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Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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Foto: Martin Storz

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Ausgabe 112
Debatte

Meinungsmache

Von Ulrich Viehöfer
Datum: 22.05.2013
Das Geschäft mit Nachrichten ist gnadenlos. Hauptsache aktuell und sensationell. Presseagenturen drehen an dieser Schraube, befeuert vom Internet, und am Ende fragt man sich, was ist Meinungsmache und was Fakt. Im zweiten Teil der Reihe „Nestbeschmutzung“ zieht unser Autor Grenzen.

Hoch lebe das Internet und seine weltweiten Informanten! Eine quirlige Szene bricht verkrustete Strukturen und dicken Filz auf, bringt brisante Themen in Bewegung. So etwa halten Kritiker die Diskussion über die skandalös ungerechte Verteilung von Vermögen, Einkommen und Steuerlast am Kochen. Das Internet schließt Lücken, wo Tabus bleiern vernebeln wie bei der fetten Blutspur einer heimlichen Militarisierung der Politik. Gut so! Die Stimmen aus dem virtuellen Raum sind unentbehrlich geworden. Sie mischen und klären auf.

Indes, woher nehmen all die Informanten im Internet den Stoff, aus dem ihre Meinungen sind? Auf welchen nachprüfbaren Fakten bauen sie auf? Und wer – Personen, Organisationen, Regierungen, Vereine, Stiftungen – steckt hinter den Beiträgen? Oder sind es Kampagnen? Die Antworten auf diese Fragen sind substanziell für die Internetgemeinde als Informationsbasis. Denn vor einer subjektiven Meinungsbildung, die im Netz extrem ausgeprägt ist, steht nun mal die penible Sammlung und Auswertung beleg- und nachprüfbarer Fakten.

Dabei muss auch die Distanz zur Quelle (Informanten/Protagonisten) streng eingehalten werden. Dieses Vorgehen unterscheidet die gekonnte Recherche von purer Meinungsmache. Ihr Unterschied ist für die Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft so elementar wie die Luft zum Atmen. Wer diese Grundregeln aus dem Journalismus missachtet, trägt bestenfalls zur Vervielfältigung unbelegter, subjektiver Ansichten bei und nicht zur Entstehung glaubwürdiger Informationen und Nachrichten. Und das ist keine Frage von Jung und Alt oder einer trendigen Mode. Ohne diese Grundregeln journalistischer Arbeit würde die Presse zum reinen Meinungsmedium für Klatsch und Tratsch verkommen und dem Denunziantentum freien Lauf lassen. 

Nachrichtenquellen versiegen – Meinungen sprudeln

Um diesen erbärmlichen Zustand zu vermeiden – was leider immer weniger gelingt –,  lernt bereits jeder Journalist im Volontariat, seine Informationen aus möglichst vielen unterschiedlichen Quellen für seine Recherche zu schöpfen. Indes, an dieser Tugend hapert es gewaltig, bei Journalisten und in Redaktionen ebenso wie bei externen Stimmen aus dem Netz. Gerade Protagonisten des Internets, die einen journalistischen Anspruch erheben, müssen auf der Hut sein: Geht es ihnen um die Vielfalt fundierter Meinungen oder um die Freiheit (anonymer) Denunzianten? Eine gefährliche Gratwanderung, an der sich die Geister scheiden. Munter sprudeln subjektive Meinungen im Internet, während die Qualität an journalistisch verlässlichen und damit brauchbaren Quellen als Informationsbasis recht mäßig ist. Und wie in der Presse gilt auch im Netz: Meinung profiliert, weil sie polarisiert und in den Köpfen haften bleibt.

Der Fundus an vielfältigen Informationsangeboten wird auch durch die schleichend-schädliche Pressekonzentration geschmälert. Dieses Tabuthema ist sowohl wirtschaftlich brisant wie auch ein brennend-heikles gesellschaftspolitisches Problem: Pressekonzentration führt zu Meinungskonzentration. Zum Beispiel, wenn eine bundesweit vollwertige Nachrichtenagentur den Betrieb über Nacht einstellt. Dann versiegt eine von zwei Quellen, aus denen qualitätsbewusste Medienmacher schöpfen konnten.

Ein aktueller Blick auf Presseagenturen (nicht zu verwechseln mit "PR-Agenturen") offenbart den Schaden. Journalistische Nachrichtenagenturen fungieren für Medien, genauer für Redaktionen, wie Großhändler. Sie liefern wichtige Nachrichten/Meldungen aus aller Welt, recherchieren vor Ort und bieten Themen an, bereiten sie journalistisch auf und kommentieren sie auch. Presseagenturen sind also für Medien wichtige primäre Informationsquellen und Meinungsbildner. Ohne ihre Dienste und ihr redaktionelles Netz könnte die Presse kaum professionell arbeiten. Zudem ist die Anzahl an Agenturen, die ein Medium als Quellen heranzieht, ein Merkmal hoher Güte.

dpa besitzt fast ein Monopol bei Redaktionen

Die beiden großen Nachrichtenagenturen Deutschlands waren (bis April 2013) die Deutsche Presse-Agentur und die dapd (Deutscher Auslands-Depeschendienst), Kürzel: dapd. Überlegener Marktführer im Newsbusiness ist seit Jahrzehnten die Deutsche Presse-Agentur mit dem Kürzel "dpa" (Anteil: gut 90 Prozent!). Die Agentur ist eine Art Genossenschaft, getragen von gut 200 Zeitungsverlagen, also von fast allen Tages- und Wochenzeitungen. Die dpa mit Hauptsitz in Berlin verfügt über ein dichtes regionales Netz von Korrespondenzstellen in Deutschland. Durch ihren traditionell hohen Kundenstamm (Redaktionen) ist sie hierzulande ein prägender Meinungsführer. Das hat zur Folge, dass sie als Multiplikator von Nachrichten, Meldungen, Themen und Meinungen fast ein Monopol besitzt. Eine Information oder ein Themenangebot, welches dpa-Journalisten aussortieren und ignorieren, hat wenig Chancen, prominent gehört zu werden. Und das widerfährt täglich den meisten Informanten. Denn mehr als 90 Prozent der Post, die ins dpa-Netz geht, wird nicht publiziert, sondern fällt unter den Tisch.

Der ehrgeizige Verfolger der dpa und die Nummer zwei der Branche war bisher die dapd. Sie verfolgte das Ziel, wie die dpa eine vollwertige Nachrichtenagentur zu werden. Die dapd erwuchs aus der früheren ddp – Deutscher Depeschendienst –, der Übernahme der früheren DDR-Agentur ADN sowie aus dem deutschen Zweig der US-Agentur AP (Associated Press). Daher stammen die verwirrenden Kürzel für alle Nachrichten und Themen der dapd. Die schließlich in Berlin residierende dapd baute nach diversen Übernahmen eine starke überregionale Präsenz mit einem vollwertigen Redaktionsangebot auf, das von der Innen- und Außenpolitik über Wirtschaft und Kultur bis Sport und Allgemeines reichte. Sie wollte mit der großen dpa auf Augenhöhe konkurrieren. Obwohl viele Redaktionen ihr zusätzliches Informationsangebot begrüßten, scheiterte das Projekt trotz mehrerer Anläufe endgültig. Die dapd ging im April 2013 erneut pleite, ihr Betrieb wurde eingestellt.

So geht Diskussion und Meinungsaustausch. Foto: Martin Storz
So geht Diskussion und Meinungsaustausch. Foto: Martin Storz

Die Reduktion des Angebots an journalistischen Stimmen mit verifizierten Quellen ist damit auf einem weiteren Tiefpunkt angelangt. Nun besitzt Deutschland nur noch eine einzige vollwertige, bundesweit präsente Presseagentur. Denn die Dienste nach der dpa verfügen über weit weniger Korrespondenzstellen. Zudem ist ihr Angebot auf bestimmte Themenfelder beschränkt. Das gilt zum Beispiel für die international tätige Agentur Reuters. Sie ist auf Börse, Finanzen, Großunternehmen, Bundespolitik, Ausland fokussiert. Die AFP ist der deutsche Zweig der in Frankreich führenden Agentur. Hinzu kommen Spezialagenturen wie der US-Ableger bloomberg (Börse/Finanzen), sid (Sport) und viele Internet-Dienste mit Branchenbezug (Finanzen, Unterhaltung, Gesundheit/Medizin, Reisen, Auto, Sport usw.). Viele dieser Agenturen sind von Interessen geleitet, beauftragt von Verbänden, Firmen, Regierungen oder Parteien. Auch die großen Kirchen betreiben eigene, konfessionell ausgerichtete Agenturen: Evangelischer Pressedienst (epd) und Katholische Nachrichtenagentur (KNA). Die Konfessionellen sind vor allem bei Themen aus der Sozialpolitik und über die Dritte Welt vertreten.

Die Nachricht verkommt zur kommerziellen Ware

Die Zukunft des Geschäftsmodells "journalistische Nachrichtenagentur" ist gefährdet. Im Markt der Informationsagenten herrscht ein gnadenloser Wettbewerb um die "aktuellste und sensationellste" Nachricht. Wer sie zuerst hinausposaunt, zieht die Aufmerksamkeit und Kunden auf sich. Die journalistische Nachricht verkommt zur kommerziellen Ware. Bei dieser Jagd im Sekundentakt bleiben vielfach die gediegene Recherche und eine saubere Faktenfindung auf der Strecke. Auch deshalb, weil dieses Herzstück im Journalismus den höchsten Aufwand an Zeit und Geld erfordert. Hinzu kommt der Angebotsdruck aus dem Internet, der als Turbo wirkt. Heute sind die größten Konkurrenten von dpa & Co die vielen Medien im Netz, die oft unsauber recherchieren und verifizieren. Dafür sind sie billig. Deren Quellen und Hintergründe (Einzelinteressen, Seilschaften, Verbandslobby, Politik) sind zudem schwer nachprüfbar. Sind also nun neben Printmedien auch klassisch arbeitende Nachrichtenagenturen Auslaufmodelle?

Für die Meinungsbildung im Volk wäre diese Entwicklung der GAU – wenn die Internetgemeinde, wie sie heute funktioniert, diese journalistische Qualität ersetzen würde. Es gilt nun mal die Binsenweisheit: Bevor sich Meinungen bilden können, gilt es zuerst, die Grundlagen für harte Fakten zu schaffen, sprich unterschiedliche Quellen auszuschöpfen und sorgfältig nach ihrem Realitätsgehalt zu überprüfen. Je mehr Kontakte bei der Verifizierung geknüpft werden, um so näher kommen wir der Wirklichkeit. Übrigens vermeide ich bewusst den Gebrauch so hehrer Worte wie "Objektivität", "Wahrheit" oder "Unabhängigkeit". Denn kein Mensch erreicht alleine diese absoluten Kriterien –  auch kein Journalist. Es geht also stets um die aufrichtige Suche nach medialer Wirklichkeit und Wahrheit, nicht um Rechthaberei. Denn dieser Annäherungsprozess unterschiedlicher Positionen funktioniert wie das Zusammenspiel kommunizierender Röhren, je virtuoser, umso größer die Informationsvielfalt unserer Gesellschaft.

Eine "virtuellen Nachrichtenagentur" wäre die Rettung

In diesem Punkt genießt das Internet einen riesigen Vorzug vor traditionellen Presseagenturen: Sein schier unermessliches Potenzial bietet die Chance, aus unzähligen Quellen extrem rasch online zu schöpfen. Würde nun strikt nach journalistischen Grundsätzen und transparent recherchiert, könnte das globale Netz zur "virtuellen Nachrichtenagentur" heranreifen. Mein Vorschlag: Der Pressedienst der Internet-Gemeinde könnte zum Beispiel "WikiSearch" (für nachforschen/recherchieren) und/oder "WikiVerifiz" (für Wahrheitsfindung) heißen.

Diese Entwicklung wäre durch die ungeheure Informationsvielfalt ein gewaltiger Schritt in Richtung mehr Demokratie. Eine solche "virtuelle Nachrichtenagentur" auf Basis der schier unerschöpflichen Internet-Wissensbank könnte den Ausfall der dapd gut wettmachen. Unsere Gesellschaft braucht diesen Informations-Pluralismus zur Bildung von Meinungen. Voraussetzung wären zugängliche, belegbare Quellen aus dem Netz. Eine vollwertige Presseagentur mit dem geballten Wissen der Internet-Kommune wäre die Rettung vor der drohenden Fixierung auf die dpa.

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie will bewahrt und stetig vor Anfeindungen geschützt sein. Bekanntlich fehlt Pressevielfalt in autoritär geführten Staaten. Ein Internet-Medium als offen zugängliche professionelle Nachrichtenagentur würde der arg geschrumpften Agenturszene eine neue, mächtige Stimme verleihen. Der gefährliche Trend zur Pressekonzentration durch Übernahmen, Pleiten und Fusionen könnte so abgemildert werden.

Neben der Dezimierung an Presseorganen existiert noch eine versteckte Konzentrationsbewegung, die im Innern der Medienhäuser stattfindet. So schließen immer mehr Zeitungsgruppen vollwertige Redaktionen ihrer Blätter oder lassen sie bis auf den Regionalteil schrumpfen. Aber zur äußeren Tarnung einer Vielfalt bleiben die Zeitungstitel ("Köpfe") bestehen. In Wirklichkeit entsteht der Großteil der Zeitung komplett am sogenannten Newsdesk, in einer  Newsroom genannten Zentralredaktion. Dieser Pool, der für die eigene Zeitungsgruppe wie eine Presseagentur arbeitet, läuft auf eine Konzentration der Nachrichten- und Themen nach innen hinaus – nur dass kein Politiker oder Kartellamt warnend den Finger gegen die Medienkonzerne hebt.

Die stille Beschneidung der Informations- und Meinungsfreiheit von Millionen Lesern – immerhin bezahlen sie für eine vollwertige Zeitung und nicht nur für einen Newsroom – bedroht erneut unsere Gesellschaft. Doch wer treibt die Konzentration im Medienmarkt so vehement voran, und wer magert die Redaktionen still ab? Sicher auch die oft unbekannten Medienriesen. Die Analyse dieser Einflussreichen wird das Thema der nächsten Nestbeschmutzung sein.

 

Ulrich Viehöver, gelernter Buchhändler und Diplom-Betriebswirt, war Journalist bei den "Stuttgarter Nachrichten", der "Wirtschaftswoche" und bei "Focus". Seit 2000 selbstständiger Wirtschaftsjournalist in Stuttgart, Buchautor, Redaktionsberater und Ausbilder.

 


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Kommentare

Matthias Roman Schneider, 04.06.2013 16:55
Ich finde es eine elementare Aufgabe eines modernen Mediums das Agenda Setting ab und an nach außen zu tragen. Sprich wie ein Medium Themen wählt und damit das Weltbild seiner Nutzer beeinflusst. Meinungsmedien sind meines Erachtens gerade im Kulturbereich immer subjektiv. Und gar nicht anders möglich. In der Regel stelle ich mir da die Frage, wie eine Tagesschau oder die Tagesthemen ab und an auf die Idee gebracht wird, sagen wir mal, subkulturelle Themen wie "Grand Theft Auto 4" zu erwähnen, und dieses Segment ansonsten stets zu verschweigen. Was ist da der Antrieb? Grund ist bei so etwas freilich kein reiner Informationshintergrund.

DÃmonkratie, 27.05.2013 16:54
Immer brauchen "wir" einen Schuldigen, leider wird der immer mehr zum Cyber-Schuldigen!!! DAS Euro, DAS Theorie.... im Grunde genommen ein sog. "die da" irgendjemand ist schuld nur ICH nicht!!!
die Journalisten"krise" (ich hasse das Wort eigentlich) fing schon lange vor dem internet-hype an!! Mitte der 80er sprach Friedrichsen vom Mikrophon-haltern... und die Konkurenz fokus schien alle nicht in Richtung: bewahren "Ihrer eigenen Kompetenz" zu drücken sondern eher in Richtung "Boulevrad-Journalistmus ..... ja ich finde das Desaster ist hausgemacht.... und deswegen fehlt auch flächendeckend eine Solidarität......
der Aufstand der Masse, die noch solidarisch mit dem Spiegel war ist verprellt worden.... aus Arroganz und dem falschen kalb hinterherrobbend!!!
Das Internet hat dann ein übriges getan: wozu noch Zeitung, wenn ich mich viel besser im Internet breit-band-schlau machen kann?
Die Kesselmedien sind doch ein tolles beispiel: da leistet sich eines der reichsten Städte Dt. 2 Zeitungen und die kommen nicht über den Kessel zur Wirkung..... Sie betreiben geistige Inzucht... auch bei S21 gut zu sehen........ Sie selber verstellen sich den Weg und geben allen anderen die Schuld!!! aber als sie mehr Geld haben wollten 2011, da redeten sie von investigativen Journalismus und so.... den Journalismus der Mikrophon-Halter habe ich zur Genüge an der Mahnwache kennengelernt.... wie im Blut-rausch wollten sie nur O-Ton Volk haben (so als HIntergrundgeräusch macht sich das gut! ekelhaft) aber nicht "wissen-wollen"
öffentlich-rechtlichen: auch hier: wohlstandsverwöhnt und soziale Hängematten-mässig haben "wir" 10 Sender, gute Gehälter und was machen wir damit? Gleichtschaltung und Zwangssolidaritätsabgabe!!!
die politischen Sendungen wurden jahrzehntelang hin und her geschoben, ausgedünnt und abgeschlankt..... um dann zu sagen die Zuschauer wollten.................
nein, es war absicht!!! es ist absicht, dass viel Geld für Laber-sendungen existiert, dauernd vom fussball berichtet wird
dafür wichtige Reportagen erst zur Geisterstunde ausgestrahlt werden....
Feiglinge überall!!!

Bekir, 24.05.2013 17:19
Es stimmt, die Vielfalt der Qualitäts-Presse-Angebote verringert sich: Das vieltönige Rauschen im Blätterwald wird verdrängt durch das immer und überall verfügbare Hintergrund-Rauschen des Internets. Das Neue kommt zwar oft mit minderwertiger (und noch öfters mit undurchschaubarer) Qualität. Es schlägt aber mit Gratis-Angeboten die traditionellen Platzhirsche. Deren Qualität hat(te) ihren Preis, auf den nur soweit verzichtet werden kann, wie die Qualität aufgegeben wird.

Die öffentlich-rechtlichen Medien, so könnte man meinen, befinden sich hingegen in einem Biotop, das sie vor den rauhen, qualitäts-gefährdenden Winden des Marktes schützt. Aber ist die Qualität der öffentlich-rechtlichen gestiegen, sind sie der Zufluchtsort der kritisch recherchierenden Journalisten geworden?

Nein - sie fürchten die unter Helmut Kohl geschaffene Privat-TV-Konkurrenz und machen daher im eigenen Stall genau das, was Kohl zunächst nur durch Verschiebung der Einschalt-Quoten hin zu den Privaten bewirken wollte: die allmähliche Entpolitisierung des Fernsehens.
Sie hecheln Einschalt-Quoten nach, die nur durch Brot-und-Spiele-Themen
zu erzielen sind. Sie vermeiden allzu scharfe Kritik an den Grundfesten des Establishments, auf dass dieses ihnen den Rundfunk-Beitrag auch noch in Zukunft herzhaft erhöhen möge.

Die großen politischen Skandale werden daher immer noch von der (Papier-)Presse aufgedeckt. Allerdings nicht mehr vom SPIEGEL, den jetzt viele - zu Recht - als "ehemaliges Nachrichtenmagazin" schmähen, weil er weiß, was seine Anzeigen-Kunden mögen und was nicht - und er sich so seine Marktführerschaft erhält. Und weil man annimmt, dass er seine vielen "guten" Insider-Quellen bezahlen muss - mit Wohlverhalten und PR-Diensten.

Denn vorbei sind die Zeiten, als im Alleingang kleine Beamte für kleines Bakschisch (oder für ihre persönliche Rache an Vorgesetzten) Infos und Dokumente lieferten. Wenn sie keine mächtigen Kreise hinter sich haben, dann isoliert man sie schnell als unwissende "Verschwörungstheoretiker", mit denen kein aufgeklärter Journalist gesehen werden will.

Welche "Sau durchs Dorf gejagt" wird, bestimmt heutzutage die BILD. Jahrelang hofierte sie Wulff und verschleierte diese Tatsache geschickt, als sie dann urplötzlich zur Jagd auf ihn blies. Man wäre naiv, wenn man glaubte, eine wütende Wulff-Botschaft auf dem Anrufbeantworter hätte das psychische Gleichgewicht der abgebrühten BILD-Profis verletzt und sie zur 180-Grad-Wende stimuliert. Die wahren Gründe, warum Wulff in Ungnade fiel, dürften bei den Kräften zu suchen sein, die hinter der BILD-Redaktion stehen und denen Wulffs Äußerungen, evtl. zum Euro-Schulden-Desaster, nicht schmeckte.

Und die plötzlich reichlich vorhandenen Skandal-Infos über den eben noch hofierten Wulff? Die Ansicht, BILD sammle über jeden Politiker fortlaufend "Kompromat", um es im Bedarfsfall einsetzen zu können, scheint mir mehr als ein Gerücht zu sein. BILD als Big-Brother-Sprachrohr (im Orwellschen Sinne) ist keine völlig unrealistische und jedenfalls eine genug beängstigende Vorstellung, um sie nicht als Arbeitshypothese im Auge zu behalten, mögen manche noch so sehr "Verschwörungstheorie" schreien.

Hoffnung gibt da allerdings der Fall Guttenberg: BILD umschmeichelte ihn noch nach seinem Sturz aufs peinlichste. Die ethischen Maßstäbe von Anstand und Sauberkeit, an denen BILD sich bei Wulff angeblich so unerbittlich orientierte, spielten in den BILD-Hymnen an "Gutti" keinerlei Rolle. Aber alles "Gutti-komm-wieder" war vergeblich. Die Macht des Internets hatte nicht nur die Wahrheit aufgedeckt. Sie sorgte auch dafür, dass die gerechte Strafe des Rücktritts eine Strafe blieb. Und nicht unter den Lob-Gesängen der BILD zur Posse im Polit-Karrussell verkam.

Hier schließt sich der Kreis und wir müssen uns fragen: Fördert das Internet (ohne neue zu schaffen) die Monopolisierung und Verflachung der alten Qualitäts-Medien ? Oder schafft es eine neue Öffentlichkeit mit Partizipations-Möglichkeiten für eine "große Zahl kleiner Leute", die nicht mehr einfach mit lauter PR mächtiger Konzerne übertönt werden kann?

Vermutlich stimmt beides und die Zukunft muss zeigen, ob für die Gesellschaft die Vor- oder Nachteile dieser Entwicklung überwiegen.

Karl Kraut, 23.05.2013 09:47
Der Beitrag listet wichtige Kritikpunkte auf, wenngleich die Schelte der Kommerzialisierung des Nachrichtenflusses und der -verarbeitung heute ziemlich naiv wirkt. Eine von Staat und Politik unabhaengige Nachrichtenverbreitung MUSS kommerziell sein und profitabel arbeiten. Die Pleite der Agentur dapd beruht vor allem auf Versaeumnissen in dieser Dimension: dapd setzte darauf, dass "das Herzstueck des Journalismus" (s.o.) zu Dumpingpreisen anzubieten – und beachtete dabei nicht, wieviel Aufwand dieses "Herzstueck" verlangt und mithin Kosten verursacht. Wer sollte folglich die geforderte "virtuelle Nachrichtenagentur" bezahlen? Das Modell Wikipedia ist ein Ideal, das nur im enzyklopaedischen Sinn, nicht jedoch unter dem Druck aktueller Ereignisse funktioniert. Oft sind Wikipedia-Eintraege um Jahre veraltet. Wer sollte z.B. in einer "virtuellen Nachrichtenagentur" bei Bombenanschlaegen wie etwa neulich in Boston in Minutenschnelle und verlaesslich ueberpruefen, wieviel Tote es tatsaechlich gegeben hat, ob es Bekennerschreiben gibt, ob die Taeter schon gefasst sind? Solche Aufgaben, die fuer einen Nachrichtenfluss unerlaesslich sind, lassen sich nur mit einer professionellen Organisation bewaeltigen – die profitabel arbeiten will und muss.

der Cannstatter, 22.05.2013 17:01
Danke für die Erklärung an Nicht-Journalisten wie das Nachrichtengewerbe funktioniert. Allein die Themenauswahl ist schon vor dem eigentlichen Inhalt ein mächtiges Instrument zur Meinungsmache. Wir bei Tagesschau und Heute auch sehr deutlich. Vielleicht liegt es an den fehlenden "dpa" Buchstaben bei euch, dass die Kontext Artikel ganz anders zu lesen sind als der Einheitsbrei in vielen Medien. Weiter so, dann habt Ihr wohl bald einen weiteren Soli.

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