KONTEXT Extra:
Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 188
Debatte

Die Welt braucht Wachhunde

Von Susanne Stiefel
Datum: 05.11.2014
Es tut sich was in der deutschen Zeitungslandschaft, jenseits der großen und kleineren Verlage. Krautreporter ist nur das jüngste Beispiel dafür. Es wird wieder über die Wächterfunktion der Presse diskutiert und nicht nur in Endlosschleifen darüber lamentiert, wie schlecht es den Verlagen angeblich geht. Und darüber, was der Gesellschaft guter Journalismus wert ist.

Längst hat sich eine journalistische Parallelgesellschaft gebildet. Lokale Blogs wie Seemoz am Bodensee oder der rheinneckarblog in Mannheim. Regionale Online-Zeitungen wie die Kontext:Wochenzeitung oder die Ruhrbarone. Das investigative Recherchebüro Correctiv in Berlin und seit Neuestem die Krautreporter, die im Oktober mit großem Medienhype gestartet sind: Sie alle greifen Themen auf, die lokal, regional oder national liegen bleiben, weil es den Anzeigenkunden der Verlage nicht gefällt, den Verlegern politisch nicht opportun erscheint oder weil das Geld für aufwendige Hintergrund-Recherchen ihre Gewinne schmälert. "Die Zeiten für Aufbruch und neue journalistische Abenteuer könnten nicht besser sein", schreibt der Correctiv-Mitbegründer und investigative Journalist Daniel Drepper.

Die Seemoz aus Konstanz. Screenshot
Die Seemoz aus Konstanz. Screenshot

Er hat recht. Wenn Journalismus zur Ware wird, bleibt der öffentliche Auftrag auf der Strecke. Und der heißt immer noch: Aufklärung, Hintergründe aufzeigen, Missstände öffentlich machen. Oder um es mit Heribert Prantl zu sagen: "Guter Journalismus ist das Brot der Demokratie."  Unsere Gesellschaft braucht solche journalistischen Abenteuer, weil sie Wachhunde braucht. Vor allem in Zeiten der Finanzkrise, der großen Schere zwischen Arm und Reich, der politischen Krisenherde und der immer lückenloseren Überwachung. Den Mächtigen auf die Finger zu schauen ist wichtiger denn je.

Das sehen auch immer mehr Bürger so, die sich engagieren gegen Klimawandel oder sinnlose Großprojekte, die unabhängig und kompetent informiert werden wollen. Doch sind sie auch bereit, dafür zu zahlen? Bei den Krautreportern ist das so – zumindest für ein Jahr. Bei der Kontext:Wochenzeitung ist das so, das zeigen unsere 1500 Soli-Abonnenten und 270 Vereinsmitglieder. Doch wird es bei den Krautreportern auch im nächsten Jahr noch klappen? Wird die Kontext:Wochenzeitung weitere Unterstützer gewinnen, um die Zukunft zu sichern? Das Geld bleibt knapp.

Es ist immer ein Wagnis, neue Wege zu gehen. Es muss Altes und Morsches weg und es bedeutet oft Umwege, weil das Gelände jenseits der Verlagsstrukturen unübersichtlich ist. Es bedeutet, auch Fehler zu machen auf dem Weg zu einem unabhängigen, kritischen Journalismus. Der Königsweg wurde noch nicht gefunden, doch viele sind schon aufgebrochen, und das ist erfreulich. Sie erobern Neuland, machen möglich, was unmöglich erschien.

Der Correctiv-Blog aus Berlin. Screenshot
Der Correctiv-Blog aus Berlin. Screenshot

Das Internet, dieser öffentlich zugängliche Raum jenseits von Rotation und Vertrieb, ist dafür eine Chance. Und die Abenteurer bringen nicht nur eine neue Vielfalt und gut recherchierte Inhalte, sondern auch die medienpolitische Debatte voran. Qualitätsjournalismus ist nicht mehr nur ein Wort, das Verleger in Sonntagsreden im Mund führen. Die Pioniere eines unabhängigen Journalismus im Netz fühlen sich dem Grundgesetzauftrag verpflichtet und versuchen umzusetzen, worüber viele nur klagen: Qualität.

Doch dazu braucht es nicht nur engagierte und ausgebildete Journalisten. Dazu braucht es auch Organisationsformen jenseits der Verlagsstrukturen, Stiftungen mit Recherche-Stipendien wie in den USA, und vor allem die Klärung der Gemeinnützigkeit. Warum eigentlich ist der Kaninchenzüchterverein gemeinnützig, Journalismus jedoch nicht?

Das will die FDP(!) in Nordrhein-Westfalen ändern, und davon sollen die journalistischen Neugründungen im lokalen und regionalen Rahmen profitieren. Solche gemeinnützigen Zeitungs-GmbHs, Stiftungen oder Vereine dürften keine Gewinne erzielen. Damit sitzen die NRW-Liberalen in einem Boot mit dem Netzwerk Recherche, das sich die Pflege des investigativen Journalismus und die Qualitätssteigerung der Medien auf die Fahnen geschrieben hat. Und noch einer sitzt im Boot der Gemeinnützigkeit: der renommierte Zeitungsforscher Horst Röper, der diese Nachbarschaft souverän lächelnd zur Kenntnis nimmt.

Ungeheuerliche Gedanken: Medienspezialist Horst Röper beim Journalisten-Tag Baden-Württemberg 2013. Foto: Joachim E. Röttgers
Ungeheuerliche Gedanken: Medienspezialist Horst Röper beim Journalisten-Tag Baden-Württemberg 2013. Foto: Joachim E. Röttgers

Wer sich wie der Chef des unabhängigen Formatt-Instituts in Dortmund seit Jahrzehnten mit der Presselandschaft beschäftigt und sich genauso lange für Medienvielfalt, Recherche und Qualität einsetzt, freut sich über jeden Mitstreiter aus der Politik.

In NRW tut sich was. Dort gibt es derzeit nicht nur den FDP-Vorstoß für Gemeinnützigkeit. Nordrhein-Westfalen ist auch das erste Bundesland, in dem sich die Politik zuständig fühlt für guten Journalismus. Die rot-grüne Landesregierung will mit der Stiftung "Partizipation und Vielfalt" digitale Publikationsstrukturen fördern und über Stipendienvergabe Rechercheprojekte unterstützen. Dafür zwackt sie 1,6 Millionen Euro via Landesanstalt für Medien von den Rundfunkgebühren ab, und schon ist das Geschrei groß: Eine Stiftung für Journalismus, finanziert aus der Rundfunkgebühr – das sei verfassungsrechtlich bedenklich, die Politik wolle sich die Presse krallen, bastle nach dem Rundfunk auch noch an einem Zugriff auf Print- und Online-Medien.

Einmal abgesehen davon, dass man mit 1,6 Millionen Euro wenig stemmen kann und dieser Schritt daher eher symbolisch ist. Und man kann sich zudem trefflich darüber streiten, ob die Staatsferne beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk klappt oder nicht und ob das Programm dort zur journalistischen Nachahmung immer einlädt. Doch warum nicht darüber nachdenken, auch Printmedien öffentlich-rechtlich zu organisieren? Es muss möglich sein, ohne Tabus über geeignete Formen nachzudenken, um für die Aufgabe von Medien, ihrer Wächterfunktion, eine geeignete Plattform zu finden, wenn es die Verleger nicht schaffen. Vor allem aber ist die NRW-Stiftungs-Initiative ein erster erkennbarer Schritt der Politik. Das Thema steht auf der Agenda, die Politik kann sich nicht drücken. Horst Röper sieht in dem Vorstoß aus Düsseldorf gar eine Blaupause für andere Bundesländer.

Die Krautreporter aus Berlin. Screenshot
Die Krautreporter aus Berlin. Screenshot

Nun ist das Zeitungssterben in NRW ein größeres Problem als in Baden-Württemberg. Das mag ein Grund dafür sein, dass Alexander Salomon, medienpolitischer Sprecher der baden-württembergischen Grünen, wenig vom rot-grünen Konzept aus NRW hält. Doch der gebetsmühlenartig vorgetragene Appell, die Verlage sollen sich mehr Gedanken machen und nicht nur Leute entlassen und damit den Tod auf Raten organisieren, hilft auch nicht weiter. Die Politik kann sich nicht herumdrücken, nur weil das Gelände vermint ist und wer wiedergewählt werden will, das Wohlwollen der örtlichen Medien, sprich Verlage braucht.

Die Politik brauche endlich auch ein Instrumentarium, um die Pleite großer Zeitungen zu verhindern, sagt Röper. Noch so ein ungeheuerlicher Gedanke! Doch warum auch sollte der Zusammenbruch einer großen Bank systemrelevanter für eine demokratische Gesellschaft sein als der Zusammenbruch einer großen Zeitung? Zuallererst jedoch braucht es in der Politik eine gründliche Analyse der Ist-Situation in der Medienlandschaft. Seit die Pressestatistik 1996 abgeschafft wurde, weiß keiner mehr so genau, wie viele Zeitungen es in den einzelnen Bundesländern gibt. Es braucht auch eine Analyse der Rahmenbedingen von Journalismus. Dann kann genau geklärt werden, was getan werden muss. Auch politisch.

Beides, die politischen und die journalistischen Initiativen, befeuern eine öffentliche Debatte in der Gesellschaft und stärken die Verantwortung der Politik: Was ist uns Qualitätsjournalismus wert? Und dafür reicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht aus. Dazu braucht es auch das geschriebene Wort. Gedruckt oder online.

Das müssen sich übrigens auch die BürgerInnen fragen. Wie wichtig ist ihnen eine unabhängige und kritische Berichterstattung und damit die Teilhabe an demokratischen Entscheidungsprozessen? Wollen sie zahlen für etwas, was sie auch umsonst im Netz bekommen können? Ein Bewusstsein dafür ist in den USA mit seiner anderen Spendenkultur ausgeprägter. Dort wird mit Propublica bereits seit sechs Jahren ein Non-Profit-Newsdesk für investigativen Journalismus finanziert – über eine Stiftung. Mit Millionen.

De Correspondent aus den Niederlanden. Screenshot
De Correspondent aus den Niederlanden. Screenshot

Und auch in den benachbarten Niederlanden publiziert das Onlinemagazin De Correspondent seit einem starken Jahr Analysen, Reportagen und Hintergrundstücke – ohne Verlag und ohne Anzeigen, dafür mit dem Geld von Bürgern, denen guter Journalismus viel wert ist. "Ich brauche keine Investoren, sondern Mitglieder", sagt der Initiator und Journalist Rob Wijnberg. Mehr als 35 000 Menschen hat er mittlerweile gewonnen, das entspricht einem Jahresumsatz von mehr als zwei Millionen Euro. Davon kann man in Deutschland nur träumen.

Verleger jammern über das Internet, weil es kostenlos Inhalte bietet und ihr Geschäftsmodell kaputt macht. Für einen journalistischen Aufbruch ist es eine Chance. Es gibt im Internet bereits vernünftige Formen von Journalismus, Spartenangebote wie Stefan Niggemeiers Medienblog, ambitionierte Rechercheprojekte wie Correctiv, Angebote, die sich positiv vom Boulevard abheben. Man braucht kein Millionenbudget mehr, um etwas Neues anzufangen. Für kritische Medien ist das Internet eine Chance, weil es Experimente und Innovationen ermöglicht. Der Nachteil ist nach wie vor, dass es bisher nur mit Selbstausbeutung geht, "einen Riesenmurks" nennt das Röper.

Bleibt zu hoffen, dass sich auch das noch ändert. Zum Wohle eines Journalismus, der nicht auf Gewinn-, sondern auf Qualitätsmaximierung ausgerichtet ist.


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Kommentare

manfred fischer, 19.07.2016 15:24
Zeitungen haben vor allem als Sprachrohr für ihre LeserInnen zu dienen.
Gemeinsam die Dinge anzugehen, die gerade im Raum stehen und nicht nur von ein paar Experten bewertet werden.
Der - die LeserIn ist inzwischen mündiger geworden, will mit entscheiden, dabeisein

Manfred Fischer . Mannheim

Ulrich Frank, 11.11.2014 22:51
@Peter S., 10.11.2014 11:07h - Ihre Bemerkung halte ich für sehr richtig. Wo Personen agieren - und, wenn es den Anschein des Erfolgs hat, den Ruhm ja sehr gerne und ohne Bescheidenheit für sich persönlich und namentlich in Anspruch nehmen - da müssen auch Namen genannt werden. - Wie Kommentator Jupp darauf kommt unser Land würde "mittig" regiert - woraus er das schließt, und was er, luftig, für "Mitte" hält - das würde ich schon gerne einmal wissen.

Tillupp, 11.11.2014 15:55
peter panther, 10.11.2014 17:33
"guter journalismus und taz sind gegensätze"

Widerspruch, oder können Sie Ihre Aussage begründen? Man muss ja nicht in allen Punkten mit der Taz einer Meinung sein (geht auch gar nicht, weil manchmal Pro-und-Contra gegenübergestellt werden), aber die Taz macht einen hervorragenden Job. Es gibt keine gedruckte Zeitung die ich lieber lese als die Taz. Den Mannheimer Morgen als für wirklich schlechten Journalismus (oberflächlich, tendenziös, einseitig; vor allem im Regionalteil) habe ich auch abonniert. Vielleicht gefällt der Ihnen besser?

peter panther, 10.11.2014 17:33
guter journalismus und taz sind gegensätze

Schwabe, 10.11.2014 16:15
Ergänzender Infolink zu meinen beiden Kommentaren vom 05. und 09.11.2014 (Was unsere Leitmedien verschweigen):
Die Bundesregierung verursacht "Millionenschäden" - http://www.nachdenkseiten.de/?p=23885

Peter S., 10.11.2014 11:07
Hallo Jupp, sie schreiben "Kontext schreibt leider aber auch gerne gegen einzelne Personen statt sachlich zu bleiben." und erwähnen u.a. Schuster und Grube im Bezug auf S21. Man könnte auch noch den Häussler nennen.
Wenn ich bei kritischer Betrachtung eines Sachverhaltes (z.B. Schusters Trick bei 62000 Unterschriften, Grubes Sollbruchstelle 4,5 Mrd, Häusslers Versagen bei Sant Anna) ein Fehlverhalten bestimmter Personen sehe, dann ist das eben von der Person nur schwer zu trennen. Ein gigantisches Steuerbetrugsmodel wie S21 entsteht nicht aus Zufall, sondern hat eben viele Akteure (z.B. Öttinger) und Profiteure (z.B. Pofalla). Die wenigsten Dinge auf der Welt entstehen aus Zufall, sondern weil einige Personen sich einen Vorteil aus einem bestimmten Verhalten erhoffen. Und wenn, wie bei S21 über Jahrzehnte massiv gelogen wird, dann ist das eben auch schwacher Journalismus. Von Journalisten erhoffe ich mir, dass sie möglichst vor einer Katastrophe ( Deepwater Horizon, Finanzkrise Anzeichen) den Finger in die Wunde legen. Späte Einsicht wie hier http://www.spiegel.de/politik/ausland/jean-claude-juncker-muss-sich-zum-luxemburger-steuermodell-erklaeren-a-1001899.html ist zwar nett, aber so eine Ausrede möchte ich nur einmal hören.

Jupp, 10.11.2014 07:08
@schwabe
Prima Artikel. Gute Seite. Danke für den Tip.
Angenehm wird dort sachlich das Thema abgehandelt.
Mir gefällt, dass dort entpersonifiziert wird.
Es geht um die Sache und nicht um Weselsky oder Grube.
Kontext schreibt leider aber auch gerne gegen einzelne Personen statt sachlich zu bleiben.
Siehe viele S21-Artikel die sich direkt gegen Grube, Dietrich, Schuster etc. richten. Ich denke aber dass die Abonnenten das gerne lesen.
Es ist halt einfach, den Groll auf einzelne Personen abzuwälzen.

Schwabe, 09.11.2014 18:51
95 % (so meine vorsichtige, persönliche Schätzung) unserer sogenannten "Leitmedien" wie Tageszeitungen, Radio, TV, etc. welche von der großen Mehrheit der Bevölkerung tagtäglich konsumiert wird, betreiben eine unseriöse, sprich nicht vollständig aufklärende, einer Demokratie deshalb nicht würdige, rechtzeitige Informationspolitik, bei für die Verantwortlichen wichtigen politischen Themen (Halbwahrheiten sind die schlimmsten Lügen)!

Wie bereits erwähnt ist die Tarifauseinandersetzung der GDL mit der Deutschen Bahn AG ein Paradebeispiel hierfür!
Siehe http://www.nachdenkseiten.de/?p=23873

In einer funktionierenden Demokratie - was einen investigativen Journalismus voraussetzt - spielt die Diskussion politisch mitte/links/rechts eine nur untergeordnete Rolle, da Demokratie alle politischen Lager angehen sollte und ein investigativer Journalismus die für eine Demokratie sehr sehr wichtige ausgleichende (Kontroll)Funktion übernimmt (welche in Deutschland m.E. nur noch rudimentär vorhanden ist).
Aus diesem Grund nochmal der Hinweis auf obigen Infolink http://www.nachdenkseiten.de/?p=23873. Machen Sie sich einmal die Mühe, die (Sach)Informationen die Sie dem Infolink entnehmen mit Ihrem Kenntnisstand aus den Leitmedien zu vergleichen (vor allem zu Beginn der Tarifauseinandersetzung).

Jupp, 08.11.2014 19:29
@moebius
Da machen Sie es sich zu einfach. Wir werden in unserem Land zum Glück sehr mittig regiert. Das ist wirklich ein großes Glück.
Für viele Foristen und Schreiber ist ja der Kretschmann schon rechts.
Und der Kuhn spätestens seit seinem Interview heute in der STZ auch.

Moebius, 07.11.2014 12:44
@ Jupp: "Ist Qualitätsjournalismus automatisch links?"

Nein, aber Qualitätsjournalismus hinterfragt und deckt Widersprüche auf; damit schlägt er immer Kerben in das Narrativ der Mächtigen. Wenn die Mächtigen rechts der Mitte stehen, findet man damit üblicherweise mehr Qualitätsjournalismus links der Mitte. Fast niemand schafft es, gegen die "eigenen Leute" so kritisch zu sein wie gegen die "andere Fraktion".

Schwabe, 05.11.2014 20:10
@Martin Ebner
Es stellt sich nicht die Frage ob "..immer mehr Bürger unabhängig und kompetent informiert werden wollen.."!
Journalismus muss in einer Demokratie unabhängig und umfassend Informieren, damit sich jeder (insbesondere der durchschnittliche Konsument) eine eigene Meinung bilden kann! Wie steht es in obigem Artikel so schön geschrieben: "Guter Journalismus ist das Brot der Demokratie" (Heribert Prantl).

Durch eine Berichterstattung mit oft unsachlichen und tendenziösen Halbwahrheiten wird heute gezielt versucht eine eigene Meinungsbildung (des durchschnittlichen Konsumenten) zu verhindern und stattdessen eine Tendenz, eine Richtung, eine Meinung vorzugeben.
Der Streik der GDL ist ein Paradebeispiel hierfür! Siehe http://www.gdl.de/Aktuell/Startseite?from=Main.HomePage

Stephan Becker, 05.11.2014 18:15
Sehr geehrte Frau Stiefel,
"Die rot-grüne Landesregierung will mit der Stiftung "Partizipation und Vielfalt" digitale Publikationsstrukturen fördern und über Stipendienvergabe Rechercheprojekte unterstützen. Dafür zwackt sie 1,6 Millionen Euro via Landesanstalt für Medien von den Rundfunkgebühren ab, und schon ist das Geschrei groß: Eine Stiftung für Journalismus, finanziert aus der Rundfunkgebühr – das sei verfassungsrechtlich bedenklich, die Politik wolle sich die Presse krallen, bastle nach dem Rundfunk auch noch an einem Zugriff auf Print- und Online-Medien.
...
Doch warum nicht darüber nachdenken, auch Printmedien öffentlich-rechtlich zu organisieren? Es muss möglich sein, ohne Tabus über geeignete Formen nachzudenken, um für die Aufgabe von Medien, ihrer Wächterfunktion, eine geeignete Plattform zu finden, wenn es die Verleger nicht schaffen. "

ich bin der Meinung, dass egal wie gut gemeint die Absichten aus der Politik sind, dass die vierte Gewalt im Staat definitiv unabhängig von den anderen dreien (Politik, Justiz und Polizei bzw. Legislative, Judikative und Exekutive) sein muss. Auf jeden Fall solange wie es Konzerne, Lobbyisten und Milliardäre gibt. Und bevor eine Zeitung pleite geht, sollte sich deren Redaktion vielleicht doch mal überlegen, ob das, was sie drucken, das ist, was die Menschen lesen wollen. Leserbriefe sind da schon mal eine gute Hilfe. Man könnte aber auch vorher mal die Leser fragen, was man ändern könnte, dafür haben die Zeitungen ja idealerweise die richtigen Möglichkeiten. Haben das die Frankfurter Rundschau und die Financial Times Deutschland (FTD) beherzigt?
Wenn eine Redaktion diesen Willen der Leser aber dann trotzdem nicht erkennen kann oder will, dann kann man ihr auch nicht helfen.
Jedes Jahr gehen hunderte (tausende?) Firmen in Deutschland pleite mit in der Folge tausenden verlorenen Arbeitsplätzen. Wie hilft die Politik denen?

Stephan Becker, 05.11.2014 18:01
Herr Ebner,
ganz so schlimm wie Sie denken, ist es dann doch nicht:
"Dass immer mehr Bürger "unabhängig und kompetent informiert werden wollen" ist reines Wunschdenken. Die breite Masse ist mit Junk-Food, Junk-Bildung und eben auch Junk-Medien bestens bedient. "

Der Programmbeirat der ARD hat diesen September öffentlich die Berichterstattung der ARD über die Ukraine und Russland gerügt:

"Ukraine-Konflikt: ARD-Programmbeirat bestätigt Publikumskritik
Malte Daniljuk 18.09.2014 "
Bei Heise.de

Und das Putin-Cover des Spiegels ist auch nicht ohne Wirkung geblieben (konnte man auch hier bei der KWZ lesen) bzw. hatte ziemliche Folgen.

Ernst Hallmackeneder, 05.11.2014 16:02
Wie gut, dass es als Gegenstück zu den kommunistischen Propagandablättern StZ und StN in Stuttgart die redliche Kontext-Wochenzeitung mit streng katholisch-konservativer Blattlinie gibt! Daher schließe ich die Kontext-Redaktion auch jeden Abend in mein Gute-Nacht-Gebet ein.
Außerdem lese ich mich noch gerne das Katholische Sonntagsblatt und im Internetz bei Kath.net,, damit bin ich über das Geschehen auf unserer Erdenscheibe ausreichend informiert.

Jörg Beyer, 05.11.2014 15:39
Ich finde das richtig gut, wenn man sich über Journalismus, dessen Aufgaben in der modernen Gesellschaft austauscht. Dabei sollte man aber nicht die Machtfrage draußen lassen.

Alles gut mit "Blogs". Prima, drei Monate, vielleicht Jahre. Doch dieses Beharrungsvermögen anerkannt, sind viele Aktive irgendwann gezwungen, nicht mehr beim Aldi anschreiben zu lassen. Außer, sie haben ein großes Vermögen auf der Kante oder sind voller Liebe geheiratet worden.

Mir geht es aber um die Leute, die heute noch in den Redaktionen etwas zu arbeiten haben bzw. künftig noch etwas in ihren klugen, angestammten Bereichen zu sagen haben sollten. Besser noch, sich auch weiterhin gegen Verlegerwünsche durchsetzen können sollten.

Es ist nicht das Internet, das - meine Überzeugung zufolge - den Zeitungen das Leben schwer macht. Es sind die Verleger mit ihren Ausdünnungs- bzw- Sparmaßnahmen, die ihren Abonenten für immer mehr Geld immer weniger Qualität der eigenen Berichterstattung bieten.

Leute, macht Euch für die Journalisten stark. Für die beim Springer, je nach Gustos.

Ich weiß, wie das ist, wenn Berufe wegfallen. Schriftsetzerlehre, wissenschaftlicher Antiquar, weit über dreißig Jahre Redakteur bei einer hoch seriösen Tageszeitung. Jetzt in Rente.

Ich möchte einfach, dass ein Wegfall journalistischer Mitarbeiter in Redaktionen nicht bloße anerkannte Realität wird, bevor das Netz kitzliche, herausfordernde und neue Möglichkeiten für meine ehemaligen Kollegen in der Lage zu bieten ist.

Rodolfo, 05.11.2014 14:39
Ein ausgezeichneter Artikel, der jedem noch unabhängig berichtenden Medium "gut zu Gesicht stehen" würde, weil er und seinesgleichen längst ÜBERFÄLLIG sind.
Und wer "Gekaufte Journalisten" noch immer nicht gelesen hat, der sollte DAS sofort nachholen, um endlich zu erkennen, wie sehr unsere Massenmedien uns MANIPULIEREN, ja permanent belügen, weil sie sich längst nicht mehr UNS, ihren Konsumenten, sondern fremden Mächten verpflichtet sind.
Wer DAS noch immer nicht glaubt oder wahrhaben will, der muss spätestens jetzt auch noch das andere Büchlein mit dem Titel "WIR SIND DIE GUTEN" lesen, um endlich zu erkennen, WER, welche Medien und insbesondere welche Journalisten uns permanent BELÜGEN!
Aber LESEN und die Wahrheit erkennen oder ihr zumindest näher kommen alleine genügen natürlich ebenso wenig wie positive Kommentare; es braucht auch GELD, d.h. Abonnenten, Förder-Mitglieder-Beiträge oder zumindest gelegentliche GELD-SPENDEN.
Denn wir leben in Zeiten des - unbeschränkten - TURBO-Kapitalismus, wo die Spruchweisheit "Geld regiert die Welt" weit VOR Moral und Gesetz rangiert.

Wilhelm, 05.11.2014 13:57
Bei Kontext nutze ich Flattr um gute Artikel zu bezahlen. Bisher bin ich aber noch nicht mit einem Abo eingestiegen, da es mir zu wenig Artikel sind die mich interessieren. Bei Krautreporter habe ich für ein Jahr 60 Euro investiert. Inwieweit die Investition von mir weiter geführt ist, hängt von der Qualität der Artikel im kommenden Jahr ab. Bisher schaut es ganz gut aus. Auch Kontext werde ich weiterhin lesen.

Martin Ebner //martin-ebner.net, 05.11.2014 12:13
Dass immer mehr Bürger "unabhängig und kompetent informiert werden wollen" ist reines Wunschdenken. Die breite Masse ist mit Junk-Food, Junk-Bildung und eben auch Junk-Medien bestens bedient. Und die Eliten haben bessere, präzisere Informationsmöglichkeiten als jemals zuvor in der Geschichte (z.B. Geheimdienste und Think-Tanks aller Art). Daher ist heute "Qualitätsjournalismus" ebenso entbehrlich wie die während des Kalten Kriegs für notwendig gehaltene Demokratie-Fiktion.

Schillinger, 05.11.2014 12:12
Dieser Artikel wirkt, als gehe der Autor davon aus, Journalismus wäre per se Qualitätsjournalismus. Darauf aufbauend fragt er, was den Bürgern Qualitätsjournalismus wert ist. Diese Logik wirkt auf mich provokant. Da gibt es in meiner Nähe eine Lokalzeitung, die eine Partei pseudoobjektiv angreift, während die andere geschont wird. Wenn da ein Stadtrat von der "richtigen" Partei in der Stadtmitte in einer Hau-Ruck-Aktion ein denkmalgeschütztes Haus abreist, wird nur berichtet, dass der "Besitzer" das Haus widerrechtlich abgerissen hat. Dass der Besitzer im Stadtrat sitzt, soll niemand wissen. Ist das für mich Qualitätsjournalismus? Nein, für mich nicht. Ein Abo wöllte ich nicht mal kostenlos. Ist es Qualitätsjournalismus, wenn viele Lokalzeitungen einen Mantel aus Agenturmeldungen haben? Ich meine, man kommt um die Frage nicht herum, was ist der Journalismus, der den Bürgern Geld wert wäre. Die Frage ist schwer zu beantworten, auch weil es viele verschiedene Meinungen zum Journalismus gibt, aber deshalb darf man die Frage nicht ignorieren. Denn erst wenn Journalismus mir etwas wert ist, werde ich überhaupt erst dafür bezahlen. Vor allem muss er mehr wert sein, als das, was im Internet schon kostenlos ausgekippt wird. Ist das der "Standardmantel" vieler Regionalzeitungen? Ist das beim oben von mir skizzierten Beispiel der Fall?
Warum habe ich mich bereiterklärt, für Krautreporter zu zahlen, wo ich doch noch nicht einmal wusste, was ich da wirklich bekommen werde? Warum haben sich so viele Leute bereiterklärt, mit Krautreporter die Katze im Sack zu finanzieren? Ich jedenfalls habe es getan, weil ich mir davon einen Qualitätsjournalismus erhoffte(!), den ich sonst kaum finde. Oder genauer: weil ich mir davon einen Qualitätsjournalismus erhoffte, den ich trotz eines reichlichen journalistischen Angebots kaum finde.

Tillupp, 05.11.2014 11:06
Sorry, das wäre der bessere Hyperlink zu Attack's entzug der Gemeinnützigkeit gewesen. http://www.attac.de/index.php?id=394&tx_ttnews[tt_news]=7835

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