KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Ausgabe 241
Überm Kesselrand

Zwischen Spott und Häme

Von Jürgen Lessat
Datum: 11.11.2015
Auf der 21. Internationalen Klimakonferenz im Dezember will die Weltgemeinschaft wieder einmal den globalen Temperaturanstieg begrenzen. Baden-Württemberg macht Druck: mit einem Klimabündnis aus über 50 Regionen weltweit. Die Opposition im Stuttgarter Landtag amüsiert's.

Dramatische Flüchtlingskrise, schwarze Fußballkassen, manipulierte Abgastests – war da noch was? Vielleicht: der Klimawandel. Erst neulich, im vergangenen Sommer. Affenhitze ohne Ende und furztrockene Böden, weil über Monate kein Tropfen vom wolkenlosen Himmel fiel. Schnee von gestern, könnte man meinen. Dabei beginnt in wenigen Wochen in Paris ein Gipfel, der entscheidend für die Menschheit sein könnte: Hier soll die Staatengemeinschaft vom 30. November bis 11. Dezember 2015 aushandeln, dass es auf unserem Planeten nicht bald zu heiß hergeht. Letzte Chance, die Erderwärmung noch auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, sagen Wissenschaftler.

Noch erträglich: hiesiges Wetter. Foto: Joachim E. Röttgers
Noch erträglich: hiesiges Wetter. Fotos: Joachim E. Röttgers

Während die Staaten erst noch verhandeln, zeigen Regionen und Großstädte, wie es gehen kann: mit der internationalen Klimaschutz-Initiative "Under2MOU", die im Mai gemeinsam von Kalifornien und Baden-Württemberg ins Leben gerufen wurde. Die Wortschöpfung, die das Kürzel für "Memorandum of Understanding" (eine Absichtserklärung zwischen Verhandlungspartnern) enthält, drückt aus, was die Unterzeichner wollen: ihren Beitrag dazu leisten, die mittlere globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. In Zahlen: bis 2050 soll der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß ihrer Bevölkerung auf unter zwei Tonnen sinken. Eine Größenordnung, die von Klimawissenschaftlern als noch vertretbares Maß angesehen wird. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der CO2-Fußabdruck pro Einwohner derzeit bei elf Tonnen jährlich.

Die Bündnispartner verpflichten sich nun, die Treibhausgase durch individuell angepasste Maßnahmen und Pläne zu begrenzen. Kalifornien etwa hat sich das Ziel gesetzt, bis 2025 rund 1,5 Millionen emissionsfreie Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen. Dazu wurden entsprechende Rechtsvorschriften verabschiedet, Kaufanreize geschaffen, der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge durch Zuschüsse beschleunigt und Programme zur Förderung von emissionsfreien Fahrzeugen und Kraftstoffen entwickelt. Bislang verursacht der Verkehr in Kalifornien noch 40 Prozent der Treibhausgase.

Baden-Württemberg hat zusammen mit Nordrhein-Westfalen als erstes deutsches Bundesland ein  eigenes Klimaschutzgesetz verabschiedet. Darauf baut das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK), das mehr als 100 Maßnahmen beschreibt, wie sich bei Stromproduktion, in der Industrie, beim Verkehr und Wohnen die CO2-Emissionen verringern lassen. So unterstützt das Land bereits mit millionenschweren Förderprogrammen Energieeffizienz-Maßnahmen. Beispiele dafür sind die Sanierung von Heizungssystem in privaten Wohngebäuden oder die Umstellung der kommunalen Straßenbeleuchtung auf sparsame LED-Technik. Allein in diesem Förderbereich wurden zwischen 2012 und Mitte 2015 Modernisierungsinvestitionen von vier Milliarden Euro ausgelöst. Zusammen sparen energieeffizientere Geräte und Systeme im Land inzwischen jährlich 270 000 Tonnen CO2 ein.

"Under2MOU" soll noch mehr. "Mit dem Bündnis klimaengagierter Regionen, dessen Unterzeichner rund eine halbe Milliarde Bürgerinnen und Bürger repräsentieren, senden wir ein starkes Signal für ein internationales Klimaschutzabkommen nach Paris", betont Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne), einer der Initiatoren. Während des Klimagipfels will sich das regionale Bündnis der Weltöffentlichkeit präsentieren, auch um den vorhersehbar schwierigen Verhandlungen in Paris zusätzlichen Schub zu verleihen.

Mitstreiter von Stuttgart bis nach Mexiko

Schon jetzt ist "Under2MOU" eine Erfolgsgeschichte, zumindest was die Mitstreiterzahl angeht: Bis Ende Oktober hatten über 50 Regionen ihren Beitritt erklärt. Die italienischen Regionen Lombardei, Emilia-Romagna und Sardinien sowie die niederländische Region Zuid Holland stießen in Mailand kurz vor Ende der Weltausstellung EXPO dazu. Mit dabei sind bereits die Regionen und Bundesländer Acre (Brasilien), Baja California, Chiapas (Mexiko), British Columbia, Ontario, Quebec (Kanada), Katalonien (Spanien), Rhône-Alpes (Frankreich), Cross River State (Nigeria), Gifu (Japan), Kathmandu Valley (Nepal), Madeira (Portugal), Schottland, Wales, Greater Manchester (Großbritannien). Als große Städte sind Mexico City, New York City, Los Angeles und San Francisco mit im Boot.

Das Bündnis repräsentiert damit nicht nur eine Einwohnerzahl in der Größenordnung der EU. Zusammen sind die mehr als 50 Regionen auch eine Wirtschaftsmacht. Ihr Bruttoinlandsprodukt summiert sich auf über 14 Billionen US-Dollar, was theoretisch die zweitgrößte Volkswirtschaft weltweit nach den USA darstellt. Als besonders "wertvoll" sieht Untersteller, dass auch die baden-württembergische Partnerprovinz Jiangsu aus China mitmacht. Bislang gab die kommunistische Zentralregierung in Peking vor, wie Umwelt- und Klimaschutz im Reich der Mitte funktioniert.

Der Kreis der Unterstützer wird bis zur Weltklimakonferenz in Paris noch weiter wachsen, glaubt Untersteller. So habe das Piemont bereits erklärt, zeitnah noch beitreten zu wollen, ebenso die Kantone Basel-Stadt und Basel-Land. Ebenfalls unterschreiben wollen São Paulo (Brasilien) und Laikipia County (Kenia).

Papier ist bekanntlich geduldig. Doch "Under2MOU" gehe über bisherige Klimaschutz-Vereinbarungen hinaus, betont Untersteller. So hätten die Bündnispartner die in ihrem Zuständigkeitsbereich vorgesehenen Maßnahmen und Ziele formuliert. Vorgesehen sei auch eine intensive Zusammenarbeit. Für das nächste Jahr sei eine gemeinsame Konferenz angedacht, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen.

Will das Klima retten: Umweltminister Franz Untersteller.
Will das Klima retten: Umweltminister Franz Untersteller.

"Ich hoffe sehr, dass sich die Weltgemeinschaft in Paris auf ein wirksames und verbindliches Klimaschutzabkommen einigen wird", sagt Untersteller. Ohne raschen und ambitionierten Klimaschutz drohe ein Temperaturanstieg um durchschnittlich vier Grad oder mehr in diesem Jahrhundert. "Damit steigt die Gefahr von abrupten, unumkehrbaren Klimaänderungen", warnt er. Alle Staaten müssten daher ein Interesse daran haben, den weltweiten Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen und somit für die Zukunft lebenswerte Bedingungen weltweit zu sichern.

Viel zu früh, viel zu heiß

Während der baden-württembergische Umweltminister internationale Netzwerke zum Klimaschutz knüpft, reißt das Schicksal der Menschheit im Stuttgarter Landtag nur wenige mit. Während einer von den Grünen beantragten aktuellen Stunde zum Pariser Klimagipfel, vor wenigen Tagen abgehalten, blieben viele Stühle der Abgeordneten leer. Die meisten der anwesenden Volksvertreter vertieften sich lieber in ihre Tablets, als die Debatte zu verfolgen. Zwischendurch musste Landtagspräsident Wilfried Klenk ermahnen, die Gespräche im Plenarsaal "auf ein Minimum aus Respekt gegenüber den Rednern zu reduzieren".

Dabei wusste Daniel Renkonen (Grüne) Alarmierendes zum Thema berichten. So gab es im zurückliegenden Sommer außergewöhnlich viele Hitzetage mit über 30 Grad Celsius im Land: An 27 Hitzetagen mussten die Stuttgarter in ihrem Talkessel schwitzen, im langjährigen Mittel sind es lediglich sechs derartig schweißtreibende Tage. 31 Hitzetage registrierte der Deutsche Wetterdienst sogar in Freiburg, wo das Thermometer gewöhnlich nur an 18 Tagen über 30 Grad steigt. "Solche Werte haben die Klimaprognosen erst für das Jahr 2030 erwarten lassen", mahnte der Grünen-Abgeordnete. "Das sollte uns allen sehr zu denken geben." Der Ausstieg aus Braunkohlestrom müsste in Paris beschlossen, der wirkungslose CO2-Zertifikatehandel reformiert werden, forderte er.

Applaus gab's dafür erwartungsgemäß nur von den Koalitionären. Die Opposition konzentrierte sich auf Spott und Häme. "Die baden-württembergischen Grünen gehen voraus und haben gefühlt nicht weniger als die Welt im Schlepptau", mokierte sich der CDU-Abgeordnete Ulrich Lusche über das Aussprachemotto ("Baden-Württemberg geht voran – die Welt braucht einen ambitionierten und globalen Klimaschutz"). Zwar sei der Klimawandel auch bereits im Lande angekommen und der Pariser Klimagipfel eine "elementar wichtige Veranstaltung". Auch wolle er das Klimabündnis der Regionen nicht schlechtreden. Doch Klimaschutz werde auf internationaler Ebene entschieden und nicht etwa durch die Schaffung von Fahrradabstellplätzen an Wohn- und Bürogebäuden, wie sie das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) der Landesregierung vorsehe.

"Das sind unsinnige Vorgaben, die nur viel Ärger und Kosten verursachen und deren Klimaschutznutzen äußerst überschaubar ist", wähnte Lusche, die Regierung "auf den Boden der Tatsachen" zurückholen zu müssen. Der FDP-Abgeordnete Andreas Glück bescheinigte der grün-roten Landesregierung gar eine verfehlte Energiepolitik. Sie setze auf Windkraft, obwohl hier kein Wind wehe. "Stoppen Sie den Windkraftwahn", appellierte er an den Umweltminister.

Tendenz steigend: 2015 war viel zu heiß und viel zu trocken.
Tendenz steigend: 2015 war viel zu heiß und viel zu trocken.

"Ja, man könnte sagen, auf uns kommt es nicht an", entgegnet Franz Untersteller. Ja, Baden-Württemberg emittiere "nur" jährlich zwischen 65 und 70 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid, was 0,3 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen ausmache. Die Geschichte zeige aber, dass Entwicklungs- und Schwellenländer sich immer an den Entwicklungsmodellen der Industrieländer orientiert haben. "Wenn man in einem Industrieland wie dem unserem zeigt, dass Klimaschutz mit Wohlstand und wirtschaftlicher Prosperität einhergeht, dann gibt man ein positives Beispiel, dem andere folgen."

Und dem Abgeordneten Glück empfahl Untersteller, sich einmal mit Walter Döring zu unterhalten. Der frühere Wirtschaftsminister des Landes, wie Glück FDP-Mitglied, führt heute das Wind-Cluster Baden-Württemberg, das 31 hiesige Unternehmen repräsentiert. Auf dessen Homepage schreibt Döring, dass landesweit rund 300 Firmen und Institutionen in der Windenergiebranche arbeiten und damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro pro Jahr erzielen. Das Cluster unterstütze deshalb auch die Absicht der grün-roten Landesregierung, bis 2020 mindestens zehn Prozent des Stroms aus heimischer Windenergie zu decken: "Der Ausbau der Windenergie bedeutet direkt Aufträge und wirtschaftlichen Erfolg für baden-württembergische Unternehmen und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen hierzulande – nur wissen das zu wenige Menschen. Das wollen wir ändern", betont Döring im Netz.

 

Info:

Der Sommer 2015 war in Baden-Württemberg nach 2003 der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Temperaturmittel lag landesweit bei 19,2 °C (im Vergleich dazu das langjährige Mittel: 16,2 °C). Am 7. August registrierte fast die Hälfte aller baden-württembergischen Wetterstationen bei Höchstwerten zwischen 35 °C und knapp 40 °C neue Hitzerekorde. In Bad Mergentheim-Neunkirchen stieg das Thermometer auf 40,2 °C. Die Niederschlagsmenge erreichte rund 185 l/m² (292 l/m²) und die Sonnenscheindauer etwa 713 Stunden (636 Stunden).

Die Landesanstalt für Umwelt, Naturschutz und Messungen (LUBW) hat regionale Klimaprojektionen im Zeitraum 2021 bis 2050 für Baden-Württemberg untersucht. Bei den Temperaturen sind die Ergebnisse eindeutig: Sie werden weiter ansteigen, in den höheren Lagen der Mittelgebirge weniger als im Tiefland. Beim Niederschlag sind die Ergebnisse dagegen nicht so eindeutig und nur eingeschränkt belastbar: Die Gesamtniederschlagsmengen bleiben gleich, allerdings wird es künftig im Sommer weniger und im Winter mehr regnen.


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Kommentare

Kornelia, 11.11.2015 19:47
Ich finde ja das Flach- medium 2.0 noch in der kommunikativen Anfangsphase....
Plötzlich taucht das schon längst gestorben geglaubte "alles klein schreiben" wieder auf...

Ich mag punktiert Gross-schreiben! (Vorsicht! Bevor interpretiert wird sollte nachgefragt werden! Es ist nämlich kein Lautschrei!)

Leider fehlen mir komplett die in Comics so friedenstiftenden Wut-blasen! (Wörter sind total verletzend.... Bombe, Totenkopf, Wutwolke irgendwie weniger!)

Oft komm ich mir im Netz wie auf der Autobahn vor!
Auch dort wird - besonders in Deutschland- gehetzt, gestresst, besserwisserisch agiert, erbarmungslos "bloß gestellt" ....
Die Gewalt im Straßenverkehr wird offensichtlich auf die Daten-Autobahn über tragen!!!

Und erschreckend..... Nicht wie gerne kolportiert wird die Unterschicht sondern massiv die sogenannt "Gebildeten".... Schreibsprache als altes HERRschaftsinstrument gegen Missliebige!

Eine Anregung hätte ich ja: oft ist nicht klar warum posts gesperrt werden..... Nicht selten lassen sich da persönliche Empfindlichkeiten, Willkür und "Klassen-justiz" ausmachen.... (Journalisten dürfen nicht angemacht werden, untereinander jepp!??)

Extra3:
https://www.youtube.com/watch?v=cRWmYHfYeQ4

Kornelia, 11.11.2015 18:46
Als die Bahn sich internationalisierte (und gleichzeitig zuhause sparte) da habe ich immer gelästert: man müsse das verstehen, denn wenn sich bei den dauernden (CO² belastenden) wwwTerminen die Manager träfen dann würde ja folgendes passieren:
-Daimler Manager: "bin voll im Stress, nächste Woche Abu Dhabi, dann China, dann Madrid, ...."
-Bahn Manager: "bin voll im Stress, nächste Woche Blaubeuren, dann Göppingen, dann direkt weiter nach Halle...."

Also wurde aus DEUTSCHER Bahn eben internationale Bahn gebastelt/gemanagt......

Was ich damit sagen will!
Klima schonend sollten mal komplett alle Politiker- und Manager- Verschickungsreisen gedeckelt und untersucht werden!
( ab Bankenkrise wurden ja die Flüge und Übernachtungen der Firmen massiv gestrichen)(Politiker "fliegen"mehr denn je!)
(Allein zur Klimakonferenz in Kopenhagen sind damals 2000 Leutchen angeflogen!) (und die Bilanz von Elmau?)

Untersteller sollte also mal nicht noch eine und noch eine internationale Gemeinschaft ins Leben rufen, deren Sinn eh nur das vom Volk bezahlte und CO² produzierende rum-Jetten ist!

Was hat er nochmal zum Feinstaub gesagt? Und zu den hohen gesundheitlichen Belastungen der Kesselkinder?

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hallo herr schmid, ich kombiniere mal, dass Sie nicht einen vernichtungsfeldzug des eigenen landes meinen, sondern einen solchen g e g e n das eigene land und ihn der frau merkel unterstellen. ob Sie wohl so gut wären und uns mitteilen...

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Kornelia, 28.08.2016 15:49
Erschreckend ist doch: Hier Olympia, Fifa dort Rankingfirmen, PWH, Mc Kinsey, oder "Investoren" etc..... das sind künstliche ÖPP Firmen! (Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert) und sie schafften es quasi Recht und...

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Ausgabe 282 / "Das haben wir versemmelt" / Rolf Schmid, 28.08.2016 04:47
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Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Marion Aust, 26.08.2016 10:43
Viele kleine Dinge machen das Große aus, deshalb sollten wir Sioux beim Kampf unterstützen und das tun was wir Frauen eh gerne machen...... Schuhe kaufen......hab schon so schöne Grashopper entdeckt!

Ausgabe 282 / Links oder rechts? / Sascha Munk, 26.08.2016 07:55
Linke sind Optimisten, sie möchten die Welt verbessern. Rechte sind Realisten und wollen Schlimmeres verhindern...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Dr. Dierk+Helmken, 26.08.2016 06:45
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