KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Ausgabe 138
Medien

Willkür vor der Haustür

Von Jürgen Bartle
Datum: 20.11.2013
Politische Justiz? Gibt es nur in Unrechtsstaaten? Von wegen: Die gibt es auch in Deutschland, gerade vor der Stuttgarter Haustür. Und verkörpert wird sie nicht nur durch den umstrittenen und mittlerweile in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedeten Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler. Ein neues Kontext-Buch, das Anfang Dezember erscheint, zeigt "Beispiele politischer Justiz in unserem Land" auf. Sie reichen zurück bis in die 1970er-Jahre.

"Dass es gelungen ist, in Deutschland seit dem Zusammenbruch von 1945 und der Niederlage des Faschismus insgesamt auch einen stabilen Rechtsstaat und ein funktionierendes Justizsystem aufzubauen, darf keinesfalls unterschätzt werden. Wer schon in anderen Staaten gelebt hat, in denen dies fehlt, weiß dies nur zu gut", schreibt der Stuttgarter Anwalt Jörg Lang im einleitenden Kapitel "Zur politischen Justiz in unserem Lande". Und setzt aber fort: "Zu einem entwickelten Rechtsstaats-System gehört allerdings auch, dass ein solcher Staat und seine rechtlichen Instanzen immer wieder überprüfen und überprüfen lassen, ob ihre eigene Praxis den beanspruchten hehren Standards tatsächlich entspricht. Jedenfalls bedarf ein demokratisch verantwortlicher rechtsstaatlicher Verwaltungs- und Justizapparat der eigenen Reflexion wie auch der öffentlichen Kritik und Kontrolle, um Missstände zu erkennen und diese so weit als möglich abzustellen. Dies ist unter anderem ein Ziel der vorstehenden Publikation."

Wie es aber tatsächlich bestellt ist um eben jene Selbstreflexion, um öffentliche Kritik und um Kontrolle unseres Justizapparats, nämlich nicht immer zum Guten, das legen Lang und ein knappes Dutzend anderer Autoren in insgesamt 21 Beiträgen anhand von Beispielen dar, die einen Zeitraum von fast 40 Jahren überspannen. Stichwörter: Radikalenerlass, Volkszählung, Eucom-Blockaden bis hin zur Neuzeit – Schwarzer Donnerstag, die Untersuchungsausschüsse dazu und zum EnBW-Deal, Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und Polizeikessel bis hin zu Einzelfällen, in den Willkür und politisches Freund-Feind-Denken der handelnden Justizorgane besonders deutlich werden.

Jörg Lang, von dem fünf Beiträge im Buch stammen, hat als Herausgeber die übrigen Autoren zur Mitarbeit gewonnen, ihre Texte lektoriert und das Ganze zur Druckreife gebracht. Neben den beiden Kontext-Redakteuren Hermann G. Abmayr und Jürgen Bartle zählen zu den Autoren vor allem Juristen, die viel sagende Erfahrungen aus eigenem beruflichen Erleben berichten. Prominenteste Autorin ist die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, von der das Vorwort stammt.

Das Buch, das in Kooperation der Kontext:Wochenzeitung mit dem Bürgerprojekt Die Anstifter erscheint, geht dieser Tage in die Produktion. Es soll 14,80 Euro kosten, in der ersten Dezemberwoche fertig sein und im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung und Lesung in Stuttgart vorgestellt werden. Sobald der Termin feststeht, werden wir die Kontext-Leser auf dieser Seite informieren und selbstverständlich auch Bezugsquellen nennen.

Vorab gibt es als Leseprobe das einleitende Kapitel von Jörg Lang, das an dieser Stelle als PDF heruntergeladen werden kann.


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Kommentare

Ulrich Frank, 26.11.2013 19:08
Angesichts der im Artikel diskutierten Fälle von politisch gepolter Rechtsprechung wie auch angesichts des Falles Mollath kommt einem die Selbsteinschätzung deutscher Richter - wie sie z.B. in einem Interview-Artikel in den letzten 10 Tagen in einem online-Beitrag (den ich momentan leider nicht mehr finde [SPIEGEL, SZ?] sehr naiv vor - dort wird das international auf sehr sehr hohen Niveau der deutschen Rechtsprechung behauptet. Ob bei dieser Naivität nicht schon z.B. die juristische Ausbildung hierzulande eine Rolle spielt, mit ihrer Tradition des deutschen Staatsrechts?

Klaus G. Stölzel, 24.11.2013 07:59
Hä ? Rechtsstaat ? Wo steht
im Grundgesetz für die Bundes-
republik Deutschland, daß es
sich hierbei um einen "Rechts-
staat" handelt ?

Die "Bundesrepublik" definiert
sich unter Art. 20.1 GG als ein
demokratischer und sozialer
Bundesstaat und nicht als ein
"Rechtsstaat". In Art. 20. 2 + 3 GG
ist nur ein "Rechtsstaatlichkeits-
prinzip" vereinbart.

"Rechtsstaat heißt, dass sich ein
Staat ausschließlich, also unbedingt
sich dem "Recht" unterwirft. In Art.
10.2 GG wird sogar das "Rechtsstaat-
lichkeitsprinzip" ausgeschlossen.
(Öffnungsartikel zur unrechtmäßigen
Bespitzelung des Einzelnen).

Den Begriff "Rechtsstaat" - in dem
o. g. Artikel im "Kontext" mit der
"Bundesrepublik" - zuverwenden,
halte ich für mehr, als nur für
tendenziös, nämlich um eine vor-
sätzliche Täuschung von ihnen
oder etwa nicht ?

MfG.

Klaus G. Stölzel
(u. a. Mollath-Unterstützer seit
Sept. 2009)

Winfried Sobottka, 24.11.2013 02:47
In den Think-Tanks der SS wusste man vor dem Rußlandfeldzug, dass der nicht zu gewinnen war, und spätestens mit der Niederlage von Stalingrad sah man den Untergang des 3. Reiches kommen ("Der Orden unter dem Totenkopf", Heinz Höhne, und spätere Aussagen von Walter Schellenberg).

Man bereitete sich auf ein Nachkriegsdeutschland vor, in dem die herrschenden Machtstrukturen möglichst weitgehend erhalten bleiben sollten, und das anstelle einer militärischen eine ökonomische Eroberung der Welt verfolgte. Dazu war es u.a. notwendig, die jüdischen Organsisationen zu festen Verbündeten zu machen, denn einerseits würde es wichtig sein, gerade von ihnen bestätigt zu bekommen, dass das neue Deutschland geläutert sei, weiterhin würde es wichtig sein, dass sie nicht rebellierten, wenn SS- und NS-Leute im Nachkriegsdeutschland eine wichtige Rolle spielten, weiterhin würden die internationalen politischen und wirtschaftlichen Einflussmöglichkeiten detr Juden sehr nützlich sein.

Das Wirtschaftssytem der BRD wurde von der SS konzipiert, federführende Teammitglieder: Otto Ohlendorff und Ludwig Erhard. Ausgerichtet auf ökonomischen Eroberungskrieg durch das deutsche Großkapital, nachweislich erfolgreich, wie Jahrezehnte der Exportüberschüsse belegen.

Vergleichbar werden sie alle Bereich schon vor dem 8. Mai 1945 konzipiert haben - sie hatten ja Zeit, und die SS hatte sich einen erheblichen Teil der besten Juristen, Wirtschaftswissensschaftler, Medienleute usw. an Land gezogen.

Keine Polizeiporgandsiation, kein Staatsschutzdienst in der BRD, die nicht von ex-SS-Leuten aufgezogen worden wären. Natürlich sind die heute tot oder pensioniert - aber sie stellten ja auch Weichen, auch personalpolitisch. Das Selbe gilt für die Justiz und alle anderen Bereiche.

Der italienische Sozialist Silone soll gesagt haben: "Der neue Faschismus wird nicht sagen: "Ich bin der Faschismus!" Er wird sagen: "Ich bin der Anti-Faschismus!""

Genau diesen neuen Faschismus haben wir, und im Faschismus gibt es eben keine gerechte, sondern eine politische Justiz.

Claudia May, 23.11.2013 09:22
Das partei-politisch organisierte Funktionieren des Justizapparates muss viel stärker als bisher, an Fallbeispielen (Gustl Mollath u.a.) dokumentiert ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.

Schaun Sie sich die webside www. staatshehlerei.org/forum an und verfolgen Sie am 6. Dez. 2013, ab 9:30 Uhr, Amtsgericht Erfurt, das Strafverfahren, Az. 501 Js 31517/11 49 Ds.

Oberflächlich betrachtet, nur eine "harmlose" Strafanklage wegen tatmehrheitlicher übler Nachrede; den wahren Tatsachen und Hintergründen folgend, eröffnet sich selbst für einen Außenstehenden, ein wohlbedachtes, über drei Generationen von Amts und Staats wegen fortgesetzte Jusstizverbrechen.

Die Wiedervereinigung von "Bodensatz Ost mit Abschaum West" hat die tagtäglichen Herausforderungen mit den Überlebens-Kampf-Situationen für die Betroffenen mit dem 3. Oktober 1990 nicht verbessert, sondern wesentlich verschlimmert.

Herzliche Grüße
von
Claudia May
aus Erfurt.

Bruno Bienzle, 21.11.2013 14:44
Ein - leider - hoch notwendiges Buch. Kontext, dem Bürgerprojekt Die Anstifter, also dem unermüdlichen Aufklärer Peter Grohmann, und vor allem Autor und Koordinator Jörg Lang gebührt Dank für Ihre Mühe, das Kastendenken innerhalb des Justizapparats, die furchtbare Kontinuität aus brauner Zeit unmenschlicher Rechtsbeugung in das demokratisch verfasste neue Staatswesen Bundesrepublik hinein, über das sich ein offensichtlich bis heute zäh haftender tiefschwarz-reaktionärer Filz gelegt hat, ausgeleuchtet zu haben. Wie beschämend und besorgniserregend, dass eine grün-rote Landesregierung mit einem Ministerpräsidenten Kretschmann und einem Justizminister Stickelberger (SPD) an der Spitze alles unterlassen, dem Treiben furchtbarer Juristen in unserem Bundesland Einhalt zu gebieten. Da darf man auf das Vorwort der ehemaligen Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin gespannt sein. Ob ihr es gelingt, einen Rest von Ansehen und Glaubwürdigkeit im Geiste von Willy Brandts Devise "Mehr Demokratie wagen" für ihre Partei zu retten?

Johann Weber, 21.11.2013 13:36
Erstaunlich, auch in diesem Buch wird die „dunkle Geschichte“ der BRD, wo Menschen verfolgt wurden, denen man kommunistisches „Gedankengut“ unterstellte, totgeschwiegen. Über 200.000 Menschen wurden verfolgt, angeklagt und tausende zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Ich nenne nur zwei Bücher, die klar dieses Unrecht beschreiben.
Diether Posser, „Anwalt im Kalten Krieg. Ein Stück deutscher Geschichte in politischen Prozessen 1951-1968“ und Heinrich Hannover „Die Republik vor Gericht 1954-1974. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts.
Zu diesem Unrecht gibt es sogar einen Film den Phoenix ausstrahlt. Als der Staat rot sah.
http://www.youtube.com/watch?v=CaU7yh9UgHU


Wie sich diese Verfolgung abspielte und welche politischen Kräfte dafür verantwortlich waren, ist für jedermann, auch für den Autoren, nachzulesen im folgenden Buch:

Auszug aus dem Buch „Pullach intern“ von Hermann Zolling und Heinz Höhne, erschienen bei Hoffmann und Campe 1971. Auf Seite 224 wird beschrieben wie Menschen in der BRD nach 1949 verfolgt wurden:

„Jagd auf den Staatsfeind

Die Rechercheure der Org (Anmerkung: Organisation Gehlen, später BND) gingen so eifrig an den unsichtbaren Staatsfeind heran, daß manchem Mitarbeiter unheimlich wurde. Einige Org-Männer traten aus der Organisation wieder aus. Einer von ihnen war ein ehemaliger SS-Mann, der in Hamburg eingesetzt war und Listen suspekter Personen zusammenstellen sollte. Er erinnert sich: »Mich wunderte, daß mir erklärt wurde, diese Listen würden im Einvernehmen mit hohen Regierungsstellen in Bonn erstellt; sogar der Bundeskanzler, das war damals Konrad Adenauer, habe persönliche Wünsche vorgetragen. Mir kam die ganze Sache nicht wie ein militärischer Nachrichtendienst vor, in dem ich gerne wieder gearbeitet hätte. Das sah mir doch nach ganz dreckiger Spitzelarbeit aus. «"

Der SS-Mann hatte richtig gewittert. Der stramme Antikommunismus von Gehlens Inland-Aufklärern hatte die politischen Mächte angelockt, die darauf rüsteten, den Kurs des neuen westdeutschen Staates zu bestimmen. Die Männer um Adenauer mußten in der Organisation Gehlen einen natürlichen Verbündeten sehen. Erste Kontakte zwischen Adenauer und Gehlen waren rasch hergesteilt. In den Hinterzimmern von Bonn und Pullach formierte sich, was dem Bundesnachrichtendienst noch heute anhängt: die unheilige Allianz zwischen Geheimdienst und Staatspartei.“

Chris, 21.11.2013 12:47
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Habe das Kapitel soeben gelesen. Ganz großes Lob dafür! Es scheint mir ein sehr wichtiges Buch zu sein, das einfach mal jeder lesen sollte, der sich für Politik und Justiz interessiert.
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