KONTEXT Extra:
NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


NSU-Ausschuss: Schon wieder eine tote Zeugin

In seiner nächsten Sitzung wollte der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Zeugin hören, die in den Neunzigerjahren vermutlich zu einer Gruppierung von Rechtsextremisten im Raum Ludwigsburg gehörte. Und sie stand im persönlichen Austausch mit der Neonazi-Szene in Jena und Chemnitz. 1996 soll die Frau sich auch mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen haben und später mit einem aus Thüringen stammenden und in Baden-Württemberg lebenden Mitveranstalter diverser deklarierter Konzerte rechtsextremer Skinheadbands, darunter auch der Band "Noie Werte".

Allerdings ist die Zeugin seit einigen Tagen tot. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, ehe der Ausschuss Aufklärung verlangen konnte. "Ich habe dem Justizministerium sofort mitgeteilt", so der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass wir großes Interesse daran haben, zu erfahren, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann." Am Donnerstag teilte das Ministerium mit, dass an der Leichenschau "wohl auch ein forensisch erfahrener Mediziner" mitgewirkt habe. Die Abgeordneten wollen sich jetzt in ihrer nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 mit dem Fall befassen. Er sei sicher, so Drexler, "dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden", nicht zuletzt, weil "die Behörden ihre Lektionen gelernt haben".

Ende März 2015 war die 20-jährige Melisa M., eine frühere Freundin des im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten rechten Aussteigers Florian Heilig, überraschend verstorben, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe als Folge eine Motocross-Unfalls. "Es dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im linken Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", hieß es damals in der Pressemitteilung. Auch ein technisches Gutachten zum Zustand ihrer Maschine wurde vorgelegt - ohne Hinweise auf technische Manipulation. Ein knappes Jahr später hatte sich ihr Verlobter Sascha W. das Leben genommen. (10.2.2017)

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Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ein Bild aus besseren Tagen: Michael und Mark Warbanoff. Screenshot www.gewa-tower.de

Ausgabe 299
Wirtschaft

Eine schrecklich geschäftstüchtige Familie

Von Jürgen Lessat
Datum: 21.12.2016
Die Warbanoffs aus Esslingen galten als schwäbische Vorzeigeinvestoren. Bis der Vater mit den Söhnen beim Fellbacher Gewa-Tower zu hoch hinauswollte. Mit dessen Pleite endet eine schillernde Familiensaga, in der auch Bahnchef Rüdiger Grube und der einstige S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich auftauchen.

Die Stimme klingt beschwingter, als es angesichts der Umstände zu erwarten wäre. "Michael Warbanoff am Apparat", meldet sich fröhlich der Seniorchef der Esslinger Gewa-Gruppe. Während die Internet-Präsenz www.warbanoff.de seit kurzem ins Leere führt, ist das Büro im Vorort Mettingen besetzt. Die gute Laune des 70-jährigen Firmenpatriarchen verschlechtert sich jedoch, als der Anrufer Näheres zu einer der zahlreichen Gewa-Gesellschaften wissen will. Konkret zur Pleite der "GEWA 5 to 1 GmbH & Co. KG", die bis vor kurzem noch am spektakulären Turmbau zu Fellbach arbeitete. "Das hat Sie nichts zu interessieren", schreit der Unternehmer. Wenn einer Auskunft gebe, dann nur Mark Warbanoff. Doch der jüngste Sohn habe gerade Termine. "Versuchen Sie es später nochmals", bellt er und legt auf.

Überraschend hatte Warbanoffs Firma, die seit 2014 den dritt höchsten Wohnturm Deutschlands baute, Mitte November Insolvenzantrag gestellt. Seither muss die Wein- und Kongressstadt Fellbach vor den Toren Stuttgarts befürchten, eine 107 Meter hohe Bauruine als neues Wahrzeichen zu bekommen. Auch bangen Anleger, die 35 Millionen Euro in eine Turm-Anleihe steckten, um ihr Geld. Genauso wie die Käufer von 44 Wohnungen, die bereits Anzahlungen für "höchste Wohnträume" im Wolkenkratzer leisteten.

Dem Sohn tut's jedesmal weh, wenn er an dem Turm vorbei fährt

Anders als der Vater gibt sich Junior Warbanoff später auskunftsfreudiger, wählt seine Worte in nachdenklichem Tonfall. "Keine Ahnung" habe er, wie es mit dem unfertigen Wohnturm weitergehe. "Auch für uns ist es ziemlich schlimm, so etwas haben wir selbst noch nie erlebt", sagt der 37-Jährige zu den dramatischen Entwicklungen. Täglich fahre er an dem Turm vorbei. "Es tut jedes Mal weh", beteuert der Betriebswirt. Schließlich sei das Hochhaus auch ein Stück seines Lebenswerks, mit dem er sich seit Jahren intensiv beschäftigt habe. "Das fehlt jetzt", sagt Warbanoff, "wir wollen keine Bauruine. Wir wollen, dass das Projekt fertiggestellt wird".

Bis vor wenigen Wochen noch war die schwäbische Hochhauswelt in Ordnung. Anfang September feierte man mit Bauarbeitern und Lokalprominenz Richtfest am Rohbau. Sie hätten sich nicht mit kleinen Plänen aufgehalten, sondern den großen Wurf gewagt, lobte der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm die Immobilien-Familie. "Wer nicht an den Fortschritt glaubt und denkt, alles sei schon ausgereizt, der tut sich und der Nachwelt nichts Gutes", pries der CDU-Politiker die Warbanoffs auf Neuschwäbisch als "Risk-Taker", das Risiko Wagende.

Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauruine Gewa-Tower in Fellbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Wenige Tage später wurde aus Risiko traurige Realität. Die Baufirma Baresel räumte Hals über Kopf die Baustelle. "Gespräche zur Klärung offener Punkte" mit der Traditionsfirma, so die verharmlosende Ad-Hoc-Meldung, scheiterten. Seitdem sucht der Insolvenzverwalter Geldgeber, die ein paar Millionen für die markante Immobilie übrig haben. Die Warbanoffs waren ihren Turm los. Scheitern gehört eben auch zum Geschäft, glaubt Sohn Mark: Dass das größte Vorhaben der Familie bislang in die Binsen geht, sei auch ein Stück weit Unternehmertum. Die Schuld sieht er bei anderen: "Wir sind sicherlich daran gescheitert, dass wir die falschen Partner hatten", sagt er.

Kontakt zu den "Alten Herren" schadet nie

Bis zur Pleite wirbelte der Warbanoff-Clan erfolgreich übers Immobilienparkett. Obwohl die Geschäfte zunächst andere waren. Vater Michael, Jahrgang 1946, übernahm in den Siebziger Jahren den elterlichen Apparatebaubetrieb in Esslingen. Parallel dazu gründete der Feinmechaniker und Wirtschaftsingenieur ein Systemhaus. Nach Verkauf beider Unternehmen an Mitarbeiter wechselte der Senior das Metier: 1998 gründete er die Gewa-Gruppe, die über Projektgesellschaften Immobilien entwickelte, baute und vermietete oder verkaufte. Den Firmennamen leitete er aus seinem zweiten Vornamen (Georg) und dem Nachnamen ab.

In des Vaters Fußstapfen stieg der ältere Sohn Niko, indem er an der Esslinger Fachhochschule Wirtschaftsingenieur studierte. Gleich im ersten Semester schloss sich Niko der Verbindung Staufia an, bei der schon sein Vater Mitglied war. Davon habe er im Studium, aber auch danach profitiert, sagte er später der "Eßlinger Zeitung". Natürlich schade es nicht, wenn man als Student Kontakt zu den "Alten Herren" der Verbindung hat, die oft einflussreiche Positionen in der Wirtschaft bekleiden, räumte er ein. Sowohl ein Auslandssemester in Singapur als auch der erste Job bei der Mercedes-Benz-Bank kamen durch die Vermittlung eines Bundesbruders zustande.

Der jüngste Warbanoff, Mark, widmete sich direkt den Geldgeschäften. Er lernte Bankkaufmann, danach studierte er Betriebswirtschaft. Wie sich Kapital vermehrt, erlebte er beim Immobilienfinanzierer BF.direkt AG, wo er ab 2005 die gewerbliche Finanzierungsvermittlung für Bauträger und Projektentwickler aufbaute. 2007 stieg er als geschäftsführender Gesellschafter in die Gewa-Gruppe ein. Wie man gute Geschäfte macht, erzählte er später etwa beim Property Lunch im Oktober 2014: "Projektfinanzierung ohne Banken am Beispiel des Fellbacher Gewa-Towers", lautete sein Vortag im Hotel Graf Zeppelin, für den Zuhörer 190 Euro inklusive Mittagessen berappten.

Damals liefen die Gewa-Geschäfte noch ausgezeichnet. Michael Warbanoff hatte zunächst in vermietete Bestandsimmobilien investiert. Zur Jahrtausendwende realisierte er sein erstes Neubauobjekt: das Arbeitsamt mit Einzelhandelsläden in Backnang. Alle aufgekauften oder neugebauten Immobilien sollten langfristig im Gewa-Bestand bleiben. Mit der Zeit stiegen die Investitionen auf zweistellige Millionensummen, die fertigen Gebäude umfassten tausende Quadratmeter Nutzfläche. Mit "Ihr Partner für Großprojekte", begrüßten Vater und Sohn Mark zuletzt die Besucher auf der inzwischen stillgelegten Homepage. Seit der Unternehmensgründung habe man Projekte für rund 250 Millionen Euro realisiert, bewarben sie ihre Expertise.

Daimler war der wichtigste Kunde

Nach Ladenpassagen, Büros und Studentenbuden baute Warbanoff in großem Stil auch Industriehallen. Wichtigster Kunde in diesem Segment: die Stuttgarter Daimler AG. Die Geschäfte mit dem Autokonzern begannen 1998, als Michael Warbanoff in der Sindelfinger Kolumbusstraße eine Halle erwarb, in die die PKW-Versuchsabteilung einzog. Im November 2000 kaufte er einen leerstehenden Supermarkt unweit des größten Daimler-Werks, vermietete ihn nach Umbau als Lager an den Autokonzern. Im Jahr 2001 baute er unweit des Daimler-Stammsitzes in Stuttgart-Untertürkheim für sechs Millionen Euro ein Autohaus für Werksangehörige. 2003 erstellte Warbanoff auf dem zugeschütteten Hafenbecken 3 im Stuttgarter Neckarhafen für 12,5 Millionen Euro eine Logistikhalle für den Überseeversand des Konzerns. Drei Jahre später errichtete er für 16 Millionen Euro den zweiten Bauabschnitt des Zentralversands.

Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com
Vater Warbanoff, rechts, auf einem Dach von Daimler. Screenshot blog.mercedes-benz-passion.com

Mitten in der Finanzkrise zogen die Warbanoffs ihr größtes Geschäft mit dem Autobauer an Land: Im Juni 2009 wurde der Spatenstich für das neue Daimler-Presswerk Kuppenheim bei Rastatt gefeiert. Nach zwei Jahren Bauzeit sollte in den 92 000 Quadratmeter großen Hallen die Produktion von Karosserieteile beginnen. Als Gesamtinvestition wurden 70 Millionen Euro genannt.

Beim Festakt schaufelten jedoch nur Vater Michael und Junior Mark um die Wette. Sohn Niko fehlte. Dabei hätte der ältere Sprössling in doppelter Rolle mitfeiern können: als Geschäftsführer der Gewa-Kuppenheim Komplementär GmbH, die Bau und Vermietung der Immobilie verwaltete; und als ehemalige Daimler-Führungskraft, zu der er nach dem Wechsel von der Mercedes-Bank zum Mutterkonzern aufgestiegen war. Seit Februar 2008 diente der Warbanoff-Filius sogar dem damaligen Daimler-Vorstand Rüdiger Grube als persönlicher Referent. Zu Grubes Ressort gehörte zuletzt auch der Bereich Real Estates, der die Mietgeschäfte auch mit den Warbanoffs abwickelte.

Ein derart kurzer Draht zwischen Investoren-Clan und Konzernvorstand könnte Anlass für Spekulationen sein. "Es lief alles legal, es gab weder Machen- noch Seilschaften", explodiert Mark Warbanoff auf Nachfrage am Telefon. Wer heute mit diesen alten Geschichten komme, wolle der Familie noch mehr in den Rücken fallen, schimpft er. Eintöniger reagiert Daimler: "Zu Auftragsvergaben bei Lieferanten und Dienstleistern äußern wir uns grundsätzlich nicht", teilt ein Sprecher auf Kontext-Nachfrage mit. 

"Es gibt keinen irgend gearteten Zusammenhang zwischen den von Gewa-Projektgesellschaften errichteten Projekten für die Daimler AG und der Tätigkeit von Herrn Niko Warbanoff als persönlicher Referent von Daimler-Vorstand Dr. Grube", antwortet ausführlicher die Deutsche Bahn, zu der Grube und Niko Warbanoff im Mai 2009 wechselten. Der neue Bahn-Chef nahm damals seinen Stuttgarter Assistenten als "Leiter für besondere Aufgaben" zum Berliner Staatskonzern mit, wo dieser rasant Karriere machte. Kaum ein Jahr später wurde der damals 34-Jährige Leiter des neuen Bereichs "Internationale Geschäftsentwicklung". Heute ist Niko Warbanoff Chef der DB-Tochter Engineering & Consulting mit 3800 Mitarbeitern. "Sämtliche genannte Projekteninitiierungen datieren laut Herrn Warbanoff auch aus einer Zeit vor Februar 2008, als Herr Niko Warbanoff seine Arbeit als persönlicher Referent für Dr. Grube aufnahm", betont der Bahn-Sprecher.

DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de
DB-Manager Niko Warbanoff. Screenshot www.deine-bahn.de

Auch habe Warbanoff die Deutsche Bahn "über seine Funktion als Mitgesellschafter der Gewa-Gruppe mit Beginn seiner Tätigkeit bei der DB unterrichtet", ergänzt er. Diese Informationen dürften inzwischen veraltet sein. Die Kuppenheimer Daimler-Hallen wurden im Februar 2015 an die Bensheimer Dietz AG verkauft. Der hessische Immobilienkonzern hatte den Warbanoffs bereits in 2012 das Daimler-Logistikzentrum im Stuttgarter Hafen abgekauft. Vergangenes Jahr schied Bahn-Manager Niko Warbanoff auch als geschäftsführender Gesellschafter der inzwischen insolventen Gewa-Wohnturm Gesellschaft aus.

Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff

Ein weiser Entschluss, denn inzwischen beschäftigt die Hochhaus-Pleite Anwälte, die die Ansprüche der Anleihegläubiger sichern sollen. Einen Totalverlust schließen die Fachleute zwar aus. Doch wie viel am Ende verloren ist, hänge davon ab, wie schnell der Turm fertig gebaut wird. Man prüfe, ob die Projektmanager "gegen Mitteilungspflichten und gegen Bestimmungen der Makler- und Bauträgerverordnung verstoßen" haben, teilte der Deutsche Mittelstandsfonds mit, der zu den Gläubigern gehört. Sollte dies der Fall sein, werde man notfalls im Rahmen der gesetzlichen Durchgriffshaftung auch auf das Vermögen der Familie Warbanoff zugreifen, drohte der Fonds.

Viel zu holen gibt es nicht, glaubt man Mark Warbanoff. "Unser Geld ist komplett weg", beteuert er. Die Verluste der Familie gingen in die Millionen. Außer zwei Bestandsimmobilien gebe es keine Projekte mehr, die den Namen Warbanoff tragen, behauptet er. Wer im Internet googelt, wird dennoch fündig. Auf www.gewa-realestate.de bewirbt Mark Warbanoff das Neubauvorhaben Stuttgarter Tor in Backnang, wo 30 Eigentumswohnungen und Ladeneinheit entstehen sollen.

Auffallend dabei ist, dass auch eine BW Projektgesellschaft das Projekt vermarktet, mit identischem Internetauftritt (www.bw-projekt.de) wie Gewa Real Estate. Geschäftsführer dieser Firma, an der Mark Warbanoff laut Handelsregister früher beteiligt war, ist Tobias Schlauch. Und der ist kein unbeschriebenes Blatt in hiesigen Kreisen: Schlauch managt vom gleichen Firmensitz im Stuttgarter Westen aus auch die Quattrex Sports AG, die ihr Geld in bedürftige Profi-Fußballclubs investiert (Kontext berichtete). 

Gegründet und bis vergangenen August als Aufsichtsratschef kontrolliert wurde die Quattrex Sports AG von Wolfgang Dietrich, dem einstigen Stuttgart-21-Projektsprecher und heutigen Präsidenten des VfB Stuttgart. Dietrich gilt als Freund von Bahnchef Grube.


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Kommentare

Fritz, 30.12.2016 09:27
Scheint als wäre das Pyramidenspiel dieses mal nicht rechtzeitig vor der Insolvenz aufgegangen.

sepp vom bau, 29.12.2016 17:44
jetzt hats den alten warbanoff auch erwischt.............
der hat doch immer versucht grössere fässer aufzumachen

Insider, 22.12.2016 21:27
Zu holen gebe es bei ihnen nichts mehr, sagt Mark Warbanoff.
Diese Aussage erinnert sehr stark an eine Stellungnahmen der Tochter der Familie Schlecker in Ehingen!
2017 wird die Insolvenz von Schlecker wieder die Gerichte beschäftigen.

M. Stocker, 22.12.2016 12:34
Vielen Dank Jürgen Lessat für diesen Artikel. Das ist genau die Art von Journalismus, die der StZN so bitter fehlt, und uns immer wieder an das Ausmaß der Hinterzimmer-Gschaftlhuberei (vornehm 'Netzwerkerei' genannt) erinnert. Weiter so, mehr davon!

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