KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Selbstaufgabe für den Traumjob? Fotos: Joachim E. Röttgers

Selbstaufgabe für den Traumjob? Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 160
Medien

Die Journalistin ist frei geboren

Von Nina Marie Bust-Bartels
Datum: 23.04.2014
Ein Heer von Journalistinnen und Journalisten schreibt frei und lebt dabei prekär. Unsere Autorin absolviert derzeit ihr Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin und hat gerade vier Wochen bei Kontext reingeschnuppert. Als Freie mit wenig Aussichten auf anständige Bezahlung macht sie sich Gedanken über die eigene Zukunft und die des Journalismus.

In meinem Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule bekam jede und jeder eine Bibel mit auf den Weg in das JournalistInnenleben. Sie kam nicht von Gott, sondern von den Freischreibern, dem Verband freier Journalisten. Die Freienbibel. In ihr ein ABC von Abrechnung bis VG Wort und Tipps für das Freiendasein. Wer jung ist und mit Schreiben anfängt, beginnt oft frei.

Aber frei sein ist hart geworden. Laut einer Statistik der Künstlersozialkasse bringen es freischaffende Schreiberinnen und Schreiber bis dreißig durchschnittlich gerade einmal auf 15 000 Euro im Jahr. Die Internetseite "Was Journalisten verdienen" gibt einen Eindruck, was verschiedene Medien ihren freien Autoren zahlen. Ich habe drei Fächer an vier Unis studiert, unter anderem Mathematik, habe ein Volontariat und Praktika in neun Redaktionen hinter mir. Aber wenn das Konto leer ist, hilft auch ein sexy Lebenslauf nichts.

Dass ich als Journalistin nicht reich werde, war mir immer klar, will ich auch gar nicht. Ich wollte einen Beruf, in dem ich was verändern kann, über Sicherheit und Einkommen habe ich da nicht viel nachgedacht. Jetzt denke ich, mich und vielleicht später mal ein bisschen Nachwuchs würde ich schon gerne ernähren können.

Ja, historisch betrachtet waren SchriftstellerInnen und freie SchreiberInnen schon immer prekär. Der Preis des Traumjobs, könnte man einwenden. Und er ist ja wirklich toll: mich mit Themen beschäftigen, die mich bewegen, spannende Menschen treffen, Orte erkunden, meine Tage gestalten, für verschiedene Medien schreiben. Vor allem aber will ich Diskurse und Debatten mitgestalten. Denn das schafft erst den Rahmen, in dem politische Akteure handeln. Wer den Rahmen verändert, hat auch Einfluss auf politische Entscheidungen. Dafür bin ich schon bereit, viel zu arbeiten und wenig Geld zu haben.

Mirjam Schmitt war einen Jahrgang vor mir auf meiner Journalistenschule. Jetzt ist sie freie Korrespondentin in Istanbul. Gerade hat sie über die Kommunalwahlen berichtet. Als um acht Uhr die Wahllokale öffneten, war Mirjam Schmitt schon eine Stunde da. Sie wollte sehen, wie sich die Schlangen vor den Schulen Istanbuls bilden. Um 22.14 Uhr wird ihr Bericht über die Kommunalwahlen in Istanbul auf Zeit Online erscheinen. Bis dahin spricht sie mit den WählerInnen, beobachtet die BeobachterInnen und schreibt. 150 Euro bekommt sie dafür. Brutto. Andere Printmedien zahlen nicht besser, Online sowieso nicht. Mirjam Schmitt ist Korrespondentin in Istanbul, frei. Und freiwillig. Weil sie ihre eigene Chefin sein will. Und weil die begehrten Korrespondentenjobs unter Festangestellten erst nach langjähriger Berufserfahrung vergeben werden, nicht mit dreißig direkt nach dem Volontariat.

Mein Volo geht noch bis Herbst. Dann bin ich frei, weil ich Autorin sein will, für unterschiedliche Medien schreiben, meine Themen setzen will. Aber nachdem ich durch das Skypefenster einen Blick in Mirjams Leben als Freie in Istanbul geworfen habe, ist es wieder da, dieses flaue Gefühl im Magen. Zukunftsangst? Ich habe weniger Angst vor materieller Unsicherheit, eher davor, dass die finanzielle Abhängigkeit mein Schreiben verändert. Mutig sein, es sich auch mal mit Leuten verscherzen, wenn es nicht anders geht, das will ich beibehalten. Werde ich das, wenn es existenziell wird?

Und ich frage mich, wie ich mit Stress und Unsicherheit umgehen werde, mit dem Anspruch, immer funktionieren zu müssen. Schreiben ist ja etwas sehr Persönliches, die eigene mentale Verfassung wirkt sich auch auf den Schreibprozess aus und auf das Produkt. Die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem verschwimmt. Auch weil Arbeitszeiten nicht fest abgesteckt sind und private Beziehungen nicht selten in journalistische Geschichten münden – und umgekehrt.

Ulrich Bröckling ist Soziologieprofessor an der Universität Freiburg. In seinem Buch "Das unternehmerische Selbst" beschreibt er das Anforderungsprofil moderner Gesellschaften. Weil immer mehr feste Stellen abgebaut werden, sagt Bröckling, müssen sich die Einzelnen unablässig auf dem Markt behaupten. Heraus kommt ein Hochleistungssport-Leben, mobil, flexibel, unsicher. Gerne romantisiert als kreative Selbstverwirklichung mit viel Freiheit, wird der Jagd nach dem perfekten Lebenslauf immer mehr geopfert: Lebenszeit, Ideale, materielle Sicherheit. Der Journalismus – und insbesondere freie AutorInnen – sind für den Lebensstil "unternehmerisches Selbst" anfälliger als andere Berufsgruppen.

Das wollte ich nie. Passt nicht die Doktrin der Selbstverwirklichung perfekt ins neoliberale Modell der Eigenverantwortung? Bezeichnenderweise setzte in England der Boom der Kreativwirtschaft just mit Margret Thatcher ein, in Deutschland ungefähr in der Zeit der Hartz-IV-Reformen. Kaum ein Wort wurde in den rot-grünen Jahren so populär wie die Ich-AG. Es entstand ein Heer an Ich-AGs, und ich bin drauf und dran, eine seiner Soldatinnen zu werden.

Niedergang des Journalismus?

Immer weniger Männer gehen in den Journalismus. 1969 waren noch 85 Prozent aller Redakteure männlich, 2005 immer noch 63 Prozent. Heute sind nur noch 43 Prozent der Volontäre männlich. Das ist oft ein Indikator für den Niedergang eines Berufsstands. Denn Männer wählen ihre Berufe immer noch stärker als Frauen nach Verdienstmöglichkeiten aus. Es sieht so aus, als schwände langsam das gesellschaftliche Ansehen meines Berufsstands.

Es soll ja einmal eine Zeit gegeben haben, in der Freie gut bezahlt wurden. Jetzt streiken überall die Festangestellten, wegen wachsender Arbeitsbelastung durch die vielen Einsparungen und für mehr Lohn. Wir Freien können nicht streiken. Aber der Kostendruck wird auch an uns weitergegeben. Bei den Freien wurden Pauschalen gestrichen, Rahmenverträge gekündigt, Zeilengelder gekürzt. Die Medienkonzentration tut ihr Übriges: Redaktionen werden zusammengelegt und verkleinern die Abnehmerschaft.

Die Wirtschaft brummt. Wieso kommt das nicht im Journalismus an? Wieso gehen trotzdem die AbonnentInnenzahlen zurück? Die deutsche Niedriglohnpolitik wirkt sich auf die Medien aus: Das Zeitungsabo ist eine der ersten Ausgaben, die gestrichen werden, wenn das Geld knapp wird. Wenn dann auch noch die Anzeigen fehlen, geht es bergab: "Financial Times Deutschland", "Frankfurter Rundschau", die Nachrichtenagentur dapd, die Abendzeitungen in München und Nürnberg und so weiter. Die Zeitungsbranche erlebte in den letzten Jahren die größte Entlassungswelle seit 1949.

Mit den Online-Medien tun sich natürlich neue Arbeitsfelder auf. Besonders für uns digitale Ureinwohner. Aber Online ist immer noch weniger anerkannt – auch monetär. Spiegel Online zahlt meist pauschal 180 Euro, Zeit Online 150. Wenn ich Online-Journalismus machen will, muss ich mir den Kapuzenpulli wohl beim Discounter kaufen. Aber es geht hier ja gar nicht um mich. Viel Wichtiger: was macht das mit dem Journalismus, mit der vierten Gewalt, wenn er einen relevanten Teil seiner Urheber in permanenter materieller Unsicherheit lässt? Sind freie JournalistInnen dann noch frei?

Eine Geschichte drehen, wie sie ein Medium gerne haben möchte, das gut zahlt, anstatt sie zu schreiben, wie man sie für richtig hält – was aber vielleicht woanders und für weniger Geld erscheinen würde. Es sind oft subtile, schleichende Prozesse, gegen die sicher kein Autor und keine Autorin gefeit ist. Aber Freie bekommen das ökonomische Feedback direkter und härter zu spüren, als ihre festen KollegInnen.

Prekäre Löhne für Schreibende können sich auch ganz direkt auf die Qualität auswirken. Dann nämlich, wenn beim Recherchieren, Denken, Formulieren ganz hinten im Kopf dieser kleine Rechner anfängt, den Stundenlohn auszurechnen. Einmal unter den Mindestlohn gesunken, kommt der Pragmatismus – oder die Selbstausbeutung. Bei Bruttolöhnen von wenigen Hundert Euro auch für lange Hintergrundartikel, Analysen und Reportagen springt der Rechner ganz schön häufig an. Mirjam Schmitt schrieb neulich einen Artikel für ein Magazin, für das sie eigentlich nie schreiben wollte. Aber es zahlt gut. Zu gut. Wo ziehen wir die Grenze? Keine PR, keine "Bild"-Zeitung, sagt Mirjam Schmitt.

Eine Möglichkeit, den kleinen Rechner im Hinterkopf auszuschalten, ist, die eigenen Herzenstexte bewusst querfinanzieren, wie es so schön heißt. Seminare geben, zu Hungerlöhnen für Online-Textagenturen schreiben oder halt PR machen. Und das mit der Werbung wird uns AutorInnen immer schmackhafter gemacht: PR wird immer journalismusähnlicher.

Native Advertising heißt dieses neue Format. Hier können Geschichten erzählt werden, Inhalte vermittelt werden, das also, was JournalistInnen lieben. Diese Inhalte stehen gleichberechtigt und meist ungekennzeichnet zwischen den journalistischen Texten. Nur bestimmen die Werbekunden, über was geschrieben wird. Diese Werbung wird salonfähig. Die "New York Times" finanziert die journalistischen Inhalte ihrer neue App zu großen Teilen durch Native Advertising. Und im "Süddeutsche Magazin Stil Leben" steht neben einer Uhrenwerbung dann ein Artikel über das Warten. Er liest sich schön, ist informativ. Nur am Ende des Textes schreibt der Autor, er kauft sich eine Uhr. Ist das noch Journalismus? Oder schon Werbung?

PR ist etwas, das was ich nie wollte. Auch nicht, wenn man dabei schöne Geschichten erzählen kann. Eher würde ich das Schreiben an den Nagel hängen. Was also sind die Alternativen? Sicher ein Projekt wie die Kontext:Wochenzeitung, das über Spenden finanziert wird. Oder das genossenschaftliche Modell der taz. Sicher die Öffentlich-Rechtlichen. Hier gibt es zwar auch knappe Mittel und Kürzungen im Wortprogramm, aber die Bezahlung ist fairer. Dann vergeben Stiftungen Recherchestipendien, in den USA zum Beispiel wird so ganz schön viel toller Journalismus finanziert. Oder Crouwdfunding. Beides ist aber eher was für einzelne Projekte. Journalismus-Newcomer Daniel Drepper fordert einen gemeinnützigen Journalismus. Würde man journalistische Arbeit gesetzlich als gemeinnützig anerkennen, würde sie steuerlich begünstigt, quasi staatlich subventioniert, aber ohne Einflussmöglichkeiten.

Solche Modelle braucht es langfristig. Weil der Journalismus sich seine Freien leisten muss: Er braucht ihre Innovationskraft, ihre eigenen Köpfe, die dem Redaktionsalltag und -einfluss entzogen sind. Aber er muss aufpassen, dass nicht andere Akteure diese Köpfe erobern. Wenn weiter so schlecht bezahlt wird, verliert man sie an die PR.

 

Nina Marie Bust-Bartels, 29, hat während ihres Volontariats vier Wochen lang bei Kontext mitgearbeitet. Sie wollte unbedingt in unsere Redaktion, weil sie für unabhängigen Journalismus brennt. Wir haben sie gebeten, ihre Gedanken zum Zustand des Journalismus aus der Sicht einer Volontärin aufzuschreiben.


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Kommentare

Ulf Detlef, 25.04.2014 22:30
Ich kann es nicht mehr hören, dieses permanente Gejammere über schlechte Honorare. Erst einmal: Niemand wird gezwungen, als Journalist zu arbeiten! Und auch wenn Frau Bust-Bartels in ihren offensichtlich recht schlecht recherchierten Artikel das Gegenteil behauptet ("Aber frei sein ist hart geworden." Wieso geworden? "Es soll ja einmal eine Zeit gegeben haben, in der Freie gut bezahlt wurden." Aha, Märchenstunde ... mit journalistischen Fakten hat solch eine unsinnige Behauptung ja auch wenig zu tun!), die Wahrheit ist nun einmal: Freie Journalisten wurden schon immer schlecht bezahlt, das ist mitnichten ein neues Phänomen. Ich habe ein viertel Jahrhundert Berufserfahrung, davon mehr als die Hälfte der Zeit als Freier. Als ich 1990 anfing, erhielt ich 20 Pfennig pro Zeile und 10 Mark pro Foto von der Zeitung. Für eine "Halb"tagespauschale (6-8 Stunden Arbeit) gab es 40 Mark, für den ganzen Tag (12-14 Stunden) dann 80. Und die älteren Kollegen erzählten mir damals, dass es in den 70ern und 80ern auch nicht besser war. Seitdem habe ich für verschiedenste Medien in verschiedenen Gattungen gearbeitet - u.a. Magazine, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Agenturen - großartig viel zu verdienen gab es nirgends. Wann waren also diese goldenen Zeiten, von der die Berufsanfängerin hier so schwärmt? (Ich gebe zu, ein wenig Recherche hätte den Weltuntergangsartikel vielleicht kaputt gemacht. Aber dann wäre uns wenigstens auch die abstruse Theorie mit dem geringeren Männeranteil wegen schlechterer Bezahlung erspart geblieben.)

Ergo: Die Honorare waren schon immer mies - und wer in diesen Beruf geht, tut es freiwillig und sollte sich über die Bedingungen informieren. Ein Grund dafür ist auch, dass "Irgendwas mit Medien" ja auch immer schon irgendwie ein Modeberuf war, es gibt also ein entsprechendes Überangebot von potentiellen Schreibern. Wer nicht für geringe Honorare arbeiten will, muss also entweder bessere Bedingungen für sich aushandeln - oder sich doch bitte einen anderen Job suchen, statt weinerlich rumzujammern. Wahr ist aber leider auch, viele (freie) Journalisten sind schlecht und viel mehr Geld auch nicht wert. Mitunter brauche ich heutzutage für das Redigieren eines Artikels eines Freien mehr Zeit als wenn ich das Stück gleich selbst recherchiert und geschrieben hätte...

Kommunitator, 25.04.2014 14:36
Jetzt verstehe ich den Niedergang des Journalismus.

Hans, 24.04.2014 16:18
Guter Text.
Frei sein ist ein Mythos, es ändern sich nur die Zwänge.
Ich bin Freiberufler seit beinahe 30 Jahren, allerdings in einer anderen Branche und weiß daher, wovon ich rede.
Um es auf den Punkt zu bringen, freiberufliches Arbeiten macht nur dann auf Dauer Spaß, wenn man die Bedingungen halbwegs diktieren kann, z. B. weil man nicht mittellos ist, oder weil man einen verläßlichen Partner hat, der einen unterstützt, wenn's hart wird und vor allem, wenn man eine Leistung erbringt, die nachgefragt wird und die sich nicht so leicht ersetzen läßt.
Zum Trost, langfristig setzt sich Qualität durch, auch wenn man oft eher den gegenteiligen Eindruck hat - tja, die Schaumschläger, eine Pest - aber ob man so lang durchhält, daß ist die Frage.
Diese ICH-AG-Ideologie der maximalen Selbstausbeutung ist jedenfalls schlicht Mist.

hajomueller, 24.04.2014 15:50
Dass die Auflagen der Zeitungen größtenteils sinken, hat nichts damit zu tun, dass das Geld nicht da wäre, sich eine Zeitung zu leisten. Es hat damit zu tun, dass die Qualität der Ware ihr Geld nicht (mehr) wert ist. Blicken wir auf Stuttgart. Hier haben in den letzten Jahren vielen Menschen geschnallt, dass ihre Zeitungen keine unabhängigen Medien sind, die sie aufklären was in der Gesellschaft so alles läuft. Beispiel Stuttgart 21. Adrian Zielcke von der StZt. sagte es deutlich. Sinngemäß: ohne uns wäre wohl S21 schon beerdigt. Die Stuttgarter Zeitung hat hier also nicht aufgeklärt und recherchiert, sondern hat sich als PR-Abteilung der S21-Macher aufgeführt. Der schwarze Filz im Ländle ist auch das Ergebnis von zahnlosen und angepassten Medien. Warum soll ich solche Zeitungen abonnieren? Die Menschen erkennen, dass Feuerwehrleute, Ärzte und Polizisten (brökeln allerdings auch), oder Krankenschwestern wichtig für sie sind. Sie erkennen aber (in der Mehrzahl) nicht, wie wichtig eine unabhängige vierte Gewalt für eine Gesellschaft ist.
Es gäbe noch viele weitere Beispiele dafür, dass die Sorgen der Medien nicht an der digitalen Welt liegen, sondern an ihrer Unglaubwürdigkeit. Man denke nur daran, wie wenig unsere Journaille beim Ukraine Konflikt aus den vergangenen Kriegen wie Kuwait, Irak, Afganistan und Lybien gelernt hat.

Jack Bristow, 24.04.2014 11:18
Interessante Einstellung der Autorin.

Ich wollte meinen Weg auch mal in Journalismus finden. Allerdings vor allem weil ich gerne schreibe. Nach den üblichen Erfahrungen habe ich mich jetzt zur PR orientiert. Die Möglichkeiten in einem bestimmten Themenbereich in die Tiefe zu gehen und ein klar umrissene Zielgruppe mit spannenden/informativen Geschichten anzusprechen, sind für mich genial.

Wenn ich "komplett unabhänigig" die Welt verändern will, mache ich einen Blog auf. Da ist meine Meinung dann auch gleich subjektiv gekennzeichnet - was ich für ein Qualitätsmerkmal der Blogosphäre halte (Sowohl die prägnanten, persönlichen Blickwinkel, als auch deren klare Sichtbarkeit). Über die sozialen Medien erhalten die Blogger dann auch gleich Feedback/Verbreitung. So bin ich auf diesen Artikel gestoßen: Über Rivva, weil offenbar genug Menschen geliked, getwittert und geshared haben.

Daher sehe ich es nicht ein, mich sehenden Auges in eine finanziell prekäre Lage zu begeben. Das Ansehen der PRler ist auch nur ein paar Zähler höher als dass der Journalisten (Die übrigens seit zig Jahren am unteren Ende der Beliebtheitsskala rangieren, vermutlich schon zu Geburtszeiten der Autorin. Oben waren schon immer Feuerwehrmänner, Ärzte und Polizisten ...).

Für die 'regelmäßig kommunikativ' schreibende Zunft gibt es mit Journalismus, PR/Öffentlichkeitsarbeit und Marketing drei klar voneinader unterscheidbare Tätigkeitsfelder mit eigenen Gesetzen und Gehaltsstrukturen (Missbrauch mal außen vor). Da kann jeder selbst entscheiden, was zu seinem erstrebten Leben passt.

Die einstige 'Systemrelevanz' der klassischen Massenmedien sehe ich jedenfalls zunehmend als fragwürdig an. Der professionelle Journalist ist nicht mehr der alleinige 'Gatekeeper'. Dass Aufklärung/Information heutzutage soweit diversifiziert sind, kann ich nur begrüßen.

Knut Kuckel, 24.04.2014 10:00
Als ich Journalist werden wollte, war das mein erklärtes Berufsziel. Ob ich damit viel oder wenig Geld verdienen kann, kam mir niemals in den Sinn. Journalismus war das Ziel. Mich reizten die Aufgaben und das habe ich nie bereut. Heute würde ich es nicht anders machen. Journalisten/Journalistinnen haben heute mehr Chancen als je zuvor. Wer sich wirklich berufen fühlt, sollte sich trauen. Wer nicht berufen ist, liest in der Freienbibel oder sonstwo, was Journalisten so verdienen und lässt sich davon entmutigen.
Der Journalismus stirbt ebenso wenig wie die Demokratie. Bei jenen, die auch heute noch zwischen gutem und weniger gutem Journalismus zu unterscheiden vermögen, hat Qualitätsjournalismus auch langfristig eine Zukunft. Die erste Regel angehender Journalisten lautet, nicht alles zu glauben, was so geschrieben wird. Und wenn manches überzeugend wirkt, es zu prüfen. Heute gibt es mehr Medien unterschiedlichster Art als in meinen Startjahren, aber im Verhältnis auch mindestens so viele Qualitätsjournalisten, wenn nicht noch mehr. Wäre ich heute in der Situation von Nina Marie Bust-Bartels oder anderen, würde ich nach vorne schauen. Von den Guten lernen und sich nicht von den anderen den notwendigen Optimismus schlecht reden lassen. Nur Mut, wer für den Journalismus berufen ist, wächst an seinen Aufgaben. Das Einkommen dürfte dann auch passen.

Renate Schauer, 23.04.2014 22:59
Die Autorin bringt es gut auf den Punkt! Die Entwicklung knabbert an der Demokratie. Aber das war schon vor 30 Jahren vorhersehbar, als ich mit BTX als auf der Ostalb experimentierte. Eine Pioniertätigkeit, für die sich kaum jemand interessierte, die aber zu wertvollen Erkenntnissen führte. Damals ist mir etwas "Unreifes" aufgefallen, was sich langsam ändert:

a) Es war eine Todsünde, wenn sich der Journalismus selbst thematisierte!
b) Es war auch nicht gelitten, die subjektive Perspektive zuzugeben.
c) Alles, was nicht herkömmlichen Journalismus machte, wurde irgnoriert oder angefeindet. PR war ganz arg pfui. Neue Medien auch, denn das Geld hätte man lieber in den Printjournalismus gesteckt. Ergebnis: Viele KollegInnen glänzten mit Arroganz.

Die Arroganz dürfte immer löchriger werden angesichts der Mißstände, die kaum jemand noch leugnen kann. Und journalistisch denkende Berufsschreiber dürfen sich nicht länger auseinanderdividieren (lassen). Das nützt nur der "Gegenseite", wer das jeweils auch sein mag!

Tom Riddel, 23.04.2014 22:43
"...es sieht aus, als schwinde das Ansehen..." (des Journalistenberufes).

Der ist wirklich gut. Wenn man mal bei Spiegel-Online, Zeit-Onleine usw. die Kommentare in den Foren betrachtet, dann kommt man zu dem Schluss, dass das Ansehen des Journalistenberufes kaum noch weiter sinken kann. Nach dem, was man dort so liest, haben sogar die Damen vom Straßenstrich ein besseres Image. Woran das wohl liegt? Vielleicht an der manipulativen Berichterstattung und der aufdringlichen Pressemeute?

hiro, 23.04.2014 22:05
29 ist die Autorin also, ihr Lebenslauf soll "sexy" sein und klingt für meine Ohren doch eher ziellos. Sie nennt sich "Journalistin", aber das, was sie gerne machen möchte, klingt deutlich mehr nach Aktivismus als nach Handwerk.

Sie macht also das, was sie gerne machen möchte, will sich von niemandem so richtig was sagen lassen, möchte frei und unabhängig sein, sich alle Türen offenhalten und erwartet dafür Bezahlung.

Hmmm.

Sie ist bestimmt ein netter Mensch und ich wünsche Ihr viel Glück und viel Spaß in ihrem Traumberuf und alles, aber warum ich jemanden dafür bezahlen soll, dass der mir seine Meinung aufdrückt, erschließt sich mir nicht so recht.

29. In dem Alter sind andere schon erwachsen.

Torsten Fuchs, 23.04.2014 19:10
Ich hatte als junger Journalist nach der Uni die Möglichkeit, bei der BILD zu arbeiten. Damals war es das Feindbild Nummer Eins, 20 Jahre später bereue ih es bitter, damals "anständig" geblieben zu sein.

Max, 23.04.2014 17:22
Liebe Nina Marie,

danke für den interessanten Artikel, der sich wie eine Fortsetzung der Reihe "Niedergang des Journalismus" liest - irgendwann begonnen in den vergangenen Jahren, immer weiter geschrieben mit den gleichen Argumenten: Böse Redaktionen zahlen schlecht, idealistische Journalistinnen und Journalisten "müssen" sich ausbeuten lassen oder die Höchststrafe in Kauf nehmen: PR. Ich kann es nicht mehr hören.

Wenn ich mir den journalistischen Arbeitsmarkt aus ökonomischer Sicht anschaue wird klar, warum die Gehälter der Freien so niedrig sind: Das Angebot an Journalisten ist einfach viel zu groß! Warum erlauben es sich Redaktionen wie Zeit ONLINE, solch niedrigen Gehälter zu zahlen? Ganz einfach: Weil sie es können. Weil sie trotz des billigen Preises hohe Qualität bekommen und noch viel schlimmer: Weil Menschen wie Mirjam Schmitt es mit sich machen lassen, anstatt abzulehnen und damit sich selbst und der gesamten Branche einen großen Gefallen zu tun.

Solange es freie Journalistinnen und Journalisten gibt, die sich Billiglöhne gefallen lassen, werden die Löhne billig bleiben. Paradoxerweise sind die Akzeptierer der Billiglöhne gleichzeitig die lautesten Beschwerdesteller. Ich finde: Wer solche Löhne annimmt, darf sich nicht beschweren, sondern sollte handeln und nicht dafür arbeiten, sondern einen anderen Job machen! Nur so ist für die Zukunft zu verhindern, dass die Löhne noch weiter sinken. Nur wenn sich der journalistische Arbeitsmarkt "bereinigt" und die Menge an Journalisten kleiner wird, können die Übriggebliebenen mit fairen Löhnen rechnen. Frei nach dem Motto: Journalismus ja, aber nur unter vernünftigen Bedingungen.
Oder aber es braucht ein Geschäftsmodell, das nicht von der freien Marktwirtschaft getragen wird.

Nina Marie ich freue mich auf deine Meinung, gerne auch per Mail.

Maximilian, Journalistischer Volontär

P.S. Natürlich müssen Redaktionen gleichzeitig dafür sorgen, dass die Empfänger der Leistung, also die Leserinnen und Leser, auch online Geld für die Artikel zahlen. Ich kenne keine andere Branche, die seine produzierte Ware einfach zum Nulltarif anbietet!

Hoschi, 23.04.2014 15:57
Es gibt soviele Zeitungen und Zeitschriften wie nie zuvor - bei gleichbleibender Zahl potentieller Leser. Es war auch noch nie einfacher, mal Fix eine neue Printpublikation "rauszuhauen". Gleichzeitig zieht das Internet - bei fixer Leserzahl - immer mehr Prozente Marktanteil ab. Die Ergebnisse sind vorhersehbar - auch die ökonomischen.
Die Antwort: "Qualitätsjournalismus", Paywall und Mischung von PR oder Propaganda mit Inhalt. In der Lieferkette kann man das - unsichere Arbeitssituation und knapper Bezahlung sei Dank - durchsetzen. Und Schwupp, ist Journalistin eine Nutte und Journalist ein Stricher, wenn es nach dem Ansehen geht: Ich war jung und brauchte das Geld.

LeserIn betrachte mal die Berichterstattung zur Ukraine. Historischer Background eher selten, unausgewogen, auf Krieg getrimmt, und komplett gegen die Meinungsmehrheit, glaubt man Umfragen. Am Ende wird der "Qualitätsjournalismus" wieder mal als Kasperletheater dastehen, von 4ter Gewalt keine Spur.

Wenigschreiber msouzo, 23.04.2014 13:33
Der Journalismus hat sich sein eigenes Grab doch längst selbst gegraben. Die Nachfrage nach Informationen und allem was damit einhergeht ist doch unverändert da. Nur die Wege der Informationsbeschaffung haben sich aufgrund des Internet verändert.

Wer bietet seine Dienstleistung kostenlos im Internet an? Die Branche jammert über einen Zustand, den selbst herbeigeführt hat.

Sobald zwischen Angebot und Nachfrage ein Ungleichgewicht, in diesem Fall zuungunsten der Anbieter, entsteht, beginnt das bekannte Rufen nach Unterstützung von dritter Seite, des Öfteren explizit an den Staat. Das führt aber nicht zur Lösung des Problems, selbst wenn es sich hier anerkannterweise um die "4.Gewalt" handelt. Hier würde ein mögliche Einflussnahme durch den Staat (die Politiker) den letzten Sargnagel bedeuten.

Mein Vorschlag: Sämtliche Anbieter journalistischer Leistungen stecken zumindest einen großen Teil ihrer Angebote hinter eine Paywall - ich wette, dass ab diesem Zeitpunkt sich die bestehende Nachfrage auch in zahlungsbereite Nachfrage wandelt. Lassen Sie den Gedanken doch einfach zu.

Ich wäre durchaus bereit, je nach Angebot zwischen 1 und 5 EUR monatlich zu zahlen. Hört sich zunächstr wenig an, mulitpliziert mit einer Anzahl x an Abos, würde sich das sicherlich rechnen.

Ulrich Scheuffele, 23.04.2014 13:31
Ich wusste, dass es diesem Berufstand nicht gut geht, aber dass es so düster aussieht hätte ich nie gedacht. Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die Demokratie.
Was können wir Leser tun?
Nina Maria wünsche ich trotz allem viel Erfolg.

DJ Doena, 23.04.2014 11:01
"Immer weniger Männer gehen in den Journalismus. 1969 waren noch 85 Prozent aller Redakteure männlich, 2005 immer noch 63 Prozent. Heute sind nur noch 43 Prozent der Volontäre männlich."

Nur mal so für die Statistik: Prozente sind relativ! ;-)

Könnte es nicht auch sein, dass einfach immer mehr Frauen in den Journalismus eindringen (insbesondere seit 1969 wo frau noch "Hausfrau und Mutter" war) und deshalb Männer prozentual weniger werden?

Interessant und journalistisch relevant *hust* wären hier absolute Zahlen. Wieviele festangestellte Journalisten und Freie gab es 1969 insgesamt und wieviele gibt es heute (im ehemaligen Westdeutschland, damit die Zahlen vergleichbar bleiben).

Nur dann wird sichtbar, ob es wirklich eine Männerflucht gibt.

schwertlilie, 23.04.2014 10:56
Ich habe meine Zweifel, dass die sinkenden Abonnement-Zahlen auf fehlende finanzielle Möglichkeiten zurückzuführen sind. Zumindest in meinem Umfeld sind die Faktoren vielfältig: Nachrichten gibt es online kostenlos, kaum einer hat die Muße, sich morgens eine Stunde in die Zeitung zu vertiefen, viele (grade Lokal-) Zeitungen beschränken sich für überregionale Berichterstattung auf - im besten Fall - leicht aufgebohrte Agenturmeldungen. Die Berichterstattung und Leitartikel sind nicht selten miserabel, was durch das Internet wesentlich deutlicher wird als früher: Noch vor 10, 15 Jahren standen selbst grobe Fehler unkommentiert im Raum, heute flutet die Kritik an solchen Fehlern in Sekunden meine Timeline. Hinzu kommt eigenes Fachwissen: Wenn ich Berichte über juristische Themen lese, wird mir schlecht. Nicht selten kommt dabei selbst in vermeintlichen Qualitätsmedien eine fundamentale Unkenntnis zum Vorschein. Begriffe wie Berufung und Revision werden verwechselt, prozessuale Dinge werden falsch wiedergegeben, zum Teil verstehen die Journalisten auch Urteile oder Prozesshandlungen nicht. Von einem Physiker habe ich gehört, dass es bei naturwissenschaftlichen Themen ähnlich aussieht.

Geld für eine Zeitung ist vielfach da. Nur wird der Wert des Produkts heute von vielen als geringer eingeschätzt als früher. Die Verlage bestärken diese Tendenz zudem durch mitunter sehr einseitige Berichterstattung, sobald sie selber betroffen sind. Ich erinnere an die Diskussion zum Leistungsschutzrecht, bei dem man zumindest am Anfang nur wenig differenzierte Meinungen in den Zeitungen lesen konnte.

jj preston, 23.04.2014 10:14
"Bei Bruttolöhnen von wenigen Hundert Euro auch für lange Hintergrundartikel, Analysen und Reportagen springt der Rechner ganz schön häufig an."
Dagegen hilft nur eines: Bei umfangreicheren Sachen deutlich kürzer und flacher fassen und sagen: Wenn Ihr in die Tiefe wollt, zahlt den Mehraufwand. You get what you pay for - if you pay peanuts you get monkeys. Das sorgt letztlich dafür, dass diejenigen Medien, die kein Geld für Relevanz ausgeben, über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Na und? Das geschieht denen recht, die Pulitzer-Preis-Verdächtiges für die Herstellungskosten eines bangladeschischen kik-T-Shirts verlangen.

Manche Medien lernen es eben auf die harte Tour. Print marginalisiert sich in Zeiten immer mächtigerer elektronischer Tools zunehmend, aber den Häusern fällt keine tragfähige Strategie zum Geldverdienen online ein - mangels Willen. Wer den Umbruch nicht schafft, geht eben ein. So ist das Leben.

Ich wollte selbst mal Journalist werden. Am Uni-Orientierungstag war das erste, wofür ich mich interessiert hatte, Journalismus. Heute bin ich froh darüber, davon abgekommen zu sein. So muss ich mich nicht entscheiden, ob ich käuflich oder arm sein will.

Jeeves, 23.04.2014 09:44
"Es sieht so aus, als schwände langsam das gesellschaftliche Ansehen meines Berufsstands."
.
Hm. War da je ein Ansehen? Ist es nicht schon geraume Zeit so, dass dieser Beruf zusammen mit dem des Politikers ganz unten an der Rangordnung steht? Was soll da noch "schwänden" (weiter abnehmen)?

FernDerHeimat, 23.04.2014 06:25
Danke für den guten Artikel!

Leider wird der Journalismus im klassischen Sinn immer weiter verschwinden, da die Trends, die dies begünstigen, nicht aufhören.

Die Entscheidung darüber, liegt (leider) nicht massgeblich bei den Konsumenten, sondern einzig bei den Eigentümern und der Politik.

Und die werden den Teufel tun, dieses Instrument zur Volksverdummung und Konsumentenbeeinflussung aus der Hand zu geben.

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