KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Ausgabe 132
Wirtschaft

Angebrannt

Von Jürgen Lessat
Datum: 09.10.2013
Die Deutsche Bahn kämpft weiter mit Sicherheitsproblemen beim Großprojekt Stuttgart 21. Nicht nur der Tiefbahnhof lässt sich im Brandfall nicht immer schnell genug evakuieren. Unklar bleibt auch, wie sich Reisende in dem 60 Kilometer langen Tunnellabyrinth aus einem brennenden Zug in Sicherheit bringen.

Die letzte Sitzung liegt schon länger zurück. Am 31. Januar 2013 traf sich der Arbeitskreis Brandschutz, um hinter verschlossenen Türen Sicherheitsfragen für die Tunnelstrecken von Stuttgart 21 zu diskutieren. Ingenieure der schweizerischen Gruner AG, einer Planungsgesellschaft mit Sitz in Basel, stellten ihr Sicherheits- und Rettungskonzept für die Tunnel vor, das Reisenden bei Unfällen und Unglücken im riesigen Tunnelsystem das Überleben sichern soll. Vertreter der "ARGE FAZ 21", in der Planungsbüros und Spezialfirmen den Bau des 9,5 Kilometer langen Fildertunnels vorantreiben, präsentierten dem Gremium ihre Vorstellungen für die Löschwasserversorgung des längsten Tunnelabschnitts von Stuttgart 21.

Alles Themen, über die spätestens seit der Schlichtung im Herbst 2010 bisweilen heftig in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Umso erstaunlicher ist das Fazit, das die Stuttgarter Berufsfeuerwehr und das hiesige Regierungspräsidium zu dem Arbeitskreistreffen zogen. "Es konnten nicht alle Punkte abschließend geklärt werden", heißt es kurz und knapp in einem kleineren Absatz eines Sachstandsberichts zum Brandschutz beim Milliardenprojekt. Deutlich mehr Raum in dem Dokument, das erst vor Kurzem formuliert wurde und Kontext vorliegt, nehmen Rettungs- und Evakuierungskonzepte für die Tiefbahnhofshalle ein. Auch sie werden im Bericht  teilweise als unvertretbar kritisiert. Kontext berichtete. Eventuelle Lösungsansätze, zumindest für den unterirdischen Zughalt, wurden dem S-21-Lenkungskreis bei seiner jüngsten Sitzung am 23. Juli 2013 vorgestellt.

Offenbar konzentrieren sich Bahn, Planer und Rettungsexperten derzeit auf den Brandschutz im geplanten neuen Hauptbahnhof. Das Thema Tunnelsicherheit ist derweil Nebensache. Ganz nach der Rettungsphilosophie der Bahn, wonach im Notfall ein (brennender) Zug nicht im Tunnel stehen bleiben, sondern in die unterirdische Haltestation einfahren soll. Dies erleichtert es den Fahrgästen, aus dem havarierten Zug zu flüchten – und es erleichtert es der Feuerwehr, einen Brand zu bekämpfen. Was passiert, wenn ein brennender Zug in einem der zahlreichen Tunnelbauwerke von Stuttgart 21 liegen bleibt, ist derweil noch "nicht abschließend geklärt", so der offizielle Sprech. Obwohl auch die Tunnelsicherheit im Brandschutz- und Rettungskonzept von Stuttgart 21 an die neuen, verschärften Richtlinien des Eisenbahnbundesamts (EBA) aus dem Jahr 2010 anzupassen ist.

Vermutlich noch keine Simulationen durchgeführt

Ob sich bei einem Tunnelunglück alle Passagiere rechtzeitig vor den hochgiftigen Rauchgasen über Querstollen in die benachbarte Tunnelröhre retten können, wurde bislang kaum näher untersucht. Simulationen zur Entfluchtung und Verrauchung von Tunnelabschnitten gibt es offenbar bislang noch nicht. Dies beweist das Schreiben der Gruner AG vom 20. September 2012 an die Bahn, wonach für "die Entrauchung der Tunnelstrecken (...) derzeit noch kein Konzept bzw. Simulationsergebnisse bezüglich der Erreichung der Schutzziele" vorliegen. "Eine zeitliche Aussage, wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, steht noch aus", monierten die Gruner-Experten in dem Dokument, das über Umwege an die Öffentlichkeit gelangte. Das Statement von Stuttgarter Feuerwehr und Regierungspräsidium zur jüngsten Sitzung des Brandschutz-Arbeitskreises lässt vermuten, dass man Anfang 2013 kaum viel weiter gekommen war. Als Ausweg schlugen beide eine "kleine Expertenrunde mit Beteiligung der DB AG" vor, die sich mit "der jeweiligen Problematik deshalb nochmals beschäftigen" und "praktikable Lösungsvorschläge" bis zur nächsten Zusammenkunft erarbeiten solle. Die ist auf Donnerstag, 10. Oktober 2013, terminiert.

Rettungskonzept bei S21 im Dunkeln. Bild: Tunnelröhre des Euerwangtunnels auf der NBS Ingolstadt–Nürnberg. Foto: Sese Ingolstadt
Rettungskonzept bei S 21 im Dunkeln. Bild: Tunnelröhre des Euerwangtunnels auf der NBS Ingolstadt–Nürnberg. Foto: Sese Ingolstadt

Ob zu diesem Termin ein genehmigungsfähiges Brandschutzkonzept für die Tunnelstrecken von Stuttgart 21 vorliegt, bleibt ebenso fraglich. So weigert sich nach Kontext-Informationen die Bahn weiter, die von der Stuttgarter Feuerwehr seit Langem geforderte nasse Löschwasserleitung im Fildertunnel zu installieren. Die Bahn beharrt auf die kostengünstigere Variante einer trockenen Leitung, die im Brandfall erst zeitraubend befüllt werden muss. Wann die Feuerwehr etwa in der Tunnelmitte "Wasser marsch" vermelden könnte, ist weiter unklar. Die Angaben schwanken zwischen mehr als einer halben und knapp zwei Stunden, je nach Durchmesser der Rohrleitung. Unabhängig von Rohrgröße und Pumpenleistung: Wahrscheinlich ist, dass ein Zug bereits lichterloh in Flammen steht, bis die Leitung gefüllt ist. Als Kompromiss hat die Bahn eine größere Löschwasser-Bevorratung an den Tunnelenden ins Spiel gebracht, was die Stuttgarter Feuerwehr aber nicht als Lösung akzeptiert.

Unklar ist ebenfalls, ob im Fildertunnel die im vorgeschriebenen Abstand von 500 Meter vorgesehenen Rettungsstollen genügen, um die sichere Entfluchtung im Brandfall zu gewährleisten. Die projektkritischen Ingenieure 22 verneinen dies. "Die Räum- und Fluchtzeiten aus einem brennenden, stecken gebliebenen Zug dauern mit mehr als 25 bis über 30 Minuten viel zu lange. Der Rauch breitet sich bis zum nächstgelegenen Rettungsstollen in nur 11 Minuten aus", rechnet der pensionierte Ingenieur Hans Heydemann von den Ingenieuren 22 vor. Die heiße Rauch- und Qualmwolke werde sich anfangs in der engen Tunnelröhre um den Brandherd herum längs in beide Tunnelrichtungen ausbreiten und dabei den betroffenen Tunnelabschnitt mit dem verunglückten Zug vollständig verrauchen. Erst relativ langsam stelle sich durch die Brandhitze eine Auftriebsthermik ein, die den Rauch von unten nach oben zum höher gelegenen Tunnelportal auf den Fildern abziehen lässt. Erst danach wäre der tiefer liegende Tunnelabschnitt relativ rauchfrei.

Entrauchungsbelüftung verpufft größtenteils wirkungslos

Viel zu spät wirken würden auch der Lüfter, der im Brandfall am südlichen Schwallbauwerk des Tiefbahnhofs anspringen und für die Durchlüftung des Fildertunnels sorgen soll. Er benötigt allein vier Minuten, um volle Leistung zu erreichen. Je nach Unfallort müssten die Luftmassen erst über mehrere Kilometer durch die Tunnelröhre geschoben werden, was zusätzlich Zeit beanspruchen würde. Zudem bläst der Riesenventilator die Luft ungesteuert in alle vier Tunnelröhren, die am Südportal des Tiefbahnhofs das Tunnelsystem bilden. Von den 1,2 Millionen Kubikmeter Luft, die der Entrauchungsfön in der Stunde ins Tunnelsystem bläst, weht letztlich nur ein "laues Lüftchen" in den Fildertunnel.

Kaum Chancen zu überleben haben laut Heydemann Reisende, wenn eine brennende Lokomotive oder ein brennender Triebkopf eines ICE talseitig direkt vor einem Rettungsstollen im Fildertunnel liegen bleibt und die Fahrgastwagen oberhalb davon Richtung Filderportal stehen. "Alle Reisenden müssen dann im Tunnel einen halben Kilometer aufwärts flüchten, weil der Fluchtweg abwärts durch den Brandherd abgeschnitten ist", schildert Heydemann das Worst-Case-Szenario. Der Wettlauf gegen die giftige Rauchgaswolke wäre in diesem Fall von vornherein verloren. "Bei solch einem schweren Brandereignis würden die Flüchtenden von einer tödlichen Rauch- und Qualmwolke überrollt und sofort ersticken", so Heydemann.

Wie schnell ein Tunnel zur Todesfalle werden kann, habe etwa die Brandkatastrophe von Kaprun am 11. November 2000 mit 155 Todesopfern gezeigt, ergänzt er. Nachdem die Bergbahn in Brand geraten war, entwickelte sich in der relativ steilen Tunnelstrecke schnell ein thermischer Auftrieb und Kamineffekt, die Flüchtenden erstickten im Brandrauch. Große, folgenschwere Brände mit vielen Toten und Verletzten sind jedoch auch im Reisezugverkehr in Eisenbahntunneln keine Seltenheit. Ein trauriges Beispiel ist laut Heydemann das Brandinferno am 18. Februar 2003 im Tiefbahnhof von Daegu in Südkorea, das 197 Tote und 147 Verletzte forderte. Weltweit dokumentierten die Ingenieure 22 insgesamt 152 Zugbrände in Eisenbahntunneln. Dabei gab es 1489 Tote und mehr als 5800 Verletzte.

Letzte Rettung Tiefbahnhof? Laut Notfallkonzept sollen brennende Züge in der unterirdischen Station evakuiert werden.
Letzte Rettung Tiefbahnhof? Laut Notfallkonzept sollen brennende Züge in der unterirdischen Station evakuiert werden.

Immer wieder geraten Züge und Lokomotiven auch in Deutschland in Brand. Hans Heydemann recherchierte für den Zeitraum der vergangenen vierzig Jahre 45 derartige Brandereignisse. In 14 Fällen, also bei rund einem Drittel der Unglücke, wurden Reisende oder Bahnpersonal verletzt. Insgesamt kamen 111 Personen zu Schaden. Seit der Jahrtausendwende gerieten allein neun ICE in Brand. Zuletzt brannte am 5. August 2013 der Triebkopf eines ICE 1 bei Langenselbold. "Mit dem Zubau von Tunnelanlagen auf den Bahnstrecken wächst selbstverständlich die Wahrscheinlichkeit für Tunnelbrände hierzulande", betont Heydemann. Beim Projekt Stuttgart 21 sind insgesamt knapp 62 Kilometer Tunnelstrecken geplant. Mit einer durchgehenden Länge von knapp 15 Kilometer zwischen den Tunnelportalen in Feuerbach und Bad Cannstatt über den Tiefbahnhof bis zur Südausfahrt des Fildertunnels werden die S-21-Tunnelröhren zu den längsten Eisenbahntunnels Deutschlands gehören.

Notfallübung musste abgebrochen werden

Mit Brandschutzübungen in Tunneln sammelte die Deutsche Bahn im Übrigen bislang spezielle Erfahrungen. "Die Koordination und Zusammenarbeit zwischen den Einsatzkräften hat funktioniert", vermeldete die Pressestelle der Konzernzentrale im September 2011 nach einer Notfallübung im Bahntunnel zum neuen Berliner Flughafen. Stimmt nicht, dementierten Feuerwehrleute danach in der "Märkischen Allgemeinen". Die Rettungswege in der rund drei Kilometer langen Röhre wären zu eng, die Wasserreservoire ein Witz. Sollte es zu einem Unfall oder Anschlag im Tunnel kommen, hätten Menschen kaum Überlebenschancen. Die Notfallübung sei ein "Riesendesaster" gewesen und "musste abgebrochen werden". 

Auch bei der Stuttgarter Feuerwehr scheint man sich nicht ganz sicher, was die Retter bei einem Zugbrand in einem der S-21-Tunnel erwartet. Auf Kontext-Nachfrage bekräftigte Stefan Eppinger, Vizechef der Stuttgarter Branddirektion und Abteilungsleiter Vorbeugender Brandschutz, zwar, einen Löschangriff auf einen brennenden Zug von der benachbarten Tunnelröhre über die Querstollen vornehmen zu wollen. Wie die Feuerwehrleute bei Brand- und Rauchgastemperaturen von über 1000 Grad Celsius in der Vollbrandphase in der engen Tunnelröhre nah genug an den Brandherd gelangen wollen, konnte er aber im Detail nicht beantworten. 

Nur mit Mühe brachte etwa die Offenbacher Feuerwehr einen schweren ICE-Triebkopfbrand am 22. November 2001 im Offenbacher Hauptbahnhof durch Einsatz verschiedener Löschmaterialien unter Kontrolle. Wegen spannungsgeladener Anlagenteile und der enormen Hitze konnte die Brandbekämpfung nur von außen mit entsprechendem Abstand erfolgen. In der engen Fildertunnelröhre ist dies kaum möglich. Die Feuerwehrleute müssten in diesem Fall dem Abbrennen des ICE-Triebkopfs mehr oder weniger tatenlos zuschauen. Der Brandschaden am Tunnelbauwerk wäre erheblich, eine monatelange Sperrung zur Sanierung unausweichlich. Dass die Ingenieure 22 das bisherige Brandschutz- und Rettungskonzept für die S-21-Tunnelstrecken noch kritischer als die Feuerwehr sehen, weiß Stefan Eppinger. Eine Bitte der Ingenieure, gemeinsam an einem Tisch darüber zu diskutieren, lehnt der Vizechef der Stuttgarter Branddirektion ab. "Wir arbeiten mit der Bahn und nicht mit den Ingenieuren 22 zusammen", so Eppinger gegenüber Kontext.

Bahn beantwortet Anfragen ausweichend

Auf konkrete Fragen von Kontext zum Rettungskonzept der Stuttgarter Bahntunnel lieferte das S21-Kommunikationsbüro nur ausweichende Antworten. "Die Bahn weiß, worauf es beim Thema Sicherheit und Brandschutz ankommt und hat dazu einen großen, professionellen Erfahrungsschatz", heißt es.  Und: "Der neue Stuttgarter Hauptbahnhof wird sicher sein."

Noch Handlungs- und Arbeitsbedarf beim Projekt Stuttgart 21 sehen offenbar die Schweizer Brandschutzexperten der Gruner AG. Ende Juni eröffnete das Unternehmen in Stuttgart eine Niederlassung. "Mit der Firmengründung im süddeutschen Raum unterstreicht die Gruner Gruppe ihre erfolgreiche Entwicklung im Bereich Brandschutz. Ab sofort profitieren auch unsere deutschen Kunden von einer schnellen, flexiblen und persönlichen Kundenbetreuung, für Neu- und Bestandsbauten in allen Projektgrößen, durch unsere Brandschutzexperten", heißt es auf der Unternehmensseite im Internet. Der neue Firmensitz im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof ist nur wenige Hundert Meter von der Südportal-Baustelle des Fildertunnels entfernt.


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Kommentare

Vera Schrader, 13.10.2013 17:57
Oh mein Gott,
das wird ja immer schlimmer.
Am Anfang war ich noch PRO Stuttgart21, aber in der Zwischenzeit ist einfach nur noch ne Frechheit.
Vorallem wenn die Sicherheit nicht mehr gegeben ist, hört der Spaß auf.
Ich möchte ja erst garnicht von einem Brandfall ausgehen, aber wenn ich das lese...da dreht sich mir der Magen um.
Dass diese Projekte am Ende immer mehr verschlingen, als zu Beginn veranschlagt, daran hat man sich doch schon fast gewöhnt.
Auch wenn dies eigentlich schon in inakzeptabel ist.
Wer noch mehr zu den Sperenzchen lesen möchte:
http://www.nur-nachrichten.de/Deutsche_Bahn

Isolde Vetter, 12.10.2013 18:15
"Feuer unterm Bahnhofsdach" (letzte Woche) und "Angebrannt" (diese Woche) - hier DIE Lösung:
Jeder Reisende nach oder über Stuttgart erhält beim Besteigen seines Zuges eine... GASMASKE ausgehändigt! Benützung natürlich vöööllig freiwillig, denn jeder darf schließlich sein Leben auf die ihm genehme Art aufs Spiel setzen, und sei es durch eine Bahnreise! - Würde im übrigen das Inlandsgeschäft der seit 1945 im Wesentlichen auf den Export angewiesenen Gasmaskenbranche stark beleben - und damit die Konjunktur! Natürlich müssten sie 'grün' hergestellt werden - Herr Ministerpäsident, bitte setzen Sie sich bei Bahnchef Grube dafür noch besonders ein!

thomas a, 12.10.2013 10:00
Das Interview (09.10.2013 StN) vom Brandschutzbeauftragten der DB Hr.Bieger , muß man erst mal sacken lassen. Er hat wiederum bestätigt, daß in der Brandschutzsimulation von 2005 nur von 10 000 zu evakuierenden ausgegangen wird. 2005 wurde aber im Planfeststellungsbeschluß PfB1.1 16 000 reingeschrieben (nach der Bundesregierung , Staatssekretär Erlemann errechnen sich sogar 18500). Das heißt nicht nur die Gründung des "Tiefbahnhofes (+ 300 Pfähle sonst sinkt der Bahnhof 15cm ein), die Realisierbarkeit des Nesenbachdükers und ein viel höherer Grundwasserandrang wurden ignoriert, obwohl die Dolinen im 4.Erkundungsprogramm vollständig untersucht waren, sondern auch alle Komponenten des Brandschutzes wurden wissentlich unter falschen Vorraussetzungen planfestgestellt. Alle Treppen, alle Rolltreppen, alle Ausgänge und Verteilerebenen wurden wissentlich in einer Art Liliputausführung planfestgestellt.
Dieses zusammenschrumpfen von Fakten und das zurechtschustern der Vorschriften findet gerade parallel beim Grundwassermanagment statt. Auch da wird die Bauzeit im Antrag (Bauschritt 1-11 5,5Jahre) und der Genehmigung (7Jahre)zurechtgezimmert. Braucht man länger , fördert man auch mehr Wasser. Regnet es mehr, soll auch mehr Wasser gefördert werden dürfen. So wird das zu erwartende Überschreiten der Grenze, die eine Umweltverträglichkeitsprüfung erzwingt , auf kurz vor Bauende verschoben.

Rolf Steiner, 10.10.2013 15:52
Das kontinierlich schlechte Gewissen der Bahn wird auch in diesem Bericht deutlich. Anstelle die Argumente der S-21-Gegner zu entkräften, verharren die DB-Manager auf bereits widerlegten Positionen und nichts sagenden Floskeln. Dass auch auch die Branddirektion und ihr Vizechef Eppinger diese handfesten Probleme ignorieren, kann nur noch mit Zynik erklärt werden. S-21 wird zur "bestgeplanten" Todesfalle.

Ut Constantinou, 09.10.2013 18:23
im Namen des Volkes - auch wenn das Volk es gar nicht will. Das nennt sich in Deutschland D E MO K R A T I E ...Korruption, Vetterleswirtschaft und nach mir ... is mir egal.. wird ja nicht bestraft.. Hauptsache für ein paar Freunde rollt der Rubel. Amigopolitik !!!! zum kotzen.....

Ernst-FriedrichHarmsen, 09.10.2013 07:15
Der Bericht scheint plausibel zu sein; ein Grund mehr, an der vollen Verantwortlichkeit der Bahntunnelplaner und der Führungsriege der Deutschen Bahn zu zweifeln. Ein Wunder, dass diese bei bekannter Rechtslage einfach so weiterwerkeln und entscheiden dürfen. Die Strafanzeigen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, kommen dann natürlich zu spät. Wie wäre es mit einem Untersuchungsausschuss zu dem Thema jetzt, da das Projekt noch verändert werden kann? Weder scheint die CDU unter Merkel willens dazu, noch auch leider die völlig verrannte BW-SPD, Pöstchen und Posten scheinen ihr doch entscheidender und lukrativer.

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