KONTEXT Extra:
NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


NSU-Ausschuss: Schon wieder eine tote Zeugin

In seiner nächsten Sitzung wollte der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Zeugin hören, die in den Neunzigerjahren vermutlich zu einer Gruppierung von Rechtsextremisten im Raum Ludwigsburg gehörte. Und sie stand im persönlichen Austausch mit der Neonazi-Szene in Jena und Chemnitz. 1996 soll die Frau sich auch mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen haben und später mit einem aus Thüringen stammenden und in Baden-Württemberg lebenden Mitveranstalter diverser deklarierter Konzerte rechtsextremer Skinheadbands, darunter auch der Band "Noie Werte".

Allerdings ist die Zeugin seit einigen Tagen tot. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, ehe der Ausschuss Aufklärung verlangen konnte. "Ich habe dem Justizministerium sofort mitgeteilt", so der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass wir großes Interesse daran haben, zu erfahren, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann." Am Donnerstag teilte das Ministerium mit, dass an der Leichenschau "wohl auch ein forensisch erfahrener Mediziner" mitgewirkt habe. Die Abgeordneten wollen sich jetzt in ihrer nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 mit dem Fall befassen. Er sei sicher, so Drexler, "dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden", nicht zuletzt, weil "die Behörden ihre Lektionen gelernt haben".

Ende März 2015 war die 20-jährige Melisa M., eine frühere Freundin des im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten rechten Aussteigers Florian Heilig, überraschend verstorben, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe als Folge eine Motocross-Unfalls. "Es dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im linken Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", hieß es damals in der Pressemitteilung. Auch ein technisches Gutachten zum Zustand ihrer Maschine wurde vorgelegt - ohne Hinweise auf technische Manipulation. Ein knappes Jahr später hatte sich ihr Verlobter Sascha W. das Leben genommen. (10.2.2017)

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Ausgabe 241
Überm Kesselrand

Zwischen Spott und Häme

Von Jürgen Lessat
Datum: 11.11.2015
Auf der 21. Internationalen Klimakonferenz im Dezember will die Weltgemeinschaft wieder einmal den globalen Temperaturanstieg begrenzen. Baden-Württemberg macht Druck: mit einem Klimabündnis aus über 50 Regionen weltweit. Die Opposition im Stuttgarter Landtag amüsiert's.

Dramatische Flüchtlingskrise, schwarze Fußballkassen, manipulierte Abgastests – war da noch was? Vielleicht: der Klimawandel. Erst neulich, im vergangenen Sommer. Affenhitze ohne Ende und furztrockene Böden, weil über Monate kein Tropfen vom wolkenlosen Himmel fiel. Schnee von gestern, könnte man meinen. Dabei beginnt in wenigen Wochen in Paris ein Gipfel, der entscheidend für die Menschheit sein könnte: Hier soll die Staatengemeinschaft vom 30. November bis 11. Dezember 2015 aushandeln, dass es auf unserem Planeten nicht bald zu heiß hergeht. Letzte Chance, die Erderwärmung noch auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, sagen Wissenschaftler.

Noch erträglich: hiesiges Wetter. Foto: Joachim E. Röttgers
Noch erträglich: hiesiges Wetter. Fotos: Joachim E. Röttgers

Während die Staaten erst noch verhandeln, zeigen Regionen und Großstädte, wie es gehen kann: mit der internationalen Klimaschutz-Initiative "Under2MOU", die im Mai gemeinsam von Kalifornien und Baden-Württemberg ins Leben gerufen wurde. Die Wortschöpfung, die das Kürzel für "Memorandum of Understanding" (eine Absichtserklärung zwischen Verhandlungspartnern) enthält, drückt aus, was die Unterzeichner wollen: ihren Beitrag dazu leisten, die mittlere globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. In Zahlen: bis 2050 soll der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß ihrer Bevölkerung auf unter zwei Tonnen sinken. Eine Größenordnung, die von Klimawissenschaftlern als noch vertretbares Maß angesehen wird. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der CO2-Fußabdruck pro Einwohner derzeit bei elf Tonnen jährlich.

Die Bündnispartner verpflichten sich nun, die Treibhausgase durch individuell angepasste Maßnahmen und Pläne zu begrenzen. Kalifornien etwa hat sich das Ziel gesetzt, bis 2025 rund 1,5 Millionen emissionsfreie Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen. Dazu wurden entsprechende Rechtsvorschriften verabschiedet, Kaufanreize geschaffen, der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge durch Zuschüsse beschleunigt und Programme zur Förderung von emissionsfreien Fahrzeugen und Kraftstoffen entwickelt. Bislang verursacht der Verkehr in Kalifornien noch 40 Prozent der Treibhausgase.

Baden-Württemberg hat zusammen mit Nordrhein-Westfalen als erstes deutsches Bundesland ein  eigenes Klimaschutzgesetz verabschiedet. Darauf baut das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK), das mehr als 100 Maßnahmen beschreibt, wie sich bei Stromproduktion, in der Industrie, beim Verkehr und Wohnen die CO2-Emissionen verringern lassen. So unterstützt das Land bereits mit millionenschweren Förderprogrammen Energieeffizienz-Maßnahmen. Beispiele dafür sind die Sanierung von Heizungssystem in privaten Wohngebäuden oder die Umstellung der kommunalen Straßenbeleuchtung auf sparsame LED-Technik. Allein in diesem Förderbereich wurden zwischen 2012 und Mitte 2015 Modernisierungsinvestitionen von vier Milliarden Euro ausgelöst. Zusammen sparen energieeffizientere Geräte und Systeme im Land inzwischen jährlich 270 000 Tonnen CO2 ein.

"Under2MOU" soll noch mehr. "Mit dem Bündnis klimaengagierter Regionen, dessen Unterzeichner rund eine halbe Milliarde Bürgerinnen und Bürger repräsentieren, senden wir ein starkes Signal für ein internationales Klimaschutzabkommen nach Paris", betont Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne), einer der Initiatoren. Während des Klimagipfels will sich das regionale Bündnis der Weltöffentlichkeit präsentieren, auch um den vorhersehbar schwierigen Verhandlungen in Paris zusätzlichen Schub zu verleihen.

Mitstreiter von Stuttgart bis nach Mexiko

Schon jetzt ist "Under2MOU" eine Erfolgsgeschichte, zumindest was die Mitstreiterzahl angeht: Bis Ende Oktober hatten über 50 Regionen ihren Beitritt erklärt. Die italienischen Regionen Lombardei, Emilia-Romagna und Sardinien sowie die niederländische Region Zuid Holland stießen in Mailand kurz vor Ende der Weltausstellung EXPO dazu. Mit dabei sind bereits die Regionen und Bundesländer Acre (Brasilien), Baja California, Chiapas (Mexiko), British Columbia, Ontario, Quebec (Kanada), Katalonien (Spanien), Rhône-Alpes (Frankreich), Cross River State (Nigeria), Gifu (Japan), Kathmandu Valley (Nepal), Madeira (Portugal), Schottland, Wales, Greater Manchester (Großbritannien). Als große Städte sind Mexico City, New York City, Los Angeles und San Francisco mit im Boot.

Das Bündnis repräsentiert damit nicht nur eine Einwohnerzahl in der Größenordnung der EU. Zusammen sind die mehr als 50 Regionen auch eine Wirtschaftsmacht. Ihr Bruttoinlandsprodukt summiert sich auf über 14 Billionen US-Dollar, was theoretisch die zweitgrößte Volkswirtschaft weltweit nach den USA darstellt. Als besonders "wertvoll" sieht Untersteller, dass auch die baden-württembergische Partnerprovinz Jiangsu aus China mitmacht. Bislang gab die kommunistische Zentralregierung in Peking vor, wie Umwelt- und Klimaschutz im Reich der Mitte funktioniert.

Der Kreis der Unterstützer wird bis zur Weltklimakonferenz in Paris noch weiter wachsen, glaubt Untersteller. So habe das Piemont bereits erklärt, zeitnah noch beitreten zu wollen, ebenso die Kantone Basel-Stadt und Basel-Land. Ebenfalls unterschreiben wollen São Paulo (Brasilien) und Laikipia County (Kenia).

Papier ist bekanntlich geduldig. Doch "Under2MOU" gehe über bisherige Klimaschutz-Vereinbarungen hinaus, betont Untersteller. So hätten die Bündnispartner die in ihrem Zuständigkeitsbereich vorgesehenen Maßnahmen und Ziele formuliert. Vorgesehen sei auch eine intensive Zusammenarbeit. Für das nächste Jahr sei eine gemeinsame Konferenz angedacht, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen.

Will das Klima retten: Umweltminister Franz Untersteller.
Will das Klima retten: Umweltminister Franz Untersteller.

"Ich hoffe sehr, dass sich die Weltgemeinschaft in Paris auf ein wirksames und verbindliches Klimaschutzabkommen einigen wird", sagt Untersteller. Ohne raschen und ambitionierten Klimaschutz drohe ein Temperaturanstieg um durchschnittlich vier Grad oder mehr in diesem Jahrhundert. "Damit steigt die Gefahr von abrupten, unumkehrbaren Klimaänderungen", warnt er. Alle Staaten müssten daher ein Interesse daran haben, den weltweiten Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen und somit für die Zukunft lebenswerte Bedingungen weltweit zu sichern.

Viel zu früh, viel zu heiß

Während der baden-württembergische Umweltminister internationale Netzwerke zum Klimaschutz knüpft, reißt das Schicksal der Menschheit im Stuttgarter Landtag nur wenige mit. Während einer von den Grünen beantragten aktuellen Stunde zum Pariser Klimagipfel, vor wenigen Tagen abgehalten, blieben viele Stühle der Abgeordneten leer. Die meisten der anwesenden Volksvertreter vertieften sich lieber in ihre Tablets, als die Debatte zu verfolgen. Zwischendurch musste Landtagspräsident Wilfried Klenk ermahnen, die Gespräche im Plenarsaal "auf ein Minimum aus Respekt gegenüber den Rednern zu reduzieren".

Dabei wusste Daniel Renkonen (Grüne) Alarmierendes zum Thema berichten. So gab es im zurückliegenden Sommer außergewöhnlich viele Hitzetage mit über 30 Grad Celsius im Land: An 27 Hitzetagen mussten die Stuttgarter in ihrem Talkessel schwitzen, im langjährigen Mittel sind es lediglich sechs derartig schweißtreibende Tage. 31 Hitzetage registrierte der Deutsche Wetterdienst sogar in Freiburg, wo das Thermometer gewöhnlich nur an 18 Tagen über 30 Grad steigt. "Solche Werte haben die Klimaprognosen erst für das Jahr 2030 erwarten lassen", mahnte der Grünen-Abgeordnete. "Das sollte uns allen sehr zu denken geben." Der Ausstieg aus Braunkohlestrom müsste in Paris beschlossen, der wirkungslose CO2-Zertifikatehandel reformiert werden, forderte er.

Applaus gab's dafür erwartungsgemäß nur von den Koalitionären. Die Opposition konzentrierte sich auf Spott und Häme. "Die baden-württembergischen Grünen gehen voraus und haben gefühlt nicht weniger als die Welt im Schlepptau", mokierte sich der CDU-Abgeordnete Ulrich Lusche über das Aussprachemotto ("Baden-Württemberg geht voran – die Welt braucht einen ambitionierten und globalen Klimaschutz"). Zwar sei der Klimawandel auch bereits im Lande angekommen und der Pariser Klimagipfel eine "elementar wichtige Veranstaltung". Auch wolle er das Klimabündnis der Regionen nicht schlechtreden. Doch Klimaschutz werde auf internationaler Ebene entschieden und nicht etwa durch die Schaffung von Fahrradabstellplätzen an Wohn- und Bürogebäuden, wie sie das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) der Landesregierung vorsehe.

"Das sind unsinnige Vorgaben, die nur viel Ärger und Kosten verursachen und deren Klimaschutznutzen äußerst überschaubar ist", wähnte Lusche, die Regierung "auf den Boden der Tatsachen" zurückholen zu müssen. Der FDP-Abgeordnete Andreas Glück bescheinigte der grün-roten Landesregierung gar eine verfehlte Energiepolitik. Sie setze auf Windkraft, obwohl hier kein Wind wehe. "Stoppen Sie den Windkraftwahn", appellierte er an den Umweltminister.

Tendenz steigend: 2015 war viel zu heiß und viel zu trocken.
Tendenz steigend: 2015 war viel zu heiß und viel zu trocken.

"Ja, man könnte sagen, auf uns kommt es nicht an", entgegnet Franz Untersteller. Ja, Baden-Württemberg emittiere "nur" jährlich zwischen 65 und 70 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid, was 0,3 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen ausmache. Die Geschichte zeige aber, dass Entwicklungs- und Schwellenländer sich immer an den Entwicklungsmodellen der Industrieländer orientiert haben. "Wenn man in einem Industrieland wie dem unserem zeigt, dass Klimaschutz mit Wohlstand und wirtschaftlicher Prosperität einhergeht, dann gibt man ein positives Beispiel, dem andere folgen."

Und dem Abgeordneten Glück empfahl Untersteller, sich einmal mit Walter Döring zu unterhalten. Der frühere Wirtschaftsminister des Landes, wie Glück FDP-Mitglied, führt heute das Wind-Cluster Baden-Württemberg, das 31 hiesige Unternehmen repräsentiert. Auf dessen Homepage schreibt Döring, dass landesweit rund 300 Firmen und Institutionen in der Windenergiebranche arbeiten und damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro pro Jahr erzielen. Das Cluster unterstütze deshalb auch die Absicht der grün-roten Landesregierung, bis 2020 mindestens zehn Prozent des Stroms aus heimischer Windenergie zu decken: "Der Ausbau der Windenergie bedeutet direkt Aufträge und wirtschaftlichen Erfolg für baden-württembergische Unternehmen und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen hierzulande – nur wissen das zu wenige Menschen. Das wollen wir ändern", betont Döring im Netz.

 

Info:

Der Sommer 2015 war in Baden-Württemberg nach 2003 der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Temperaturmittel lag landesweit bei 19,2 °C (im Vergleich dazu das langjährige Mittel: 16,2 °C). Am 7. August registrierte fast die Hälfte aller baden-württembergischen Wetterstationen bei Höchstwerten zwischen 35 °C und knapp 40 °C neue Hitzerekorde. In Bad Mergentheim-Neunkirchen stieg das Thermometer auf 40,2 °C. Die Niederschlagsmenge erreichte rund 185 l/m² (292 l/m²) und die Sonnenscheindauer etwa 713 Stunden (636 Stunden).

Die Landesanstalt für Umwelt, Naturschutz und Messungen (LUBW) hat regionale Klimaprojektionen im Zeitraum 2021 bis 2050 für Baden-Württemberg untersucht. Bei den Temperaturen sind die Ergebnisse eindeutig: Sie werden weiter ansteigen, in den höheren Lagen der Mittelgebirge weniger als im Tiefland. Beim Niederschlag sind die Ergebnisse dagegen nicht so eindeutig und nur eingeschränkt belastbar: Die Gesamtniederschlagsmengen bleiben gleich, allerdings wird es künftig im Sommer weniger und im Winter mehr regnen.


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Kommentare

Kornelia, 11.11.2015 19:47
Ich finde ja das Flach- medium 2.0 noch in der kommunikativen Anfangsphase....
Plötzlich taucht das schon längst gestorben geglaubte "alles klein schreiben" wieder auf...

Ich mag punktiert Gross-schreiben! (Vorsicht! Bevor interpretiert wird sollte nachgefragt werden! Es ist nämlich kein Lautschrei!)

Leider fehlen mir komplett die in Comics so friedenstiftenden Wut-blasen! (Wörter sind total verletzend.... Bombe, Totenkopf, Wutwolke irgendwie weniger!)

Oft komm ich mir im Netz wie auf der Autobahn vor!
Auch dort wird - besonders in Deutschland- gehetzt, gestresst, besserwisserisch agiert, erbarmungslos "bloß gestellt" ....
Die Gewalt im Straßenverkehr wird offensichtlich auf die Daten-Autobahn über tragen!!!

Und erschreckend..... Nicht wie gerne kolportiert wird die Unterschicht sondern massiv die sogenannt "Gebildeten".... Schreibsprache als altes HERRschaftsinstrument gegen Missliebige!

Eine Anregung hätte ich ja: oft ist nicht klar warum posts gesperrt werden..... Nicht selten lassen sich da persönliche Empfindlichkeiten, Willkür und "Klassen-justiz" ausmachen.... (Journalisten dürfen nicht angemacht werden, untereinander jepp!??)

Extra3:
https://www.youtube.com/watch?v=cRWmYHfYeQ4

Kornelia, 11.11.2015 18:46
Als die Bahn sich internationalisierte (und gleichzeitig zuhause sparte) da habe ich immer gelästert: man müsse das verstehen, denn wenn sich bei den dauernden (CO² belastenden) wwwTerminen die Manager träfen dann würde ja folgendes passieren:
-Daimler Manager: "bin voll im Stress, nächste Woche Abu Dhabi, dann China, dann Madrid, ...."
-Bahn Manager: "bin voll im Stress, nächste Woche Blaubeuren, dann Göppingen, dann direkt weiter nach Halle...."

Also wurde aus DEUTSCHER Bahn eben internationale Bahn gebastelt/gemanagt......

Was ich damit sagen will!
Klima schonend sollten mal komplett alle Politiker- und Manager- Verschickungsreisen gedeckelt und untersucht werden!
( ab Bankenkrise wurden ja die Flüge und Übernachtungen der Firmen massiv gestrichen)(Politiker "fliegen"mehr denn je!)
(Allein zur Klimakonferenz in Kopenhagen sind damals 2000 Leutchen angeflogen!) (und die Bilanz von Elmau?)

Untersteller sollte also mal nicht noch eine und noch eine internationale Gemeinschaft ins Leben rufen, deren Sinn eh nur das vom Volk bezahlte und CO² produzierende rum-Jetten ist!

Was hat er nochmal zum Feinstaub gesagt? Und zu den hohen gesundheitlichen Belastungen der Kesselkinder?

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