KONTEXT Extra:
Parkschützer helfen Wolfgang Dietrich beim VfB

Überraschende Hilfe für den früheren S 21-Sprecher Wolfgang Dietrich: Ermuntert durch das Kontext-Editorial ("Dietrich for President") finden sich im Bahnhofsgegner-Forum "Parkschützer" bereits Vorschläge für Sprechakte, die der 68-Jährige als VfB-Präsident vornehmen könnte. Besonders hübsch die Ansage, der Zweitligist plane den Kauf von Messi, Ronaldo und Ibrahimovic - "die Kosten dafür werden unseren Etat nicht belasten". Sehr schön auch der Plan, keinen Torwart einzusetzen, denn: "Ich bin sicher, wir bekommen eine Sondergenehmigung, unser Tor mit Brettern vernageln zu dürfen". Außerdem brauche der VfB keine elf Spieler - "unsere Mannschaft ist mit sechs Spielern 30 Prozent leistungsfähiger". Grundsätzlich habe der Abstieg in die 2. Liga keinerlei Auswirkungen auf das Ziel, 2017 Deutscher Meister zu werden: "Wir liegen da voll im Zeitplan". (28.7.2016)


Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


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Das Spiegel-Haus an der Hamburger Ericusspitze. Foto: Dennis Siebert

Das Spiegel-Haus an der Hamburger Ericusspitze. Foto: Dennis Siebert

Ausgabe 178
Überm Kesselrand

Bye, bye SPIEGEL

Von Gastautor Jens Berger
Datum: 27.08.2014
Bleibt er oder geht er - der "Spiegel"-Chefredakteur? Landauf, landab berichten deutsche Medien darüber. Vergessen wird, was aus dem Nachrichtenmagazin inhaltlich geworden ist. Ein "Steigbügelhalter der Marktkonformität", sagt Gastautor Jens Berger.

In seinen besten Jahren war der "Spiegel" laut Eigenwerbung ein Sturmgeschütz der Demokratie. Man kann vortrefflich darüber streiten, ob das Magazin je diesem Mythos entsprach, den er seitdem wie eine Monstranz vor sich herträgt. Der heutige "Spiegel" ist - so viel steht fest - von diesem Ideal Lichtjahre entfernt. Mit einer Melange aus zackiger Deutschtümelei, denkfaulem Papageienjournalismus, eitler Geckenhaftigkeit und gnadenlosen Opportunismus hechelt das Blatt einem Zeitgeist hinterher, der stilgebend für die Merkel-Ära ist. Aus dem Sturmgeschütz der Demokratie wurde ein Steigbügelhalter der Marktkonformität.

Titeln für die Agenda 2010, Spiegel-Ausgabe Nummer 21, 2003.
Titeln für die Agenda 2010, Spiegel-Ausgabe Nummer 21, 2003.

"Im Zweifelsfall links", so lautete einst die Devise des Herausgebers Rudolf Augstein. War der "Spiegel" in seinen besten Zeiten ein nach allen Seiten kritisches linksliberales Blatt, entwickelte er sich im letzten Jahrzehnt zusehends zu einem neoliberalen Kampfblatt. Als Talkshow-Ökonomen und Lobbyisten der Großkonzerne zur neoliberalen Wende trommelten, heulte die Zeitschrift mit den Wölfen, polemisierte "wie der Sozialstaat zur Selbstbedienung einlädt" und philosophierte über die "Melkkuh Sozialstaat".

Die Blaupause für die Agenda 2010 kommt aus Hamburg

In unzähligen Titelstorys mit schlagkräftigen Überschriften wie "Die blockierte Republik" , "Radikalkur gegen Arbeitslosigkeit" , "Wie (un)sozial darf/muss die SPD sein" , "REFORMEN" , "Die Stunde der Wahrheit im Land der Lügen" oder "Die veruntreute Zukunft" , trommelte der "Spiegel" fortan für neoliberale Reformen und gab damit die Blaupause für die Agenda 2010 vor. Und als der Reformeifer der rot-grünen Regierung in der demoskopischen Agonie langsam erlosch, schwenkte das Blatt um, läutete in einem Leitartikel den "langen Abschied von Rot-Grün" ein, schrieb Angela Merkel ins Amt und blieb auch ansonsten seiner neoliberalen Linie treu. Und als Merkels Reformeifer dann ebenfalls erlahmte, titelte der "Spiegel" "Aufhören!" und machte aus der Kanzlerin "Angela Mutlos".

Der "Spiegel" berichtet nicht nur über Politik, er macht Politik. Vor allem im sozialdemokratischen und linksliberalen Lager galt das Magazin lange Zeit noch als kritische Instanz. Als Gerhard Schröder einst bierselig schwadronierte, er brauche zum Regieren nur "BILD, BamS und Glotze", stapelte er zu tief. Ohne den "Spiegel" hätte er seine Agenda wohl nie gegen den einstigen Willen der Parteibasis durchregieren können. Dass das einstige Sturmgeschütz zu einem Durchlauferhitzer für die von den Arbeitgeberverbänden finanzierte neoliberale PR wurde, ist unbestritten. Doch wie konnte aus einem ehemals wirtschaftspolitisch kritischen Blatt ein Organ des denkfaulen Papageienjournalismus werden?

Neoliberale PR, Spiegel-Titel Nummer 26, 2005.
Neoliberale PR, Spiegel-Titel Nummer 26, 2005.

Vielleicht hatte Karl Marx mit seinem Satz "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" gar nicht mal so unrecht. Die Hamburger Redakteure sind in ihrer Branche Solitäre, die sich ihrer gefühlten eigenen Großartigkeit nur all zu bewusst sind. Rudolf Augsteins vielleicht größter Fehler war es, den halben Laden seinen Mitarbeitern zu vermachen. Und wer erst mal den Sprung in den erlauchten Kreis geschafft hat, ist fortan auch Gesellschafter und darf sich jedes Jahr über eine üppige Gewinnbeteiligung freuen, die als Kirsche auf dem Sahnehäubchen eines Vergütungs- und Privilegienmodells thront, das wohl nicht nur in der Verlagsbranche einmalig ist.

Der Redakteur von Welt hat mit prekären Kollegen nichts gemein

Der "Spiegel"-Redakteur von Welt hat nicht viel mit seinen prekären Kollegen anderer Blätter gemein - er gehört qua Einkommen der oberen Mittelschicht an, die ja seither glaubt, sie selbst gehöre zur Oberschicht. Und wer meint, selbst zur Elite oder zumindest zur Zielgruppe der FDP zu gehören, ist wahrscheinlich auch für derlei gruppendynamische Phrasen empfänglich.

Während für normale Journalisten Themen wie der Spitzensteuersatz reichlich abstrakt sind, verteidigt der "Spiegel"-Redakteur hier die Pfründe, die ihm nach seiner eigenen Überzeugung als Leistungsträger auch zustehen. Man soll es ja kaum glauben: Als vor nicht einmal einem Jahr die Geschäftsleitung des Verlags das vierzehnte Montagsgehalt für neu eingestellte Mitarbeiter zur Disposition stellte, gab es an der Enricusspitze einen Aufschrei. Die Edelfedern, die Otto Normalleser seit Jahren predigen, man müsse den Gürtel enger schnallen, um Deutschland zu retten, mutierten nun zu jenen Besitzstandswahrern, vor denen sie die Republik stets warnten. Wenn das Sein wirklich das Bewusstsein bestimmt, liegt der Wunsch, sich als selbstdefinierte Elite von der Masse abzusetzen, den "Spiegel"-Machern im Blut. Unverständlich ist und bleibt es jedoch, warum immer noch mehr als 800.000 Menschen diesen Brei kaufen.

Der "Spiegel" ist jedoch viel mehr als nur ein wirtschaftspolitischer Ratgeber mit Eigeninteressen. Er agiert auch, was das Zeug hält, gegen Minderheiten und vermeintlich oder tatsächlich Schwache. Regelmäßig hetzt das Magazin beispielsweise gegen Muslime. Man phantasierte schon von einer "stillen Islamisierung Deutschlands" und spielte damit Rechtspopulisten wie Thilo Sarrazin in die Hände, von dessen Beststeller man natürlich - zusammen mit der Bildzeitung - die exklusiven Vorabruckrechte erwarb. Die Zeiten, in denen das Blatt Minderheiten gegen dumpfe Ressentiments verteidigt hat, sind schon lange vorbei. Heute zündelt man mit Vorliebe selbst, um sich dann in bildungsbürgerlicher Rage zu echauffieren, wenn aus dem Zündeln ein Flächenbrand wurde.

Das neue Feindbild: Putin, die Personifizierung des Bösen

Nachdem die neoliberale Agenda heute, auch dank tatkräftiger Anschubhilfe des Blatts, tief in den Köpfen der Leserschaft und in den Programmen (fast) aller großer Parteien verankert ist und Ressentiments gegenüber Minderheiten wieder salonfähig sind, hat sich der "Spiegel" ein neues Schlachtfeld ausgesucht: die Außen- und Sicherheitspolitik. Nachdem die Deutschen, so die Hamburger Analyse, heute "weitgehend saturiert" seien, fehle ihnen nun noch die "klare außenpolitische Linie". Wir sind schließlich wieder wer und in dieses "neue Deutschlandgefühl" passe nun einmal keine "egoistische Schonhaltung" für "unsere Soldaten". Pardon wird in den warmen Redaktionsstuben nicht gegeben - zackig, deutschtümelnd hechelt das ehemalige Nachrichtenmagazin auch hier dem Zeitgeist hinterher, der von dem Biedermann aus dem Schloss Bellevue und den Brandstiftern der Münchner Sicherheitskonferenz aus der Büchse gelassen wurde.

Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik, Spiegel-Titel Nummer 31, 2014.
Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik, Spiegel-Titel Nummer 31, 2014.

Ein neues Feindbild hat die publizistische Speerspitze der Konfrontationspolitik passend zum 100ten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs auch schon aus der Pickelhaube gezaubert: Putin, seines Zeichens Russe und die Personifizierung des Bösen. Der russische Präsident müsse "zur Rechenschaft gezogen werden", er sei der "Paria der Wertegemeinschaft", der in der Ostukraine sein "wahres Gesicht" zeige, so der "Spiegel" im jüngst erschienenen Leitartikel "Ende der Feigheit". Es hagelte Protestbriefe und -mails. Doch der "Spiegel" hat ein Erklärung dafür, warum diese Jeder-Schuss-ein-Russ-Rhetorik bei den Lesern nicht ankommen wollte. Schuld sei Moskaus fünfte Kolonne, "organisiert auftretende, anonyme User", die "jegliche Kritik an Russland kontern". Nun ja. Rudolf Augstein wäre wahrscheinlich stolz auf derart kritische Leser.

Kritische Zeitgenossen bezeichnen das Heft bereits heute als "BILD am Montag". Dieser Vorwurf ist keinesfalls abwegig, da der "Spiegel" offenbar dem Leitbild "Von BILD lernen, heißt Siegen lernen" folgt. Schon lange passt zumindest ideologisch kein Blatt mehr zwischen Springers Boulevardpostille und das ehemalige Nachrichtenmagazin. Und auch sprachlich und stilistisch legt der "Spiegel" die Latte beim Niveau-Limbo von Monat zu Monat tiefer - "STOPPT PUTIN JETZT!" war, man glaubt es kaum, keine BILD-Schlagzeile, sondern ein "Spiegel"-Cover. Dass das Blatt ausgerechnet den ehemaligen BILD-Vize Nikolas Blome in die eigene Chefredaktion holte, passt da nur all zu gut ins Bild. Blome ist der Prototyp eines Journalisten in der post-journalistischen Ära: Er verteidigt die Politik seiner Kanzlerin mit Zähnen und Klauen, hat die neoliberale Ideologie bedingungslos verinnerlicht und übt Kritik vor allem an den Schwachen. Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

Die Hochglanzausgabe der Apothekenumschau

Das Ende des Transformationsprozesses vom Nachrichtenmagazin zur Hochglanzausgabe der Apothekenumschau für politisch mehr oder weniger Interessierte, ist jedoch längst noch nicht abgeschlossen. Der aktuelle Chef Wolfgang Büchner ist zwar ein journalistischer Kleingärtner, aber dafür ein ausgefuchster Buchhalter. Seine Herkulesaufgabe ist es, den fortschreitenden Auflagenrückgang des Printprodukts zu stoppen. Da Büchner immerhin ein Jahr lang Interimschef des luftigen Netzablegers "Spiegel-online" war, der zwar kaum Geld verdient aber sagenhafte Klickraten vorweisen kann, ist er im Verlag natürlich der Mann fürs Digitale. Sein Konzept mit dem wenig originellen Namen "SPIEGEL 3.0" sieht eine - so heißt es - noch engere Verzahnung von Print und Online vor.

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Info: Nachdem sich vergangene Woche mehr als 80 Prozent der Printjournalisten im "Spiegel" gegen das Büchnersche Konzept ausgesprochen haben, musste der Chef um seinen Job bangen. Zumal er angekündigt hatte, alle Ressortleiterposten neu ausschreiben zu wollen. Gerettet hat ihn vorläufig die Gesellschafterversammlung (Mitarbeiter KG 50,5 Prozent, Gruner + Jahr 25,5, Augstein-Erben 24), die seine Pläne unterstützt. Vorausgesetzt er einigt sich mit der Redaktion. Für diese Überzeugungsarbeit soll er zwei Monate Zeit bekommen. Auf seiner Seite hat er die fleißigere aber schlechter bezahlte Online-Redaktion.
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Warum nicht lieber eine Currywurst kaufen?

Der Satz "Ich habe mein Abo nun endlich gekündigt" gehört mittlerweile schon zum Standardrepertoir des gepflegten Smalltalks. Nach Ansicht von sogenannten Branchenexperten ist vor allem das Internet Schuld an der Krise des sogenannten Qualitätsjournalismus. Auch dieser Gedanke wird von Papageienjournalisten so lange nachgeplappert, bis es irgendwann Bestandteil des zeitgenössischen Wissenskanon ist. Das ist seltsam. Ich kenne niemanden, der das "Spiegel"-Abo schweren Herzens gekündigt hat, weil er gute Hintergrundgeschichten und Reportagen kostenlos im Internet liest. Gute Hintergrundgeschichten und Reportagen sind im "Spiegel" vielmehr Mangelware. Und aufbereitete Agenturmeldungen, marktkonforme Erbauungsliteratur sowie zackig, schneidige Germans-to-the-Front-Predigten findet man in der Tat im kostenlosen Internet zu genüge. Warum sollte man sich dafür ein Magazin im Gegenwert einer ordentlichen Currywurst kaufen, das man ein paar Tage später meist ungelesen in den Altpapiercontainer schmeißt?

Bye, bye "Spiegel" - es war schön mit Dir, aber wir haben uns irgendwie auseinandergelebt.

Jens Berger ist freier Journalist, Redakteur bei den NachDenkSeiten und Buchautor. Sein aktuelles Buch „Wem gehört Deutschland?“ ist im Westend Verlag erschienen.


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Kommentare

Armin, 22.09.2014 09:08
Danke!

Sie sprechen mir aus dem Herzen.

Nachdem X Kommentare von mir beim Spiegel in den letzten Tagen zensuriert wurden, die Qualität der Berichte inzwischen auf oder gar unter Bild Niveau liegt und ich mich selbst als *freier* Journalist für die SPIEGEL "Qualität" nur noch fremdschäme, habe ich mich frustriert von diesem Medium abgewendet und im Internet nach SPIEGEL Zensur gesucht und dann glücklicherweise Ihren Artikel gefunden.

Danke!

Armin

PS:
Den englischen Guardian kann ich noch so einigermassen lesen, besonders nachdem ich das Greenwald Buch bez. Snowden gelesen habe und der Guardian da doch einigermassen mutig war. NYT ist dann auch nur noch so ein stupides Manipulationsblatt und auch sonst kommt mir nicht mehr viel Gutes im Mainstream in den Sinn. Schade. Denn nur von Online Qualitätsjournalismus zu leben ist ja auch nicht einfach...

thomas th, 31.08.2014 15:43
Wo kann man sich unabhängig informieren?

hintergrund.de
stern.de
nachdenkseiten.de
www.kontextwochenzeitung.de
www.rationalgalerie.de hab ich jetzt noch als tipp bekommen.

Was gibt es sonst noch?

Harald D., 30.08.2014 09:23
Ich habe den Spiegel noch nie gelesen und ich denke es hat mir nicht geschadet. Wenn ich mir diesen Artikel und die Kommentare hier durchlese gehe ich eher vom Gegenteil aus.

Wenn heutzutage jemand ernsthaft daran interessiert ist sich eine EIGENE Meinung über ein bestimmtes Thema zu bilden, hat er/sie ein echtes Problem. Entweder ich entziehe mich jeglicher Information und benutze meinen normalen Menschenverstand oder ich muß wissen wo ich, abseits vom manipulativen Mainstream Journalismus noch investigativen und unabhängigen Journalismus finde. Aber wer macht sich schon diese Mühe? Deshalb konsumiere ich das was mir massenhaft (da bewußt) vorgesetzt wird!
Sich aber heutzutage in Deutschland Informationen zu entziehen ist jedoch kaum noch möglich sofern man/frau am (Arbeits)Leben teilnimmt.
Wer kennt sie nicht die bundesweite Hochglanzwerbung die daher kommt wie ein Kunstwerk (und damit blendet und ablenkt vom Inhalt). Fröhlich bunt, mit schönen Menschen und dem Spruch "Außenwerbung trifft jeden". Die meisten Menschen machen sich darüber keine Gedanken. Sie denken nicht darüber nach - möchte ich das? Möchte ich, dass "Die Außenwerbung" mich trifft ob ich will oder nicht? Ob sie mich dadurch das sie mich trifft womöglich manipuliert/indokriniert. Möchte ich überhaupt so viel Werbung? Die meisten Menschen machen sich solche Gedanken nicht sondern sehen oberflächlich nur das schöne Bild/Kunstwerk und lassen alles andere über sich ergehen - wie Schafe tappen sie in die Werbungsfalle.
Mit schlechtem sprich unabhängigem, interessengeleiteten Journalismus oder schlechter Politik ist es ähnlich wie mit Werbung. Er/es funktioniert aufgrund der Gewöhnung. Ansatzweise vielleicht vergleichbar mit dem schleichenden schlechter werden der Sehkraft - man/frau merkt es anfänglich kaum. Hinsichtlich schlechtem Journalismus und schlechter Politik vielleicht nie!

@Ulrich Frank
Ihr Kommentar gefällt mir sehr gut - unterschreibe ich!
Habe aber eine Anmerkungen:
" - da wünscht man/frau sich direkt den Sozialismus herbei)".
Auch bei Ihnen schwingt m.E. bei dem Wort "Sozialismus" bzw. bei dem Satz ein Unterton mit. Im Wort "Sozialismus" steckt das Wort "sozial" drin. Im Wort "Kapitalismus" das Wort "Kapital"!
Echten, nämlich demokratischen Sozialismus hat es noch nie gegeben. Dessen Anfänge wurden sowohl in Russland als auch in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts blutigst niedergeschlagen! Militärdiktaturen (Kuba) oder stalinistischer Sozialismus (abgehobene, diktatorische Bürokratien) wie in der Sowietunion und der DDR waren kein Sozialismus.
Ich bin im übrigen weiter der Meinung, dass wir in Deutschland auf dem besten Weg sind hin zu einer abgehobenen Bürokratie (Diktatur des Kapitals mit "Banane").

In diesem Sinne "Mehr (soziale) Demokratie wagen"

Ulrich Frank, 29.08.2014 18:48
Jens Bergers Einschätzung des schon länger anhaltenden Qualitätsniedergangs des SPIEGEL wie auch die von Kommentatoren und Kommentatorinnen zum Artikel ist inhaltlich sehr zutreffend. Allein, der SPIEGEL ist nicht zuletzt auch ein Spiegel der Gesellschaft - daß aus Teilhaberschaft resultierende Bonifikationen nicht notwendig zu mehr echt journalistischem "Hunger" sondern, den ursprünglichen Sinn der Teilhabe pervertierend, von Redakteursseite zu einer neuen mehr oder weniger angepaßten Sicht der Dinge führen kann ist nicht aus der Welt.

Die Sucht nach Bonifikation und "Mehr" - auch bei Mißerfolg - , das forcierte, ansonsten ressentimentgeladen zurückgewiesene Anspruchsdenken, ist nun einmal ein Kennzeichen der aktuellen gesellschaftlichen sog. "Elite", der "professionellen Klasse" insofern sie angekommen ist, der selbsternannten "Leistungsträger". Sozialistische Mindestversorgung auf kapitalistischem Niveau: Ärzte wollen ein Mindesteinkommen - kein Handgriff ist umsonst, SWSG-Vorstände, verantwortlich auch für Sozialwohnungen, verzichten auf hohe Boni wenn das Grundgehalt steigt (wie hoch es denn sei wird gnädig verschwiegen), Vorstände des Stuttgarter Verkehrsbetriebe kassierten - zumindest in der Vergangenheit, Boni auch bei roten Zahlen (bei solch fettem Nest wundert es nicht daß ihnen Stuttgart 21 als peanuts erscheint), Vorstände kassieren, auch bei Mißerfolg, exorbitante Abfindungen - es fällt, als jüngeres Beispiel, die Abfindung der Ex-Celesio-Chefin Marion Helmes ein, die trotz Mißerfolg (diese "sinnlosen Rabattschlachten" - da wünscht man/frau sich direkt den Sozialismus herbei) nach, wenn ich das richtig gelesen habe, nur kurzer Betriebszugehörigkeit und etwas nachgeschobener Beratungsleistung eine Abfindung in Höhe von "mehr als 11 Millionen EUR" erhält. - Man fragt sich was das "mehr", finanziert letztendlich von Beitragszahlern, ist: 8.500 EUR, 85.000 EUR? 850.000 EUR? Die weiche Bettung muß "oben" einfach gewährleistet sein.

Die SPIEGEL-Ausgaben der letzten Wochen waren bestimmt absolute Tiefpunkte welche nur noch sagen lassen: nicht schiefe Ebene, sondern freier Fall des Magazins: das den Flugzeugabschuß in der Ukraine und die Opfer trotz fehlender Beweise direkt, auf Weise der Bildzeitung, W. Putin in die Schuhe schieben wollte, ein ohnmächtig schäumend um sich schlagender Artikel über das Mollath-Verfahren und gegen den SZ-Journalismus - als ob in psychiatrischen Verwahranstalten hierzulande alles in bester Ordnung sei. Kein Wort davon daß zumindest schon psychologische Begutachtungen ohne persönliche Anwesenheit des zu Begutachtenden völlig indiskutabel sind, abgesehen vom Haderthauer-Tollhaus. Weiterhin ärgerliche Ungenauigkeiten bei der SPIEGEL-Berichterstattung: so im eingeschobenen Beitrag zum Hauptartikel "Aus dem Ruder gelaufene Großprojekte in Deutschland". Dort wurde zu Stuttgart 21 behauptet: "Der neue Bahnhof [d.h. der Tiefbahnhof] mußte leistungsfähiger sein als der alte Kopfbahnhof" - das ist einfach falsch, insofern der vorgesehene Tiefbahnhof nur eine unter enormem technischem und finanziellem Druck stehende Neben- und Notlösung zugunsten primärer Immobilienflächen und -spekulation ist.

Leider hat die durchaus gekonnte mit ihrem Hang zur Personalisierung und Stilisierung neigende Schreibweise der SPIEGEL-Schreibenden auch das Potential für Verfälschungen und Verschleierungen von Sachlagen. Anläßlich eines email-Wechsels mit einer SPIEGEL-Redakteurin (200. Montagsdemo in Stuttgart) - ich verzichte auf Namensnennung da mittlerweile Diskussionen über journalistische Verfahrensweisen zu einer Art bürgerlichem Intimbereich zu gehören scheinen - wurde mir, auf meine Bemerkung die Projektgegner würden im Effekt etwas eigensinnig-schrullig dargestellt (und das Ganze damit nur Meinungssache) geantwortet es gälte die Joachim-Friedrichsche Devise “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.” Abgesehen von einer gewissen Schrägheit der Antwort habe ich mittlerweile den Eindruck daß diese Friedrichsche Devise genausogut dazu verwendet werden kann - und verwendet wird - um sich nicht auf die Sache einzulassen, um nicht bei der Sache zu sein.

Wie es ja auch zur Berichterstattung über die Sache gehört daß sie präsent gehalten wird. Und darin unterscheidet sich der SPIEGEL, exemplarisch, auch nicht nicht viel mehr vom Rumpelsack-Prinzip anderer Medien (siehe SWR über Stuttgart 21): gerade mal ab und zu etwas "bringen", dann hat man die Pflicht erledigt. Dahinter kann auch Methode stecken.

Über die "Öffentlichkeit" als Aufgabe des Journalismus scheint überhaupt zunehmend Unklarheit bei der schreibenden Zunft zu herrschen. StZ-Journalist Thomas Wüpper schreibt in einem aktuellen durchaus verdienstvollen Artikel (http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sicherheitsrisiko-im-deutschen-schienennetz-ein-unfall-setzt-die-bahn-unter-druck.8b38b74a-df57-499a-9169-a9e0c07ea43b.html) über die zunehmend schlechter werdende Sicherheitslage bei der Deutschen Bahn AG - unter anderem: "Doch wie kritisch und riskant die Lage wirklich ist, bleibt bis jetzt der Öffentlichkeit meist verborgen." Anläßlich des Aufhängers (schwerer Unfall Im Bahnhof Düsseldorf-Derendorf im Juli 2013) stellt er fest: "Die Unfallursache blieb zunächst unklar – und nach der Aufklärung erstaunlicherweise bis heute in der Öffentlichkeit fast unbeachtet". - Nun: wie kann die Öffentlichkeit etwas beachten was journalistisch überhaupt nicht weiter verfolgt und dargestellt wird? Das Gleiche gilt für die Todesfälle bei Oberleitungsarbeiten am Netz der Bahn AG, mit Unterdrückungstendenz von Seiten der Bahn AG: es gab nur eintägige Berichte, dann folgte nichts mehr. Würde sich besorgter Bürger an die Bahn AG wenden würde er abgewimmelt oder von der security vor die Türe gesetzt. Werden von kritischen Bürgern Fragen zum Brandschutz im Tiefbahnhof gestellt werden sie, wie vor ungefähr drei Jahren, von der Bahn AG frech mit der Antwort abgespeist, der Brandrauch würde durch die Tunnelröhren abziehen.

Journalisten und Redakteuren beiderlei Geschlechts scheint es nicht klar zu sein daß es ihre /ureigene/ Aufgabe ist Öffentlichkeit zu wecken, zu initiieren, zu gewährleisten in einem Umfeld in welchem im politischen, Behörden- und Wirtschaftsbereich (zunehmend zusammenwachsend) die Informationen und die Wahrheit mit rasender Tendenz Macht- und Geldinteressen zum Opfer fallen. Da ist die Frage des Journalisten "Wieso fehlt das öffentliche Interesse" schon etwas unbedarft - und man muß sich zuletzt auf Initiativen von Projektgegnern (Herr Abmayr) stützen. - Wieso muß die Journalistenzunft zum Jagen getragen werden? Wieso die Wohlfühlinterviews im SPIEGEL (Grube, Ingenhoven)?

Der aktuelle SPIEGEL-Titel (NS-Aufarbeitung) scheint demhingegen fast schon eine Abbitte gegenüber den vorausgegangenen krassen Fehltritten zu sein. Auf Seite 12 ein Artikel über die mangelnde Zukunftsvorsorge der Politik, dann eine Auseinandersetzung Hern Kurbjuweits mit Frau Merkels Regierungsstil, weiter hinten ein Artikel über die voraussichtlichen sozialen Folgen der Digitalisierung.

Allein, auch hier ist wieder eine gewisse Einäugigkeit zu bemerken. Hartz IV hat, so wird suggeriert, das Land fit für die Zukunft gemacht. Daß mit Hartz IV auch eine soziale Zeitbombe gelegt wurde wird nicht gebührend thematisiert und daß die reklamierte Fitness nur unter bestimmten Bedingungen gelten kann. Im übrigen wird davon geredet daß "die Regierung" keinen Plan für die Zukunft hat. Aber bei der Opposition, und das ist hauptsächlich auch die yuppie-Partei der Grünen, verhält es es doch nichts anders. Herr Kretschmann nimmt sich Frau Merkel zum Vorbild (auch er glaubt "auf Sicht fahren" zu können und zu dürfen). Insofern ist der Merkelsche Stil kein Einzelphänomen, und es wäre Zeit sich auch einmal die Grünen gehörig zur Brust zu nehmen. Grüne, welche vor allem laut A sagen und dann das B nicht tun wollen, mit pretty-pretty-kita den Masterplan zu haben scheinen und sich z.B. nicht um die Altersversorgung kümmern. Man kann ja gerne mit Sprachmanipulationen (Studierendenwerke...) Leuten die altersmäßig noch Hauen und Stechen können auf noch weitere Sprünge helfen, wie aber steht es mit der Versorgung im Alter?: hierzulande ist kein Geld da für eine geriatrische Reha-Klinik und andere älteren Leuten zugutekommmenden Maßnahmen werden zusammengestrichen. Aus den Krankenhäusern werden alte Leute wundgelegen entlassen (und das Faktum dann den Angehörigen in die Schuhe geschoben bzw. aufgelastet) - gnade dem alten Kranken der hierzulande keine Angehörigen hat die ggfs. die notwendigen Mittel erkämpfen.

Insofern hat die Kanzlerin mit ihrer von Kurbjuweit im SPIEGEL beanstandeten Politikabwicklungspolitik und Wirtschafts- und Bankenmonopolisierung kein Alleinstellungsmerkmal. Die Krawatte des sprachregelnden Grünen ist, mit mehr Intentionalität wahrscheinlich versehen als Kaffeesatz, Programm: im Tenor wie aus Schlafanzugmaterialdesign hergestellt, mit mintgrünen Streifen wie Baldrianpillenüberzug, braune Scholligkeit, weißgeblutete Zone der Wirtschaftsfreundlichkeit. Das Ganze schräg: nicht "on the level". Nicht so verschieden vom vorherrschenden Journalismus.

hans, 29.08.2014 11:36
Es gibt sehr gute Alternativen zum Spiegel. Ich habe z.B. kürzlich das Magazin "Hintergrund" entdeckt, das seinem Namen bei der Beleuchtung der Ukraine-Krise aus unterschiedlichen Blickwinkeln alle Ehre macht. Kritisch ggü dem Westen, aber auch ggü Putins Russland (wozu es, gerade aus linker Perspektive, eben auch allen Grund gibt), mit Beiträgen von russ und ukr Regierungskritikern, dabei weitgehend leidenschaftslos im Tonfall und eben nicht so unsäglich hetzerisch. Darin z.B. auch der jW überlegen, die aus unerfindlichen Gründen dem Zarenverehrer in Moskau die Stange halten. Auch weitgehend frei von marxistischer Leerformel-Rhetorik, die glaubt, sie habe Entwicklungen erschöpfend erklärt, wenn sie sie mit den richtigen Etiketten behängt hat. Außerdem: Viel Text und keinerlei Werbung, dadurch völlig Konzern-unabhängig. Hoffentlich etablieren die sich und müssen den Laden nicht bald wieder zu machen.
Auch die NDS informieren immer gut und klug.

Jan, 28.08.2014 20:57
ups...

ich meinte politische Entwicklung, nicht Ausbildung....

Jan, 28.08.2014 20:39
Gehört der Spiegel nicht seit bald zwei Jahrzehnten zum Bertelsmann-Imperium???
Wen wunderts wohin die Entwicklung in Sachen politische Ausbildung da geht.

Apropos, ist Islamkritik nun eigentlich grundsätzlich verboten, möge der Kritiker noch so neutral und seine Kritik sachlich wie nur möglich?

thomas th, 28.08.2014 19:58
an invinoveritas: Also, die Schale ist schlecht, der Inhalt Murks, hier und da macht einer der Redakteure trotzdem Top-Arbeit. Aber warum in diesem System? Und warum soll ich so viel Schlechtes durchforsten und immer kritisch überprüfen? Das ist mir auf DAuer zu anstrengend. Wie kann man sich gegen die ganzen Lügen denn wehren, außer das Blatt nicht zu lesen? Da ist es doch besser, die Pressemitteilungen des World Economic Forum zu konsumieren, geht es einem auch nicht besser danach, aber man weiß wenigstens eindeutig, wem sie nutzen und wem nicht.

Für mich rechtfertigt allein schon das ganze neoliberale Gewäsch die Abstinenz. Das ist mir echt zu anstrengend, immer abzuwägen, was stimmt, was nicht, welche Intention haben der Autor und seine Partner in / außerhalb der Redaktion.

invinoveritas, 28.08.2014 17:02
Der pseudolinke Einheitsbrei, den die SPIEGEL-Verächter hier auftischen, ist so wenig appetitanregend wie der neoliberale.
Ja, der SPIEGEL ist aufs Große und Ganze gesehen um einiges schlechter geworden im Laufe der Jahre: zu oft zu wenig Substanz und Niveau, zu oft auch journalistisch-handwerklich daneben, zu oft gar keine Haltung mehr oder eine jedenfalls aus meiner Sicht falsche, zu oft elitäres Gehabe und etliches andere Kritikwürdige.
Das ist das eine. Und das andere ist, dass sich trotzdem die Lektüre in der Regel noch immer lohnt. Wie so oft, verbieten sich nämlich auch im Falle eines Wochenmagazins von über 150 Seiten und ca. 50 behandelten Themen pro Ausgabe allzu generalisierende Ausagen.
Die schnöde Wirklichkeit ist nun mal die, dass gleich hinter dem Artikel eines wahlweise eitlen, denkfaulen, grandios opportunistischen Papageienschreibers, der den Ruf des ganzen Organs als Lobbyistennutte endgültig bestätigt, dieses Lügenblatt - allerdings wohl nur zu Verschleierungszwecken - womöglich etwas ganz anderes bringt: eine tatsächlich grandiose Reportage aus dem Irak etwa, eine gut informierte Geschichte über Berliner Innereien, einen bedenkenswerten Essay.
Was man natürlich nur dann mitkriegt, wenn der Ekel vor Bild am Montag noch nicht so groß ist, dass man diesen Mist nicht mal mehr anfassen mag. Dem könnte man aber entgehen, wenn man im Internet SPON konsumierte; das aber wiederum ist Stürmer-online.

Dies eine kleine Sammlung markanter Vokabeln, mit denen die SPIEGEL-Verächter im Chorgesang ein trotz allem noch immer weltweit anerkanntes Hamburger Nachrichtenmagazin charakterisieren wollten. Charakterisiert haben sie sich allerdings vor allem selbst: als intolerante Sektierer, die Andersdenkende und deren vermeintliche oder tatsächliche Fehlleistungen unbarmherzig niedermachen und ihre maßlosen Beschimpfungen dann auch noch als "Analyse" ausgeben. Verehrte Freundinnen und Freunde, der Gedanke, wichtige Medien hierzulande könnten einmal aus solchem Geiste gemacht werden, lässt einen frieren.

elektrisch, 28.08.2014 16:46
manche schreiben artikel, manche demonstrieren, beides ist wichtig ! https://www.youtube.com/watch?v=PYNCbjQvqrM

Hermann-Josef Wöhlert, 28.08.2014 13:20
Der Artikel trifft zu fast 100% zu.
Ich war bist vor ca. 20 Jahren treuer Spiegelleser. Seit dieser Zeit habe ich den Spiegel noch sporadisch gekauft. Leider fiel mir in den letzen Jahren immer mehr auf dass der Spiegel vom Neoliberalem Gedankengut erfasst wurde. Doch was da jetzt auf Spiegel Online geschrieben wird ist Journalismus der untersten Schublade. Am besten sind die Leserkommentare. Sehr oft wurden kritische Kommentare von mir gar nicht erst veröffentlicht. Schon alleine das ein ehemaliger Bildredakteur dort mitmischt ist entsetzlich. Der verbliebene Herr Augstein kommt mir wie ein armer Schulbub vor der keine eigene Meinung haben darf. Ich trauere also nicht wenn das Lügenblatt verschwindet.

Hartmut Braun, 28.08.2014 13:04
Auch bei mir ist es viele viele Jahre her, seit ich mir den letzten "Spiegel" gekauft habe. Ich bin zwar - NOCH - recht aktiv im SpOn-Forum, aber leider geht auch mir langsam die Lust aus, gegen die Nachbeter neoliberaler Heilsphrasen anzuschreiben, zumal die Zensur, Beiträge nicht durchzulassen, gerade in den Threads zur Ukraine-Krise das tolerierbare Maß überschritten hat. Sollen sie sich doch mit ihrem Hurra-Patriotismus gegenseitig auf die Schultern klopfen. Mir reicht's jetzt so langsam.

Barbara Jencik, 28.08.2014 11:51
Das mit dem Spiegel, der ja auch nur stellvertretend für fast den gesamten Journalismus steht, ist aber nicht neu. Diese merkwürdige Art des Schreibens, alles hört sich gleich an, ist wie ein schlechtes Essen, man isst es, aber hinterher ist einem schlecht oder man ist unbefriedigt. Ich meine, dass der Spiegel schon mindestens seit 20 Jahren so schlecht ist, nur bisher hat sich niemand getraut, es öffentlich zu sagen. Ich finde es bedauerlich, dass der deutsche Journalismus und vermutlich nicht nur der, allmählich den Gang aller Warenproduktionen nimmt, nämlich ein Einheitsbrei zu werden, der allmählich verschwinden wird und damit sind wir dann bei 1984, nur noch viel schlimmer. Leider fand ich den Artikel von J.B. doch etwas zu hämisch, denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass auch Journalisten von ihrer Arbeit leben müssen, irgendwie. Ich möchte heute kein Journalist sein, dann lieber Currywurst verkaufen.

Franziska Bremer, 28.08.2014 11:47
DANKE, Jens Berger...!!!
Scharfsinnig, scharfzüngig und auf den Punkt gebracht wurde hier die seit vielen Jahren desolate journalistische Leistung des "SPIEGEL".
Auf Spiegel-Online lese ich mit Vorliebe die Kommentare der Leser zu den Artikeln - meist ist dort großer Widerspruch zu den Ausführungen der Autoren zu lesen. Das macht Hoffnung...

ri925, 28.08.2014 11:03
Hervorragender Artikel von Jens Berger. Perfekte Analyse dieser "Bild am Montag". Dieses neoliberale Gewäsch ist schlichtweg unerträglich. Ich kann mich noch gut an die Spiegel Affäre erinnern.
Da sind noch Journalisten für ihre Überzeugung in den Knast gegangen. Das kann man von den heutigen Warmduscher Journalisten des Spiegels nicht mehr erwarten.

Andreas Hoberg, 28.08.2014 10:57
SPIEGEL, eine Wichsvorlage für neoliberale Schwachmatten und Büroangestellte, die sich für fortschrittlich halten, weil sie in Jeans zur Arbeit trampeln.

Und der Niedergang hat mit Aust angefangen, die Bildzeitungblödis, die da jetzt rumhantieren, sind nur die notwendige Konsequenz...das ständige Rotieren in den SPIEGEL Gräbern von Augstein und CO macht mir schon Angst.

t.h.wolff, 28.08.2014 10:53
Nach dem "Stoppt Putin jetzt"-Cover habe ich erstmalig bedauert, daß man ein Abo nur einmal kündigen kann.

FriedW, 28.08.2014 10:12
Dirk Kurbjuweit vom Spiegel hat – in völliger Verkennung der Lage und der Fakten – die Stuttgart21-Gegner als Wutbürger diffamiert. Dutzende Journalisten, die ebenfalls weder intellektuell noch fachlich in der Lage waren, S21 zu beurteilen, haben den Begriff gedankenlos übernommen. Schlagwort-Pseudojournalismus allerorten, Fakten interessieren nicht. Schon gar nicht, wenn sie nicht in das oberflächliche Weltbild arroganter Journalisten passen, die sich meilenweit entfernt von ihren Lesern bewegen und die schnelle Schlagzeile suchen. Der neoliberale Verfall des Spiegel hat früher eingesetzt als bei anderen Medien. Der Spiegel als Lobbyistennutte und Sandkasten für vorurteilsbeladene, schadenfreudige Leicht-Journalisten hat keinen Wert mehr. Geh sterben!

Kassandra72, 28.08.2014 10:08
Ich kann Herrn Berger da nur aus vollstem Herzen zustimmen. Das (kaum noch vorhandene) Niveau des "Spiegels" ist schon fast ins Bodenlose abgesunken und ich verkneife mir schon seit längerem das Lesen der Online-Version, weil mir von der neoliberalen Propaganda, die dort nur noch verkündet wird, schlicht und ergreifend schlecht wird.

Aber okay, was kann man auch schon anderes erwarten, wenn ein ehemaliger Chefredakteur der BILD-Zeitung dort jetzt das Ruder überimmt. Insofern kann man den Spiegel auch gleich in "SPIEGEL-BILD" oder "BILD-SPIEGEL" umtaufen.

Torsten Williamson-Fuchs, 28.08.2014 10:05
Ich lese lieber solche Artikel + SpiO, um mich zu informieren. Die von Unkenntnis (z. B. der Brothers Keepers) getriebene Polemik gegen Xavier Naidoo hat meine Entscheidung für die Currywurst beflügelt.
PS: Vermutlich hat die Redaktion beschlossen, weil alle über die blonde Schlagertrulla spotten, nehmen wir uns den Sohn Mannheims vor, denn damit rechnet niemand.

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