KONTEXT Extra:
Kretschmann Schirmherr für 199 kleine Helden

Ihr Dokumentarfilm hat bei drei Kinderfilmfestivals Preise abgeräumt, zuletzt in Chicago. Klar, dass sich die Regisseurin Sigrid Klausmann über diese Auszeichnungen freut. Seit Jahren begleitet die Stuttgarterin für ihr Filmprojekt "199 kleine Helden" Kinder weltweit auf ihrem Schulweg. Sie redet mit ihnen über ihre Ängste und Wünsche und darüber, wie sich die kleinen Protagonisten die Zukunft vorstellen. Daraus hat Klausmann den preisgekrönten Dokumentarfilm "Nicht ohne uns!" gemacht. Bereits diesen Sonntag (4.12.) wird er im Stuttgarter Metropol Kino gezeigt (16 Uhr), der offizielle Kinostart ist am 19. Januar.

Dass Stuttgart so früh dran ist, liegt mit daran, dass der Stuttgarter OB Fritz Kuhn die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. Zusammen mit der Schauspielerin Senta Berger, die sich nun allerdings altersbedingt zurückzieht. Demnächst werden Sigrid Klausmann und ihre kleinen Helden neue Schirmeltern bekommen: Winfried Kretschmann und Hannelore Kraft, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beide Länder unterstützen die kleinen Helden über ihre Landesfilmförderung.

Die Stuttgarter Preview am Sonntag wird ein Familienfest werden. Die Regisseurin Sigrid Klausmann wird ebenso vor Ort sein wie ihr Mann Walter Sittler (Produzent) und die Tochter Lea. Die Musikerin hat den Titelsong zum Film der Mutter komponiert. (2.12.2016)


Im Hajek-Haus soll wieder Feuer brennen

Das Trauerspiel um das Hajek-Haus mag jetzt zumindest die Fraktion SÖS/Linke/Plus nicht mehr mit ansehen. Sie will, per Antrag im Stuttgarter Gemeinderat, dass die Stadt das Kultur-Denkmal "vor dem Verfall" rettet. Wie in Kontext ausführlich berichtet steht die Villa an der Hasenbergsteige 65 seit dem Tod des Bildhauers (2005) leer. Vor fünf Jahren kaufte sie der Möbelfabrikant Markus Benz und ließ sie – Denkmalschutz hin oder her – entkernen. Das wiederum gefiel den behördlichen Denkmalschützern nicht, die sich auf den Gerichtsweg machten, bis heute ohne Ergebnis.

Und seitdem rottet das Haus in bester Halbhöhenlage vor sich hin. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft, Guntrun Müller-Enßlin, vermutet, dass der Möbelmensch auf einen Abriss, und damit eine "verdeckte Immobilienspekulation" hin arbeitet. Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit erinnert an die Tradition des Hauses, in dem auch schon Willy Brandt Rotwein trank. Die Villa sei ein Treffpunkt für Menschen gewesen, die etwas bewegen wollten, und dieses "Feuer muss weiter brennen", sagt sie.(30.11.2016)


Das Geschäft mit Waffen läuft

Heckler & Koch hat einen Großauftrag erhalten und wird französische Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ab 2017 zehn Jahre lang mit 100 000 Sturmgewehren vom Typ HK 416 ausstatten. Es soll um ein Volumen von 300 Millionen Euro gehen. Der Rüstungsauftrag, heißt es in Paris, werde "die soliden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im Verteidigungssektor und besonders in der Rüstungsindustrie" stärken. Die Nachbarn stehen also auf der Liste der sogenannten "grünen Länder", denn – immerhin – nur die sollen weiter beliefert werden.

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass der Oberndorfer Waffenhersteller Neugeschäfte allein mit Staaten abschließen will, die demokratisch und nicht korrupt sind. Nach einer Meldung der Deutsche-Presse-Agentur würden damit Kunden wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien, Indien oder die Türkei wegfallen. Alte Aufträge sollen allerdings abgewickelt werden, gerade auch mit den Saudis. Das Unternehmen wartet aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr unter anderen von Bauteilen für eine Gewehrfabrik.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bei seinem Auftritt kürzlich auf dem Bundesparteitag der Grünen in Münster ausdrücklich die Politik in der Pflicht gesehen: "Wohin wir exportieren, das muss die Politik entscheiden." Zugleich machte er klar, dass es für sein Unternehmen um 3500 von 100 000 Trucks gehe. Appelle, freiwillig auf deren Verkauf zu verzichten, verhallten bisher ungehört. (28.11.2016)


Bahnchef Grube mag Stuttgart 21 nicht mehr

Da rennt der Mann jahrelang rum und erzählt, wie großartig der Tiefbahnhof ist - und jetzt? Jetzt sagt Rüdiger Grube laut "Spiegel": "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht". Nun wird schon spekuliert, ob es vielleicht ein Doppelgänger war, der diesen Satz beim Bundesverband Führungskräfte Deutscher Bahnen gesprochen hat, oder hier ein Fall von Persönlichkeitsspaltung vorliegt? Aber nein, es war der leibhaftige Grube.

Auf die Reaktionen all seiner Freunde darf man gespannt sein. Vorneweg auf jene seiner Chefin Angela Merkel, die mit S 21 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands verband. Oder auf die von Teufel, Oettinger, Mappus, Gönner usw., die stets vor dem Abseits warnten, sollte der unterirdische Bahnhof nicht kommen. Nur der amtierende Ministerpräsident Kretschmann kann heimlich sagen, dass er auch schon immer dagegen war. (25.11.2016)


S 21: Kein neuer Deal mit der Bahn

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart zeigen der Deutschen Bahn die kalte Schulter und wollen die sogenannte Verjährungshemmungsvereinbarung nicht unterzeichnen. Damit versuchte die Bahn eine frühzeitige Entscheidung darüber zu vermeiden, ob sie eine Beteiligung von Stadt, Land und Region an den Mehrkosten des Milliardenprojekts einklagt. Alle Partner sollten einer Verlängerung der Verjährung für mögliche Ansprüche der Bahn auf zusätzliche Gelder für Stuttgart 21 zustimmen. Für die Stadt Stuttgart schlägt die Verwaltung dem Gemeinderat vor, diese Verlängerung abzulehnen. Endgültig entschieden wird am 8. Dezember.

"Die Vertragspartner sind der Auffassung, dass die DB Bauherrin ist und dass die Vertragspartner begrenzte und vor allem freiwillige Zuwendungen gewähren", erläuterte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den mit der Stadt abgestimmten Standpunkt. Man werde sich "grundsätzlich auch gemeinsam gegen die Bahn verteidigen". Das Land sei mit der Stadt und der Region der Ansicht, "dass es ein falsches Signal wäre, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, weil die Vertragspartner die Ansprüche der DB für unbegründet halten".

Hermann erwartet jetzt eine vergleichsweise schnell eingereichte Klage, aber "viel länger hätte die DB ohnehin nicht gewartet". Denn bis zu einem letztinstanzlichen Urteil würden voraussichtlich mehrere Jahre vergehen, nach der Prognose des Minister werden aber "in ungefähr drei Jahren die vertraglichen Finanzierungsbeiträge der Vertragspartner erschöpft sein". Im Finanzierungsvereinbarung zu Stuttgart 21 ist der Kostenrahmen inklusive Risikopuffer auf 4,526 Milliarden Euro begrenzt. Bei weiteren Kostensteigerungen sind, unter Nutzung der Sprechklauseln, Gespräche vorgesehen. Im März 2013 hat der DB-Aufsichtsrat den Finanzierungsrahmen auf 6,526 Milliarden Euro erhöht und zugleich die Projektpartner aufgefordert, über weitere Beiträge zu verhandeln. Das lehnen diese allerdings strikt ab. (24.11.2016)


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Gut besucht: Die Böhsen Onkelz in Hockenheim. Foto: Thomas Kuban

Gut besucht: Die Böhsen Onkelz in Hockenheim. Foto: Thomas Kuban

Ausgabe 169
Überm Kesselrand

Die Enkelz überholen rechts

Von Thomas Kuban
Datum: 25.06.2014
Die Böhsen Onkelz sind wieder da. Vor 200 000 Fans feierten die einstigen Rechts-Rocker auf dem Hockenheimring ihr Comeback. Doch das Skandalquartett hat inzwischen Konkurrenz. Frei.Wild heißen die nationalistischen Musikanten aus Südtirol.

Das Millionengeschäft mit den Böhse Onkelz-Anhängern machen jetzt wieder die Originale: Mit ihren Reunion-Konzerten hat die ehemalige Skinhead-Truppe am 20. und 21. Juni 2014 den Hockenheimring gerockt und insgesamt rund 200 000 Fans zum Toben gebracht. Seit der Auflösung des Quartetts vor neun Jahren hatten unzählige, teils rechtsextreme Cover-Bands die lukrative Lücke gefüllt – sowie die Ersatz-Onkels der Rechtsrock-Gruppe "Frei.Wild". Ab sofort ist der Markt umkämpft. Denn die umjubelte Botschaft von Bass-Onkel Stephan Weidner lautete: "Wir bleiben!"

Diese Nachricht schlug bei Liebhabern vulgären Deutschrocks wie ein Blitz ein: Mit einem gewitterig gestalteten Videoclip meldeten sich die Böhsen Onkelz am 20. Januar 2014 überraschend zurück. Ihre Ansage: "Nichts ist für die Ewigkeit."

Das Unwetter nahm seinen Lauf – zunächst mit einem Sturm auf den Ticket-Verkauf im Internet. Das erste 100 000-Mann-Konzert war binnen einer Stunde ausverkauft, das zweite sogar "in weniger als 40 Minuten", wie die Onkelz mitteilten. Ein Stehplatz-Ticket im Innenraum kostete regulär 66,50 Euro – ein Millionengeschäft. Im Internet-Auktionshaus Ebay wurden die Karten hinterher sogar für das Doppelte und noch mehr gehandelt. 

Bevor der Schlagzeugdonner beim ersten Gig losbrechen konnte, entstand eine Blechlawine: Auf den Autobahnen rund um Hockenheim gab es Staus bis zu 15 KilometernLänge. Der Sternfahrt folgte ein Sternmarsch, vorbei an Autos und Bussen, die mit Onkelz-Parolen beklebt waren. Der teilweise einstündige Fußweg vom Parkplatz zum Ring geriet zu einem Trip in die Vergangenheit. Im Vorbeigehen war ein Großteil der 34-jährigen Onkelz-Geschichte auf den Tour-Shirts der Fans nachzulesen – bis hin zum Abschiedskonzert anno 2005 auf dem Lausitzring. Unter diesen Pilgern lief ein, geschätzt, 65-jähriger Altrocker mit ergrauten langen Haaren und einem Onkelz-Titel auf dem Rücken: "Wir ham noch lange nicht genug."

Aus Punks wurden Skinheads mit rassistischen Songtexten

Geboren sind die Onkelz am 25. 11. 1980 – ausweislich ihrer offiziellen Biografie – als Punk-Band. Die Anti-Haltung der Szene faszinierte sie. Doch aus Punks wurden Skinheads und die Liedbotschaften ausländerfeindlich und nationalistisch. "Türken raus" ist einer der Titel aus jener Tagen: "Türkenpack, Türkenpack, raus aus unserm Land! Geht zurück nach Ankara, denn Ihr macht mich krank! Nadelstreifenanzug, Plastiktütenträger, Altkleidersammler und Bazillenträger!"

Bis heute werden Tonträger, die teilweise inoffiziell bei Auftritten mitgeschnitten worden sind, und Videos aus dieser Zeit bei Nazi-Konzerten und in Nazi-Versänden gehandelt. Zum Beispiel die VHS-Kassette "Bunkerskins live", welche die Böhsen Onkelz bei einem Auftritt am 9. November 1985 "im KdF-Bunker zu Berlin" zeigt. KdF steht für "Kraft durch Froide", eine rechtsextreme Band, die übrigens für den 28. Juni 2014 bei einer "Skinhead-Party" in Nienhagen (Sachsen-Anhalt) angekündigt ist.

Allen Distanzierungen der Onkelz von der rechtsextremen Szene zum Trotz sind ihnen Nazi-Fans treu geblieben. Denn sie wissen die Textbotschaften der angeblich geläuterten Band in ihrem Sinne zu deuten: "Mit scheinheiligen Liedern erobern wir die Welt." Kleine Gesten erhalten die Freundschaft. So haben die Onkelz am 30. Januar 2014 ein aktuelles Bandfoto auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht, auf dem rechts unten eine "88" zu sehen ist. Die 88 steht in der Nazi-Szene, entsprechend der Buchstabenreihenfolge im Alphabet, für "Heil Hitler".

Von daher überraschte es nicht, dass sich am Freitag unzählige Skinheads auf dem Hockenheimring einfanden. Einige outeten sich schon wenige Meter vor der Ticket-Kontrolle, indem sie grölend zum Beispiel "eine U-Bahn bis nach Auschwitz" bauten. 

Drinnen sorgte die Nu-Metal-Band Limp Bizkit aus den USA, die von vielen nur als lästiges Vorprogramm wahr- und hingenommen wurde, vor allem mit ihrem Song "Behind Blue Eyes" für Stimmung. Es gibt Nazis, die den Titel für ein Cover der Szene-Kultband Skrewdriver halten. Deren Sänger Ian Stuart Donaldson gilt als Gründer des internationalen Neonazi-Netzwerks Blood & Honour. Doch schon Skrewdriver coverte diesen Song nur, genauso wie Limp Bizkit, von der Gruppe The Who.

Zum eigentlichen Vorprogramm der Onkelz avancierte anschließend eine Tittenshow im Publikum, die vom Konzertveranstalter auf die Videoleinwände übertragen wurde. Anfangs bedurfte es noch der "Ausziehen"-Rufe des Mobs, immer dann, wenn ein Mädel auf den Schultern eines Begleiters von einer Kamera eingefangen wurde – doch die jungen Frauen zogen alsbald ohne Aufforderung ihre Tops hoch und ihre Brüste blank, was von der Masse lautstark johlend gefeiert wurde.

Schauspieler Ben Becker gibt auf der Bühne den Ansager

Das hatte ein Ende, als der Schauspieler Ben Becker auf dem vorgelagerten Bühnenpodest, inmitten des Publikums, erschien. Mit psalmenartigen Phrasen, einem Mix aus Bibel- und Onkelz-Zitaten, huldigte er den Idolen der Hundertausend, von denen einige im Laufe des Abends sogar auf die Knie fielen. "Sie werden auferstehen und fliegen wie die Engel", kündigte Becker an. "Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke. Und die Erde erbebte und [...] die Gräber taten sich auf. Denn: Nichts ist für die Ewigkeit! Gehasst, verdammt, vergöttert. Aber sie werden bei uns sein, alle Tage, bis an der Welt Ende. Nichts ist für die Ewigkeit!"

Dann kamen die Schein-Heiligen. Ihre "Heiligen Lieder" spielten sie nicht, aber ein Lied über die Kirche: "Ich pisse auf den Papst und seine römische Zentrale, auf den Vatikan und seine Sklaven. Ich glaube nicht an eure Worte, ich bin doch nicht bekloppt. Denn wer keine Angst vorm Teufel hat, braucht auch keinen Gott." 

Überhaupt traten die Onkelz so pubertär auf, als wären sie keine 50, sondern 15: "Wir sind die Faust in deinem Nacken, die Wut in deinem Bauch. [...] Komm mit uns und sei gewiss, dass wir wissen, was wirklich böse ist. Die härteste Firma in der Stadt hat euch etwas mitgebracht: ein dämonisches Gebet. [...] Halten wir fest: Wir sind besser als der Rest."

Die Anti-Haltung – die Onkelz und ihre Fans gegen den Rest der Welt – transportieren die angehenden Senioren immer noch mit Erfolg. Sie sind aufgrund ihres Millionen-Coups in Hockenheim aber auch mit neuen Gegnern konfrontiert, mit Kritik aus den eigenen Reihen. Onkel Stephan sah sich zu folgendem Statement veranlasst: "Wir wollen euch zeigen, dass hier keine Band steht wegen der Juwelen. Wir sind hier, weil unsere Freundschaft tiefer geworden ist."

Onkelz gegen den Rest der Welt. Hier auf der Bühne in Hockenheim. Foto: Thomas Kuban
Onkelz gegen den Rest der Welt. Hier auf der Bühne in Hockenheim. Foto: Thomas Kuban

Mit der unerschütterlichen Selbstherrlichkeit der Gruppe, die sie einst in der Lied-Passage "Wir sind die Onkelz – wer bist du?" ausdrückte, scheint es vorbei zu sein. Auf Kommerz-Vorwürfe hin hätten die bösen Buben früher vermutlich nicht einmal den Mittelfinger gehoben. Einfach, weil es ihnen scheißegal gewesen wäre. In Hockenheim waren sie jedoch angepisst genug, dass Weidner auch beim zweiten Konzert Stellung bezog, wie auf der Video-Plattform "Youtube" im Internet dokumentiert ist: "Es ist uns wichtig, dass ihr begreift, dass ihr versteht, dass wir hier heute Abend nicht der Juwelen wegen sind."

Fakt ist: Die Mühe, wenigstens einen neuen Song für die 200 000 Zuschauer in Rockenheim und die zigtausend Fans beim Public Viewing im Frankfurter Waldstadion zu schreiben, haben sich die Onkelz nicht gemacht. Nicht mal ihren Ausnahme-Hit "Mexico", einst auf die Fußball-Weltmeisterschaft 1986 hin geschrieben, hatten sie auf Brasilien umgetextet. Obwohl das zweite Konzert, am Samstag, ja sogar parallel zum Spiel Deutschland gegen Ghana lief. 

Der Zahn der Zeit hat am Mythos Böhse Onkelz genagt. Wo die Band früher eine Aura umgab, ist partiell nur eine Attitüde übriggeblieben. Ein Beispiel ist der folgende Liedtext, in dem ein CD-Fund im Kinderzimmer beschrieben wird: "Ich seh euch schon im Dreieck springen, eure Eltern hör ich schrein: Lieber Gott – steh uns bei. Das muss die neue Onkelz sein ..." Es stellt sich unwillkürlich die Frage: welche Eltern? Die 40-jährigen "Nichten" und "Neffen" der Onkelz, die ihre CDs auf einmal bei ihren Kindern, also den "Enkelz" wiederfinden?

Wie böhse sind die Onkelz überhaupt noch? Auf Mitglieder der berüchtigten Rocker-Clubs Hells Angels und Gremium MC schienen sie beim Comeback eine geradezu friedensstiftende Wirkung zu entfalten. Die harten Jungs, deren Clubs gewöhnlich miteinander rivalisieren, taten sich nichts. Staub aufgewirbelt wurde in Hockenheim nur, wenn die Meute in der wüstenartig ausgetrockneten Arena Pogo tanzte, sodass kaum noch Luft zum Atmen blieb. Das Ganze lief so vorbildlich ab, dass der Hockenheimer Oberbürgermeister laut einer lokalen Tageszeitung die guhten Jungz sogar eingeladen hat, wiederzukommen.

Nur ihre rechtsradikale Vergangenheit unterscheidet die Band

Was macht den Erfolg der Böhsen Onkelz aus? Außer ihrer rechtsextremen Vergangenheit haben sie nichts, was viele andere prominente Rockbands nicht auch hätten – aber nur den Onkelz ist es gelungen, trotz des Boykotts von Musiksendern und Plattenläden Millionen zu scheffeln. Warum wohl? Als sie in Hockenheim "Wir ham noch lange nicht genug" spielten, flimmerten auch Bilder über die Videowände, auf denen die Musiker in ihren frühen Jahren kahl rasiert zu sehen waren. Ein bisschen erinnerten die Onkelz an die Politiker in der CDU, die mit einer Verschärfung des Asylrechts rechtsreaktionäre AfD-Wähler zurückgewinnen wollen.

 

Politisch einen draufgesetzt: Frei.Wild, hier Philipp Burger. Foto: Thomas Kuban
Politisch einen draufgesetzt: Frei.Wild, hier Philipp Burger. Foto: Thomas Kuban

Im Fall der Onkelz ist die Rechtsrock-Band Frei.Wild aus dem norditalienischen Südtirol der Kontrahent. Deren Mitglieder sind oder waren bekennende Onkelz-Fans. Sie haben wesentliche Teile von Geschichtsschreibung und Gestus der Onkelz kopiert, aber politisch einen draufgesetzt. Während die Onkelz seit Ende der 80er-Jahre auf nationalistische Texte verzichten, hat sich Frei.Wild sogar radikalisiert. In ihren Texten finden sich aggressiver Nationalismus, Hass auf Andersdenkende, völkisches Gedankengut, geschichtsrevisionistische Anspielungen sowie Fragmente von antisemitischen Stereotypen. Und die Band ist damit erfolgreich. Sie hat wiederholt die deutsche Album-Charts angeführt und goldene CDs für jeweils 100 000 verkaufte Exemplare bekommen. 

Matt "Gonzo" Röhr, der Onkelz-Gitarrist, ließ sich mit seinem Soloprojekt sogar vom Frei.Wild-Label Rookies & Kings unter Vertrag nehmen und dazu herab, im Vorprogramm von Frei.Wild aufzutreten. Dort gab er Evergreens der Böhsen Onkelz wie "Mexico" zum Besten.

Anders der Bassist Stephan Weidner: Er rief vor einiger Zeit mit seinem Bandprojekt "Der W." einen "Kampf den Kopien" aus – ein Song, der sich gegen Bands richtet, die er als Onkelz-Plagiate betrachtet: "Was ihr wollt gehört uns! Ihr macht Geld, ihr macht Geld, keine Kunst." In einem Audio-Kommentar, der auf Youtube zu hören ist, erläutert Weidner: "Was ich nicht länger unkommentiert lassen möchte, das ist die Dreistigkeit, mit der die Speerspitze der Plagiate sich mit unseren Federn schmückt, sich echt frech an unseren Songs, Texten, Videos und gar unseren Worten bedient und darüber hinaus fast den Eindruck erweckt, die Geschichte der Onkelz noch mal schreiben zu wollen."

Frei.Wild organisiert in jedem Jahr ein Rock-Festival in Südtirol, das Alpen-Flair. Just auf dieses Wochenende fiel das Onkelz-Comeback. Als die Onkelz am Samstag von der Bühne abtraten, legten Frei.Wild in Natz-Schabs los – nach dem Public Viewing des WM-Spiels Deutschland–Ghana, das manchen Konzertbesucher etwas aufgebracht hatte, noch lange bevor die deutschen Kicker zu verlieren drohten. Der Anblick von Jérôme Boateng und Mesut Özil erboste einen Skinhead beim Alpen-Flair sogar regelrecht: "Da siehst du die deutsche Nationalmannschaft, und dann sind da zwei dreckige Nigger und Kanacken vorne."

"Dreckige Nigger und Kanacken." Alpenflair in Südtirol. Foto: Thomas Kuban
"Dreckige Nigger und Kanacken." Alpen-Flair in Südtirol. Foto: Thomas Kuban

Frei.Wild huldigte an diesem Abend wie gewohnt dem Nationalismus: "Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik, an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist. Darum holt tief Luft und schreit es hinaus: Heimatland, wir geben dich niemals auf! [...] Südtirol, sind stolze Söhne von dir, unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her. [...] Südtirol, du bist noch nicht verlorn, in der Hölle sollen deine Feinde schmorn." 

Anschließend startete die Band eine PR-Kampagne – eine Benefizaktion für einen Senegalesen. Er soll Geld bekommen, um wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Unterstützt wird Frei.Wild von Rockstar Peter Maffay. Die Onkelz haben den Südtirolern, unbeabsichtigterweise, den Weg in die Mitte der Gesellschaft geebnet, und Frei.Wild ist ihn weitergangen und in den Mainstream eingedrungen.

Die Fan-Klientel dürfte inzwischen für beide Bands reichen. Auch das Alpen-Flair galt mit 30 000 angekündigten Besuchern als ausverkauft. Zuletzt wurde der Doppelpack Karten bei E-Bay aber für nur noch etwas mehr als zwei Euro verscherbelt. Im Vergleich zum monströsen Onkelz-Comeback (mit der angeblich größten Bühne Europas) hatte das Frei.Wild-Festival, bei dem unzählige Besucher Onkelz-Shirts trugen, fast familiären Charakter. 

Trotz aller Rivalität könnte es passieren, dass die beiden Bands erkennen, wie viel Geld sie mit einem gemeinsamen Doppelkonzert verdienen könnten. Die Voraussetzungen sind gegeben, denn die Onkelz haben ja angekündigt: "Wir bleiben." Womöglich so lange, bis sie – wie in ihren ersten Jahren – Glatzen haben und schließlich als Böhse Opaz auftreten können. Spätestens dann wäre allerdings klar, dass die Onkelz nicht zu den ganz Großen gehören. Schließlich singen sie selbst: "Nur die Besten sterben jung." 

Den Fans dürfte das egal sein. Sie feierten ihre Idole begeistert und zogen am Freitag nach dem eigentlichen Reunion-Gig zufrieden von dannen, einige mit einem Liedchen der rechtsextremen Hooligan-Band Kategorie C auf den Lippen: "Ha-ho-he – Kategorie C. Wir scheißen drauf, was andere sagen, wir bleiben, wie wir sind."

 

Thomas Kuban ist das Pseudonym eines Autors und Journalisten, der 15 Jahre lang europaweit in der konsparitiv arbeitenden Neonazi-Bewegung recherchiert hat. Seine Recherche hat Kuban mit dem Dokumentarfilm "'Blut muss fließen' – Undercover unter Nazis" von Regisseur Peter Ohlendorf (www.filmfaktum.de) und mit dem gleichnamigen Buch abgeschlossen. Die Böhsen Onkelz kennt Kuban schon seit seiner Schulzeit. Die Texte waren damals Thema im Religionsunterricht. Rund 25 Jahre später hat er sich bei ihrem Comeback einen Eindruck verschafft, was aus den ehemaligen Skinheads geworden ist. 


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