KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Ausgabe 296
Wirtschaft

Die Turmspringer

Von Jürgen Lessat
Datum: 30.11.2016
Jedem sein Hochhaus, auch den Fellbachern. Dort steht der dritthöchste Wohnturm Deutschlands, als unvollendetes Wolkenkratzerle, und die Stadt bei Stuttgart im Regen. Die Pleite des Bauherrn macht wieder einmal deutlich, wohin der Größenwahn von Lokalpolitikern führen kann.

Im Fellbacher Rathaus steht wieder der Weihnachtswunschbaum, an den die Jungen und Mädchen Sterne heften dürfen, die davon künden, was sie so gerne hätten. Auch die frischgebackene Oberbürgermeisterin Gabriele Zull würde wohl gern so einen Stern aufhängen. Darauf bräuchte die 49-jährige Verwaltungsjuristin nur vier Buchstaben pinseln und jeder wüsste sofort, was ihr gerade schwer wie Beton auf dem Herzen liegt: G E W A – der 107 Meter hohe Wohnturm am östlichen Ortseingang der 45 000-Einwohner-Stadt.

Nicht einmal zwei Wochen nach Amtseinführung ereilte Zull die Hiobsbotschaft: Am 18. November kündigte die Projektgesellschaft des GEWA-Towers an, einen Insolvenzantrag stellen zu wollen. Aus heiterem Himmel, per Ad-hoc-Meldung zur börsennotierten Tower-Anleihe. Auf der 2014 platzierten Anleihe hatte die Finanzierung des 34-stöckigen Hochhauses mit seinen 66 exklusiven Wohnungen zwischen 60 und 430 Quadratmetern aufgebaut. 35 Millionen Euro hatte der Esslinger Immobilienunternehmer Michael Georg Warbanoff zusammen mit seinen Söhnen Mark und Niko von Investoren eingesammelt, mehr als die Hälfte der auf 60 Millionen Euro geschätzten Baukosten. Niko Warbanoff verdingte sich damals bereits im Hauptberuf bei der Deutschen Bahn, wohin ihn Konzernchef Rüdiger Grube 2009 bei seinem Wechsel von Daimler zum Staatskonzern mitgenommen hatte. Beim Stuttgarter Autobauer diente der Junior Grube als Büroleiter. Heute ist Niko Warbanoff Chef der DB Engineering & Consulting, einer Bahntochter mit 4000 Mitarbeitern für weltweite bahntechnische Dienstleistungen. Als Geschäftsführer der GEWA-Projektgesellschaft schied er Ende 2014 aus.

107 Meter Firmenpleite. Fotos: Joachim E. Röttgers
107 Meter Firmenpleite. Fotos: Joachim E. Röttgers

Zuhause im Schwabenland ging die Rechnung der Warbanoffs trotzdem nicht auf. Die überraschende Pleite, zweieinhalb Jahre nach Spatenstich, ließ nicht nur den Anleihe-Kurs in den Keller sausen. Sie schlug auch wie eine Bombe im Fellbacher Rathaus ein. Über Nacht wandelten sich die hochfliegenden Hoffnungen mancher Lokalpolitiker, mit Deutschlands dritthöchstem Wohnturm endlich aus dem Schatten der großen Landeshauptstadt treten zu können, zum Albtraum. Der Turmbau zu Fellbach liegt nun in den Händen eines Insolvenzverwalters.

Am 9. September hatten die Warbanoffs noch mit der lokalen Prominenz Richtfest gefeiert. Bei Maultaschen und Trollinger deutete nichts darauf hin, dass den Bauträgern wenige Tage später das Geld ausgehen und die schwäbische Baufirma Baresel AG überstürzt den gigantischen Außenkran demontieren würde. Ein Umstand, den klagefreudige Kanzleien an die Adresse von geschädigten Anlegern bereits als mögliche Insolvenzverschleppung interpretieren. 

"Im schlimmsten Fall bekommen wir wenigstens Deutschlands höchste Bauruine", kommentierte ein Leserbriefschreiber im Lokalblatt die dramatischen Entwicklungen, denen Fellbachs Oberbürgermeisterin nur hilflos zuschauen kann. Wie die Öffentlichkeit habe man die jüngsten Ereignisse rund um den GEWA-Tower "überrascht zur Kenntnis genommen", ließ Zull via Presseaussendung wissen. Man werde alles tun, das weitere Verfahren intensiv und konstruktiv zu begleiten und zu unterstützen. Allerdings seien die Handlungsmöglichkeiten bei einem solchen rein privaten Bauvorhaben "naturgemäß begrenzt". Ende der Durchsage.

CDU und Freie Wähler wollten den Turm unbedingt

Die Rathauschefin hat nun auszubaden, was ihr die konservative Mehrheit im Fellbacher Gemeinderat am 13. Mai 2014 mit einem umstrittenen Baubeschluss für den Wohnturm eingebrockt hat. Während in anderen Remstal-Gemeinden das bürgerliche Lager gegen weitaus schlankere Windräder wütend auf die Barrikaden geht, wie etwa der Ex-Fußballnationalspieler und CDU-Gemeinderat Hansi Müller im benachbarten Korb (Kontext berichtete), wollte eine große Koalition aus Christdemokraten und Freien Wählern in Fellbach unbedingt hoch hinaus. "Wir haben im Gemeinderat den Weg für den Turm freigemacht", gibt der CDU-Fraktionschef Hans-Ulrich Spieth heute unumwunden zu: "Wir wollten ihn als markanten, weithin sichtbaren Stadteingang." Leichtfertig sei man nicht gewesen. "Die Bonität von Finanzierung und Projektierer haben Banken bescheinigt", bekräftigt der Konrektor im Ruhestand.

Anders Sozialdemokraten und Grüne, die damals gegen das neue Wahrzeichen stimmten. "Der Turm ist viel zu groß für Fellbach", betonte Agata Ilmurzynska, die Fraktionschefin der Grünen, und sagte Nein. Auch aus der Sorge um das soziale Gefüge der Stadt. Schließlich grenze der Turm an ein Wohngebiet, in dem weniger Betuchte leben. In den dreistöckigen Mehrfamilienhäusern konnten sich selbst Arbeiterfamilien Wohneigentum leisten. Im Laufe der Zeit stieg der Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund überproportional an.

In ganz anderem Umfeld bewegen sich die potenziellen Bewohner des GEWA-Towers. Das lassen schon die Kaufpreise der Wohnungen erahnen. "Wir haben bereits beim Verkauf vom Plan weg einen Spitzenpreis von bis zu 7800 Euro pro Quadratmeter erzielt", sagt Immobilienmakler Wolfgang Langer vom Waiblinger Engel & Völkers-Büro, das die exklusiven Apartments bislang vermarktete. Der Kaufpreis liege je nach Höhe im Turm zwischen dreißig und achtzig Prozent über dem bisherigen örtlichen Vergleichsniveau, erläutert der Experte, "wobei es für den Tower eben gar keinen Vergleich gibt." Was nicht abschreckte: Bis zur Insolvenz des Bauträgers waren bereits 45 Wohnungen verkauft. Das bislang teuerste Wolkenkratzer-Heim, eine Wohnung mit über 200 Quadratmetern oberhalb des 20. Stockwerks, ging für knapp 1,64 Millionen über den Tisch.

Was jetzt noch zu haben ist, rangiert ausschließlich im gehobenen Preissegment. Neun Wohnungen zwischen der 22. und 31. Etage sind ab 995 000 Euro käuflich, so die Ansage im Internet. Der teuerste Ausblick nach Stuttgart und übers Remstal ist von der obersten Maisonette-Wohnung aus möglich, deren sechs Zimmer sich von der 31. bis zur 33. Etage erstrecken. Die knapp 460 Quadratmeter Wohnfläche rund hundert Meter über Straßenniveau sind für 3,5 Millionen Euro im Angebot.

Cloud No 7: teures Wolkenkuckucksheim.
Cloud No 7: teures Wolkenkuckucksheim.

Ein Schnäppchen, da abgehobenes Wohnen in noch schwindelerregendere Preissphären klettert, je näher das aussichtsreiche Zuhause im Zentrum eines Ballungsraums steht. Bekanntlich eilen die Immobilienpreise in Großstädten derzeit von Rekord zu Rekord. So auch in Stuttgart, wo die Schwäbische Wohnungs AG im neuen Europaviertel beim Hauptbahnhof gerade für rund 80 Millionen Euro das Hochhaus Cloud No 7 baut. Die teuerste Wohnung im 18-stöckigen Luxuswohnturm ging im vergangenen Jahr für mehr als 15 400 Euro pro Quadratmeter weg. Mittlerweile sind rund 94 Prozent der Wohnflächen verkauft oder reserviert, teilte der Projektierer vor wenigen Tagen mit. Zu haben sind laut Internetportal "Immobilienscout 24" noch zwei 2-Zimmer- sowie drei 3-Zimmer-Wohnungen zwischen 610 000 Euro und knapp 2,5 Millionen Euro.

Im bundesweiten Vergleich lebt es sich auf Stuttgarts Wolke Sieben noch günstig. Die derzeit teuerste Etagenwohnung Deutschlands findet sich im Dachgeschoss der neuen Hamburger Elbphilharmonie. Für die Maisonette 110 Meter über den Hafenbecken, im 25. und 26. Stock des Konzerthauses, sind nach Medienberichten mehr als 25 000 Euro pro Quadratmeter zu berappen. Die gute Nachricht: Das Apartment mit dem Wahnsinns-Rundumblick bis fast zur Nordsee ist noch zu haben. Die günstigeren der insgesamt 44 Wohnungen im Philharmonie-Solitär sind schon weg.

Die Luxusheime in luftiger Höhe stehen für eine Zeitenwende. Denn früher haftete Wohntürmen und auch ihren Bewohnern ein schlechtes Image an. In Großstädten wurden ab den Sechziger Jahren viele Hochhäuser auf grüne Wiesen gestellt, um den zuziehenden Menschen in die Wirtschaftszentren ausreichend Wohnraum bieten zu können. Die als modern gepriesenen Neubausiedlungen wandelten sich in späteren Krisenzeiten allzu oft in soziale Brennpunkte. Inzwischen bröckelt die Bausubstanz der schnell errichteten Gebäude, ihre Energiebilanz ist katastrophal, Zuschnitt und Ausstattung entspricht nur selten heutigem Standard. Mit Milliardenaufwand versuchen Wohnungsgesellschaften und Kommunen Hochhausquartiere zu sanieren.

Skyline-Living in 75 Metern Höhe: der Bülow Turm.
Skyline-Living in 75 Metern Höhe: der Bülow Turm.

Anders bei Neubauprojekten: "Es ist wieder hip im Hochhaus zu wohnen", sagt Makler Langer. Die Bewohner kämen aus allen Altersklassen, und aus besonders guten wirtschaftlichen Verhältnissen. In den Fellbacher Turm habe sich ein junges Ehepaar einkauft, das vom Hochhausambiente schlicht "geflasht ist", erzählt er. Zu den Käufern gehöre auch ein Manager, der lange Zeit für einen Automobilzulieferer im Ausland gearbeitet habe. "Er wohnte in China im Hochhaus und will hier nichts anderes", so der Makler. Auch die noch freien Wohnungen im GEWA-Tower fänden noch Käufer, glaubt der Experte. Vorausgesetzt, man könne oben eine beispielhaft hochwertig ausgebaute Wohnung als "Showroom" zeigen, damit die Interessenten das Wohnen im Tower im "doppelten Wortsinn begreifen können".

Inzwischen sprechen Medien von einer Renaissance der Wolkenkratzer. Sogar von einem Hochhaus-Boom ist die Rede. Nach einer Studie sollen zwischen 2010 und 2018 in Deutschland 79 Wohnhochhäuser gebaut werden, die Platz für 9766 Wohnungen bieten. Allein in der Region Stuttgart sind neben Cloud No 7 und GEWA-Tower zwei weitere Wohntürme kurz vor Fertigstellung: der 75 Meter hohe Skyline-Living Turm der Bülow AG auf dem Stuttgarter Pragsattel sowie das 67 Meter hohe Sky am Bietigheimer Bahnhof, das die kommunale Bietigheimer Wohnbau erstellt. In Waiblingen ist zudem ein 60 Meter hohes Öko-Wohnhaus in Planung.

Und mit jedem Höhenmeter steigt der Quadratmeterpreis. Will heißen: Die Gentrifizierung, die Verdrängung von Arm durch Reich, die bisher Stadtquartiere heimsuchte, bewegt sich jetzt auch in vertikaler Richtung: Nach oben hin wird die Luft immer dünner. Selbst für Besserverdienende.


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Kommentare

Jupp, 30.11.2016 19:31
In einzwei Jahren ider auch in drei wird der Turm fertig sein. Niemand wird sich an die Gewapleite erinnern. Und es werden zufriedene Bewohner einziehen.
Ich würde niemals so wohnen wollen.
Ich finde es aber prima, wenn die Reichen so wohnen wollen.
Wegen mir alle zusammen in einem 800m-Tower am Stadtrand. So haben wir wenig Flächenverbrauch.
Ich kann keine Nachteile an dieser Wohnform erkennen solange ich nicht gezwungen werde dort einzuziehen.

Blender, 30.11.2016 14:06
ich finde die Parteien, die den Turm wollten, sollen, zur Strafe, ihn jetzt auch zu Ende bauen bevor er dann an die Stadt übergeht. Beim nächsten Bauprojekt denken sie dann vielleicht gründlicher über mögliche Konsequenzen nach.
Wieviel hat der Pleitier eigentlich in den letzten 20 Jahren an die Parteien gespendet?

Fritz, 30.11.2016 12:30
Man kann Fellbach in knapp 3 Minuten durchqueren. Den grössten Teil des Ortes sieht man dabei nicht, weil man durch einen Tunnel fährt. Die zwei Ablufttürme dieses Tunnels galten bisher als inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. Jetzt liegt entlang dieser Strecke auch das teuerste, neue Wahrzeichen der Stadt.

Will man mehr von Fellbach sehen, dann muss man längs durch Fellbach fahren. Oder einfach auf den Kappelberg steigen. Aber wer macht das schon ausser den Weinbauern und Weintrinkern?

Jetzt hat Fellbach also endlich seinen eigenen Turm zu Babel. Es hat lange gedauert.

So lange, wie denkende Mitmenschen vor diesem Projekt gewarnt hatten. Aber die anderen Mitmenschen haben dann lieber mehrheitlich bei der letzten Wahl die Frau im Konfirmandenanzug gewählt. Und zur Landtagswahl lieber den Mann ohne einen Doktortitel.

Die Wahrheit ist, die Fellbacher mögen diese eine Partei einfach zu gern. Und die, die diese Partei nicht mehr wählen wollen, wählen dann lieber eine Partei, die zwar behauptet, eine andere Partei zu sein und die Wähler mal so richtig zu vertreten. Aber es ist in Wahrheit wieder nur die eine Partei, mit einer anderen Farbe und ein paar anderen Postern zum Wahlkampf. Aber die Politik ist immer dieselbe. Denn die Fellbacher mögen keine Veränderung.

Darum haben sie in Fellbach auch immer noch die Strassenbeleuchtung aus den 80er Jahren, die soviel Geld kostet und Strom verbraucht. Die leisten sie sich eben. So wie sie sich "ihre" Politiker leisten. Und "ihre" Partei. Und "ihren" Turm zu Babel.

Den teuersten Aussichtsturm in der Region. Den man eigentlich gar nicht bräuchte, wenn man nur (umsonst) auf den Kappelberg stiege. Aber dafür müsste man längs durch Fellbach fahren. Und das machen eben nur die Weinbauern und Weintrinker.

Reinhard Muth, 30.11.2016 11:02
Auf jedem Hochhausturm sollte sich ein Windrad drehen! Zur eigenen Stromversorgung. Überschüssiger Strom wird zur Wärmeerzeugung verwendet.

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