KONTEXT Extra:
Satte 1,5 Prozent mehr für das schreibende Personal

Die JournalistInnen sitzen wieder an ihren Schreibtischen. Am Mittwoch (29. Juni) haben sich die Zeitungsverleger und die Gewerkschaften auf einen Abschluss geeinigt, der eine Gehalts- und Honorarerhöhung von 1, 5 Prozent rückwirkend zum 1. Juni vorsieht. Den nächsten Aufschlag um 1,6 Prozent soll es zum 1. August 2017 geben. Damit habe man einen „vertretbaren Abschluss“ erreicht, meinte der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke. Dieses Ergebnis habe man nur dank der Streiks der KollegInnen in den vergangenen Tagen erreichen können, wodurch der Druck auf die Verleger erhöht worden sei. In der Öffentlichkeit war der Ausstand weitgehend unbemerkt geblieben, nachdem sich auch die Zeitungen große Zurückhaltung bei der Berichterstattung auferlegt haben. (30.6.2016)  


Bürgerfoyer "Zeitungen unter Druck" heute Abend abgesagt

Da kam der Journalisten-Streik dazwischen: Die Stuttgarter Volkshochschule hat das für heute geplante Podium mit Michael Maurer (Stuttgarter Zeitung), Susanne Stiefel (Kontext) und David Rau (Stuggi.TV) abgesagt. Viele KollegInnen - auch der Stuttgarter Blätter - streiken derzeit für mehr Lohn. Der Vize-Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung kann daher heute Abend nicht diskutieren, sondern muss produzieren. Und auch die Gewerkschaftsvertretet haben abgesagt. Schweren Herzens hat sich die Stuttgarter vhs dazu entschlossen, das für heute geplante Bürgerfoyer abzusagen - aber nicht zu vergessen. "Die  Medienlandschaft Stuttgart ist uns wichtig", betont Ulrike Rinnert, Stabstelle Beteiligung, "wir wollen das Thema im Herbst wieder im Bürgerfoyer aufgreifen." (29.6. 2016)


Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


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Brandstifter: Tino Brandt (dritter von rechts, mit Brille) bei einem Nazi-Aufmasch in Worms. Foto: Susanne F. Bauer

Brandstifter: Tino Brandt (dritter von rechts, mit Brille) bei einem Nazi-Aufmasch in Worms. Foto: Susanne F. Bauer

Ausgabe 171
Politik

Staatlich finanzierter Neonazi und Kinderschänder

Von Anton Maegerle
Datum: 09.07.2014
Ein ganz spezieller Vertreter der Neonaziszene soll in der kommenden Woche im Prozess gegen Beate Zschäpe vor dem Münchner Oberlandesgericht aussagen. Tino Brandt arbeitete jahrelang als gut dotierter V-Mann des Verfassungschutzes und zugleich als Zuhälter in der Kinder-Sex-Szene.

Am 15. Juli soll der ehemalige thüringische Neonaziführer und NPD-Spitzenfunktionär Tino Brandt als Zeuge beim NSU-Prozess in München aussagen. Brandt (Jahrgang 1975) war in den 90er-Jahren und um die Jahrtausendwende die Schlüsselfigur des Thüringischen Heimatschutzes (THS), aus dem der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hervorging. Zeitgleich stand der Hardcore-Neonazi als V-Mann in Diensten des aufgrund seiner zahlreichen Skandale berüchtigten Thüringischen Landesamts für Verfassungsschutz (TLfV). Im Auftrag des Inlandsgeheimdiensts suchte der Spitzel Kontakt zu dem seit Ende Januar 1998 flüchtigen Jenaer NSU-"Trio". Seit Ende Juni sitzt Brandt in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, einen minderjährigen Knaben sexuell missbraucht und später an Freier vermittelt zu haben. 

Die Staatsanwaltschaft in Gera ermittelt gegen den Rudolstädter Brandt wegen des Verdachts der Zuhälterei und sexuellen Missbrauchs. Er soll seit 2011 männliche Jugendliche und Heranwachsende an Freier vermittelt, entsprechende Wohnungen angemietet und bis zu 60 Prozent des Freierlohns kassiert haben. Insidern ist seit Jahren bekannt, dass Brandt einer lustvollen Betätigung nachging. Er betrieb zeitweilig seit mindestens 2004 Internet-"Erotikangebote" mit "exklusiven Gay-Content" wie www.nackte-knaben.de. Gegen Geld konnten homosexuelle Sexhungrige kostenpflichtige Bilder und Videos herunterladen. Der Anfangsverdacht der Zuhälterei ergab sich aus einem Verfahren wegen bandenmäßigen Versicherungsbetrugs mit einem Schaden von mehr als einer Million Euro, an dem Brandt laut Staatsanwaltschaft beteiligt gewesen sein soll. Der Brandstifter und Szene-Vernetzer Brandt war Kopf der Anti-Antifa Ostthüringen, die von 1997 bis 2002 unter dem Namen Thüringer Heimatschutz (THS) auftrat.

In den Reihen des THS, eines Sammelbeckens der Neonaziszene des Freistaates und Nordbayerns, tummelten sich bis zu 170 Mitglieder. Die Neonazitruppe betrieb ideologische Schulung, spähte systematisch Andersdenkende aus, erstellte Hasslisten, schüchterte und prügelte auf politische Gegner ein. Bei einer Durchsuchung des THS-Zentrums in Heilsberg bei Saalfeld am 11. Oktober 1997 entdeckten die Ermittler das bis dahin größte rechtsextreme Waffenlager Thüringens.

Decknamen "Otto" und "Oskar"

Als 19-Jähriger wurde der Hardcore-Neonazi 1994 vom TLfV unter seinem damaligen Behördenchef Helmut Roewer als V-Mann (Nr. 2045 bzw. 2150) verpflichtet. Brandts Decknamen waren "Otto" und "Oskar". 2001 flog Brandts V-Mann-Tätigkeit auf. Für seinen Spitzeldienst hat Brandt im Laufe der Jahre ein Spitzensalär in Höhe von circa 100.000 Euro kassiert. Fahrkosten, Auslagen und technische Geräte wie Telefon, Fax, Computer, Modem und Handy wurden vom Amt zusätzlich erstattet. Über die Höhe des staatlichen Spitzelhonorars an Brandt zeigte sich Uwe Kranz, einst Leiter des Landeskriminalamts Thüringen, in seiner Zeugenaussage im Februar 2013 vor dem Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss geschockt. Brandt habe ihm mit dem Aufbau des THS viel Arbeit bereitet: "Ich fasse es nicht. Ich darf gar nicht darüber nachdenken."

Die Steuergelder will der braune Lebemann größtenteils in Neonazi-Strukturen gesteckt haben. Auch wenn diese Schutzbehauptung kritisch zu hinterfragen ist, gilt als sicher, dass Brandt Gelder in die braune Bewegung hat fließen lassen.

Spätestens seit Anfang 1995 waren die späteren Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in THS-Zusammenhängen aktiv, besuchten Kameradschaftsabende und nahmen an von Brandt mit organisierten Demonstrationen teil. 

Der THS war von V-Leuten des Verfassungsschutzes regelrecht durchsetzt. Neben Brandt schnüffelten circa 40 Informanten, teils aus unterschiedlichen Bundesländern, die sich gegenseitig bespitzelten. In den Reihen des THS tummelte sich auch der Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben. Wohlleben, einer der Angeklagten beim Münchner NSU-Prozess, gilt als mutmaßlicher Waffenbeschaffer der Rechtsterroristen. Der THS mit seinem V-Mann Brandt bereitete mit den Boden, auf dem der Rechtsterrorismus des NSU gedieh. Am 25. Verhandlungstag im Juli 2013 sagte ein Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) beim NSU-Prozess aus, Brandt habe zwischen 1996 und 1998 Strategiedebatten mit dem "Trio", Wohlleben und dem Jenaer Neonazi Andre Kapke erörtert – und sich auch für Waffengewalt zum Durchsetzen von Zielen ausgesprochen. "Wir gingen davon aus, dass Tino Brandt aufseiten der Gewalt war", sagte der BKA-Mann. Am 21. Februar 2014 kam durch einen verlesenen Aktenteil des NSU-Untersuchungsausschusses in Thüringen ans Licht, dass Brandt gewalttätige Neonazi-Straftäter mittels Schulungen instruiert hatte, nicht zur Polizei zu gehen beziehungsweise Aussagen zu verweigern.

Vom Verfassungsschutz instruiert

Seinen politischen Werdegang startete Brandt unter anderem im Umfeld der Neonazi-Gruppierung Nationaler Block (NB). Unter dem Pseudonym "Till Eulenspiegel" agierte Brandt als Vielschreiber des Neonazi-Mailbox-Verbunds Thule-Netz, das vom Frühjahr 1993 bis zum Sommer 1999 existierte. Im Thule-Netz, das zur Radikalisierung und Ideologisierung der Neonaziszene beitrug, wurden Namen und Adressen von politischen Gegnern und Journalisten veröffentlicht, zur Gewalt gegen diese aufgerufen und Hassaktionen koordiniert. Reiner Bode, einer der V-Mann-Führer von Brandt, führte in seiner Zeugenvernehmung am 1. April 2014 beim NSU-Prozess aus, dass Brandt vom TLfV instruiert worden sei, am Thule-Netz teilzunehmen.

Nach seinem beruflich bedingten Umzug 1996 nach Bayern initiierte Brandt die Gründung des Fränkischen Heimatschutzes als Pendant zum THS. Über Jahre hinweg arbeitete er als kaufmännischer Angestellter beim rechtsextremen Verlag Nation Europa im fränkischen Coburg, 80 Kilometer von Rudolstadt entfernt.

Vor dem bayerischen NSU-Untersuchungsausschuss sagte der Zeuge KHK Manfred Kellner am 22. Januar 2013 aus, dass die oberfränkische Neonaziszene nach dem Zuzug von Brandt "auffälliger" geworden sei. Die bayerischen Verfassungsschützer waren über den Zuzug des umtriebigen Brandt nicht erfreut. Gerhard Forster, vormals Präsident des LfV Bayern, führte vor dem Untersuchungsausschuss aus, dass er deshalb mit seinem thüringischen Kollegen Roewer ein Gespräch geführt habe, mit dem Inhalt, dass Brandt seine Aktivitäten in Bayern einstellen soll. Daraufhin, so Forster, habe dieser seine Aktivitäten reduziert beziehungsweise wieder nach Thüringen verlagert.

Schießübungen in Thüringen

Graue Eminenz bei Nation Europa war der altgediente Rechtsextremist Peter Dehoust, ein Urgestein der politischen Nachkriegsrechten. Unter seiner Führung war die gleichnamige Postille "Nation & Europa", die älteste Zeitschrift des deutschen Rechtsextremismus, zum bundesweit führenden Ideologie- und Strategieorgan der rechtsextremen Szene ausgebaut worden. Auf Bitte von Brandt kaufte Dehoust Mitte Juli 1996 ein 2180 Quadratmeter großes Grundstück im thüringischen Kahla. Auf dem Gelände führten Neonazis Schießübungen durch. Zeugen identifizierten auf Fotos unter anderem Brandt und Böhnhardt.

Obwohl Brandt nicht nachrichtenehrlich war, war er dennoch die Top-Quelle des Freistaates in der Neonaziszene. Die meisten der 47 Quellenmitteilungen, die das TLFV zwischen Februar 1998 und Dezember 2001 zu den flüchtigen Neonazis erhielt, stammen von Brandt. Schon frühzeitig gab er den Verfassungsschützern Informationen zum mutmaßlichen Aufenthalt des "Trios" im sächsischen Chemnitz.

Doch trotz dieser Informationen und der Tatsache, dass der NSU förmlich von V-Leuten umstellt war, konnten die Rechtsterroristen jahrelang quer durch die Bundesrepublik Morde und Banküberfälle begehen. Mit Wissen des Verfassungsschutzes organisierte Brandt Spendensammlungen bei Konzerten und reichte die Einnahmen an Kapke und Wohlleben weiter. Er erteilte im Auftrag des TLfV Andre Kapke den Auftrag, falsche Pässe für das "Trio" zu besorgen. Das Geld, 1000 Euro, kam vom Verfassungsschutz. Geld aus der Kasse des Inlandsgeheimdiensts floss auch für das vom "Trio" in Anlehnung an das populäre Spiel Monopoly selbst hergestellte antisemitische Brettspiel Pogromly. Die Anspielung auf die Reichspogromnacht kostete 50 Euro. Brandt besorgte im Auftrag des TLfV mehrere Exemplare. Die Spielidee des menschenverachtenden Pogromly, deutsche Städte "judenfrei" zu machen, dokumentiert schon frühzeitig die Vernichtungsfantasien von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Nach der Flucht des "Trios" diente der Verkauf von Pogromly als eine der ersten Einkommensquellen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Einer der Käufer von Pogromly war der international bekannte britische Holocaust-Leugner David Irving.

35 Ermittlungsverfahren eingestellt

Gegen Brandt wurden 35 Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen schweren Landfriedensbruch, Volksverhetzung und Körperverletzung, eingeleitet. Brandt "war im Zeitraum seiner nachrichtendienstlichen Führung an einer Vielzahl von als verfassungsfeindlich geltenden Aktionen beteiligt", gestand das Thüringische Innenministerium im März 2012 in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zu dem V-Mann ein. Trotz der hohen Zahl an Ermittlungsverfahren gegen Brandt kam es jedoch nie zu einer rechtskräftigen Verurteilung des Neonazis und V-Mannes.

Brandt wurde am 12. Mai 2001 in einem Artikel der "Thüringer Allgemeinen" als V-Mann geoutet. Nach seiner Enttarnung trat er als stellvertretender Landesvorsitzender der Thüringer NPD zurück und verschwand wie auch der THS, der nun ohne treibenden Motor war, von der politischen Bühne. Brandts Enttarnung wurde 2001 in Thüringen zum Politikum. Der damalige Innenminister Christian Köckert (CDU) lud zu einer Pressekonferenz und bemühte sich um Schadensbegrenzung: "Die Vermutung, ob mit Geld des Verfassungsschutzes die Thüringer NPD oder die Kameradschaften aufgebaut worden sind, das kann ich so nicht unterstützen und dem nicht nachgehen. Aber es ist genau der Punkt, auf den ich hingewiesen habe, weshalb es schädlich ist, solche Spitzenleute zu nehmen, bei dem fragt man nämlich, was hat er mit dem Geld gemacht."

Für bundesweite Schlagzeilen sorgte Brandt erstmals wieder im März 2012. Bei einer Hausdurchsuchung bei Brandt war die Polizei auf Hinweise gestoßen, dass dieser von 2004 bis 2008 Besitzer einer Doppelhaushälfte in Hardthausen am Kocher (Kreis Heilbronn) war. Während dieser Zeit war im April 2007 in Heilbronn die Polizeibeamtin Michele Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin A. von NSU-Terroristen schwer verletzt worden. Behördenangaben zufolge hat Brandt mit dem Kauf dem in finanzielle Nöte geratenen Freund Herwig L. helfen wollen. L. lebte eine Zeit lang in Ostthüringen.

 

Anton Maegerle ist ein ausgewiesener Kenner der rechten Szene und im Besitz des größten Privatarchivs zum Thema Rechtsextremismus.  Der Journalist und Autor veröffentlicht seine Artikel, Sachbücher und Fernsehsendungen unter Pseudonym, da er wegen seiner beruflichen Tätigkeit mit Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen von Neonazis ausgesetzt ist. Derzeit untersucht Maegerle das System der V-Leute der Verfassungsschutzämter im Zusammenhang mit den NSU-Morden. Sein Buch "Der Verfassungsschutz und die Neonazis" wird im September 2014 im Beck Verlag erscheinen.


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Kommentare

Rolf Steiner, 11.07.2014 17:55
Vergessen wir nicht, dass dieser "Kinderschänder" Tino B. auch zu den Referenten gehörte, die die Nazi-Vereinigung "Gesellschaft für freie Publizistik" (GfP) einlud. Deren Geschäftsstelle ist in Oberboihingen. Ob dieser Nazi-Club nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe diesen Brandt wiederum einlädt, darf bezweifelt werden. Toll, was die rechten Saubermänner/-frauen alles auf der "Pfanne" haben.

Tillupp, 10.07.2014 09:16
Das war von 1982- 1998 Gedankengut der CDU. Ein Kohl, der Schwarzgelder besitzt um seinen Wahlkampf zu finanzieren hatte vielleicht noch mehr davon um langfristige Ziele zu verfolgen. Vielleicht kamen seine Gelder ja auch von einem sogenannten Verfassungsschutz, anderen Nationalisten oder adligen Junkerverbänden am rechten Rand. Gesagt hat er es ja nie, was auf Schwarzgeld aus zwielichtige Kanäle schließen lässt. Die Generation Kohl war in ihrer Jugend geprägt von der HJ, und nicht jeder konnte sich von der damals gesetzten Saat frei machen. Kohl wollte die Zahl der Türken halbieren http://www.merkur-online.de/aktuelles/politik/altkanzler-helmut-kohl-steht-aeusserungen-ueber-tuerken-zr-3038339.html
. Wie wollte er das denn machen? Und wie war plan B nachdem er es bis 1998 politisch nicht geschafft hat. Zufall oder nicht. 1998 haben die Verfassungsschützer jedenfalls verstärkt rechtsextreme Strukturen, im von Kohl's CDU, jugendpolitisch verwahrlosten Brachland "Beitrittsgebiet", finanziell, materiell und logistisch unterstützt. Hony soit qui mal y pense.

FernDerHeimat, 09.07.2014 07:52
Die Abschaffung der Schnüfflerbehörden ist die einzige richtige Konsequenz aus diesem Prozess.

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@ Fritz 1) wg. Pilger - dass der 3. Weltkrieg bevorstehe, und dass es starke Hinweise darauf gebe, z. B. in Form von Nato-Truppenbewegungen im Rahmen von Manövern. Nun ja. Was den kontext-Artikel insgesamt betrifft: Die komplexen...

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Lieber Herr Stephan Nordstadt, hier haben sich einem alten und gern gebrauchten Vorurteil bedient. Nein der Gemeinderat will sich "KEIN" Denkmal setzen! Das Projekt Remstalgartenschau wurde in Arbeitsgruppen "mit" der Bevölkerung...

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Danke Kontext dafür, dass diese Eiterbeule der Sozialdemokratie mal wieder angestochen wird. Da gäbe es noch ein paar Kleinigkeiten zu berichten. Z.B. dass Herr Schmiedel es nicht nötig hatte, seine Steuererklärungen rechtzeitig, also...

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