KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Trübe Aussichten für das Skigebiet am Feldberg. Es fehlt an Schnee. Foto: Winfried Rothermel

Trübe Aussichten für das Skigebiet am Feldberg. Es fehlt an Schnee. Foto: Winfried Rothermel

Ausgabe 249
Wirtschaft

Pleitegeier über Pistengaudi

Von Jürgen Lessat
Datum: 06.01.2016
Wärmerekord statt Wintertraum: Auf dem Feldberg, dem höchsten Gipfel von Baden-Württemberg, ist die Skisaison bislang ausgefallen. Seit Jahren warnen Umweltschützer, dass gegen den Klimawandel keine Schneekanonen helfen. Dennoch pulverten Kommunen und Investoren erst jüngst 25 Millionen Euro ins stillstehende Skigebiet.

Zur Einweihung spendeten Pater und Pfarrer göttlichen Segen. Doch auch das nutzte nichts: der Zeigerlift, der neueste Sessellift am Feldberg, beförderte auf der Jungfernfahrt am 18. Dezember nur die lokale Prominenz auf den 1493 Meter hohen Gipfel – und postwendend auch wieder hinunter zur Talstation. Danach wurden die Sessel eingemottet.

Denn an Abfahren auf Skiern oder Snowboards war im größten Wintersportgebiet von Baden-Württemberg in dieser Saison kaum zu denken. Außer an ein paar Tagen im November hieß es im Hochschwarzwald statt Wintermärchen nur Frühlingserwachen. Kurz vor Jahreswechsel kletterte das Thermometer auf dem Feldberg auf 12,5 Grad, was es im Dezember dort noch nie gegeben hat. Auch bundesweit war es der wärmste Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881.

Während in den Alpen Schneekanonen weiße Pistenbänder in braune Gebirgstäler zeichneten, kamen die Liftbetreiber am Feldberg auch mit Kunstschnee nicht weiter. "Bei dauerhaften Plusgraden nützt die beste Beschneiung nichts", mussten Mitarbeiter der Fremdenverkehrsämter enttäuschten Skitouristen erklären, die sich über gesperrte Abfahrten beschwerten. Selbst in Frostnächten hätte sich der Aufwand nicht gelohnt, da die künstlichen Kristalle auf dem warmen Boden im Nu schmelzen. "Auch meine Skier stehen noch immer im Keller", versuchte eine Mitarbeiterin der Lift-Hotline frustrierte Gäste zu trösten.

Gähnende Leere im neuen Parkhaus

Ist es verzweifelte Krisen-PR oder schlicht, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Von Einbußen bei Hotellerie und Gastronomie, die in den zwei Wochen Weihnachtsferien ein Drittel des Wintergeschäfts machen, will man vor Ort nichts wissen. Auf dem Gipfel sei an Weihnachten die Hölle losgewesen, berichtete Volker Hasselbacher dem "Schwäbischen Tagblatt". "Der ganze Berg ist voll mit Leuten", behauptete der stellvertretende Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH. Auch Feldbergs Bürgermeister Stefan Wirbser (CDU) sah nur Hochbetrieb. "Hier war so viel los wie bei Skibetrieb", bekräftigt er auf Anfrage.

Schneefreier Rutsch ins neue Jahr. Foto: liftverbund-feldberg.de (Webcam)
Schneefreier Rutsch ins neue Jahr. Foto: liftverbund-feldberg.de (Webcam)

Doch die Webcams im Skigebiet zeigten ein anderes Bild. Wo an schönen Wintertagen über 10 000 Ski- und Snowboardfahrer Pisten, Lifte und Hütten bevölkern, verloren sich zwischen den Jahren die Wanderer. Und auch im pünktlich zum Beginn der neuen Wintersportsaison fertiggestellten Parkhaus beim Hotel Feldberger Hof herrschte kaum Andrang. Die 1200 PKW-Stellplätze und 45 Busparkplätze der Garage blieben meist unbelegt. Wie ein Riesenraumschiff am falschen Platz erstrahlte das hell erleuchtete Gebäude in den lauen Schwarzwaldnächten.

Mit dem Schnee fehlen im Schwarzwald nicht nur Wintersportler, sondern auch das Geld, das sie an den Liftkassen lassen. Im vorigen Winter, der guten Skisaison 2014/2015, registrierte der Liftverbund Feldberg noch über 450 000 Skifahrer, 5,6 Millionen Beförderungen und 7,3 Millionen Euro Umsatz. Inzwischen glaubt keiner mehr, diese Zahlen für 2015/2016 noch zu erreichen. Dabei müssten die Kassen der Alpin Center Todtnau-Feldberg GmbH, die das Skigebiet betreibt, gerade jetzt besonders kräftig klingeln. Denn Darlehns- und Leasingraten für neue Schneekanonen und Sessellifte müssen weiter bedient werden, auch wenn Schneemangel alles ausbremst.

Allein im zurückliegenden Jahr pumpten Anteilseigner und Investoren 25 Millionen Euro ins Skigebiet, um Erreichbarkeit und Kapazität zu verbessern. Um Gewinn und Risikovorsorge zu erwirtschaften, müssten die Lifte an mindestens 100 Tagen pro Saison laufen. Feldbergs Bürgermeister spricht dagegen von 60 Betriebstagen, um alle Betriebskosten einzufahren. "Wir haben bisher immer mit positiven Zahlen die Saison beendet", unterstreicht er. Doch was, wenn der Winter auf dem Feldberg weiter ausbleibt? In diesem und vielleicht auch in den nächsten Jahren? Dann könnte über dem höchsten Gipfel des Landes schnell der Pleitegeier kreisen.

Klimawandel frisst Gemeinde-Finanzen

Der neue Zeiger-Sessellift droht St. Blasien in die finanzielle Bredouille zu stürzen, das, wie die Gemeinden Feldberg und Todtnau, ein Drittel an der Feldberger Lift- und Pistengesellschaft hält. Denn anders als bei früheren Projekten im Skigebiet hat das 3800-Einwohner-Städtchen das rund 10,4 Millionen teure Projekt allein finanziert. "Wir haben das seriös gerechnet", beteuerte St. Blasiens Bürgermeister Rainer Fritz (parteilos) zur Einweihung zwar. Um die Darlehen zu bedienen, bedarf es aber mindestens 550 000 Liftnutzer pro Saison, so die Kalkulation. 

Neu und leer: das Riesenparkhaus am Feldberg. Foto: goldbeck07.hi-res-cam.com (Webcam)
Neu und leer: das Riesenparkhaus am Feldberg. Foto: goldbeck07.hi-res-cam.com (Webcam)

Und auch Feldbergs Bürgermeister dürften die hohen Wintertemperaturen nicht auf Dauer kalt lassen. Seit seinem Amtsantritt 1995 kämpft der CDU-Schultes gegen den Widerstand von Naturschützern für den Ausbau des Feldbergs. Hin zu einem Skizirkus, der den Vergleich mit den Hotspots der Alpen nicht zu scheuen braucht. Erst Anfang Dezember konnte der Präsident des Skiverbands Schwarzwald mit Fertigstellung des Riesenparkhauses einen weiteren "Durchbruch" auf dem Weg dorthin feiern. Die 15 Millionen Euro teure Großgarage gilt als das wohl umstrittenste Bauwerk des Hochschwarzwalds. 20 Jahre lang wurde über seine Realisierung gestritten, 2006 entschieden sich die Bewohner von Feldberg per Bürgerentscheid für den Bau des höchst gelegenen Parkhauses der Republik, das das übliche Parkchaos entlang der Bundestraße 317 verhindern soll.

In der Projektbeschreibung überdacht die Garage ein "Satteldach im alpenländischen Stil". "In der Realität ist es, wie befürchtet, ein großer Klotz geworden, der die Scheußlichkeit mancher Innenstädte in die Natur verlegt hat", sagt dagegen Axel Mayer vom BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein in Freiburg. Ein besseres Parkplatz-Management und mehr Ski-Busse wären aus seiner Sicht die nachhaltigere Lösung gewesen.

Der Protest von Natur- und Umweltschutzverbänden konnte zwar das Parkhaus nicht verhindern, dafür aber Zuschüsse des Landes: Von den drei Millionen Euro, die noch Schwarz-Gelb versprochen hatte, wollte die neu gewählte Landesregierung nichts mehr wissen. "Grün-Rot hat kein Interesse am Wintersport", schimpfte Feldbergs Bürgermeister am Eröffnungstag.

Die ausbleibenden Steuermillionen hatten mehrere Investoren veranlasst, das Weite zu suchen. Erst Ende 2014 konnte Wirbser die Stuttgarter Privatbankiers Ellwanger & Geiger für das Projekt gewinnen. Als Geldgeber sprang deren Parkhausfonds Equity Invest ein, der rund 200 Millionen Euro von Versicherungen und anderen institutionellen Anlegern eingesammelt hat. Entgegen der bisherigen Strategie, bestehende Parkhäuser aufzukaufen, trat der Fonds am Feldberg selbst als Bauherr auf. "Diesmal haben wir die Position gewechselt", so Geschäftsführer Ralf Schlautmann.

Jeder fehlende Skifahrer kostet zwei Euro

Doch die Investition steht unter keinem guten Stern. Im bislang schneearmen Winter generierte die Großgarage nur Kosten, kaum Einnahmen. "Das finanzielle Risiko tragen erfreulicherweise nicht mehr die Steuerzahler im Land", so Mayer. Bluten müssen aber im schlimmsten Fall nicht nur die Investoren. Die Gemeinde Feldberg schloss mit dem Parkhaus-Betreiber einen Großkundenvertrag, der Einnahmen von mindestens 400 000 Skitouristen pro Winter garantiert. Für jeden Skifahrer weniger werden zwei Euro fällig.

Dabei hinterlässt der Skizirkus bereits Spuren im Haushalt der 1800-Einwohner-Gemeinde. Mit 4476 Euro lastet auf den Feldbergern die höchste Pro-Kopf-Verschuldung im Land. Was den umtriebigen Bürgermeister nicht anficht. Die Kennzahl sei ein "sehr verkürztes und wenig taugliches Mittel, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Gemeinwesens umfassend und seriös zu beurteilen" belehrte Wirbser im Kommunalwahlkampf 2014 den Kandidaten der oppositionellen Bürgerliste. So sei etwa die Division der 2,6 Millionen Euro Schulden des Eigenbetriebs "Feldberg Touristik" mit der Zahl der Einwohner eine "völlig sachfremde und irreführende mathematische Operation". Die daraus resultierende Schuldenbelastung könne nicht zum Gemeindehaushalt addiert werden. Genau so rechnet aber das Statistische Landesamt.

"Wegen des Klimawandels ist fraglich, wie lange im Schwarzwald der Skisport überhaupt noch möglich ist", gibt Gerhard Bronner, Vorsitzender des Landesnaturschutzverbands (LNV), zu bedenken. Am Belchen, Freiburgs Hausberg, führte der trockene Sommer zu Wassermangel. Schneekanonen brauchen Unmengen an Wasser, um Kunstschnee zu produzieren.

Szenarien, an die Feldbergs Bürgermeister und Mehrzahl der Gemeinderäte lieber nicht denken. Ende November stimmte die konservative Ratsmehrheit der CDU dagegen, Teil des geplanten Biosphärengebiets Südschwarzwald zu werden, das am 1. Februar an den Start gehen soll. Eine Entscheidung, die Unverständnis und Spott erntete. "Trotz der Höhenlage fehlt es Bürgermeister Stefan Wirbser sowie dem Gemeinderat offenbar an Weitblick", ließen die Vorsitzenden der Naturschutzverbände BUND, LNV und NABU in einer gemeinsamen Erklärung verlauten. "Feldberg ist als Paradiesvogel unter den Gemeinden des Südschwarzwaldes bekannt. Dass sie aber offenbar wirklich nur bis zur eigenen Kirchturmspitze blicken können, ist enttäuschend", kritisierte der NABU-Landesvorsitzende Andre Baumann. Vom Biosphären-Status ausdrücklich profitieren soll der Tourismus, allerdings eher einer der naturverträglichen Art. Für bestehende Skigebiete gilt dennoch Bestandsschutz.

Zu Beginn des neuen Jahres tauchte der erste Silberstreif über dem Feldberg auf. In Form dunkler Wolken, aus denen am 3. Januar sogar Schneeflocken fielen. Doch Frau Holle sollte noch einen Zahn zulegen: Am 8. Februar 1891 stapfte der französische Diplomat Robert Pilet als Erster auf Skiern auf den 1493 Meter hohen Gipfel. Zwei Meter Schnee lagen damals im Feldberggebiet. Die Geburtsstunde des Skilaufs in Mitteleuropa, wie es die Hochschwarzwald Tourismus GmbH stolz nennt, soll 125 Jahre danach an gleicher Stelle mit einer Riesensause gefeiert werden. Wäre doch unpassend, wenn sich der Berg dann nicht in schönstem Schneeweiß zeigt. 


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Kommentare

someonesdaughter, 07.01.2016 23:19
@Müller:

"PS: ich bin kein Skifahrer. Es macht einfach nur ein wenig Spaß, hier zu lesen und die Artikel zu widerlegen."

Und wann fangen Sie damit an?

Bisher haben Sie gar nichts widerlegt, sondern 'stimmt alles gar nicht' und 'es ist alles ganz anders, das habe ich gegoogelt' verlauten lassen. Bisschen dürftig, für Ihren eigenen Anspruch. Aber vielleicht ist diese Art der Argumentation einfach ganz rechts üblich.

"Ist es nicht umweltfreundlich im Umkreis Sport zu treiben, statt mehrere 100 Km per Verbrenner in die Schweiz zu fahren?"

Nein, mit dem Auto auf den Feldberg zu knattern ist nicht per se umweltfreundlich. Es wäre allenfalls umweltfreundlich_er_ , wenn man aus unmittelbarer Feldbergnähe käme und auf den Feldberg statt in die Schweiz knattern würde. Aber irgendwas stimmt dann an Ihrer Argumentation nicht:

"Lassen die Gäste, abgesehen von den 7,3 mio Umsatz per anno am Lift, nicht noch viele weitere Mio in der Region Feldberg? Hotellerie, Gastronomie, Souvenirs, Skibedarf etcpp."

Sie meinen die 'umweltfreundlichen' Gäste, die sowieso im eigenen Umkreis bleiben, gönnen sich dann einen Einkaufsbummel und übernachten im Hotel statt die paar Kilometer nach Hause zu fahren?

Steile These.

"Da kommen doch riesige Summen , Steuereinnahmen und viele Arbeitsplätze zusammen, oder stimmt das auch nicht"

Wer weiss das schon, bisher haben Sie es ja nur behauptet, aber keinen Beleg dafür geliefert. Den haben Sie wohl bei Google gelassen?

Vielleicht finden Sie Ihre Suchergebnisse ja noch. (Und vielleicht sogar, ohne ideologisch über die 'Nazikeule' auch dann noch zu jammern, wenn sie Sie nicht mal getroffen hat.)

Horst Ruch, 07.01.2016 19:34
...ist denn noch nicht aufgefallen, daß unabhängig der "empirisch erforschten" 2 Grad Klimaerwärmung das Wetter verrückt spielt? Der Schnee wird sicherlich den Feldberg saisonal in Weiß verkleiden, nur eben nicht im Rythmus der finanztechnischen Rechenspielchen der Betreiber samt Bürgermeister.
Grotesk und unentschuldbar ist allerdings die Verschandelung der Landschaft durch eine fantasielose, grobschlächtige Investorenarchitektur des Parkhauses. Was sollte mit einer JA/NEIN Bürgerbeteiligung erreicht werden, wenn die Behörden mit null Ahnung am Werk sind. Als wichtigstes scheint wohl das "höchstgelegene Parkhaus der Republik" den Bürgermeister beflügelt zu haben- rekordverdächtig-. Vielleicht wird auch er wegen seiner beharrlichen Durchsetzungskraft mit einer Professur durch den Landesvater geehrt . S 21 läßt grüßen.

Müller, 06.01.2016 16:17
@adebei
Danke.
Habe gerne geholfen.
Oder habe ich gar Ironie aus Ihrem Beitrag gelesen?
Waren etwa fie letzten Jahre aus Sicht der Liftbetreiber keine erfolgreichen?
Sind aktuell nicht die meisten Lifte in Betrieb?
Ist es nicht umweltfreundlich im Umkreis Sport zu treiben, statt mehrere 100 Km per Verbrenner in die Schweiz zu fahren?
Lassen die Gäste, abgesehen von den 7,3 mio Umsatz per anno am Lift, nicht noch viele weitere Mio in der Region Feldberg? Hotellerie, Gastronomie, Souvenirs, Skibedarf etcpp. Da kommen doch riesige Summen , Steuereinnahmen und viele Arbeitsplätze zusammen, oder stimmt das auch nicht?
Klären Sie mich auf, falls ich etwas falsches geschrieben habe.

PS: ich bin kein Skifahrer. Es macht einfach nur ein wenig Spaß, hier zu lesen und die Artikel zu widerlegen.

Und nein, ich habe mit keinem Buchstaben den Klimawandel geleugnet.
Aber es gibt neben dem Klima(wandel) tatsächlich auch noch das Wetter. Die meisten wissen das nicht mal zu unterscheiden.
Als letztes Jahr zwischen den Jahren so viel Schnee fiel war das in manchen Berichten auch der Klimawandel.

adabei, 06.01.2016 14:07
Schon wieder was dazugelernt: Wenn Müller googelt, dann kommt Wahrheit heraus. Zum Beispiel, dass Skifahren auf dem Feldberg ökologisch ist, aha. Und natürlich auch, dass Geld im Land bleibt, wenn man dazu ein Parkhaus-Monstrum baut.
Und gelernt habe ich auch, dass man ganz links sein muss, um so etwas kritisch zu bewerten. Wahrscheinlich ist ja inzwischen der SWR auch ganz links unterwandert, wenn er über mangelnden Schnee auf dem Feldberg berichtet, der möglicherweise sogar mit so einer Obskurität wie dem Klimawandel zusammenhängen könnte:

http://swrmediathek.de/player.htm?show=866a8da0-af2c-11e5-a04b-0026b975e0ea

Wahrscheinlich haben wir diesen Linksruck noch gar nicht bemerkt. Müller, googeln Sie doch mal.

Schwabe, 06.01.2016 13:02
"Doch was, wenn der Winter auf dem Feldberg weiter ausbleibt? In diesem und vielleicht auch in den nächsten Jahren? Dann könnte über dem höchsten Gipfel des Landes schnell der Pleitegeier kreisen.".
So funktioniert Naturschutz heute - auch ein Weg (ein moderner).

"Wie ein Riesenraumschiff am falschen Platz erstrahlte das hell erleuchtete Gebäude in den lauen Schwarzwaldnächten."
Vielleicht kann man ein Mekka für Science Fiktion Fans draus basteln. Egal, die Zeche zahlt eh der Steuerzahler (Investoren und andere Verantwortliche stehen ja unter Artenschutz).

"... 2006 entschieden sich die Bewohner von Feldberg per Bürgerentscheid für den Bau des höchst gelegenen Parkhauses der Republik, das das übliche Parkchaos entlang der Bundestraße 317 verhindern soll.".
Warum wurde ich beim Bürgerentscheid den nicht gefragt? Handelt es sich doch um ein Infrastrukturprojekt und ich wohne in Baden-Würrtemmberg.

Müller, 06.01.2016 12:48
Es macht immer Spaß einen Lessat-Artikel zu lesen.
Im Anschluss zwei Minuten googeln. Und man weiß, dass viel Nonsens drin steht.
Die letzten Winter hatten die Liftbetreiber eine sehr gute Bilanz.
Und dass die Zeit um Weihnachten nicht schneesicher ist sollte mal jemand dem Autor sagen. Das hat nichts mit Klimawandel zu tun.
Aktuell sind beinahe alle Lifte in Betrieb. Schön, dass die Realität den Artikel schon am Tag der Veröffentlichung überholt.
Und ökologisch ist das Skifahren auf dem Feldberg deshalb, weil ein riesiges tegionales Einzugsgebiet nicht hunderte KM in die Schweiz fahren muss um Wintersport zu genießen. Tonnenweise CO2 gespart. Gut fürs Klima...
Ganz Links tut es immer weh, wenn Geld im Land bleibt. Man gibt es gerne den Schweizern oder nach Berlin.
Aber für Herrn Lessat ein guter umd besonnener Artikel.
Hat er doch der Versuchung widerstanden die Wintersportler per se in die Naziecke zu stellen.
Ein Fortschritt.

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