KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


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Produktion um 1906. Foto: Daimler

Produktion um 1906. Foto: Daimler

Ausgabe 167
Zeitgeschehen

Die Untertürkheim-Affäre

Von Dietrich Heißenbüttel und Oliver Stenzel
Datum: 11.06.2014
Der Autobauer Daimler erwirtschaftet im Ersten Weltkrieg enorme Profite. Dabei gerät die Firma mitten im Krieg in den ungeheuerlichen Verdacht, das Kriegsministerium zu betrügen. Der "Fall Daimler" entwickelt sich zu einer der größten Rüstungsaffären in der Militärgeschichte. Teil IX unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Der monatliche Umsatz war von 3,5 auf 31 Millionen Mark, die Belegschaft von 5155 auf 24 691 Mitarbeiter gestiegen: Das war die Erfolgsbilanz des größten württembergischen Industrieunternehmens im Ersten Weltkrieg. Kriegsgewinnler? Das konnte nie bewiesen werden.

Die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) war 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, längst nicht mehr die Werkstatt der Erfinder Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Sie war aber auch noch nicht der Konzern Daimler-Benz, zu dem sich die früheren Konkurrenten erst nach Krieg und Inflation 1926 zusammenschlossen. Die DMG gab es seit 1890: Daimler brauchte Kapital, in der Aktiengesellschaft hatte er dann allerdings auch nicht mehr das Sagen. Kurz nach seinem Tod im Jahr 1900 hatte die DMG als zweite Produktionsstätte ein Unternehmen in Berlin-Marienfelde übernommen und ein 185 000 Quadratmeter großes Baugebiet in Untertürkheim erworben. Da das alte Werk in Bad Cannstatt in der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1903 abgebrannte, erfolgte der Umzug schneller als geplant. Er war mit einem sprunghaften Wachstum verbunden: In eineinhalb Jahren wuchs die Belegschaft von 821 auf 2200 Mitarbeiter.

Unmittelbar vor den Ersten Weltkrieg arbeiteten in Untertürkheim 4614 Arbeiter und 541 Angestellte, Beamte genannt. Das einstige Weinbauerndorf, das 1905 nach Stuttgart eingemeindet worden war, konnte diese nicht alle beherbergen. 1911 hatte sich eine Baugenossenschaft gebildet, die mit Unterstützung des Unternehmens nach Bauland suchte. 1913 konnten die ersten Arbeiter in der Gartenstadt Luginsland einziehen. Daimler war zu jener Zeit nach Benz der zweitgrößte Automobilhersteller in Deutschland. 1567 Automobile wurden 1913 in Untertürkheim gebaut, 358 Nutzfahrzeuge in Berlin-Marienfelde und darüber hinaus Flug-, Schiffs- und andere Motoren. Es sollten sehr schnell noch viel mehr werden.

Nach Feierabend, 1908. Foto: Daimler
Nach Feierabend, 1908. Foto: Daimler

Die Kriegsvorbereitungen hatten bereits 1907 begonnen. In der Ersten Marokkokrise hatte sich gezeigt, dass das Deutsche Reich bis auf Österreich-Ungarn keine Bündnispartner hatte und seine Interessen auf diplomatischem Wege nicht durchsetzen konnte. Es begann eine Politik der Aufrüstung. Ab 1908 wurden Lkw mit Anhänger für eine Nutzlast von vier bis sechs Tonnen, die im Kriegsfall an die Armee auszuliefern waren, mit einer einmaligen Beschaffungsprämie in Höhe von 4000 Mark und Betriebsprämien bis zu 1000 Mark jährlich bezuschusst. Dies brachte die Produktion ein wenig in Gang: Bis dahin gab es im gesamten Reich nicht mehr als 1200 Lastwagen, bei Kriegsbeginn waren es über 9000. Allerdings wurden nur 650 Subventionslastzüge ans Heer ausgeliefert. Mit der DMG schloss die Armee 1907 und 1910 zwei Verträge, die das Unternehmen verpflichteten, Pkw und Subventionslastwagen im Ernstfall kriegstauglich zu präparieren.

Vor dem Krieg hatte Daimler vor allem Pkw gefertigt, von denen ungefähr die Hälfte in den Export ging. Damit war es 1914 vorbei. Nutzfahrzeuge wurden nun wichtiger, auch wenn ihre militärische Bedeutung noch nicht richtig eingeschätzt wurde. Pkw wurden vor allem zum Krankentransport eingesetzt, Lkw mit leichten Flakgeschützen ausgestattet. Ein Problem war der Mangel an Rohstoffen wie Nickel und Kautschuk. Pkw fuhren mit Vollgummireifen, Lkw in der Regel noch mit Eisenrädern. Ein Großteil des militärischen Materials gelangte jedoch weiterhin mittels Pferdefuhrwerken zur Front. Auf französischer Seite kamen dagegen bereits 1916 auf der Voie Sacrée, dem Nachschubweg nach Verdun, in großem Umfang Lastwagen zur Anwendung, während die britische Armee an der Somme erstmals Panzer einsetzte. In der Folgezeit orderte die deutsche Armee Zugmaschinen für schwere Geschütze, an erster Stelle 1129 Einheiten des Typs KD 1, hergestellt von Daimler und Krupp. Noch wichtiger wurden sehr schnell die Flugmotoren. Im Sommer 1915 entstand in Böblingen der erste württembergische Flughafen. Gleich daneben errichtete Daimler eine Fabrik, in der ab 1916 Flugmotoren hergestellt wurden. Dies war der Ursprung des Sindelfinger Werks. Insgesamt entstanden fast 20 000 Flugmotoren, 46 Prozent der deutschen Produktion, sowie 265 ganze Flugzeuge.

Daimler liefert keine brauchbaren Kalkulationen für seine Preise

Im Frühjahr 1918 geriet die Firma allerdings in Verdacht, ihre gewaltigen Profite teils durch Betrug erzielt zu haben, was als "Fall Daimler" bekannt und zur größten Rüstungsaffäre in Deutschland im Ersten Weltkrieg werden sollte. Am Anfang standen dabei von Daimler geforderte Preiserhöhungen für Flugmotoren, wofür das preußische Kriegsministerium im Gegenzug nachprüfbare Kalkulationen verlangte. Darauf reagierte Daimler-Direktor Ernst Berge am 18. Februar 1918 mit einem Drohbrief an das Kriegsministerium: Detaillierte Kalkulationen könnten nicht vorgelegt werden, da dies nicht rechtmäßig sei. Und sollte der Staat nicht bereit sein, für Rüstungsgüter höhere Preise zu zahlen, drohte Berge damit, Nachtschicht und Überstunden zu streichen und dadurch die Produktion massiv einzuschränken.

Daimler-Modell 1915. Foto: Wikimedia
Daimler-Modell 1915. Foto: Wikimedia

Der Erpressungsversuch ging gleichwohl nach hinten los. Das Kriegsministerium schickte prompt eine Kommission nach Stuttgart, die Daimler nun ihrerseits drohte, den Betrieb zu "militarisieren", also unter militärische Aufsicht zu stellen. Daraufhin zog der Daimler-Vorstand seine Drohung zurück und sicherte sogar eine weitere Produktionssteigerung sowie Einsicht in alle Betriebsunterlagen zu.

Das Militär übernimmt die Aufsicht in Untertürkheim

Zum Skandal wurde der "Fall Daimler" aber erst, als der Verdacht aufkam, die vorgelegten Kalkulationen seien gefälscht worden. Der frühere Daimler-Angestellte Hans Wohlich hatte zur Anzeige gebracht, dass der Unternehmensvorstand die Rohstoffkosten in der Kalkulation bewusst zu hoch angesetzt habe, um höhere Preise zu erzielen. Anfang März erfuhr davon der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Willi Stöve, Mitglied eines im November 1917 eingesetzten Untersuchungsausschusses, der unter anderem die Profite von Rüstungsunternehmen prüfen sollte. Daraufhin forderte der Ausschuss bei seiner nächsten Sitzung eine Militarisierung von Daimler, was die Militärbehörden zunächst zurückwiesen. Mittlerweile war das Thema aber bereits in die Presse gelangt und der öffentliche Druck so groß, dass am 6. März das Unternehmen unter militärische Aufsicht gestellt und der Vorstandsvorsitzende Berge suspendiert wurde. Bis zum 9. Dezember 1918, einen Monat nach Kriegsende, überwachten bei Daimler zwei Offiziere die Produktion und die Geschäftsführung.

Modell 1918. Foto: Wikimedia
Modell 1918. Foto: Wikimedia

Weitere direkte Folgen für das Unternehmen hatte der "Fall Daimler" nicht; die Untersuchungen zogen sich zwar noch Jahre hin, wurden aber am 9. November 1923 eingestellt, ohne dass eine betrügerische Preiskalkulation nachgewiesen werden konnte. Auch heute halten sich die Historiker mit der Bewertung zurück, die sich schon allein aufgrund der damaligen Rechnungsführung als schwierig erweist. In der Öffentlichkeit und an der Front sorgte die Affäre aber für deutlichen Unmut über die Daimler-Motoren-Gesellschaft, die vor allem unter der Arbeiterschaft sinnbildlich für die Kriegsgewinnler allgemein zu stehen schien. "Störst du meinen Profit, so schränke ich meinen Motorenbau ein", mokierte sich der sozialdemokratische "Vorwärts" am 13. März 1918 über die Daimler-Direktion und fragte: "Streikende Heereslieferanten ... mit welchem Recht haben sie doch über streikende Arbeiter zu Gericht gesessen!"

Im Bericht eines bayrischen Infanterieregiments vom 31. März 1918 ist vermerkt, die "Daimler-Sache" habe unter den Soldaten "viel böses Blut gemacht", es herrsche "allgemeine Mißstimmung gegen die Fabrikanten und Aktionäre, die in völliger Sicherheit Riesengewinne einstreichen von dem Gelde, das die Leute bei der Kriegsanleihe zeichnen." Und die weit verbreitete Soldatenzeitung "Sozialdemokratische Feldpost" sprach vom "Daimler-Schwindel", dieser möge " nun auch die Augen der breiten Volksschichten stärker auf die Fülle des Geldsegens lenken, den der Krieg über die Kapitalisten ausschüttet".

Mit dem Geldsegen war es nach dem Krieg zunächst einmal wieder vorbei. Flugmotoren und Artillerieschlepper wurden nicht mehr gebraucht und durften nicht länger hergestellt werden. Es gab gebrauchte Heeresfahrzeuge in Hülle und Fülle und nur wenige solvente Abnehmer für Neufahrzeuge. Die Pkw-Produktion war zum Erliegen gekommen und musste erst neu aufgebaut werden, ebenso das Exportgeschäft. Die Belegschaft war allerdings im Vergleich zur Vorkriegszeit auf das Fünffache angewachsen. Anfang November 1918 waren in Untertürkheim noch rund 15 000 Arbeiter beschäftigt, Ende Januar 1919 waren es nur noch 8833. Und selbst die arbeiteten zum Teil nur in Fünfstundenschichten.

Untertürkheim in den Zwanzigerjahren. Foto: Daimler
Untertürkheim in den Zwanzigerjahren. Foto: Daimler

Zu einer Politisierung der Arbeiterschaft kam es auch infolge der Novemberrevolution. Am 9. November 1918, als Karl Liebknecht und Philipp Scheidemann in Berlin fast gleichzeitig die Republik ausriefen, waren auch in Stuttgart so viele Menschen auf der Straße wie nie wieder vor 2010. Arbeiter aus Württembergs größtem Industriebetrieb, dem Untertürkheimer Daimler-Werk, standen im Mittelpunkt der Bewegung. Vorerst hingen sie mehrheitlich der SPD an. Aber nicht nur die Entlassungen, auch der Stinnes-Legien-Pakt zwischen Industrie und Gewerkschaften am 15. November führten zu einer Radikalisierung. Im Gegenzug gegen die Einführung des Achtstundentags und die Alleinvertretung der Arbeiterschaft hatten die Gewerkschaften versprochen, die Produktion aufrechtzuerhalten und wilde Streiks zu verhindern. Nachdem dann auch noch Friedrich Ebert ab dem 10. Januar den Spartakusaufstand in Berlin mit Hilfe von Freikorps niederschlagen ließ und fünf Tage später Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, fühlten sich die Genossen verraten.

Rudolf Steiner hält Vorträge vor der Belegschaft

Als Ende Januar die Untertürkheimer Arbeiter eine neue Vertretung wählten, erlangten die USPD und der Spartakusbund die Mehrheit. Während sich die württembergische Metallindustrie "aus Angst vor russischen Verhältnissen" dem Stinnes-Legien-Abkommen anschloss, wurde der tonangebende Teil der Daimler-Arbeitnehmerschaft zur "Vorhut der Revolution" – jedenfalls in der Sicht des württembergischen Innenministeriums. Im Daimler-Vorstand schrillten die Alarmglocken. Insbesondere Paul Riebensahm, Vorstandsmitglied seit 1. Oktober 1918, war um Ausgleich bemüht. Mit Kinovorführungen, Vorträgen unter anderem von Rudolf Steiner, Betriebssportveranstaltungen, an denen auch die Betriebsleitung teilnehmen sollte und einer Werkzeitung zur Bildung und Unterhaltung der Arbeitnehmer wollte er den Betriebsfrieden wiederherstellen. In den Worten des Redakteurs Eugen Rosenstock-Huessy sollte der Betrieb wieder "eine Sprache sprechen", denn "wenn etwa die Direktion anthroposophisch, die Beamten demokratisch, die Arbeiter spartakistisch begeistert werden", löse sich die Einheit des Werks auf.

Daimler-Vorstandsvorsitzender Ernst Berge. Foto: Daimler
Daimler-Vorstandsvorsitzender Ernst Berge. Foto: Daimler

Der Betriebsfrieden hielt bis Mitte 1920. Während Riebensahm eine akademische Laufbahn einschlug und Rosenstock-Huessy die Werkzeitung noch größer herausbringen wollte, standen die Arbeiter am 25. August morgens plötzlich vor verschlossenen Werkstoren. Bewaffnete Polizeieinheiten hielten das Gelände besetzt und drohten mit Schusswaffengebrauch. Vordergründig ging es um die reichsweite Einführung einer zehnprozentigen Lohnsteuer, welche die linken Arbeitnehmervertreter ablehnten, die seit den letzten Betriebsratswahlen im März mit 17 von 22 Sitzen die Mehrheit stellten. Es kam zum Generalstreik. Die Betriebsleitung antwortete mit der Entlassung der gesamten Belegschaft – die in Wirklichkeit längst geplant war. Als das Werk Ende September seine Tore wieder öffnete, arbeiteten dort nur noch um die 3500 Arbeiter und 585 Angestellte, halb so viele wie vorher.

Ob sich Daimler im Krieg bereichert hat, diese Frage ist auch aus einem historischen Abstand von 100 Jahren schwer eindeutig zu beantworten. Sicher ist, dass der Erste Weltkrieg dem Unternehmen, auch wenn die Situation bis zur Fusion mit Benz krisenhaft blieb, auf lange Sicht sehr genützt hat. Wie Vorstandsvorsitzender Ernst Berge so trefflich resümierte: "Der Krieg mag uns viel Erschreckendes gezeigt haben, aber für die Motorisierung war er die denkbar beste Propaganda. Durch diesen Krieg wurde der ganzen Welt die Unersetzlichkeit des Automobils vorgeführt."


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Kommentare

libuznik, 30.06.2014 01:33
Das ehrbare Trugbild unserer schwaebischen Tugendbolde versteckt unzaehlige Verbrechen . In den faschistischen Diktaturen Deutschlands, Suedafrikas & Lateinamerikas gewann der Muster-Konzern seine Profite fuer masslosen Blutzoll. Wann & wo immer deutsche Friedensbringer im Namen sog. Verantwortung Krieg fuehren, Daimler-Benz ist tuechtig dabei & sorgt dafuer, was kaufmaennisch hernach zu Kollateralschaeden umgebucht wird.

Ein paar weitere Quellen aus der Neuzeit:
http://www.ag-friedensforschung.de/themen/export/graesslin4.html
http://labournet.de/branchen/auto/dc/ar/deutsch.html
http://labournet.de/branchen/auto/dc/ar/deutsch.html
http://jungle-world.com/artikel/2000/27/27369.html
http://jungle-world.com/artikel/2010/11/40553.html
http://www.rib-ev.de/category/rustungsexporte/page/5/
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Zum Jubilaeum 1986 erschien die hier hinterlegte Zwischenbilanz:
https://drive.google.com/?tab=mo&authuser=0#folders/0B50qB9hjokpLOUE5aUJkTV94Y1U
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Heuer heisst die charmante Losung fuer solche Firmentradition "Rendite mit Anstand" (Zetsche).

Floh, 13.06.2014 11:04
Das der Ukraine unterbreitete Assoziierungsabkommen beinhaltet auch eine engere militärische Zusammenarbeit mit der NATO!!
Diese ungeheuerliche Provokation von Russland (und das war nicht das erste mal seit sich die Warschauer Pakt Staaten aufgelöst haben und es den "Kalten Krieg" nicht mehr gibt) nenne ich Kriegstreiberei ohne die Bevölkerung zu fragen bzw. aufzuklären (was eh nicht mehr anständig geschieht)!!
Das Morden von Menschen in der Ukraine hat die EU und die NATO (mit) provoziert und zu verantworten. Und das hat nichts damit zu tun Russland rein zu waschen. Ich als Teil der Bevölkerung möchte so eine Politik nicht! Ich als Teil der Bevölkerung habe kein Feindbild und brauche keins!

Doris, 12.06.2014 09:16
Alle Konzerne haben gegen Krieg nichts einzuwenden solange sie (insbesondere die einzelnen Personen der Führungsebenen) sich daran (am Tod) bereichern können - selbstverständlich würde dies nie jemand zugeben und jeder weit von sich weisen (Ausnahmen bestätigen die Regel: siehe den Film "Schindlers Liste" von Spielberg).
Das Beispiel Ukraine zeigt m.E. deutlich das die europäische Wirtschaft und Politik aggresiv genug ist bzw. bereit ist ein Land in den (Bürger)Krieg zu stürtzen (siehe das der Ukraine von der EU unterbreitete und damit Russland provozierende Assoziierungsabkommen) um wirtschaftliche Interressen/Profitaussichten durzusetzen bzw. neue Märkte zu erschließen!

Zum Thema Auto:
Alles hat seine Zeit - auch das Automobil/der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor, sprich mit fossilen (nicht erneuerbaren/nicht nachhaltigen) Brennstoffen. Das möchte ich überhaupt nicht in Abrede stellen!
Vernünftig denkende Menschen (und davon haben wir massenhaft) sollten heutzutage jedoch einsehen, dass diese Art der individuellen Fortbewegung schon seit Jahren aus vielerlei Gründen geächtet gehört. Dazu gehört nicht nur die unglaubliche Umweltzerstörung und Verschmutzung (die für uns an der Tankstelle und mit 140 km/h auf der Autobahn natürlich weit weg ist). Dazu gehört auch die Tatsache, dass für ein vermeintliches Gefühl der Freiheit (freie Fahrt für freie Bürger) ein hoher (und immer höher werdender) Preis eines jeden einzelnen Autofahrers an die Öl- und Autokonzerne, den Staat (Mineralölsteuer), die Versicherungen, die Werkstätten, etc., etc. gezahlt wird. Bei jedem Kilometer im Stau klingelt dort die Kasse!
Auch wenn der Gedanke für eingefleischte Autofahrer (war ich auch einmal) etwas Überwindung bedarf, aber die freiere, bequemere und günstigere Art der Fortbewegung liegt im Ausbau des öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehrs Landes- und Bundesweit. Dies ist m.E. in unser aller Interesse!
Mit dem politischen Willen im Rücken (der heute nicht da ist) liegen hierin ungeahnte Möglichkeiten einen riesigen, der öffentlichen Daseinsfürsorge unterstehenden Wirtschaftszweig aufzubauen mit hunderttausenden anständiger Arbeitsplätze!
Wer eine Ahnung davon bekommen möchte wie gut es sich anfühlt mit öffentlichen Verkehrsmitteln an jedes Ziel schneller und bequemer zu gelangen wie mit dem Auto, sollte sich in einer größeren Stadt (z.B. Stuttgart oder Berlin) einmal ein Tagesticket besser noch ein Wochen- oder Monatsticket kaufen und den hier i.d.R. optimal ausgebauten/getakteten öffentlichen Verkehr testen.

FernDerHeimat, 11.06.2014 07:49
Bei Daimlers (alten wie neuen) Verbrechen sollte man immer auch Gaby Weber erwähnen:

http://gabyweber.com/

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