com/watch?v=hp0FVvpfbFU

"Ich habe dieses Duckmäusertum dermassen satt........".

Jo-Mai, 26.02.2014 11:09
Mir fällt da zuerst der Georg Ringsgwandl ein:

http://www.youtube.com/watch?v=suWkjBcbbI4&list=RD02lUu8gnHtSkc

Das Leben ist in Deutschland ist - diplomatisch formuliert - zumindest absurd: wenn sich jemand Demokratie leisten könnte - dann doch die reichen Länder. Aber nein, dös göööhdd nöddd.

Nochmals Ringsgwandl:

http://www.youtube.com/watch?v=SklaoLXLDkk

und: Wos is' midd de Leidd los?

http://www.youtube.com/watch?v=lUu8gnHtSkc

Es gibt eine Hölle. Und die ist immer 'hier und jetzt'.

FernDerHeimat, 26.02.2014 05:55
Die Konsumenten ziehen immer öfters die Konsequenz aus dem offensichtlichen Versagen der "vierten Gewalt" und informieren sich aus anderen Quellen - massgeblich dem Internet.

Kein Wunder also, dass dort immer mehr an "Astro Turfing", Zensur und Desinformation von Nationen (bzw. deren Geheimdiensten) und Unternehmen betrieben wird.

"Hans König" und andere Pappkameraden lassen grüssen.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/155918

Liane, 26.02.2014 01:01
guter Artikel:
denn die Zunft der Journalisten hat sich selber ins Abseits geschossen... war zu arrogant, zu überheblich, zu distanziert/abgehoben......
und gleichzeitig immer mehr auf den Couchen/Kamingesprächen der Mächtigen unterwegs...
und sie hat massiv gestrickt an der immer weiter um sich greifende Klassengesellschaft: hier die Mächtigen, die Artikel setzen/streichen/ korrigieren konnten, dort der Untertan der -wie Affe- beschrieben wurde.
und hat -wie in Deutschland mittlerweile üblich- nicht gemerkt nur mit Solidarität, mit gemeinsam Für etwas gerade stehen kann man den Einzelnen, kann man Unbequemes durchziehen!

Und sie hat vergessen Selbstkritik zu üben!! Ihre Anteile an der Schieflagen-Demokratie, ihr Zutaten-liefern wird immer verschwiegen!
Wo war sie vor, während und nach der Finanzkrise? wo war sie vor während und nach der NSA Krise?
Warum muss das Netz Skandale aufgreifen, während Medien höchstens noch sich gegenseitig schultern klopfend die Sau durchs Dorf jagen können?

Genügend Hinweise, dass der Kontakt Leser-Journalist nicht mehr stimmt gab es zur Genüge!

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