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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ausgabe 299
Wirtschaft

Eine schrecklich geschäftstüchtige Familie

Von Jürgen Lessat
Datum: 21.12.2016
Die Warbanoffs aus Esslingen galten als schwäbische Vorzeigeinvestoren. Bis der Vater mit den Söhnen beim Fellbacher Gewa-Tower zu hoch hinauswollte. Mit dessen Pleite endet eine schillernde Familiensaga, in der auch Bahnchef Rüdiger Grube und der einstige S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich auftauchen.

Die Stimme klingt beschwingter, als es angesichts der Umstände zu erwarten wäre. "Michael Warbanoff am Apparat", meldet sich fröhlich der Seniorchef der Esslinger Gewa-Gruppe. Während die Internet-Präsenz www.warbanoff.de seit kurzem ins Leere führt, ist das Büro im Vorort Mettingen besetzt. Die gute Laune des 70-jährigen Firmenpatriarchen verschlechtert sich jedoch, als der Anrufer Näheres zu einer der zahlreichen Gewa-Gesellschaften wissen will. Konkret zur Pleite der "GEWA 5 to 1 GmbH & Co. KG", die bis vor kurzem noch am spektakulären Turmbau zu Fellbach arbeitete. "Das hat Sie nichts zu interessieren", schreit der Unternehmer. Wenn einer Auskunft gebe, dann nur Mark Warbanoff. Doch der jüngste Sohn habe gerade Termine. "Versuchen Sie es später nochmals", bellt er und legt auf.

Überraschend hatte Warbanoffs Firma, die seit 2014 den dritt höchsten Wohnturm Deutschlands baute, Mitte November Insolvenzantrag gestellt. Seither muss die Wein- und Kongressstadt Fellbach vor den Toren Stuttgarts befürchten, eine 107 Meter hohe Bauruine als neues Wahrzeichen zu bekommen. Auch bangen Anleger, die 35 Millionen Euro in eine Turm-Anleihe steckten, um ihr Geld. Genauso wie die Käufer von 44 Wohnungen, die bereits Anzahlungen für "höchste Wohnträume" im Wolkenkratzer leisteten.

Dem Sohn tut's jedesmal weh, wenn er an dem Turm vorbei fährt

Anders als der Vater gibt sich Junior Warbanoff später auskunftsfreudiger, wählt seine Worte in nachdenklichem Tonfall. "Keine Ahnung" habe er, wie es mit dem unfertigen Wohnturm weitergehe. "Auch für uns ist es ziemlich schlimm, so etwas haben wir selbst noch nie erlebt", sagt der 37-Jährige zu den dramatischen Entwicklungen. Täglich fahre er an dem Turm vorbei. "Es tut jedes Mal weh", beteuert der Betriebswirt. Schließlich sei das Hochhaus auch ein Stück seines Lebenswerks, mit dem er sich seit Jahren intensiv beschäftigt habe. "Das fehlt jetzt", sagt Warbanoff, "wir wollen keine Bauruine. Wir wollen, dass das Projekt fertiggestellt wird".

Bis vor wenigen Wochen noch war die schwäbische Hochhauswelt in Ordnung. Anfang September feierte man mit Bauarbeitern und Lokalprominenz Richtfest am Rohbau. Sie hätten sich nicht mit kleinen Plänen aufgehalten, sondern den großen Wurf gewagt, lobte der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm die Immobilien-Familie. "Wer nicht an den Fortschritt glaubt und denkt, alles sei schon ausgereizt, der tut sich und der Nachwelt nichts Gutes", pries der CDU-Politiker die Warbanoffs auf Neuschwäbisch als "Risk-Taker", das Risiko Wagende.

Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Wenige Tage später wurde aus Risiko traurige Realität. Die Baufirma Baresel räumte Hals über Kopf die Baustelle. "Gespräche zur Klärung offener Punkte" mit der Traditionsfirma, so die verharmlosende Ad-Hoc-Meldung, scheiterten. Seitdem sucht der Insolvenzverwalter Geldgeber, die ein paar Millionen für die markante Immobilie übrig haben. Die Warbanoffs waren ihren Turm los. Scheitern gehört eben auch zum Geschäft, glaubt Sohn Mark: Dass das größte Vorhaben der Familie bislang in die Binsen geht, sei auch ein Stück weit Unternehmertum. Die Schuld sieht er bei anderen: "Wir sind sicherlich daran gescheitert, dass wir die falschen Partner hatten", sagt er.

Kontakt zu den "Alten Herren" schadet nie

Bis zur Pleite wirbelte der Warbanoff-Clan erfolgreich übers Immobilienparkett. Obwohl die Geschäfte zunächst andere waren. Vater Michael, Jahrgang 1946, übernahm in den Siebziger Jahren den elterlichen Apparatebaubetrieb in Esslingen. Parallel dazu gründete der Feinmechaniker und Wirtschaftsingenieur ein Systemhaus. Nach Verkauf beider Unternehmen an Mitarbeiter wechselte der Senior das Metier: 1998 gründete er die Gewa-Gruppe, die über Projektgesellschaften Immobilien entwickelte, baute und vermietete oder verkaufte. Den Firmennamen leitete er aus seinem zweiten Vornamen (Georg) und dem Nachnamen ab.

In des Vaters Fußstapfen stieg der ältere Sohn Niko, indem er an der Esslinger Fachhochschule Wirtschaftsingenieur studierte. Gleich im ersten Semester schloss sich Niko der Verbindung Staufia an, bei der schon sein Vater Mitglied war. Davon habe er im Studium, aber auch danach profitiert, sagte er später der "Eßlinger Zeitung". Natürlich schade es nicht, wenn man als Student Kontakt zu den "Alten Herren" der Verbindung hat, die oft einflussreiche Positionen in der Wirtschaft bekleiden, räumte er ein. Sowohl ein Auslandssemester in Singapur als auch der erste Job bei der Mercedes-Benz-Bank kamen durch die Vermittlung eines Bundesbruders zustande.

Der jüngste Warbanoff, Mark, widmete sich direkt den Geldgeschäften. Er lernte Bankkaufmann, danach studierte er Betriebswirtschaft. Wie sich Kapital vermehrt, erlebte er beim Immobilienfinanzierer BF.direkt AG, wo er ab 2005 die gewerbliche Finanzierungsvermittlung für Bauträger und Projektentwickler aufbaute. 2007 stieg er als geschäftsführender Gesellschafter in die Gewa-Gruppe ein. Wie man gute Geschäfte macht, erzählte er später etwa beim Property Lunch im Oktober 2014: "Projektfinanzierung ohne Banken am Beispiel des Fellbacher Gewa-Towers", lautete sein Vortag im Hotel Graf Zeppelin, für den Zuhörer 190 Euro inklusive Mittagessen berappten.

Damals liefen die Gewa-Geschäfte noch ausgezeichnet. Michael Warbanoff hatte zunächst in vermietete Bestandsimmobilien investiert. Zur Jahrtausendwende realisierte er sein erstes Neubauobjekt: das Arbeitsamt mit Einzelhandelsläden in Backnang. Alle aufgekauften oder neugebauten Immobilien sollten langfristig im Gewa-Bestand bleiben. Mit der Zeit stiegen die Investitionen auf zweistellige Millionensummen, die fertigen Gebäude umfassten tausende Quadratmeter Nutzfläche. Mit "Ihr Partner für Großprojekte", begrüßten Vater und Sohn Mark zuletzt die Besucher auf der inzwischen stillgelegten Homepage. Seit der Unternehmensgründung habe man Projekte für rund 250 Millionen Euro realisiert, bewarben sie ihre Expertise.

Daimler war der wichtigste Kunde

Nach Ladenpassagen, Büros und Studentenbuden baute Warbanoff in großem Stil auch Industriehallen. Wichtigster Kunde in diesem Segment: die Stuttgarter Daimler AG. Die Geschäfte mit dem Autokonzern begannen 1998, als Michael Warbanoff in der Sindelfinger Kolumbusstraße eine Halle erwarb, in die die PKW-Versuchsabteilung einzog. Im November 2000 kaufte er einen leerstehenden Supermarkt unweit des größten Daimler-Werks, vermietete ihn nach Umbau als Lager an den Autokonzern. Im Jahr 2001 baute er unweit des Daimler-Stammsitzes in Stuttgart-Untertürkheim für sechs Millionen Euro ein Autohaus für Werksangehörige. 2003 erstellte Warbanoff auf dem zugeschütteten Hafenbecken 3 im Stuttgarter Neckarhafen für 12,5 Millionen Euro eine Logistikhalle für den Überseeversand des Konzerns. Drei Jahre später errichtete er für 16 Millionen Euro den zweiten Bauabschnitt des Zentralversands.

Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com
Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com

Mitten in der Finanzkrise zogen die Warbanoffs ihr größtes Geschäft mit dem Autobauer an Land: Im Juni 2009 wurde der Spatenstich für das neue Daimler-Presswerk Kuppenheim bei Rastatt gefeiert. Nach zwei Jahren Bauzeit sollte in den 92 000 Quadratmeter großen Hallen die Produktion von Karosserieteile beginnen. Als Gesamtinvestition wurden 70 Millionen Euro genannt.

Beim Festakt schaufelten jedoch nur Vater Michael und Junior Mark um die Wette. Sohn Niko fehlte. Dabei hätte der ältere Sprössling in doppelter Rolle mitfeiern können: als Geschäftsführer der Gewa-Kuppenheim Komplementär GmbH, die Bau und Vermietung der Immobilie verwaltete; und als ehemalige Daimler-Führungskraft, zu der er nach dem Wechsel von der Mercedes-Bank zum Mutterkonzern aufgestiegen war. Seit Februar 2008 diente der Warbanoff-Filius sogar dem damaligen Daimler-Vorstand Rüdiger Grube als persönlicher Referent. Zu Grubes Ressort gehörte zuletzt auch der Bereich Real Estates, der die Mietgeschäfte auch mit den Warbanoffs abwickelte.

Ein derart kurzer Draht zwischen Investoren-Clan und Konzernvorstand könnte Anlass für Spekulationen sein. "Es lief alles legal, es gab weder Machen- noch Seilschaften", explodiert Mark Warbanoff auf Nachfrage am Telefon. Wer heute mit diesen alten Geschichten komme, wolle der Familie noch mehr in den Rücken fallen, schimpft er. Eintöniger reagiert Daimler: "Zu Auftragsvergaben bei Lieferanten und Dienstleistern äußern wir uns grundsätzlich nicht", teilt ein Sprecher auf Kontext-Nachfrage mit. 

"Es gibt keinen irgend gearteten Zusammenhang zwischen den von Gewa-Projektgesellschaften errichteten Projekten für die Daimler AG und der Tätigkeit von Herrn Niko Warbanoff als persönlicher Referent von Daimler-Vorstand Dr. Grube", antwortet ausführlicher die Deutsche Bahn, zu der Grube und Niko Warbanoff im Mai 2009 wechselten. Der neue Bahn-Chef nahm damals seinen Stuttgarter Assistenten als "Leiter für besondere Aufgaben" zum Berliner Staatskonzern mit, wo dieser rasant Karriere machte. Kaum ein Jahr später wurde der damals 34-Jährige Leiter des neuen Bereichs "Internationale Geschäftsentwicklung". Heute ist Niko Warbanoff Chef der DB-Tochter Engineering & Consulting mit 3800 Mitarbeitern. "Sämtliche genannte Projekteninitiierungen datieren laut Herrn Warbanoff auch aus einer Zeit vor Februar 2008, als Herr Niko Warbanoff seine Arbeit als persönlicher Referent für Dr. Grube aufnahm", betont der Bahn-Sprecher.

DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de
DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de

Auch habe Warbanoff die Deutsche Bahn "über seine Funktion als Mitgesellschafter der Gewa-Gruppe mit Beginn seiner Tätigkeit bei der DB unterrichtet", ergänzt er. Diese Informationen dürften inzwischen veraltet sein. Die Kuppenheimer Daimler-Hallen wurden im Februar 2015 an die Bensheimer Dietz AG verkauft. Der hessische Immobilienkonzern hatte den Warbanoffs bereits in 2012 das Daimler-Logistikzentrum im Stuttgarter Hafen abgekauft. Vergangenes Jahr schied Bahn-Manager Niko Warbanoff auch als geschäftsführender Gesellschafter der inzwischen insolventen Gewa-Wohnturm Gesellschaft aus.

Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff

Ein weiser Entschluss, denn inzwischen beschäftigt die Hochhaus-Pleite Anwälte, die die Ansprüche der Anleihegläubiger sichern sollen. Einen Totalverlust schließen die Fachleute zwar aus. Doch wie viel am Ende verloren ist, hänge davon ab, wie schnell der Turm fertig gebaut wird. Man prüfe, ob die Projektmanager "gegen Mitteilungspflichten und gegen Bestimmungen der Makler- und Bauträgerverordnung verstoßen" haben, teilte der Deutsche Mittelstandsfonds mit, der zu den Gläubigern gehört. Sollte dies der Fall sein, werde man notfalls im Rahmen der gesetzlichen Durchgriffshaftung auch auf das Vermögen der Familie Warbanoff zugreifen, drohte der Fonds.

Viel zu holen gibt es nicht, glaubt man Mark Warbanoff. "Unser Geld ist komplett weg", beteuert er. Die Verluste der Familie gingen in die Millionen. Außer zwei Bestandsimmobilien gebe es keine Projekte mehr, die den Namen Warbanoff tragen, behauptet er. Wer im Internet googelt, wird dennoch fündig. Auf www.gewa-realestate.de bewirbt Mark Warbanoff das Neubauvorhaben Stuttgarter Tor in Backnang, wo 30 Eigentumswohnungen und Ladeneinheit entstehen sollen.

Auffallend dabei ist, dass auch eine BW Projektgesellschaft das Projekt vermarktet, mit identischem Internetauftritt (www.bw-projekt.de) wie Gewa Real Estate. Geschäftsführer dieser Firma, an der Mark Warbanoff laut Handelsregister früher beteiligt war, ist Tobias Schlauch. Und der ist kein unbeschriebenes Blatt in hiesigen Kreisen: Schlauch managt vom gleichen Firmensitz im Stuttgarter Westen aus auch die Quattrex Sports AG, die ihr Geld in bedürftige Profi-Fußballclubs investiert (Kontext berichtete). 

Gegründet und bis vergangenen August als Aufsichtsratschef kontrolliert wurde die Quattrex Sports AG von Wolfgang Dietrich, dem einstigen Stuttgart-21-Projektsprecher und heutigen Präsidenten des VfB Stuttgart. Dietrich gilt als Freund von Bahnchef Grube.


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Kommentare

Fritz, 30.12.2016 09:27
Scheint als wäre das Pyramidenspiel dieses mal nicht rechtzeitig vor der Insolvenz aufgegangen.

sepp vom bau, 29.12.2016 17:44
jetzt hats den alten warbanoff auch erwischt.............
der hat doch immer versucht grössere fässer aufzumachen

Insider, 22.12.2016 21:27
Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff.
Diese Aussage erinnert sehr stark an eine Stellungnahmen der Tochter der Familie Schlecker in Ehingen!
2017 wird die Insolvenz von Schlecker wieder die Gerichte beschäftigen.

M. Stocker, 22.12.2016 12:34
Vielen Dank Jürgen Lessat für diesen Artikel. Das ist genau die Art von Journalismus, die der StZN so bitter fehlt, und uns immer wieder an das Ausmaß der Hinterzimmer-Gschaftlhuberei (vornehm 'Netzwerkerei' genannt) erinnert. Weiter so, mehr davon!

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