KONTEXT Extra:
Bürgerfoyer "Zeitungen unter Druck" heute Abend abgesagt

Da kam der Journalisten-Streik dazwischen: Die Stuttgarter Volkshochschule hat das für heute geplante Podium mit Michael Maurer (Stuttgarter Zeitung), Susanne Stiefel (Kontext) und David Rau (Stuggi.TV) abgesagt. Viele KollegInnen - auch der Stuttgarter Blätter - streiken derzeit für mehr Lohn. Der Vize-Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung kann daher heute Abend nicht diskutieren, sondern muss produzieren. Und auch die Gewerkschaftsvertretet haben abgesagt. Schweren Herzens hat sich die Stuttgarter vhs dazu entschlossen, das für heute geplante Bürgerfoyer abzusagen - aber nicht zu vergessen. "Die  Medienlandschaft Stuttgart ist uns wichtig", betont Ulrike Rinnert, Stabstelle Beteiligung, "wir wollen das Thema im Herbst wieder im Bürgerfoyer aufgreifen." (29.6. 2016)


Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

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Das Spiegel-Haus an der Hamburger Ericusspitze. Foto: Dennis Siebert

Das Spiegel-Haus an der Hamburger Ericusspitze. Foto: Dennis Siebert

Ausgabe 178
Überm Kesselrand

Bye, bye SPIEGEL

Von Gastautor Jens Berger
Datum: 27.08.2014
Bleibt er oder geht er - der "Spiegel"-Chefredakteur? Landauf, landab berichten deutsche Medien darüber. Vergessen wird, was aus dem Nachrichtenmagazin inhaltlich geworden ist. Ein "Steigbügelhalter der Marktkonformität", sagt Gastautor Jens Berger.

In seinen besten Jahren war der "Spiegel" laut Eigenwerbung ein Sturmgeschütz der Demokratie. Man kann vortrefflich darüber streiten, ob das Magazin je diesem Mythos entsprach, den er seitdem wie eine Monstranz vor sich herträgt. Der heutige "Spiegel" ist - so viel steht fest - von diesem Ideal Lichtjahre entfernt. Mit einer Melange aus zackiger Deutschtümelei, denkfaulem Papageienjournalismus, eitler Geckenhaftigkeit und gnadenlosen Opportunismus hechelt das Blatt einem Zeitgeist hinterher, der stilgebend für die Merkel-Ära ist. Aus dem Sturmgeschütz der Demokratie wurde ein Steigbügelhalter der Marktkonformität.

Titeln für die Agenda 2010, Spiegel-Ausgabe Nummer 21, 2003.
Titeln für die Agenda 2010, Spiegel-Ausgabe Nummer 21, 2003.

"Im Zweifelsfall links", so lautete einst die Devise des Herausgebers Rudolf Augstein. War der "Spiegel" in seinen besten Zeiten ein nach allen Seiten kritisches linksliberales Blatt, entwickelte er sich im letzten Jahrzehnt zusehends zu einem neoliberalen Kampfblatt. Als Talkshow-Ökonomen und Lobbyisten der Großkonzerne zur neoliberalen Wende trommelten, heulte die Zeitschrift mit den Wölfen, polemisierte "wie der Sozialstaat zur Selbstbedienung einlädt" und philosophierte über die "Melkkuh Sozialstaat".

Die Blaupause für die Agenda 2010 kommt aus Hamburg

In unzähligen Titelstorys mit schlagkräftigen Überschriften wie "Die blockierte Republik" , "Radikalkur gegen Arbeitslosigkeit" , "Wie (un)sozial darf/muss die SPD sein" , "REFORMEN" , "Die Stunde der Wahrheit im Land der Lügen" oder "Die veruntreute Zukunft" , trommelte der "Spiegel" fortan für neoliberale Reformen und gab damit die Blaupause für die Agenda 2010 vor. Und als der Reformeifer der rot-grünen Regierung in der demoskopischen Agonie langsam erlosch, schwenkte das Blatt um, läutete in einem Leitartikel den "langen Abschied von Rot-Grün" ein, schrieb Angela Merkel ins Amt und blieb auch ansonsten seiner neoliberalen Linie treu. Und als Merkels Reformeifer dann ebenfalls erlahmte, titelte der "Spiegel" "Aufhören!" und machte aus der Kanzlerin "Angela Mutlos".

Der "Spiegel" berichtet nicht nur über Politik, er macht Politik. Vor allem im sozialdemokratischen und linksliberalen Lager galt das Magazin lange Zeit noch als kritische Instanz. Als Gerhard Schröder einst bierselig schwadronierte, er brauche zum Regieren nur "BILD, BamS und Glotze", stapelte er zu tief. Ohne den "Spiegel" hätte er seine Agenda wohl nie gegen den einstigen Willen der Parteibasis durchregieren können. Dass das einstige Sturmgeschütz zu einem Durchlauferhitzer für die von den Arbeitgeberverbänden finanzierte neoliberale PR wurde, ist unbestritten. Doch wie konnte aus einem ehemals wirtschaftspolitisch kritischen Blatt ein Organ des denkfaulen Papageienjournalismus werden?

Neoliberale PR, Spiegel-Titel Nummer 26, 2005.
Neoliberale PR, Spiegel-Titel Nummer 26, 2005.

Vielleicht hatte Karl Marx mit seinem Satz "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" gar nicht mal so unrecht. Die Hamburger Redakteure sind in ihrer Branche Solitäre, die sich ihrer gefühlten eigenen Großartigkeit nur all zu bewusst sind. Rudolf Augsteins vielleicht größter Fehler war es, den halben Laden seinen Mitarbeitern zu vermachen. Und wer erst mal den Sprung in den erlauchten Kreis geschafft hat, ist fortan auch Gesellschafter und darf sich jedes Jahr über eine üppige Gewinnbeteiligung freuen, die als Kirsche auf dem Sahnehäubchen eines Vergütungs- und Privilegienmodells thront, das wohl nicht nur in der Verlagsbranche einmalig ist.

Der Redakteur von Welt hat mit prekären Kollegen nichts gemein

Der "Spiegel"-Redakteur von Welt hat nicht viel mit seinen prekären Kollegen anderer Blätter gemein - er gehört qua Einkommen der oberen Mittelschicht an, die ja seither glaubt, sie selbst gehöre zur Oberschicht. Und wer meint, selbst zur Elite oder zumindest zur Zielgruppe der FDP zu gehören, ist wahrscheinlich auch für derlei gruppendynamische Phrasen empfänglich.

Während für normale Journalisten Themen wie der Spitzensteuersatz reichlich abstrakt sind, verteidigt der "Spiegel"-Redakteur hier die Pfründe, die ihm nach seiner eigenen Überzeugung als Leistungsträger auch zustehen. Man soll es ja kaum glauben: Als vor nicht einmal einem Jahr die Geschäftsleitung des Verlags das vierzehnte Montagsgehalt für neu eingestellte Mitarbeiter zur Disposition stellte, gab es an der Enricusspitze einen Aufschrei. Die Edelfedern, die Otto Normalleser seit Jahren predigen, man müsse den Gürtel enger schnallen, um Deutschland zu retten, mutierten nun zu jenen Besitzstandswahrern, vor denen sie die Republik stets warnten. Wenn das Sein wirklich das Bewusstsein bestimmt, liegt der Wunsch, sich als selbstdefinierte Elite von der Masse abzusetzen, den "Spiegel"-Machern im Blut. Unverständlich ist und bleibt es jedoch, warum immer noch mehr als 800.000 Menschen diesen Brei kaufen.

Der "Spiegel" ist jedoch viel mehr als nur ein wirtschaftspolitischer Ratgeber mit Eigeninteressen. Er agiert auch, was das Zeug hält, gegen Minderheiten und vermeintlich oder tatsächlich Schwache. Regelmäßig hetzt das Magazin beispielsweise gegen Muslime. Man phantasierte schon von einer "stillen Islamisierung Deutschlands" und spielte damit Rechtspopulisten wie Thilo Sarrazin in die Hände, von dessen Beststeller man natürlich - zusammen mit der Bildzeitung - die exklusiven Vorabruckrechte erwarb. Die Zeiten, in denen das Blatt Minderheiten gegen dumpfe Ressentiments verteidigt hat, sind schon lange vorbei. Heute zündelt man mit Vorliebe selbst, um sich dann in bildungsbürgerlicher Rage zu echauffieren, wenn aus dem Zündeln ein Flächenbrand wurde.

Das neue Feindbild: Putin, die Personifizierung des Bösen

Nachdem die neoliberale Agenda heute, auch dank tatkräftiger Anschubhilfe des Blatts, tief in den Köpfen der Leserschaft und in den Programmen (fast) aller großer Parteien verankert ist und Ressentiments gegenüber Minderheiten wieder salonfähig sind, hat sich der "Spiegel" ein neues Schlachtfeld ausgesucht: die Außen- und Sicherheitspolitik. Nachdem die Deutschen, so die Hamburger Analyse, heute "weitgehend saturiert" seien, fehle ihnen nun noch die "klare außenpolitische Linie". Wir sind schließlich wieder wer und in dieses "neue Deutschlandgefühl" passe nun einmal keine "egoistische Schonhaltung" für "unsere Soldaten". Pardon wird in den warmen Redaktionsstuben nicht gegeben - zackig, deutschtümelnd hechelt das ehemalige Nachrichtenmagazin auch hier dem Zeitgeist hinterher, der von dem Biedermann aus dem Schloss Bellevue und den Brandstiftern der Münchner Sicherheitskonferenz aus der Büchse gelassen wurde.

Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik, Spiegel-Titel Nummer 31, 2014.
Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik, Spiegel-Titel Nummer 31, 2014.

Ein neues Feindbild hat die publizistische Speerspitze der Konfrontationspolitik passend zum 100ten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs auch schon aus der Pickelhaube gezaubert: Putin, seines Zeichens Russe und die Personifizierung des Bösen. Der russische Präsident müsse "zur Rechenschaft gezogen werden", er sei der "Paria der Wertegemeinschaft", der in der Ostukraine sein "wahres Gesicht" zeige, so der "Spiegel" im jüngst erschienenen Leitartikel "Ende der Feigheit". Es hagelte Protestbriefe und -mails. Doch der "Spiegel" hat ein Erklärung dafür, warum diese Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik bei den Lesern nicht ankommen wollte. Schuld sei Moskaus fünfte Kolonne, "organisiert auftretende, anonyme User", die "jegliche Kritik an Russland kontern". Nun ja. Rudolf Augstein wäre wahrscheinlich stolz auf derart kritische Leser.

Kritische Zeitgenossen bezeichnen das Heft bereits heute als "BILD am Montag". Dieser Vorwurf ist keinesfalls abwegig, da der "Spiegel" offenbar dem Leitbild "Von BILD lernen, heißt Siegen lernen" folgt. Schon lange passt zumindest ideologisch kein Blatt mehr zwischen Springers Boulevardpostille und das ehemalige Nachrichtenmagazin. Und auch sprachlich und stilistisch legt der "Spiegel" die Latte beim Niveau-Limbo von Monat zu Monat tiefer - "STOPPT PUTIN JETZT!" war, man glaubt es kaum, keine BILD-Schlagzeile, sondern ein "Spiegel"-Cover. Dass das Blatt ausgerechnet den ehemaligen BILD-Vize Nikolas Blome in die eigene Chefredaktion holte, passt da nur all zu gut ins Bild. Blome ist der Prototyp eines Journalisten in der post-journalistischen Ära: Er verteidigt die Politik seiner Kanzlerin mit Zähnen und Klauen, hat die neoliberale Ideologie bedingungslos verinnerlicht und übt Kritik vor allem an den Schwachen. Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

Die Hochglanzausgabe der Apothekenumschau

Das Ende des Transformationsprozesses vom Nachrichtenmagazin zur Hochglanzausgabe der Apothekenumschau für politisch mehr oder weniger Interessierte, ist jedoch längst noch nicht abgeschlossen. Der aktuelle Chef Wolfgang Büchner ist zwar ein journalistischer Kleingärtner, aber dafür ein ausgefuchster Buchhalter. Seine Herkulesaufgabe ist es, den fortschreitenden Auflagenrückgang des Printprodukts zu stoppen. Da Büchner immerhin ein Jahr lang Interimschef des luftigen Netzablegers "Spiegel-online" war, der zwar kaum Geld verdient aber sagenhafte Klickraten vorweisen kann, ist er im Verlag natürlich der Mann fürs Digitale. Sein Konzept mit dem wenig originellen Namen "SPIEGEL 3.0" sieht eine - so heißt es - noch engere Verzahnung von Print und Online vor.

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Info: Nachdem sich vergangene Woche mehr als 80 Prozent der Printjournalisten im "Spiegel" gegen das Büchnersche Konzept ausgesprochen haben, musste der Chef um seinen Job bangen. Zumal er angekündigt hatte, alle Ressortleiterposten neu ausschreiben zu wollen. Gerettet hat ihn vorläufig die Gesellschafterversammlung (Mitarbeiter KG 50,5 Prozent, Gruner + Jahr 25,5, Augstein-Erben 24), die seine Pläne unterstützt. Vorausgesetzt er einigt sich mit der Redaktion. Für diese Überzeugungsarbeit soll er zwei Monate Zeit bekommen. Auf seiner Seite hat er die fleißigere aber schlechter bezahlte Online-Redaktion.
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Warum nicht lieber eine Currywurst kaufen?

Der Satz "Ich habe mein Abo nun endlich gekündigt" gehört mittlerweile schon zum Standardrepertoir des gepflegten Smalltalks. Nach Ansicht von sogenannten Branchenexperten ist vor allem das Internet Schuld an der Krise des sogenannten Qualitätsjournalismus. Auch dieser Gedanke wird von Papageienjournalisten so lange nachgeplappert, bis es irgendwann Bestandteil des zeitgenössischen Wissenskanon ist. Das ist seltsam. Ich kenne niemanden, der das "Spiegel"-Abo schweren Herzens gekündigt hat, weil er gute Hintergrundgeschichten und Reportagen kostenlos im Internet liest. Gute Hintergrundgeschichten und Reportagen sind im "Spiegel" vielmehr Mangelware. Und aufbereitete Agenturmeldungen, marktkonforme Erbauungsliteratur sowie zackig, schneidige Germans-to-the-Front-Predigten findet man in der Tat im kostenlosen Internet zu genüge. Warum sollte man sich dafür ein Magazin im Gegenwert einer ordentlichen Currywurst kaufen, das man ein paar Tage später meist ungelesen in den Altpapiercontainer schmeißt?

Bye, bye "Spiegel" - es war schön mit Dir, aber wir haben uns irgendwie auseinandergelebt.

Jens Berger ist freier Journalist, Redakteur bei den NachDenkSeiten und Buchautor. Sein aktuelles Buch „Wem gehört Deutschland?“ ist im Westend Verlag erschienen.


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Kommentare

Armin, 22.09.2014 09:08
Danke!

Sie sprechen mir aus dem Herzen.

Nachdem X Kommentare von mir beim Spiegel in den letzten Tagen zensuriert wurden, die Qualität der Berichte inzwischen auf oder gar unter Bild Niveau liegt und ich mich selbst als *freier* Journalist für die SPIEGEL "Qualität" nur noch fremdschäme, habe ich mich frustriert von diesem Medium abgewendet und im Internet nach SPIEGEL Zensur gesucht und dann glücklicherweise Ihren Artikel gefunden.

Danke!

Armin

PS:
Den englischen Guardian kann ich noch so einigermassen lesen, besonders nachdem ich das Greenwald Buch bez. Snowden gelesen habe und der Guardian da doch einigermassen mutig war. NYT ist dann auch nur noch so ein stupides Manipulationsblatt und auch sonst kommt mir nicht mehr viel Gutes im Mainstream in den Sinn. Schade. Denn nur von Online Qualitätsjournalismus zu leben ist ja auch nicht einfach...

thomas th, 31.08.2014 15:43
Wo kann man sich unabhängig informieren?

hintergrund.de
stern.de
nachdenkseiten.de
www.kontextwochenzeitung.de
www.rationalgalerie.de hab ich jetzt noch als tipp bekommen.

Was gibt es sonst noch?

Harald D., 30.08.2014 09:23
Ich habe den Spiegel noch nie gelesen und ich denke es hat mir nicht geschadet. Wenn ich mir diesen Artikel und die Kommentare hier durchlese gehe ich eher vom Gegenteil aus.

Wenn heutzutage jemand ernsthaft daran interessiert ist sich eine EIGENE Meinung über ein bestimmtes Thema zu bilden, hat er/sie ein echtes Problem. Entweder ich entziehe mich jeglicher Information und benutze meinen normalen Menschenverstand oder ich muß wissen wo ich, abseits vom manipulativen Mainstream Journalismus noch investigativen und unabhängigen Journalismus finde. Aber wer macht sich schon diese Mühe? Deshalb konsumiere ich das was mir massenhaft (da bewußt) vorgesetzt wird!
Sich aber heutzutage in Deutschland Informationen zu entziehen ist jedoch kaum noch möglich sofern man/frau am (Arbeits)Leben teilnimmt.
Wer kennt sie nicht die bundesweite Hochglanzwerbung die daher kommt wie ein Kunstwerk (und damit blendet und ablenkt vom Inhalt). Fröhlich bunt, mit schönen Menschen und dem Spruch "Außenwerbung trifft jeden". Die meisten Menschen machen sich darüber keine Gedanken. Sie denken nicht darüber nach - möchte ich das? Möchte ich, dass "Die Außenwerbung" mich trifft ob ich will oder nicht? Ob sie mich dadurch das sie mich trifft womöglich manipuliert/indokriniert. Möchte ich überhaupt so viel Werbung? Die meisten Menschen machen sich solche Gedanken nicht sondern sehen oberflächlich nur das schöne Bild/Kunstwerk und lassen alles andere über sich ergehen - wie Schafe tappen sie in die Werbungsfalle.
Mit schlechtem sprich unabhängigem, interessengeleiteten Journalismus oder schlechter Politik ist es ähnlich wie mit Werbung. Er/es funktioniert aufgrund der Gewöhnung. Ansatzweise vielleicht vergleichbar mit dem schleichenden schlechter werden der Sehkraft - man/frau merkt es anfänglich kaum. Hinsichtlich schlechtem Journalismus und schlechter Politik vielleicht nie!

@Ulrich Frank
Ihr Kommentar gefällt mir sehr gut - unterschreibe ich!
Habe aber eine Anmerkungen:
" - da wünscht man/frau sich direkt den Sozialismus herbei)".
Auch bei Ihnen schwingt m.E. bei dem Wort "Sozialismus" bzw. bei dem Satz ein Unterton mit. Im Wort "Sozialismus" steckt das Wort "sozial" drin. Im Wort "Kapitalismus" das Wort "Kapital"!
Echten, nämlich demokratischen Sozialismus hat es noch nie gegeben. Dessen Anfänge wurden sowohl in Russland als auch in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts blutigst niedergeschlagen! Militärdiktaturen (Kuba) oder stalinistischer Sozialismus (abgehobene, diktatorische Bürokratien) wie in der Sowietunion und der DDR waren kein Sozialismus.
Ich bin im übrigen weiter der Meinung, dass wir in Deutschland auf dem besten Weg sind hin zu einer abgehobenen Bürokratie (Diktatur des Kapitals mit "Banane").

In diesem Sinne "Mehr (soziale) Demokratie wagen"

Ulrich Frank, 29.08.2014 18:48
Jens Bergers Einschätzung des schon länger anhaltenden Qualitätsniedergangs des SPIEGEL wie auch die von Kommentatoren und Kommentatorinnen zum Artikel ist inhaltlich sehr zutreffend. Allein, der SPIEGEL ist nicht zuletzt auch ein Spiegel der Gesellschaft - daß aus Teilhaberschaft resultierende Bonifikationen nicht notwendig zu mehr echt journalistischem "Hunger" sondern, den ursprünglichen Sinn der Teilhabe pervertierend, von Redakteursseite zu einer neuen mehr oder weniger angepaßten Sicht der Dinge führen kann ist nicht aus der Welt.

Die Sucht nach Bonifikation und "Mehr" - auch bei Mißerfolg - , das forcierte, ansonsten ressentimentgeladen zurückgewiesene Anspruchsdenken, ist nun einmal ein Kennzeichen der aktuellen gesellschaftlichen sog. "Elite", der "professionellen Klasse" insofern sie angekommen ist, der selbsternannten "Leistungsträger". Sozialistische Mindestversorgung auf kapitalistischem Niveau: Ärzte wollen ein Mindesteinkommen - kein Handgriff ist umsonst, SWSG-Vorstände, verantwortlich auch für Sozialwohnungen, verzichten auf hohe Boni wenn das Grundgehalt steigt (wie hoch es denn sei wird gnädig verschwiegen), Vorstände des Stuttgarter Verkehrsbetriebe kassierten - zumindest in der Vergangenheit, Boni auch bei roten Zahlen (bei solch fettem Nest wundert es nicht daß ihnen Stuttgart 21 als peanuts erscheint), Vorstände kassieren, auch bei Mißerfolg, exorbitante Abfindungen - es fällt, als jüngeres Beispiel, die Abfindung der Ex-Celesio-Chefin Marion Helmes ein, die trotz Mißerfolg (diese "sinnlosen Rabattschlachten" - da wünscht man/frau sich direkt den Sozialismus herbei) nach, wenn ich das richtig gelesen habe, nur kurzer Betriebszugehörigkeit und etwas nachgeschobener Beratungsleistung eine Abfindung in Höhe von "mehr als 11 Millionen EUR" erhält. - Man fragt sich was das "mehr", finanziert letztendlich von Beitragszahlern, ist: 8.500 EUR, 85.000 EUR? 850.000 EUR? Die weiche Bettung muß "oben" einfach gewährleistet sein.

Die SPIEGEL-Ausgaben der letzten Wochen waren bestimmt absolute Tiefpunkte welche nur noch sagen lassen: nicht schiefe Ebene, sondern freier Fall des Magazins: das den Flugzeugabschuß in der Ukraine und die Opfer trotz fehlender Beweise direkt, auf Weise der Bildzeitung, W. Putin in die Schuhe schieben wollte, ein ohnmächtig schäumend um sich schlagender Artikel über das Mollath-Verfahren und gegen den SZ-Journalismus - als ob in psychiatrischen Verwahranstalten hierzulande alles in bester Ordnung sei. Kein Wort davon daß zumindest schon psychologische Begutachtungen ohne persönliche Anwesenheit des zu Begutachtenden völlig indiskutabel sind, abgesehen vom Haderthauer-Tollhaus. Weiterhin ärgerliche Ungenauigkeiten bei der SPIEGEL-Berichterstattung: so im eingeschobenen Beitrag zum Hauptartikel "Aus dem Ruder gelaufene Großprojekte in Deutschland". Dort wurde zu Stuttgart 21 behauptet: "Der neue Bahnhof [d.h. der Tiefbahnhof] mußte leistungsfähiger sein als der alte Kopfbahnhof" - das ist einfach falsch, insofern der vorgesehene Tiefbahnhof nur eine unter enormem technischem und finanziellem Druck stehende Neben- und Notlösung zugunsten primärer Immobilienflächen und -spekulation ist.

Leider hat die durchaus gekonnte mit ihrem Hang zur Personalisierung und Stilisierung neigende Schreibweise der SPIEGEL-Schreibenden auch das Potential für Verfälschungen und Verschleierungen von Sachlagen. Anläßlich eines email-Wechsels mit einer SPIEGEL-Redakteurin (200. Montagsdemo in Stuttgart) - ich verzichte auf Namensnennung da mittlerweile Diskussionen über journalistische Verfahrensweisen zu einer Art bürgerlichem Intimbereich zu gehören scheinen - wurde mir, auf meine Bemerkung die Projektgegner würden im Effekt etwas eigensinnig-schrullig dargestellt (und das Ganze damit nur Meinungssache) geantwortet es gälte die Joachim-Friedrichsche Devise “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.” Abgesehen von einer gewissen Schrägheit der Antwort habe ich mittlerweile den Eindruck daß diese Friedrichsche Devise genausogut dazu verwendet werden kann - und verwendet wird - um sich nicht auf die Sache einzulassen, um nicht bei der Sache zu sein.

Wie es ja auch zur Berichterstattung über die Sache gehört daß sie präsent gehalten wird. Und darin unterscheidet sich der SPIEGEL, exemplarisch, auch nicht nicht viel mehr vom Rumpelsack-Prinzip anderer Medien (siehe SWR über Stuttgart 21): gerade mal ab und zu etwas "bringen", dann hat man die Pflicht erledigt. Dahinter kann auch Methode stecken.

Über die "Öffentlichkeit" als Aufgabe des Journalismus scheint überhaupt zunehmend Unklarheit bei der schreibenden Zunft zu herrschen. StZ-Journalist Thomas Wüpper schreibt in einem aktuellen durchaus verdienstvollen Artikel (http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sicherheitsrisiko-im-deutschen-schienennetz-ein-unfall-setzt-die-bahn-unter-druck.8b38b74a-df57-499a-9169-a9e0c07ea43b.html) über die zunehmend schlechter werdende Sicherheitslage bei der Deutschen Bahn AG - unter anderem: "Doch wie kritisch und riskant die Lage wirklich ist, bleibt bis jetzt der Öffentlichkeit meist verborgen." Anläßlich des Aufhängers (schwerer Unfall Im Bahnhof Düsseldorf-Derendorf im Juli 2013) stellt er fest: "Die Unfallursache blieb zunächst unklar – und nach der Aufklärung erstaunlicherweise bis heute in der Öffentlichkeit fast unbeachtet". - Nun: wie kann die Öffentlichkeit etwas beachten was journalistisch überhaupt nicht weiter verfolgt und dargestellt wird? Das Gleiche gilt für die Todesfälle bei Oberleitungsarbeiten am Netz der Bahn AG, mit Unterdrückungstendenz von Seiten der Bahn AG: es gab nur eintägige Berichte, dann folgte nichts mehr. Würde sich besorgter Bürger an die Bahn AG wenden würde er abgewimmelt oder von der security vor die Türe gesetzt. Werden von kritischen Bürgern Fragen zum Brandschutz im Tiefbahnhof gestellt werden sie, wie vor ungefähr drei Jahren, von der Bahn AG frech mit der Antwort abgespeist, der Brandrauch würde durch die Tunnelröhren abziehen.

Journalisten und Redakteuren beiderlei Geschlechts scheint es nicht klar zu sein daß es ihre /ureigene/ Aufgabe ist Öffentlichkeit zu wecken, zu initiieren, zu gewährleisten in einem Umfeld in welchem im politischen, Behörden- und Wirtschaftsbereich (zunehmend zusammenwachsend) die Informationen und die Wahrheit mit rasender Tendenz Macht- und Geldinteressen zum Opfer fallen. Da ist die Frage des Journalisten "Wieso fehlt das öffentliche Interesse" schon etwas unbedarft - und man muß sich zuletzt auf Initiativen von Projektgegnern (Herr Abmayr) stützen. - Wieso muß die Journalistenzunft zum Jagen getragen werden? Wieso die Wohlfühlinterviews im SPIEGEL (Grube, Ingenhoven)?

Der aktuelle SPIEGEL-Titel (NS-Aufarbeitung) scheint demhingegen fast schon eine Abbitte gegenüber den vorausgegangenen krassen Fehltritten zu sein. Auf Seite 12 ein Artikel über die mangelnde Zukunftsvorsorge der Politik, dann eine Auseinandersetzung Hern Kurbjuweits mit Frau Merkels Regierungsstil, weiter hinten ein Artikel über die voraussichtlichen sozialen Folgen der Digitalisierung.

Allein, auch hier ist wieder eine gewisse Einäugigkeit zu bemerken. Hartz IV hat, so wird suggeriert, das Land fit für die Zukunft gemacht. Daß mit Hartz IV auch eine soziale Zeitbombe gelegt wurde wird nicht gebührend thematisiert und daß die reklamierte Fitness nur unter bestimmten Bedingungen gelten kann. Im übrigen wird davon geredet daß "die Regierung" keinen Plan für die Zukunft hat. Aber bei der Opposition, und das ist hauptsächlich auch die yuppie-Partei der Grünen, verhält es es doch nichts anders. Herr Kretschmann nimmt sich Frau Merkel zum Vorbild (auch er glaubt "auf Sicht fahren" zu können und zu dürfen). Insofern ist der Merkelsche Stil kein Einzelphänomen, und es wäre Zeit sich auch einmal die Grünen gehörig zur Brust zu nehmen. Grüne, welche vor allem laut A sagen und dann das B nicht tun wollen, mit pretty-pretty-kita den Masterplan zu haben scheinen und sich z.B. nicht um die Altersversorgung kümmern. Man kann ja gerne mit Sprachmanipulationen (Studierendenwerke...) Leuten die altersmäßig noch Hauen und Stechen können auf noch weitere Sprünge helfen, wie aber steht es mit der Versorgung im Alter?: hierzulande ist kein Geld da für eine geriatrische Reha-Klinik und andere älteren Leuten zugutekommmenden Maßnahmen werden zusammengestrichen. Aus den Krankenhäusern werden alte Leute wundgelegen entlassen (und das Faktum dann den Angehörigen in die Schuhe geschoben bzw. aufgelastet) - gnade dem alten Kranken der hierzulande keine Angehörigen hat die ggfs. die notwendigen Mittel erkämpfen.

Insofern hat die Kanzlerin mit ihrer von Kurbjuweit im SPIEGEL beanstandeten Politikabwicklungspolitik und Wirtschafts- und Bankenmonopolisierung kein Alleinstellungsmerkmal. Die Krawatte des sprachregelnden Grünen ist, mit mehr Intentionalität wahrscheinlich versehen als Kaffeesatz, Programm: im Tenor wie aus Schlafanzugmaterialdesign hergestellt, mit mintgrünen Streifen wie Baldrianpillenüberzug, braune Scholligkeit, weißgeblutete Zone der Wirtschaftsfreundlichkeit. Das Ganze schräg: nicht "on the level". Nicht so verschieden vom vorherrschenden Journalismus.

hans, 29.08.2014 11:36
Es gibt sehr gute Alternativen zum Spiegel. Ich habe z.B. kürzlich das Magazin "Hintergrund" entdeckt, das seinem Namen bei der Beleuchtung der Ukraine-Krise aus unterschiedlichen Blickwinkeln alle Ehre macht. Kritisch ggü dem Westen, aber auch ggü Putins Russland (wozu es, gerade aus linker Perspektive, eben auch allen Grund gibt), mit Beiträgen von russ und ukr Regierungskritikern, dabei weitgehend leidenschaftslos im Tonfall und eben nicht so unsäglich hetzerisch. Darin z.B. auch der jW überlegen, die aus unerfindlichen Gründen dem Zarenverehrer in Moskau die Stange halten. Auch weitgehend frei von marxistischer Leerformel-Rhetorik, die glaubt, sie habe Entwicklungen erschöpfend erklärt, wenn sie sie mit den richtigen Etiketten behängt hat. Außerdem: Viel Text und keinerlei Werbung, dadurch völlig Konzern-unabhängig. Hoffentlich etablieren die sich und müssen den Laden nicht bald wieder zu machen.
Auch die NDS informieren immer gut und klug.

Jan, 28.08.2014 20:57
ups...

ich meinte politische Entwicklung, nicht Ausbildung....

Jan, 28.08.2014 20:39
Gehört der Spiegel nicht seit bald zwei Jahrzehnten zum Bertelsmann-Imperium???
Wen wunderts wohin die Entwicklung in Sachen politische Ausbildung da geht.

Apropos, ist Islamkritik nun eigentlich grundsätzlich verboten, möge der Kritiker noch so neutral und seine Kritik sachlich wie nur möglich?

thomas th, 28.08.2014 19:58
an invinoveritas: Also, die Schale ist schlecht, der Inhalt Murks, hier und da macht einer der Redakteure trotzdem Top-Arbeit. Aber warum in diesem System? Und warum soll ich so viel Schlechtes durchforsten und immer kritisch überprüfen? Das ist mir auf DAuer zu anstrengend. Wie kann man sich gegen die ganzen Lügen denn wehren, außer das Blatt nicht zu lesen? Da ist es doch besser, die Pressemitteilungen des World Economic Forum zu konsumieren, geht es einem auch nicht besser danach, aber man weiß wenigstens eindeutig, wem sie nutzen und wem nicht.

Für mich rechtfertigt allein schon das ganze neoliberale Gewäsch die Abstinenz. Das ist mir echt zu anstrengend, immer abzuwägen, was stimmt, was nicht, welche Intention haben der Autor und seine Partner in / außerhalb der Redaktion.

invinoveritas, 28.08.2014 17:02
Der pseudolinke Einheitsbrei, den die SPIEGEL-Verächter hier auftischen, ist so wenig appetitanregend wie der neoliberale.
Ja, der SPIEGEL ist aufs Große und Ganze gesehen um einiges schlechter geworden im Laufe der Jahre: zu oft zu wenig Substanz und Niveau, zu oft auch journalistisch-handwerklich daneben, zu oft gar keine Haltung mehr oder eine jedenfalls aus meiner Sicht falsche, zu oft elitäres Gehabe und etliches andere Kritikwürdige.
Das ist das eine. Und das andere ist, dass sich trotzdem die Lektüre in der Regel noch immer lohnt. Wie so oft, verbieten sich nämlich auch im Falle eines Wochenmagazins von über 150 Seiten und ca. 50 behandelten Themen pro Ausgabe allzu generalisierende Ausagen.
Die schnöde Wirklichkeit ist nun mal die, dass gleich hinter dem Artikel eines wahlweise eitlen, denkfaulen, grandios opportunistischen Papageienschreibers, der den Ruf des ganzen Organs als Lobbyistennutte endgültig bestätigt, dieses Lügenblatt - allerdings wohl nur zu Verschleierungszwecken - womöglich etwas ganz anderes bringt: eine tatsächlich grandiose Reportage aus dem Irak etwa, eine gut informierte Geschichte über Berliner Innereien, einen bedenkenswerten Essay.
Was man natürlich nur dann mitkriegt, wenn der Ekel vor Bild am Montag noch nicht so groß ist, dass man diesen Mist nicht mal mehr anfassen mag. Dem könnte man aber entgehen, wenn man im Internet SPON konsumierte; das aber wiederum ist Stürmer-online.

Dies eine kleine Sammlung markanter Vokabeln, mit denen die SPIEGEL-Verächter im Chorgesang ein trotz allem noch immer weltweit anerkanntes Hamburger Nachrichtenmagazin charakterisieren wollten. Charakterisiert haben sie sich allerdings vor allem selbst: als intolerante Sektierer, die Andersdenkende und deren vermeintliche oder tatsächliche Fehlleistungen unbarmherzig niedermachen und ihre maßlosen Beschimpfungen dann auch noch als "Analyse" ausgeben. Verehrte Freundinnen und Freunde, der Gedanke, wichtige Medien hierzulande könnten einmal aus solchem Geiste gemacht werden, lässt einen frieren.

elektrisch, 28.08.2014 16:46
manche schreiben artikel, manche demonstrieren, beides ist wichtig ! https://www.youtube.com/watch?v=PYNCbjQvqrM

Hermann-Josef Wöhlert, 28.08.2014 13:20
Der Artikel trifft zu fast 100% zu.
Ich war bist vor ca. 20 Jahren treuer Spiegelleser. Seit dieser Zeit habe ich den Spiegel noch sporadisch gekauft. Leider fiel mir in den letzen Jahren immer mehr auf dass der Spiegel vom Neoliberalem Gedankengut erfasst wurde. Doch was da jetzt auf Spiegel Online geschrieben wird ist Journalismus der untersten Schublade. Am besten sind die Leserkommentare. Sehr oft wurden kritische Kommentare von mir gar nicht erst veröffentlicht. Schon alleine das ein ehemaliger Bildredakteur dort mitmischt ist entsetzlich. Der verbliebene Herr Augstein kommt mir wie ein armer Schulbub vor der keine eigene Meinung haben darf. Ich trauere also nicht wenn das Lügenblatt verschwindet.

Hartmut Braun, 28.08.2014 13:04
Auch bei mir ist es viele viele Jahre her, seit ich mir den letzten "Spiegel" gekauft habe. Ich bin zwar - NOCH - recht aktiv im SpOn-Forum, aber leider geht auch mir langsam die Lust aus, gegen die Nachbeter neoliberaler Heilsphrasen anzuschreiben, zumal die Zensur, Beiträge nicht durchzulassen, gerade in den Threads zur Ukraine-Krise das tolerierbare Maß überschritten hat. Sollen sie sich doch mit ihrem Hurra-Patriotismus gegenseitig auf die Schultern klopfen. Mir reicht's jetzt so langsam.

Barbara Jencik, 28.08.2014 11:51
Das mit dem Spiegel, der ja auch nur stellvertretend für fast den gesamten Journalismus steht, ist aber nicht neu. Diese merkwürdige Art des Schreibens, alles hört sich gleich an, ist wie ein schlechtes Essen, man isst es, aber hinterher ist einem schlecht oder man ist unbefriedigt. Ich meine, dass der Spiegel schon mindestens seit 20 Jahren so schlecht ist, nur bisher hat sich niemand getraut, es öffentlich zu sagen. Ich finde es bedauerlich, dass der deutsche Journalismus und vermutlich nicht nur der, allmählich den Gang aller Warenproduktionen nimmt, nämlich ein Einheitsbrei zu werden, der allmählich verschwinden wird und damit sind wir dann bei 1984, nur noch viel schlimmer. Leider fand ich den Artikel von J.B. doch etwas zu hämisch, denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass auch Journalisten von ihrer Arbeit leben müssen, irgendwie. Ich möchte heute kein Journalist sein, dann lieber Currywurst verkaufen.

Franziska Bremer, 28.08.2014 11:47
DANKE, Jens Berger...!!!
Scharfsinnig, scharfzüngig und auf den Punkt gebracht wurde hier die seit vielen Jahren desolate journalistische Leistung des "SPIEGEL".
Auf Spiegel-Online lese ich mit Vorliebe die Kommentare der Leser zu den Artikeln - meist ist dort großer Widerspruch zu den Ausführungen der Autoren zu lesen. Das macht Hoffnung...

ri925, 28.08.2014 11:03
Hervorragender Artikel von Jens Berger. Perfekte Analyse dieser "Bild am Montag". Dieses neoliberale Gewäsch ist schlichtweg unerträglich. Ich kann mich noch gut an die Spiegel Affäre erinnern.
Da sind noch Journalisten für ihre Überzeugung in den Knast gegangen. Das kann man von den heutigen Warmduscher Journalisten des Spiegels nicht mehr erwarten.

Andreas Hoberg, 28.08.2014 10:57
SPIEGEL, eine Wichsvorlage für neoliberale Schwachmatten und Büroangestellte, die sich für fortschrittlich halten, weil sie in Jeans zur Arbeit trampeln.

Und der Niedergang hat mit Aust angefangen, die Bildzeitungblödis, die da jetzt rumhantieren, sind nur die notwendige Konsequenz...das ständige Rotieren in den SPIEGEL Gräbern von Augstein und CO macht mir schon Angst.

t.h.wolff, 28.08.2014 10:53
Nach dem "Stoppt Putin jetzt"-Cover habe ich erstmalig bedauert, daß man ein Abo nur einmal kündigen kann.

FriedW, 28.08.2014 10:12
Dirk Kurbjuweit vom Spiegel hat – in völliger Verkennung der Lage und der Fakten – die Stuttgart21-Gegner als Wutbürger diffamiert. Dutzende Journalisten, die ebenfalls weder intellektuell noch fachlich in der Lage waren, S21 zu beurteilen, haben den Begriff gedankenlos übernommen. Schlagwort-Pseudojournalismus allerorten, Fakten interessieren nicht. Schon gar nicht, wenn sie nicht in das oberflächliche Weltbild arroganter Journalisten passen, die sich meilenweit entfernt von ihren Lesern bewegen und die schnelle Schlagzeile suchen. Der neoliberale Verfall des Spiegel hat früher eingesetzt als bei anderen Medien. Der Spiegel als Lobbyistennutte und Sandkasten für vorurteilsbeladene, schadenfreudige Leicht-Journalisten hat keinen Wert mehr. Geh sterben!

Kassandra72, 28.08.2014 10:08
Ich kann Herrn Berger da nur aus vollstem Herzen zustimmen. Das (kaum noch vorhandene) Niveau des "Spiegels" ist schon fast ins Bodenlose abgesunken und ich verkneife mir schon seit längerem das Lesen der Online-Version, weil mir von der neoliberalen Propaganda, die dort nur noch verkündet wird, schlicht und ergreifend schlecht wird.

Aber okay, was kann man auch schon anderes erwarten, wenn ein ehemaliger Chefredakteur der BILD-Zeitung dort jetzt das Ruder überimmt. Insofern kann man den Spiegel auch gleich in "SPIEGEL-BILD" oder "BILD-SPIEGEL" umtaufen.

Torsten Williamson-Fuchs, 28.08.2014 10:05
Ich lese lieber solche Artikel + SpiO, um mich zu informieren. Die von Unkenntnis (z. B. der Brothers Keepers) getriebene Polemik gegen Xavier Naidoo hat meine Entscheidung für die Currywurst beflügelt.
PS: Vermutlich hat die Redaktion beschlossen, weil alle über die blonde Schlagertrulla spotten, nehmen wir uns den Sohn Mannheims vor, denn damit rechnet niemand.

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