KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Foto: www.schaeferweltweit.de

Foto: www.schaeferweltweit.de

Ausgabe 161
Wirtschaft

Gefahrenzone Gleisvorfeld

Von Jürgen Lessat
Datum: 30.04.2014
Tarnen, tricksen, täuschen. Mit der Deutschen Bahn beherrscht ausgerechnet ein staatseigenes Unternehmen diese Disziplinen, wobei kostspielige "Überraschungen" beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 nur die Spitze des Eisbergs sind. Eigenes Versagen verschleiert das Unternehmen auch, wenn es um die Sicherheit im Bahnverkehr geht, wie ein Untersuchungsbericht zu Zugentgleisungen im Stuttgarter Hauptbahnhof zeigt.

Es war wie verhext. Binnen weniger Wochen entgleisten im Jahr 2012 drei Intercity-Züge im Stuttgarter Hauptbahnhof. Waggons und schiebende Lokomotive sprangen immer an der gleichen Stelle aus den Schienen: an Weiche 227 im riesigen Gleisvorfeld des Bahnknotens, das kurz zuvor für das Tiefbahnhofprojekt Stuttgart 21 erneuert worden war. Während der Unfall des IC 2312 von Stuttgart nach Hamburg am 24. Juli noch relativ glimpflich endete (370 000 Euro Sachschaden), kamen bei der Entgleisung des gleichen Zuges am 29. September auch Fahrgäste zu Schaden: Acht Menschen wurden verletzt. Glücklicherweise nur leicht, obwohl Oberleitungsmasten und -gewichte das Dach eines Waggons durchschlugen. Der Schaden belief sich diesmal auf knapp 1,75 Millionen Euro. Die Unfallserie setzte sich am 9. Oktober fort. Ein Testzug, den die Bahn ohne Fahrgäste über die Pannenstrecke schickte, scheiterte erneut an der Doppelkreuzweiche 227.  Die Entgleisungen verursachten ein gewaltiges Bahnchaos, tagelang war der Stuttgarter Hauptbahnhof nicht mehr auf dem Schienenweg erreichbar.

Videobericht der Nachrichtenagentur 7aktuell zur 2. IC-Entgleisung. Quelle: youtube/7aktuell.de

Untersuchungsbericht: "Zugpuffer primärursächlich"

Inzwischen liegt der Untersuchungsbericht des Eisenbahnbundesamts (EBA) zu den Unfällen der beiden IC 2312 vor. "Primärursächlich" für die Unglücke war demnach das "Versagen von Puffern" an den im Zugverband laufenden Speisewagen "und/oder von unmittelbar benachbarten Wagen", heißt es in der Zusammenfassung. "Begünstigend" auf die Unfallauslösung wirkten zudem, dass die Wagenpuffer mangelhaft gewartet waren und die Züge bei der Ausfahrt aus Gleis 10 zu stark beschleunigten. In bestem Beamtensprech werden auch "infrastrukturseitige Einflüsse der ausgereizten örtlichen Trassierung" als Ursache identifiziert. Sprich: Die Unglückszüge mussten die Doppelweiche 227 über grenzwertig enge S-Gleisbögen passieren.

Am Ende einer kurzen Zugfahrt von IC 2312 am 29. Spetember 2012.
Am Ende einer kurzen Zugfahrt von IC 2312 am 29. Spetember 2012.

Wer sich die Mühe macht, den 53-seitigen Bericht komplett zu lesen, erfährt weitaus Beunruhigenderes, als die Zusammenfassung nahelegt. Nämlich, dass schlicht Schlamperei und offenbar wirtschaftlicher Spardruck die Unfallserie mit auslöste. So fiel den EBA-Experten auf, dass die neu trassierte Ausfahrtrasse von Gleis 10 in mehreren Punkten von bahninternen Regelwerken und Sollvorgaben abweicht. Die engen Gleisbögen seien zwar "durch das interne Regelwerk grundsätzlich legitimiert", gesteht der Bericht zu. Aus Sicht der EBA-Prüfer beeinflusst diese Grenzwertigkeit jedoch "die Entgleisungssicherheit negativ".

"Die Abweichungen sind offensichtlich insbesondere wirtschaftlichen Erwägungen geschuldet", so die alarmierende Schlussfolgerung der Unfallexperten, unter welcher Prämisse die Bahntochter DB Netz AG den Umbau des Stuttgarter Gleisvorfelds durchgeführt hat. Auf Dauer lasse sich dadurch aber nichts sparen, bemängelt der EBA-Bericht weiter. Denn die grenzwertige Trassierung bedinge einen "höheren Verschleiß und größeren Instandhaltungsaufwand", so die Kritik.

Reparaturtrupp ignorierte kaputte Weiche 

Der Bericht deckt zudem auf, dass die Weiche 227 zum Zeitpunkt des ersten Unfalls defekt war. Die Prüfer stellten dies anhand von Inspektionsprotokollen fest, die Monate vorher angefertigt wurden. Laut internen Vorgaben hätte die kaputte Weiche sofort repariert oder mindestens als Langsamfahrstelle ausgewiesen werden müssen, die Züge nur mit maximal 20 km/h passieren dürfen. Beides ist nicht geschehen. Stattdessen beschleunigte der IC-Triebwagenführer am 24. Juli seinen Zug wie gewohnt nahezu bis zum damals gültigen Tempolimit von 40 km/h.

Zudem enthüllt der EBA-Bericht, dass die Bahn die Ermittlungen nur widerwillig unterstützte. Vergeblich warteten die EBA-Beamten auf angeforderte Unterlagen von der DB Netz zur Gleisgeometrie. "Eine eigene objektive Überprüfung konnte nicht erfolgen", heißt es im Bericht dazu. Auch entdeckten die Sachverständigen massive Schlampereien bei der zuständigen Inspektionsabteilung des Unternehmens. Die Durchsicht von Weichenprüfblättern ergab, dass die Bahnmitarbeiter falsche Prüfblätter verwendet hatten. Während der Ermittlungen verschwanden zudem etliche Puffer entgleister Waggons spurlos, die eigentlich im Bahninstandhaltungswerk Eberswalde hätten untersucht werden sollen. Das Verschwinden von Beweismitteln bestätigte die Bahn mit achtmonatiger Verzögerung, nachdem die EBA-Unfallexperten sich nach deren Verbleib erkundigt hatten.

Verkehrsclub sieht frühere Kritik bestätigt

Mit Vorlage des offiziellen Untersuchungsberichts sieht sich der ökologische Verkehrsclub VCD in seiner bisherigen Kritik am Stuttgarter Bahnhofsumbau bestätigt. "Nur um Kosten zu sparen, ist die Deutsche Bahn vom Regelwerk abgewichen und hat beim Umbau der Gleisanlagen für Stuttgart 21 zu enge Weichenverbindungen eingebaut, die letztlich zu den Entgleisungen führten und Menschen gefährdeten", kritisiert VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb. Der Bericht zeige aber auch, dass das EBA ein zahnloser Tiger sei. Die Behörde akzeptiere, dass Unterlagen nicht vorgelegt würden und damit eigene Überprüfungen nicht möglich sind. "Dass im offiziellen Bericht ein armer Pufferteller der Übeltäter sein soll, ist dann kein Wunder", spottet Lieb. Die mangelnde Unterstützung zur Unfallaufklärung sei kein Vertrauensbeweis weder für die Deutsche Bahn noch für die Unabhängigkeit der Untersuchungsstelle. "Dies gibt Anlass zur Sorge im Hinblick auf die Qualität der weiteren Bauarbeiten zu Stuttgart 21", so der VCD.

Innenansichten eines IC-Waggons nach der zweiten Entgleisung.
Innenansichten eines IC-Waggons nach der zweiten Entgleisung.

Mit den Ergebnissen des EBA-Berichts erscheint auch eine juristische Auseinandersetzung fragwürdig, die die Bahn seit der Unglücksserie mit dem Eisenbahnbundesamt führt. Die Aufsichtsbehörde hatte am 12. Oktober 2012, wenige Tage nach der missglückten Testfahrt, alle Zugfahrten auf Gleis 10 des Stuttgarter Hauptbahnhofs untersagt. Mit Bescheid vom 22. Januar 2013 gab sie das Gleis wieder eingeschränkt frei für gezogene Züge sowie Triebzüge ohne sogenannte Seitenpuffer. Für geschobene Zuggarnituren ist der Abschnitt bis heute tabu. Dagegen reichte die Bahn am 21. August 2013 Klage vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart ein.

Nach Kontext-Informationen kam es bislang weder zur Verhandlung noch zum Urteil in dem außergewöhnlichen Rechtsstreit, den ein staatseigenes Unternehmen gegen seinen Besitzer, die Bundesrepublik Deutschland, führt. So beantragte der Rechtsbeistand der Bahn mehrere Fristverlängerungen zur Einreichung der Klagebegründung. Zuletzt am 17. März, da man angeblich noch in Gesprächen mit dem EBA stehe. Inzwischen ist der Richterin der Geduldsfaden gerissen. Sie regte an, das Verfahren ruhen zu lassen. Bis zum 17. Juni muss sich die Bahn als Klägerin entscheiden, ob sie klein beigibt oder gegen eine Anordnung prozessiert, die dem sicheren Bahnverkehr im Stuttgarter Hauptbahnhof dient.

Strafrechtliche Konsequenzen hatte die Unfallserie mit verletzten Fahrgästen und Schäden in Millionenhöhe bislang nicht. Die Bundespolizei wertet den EBA-Unfallbericht derzeit aus, wie ein Sprecher der Stuttgarter Bundespolizei-Direktion Kontext bestätigte. In Kürze wollen sich Vertreter der Behörde mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart austauschen. Diese entscheidet anschließend, ob es ausreichenden Tatverdacht zur Aufnahme eines förmlichen Ermittlungsverfahrens gibt.

Blick zurück offenbart Erstaunliches

Bereits nach der ersten IC-Entgleisung im Stuttgarter Hauptbahnhof war eine Debatte über die möglichen Unfallursachen entbrannt. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wie auch Stuttgart-21-Kritiker vermuteten einen Zusammenhang mit den Bauarbeiten für den geplanten Tiefbahnhof Stuttgart 21. Auch der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) führte den Unfall auf die Baumaßnahmen im Gleisvorfeld zurück.

In Internet-Foren diskutierten Bahnfreunde und Bahnblogger die Unfallserie ebenfalls und vermuteten früh, dass Überpufferung aufgrund der engen Gleisbögen an der doppelten Kreuzungsweiche die Waggons aus den Schienen gedrückt hatte. "Diese Gleislage spottet jeder Beschreibung. So würden höchstens 3-jährige Brio-Bahner und Kinder ein Gleis bauen. Es wäre bereits nach dem letzten Unfall sinnvoll gewesen, sicherheitshalber nicht mit einer schiebenden Lok, sondern einer ziehenden Lok auszufahren", kommentierte der Fachjounalist Friedhelm Weidelich auf seinem Eisenbahn-Blog.

Trial & Error à la Deutsche Bahn: am 9. Oktober 2012 entgleiste der dritte IC, ein Testzug. Foto: Martin Storz
Trial & Error à la Deutsche Bahn: am 9. Oktober 2012 entgleiste der dritte IC, ein Testzug. Foto: Martin Storz

Im Nachhinein betrachtet, lagen alle richtig. Die Deutsche Bahn jedoch wies damals die Annahmen zur Unfallursache scharf zurück. Auf dem falschen Gleis unterwegs war damals auch Nicole Razavi. Die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Opposition im Stuttgarter Landtag hatte die Äußerungen des grünen Verkehrsministers Hermann zur Unfallserie "als unseriös" gegeißelt.

Auszüge aus der "Welt" vom 1. Oktober 2012, nach der 2. IC-Entgleisung:

Ein Bahnsprecher sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Kein Mensch kennt die Ursache der beiden Zugentgleisungen." Bevor die Untersuchungen nicht abgeschlossen seien, sei alles Spekulation. "Und daran beteiligen wir uns nicht", fügte er hinzu. Die Bahn selbst habe großes Interesse daran, die Ursache zu erfahren. Deshalb unterstütze sie die Ermittlungen von Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle und Bundespolizei tatkräftig.

***

(Der grüne Verkehrsminister Winfried ...) Hermann hatte zuvor gesagt, am Alter der Infrastruktur könne das Problem nicht liegen, weil das gesamte Gleisvorfeld wegen Stuttgart 21 umgebaut, verkürzt und erneuert wurde. Er wolle den Untersuchungen zwar nicht vorgreifen. Ihm erscheine es aber plausibel, dass wegen der Verkürzung des Gleisvorfelds zum Teil Radien gewählt wurden, die bei ungünstigen Bedingungen zu solchen Entgleisungen führen könnten, sagte Hermann.

***

Der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb hält angesichts von insgesamt fünf Zugentgleisungen und weiterer Pannen seit Beginn der Bauarbeiten für Stuttgart 21 die "Zuverlässigkeit und Sicherheit des Bahnverkehrs im Stuttgart Hauptbahnhof derzeit nicht mehr für gewährleistet". Die Pannenserie der vergangenen Monate lege die Vermutung nahe, dass die Bahn "offenbar kein verantwortlicher Bauherr ist und wegen des Immobilienprojektes Stuttgart 21 anscheinend sogar bereit ist, die Sicherheit ihrer Kunden ernsthaft aufs Spiel zu setzen", sagte Lieb.

***

Die Bahn wies "die Spekulationen" des VCD als verantwortungslos zurück. Sicherheit habe bei der Deutschen Bahn oberste Priorität. Jeder Bauzustand werde vom Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde geprüft und abgenommen. Außer den beiden jüngsten Entgleisungen, deren Ursache noch nicht ermittelt worden sei, seien die Unfälle allesamt auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. "Ich kann den Zusammenhang zu den Stuttgart-21-Bauarbeiten nicht sehen", sagte der Bahnsprecher.

****

Die verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Nicole Razavi, forderte von der Bahn, den Ursachen auf den Grund zugehen und diese abzustellen. "Solche Unfälle dürfen nicht passieren", sagte sie der Nachrichtenagentur dapd. "Der technische Sachverstand des Verkehrsministers verblüfft mich aber", fügte sie hinzu. Hermann behaupte, den Ermittlungen nicht vorgreifen zu wollen, tue aber nichts anders. Diese reflexartige Reaktion sei typisch für Hermann und die Stuttgart-21-Gegnern. Sie nutzten jeden Anlass für Kritik am Bahnprojekt. Nun wolle der Minister sogar aus einem Unfall Profit schlagen. "So etwas tut man nicht", sagte Razavi.

****

Agentur-Berichte zur Entgleisungsserie (z.B. in der "Welt"):
Erster IC-Unfall hier (25. 7. 2012) hier
Zweite IC-Entgleisung (1. 10. 2012) hier
Entgleisung Testzug (9. 10. 2012) hier


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

FraTreno, 06.05.2014 09:18
Ich schätze den Kontext-Journalismus sehr, aber leider kommt es da auch zu "Entgleisungen".
Zitat: Die Entgleisungen verursachten ein gewaltiges Bahnchaos, tagelang war der Stuttgarter Hauptbahnhof nicht mehr auf dem Schienenweg erreichbar.
" gewaltiges Bahnchaos" ist eine Einschätzung, die man so oder so bewerten kann. Ein wirklich " gewaltiges Bahnchaos" blieb im Vergleich zum zukünftigen Tunnelbahnhöfle aus, da selbst das kastrierte Gleisvorfeld des in weiten Teilen zerstörten Bonatz-Bahnhofs besser in der Lage ist, die Auswirkungen ähnlicher Vorkommnise abzufedern, als die unzureichenden Gleisverbindungen im engen, untertunnelten Vorfeld von S21. Nur fünf Bahnsteigleise von insgesamt acht können hier jeweils aus jeder Richtung angefahren werden.
Dass aber der Stuttgarter Hauptbahnhof tagelang nicht mehr auf dem Schienenweg erreichbar war, ist eine krasse journalistische Fehlleistung und gehört eher in die Blöd-Zeitung. Die planerischen Fehlleistungen bei S21 sind selbst so krass, da braucht es keine unseriösen "Überhöhungen".

Peter S., 05.05.2014 14:52
Alexander Schäfer, 01.05.2014 01:04
Hallo Herr Schäfer,
was ich sagen möchte? Das Aussprechen der Zustände ist sehr wichtig. Das frustrierende ist, dass es anscheinend keine Ethik in den Parteien mehr gibt. Es wird nicht einmal versucht, den grossen Betrugsfall S21 zu kaschieren. Keine der etablierten Parteien oder einzelne Politiker fühlt sich berufen zu sagen: "Bei diesem Betrug mach ich nicht (mehr) mit." Und leider sind die GRÜNEN auch schon zu "etabliert" wie unser Wendehals MP deutlich gemacht hat. Die Alternativen Parteien für eine Mehrheit zu konservativen Werten (Du sollst nicht permanent lügen und stehlen) sehe ich leider in der Minderheit. Vermutlich akzeptiert ein grosser Teil der Bevölkerung den alltäglichen Lug und Trug durch angebliche Volksvertreter genauso wie die vollständige Ausspähung durch die NSA. Es wird immer schwieriger, nicht in das Lager der Nichtwähler zu wechseln.

CharlotteRath, 02.05.2014 14:56
Danke Kontext für diesen eindrücklichen Beitrag zum Thema "Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit" .

Nicht nur BahnfahrerInnen und -angestellte werden in naher Zukunfts erleben, ob das EBA seiner Verantwortung gerecht wird. Es ist zugleich Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde. Wie wird das EBA also bei weiteren S-21-Genehmigungen damit umgehen:
- Dass die Antragstellerin DB AG nicht nur ihre Pläne und ihren Bau, sondern auch ihren Betrieb und ihre interne Qualitätskontrolle so sehr "auf Kante näht", dass Menschen zu Schaden kommen?
- Wenn innerhalb der DB AG wieder und wieder bedeutsame Unterlagen zurückgehalten werden (wie beispielsweise auch vor den unsäglichen Baumfällungen im Schlossgarten am 30.09.2010), Nebenbestimmungen zu den Genehmigungen nachweislich nicht eingehalten werden (Stichworte in Stuttgart sind z.B. Rußfilter und Lärmüberwachung) oder im Verdachtsfall von Straftaten sogar Beweismittel verschwinden (hier: Puffer)?
- Wenn gegen DB-(Spar-)Pläne eigentlich das gesamte erprobte technische Regelwerk spricht, so dass zuletzt nur der fragwürdige Ausweg einer ministeriellen Sondererlaubnis bleibt (wie z. B. für den beabsichtigten Fernzugverkehr auf S-Bahn-Gleisen im Planungsabschnitt Filder 1.3)?

Ist die DB AG eine Planungs- und Bauträgerin, ist sie eine Verkehrsbetreiberin, welche für öffentliche Aufträge alle Sorgfaltskriterien zuverlässig erfüllt?

Ist das nicht auch eine Frage, welche die öffentlichen S-21-Finanzierungspartner, also Stadt Stuttgart, Region Stuttgart und das Land Baden-Württemberg auf dem aktuellen Kenntnisstand zum S-21-Projekt bewerten müssten, vor allem bevor weitere Vorauszahlungen geleistet werden?

Nicht zu vergessen: Die DB steht zu 100 % im Eigentum des Bundes. Viele ihrer Aufsichtsräte sind dem öffentlichen Wohl verpflichtet - und das bemisst sich nicht alleine nach Zuführungen an den Bundeshaushalt!
Mir erscheint der Fehler system- oder konzernimmanent zu sein: Immer kleinere Einheiten werden auf immer höhere Rendite getrimmt - folglich Kosten und Risiken immer weiter ausgelagert. Nur verschwinden sie damit eben nicht - sie landen beim schwächsten Teil in der Kette. Und das ist selten das leistungsfähigste.
Ein solches Vorgehen ist weder christlich noch sozial, und auch volkswirtschaftlich unsinnig. Es ist hohe Zeit, dass die Große Koalition die Reform der Bahnreform auf den Weg bringt. Ein Eschede genügt!

FernDerHeimat, 02.05.2014 07:29
"Hannes" aka "Hans König"...

Moni, 01.05.2014 17:54
die Unfähigkeit der Bahn eine Weiche in den Griff zu kriegen und Fehler einzugestehen steht stellvertretend für den Milliardenmurks S21!

Hannes, 01.05.2014 11:03
"Gefahrenzone Gleisvorfeld"
Na, da sind wir aber froh, dass es das Gleisvorfeld nicht mehr lange gibt, oder?
PS: Auf dem einen Bild kommt das wunderschöne Stahl- und Schotterfeld sehr gut zur Geltung. Da kann man gut verstehemn, dass es Menschen gibt die den Kampf für den Erhalt des Gleisvorfeldes zum Lebensinhalt gemacht haben. Diese würden auch für den Erhalt eines Kohlekraftwerkes oder einer Chemiefabrik mitten in der City kämpfen, wenn es der Sittler Montags predigt.

Alexander Schäfer, 01.05.2014 01:04
Und das bedeutet @PeterS ?
Weils so ist akzeptiert man es halt wie es ist.
Ansprechen braucht man es nicht da es ne Tatsache ist und es eh alle gleich machen?

Was genau möchten sie damit sagen?

Peter S., 30.04.2014 15:29
Herr Schäfer, das Problem ist, dass Wahlkämpfer vor der Wahl im Überfluss versprechen und nachher sich mit der Macht/Kapital arangieren. Ob Kuhn, Kretschmann aber natürlich der ganze etablierte S21 Filz us CDU+SPD+FDP+FW. Wir wünschen uns eben immer Volksvertreter und bekommen immer nur POLITIKER :-(((((((((((((((((((((

Alexander Schäfer, 30.04.2014 07:24
http://youtu.be/AQ7zwPBOo60

"...Ich habe im Wahlkampf Versprochen das ich im Rahmen des Rechts für Transparenz sorgen und der Bahn auf die Finger schauen werde..."

Und nun Herr Kuhn?

FernDerHeimat, 30.04.2014 05:59
Man merkt ihn schon, den Einfluss der Politik auf die DB an den hinterhältigen Methoden zur Verschleierung von Tatsachen, dem Missbrauch von öffentlichen Mitteln, dem unverschämten Lügen vor Kameras und Mikrofonen und der völligen Unfähigkeit, eigenes Versagen zuzugeben.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 312 / Das große Fressen / tauss, 24.03.2017 15:03
@HifppiE ... so darf man unterschiedlicher Meinung sein... Ich bleibe dabei: Eine völlig verantwortungslose Staatengemeinschaft, die über "Werte" faselt, sich allein über die Steigerung von Rüstungsausgaben definiert und die UN-...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Jupp, 24.03.2017 07:17
Mein Herz geht auf. Hier wird nicht nur über die Vergangenheit oder Gegenwart gschimpft. Nein, es wird tatsächlich über die Zukunft nachgedacht! Und ich bin vollkommen bei Frau Rath :-) Was soll ein Fussgängerstegle? Wir haben...

Ausgabe 312 / Afrika kommt / leo loewe, 24.03.2017 00:24
"Die künftige Entwicklung gestalten!" Wir sollten versuchen, die globale Entwicklung weiterhin aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich die Welt um uns herum rasch verändert und dass es dabei um so mehr auf...

Ausgabe 312 / Das große Fressen / HippiE, 23.03.2017 23:50
@tauss: Dieser gelungene Beitrag handelt nicht von Kompensation, sondern von haarsträubender Ungleichheit und niederschmetternder Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Er nervt daher nicht, sondern macht betroffen und fassungslos.

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Horst Ruch, 23.03.2017 22:12
....a propos "Stegle". Das ist es gerade was W.Backes angesprochen hat: Think big. Stirling hatte nicht umsonst die Planung für die Erschließung der Staatsgalerie und Musikhochschule auf einer höheren Ebene angeordnet, somit die (Teil)...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!