KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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Hält wenig von Horrorszenarien: Roman Zitzelsberger. Fotos: Joachim E. Röttgers.

Hält wenig von Horrorszenarien: Roman Zitzelsberger. Fotos: Joachim E. Röttgers.

Ausgabe 293
Gesellschaft

Vom Diesel überzeugt

Von Minh Schredle (Interview)
Datum: 09.11.2016
Diesel-Debatte hin oder her – Roman Zitzelsberger ist von seinem Mercedes 350 CDI begeistert. Der sei sogar umweltfreundlicher als ein E-Auto, sagt der IG-Metall-Chef im Südwesten, und verteidigt den Verbrennungsmotor. Im Land von Daimler, Bosch und Porsche will er sich alle Optionen offen halten.

Herr Zitzelsberger, wie kommen Sie zur Arbeit?

Überwiegend mit dem Auto, aber auch regelmäßig mit der Stadtbahn.

Und wenn mal wieder Feinstaubalarm ausgerufen wird?

Offen gestanden war das bis jetzt noch kein Kriterium für mich. Meistens hängt es davon ab, ob ich nur mich selbst oder noch Gepäck zu transportieren habe. Wenn ich Koffer mit mir rumschleppe, Wäsche in die Reinigung bringen will oder Unterlagen mit nach Hause nehme, trage ich keine 20 Taschen mit mir rum, sondern fahre mit dem Auto.

Mit was für einem?

Mit einem Mercedes 350er Diesel CDI. Den fahre ich mit großer Überzeugung.

Sie wissen, Diesel sind schwer in Verschiss geraten.

Ich lasse mich nicht von aktuellen Meldungen, Stichwort VW-Skandal, treiben. Die Dieselaggregate, die gegenwärtig auf den Markt kommen, haben derart signifikante Verbesserungen, dass sie die Schadstoffobergrenzen problemlos einhalten können. Was nicht heißt, dass man da nicht den Daumen draufhalten muss. Manche mögen den Diesel jetzt als Werk des Teufels sehen – ich bin für eine vernünftige ganzheitliche Betrachtung: Ökologie, Ökonomie und Arbeitsplätze müssen zusammen betrachtet werden.

Kann es sein, dass die Schadstoffgrenzen immer gerade so hoch sind, wie es die Autolobby zulässt?

Während der Ministerpräsident (neben Daimler-Chef Zetsche) auf den Hybrid setzt...
Während der Ministerpräsident (neben Daimler-Chef Zetsche) auf den Hybrid setzt...

Meiner Meinung nach geht die Politik hier nicht zu sanft mit der Industrie um. Bei den Abgasnormen hat man einen Kompromiss gesucht und gefunden. Aus Sicht der IG Metall war das die richtige Vorgehensweise. Ich ärgere mich über die Kakophonie von schlechten Nachrichten, die erzählen, was man alles verbieten müsste. Das ist frustrierend für den Ingenieur, der gerade einen der energieeffizientesten und schadstoffärmsten Dieselantriebe entwickelt hat. Frustrierend ist auch die Lage in den Städten, die im Verkehr ersticken.

Fahrverbote dürften mit Ihnen nicht zu haben sein?

Solche pauschalen Forderungen halte ich für Unfug. Deshalb spricht sich die IG Metall auch für die Einführung einer blauen Plakette aus, die die Einfahrt von Fahrzeugen bestimmter Schadstoffklassen regelt. Ferner wäre es sinnvoll, den öffentlichen Nahverkehr so auszubauen, dass er von allen genutzt werden kann. Ein Jobticket allein reicht dafür nicht aus, und wenn ich die Park-and-Ride-Plätze betrachte, sehe ich, dass sie hoffnungslos überfüllt sind. Als Gewerkschafter muss ich außerdem an die Menschen mit kleinem Geldbeutel denken, die sich nicht einfach mal so ein neues Auto kaufen können, das den aktuellsten Normen entspricht.

Aktuell ist die E-Mobilität – und die Angst, dass Tausende Arbeitsplätze gefährdet sind, wenn sich die deutsche Autoindustrie nicht schnell wandelt. Wie sieht das im Autoland Baden-Württemberg aus?

Wir haben hier rund 250 000 direkt Beschäftigte bei Herstellern und Zulieferern. Wenn von heute auf morgen nur noch rein elektrische und gar keine konventionellen Antriebe mehr hergestellt würden, wären bei Tätigkeiten am Antriebsstrang fünf von sechs Arbeitsplätzen betroffen. Das würde also richtig rein hauen. Von solchen Horrorszenarien halte ich wenig. Keine Prognose geht von einem kompletten Umkrempeln von einem Tag auf den anderen aus, sondern immer von einem evolutionären Prozess.

... hat Verkehrsminister Hermann das Elektroleichtfahrzeug für sich entdeckt.
... hat Verkehrsminister Hermann das Elektroleichtfahrzeug für sich entdeckt.

Chinesische Start-ups oder auch Tesla in den USA sind da schon deutlich weiter. Haben Daimler, Audi, Porsche und Co. gepennt?

Baden-Württemberg gehört beim Thema Elektromobilität leider nicht zur Weltspitze, sondern bewegt sich eher im Mittelmaß, das ist wahr. Wir reden hier durchaus von einem Rückstand von etwa zwei Jahren. Wenn man in der Automobilindustrie führend bleiben will, muss deutlich mehr passieren. Ich weiß aber nicht, ob Tesla hier als unmittelbarer Vergleichsmaßstab taugt.

Es ist doch bemerkenswert, dass ein Unternehmen wie Tesla, das erst 2003 gegründet wurde, weiter in der Entwicklung ist als deutsche Produzenten, die jahrzehntelange Erfahrung haben.

Es macht aber einen großen Unterschied, ob ich auf der grünen Wiese etwas komplett Neues mache oder ob ich parallel zum laufenden Geschäft ein zweites Standbein hochziehen muss. Davon abgesehen hat die deutsche Autoindustrie auch noch immer einige Vorteile.

Die da wären?

Wertvolle Erfahrung aus den letzten hundert Jahren und eine Forschung, die auch in der Breite stark aufgestellt ist. Bei der Mobilität der Zukunft geht es nicht nur um Elektroautos, man muss die Energiepolitik ganzheitlich angehen. Wenn wir - wie in China - mehr konventionelle Kraftwerke bauen müssen, um mehr Elektrofahrzeuge anzutreiben, macht das überhaupt keinen Sinn. Dann gelingt es nicht, unsere Klimaziele zu verbessern, wir verschieben die Probleme nur vom Neckartor zum nächstbesten Kraftwerk.

Aber dass Elektroautos schadstoffärmer als Verbrennungsmotoren sind und weniger Emissionen verursachen, dürfte unstrittig sein.

Der top-aktuelle Diesel sei sogar weniger umweltschädlich, sagt Zitzelsberger.
Der top-aktuelle Diesel sei sogar weniger umweltschädlich, sagt Zitzelsberger.

Das stimmt so leider nicht. Richtig ist: Bei einem vollgeladenen E-Auto, mit dem Sie durch die Gegend fahren, sind die Emissionen niedriger. Wenn Sie aber die Produktion und den gegenwärtigen Strommix berücksichtigen, ist die CO2-Bilanz eines batteriebetriebenen Autos sogar deutlich schlechter als die von einem top-aktuellen Dieselmotor. Mal ganz abgesehen davon, dass sich jemand im Stuttgarter Westen genau überlegt, ob er sich ein E-Mobil für mehrere Zehntausend Euro kauft, wenn es keine Parkplätze mit entsprechenden Ladestationen gibt.

Für den elektrischen Motor braucht man deutlich weniger Teile als für den Verbrenner - 200 statt 1400. Allein das müsste sich doch auswirken.

Der Motor selbst ist beim Elektroauto tatsächlich weniger fertigungsaufwändig. Aber der Unterschied zwischen einem Kunststofftank, in den ich Benzin oder Diesel fülle, und einer mehreren hundert Kilo schweren Batterie, die in einem enorm energieaufwändigen Verfahren hergestellt werden muss, ist zur Zeit noch sehr groß. Wenn wir einmal die Situation haben, dass der überwiegende Anteil unseres Strommixes regenerativ ist, ist das batteriebetriebene Fahrzeug natürlich eindeutig das bessere - aktuell aber noch nicht. Ich plädiere dafür, zunächst technologieoffen zu bleiben, statt sich auf nur ein Modell festzulegen. Klar müssen die rein batteriebetriebenen Fahrzeuge weiter vorangebracht werden. Parallel dazu sollte aber auch an Hybridlösungen weitergearbeitet werden, genauso wie am hocheffizienten Verbrennungsmotor.

Und letzterer soll dann dauerhaft beibehalten werden?

Heute glaubt die ganze Menschheit, dass in 20 Jahren alle nur noch mit batteriebetriebenen Fahrzeugen unterwegs sind. Das ist gut möglich, aber wer hier sichere Prognosen abgeben will, hat entweder eine funktionierende Glaskugel oder er ist ein Scharlatan. Man sollte sich also möglichst viele Optionen offen halten. Etwa die Möglichkeit, synthetische Kraftstoffe herzustellen und mit Verbrennungsmotor CO2-neutral durch die Gegend zu fahren.

Wenn man hier die Produktion berücksichtigt, stehen die in der Gesamtbilanz aber auch nicht glorreich da.

Momentan ist das vollkommen unwirtschaftlich. Und klar: Auch hier macht es nur Sinn, wenn ich die Energie, die ich in den Prozess stecke, regenerativ gewinne. Trotzdem könnte sich die Forschung hier bezahlt machen. Genau wie bei der Brennstoffzelle. Wir müssen schauen, mit welchen Lösungen wir in der Gesamtbilanz am besten aussehen. Beispiel China: Da wird der Ausbau der E-Mobilität enorm vorangetrieben, und das ist auch nötig, wenn man sich anschaut, wie Peking oder andere Megastädte buchstäblich im Smog ersticken. Gleichzeitig werden dort aber etwa 20 neue Atomkraftwerke aus dem Boden gestampft. Insgesamt halte ich das für keine sehr kluge Energiepolitik.

Gegenüber dem "Spiegel" sagt Ihr Kollege Frank Iwer, Planungsleiter bei der IG Metall: "Technische Raffinessen, um die Emissionen zu senken, helfen uns nicht weiter. Es geht um einen Systemwechsel bei Vollgas". Wie passt das mit Ihrer Position zusammen?

Mercedes in Stuttgart ist vom Flugzeug zur A-Klasse konvertiert.
Mercedes in Stuttgart ist vom Flugzeug zur A-Klasse konvertiert.

Das passt wunderbar zusammen. Wir sind uns vollkommen einig, dass sich die Automobilindustrie an die Spitze des emissionsfreien Fahrens stellen muss. Deshalb lautet Frank Iwers Kernaussage, dass technische Raffinessen allein nicht ausreichen, sondern es um eine ganzheitliche Betrachtung geht, wie ich sie eben beschrieben habe. Offenbar ist das Wort "allein" in dem Text unter die Räder gekommen. Kann ja mal passieren, wenn es um Autos geht.

Wir wissen, dass eine technologische Neuerung den Markt binnen kürzester Zeit komplett auf den Kopf stellen kann. Denken Sie an die Digitalkamera oder digitale Datenträger. So eine Gefahr sehen Sie hier nicht?

Nein. Unsere Automobilhersteller haben die Themen auf dem Schirm. Wir reden hier ja nicht nur über die Elektrifizierung des Antriebsstrangs. Das ist ein wichtiger Faktor und der ist auch bestimmend. Ein anderer ist die Konnektivität, also die Frage nach dem vernetzten Fahrzeug und den besseren Verknüpfungen von individuellem und öffentlichem Nahverkehr. Oder über das autonome Fahren, das mir ermöglicht, mein Auto so vor die Tür zu holen, wie Lucky Luke sein Jolly Jumper her pfeift. Und über die sogenannte shared mobility, also dass ich mein Fahrzeug mit anderen teile und nur dann darauf zugreife, wenn ich es brauche. Ich glaube, wer diese Themen am besten kombiniert, wird am Ende die Nase vorn haben. Und da sehe ich unsere Hersteller im Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz.

Das alles kostet viel Geld und ist nichts, was kleine oder mittelständige Unternehmen mal eben so bewerkstelligen können. Ist hier abzusehen, dass die Kleinen verschwinden oder von den Großen geschluckt werden?

Hier kann ich Ihnen keine schlüssige Antwort geben. Firmen stehen traditionell vor der Frage, ob sie etwas selbst produzieren oder anfertigen lassen. Hier geht der Trend gerade eher in Richtung Zukauf statt Zentralisierung. Das ist aber nicht einheitlich. Ein Zulieferer, der im Bereich der Sitzfertigung tätig ist, steht vor ganz anderen Herausforderungen, als jemand, der Bauteile für Getriebe herstellt. Da muss man sich genauer anschauen, wie das im Detail aussieht.

Das hat man noch nicht gemacht?

Naja, innerhalb der einzelnen Firmen gibt es hier sehr unterschiedliche Tauchtiefen. Konzerne wie Daimler oder Bosch sind natürlich anders aufgestellt als kleinere. Zentral ist immer die Frage: Wie kann man aus dem heutigen Geschäft in ein neues reinkommen? Ob das jeder Zulieferer auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald gemacht hat - da mache ich mal ein dickes Fragezeichen dahinter. Insgesamt ist mein Eindruck aber, dass die meisten Betriebe top informiert sind und wissen, was sie tun. Einer, der heute noch Außenspiegel herstellt, weiß, dass in wenigen Jahren Kameras und Displays diesen Job übernehmen.

Wenn jetzt Zulieferer Teile für Modelle produzieren, die plötzlich nicht mehr in dieser Größenordnung produziert werden - kommt da ein Umstieg überhaupt in Betracht?

Zitzelsberger wird 50: EU-Komissar Oettinger zur Besuch bei der IG Metall.
Zitzelsberger wird 50: EU-Kommissar Oettinger zu Besuch bei der IG Metall.

Zu sagen, ich mache heute Produkt A und morgen Produkt B, funktioniert nicht ohne Weiteres. Im Regelfall setzen die Betriebe auf Diversifizierungsstrategien. Das heißt: Ich baue mir neben meinem bestehenden Sortiment etwas Neues auf, vermarkte beides parallel und kann dann irgendwann umschwenken. Da gab es in der Geschichte unglaublich viele Beispiele, wie das gelingen kann - auch in der Automobilindustrie. Bosch in Feuerbach hat unter anderem auch mal Kinoprojektoren gebaut, jetzt sind es Einspritzdüsen und Dieselpumpen. Mercedes in Sindelfingen war ursprünglich ein Flugzeugbauer. Solche Veränderungen gibt es immer mal wieder und es wird auch in Zukunft Firmen geben, die das relativ schnell und problemlos schaffen werden. Es wird aber auch Firmen geben, die das nicht schaffen. Aber das wird, vermute ich, die deutliche Minderheit sein.

Sie fordern von Unternehmen feste Zusagen an die Beschäftigten, damit die sich keine existenziellen Sorgen machen müssen. Hat es die gegeben?

Es greift natürlich zu kurz, wenn der Arbeitgeberverband ganz allgemein sagt: Jawoll, das werden wir schon hinkriegen. Die Zusagen müssen konkret sein. Als IG Metall sind wir dabei, viele Zukunftsvereinbarungen für einzelne Standorte oder für ganze Unternehmen auszuhandeln. In der Regel dauert das eine Weile. Es gibt aber durchaus Erfolge, etwa die Zukunftssicherung bei Daimler bis in die 2020er Jahre oder aktuell bei ZF in Friedrichshafen. Das geht Stück für Stück voran. Aber die politische Forderung, dass es überall im Land gelten muss, bleibt natürlich bestehend, bis das auch gelungen ist.

Zum Schluss noch etwas eher Privates: An Ihrem 50. Geburtstag ist Günther Oettinger als Gastredner aufgetreten. Keine Bedenken gehabt?

Da muss ich ein paar Dinge klar stellen: Ich habe mich ausdrücklich dagegen ausgesprochen, eine große Fete auszurichten. Aber wir haben den Anlass genutzt, um daraus eine Veranstaltung zur Zukunft Europas zu machen. Dass die Wahl auf Oettinger fiel, hat noch einen anderen Hintergrund, dafür müsste ich aber etwas ausholen.

Wir sind gespannt.

Ich kann mich noch super daran erinnern, wie 1979 das erste Europaparlament gewählt worden ist und ich als 13-Jähriger stolz ein Europawahl-Poster in meinem Kinderzimmer aufgehängt habe. Das fand ich einfach klasse, da hat man englische, französische und deutsche Bauarbeiter drauf gesehen, die das Parlament bauen - allesamt karikiert und mit unterschiedlichen Hüten. Heute erzürnt es mich zu sehen, was Brunnenvergifter wie der Front National, Wilders in den Niederlanden oder die AfD und wie sie alle heißen, betreiben. Da habe ich mir ein klares Bekenntnis zu Europa gewünscht. Und wenn man schaut, welche deutschen Politiker exponiert für Europa stehen, sind das vor allem Martin Schulz und Günther Oettinger. Ich fand es dann einfach passend, weil Oettinger hier aus Stuttgart kommt und wir regelmäßig in Kontakt stehen.

Info:

Roman Zitzelsberger (50) ist seit Dezember 2013 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Außerdem sitzt er im Aufsichtsrat bei Daimler, wo er in den 80er-Jahren zum Maschinenschlosser ausgebildet worden ist. Zitzelsberger ist SPD-Mitglied, zwischen 2009 und 2014 saß er im Gemeinderat von Bietigheim/Baden.


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Kommentare

M. Stocker, 14.11.2016 11:34
Herr Zitzelsberger: 'Ich lasse mich nicht von aktuellen Meldungen, Stichwort VW-Skandal, treiben.' und: 'Die Dieselaggregate, die gegenwärtig auf den Markt kommen, haben derart signifikante Verbesserungen, dass sie die Schadstoffobergrenzen problemlos einhalten können.'

Da hätte sich der Herr Gewerkschafter aber mal kundig machen sollen. So wie es im Moment aussieht, kann kein einziges Dieselfahrzeug ohne SCR-Kat (Harnstoff-Katalysator) auch nur annähernd die im Fahrzeugschein zugesicherte Euronorm 5 oder 6 einhalten. Die deutlichste Sprache spricht doch die Autokonzern-Marionette Herr Dobrindt. Er sagt nämlich garnichts, er unterschlägt der Öffentlichkeit einfach die Ergebnisse der Straßenverkehrstests der Stickoxid-Emissionen.

'Meiner Meinung nach geht die Politik hier nicht zu sanft mit der Industrie um. Bei den Abgasnormen hat man einen Kompromiss gesucht und gefunden.'
Aha, 'Kompromiss' nennt sich das ganze. Ein Euphemismus, den auch Herr Wissmann nicht schmieriger hingebracht hätte.

Nein, es wurde kein Kompromiss gefunden. Man hat genauso wie bei der Einführung des Partikelfilters so lange die Marionettenfäden gezogen, bis die ganz große Koalition der willigen Umweltverschmutzer (und der technisch-naturwissenschaftlich unbelasteten Politiker- Hohlköpfe) der Autoindustrie erlaubt hat, in Europa Abgasreinigungstechniken einzubauen, die keine sind oder schon längst nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen. Ihrem eigenen Stand der Technik übrigens, den sie sehr wohl bei LKWs und 'Premium'-Fahrzeugen für den US-Export beherrscht.

Kann sich der Herr Gewerkschafter eigentlich noch vorstellen, dass sich nicht alle lohnabhängig Beschäftigten ein Raumschiff a la 350 CDI leisten können? Und auch keine Brötchenhol-/Kindershuttle-/Sportstudio-Anfahrts-Panzer der M-Klasse? Und dass aus genau diesem Grund, dem Zwang zur Vermeidung unnötiger Kraftstoff-Kosten auch Diesel-Fahrzeuge im Segment zwischen 9000 und 20000 Euro gekauft werden? Mit dem netten Nebeneffekt übrigens, dass auch der CO2-Ausstoß nicht ganz so verheerend ist wie bei der Nutzung eines Daimler-Schiffs wie des 350 CDI.

Das alles kann sich der feine Herr Zitzelsberger nicht vorstellen, genausowenig wie der umtriebige gelbe Betriebsrat Uwe Hück, dem nichts besseres einfiel, als drei Wochen nach der Entdeckung des VW-Abgasbetrugs erstmal pauschal seine Konzernherren in Schutz zu nehmen, in vollkommener Ahnungslosidkeit, was da noch alles entdeckt wird.

Dabei wäre es für die Umwelt, die Arbeitsplätze in den Autokonzernen und für deren Kunden sinnvoll, sich als Gewerkschafter erstmal für die Interessen der Kunden einzusetzen, die bezahlen schließlich alles. Und die sind sicher nicht daran interessiert, jederzeit Opfer einer erneuten milliardenschweren Enteignung zu werden. Durch willkürliche von der fast-Allparteienkoalition erzwungene Fahrverbote in den Innenstädten, und der damit verbundenen Entwertung der Fahrzeuge.
'Als Gewerkschafter muss ich außerdem an die Menschen mit kleinem Geldbeutel denken, die sich nicht einfach mal so ein neues Auto kaufen können, das den aktuellsten Normen entspricht.' Richtig Herr Zitzelsberger, vollkommen in Ordnung, wenn Sie nur ein kleines bisschen weiterdenken würden. Kein Mensch versteht nämlich, warum das nur auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit gehen soll!

Die Alternative dazu ist natürlich mühsam und konfliktbeladen. Man müsste nämlich die Konzernherren juristisch und politisch mit der Gurgel so lange an die Wand drücken, bis das Geld für die Nachrüstung aller betroffenen Dieselfahrzeuge mit wirkungsvoller SCR-Katalysatortechnik aus deren Taschen fällt. In Serie in ausnahmslos alle Dieselautos eingebaut, darf man mit 150 bis 200 Euro Mehrkosten pro Fahrzeug rechnen. Das kann man fast durch Weglassen von überflüssigem Mist wie elektrischer Feststellbremse oder Zuziehhilfe ausgleichen.

Noch mühsamer ist es natürlich die Koalition der Schienenverkehrshasser zu entmachten. Da müsste man erstmal in der eigenen SPD aufräumen.

Die von Ihnen vorgeschlagene blaue Plakette ist nämlich genau dazu da, den Reichen das Privileg zu gönnen, weiterhin die Innenstädte befahren zu dürfen. Der Pöbel, der sich keine Premiumklasse mit Harnstoffkat leisten konnte, muss dann leider draußen bleiben. Willkommen im Club der elitären Snobs! Schöne Gewerkschaft, schöne Interessenzertretung der kleinen Leute.

Ach und noch zu Ihrer Begeisterung für Europa: Herr Öttinger gehört mit Sicherheit zu denjenigen, wegen denen Europa noch was zu lachen hat. Er ist allerdings in einer Partei, die den anderen europäischen Staaten das Leben mit dem Schäulbleschen Austeritätsdiktat zur Hölle gemacht hat, und eine der wichtigsten Ursachen für die Zerlegung Europas in 28 lächerliche ultranationalistische Operettenstaaten. Wenn jemand für eine Präsidentin Le Pen und für die Erfolge der AfD verantwortlich ist, dann die deutsch-europäischen Herrenmenschen der CDU/CSU/SPD/FDP+Grüne. So jemanden braucht man doch nicht als Sidekick bei einer Geburtstagsfeier.

Umweltschutz oder Umweltsünder, 14.11.2016 09:49
Ich sehe mich als äußerst Umweltbewusst. Kaufe regional auf dem Markt. Verursache so wenig Müll wie möglich. Fahre bis zu 25km wenn es die Zeit und die Witterung zulässt begeistert mit dem Rad. Viel ÖPNV....
Aber dennoch hinterlasse ich wie wir alle meinen Abdruck auf diesem Planeten.

So, zum Thema:

Wir (6-köpfige Familie) haben ein Auto.
Wir haben uns vor drei Jahren entschieden unseren damals 5 Jahre alten Benziner gegen einen Neuwagen zu tauschen Aus CO2-gründen.
Der alte war noch tiptop. Er hatte einen Durchschnittsverbrauch von knapp 11 Litern. Unser Vorvorgänger, ein Bulli brauchte noch 13.
Für 35.000€ haben wir einen Diesel modernster Bauart entschieden (franz). Norm-Verbrauch 4.9, real 6,4 Liter. Oft voll beladen. Das sind sensationelle Werte. Ziel erreicht. Das böse CO2 um 40% reduziert.
Dass der Realverbrauch höher ist als der Normverbrauch weiß man seit Jahrzehnten. Man muss nur Tests lesen und gut. Die Norm dient der Vergleichbarkeit.

So, jetzt zu meinem Problem: Wenn es nach der Umweltpolitik geht, darf ich mir bald schon wieder ein Auto kaufen. Wegen der blauen Plakette.
Super. Es muss Stahl, Aluminium, Erdöl für Kunststoffe Lacke etc. Erzeugt und abgebaut werden. Hochöfen, Raffinerien und das ganze Programm.

Leider gibt es aktuell keine 6-sitzigen Elektrofahrzeuge.
Und außerdem ist mir klar, dass die Leute die heute nach E-Autos rufen die gleichen sind, die sie in fünf Jahren wieder verbieten.

Man muss keinen Raketenführerschein haben um zu erkennen, dass der Umstieg auf die reine E-Mobilität eine Ökokatastriphe wird.
Eine bis zu 700KG schwere Giftmüllbatterie muss hergestellt werden. Gigantischer Raubbau auf unserem Planeten für seltene Erden etc. Unmengen an Giftmüll entstehen. Bei der Entsorgung sind wir soweit wie bei der Einführung der Atomkraft. Es ist uns egal. Elektro ist Mode.

Für den Umstieg müssen wir allein in D fast 62 Mio Fahrzeuge tauschen. Es kann sich jeder ausrechnen was das bedeutet.
Ganz abgesehen davon, dass die Energie für die E-Mobilität gigantisch ist. Der Energiebedarf für 100 km entspricht dem eines Haushaltes in drei Tagen.

Ich mach aber auch wieder diesen Käse mit. Umweltpolitik ist häufig faktenarm, populistisch und hysterisch.
Die Fundis in meinem Bekanntenkreis haben mich vor drei Jahren zu meinem CO2-Sparwunder überredet. Jetzt reden sie von der E-Mobilität. Ich werde ihnen bald wieder den Gefallen tun.
Es sind sonst sehr nette Leute. Die nicht einfach merken, dass sie den Planeten eher zerstören mit ihren Rettungsversuchen.

Heinz Greiner, 13.11.2016 12:04
Wer auch nur minimal etwas mit Motoren jemals in Studium oder Beruf zu tun hatte , kann jedes Wort von H. Stocker nur dick unterstreichen .
Daß die Industrie nicht erst heute In der Lage wäre , die Umweltprobleme nicht nur der Autoindustrie , zu lösen , kann ernsthaft niemand bestreiten .
Daß es andere Wege dazu als die Elektromotoren gäbe , zeigt H. Stocker auch deutlichst auf .
Nun bestimmen die Manager der deutschen Autoindustrie , deren Innovationsarmut vom Innenfilter über Vans bis hin zu den SUV reicht , wohin die Reise gehen wird . Manager die akzeptieren , daß D weiterhin von andern abhängig sein wird , Bei den Seltenen Erden hat man bekanntlich den Chinesen alles ursprünglich überlassen .
Damit das so läuft , in wessen Interesse kann man nur vermuten , führen Politiker , Soziologen wie Dobrindt , Berufsfunktionäre , Lehrer und Juristen die Umsetzung an .
Unterstützt von den Gewerkschaften .
Allein Bosch schon wäre in der Lage die Versachlichung anzuführen , wäre man nicht vom Kunden Automobilindustrie abhängig .
Wovon das Land zukünftig leben wird . Wen interessiert das noch ? Anders als frühere Fürsten sind die berufsfremden Politiker nicht willens die Zukunft rational zu gestalten .
Nicht fähig dazu .
Über alle Parteien hinweg .

M. Stocker, 12.11.2016 12:49
@Werner Runde

Es ist ein altes Ammenmärchen, dass der Diesel-Kraftstoff 'ungeheuerlich' viel mehr Kohlendioxid produziert. Der Vergleich hinkt hinten und vorne, wenn man die Volumina vergleicht. Man muss die Heizwerte der Brennstoffe und ihre relative CO2-Produktion vergleichen, das geht nur über die Massen. Der Heizwert treibt die Motoren an, sonst garnichts.

Fangen wir mal mit übersichtlichen Verhältnissen an: Wir vergleichen Diesel als Reinstoff mit der Summenformel C16H34 und Benzin als Reinstoff Oktan, also C8H18. Dann produziert Benzin, bezogen auf den Heizwert eines Kilogramms Dieselkraftstoffs gerade mal 3% weniger CO2. Das ist keine besonders üppige Einsparung. Berücksichtigt man dabei den Wirkungsgrad der Ottomotoren (32%+x) und der Dieselmotoren (45%), dann ist klar, dass ein Dieselfahrzeug gleicher Leistung (zugunsten der Benziner verzichten wir auf die Forderung gleichen Drehmoments) immer ca. 20 bis 30% weniger CO2 als ein Benzinfahrzeug produziert. Selbst bei den Verbrauchs-Betrugsangaben der Fahrzeughersteller.
Ganz bitter wirds für die Märchenerzähler allerdings, wenn man die reale Zusammensetztung des Benzins (ein 'Blend', also ein Gemisch) in Betracht zieht. Die Raffinerien dürfen nämlich allerhand illustre Stoffe dazumischen: Bis zu 1% Benzol (Summenformel C6H6, krebserregend, in den USA längst verboten) und bis zu 35% Toluol (C7H8, auch kein Gesundbrunnen). Und dann produziert dieser aromatische Giftcocktail bezogen auf den Brennwert eines kg Diesels sogar 2% mehr CO2.

Wer der Umwelt wirklich etwas Gutes tun will, muss bis zur Ablösung der Verbrennungsmotoren hochverdichtete Ottomotoren einsetzen oder Dieselmotoren, die allerdings (auch) mit einem Erdgas-Luftgemisch gefahren werden, und bei denen nur die Zündung durch die Einspritzung einer Leerlaufmenge Diesels stattfindet. Das funktioniert, da sich ein Methan-Luftgemisch selbst bei den hohen Temperaturen der adiabatischen Verdichtung im Dieselmotor nicht selbst entzündet. Denn mit Methan kann man den CO2-Ausstoß nochmals um fast 25% senken. Unter der Voraussetzung natürlich, dass Partikel mit Partikelfilter abgefangen werden und die Stickoxide mit Harnstoff-Katalysatoren eliminiert werden. Aber das muss man erstmal gegen die Marketingstümper und Technikfeinde in den Automobilkonzernvorständen durchsetzen.

Werner Runde, 24248 Mönkeberg, 11.11.2016 14:49
Das Ammenmärchen vom umweltfreundlichen Diesel hält sich wegen der jahrzehntelangen Gehirnwäsche hartnäckig. 1 Liter Diesel stößt immer etwa 12 % mehr Kohlendioxid aus als 1 Liter Benzin. Da die Dichte von Diesel durchschnittlich 850 g/Liter und der von Benzin durchschnittlich 750 g/Liter muss das so sein. Lesen Sie die Werte in der wikipedia unter dem Kapitel Kohlendioxid-Tabelle nach. Für einen Benziner ergeben sich auf 100 km 14,4 kg Kohlendioxid, während ein Diesel 16,2 kg Kohlendioxid ausstößt. Die offiziellen Angaben in Gramm/Liter verharmlosen das Problem. Keinem Autofahrer ist bewußt, dass er nach 100 km Autofahrt etwa das Gewicht eines Kasten Biers unsichtbar in die Umwelt entsorgt hat. Aus 1 kg Benzin oder 1kg Diesel entsteht immer das 3,1 fache Gewicht an Kohlendioxid, da für die chemische Reaktion immer Sauerstoff aus der Luft an Masse hinzukommt.
Der Großhandelspreis für Benzin und Diesel beträgt 45 ct/l. Durch geringere Energiesteuer und wegen niedrigeren Nettopreises auch niedrigere Mehrwertsteuer ergibt sich ein Endpreis von 1,31 € bzw. 1,09 €. Allein diese Subvention beträgt in Deutschland pro Jahr etwa 13 Milliarden € für Diesel. Wieviel Strom könnte man für diesen Betrag aus Sonnen- und Windenergie erzeugen?
Mit freundlichen Grüßen
Werner

Blinkfeuer, 11.11.2016 10:56
"Wenn von heute auf morgen .." genau. Das wird über Nacht umzustellen sein! Wie stets nicht besonders beweglich, wenn es um Rüstung und KFZ geht. Aber selbst die IG Steine- kloppo konnte die Faustkeilindustrie nicht retten!
http://www.lousypennies.de/wp-content/uploads/2014/08/Faustkeilindustrie.jpg

Roland, 11.11.2016 09:09
Bei der Diskussion um das Für und Wider von Elektroautos darf man nicht vergessen, dass mit Gesetzen auch Industriepolitik gemacht wird. Da die europäische Automobilindustrie einen wahrscheinlich aufgrund der vielen Patente uneinholbaren Vorsprung bei Verbrennungsmotoren hat, macht China aus der Not eine Tugend und greift die Verbrennungsmotoren an der verwundbarsten Stelle an, nämlich den lokalen Emissionen. Und somit kann sich auch niemand über Handelsbeschränkungen aufregen, denn das Problem der Luftverschmutzung in Großstädten ist unbestritten und das Elektroauto wird dabei immer dem Verbrenner überlegen sein.
Es hilft also nichts, wenn wir hier im kleinen Deutschland nach Argumenten gegen das Elektroauto suchen und auf zukünftige verbesserte Verbrennungsmotoren und deren Vorteile verweisen. China wird den Verbrennungsmotor in Städten verbieten sobald die chinesische Automobilindustrie in der Lage ist, den dann entstehenden Bedarf an Elektroautos zu decken. Und das wird eher 2020 der Fall sein als 2030, zumal auch noch kräftig Know-how eingekauft wird (z.B. die Verantwortlichen für den i3 bei BMW: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/elektromobilitaet-warum-bmw-seine-ingenieure-an-die-chinesen-verliert-1.2957975). Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis andere Länder nachziehen, zumal Japan, Korea und die USA im Gegensatz zu uns über reichlich Patente und Fertigungskapazitäten bei Batteriezellen verfügen (was wiederum für die deutsche Industrie nahezu uneinholbar sein dürfte).

Horst Ruch, 10.11.2016 18:18
Gewerkschaftler hin oder her.....wo er recht hat er recht.
Elektro kommt zwar aus der Steckdose, Strom muß aber irgendwo erzeugt werden.
....die 20 neu geplanten -wie ehemals bei uns hoch subventionierten- Atomkraftwerke in China können uns doch weder ökonomisch, noch gesundheitsförderlich als Vorbild dienen....Hier handelt es sich um ein weitaus höheres Risiko durch die nicht gelöste Endlagerung des Atommülls als der künftig beherrschbare NOx-Ausstoß.
Dass Zitzelsberger ausgerechnet den Brüsseler €-Atom"-lobbyist" Oettinger eingeladen hatte, steht auf einem anderen Blatt.
Was Daimler&CO -außer ständiger Renditemaximierung- zuallererst bräuchte, wäre eine viel strengere "vereidigte" staatliche Kontrolle zur Überprüfung der geschönten technischen Werbe Aussagen.
Denn es ist doch schon ein Widerspruch in sich selbst, wenn derzeit ein 2.5 Tonner als SUV betitelt, weniger Kraftstoff verbrauchen soll, als ein Stadtflitzer mit 1 Tonne Gewicht.

dichtbert, 10.11.2016 15:56
wieder einer, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Daimler & Co sind bereits abgehängt. Verbissen versucht man mit Uralt-Verbrenner-Technik auf Zeit zu spielen. Aber das wird nichts nützen, denn Länder wie China sind bereits gezwungen Emissionsfreie Fahrzeuge zu entwickeln und sie tun es. Es ist ein Armutszeugnis, wenn man technologisch bereits alles in den Händen hält, aber wegen der Arbeitsplätze bremst. So haben wir mittelfristig jede Menge Industriedenkmäler im Superländle stehen. Detroit lasst grüssen..

Weltenbummler2016, 10.11.2016 08:17
Die Daimler AG hat meiner Erinnerung nach sogar einen 350 CDI bluetech im Angebot. Hat Z. einen solchen oder nicht? Nur dieser mit Harnsäure-Zusatz hat Euro 6 Norm ...
Dieses 1,5 t Auto ist trotzdem nicht zu rechtfertigen, da die Akten eines IGM-Funktionärs sicher immer in einen Elektro-Smart passen würden. Die Dreckwäsche passt da auch noch rein. Umdenken ist angesagt!

marion kuster, 09.11.2016 20:05
# Chris S
Ich sehe das genauso wie Sie.
Das Ganze erinnert mich an Verdi und Schlecker: die hiesigen Hersteller begreifen ihre Aktivitäten in der Emobilität als reines Feigenblatt. Tesla dagegen spielt alles oder nichts.
Und die IG Metall wird womöglich bald schon Schlecker-Tränen weinen. Ähnlich wie Verdi vor ein paar Jahren.

Ralf Rath, 09.11.2016 17:07
Erst gestern schrieb ich einen Brief an einen der Direktoren des SOFI (Soziologisches Forschungsinstitut) in Göttingen. Darin teilte ich mein Erstaunen mit, dass die Hans-Böckler-Stiftung ihn in deren wissenschaftlichen Beirat berufen hat. Angesichts des mit geradezu brachialer Gewalt vor allem von der dortigen Forschungsförderung durchgesetzten Naturalismus steht immerhin dessen Reputation auf dem Spiel, solange die Erkenntnis gilt, dass ein "soziales Band" (Durkheim) moderne Gesellschaften in ihrem Innersten unauflöslich zusammenhält. Orientiert sich somit insbesondere der baden-württembergische Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall an der besagten Unterkomplexität anstatt notwendig an dem Befund einer empirisch stets vollständigen Wirklichkeit, verliert sich gleich welche seiner öffentlichen Einlassungen ohnehin im Nichts.

Uli, 09.11.2016 15:50
"Wenn ich Koffer mit mir rumschleppe, Wäsche in die Reinigung bringen will oder Unterlagen mit nach Hause nehme,..."

Meine Güte da brauch ich aber ganz gewiss kein so Mercedes-Raumschiff wie einen 350 CDI!

Ein komplett rückwärtsgewandtes Auto mit einem stolzen Benzinverbrauch (http://www.motor-talk.de/forum/verbrauch-und-getriebe-e-350-cdi-t-231-ps-t3087155.html).

Mit einem Elektrosmart liesen sich kleine Transporte von Einkauf, Koffer und Co genauso bewerkstelligen, und da ist die CO2 Bilanz definitiv besser, auch wenn der Energiemix noch nicht optimal ist.

Mathy, 09.11.2016 11:54
Kleine Anbieter sind in aller Regel flexibler und innovativer als Großunternehmen. Die Fixierung auf diese ist schon lange ein Fehler; kommt halt besser rüber beim Publikum. Politik sollte nicht branchen-, sondern lösungsorientiert sein. Welche Antworten erwarten wir denn von einem Automanager, denn das ist Herr Zitzelsberger am Ende? Komfortabel entlohnte AutoarbeiterInnen mit Häuschen im Umland sind größtenteils seine Klientel. Wenn die Politik einen Klima- und Verkehrsleitplan für 30 Jahre vorgäbe, das wäre eine Sache. Sogar die Industrie selbst fordert das nun von der Bundesregierung, weil sie sieht, wie wir in D unsere Möglichkeiten ungenutzt lassen. KeineR mehr da, der Mut hat.

Fritz, 09.11.2016 11:11
Wes Brot ich ess'...

Chris S, 09.11.2016 10:25
Was er nicht erwähnt, ist, dass möglicherweise ein Grund für die bisherige Zurückhaltung bei der Elektromobilität die Macht der IG Metall im Unternehmen ist. An der Produktion von Elektroautos arbeiten nicht unbedingt weniger Menschen mit, aber sicherlich weniger IG-Metall-Mitglieder. Ein drohender damit einhergehender Machtverlust kann durchaus die ablehnende Haltung dieser Gewerkschaft begründen. Dumm nur, wenn am Ende chinesische und US-Unternehmen den deutschen Firmen den Schneid abkaufen, denn dann geht's den Metaller-Arbeitsplätzen auch an den Kragen. Mal wieder typisch deutsches konservatives, rückwärtsgewandtes Denken.

hajo mueller, 09.11.2016 08:53
Warum reißen mir solche Artikel über IGM-Gewerkschaft und SPD immer wieder das Pflaster ab, das ich mir zur Heilung meiner IGM- und SPD-Vergangenheit aufgeklebt habe.

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