KONTEXT Extra:
Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Volles Rohr im Windkanal: Bei Daimler in Sindelfingen wird die Windschnittigkeit von Baden-Württembergs Exportschlager getestet. Foto: Joachim E. Röttgers

Volles Rohr im Windkanal: Bei Daimler in Sindelfingen wird die Windschnittigkeit von Baden-Württembergs Exportschlager getestet. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 204
Gesellschaft

Feuern aus vier Rohren

Von Winfried Wolf
Datum: 25.02.2015
Der Daimler-Konzern fährt Rekordgewinne ein, sein Chef Dieter Zetsche ein Rekordgehalt (8,4 Millionen), und das beflügelt ihn zu martialischen Aussagen. Bei der Präsentation der glänzenden Bilanz im Februar sagte der 61-Jährige: "Wir feuern aus allen Rohren." Unser Autor nimmt die Rohre unter die Lupe.

An welche Rohre Zetsche genau gedacht hat, ließ er unerwähnt. Tatsache ist, dass bei Daimler der Profit aus drei, mitunter auch aus vier Rohren befeuert wird. Nummer eins zielt mit den Massen-Pkw auf die Lohnabhängigen. Nummer zwei mit der verchromten Oberklasse auf die Reichen und Vermögenden. Nummer drei mit den Nutzfahrzeugen auf die Nachfrage von Unternehmen und Nummer vier mit Rüstungsgütern auf die Nachfrage des Staates. Dieser Dauereinsatz der Rohre eins bis vier, mit einer gewissen zeitlichen Flexibilität, machte den Daimler zu dem, was er ist: zu einem der profitabelsten Konzerne.

Daimler und Rüstung

Bereits im Ersten Weltkrieg spielte der Rüstungsbereich bei den Vorgängergesellschaften des heutigen Daimler-Konzerns, bei den Unternehmen Benz und Daimler, eine herausragende Rolle. Während der NS-Herrschaft dominierte dieser Bereich das Unternehmen, das inzwischen zur Daimler-Benz AG zusammen geschlossen war. Bereits kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs bestand der Daimler-Benz-Umsatz zu 90 Prozent aus Rüstungsproduktion. Der Umsatz verzehnfachte sich binnen fünf Jahren – nicht zuletzt durch den umfassenden Einsatz von Zwangsarbeit. Der Dreizackstern steht auch für die Aussage, das Unternehmen sei zu Land, in der Luft und im Wasser militärisch aktiv.

Auch der Führer vertraute auf Daimler.
Auch der Führer vertraute auf Daimler.

Anfang der 1970er-Jahre verkaufte der frühere NS-Förderer und Daimler-Benz-Großaktionär Friedrich Flick sein Aktienpaket an die Deutsche Bank. Damit war diese wieder – wie in der Periode 1925–1945 – wichtigster Großaktionär des Unternehmens. Mitte der Achtzigerjahre, in der Ära von Edzard Reuter als Vorstandsvorsitzendem (1987–1995), übernahm Daimler-Benz eine Reihe Rüstungshersteller, so MTU (Triebwerke), Dornier (Luft- und Raumfahrt), AEG (Elektronik) und MBB (Raumfahrt, Raketen, Panzer). Gleichzeitig beteiligte sich der Konzern an Airbus und übernahm Fokker (beides Flugzeughersteller). Die Rüstungs-, Luft- und Raumfahrt-Sektoren wurden später in der Daimler-Tochter Dasa (Deutsche Aerospace Aktiengesellschaft) zusammengefasst. Der Chef dieser Konzernsparte war Jürgen Schrempp. Dasa bildete im Jahr 2000 einen der zwei Grundbestandteile bei der Bildung des neuen, deutsch-französischen Rüstungskonzerns EADS.

Der in den 1980er-Jahren begonnene Kurs zum Wiedereinstieg von Daimler in den Rüstungssektor wurde im Wesentlichen von der Deutschen Bank begleitet, deren Chef bis 1989 Alfred Herrhausen und danach Hilmar Kopper war. Kopper agierte nach seiner Aufgabe des Chefpostens bei der Deutschen Bank im Jahr 2007 fast ein Jahrzehnt lang (1998 bis 2007) als Aufsichtsratsvorsitzender bei DaimlerChrysler. Die Deutsche Bank nahm damit eine lange Zeit in erheblichem Umfang Einfluss auf die strategischen Entscheidungen des Konzerns und bestimmte auch darüber, wer Vorstandsvorsitzender war beziehungsweise wie lange die Nummer eins bleiben durfte. 

Im Jahr 2000 veröffentlichte die Deutsche Bank, obgleich sie nur indirekt (über ihr Aktienpaket an DaimlerChrysler) an EADS beteiligt war, anlässlich der EADS-Gründung eine Broschüre mit dem Titel "A star is born". Auf der Hauptversammlung am 6. April 2005 betonte Jürgen Schrempp: "Ohne uns hätte es EADS nicht gegeben." Er verwies ausdrücklich auf die "lange Durststrecke", auf die vorausgegangenen hohen Verluste und darauf, dass man eben "keine kurzfristigen Ziele" verfolgen würde. Was eigentlich grotesk ist, da Schrempp explizit mit der Devise angetreten war, seine drei Unternehmensziele seien "Profit, Profit, Profit".

Kriegsfahrzeug Mercedes. Screenshot
Kriegsfahrzeug Mercedes. Screenshot

2012 begann der Ausstieg von Daimler bei EADS, die letzten Aktion verkauften die Stuttgarter 2013. Damit trennte sich das Unternehmen nach fast drei Jahrzehnten von seinen größten Beteiligungen im Rüstungsgeschäft. Der Konzern stellt aber weiterhin Rüstungsgüter her, die auf einer von dem zivilen Unternehmen säuberlich getrennten Internetplattform präsentiert werden (siehe: www.mb-military-verhicles.com). Er belieferte und beliefert Diktaturen mit militärischen Ausrüstungen – so Libyen unter Gaddafi, das monarchisch-autokratische Regime von Saudi-Arabien und die ägyptischen Militärs.

Daimler als Nutzfahrzeughersteller

Die Fertigung von Lastkraftwagen, Bussen, Sattelschleppern und anderen Nutzfahrzeugen gab es zu allen Zeiten in der Konzerngeschichte. Sie stellt bei Daimler traditionell eine stark ausgeprägte Sparte dar. Ihr Umsatz macht zwischen 25 und 40 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus. Die Sparte Nutzfahrzeuge wird repräsentiert von folgenden Marken: Setra (Busse Europa), Thomas Built (Schulbusse USA), Orion (Stadtbusse USA), Mercedes-Benz (Busse und Lkw weltweit), Freightliner und Western Star Trucks (Lkw in Nordamerika), Fuso (Lkw in Japan und in anderen Teilen von Asien), BharatBenz (Lkw in Indien) und Auman (Lkw in China, die Daimler dort zusammen mit dem Partner Foton baut).

Der Bereich Nutzfahrzeuge weist naturgemäß die geringsten konjunkturellen Schwankungen auf: Transporte finden zu allen Zeiten statt. Die Globalisierung und die ständig steigende "Transportintensität" sind ein wesentlicher Treibsatz für diese Sparte. Das Busgeschäft wächst zudem in dem Maß, wie die Eisenbahnen privatisiert und zerstört und wie der Busfernverkehr liberalisiert werden. Die Annahme liegt nicht fern, dass Daimler auf diese Verkehrs- und Bahnpolitik im Konzerninteresse Einfluss nimmt. Seit 1990 kamen drei von vier Bahnchefs (Heinz Dürr, Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube) aus der Daimler-Kaderschmiede. Unter Grube kaufte die Deutsche Bahn AG 2013 für gut drei Milliarden Euro Arriva, den größten Betreiber von Busfernverkehrslinien in Europa. Fast zeitgleich erfolgte in Deutschland die Liberalisierung des Busfernverkehrs. Die Deutsche Bahn ist auch in Deutschland im Busfernverkehr engagiert und betreibt zunehmend Busfernverkehrsstrecken in Konkurrenz zu bestehenden (oder dann eingestellten) Schienenverbindungen.

Daimler und Luxus

Als im Mai 2013 die neue S-Klasse vorgestellt wurde, gab es in den Medien einiges Geraune über den Umstand, dass das Vorzeige-Exemplar mit einem Airbus A 300 von Stuttgart nach Hamburg geflogen und auf der Airbus-Werft in Finkenwerder zur Weltpremiere vorfuhr. All das dokumentiere, so Zetsche, dass Daimler in diesem obersten Segment "die Lufthoheit" habe. Sicher ist, dass der Konzern auf diesem Gebiet eine Rekordrendite einfährt. Von Margen bis zu 40 Prozent ist die Rede; davon, dass die S-Klasse mit jährlich "nur" rund 90 000 hergestellten Pkw mehr als eine Milliarde Euro an Gewinn pro Jahr einfahre.

Die Abteilung Luxus war bei Daimler-Benz traditionell immer ein Schwerpunkt, zumal in Westeuropa Pkw bis Ende der Fünfzigerjahre kaum Massenprodukt waren und zu einem großen Teil auf Luxuskonsum zielten. In der Phase 1949 bis Ende der Achtzigerjahre war der Konzern in besonderem Maß von dieser "Abteilung" bestimmt. Anders als die Autohersteller VW, GM (mit seinen Töchtern Opel und Vauxhall) und Ford, die bereits sehr früh auf die kaufkräftige Massennachfrage orientierten, konzentrierte sich Daimler-Benz auf teure Pkw.

Luxus macht lässig. Dose 1 Euro 50, Auto ab 80 000. Foto: Mercedes Benz
Luxus macht lässig. Dose 1 Euro 50, Auto ab 80 000. Foto: Mercedes Benz

Die Produktion von Luxus-Pkw stellt in so gut wie allen Zeiten kapitalistischer Konjunktur ein gutes Absatzgebiet dar. Insbesondere aber in Krisenzeiten, wie wir sie seit den 1980er-Jahren erleben, in denen die Massenkaufkraft kaum mehr wächst und der Reichtum explodiert, bilden Luxus-Pkw eine Profitgarantie. Das hat der ehemalige Boss von Chrysler, Lee A. Iacocca, bereits Anfang der Achtzigerjahre gut beschrieben: "Um sich abzusichern, braucht man ... Autos der Luxusklasse, denn man weiß ja nie, wann der kleine Mann seinen Job verliert. Auf eines scheint man sich selbst während einer Rezession verlassen zu können, nämlich, dass die Reichen immer reicher werden. Deshalb muss man für die immer Leckerbissen bereit halten."

Wie stark Daimler auch heute noch auf das Luxussegment abzielt, zeigt der folgende Vergleich: Im Jahr 2015 liegt in Deutschland der durchschnittliche Preis für einen neuen Pkw bei 27 189 Euro. Der durchschnittliche Preis für einen Pkw der Marke Mercedes liegt bei 42 040 Euro. Bei VW beträgt der durchschnittliche Pkw-Preis 24 400 Euro, was knapp 60 Prozent des Daimler-Werts entspricht. Bei den VW-Töchtern Skoda und Seat und bei Opel sind es sogar nur jeweils rund 20 000 Euro, was der Hälfte des durchschnittlichen Preises eines Daimler-Pkw entspricht.

Daimler als Massenhersteller

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und mit dem Antritt des lang gedienten Daimler-Mannes Jürgen Schrempp als neuem Vorstandsvorsitzenden wurde ein neuer Umbau des Konzerns gestartet. Daimler wurde zum Massenhersteller von Pkw – und zielte damit, wenn auch "nur" für knapp ein Jahrzehnt – überwiegend auf die kaufkräftige Massennachfrage. Die Fertigung von Mercedes-Pkw der mittleren Preisklasse (A-, B- und C-Klasse) spielt eine wachsende Rolle, die Kleinwagen-Marke Smart wurde entwickelt. 

1998 übernahmen die Stuttgarter den drittgrößten, damals hochprofitablen US-Hersteller Chrysler, der vor allem Pkw für den Massenmarkt, zunehmend aber auch bereits SUVs herstellte. Zwei Jahre später folgte der Einstieg bei dem japanischen Massenhersteller Mitsubishi Motors (MMC), danach beim größten südkoreanischen Autobauer Hyundai. In dieser Periode, in der Schrempp von der "Welt-AG" sprach, lag Daimler kurze Zeit auf Rang zwei der größten Unternehmen der Welt. Mit 4,5 Millionen hergestellten Pkw erreichte der Konzern formell Rang sechs unter den weltweit größten Autoherstellern. Berücksichtigt man, dass Daimler zeitweilig bei Mitsubishi auch die operative Führung innehatte und dort den CEO stellte, wären die rund 1,4 Millionen Mitsubishi-Pkw hinzuzurechnen, womit Daimler mit 6,2 Millionen Kfz kurze Zeit hinter GM und Toyota und weitgehend gleichauf mit Ford der dritt- beziehungsweise viertgrößte Kfz-Hersteller der Welt war. Die Orientierung auf Massenproduktion wurde spätestens mit dem Ausstieg bei Chrysler 2007 massiv zurückgefahren.

Die Bosse kommen und gehen

Interessant ist, wie in der Öffentlichkeit die Daimler-Bosse immer mit einzelnen Phasen des Konzerns identifiziert werden. Unter Reuter war es der "integrierte Technologiekonzern", unter Schrempp die "Welt-AG" und unter Zetsche die "Rückbesinnung auf die Kernmarke". In Wirklichkeit fielen die strategischen Entscheidungen anderswo – zum Beispiel bei der Deutschen Bank. Oder sie wurden durch Veränderungen des Weltmarkts herbeigeführt. Und für diese unterschiedlichen Phasen der Profitproduktion wurden dann entweder die entsprechenden Führungspersonen gefunden – oder die Topmanager passten sich den neuen Anforderungen an. So war Schrempp ein treuer Diener seines Herrn Reuter und unter diesem der Chef des Rüstungsbereichs Dasa. Doch als er an die Daimler-Spitze geholt wurde und gemäß den Vorgaben der Deutschen Bank die Orientierung Welt-AG betrieb, da rechnete er gnadenlos mit Reuter und dessen Vision des "Technologie-Konzerns" ab.

Daimler-Chef Dieter Zetsche. Foto: Joachim E. Röttgers
Daimler-Chef Dieter Zetsche. Foto: Joachim E. Röttgers

Zetsche wiederum war ein Untergebener in Schrempps Daimler-Reich. Er war Chef von Chrysler, als dieser US-Autohersteller zum Stuttgarter Imperium gehörte. Doch als er an die Daimler-Spitze rückte, kippte er emotionslos Chrysler aus dem Konzernverbund und warf den US-Autohersteller einer Heuschrecke mit Namen Cerberus in den Schlund. Ähnlich wie zuvor Schrempp mit der Reuter-Ära abgerechnet hatte, wurde jetzt unter Zetsche das Chrysler-, Mitsubishi- und Hyundai-Engagement als Irrweg abgetan und als eine Art Schrempp-Spleen präsentiert.

Der Ausstieg bei Chrysler und Mitsubishi kennzeichnete wieder eine profitgetriebene Neuorientierung und eine geografische Neujustierung. Die Neuorientierung meinte ein massives Zurückfahren als Massenhersteller von Pkw der mittleren Klasse. Die zunehmenden Krisenerscheinungen und die weltweit verstärkte neoliberale Politik mit der Stagnation und den Rückgängen der Massenkaufkraft in Nordamerika, Japan und Europa lieferten für diese Konzernpolitik gute Gründe. Der Umsatz wurde von 177 auf 110 Milliarden Dollar radikal reduziert und die Zahl der gefertigten Kraftahrzeuge mehr als halbiert. 

Diese deutliche Kehrtwende machte vor allem in Kombination mit der geografischen Neujustierung Sinn. Die USA erlebten seit Ende der 1990er-Jahre auf wirtschaftlicher und politischer Ebene einen erheblichen Bedeutungsverlust. Der japanische Kapitalismus durchläuft gar eine seit 15 Jahren anhaltende Stagnations- und Depressionsperiode. Gleichzeitig stieg China zur neuen Weltmacht auf – nicht zuletzt als Kfz-Produzent und als weltweit größter Absatzmarkt für Pkw. Ein deutscher Daimler-Konzern, der mit einem großen japanischen Hersteller verbunden ist, wäre hier bereits ein Problem gewesen. Eine Verbindung mit Mitsubishi, der Inkarnation des japanischen Imperialismus und der japanischen Rüstungsindustrie, hätte sich als ein enormes Hindernis beim groß angelegten Eintritt in den chinesischen Markt erwiesen.

35 Jahre Daimler-Konzern: * Rang unter den 500 größten Unternehmen der Welt (Global 500/US-Blatt Fortune), ** Rang unter allen Kfz-Herstellern der Welt, *** Gewinne vor Steuern und Zinsen, **** Davon 3,2 Mio in den USA produzierte Pkw. Quelle: OICA
35 Jahre Daimler-Konzern: * Rang unter den 500 größten Unternehmen der Welt (Global 500 / US-Blatt Fortune). ** Rang unter allen Kfz-Herstellern der Welt. *** Gewinne vor Steuern und Zinsen. **** Davon 3,2 Mio in den USA produzierte Pkw. Quelle: OICA

So ist Zetsches Rückbesinnung auf die "Kernmarke" zu verstehen. Tatsächlich steht Daimler in seiner aktuellen Phase vor allem für die – späte – Erkenntnis des Stuttgarter Topmanagements, dass die neue Schlacht in China geschlagen wird. Seitdem findet eine gnadenlose Aufholjagd statt, bei der Daimler vor allem mit Audi und BMW konkurriert. Bei Zetsches Antritt 2007 lag der Anteil, den der chinesische Markt am gesamten Daimler-Umsatz ausmachte, bei rund drei Prozent. 2010 waren es fünf und 2014 bereits rund 20 Prozent. 2015 dürfte die VR China mit rund 25 Prozent und mehr als 250 000 verkauften Kraftfahrzeugen erstmals den größten Absatzmarkt des Konzerns überhaupt darstellen – größer als Deutschland, größer als die USA und größer als Westeuropa ohne Deutschland. 

Wobei auch für Daimler in China gilt: Es wird aus allen vier Rohren geschossen. Daimler ist in China präsent mit Nutzfahrzeugen – mit der Marke Auman, mit Lkw, die von Daimler gemeinsam mit dem Daimler-Partner Foton produziert werden. Daimler ist über die 12-Prozent-Beteiligung an chinesischen Autohersteller BAIC im Sektor Massenherstellung von Mittelklasse-Pkw engagiert. Daimler erzielt schließlich in China die größten Umsatzanteile mit Automobilen der Luxusklasse. Schließlich existiert eine Verbindung von Daimler zum chinesischen Rüstungsunternehmen und Waffenexporteur Norinco.

 

Im März erscheint das Sonderheft "Lunapark 21-Extra" zum Thema "DaimlerWelt – AutoWelt".

Für S-KLasse- und Literatur-Fans empfehlen wir zur Abrundung des Themas eine Kontext-Produktion mit der Filmhochschule Lazi-Akademie aus Esslingen:


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Kommentare

Blinkfeuer, 04.03.2015 10:32
Hier also auch die post- Charlie- Löschbrigade im Einsatz, Chappi!
Bin dann weg............

peter stellwag, 03.03.2015 11:32
Was mit dem blöden - aber in diesem Sinne wohl wahren - Spruch gemeint ist "Abgas aus allen Rohren". Wie seit Berta Benz wird der Profit nur mit Verbrennungsmotoren generiert!
"Kernmarke" heisst hier Kerngeschäft, Kernkompetenz = Verbrennungsmotor. Mehr ist da nicht! Nichts neues, abgesehen von ein paar Gadgets!

Ulrich Frank, 02.03.2015 20:30
Der Herr Zetsche schießt aber nicht nur ("aus allen Rohren"), er bügelt (!) auch - wie in diesen Tagen die Blüten der örtlichen und überörtlichen deutschen Presse berichten: z.B. heute Stuttgarter Nachrichten S.6 "Daimler-Chef Dieter Zetsche ist sich für die Arbeiten des Alltags nicht zu schade und greift sogar ab und an zum Bügeleisen. Er gehe bisweilen selbst einkaufen oder abends auch mal in die Kneipe - dann mit selbst gebügelten Hemd und in Jeans".

Was für ein häuslicher Mann, der Herr Zetsche, der da gar nichts mit speienden Rohren und zugehörigem Moleskin und Stahlhelm zu tun hat - nicht der schießwütige Landser ist er sondern leger und jeansmäßig bodenverhaftet!

Weshalb und wieso diese häuslichen Interna gar jetzt an die Öffentlichkeit dringen - darüber wollen wir uns als gute Menschen gar keine Gedanken machen. Der Eindruck ist korrigiert, und wir sind geplättet!

Thomas, 28.02.2015 19:28
Der Ansatz ist gut, aber leider hat der Autor keine Ahnung von der Automobilindustrie. Beispiel: Der Lkwmarkt ist von der Konjunktur abhängig wie kaum ein anderer Bereich. Daimler erreicht eine gewisse Unabhängigkeit nicht, weil Lkw immer gebraucht werden, wie der Text vermutet, sondern weil der Konzern in allen drei relevanten Märkten vertreten ist: USA, Europa und Südamerika. UND die Konjukturzyklen in diesen Märkten versetzt verlaufen.

Ulrich Frank, 25.02.2015 19:59
Daß der Ausspruch Herr Zetsches "Wir feuern aus allen Rohren", kindisch bzw. kindlich genug aber wohl nicht ganz uncharakteristisch für ein CEO-Gemüt, von der örtlichen Presse, Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten und auch weiterer Medien m.W. nicht auch kritisch kommentiert sondern nur mehr oder weniger zustimmend als catch phrase wiedergegeben wurde - das ist angesichts der herrschenden wirtschaftlichen und mentalen deutschen Siegerlaune und angesichts des Zustands der Medien und ihrer Vertreter leider nur verständlich. Auch die aktuelle Weltlage mag zum merkwürdigen unkritisierten Aufgreifen geführt haben. Daß zu diesen "Schüssen" des Daimler-Konzerns auch zahlreiche Rückrufaktionen gehörten wurde nicht sonderlich erwähnt. Auch daß diese Umsatz-Lorbeeren nur mit relativ veralteter Technik eingefahren wurden wurde nur vereinzelt angesprochen. Eine Kritik der Grünen am befremdlichen Bild blieb selbstverständlich aus - die wohnen mittlerweile im "partnerschaftlichen" Neverland.

Nicht zuletzt aber spricht diese Bemerkung des derzeitigen Daimler-Chefs die Wahrheit an daß Wirtschaft genauso militärisch sei kann wie der Krieg - dort wo es um Zugrundeproduzieren und Abhängigmachen und letztendlich Versklaven geht.

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Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / noch ein Insider, 24.06.2016 18:17
Wem die halbe Wahrheit reicht, der kann diesen Artikel (und auch die zugehörigen Beiträge auf seemoz und bei der StZ) getrost weiter feiern. Jeder sieht, was er sehen will, gell... Absurd, dass ausgerechnet diese Zeitgenossen das Schild...

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