KONTEXT Extra:
Parkschützer helfen Wolfgang Dietrich beim VfB

Überraschende Hilfe für den früheren S 21-Sprecher Wolfgang Dietrich: Ermuntert durch das Kontext-Editorial ("Dietrich for President") finden sich im Bahnhofsgegner-Forum "Parkschützer" bereits Vorschläge für Sprechakte, die der 68-Jährige als VfB-Präsident vornehmen könnte. Besonders hübsch die Ansage, der Zweitligist plane den Kauf von Messi, Ronaldo und Ibrahimovic - "die Kosten dafür werden unseren Etat nicht belasten". Sehr schön auch der Plan, keinen Torwart einzusetzen, denn: "Ich bin sicher, wir bekommen eine Sondergenehmigung, unser Tor mit Brettern vernageln zu dürfen". Außerdem brauche der VfB keine elf Spieler - "unsere Mannschaft ist mit sechs Spielern 30 Prozent leistungsfähiger". Grundsätzlich habe der Abstieg in die 2. Liga keinerlei Auswirkungen auf das Ziel, 2017 Deutscher Meister zu werden: "Wir liegen da voll im Zeitplan". (28.7.2016)


Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Überforderte Sachbearbeiterin und hilfsbereiter Flüchtling in "Zappzarapp". Foto: Heike Schiller

Überforderte Sachbearbeiterin und hilfsbereiter Flüchtling in "Zappzarapp". Foto: Heike Schiller

Ausgabe 255
Kultur

Keine Heimat mehr

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 17.02.2016
"Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf!", mahnte Friedrich Hölderlin. Eine ganze Reihe von Theaterprojekten leistet der Aufforderung Folge: Der "Stuttgarter Weg zur Flüchtlingskultur" zeitigt höchst unterschiedliche Resultate.

Anfangs herrschte ein babylonisches Sprachgewirr: "Irgendjemand spricht immer Englisch, Französisch oder Russisch", sagt Adelheid Schulz. "Oder Serbisch", ergänzt sie. Adelheid Schulz leitet seit vielen Jahren ein studentisches Theaterensemble an der Universität Stuttgart. Als die Zahl der Flüchtlinge 2014 stark anstieg, kam ihr die Idee, diese in die Theaterarbeit einzubeziehen. Aber so einfach ist das nicht. Die Neuankömmlinge sprechen kaum Deutsch, sie sind traumatisiert, haben mit Behördengängen zu tun: also ganz andere Dinge im Kopf als Theater.

Eine Kollegin an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen machte Schulz und ihre Idee mit einem Flüchtlings-Freundeskreis im Stuttgarter Westen bekannt. Dort fand sie Interessierte, die sie mit ihrem studentischen Ensemble zusammenbrachte.

Mit zunehmendem Erfolg der Sprachkurse gingen sie allmählich zur deutschen Sprache über, und es bildete sich eine Sechsergruppe aus verschiedenen Ländern, die motiviert am Ball blieben, weil sie sich in der Gruppe wohlfühlten und einbringen konnten. Adelheid Schulz entwickelte mit ihnen ein Stück, das zuerst im Juli 2015 im Treffpunkt Rotebühlplatz und nun im Februar 2016 im Nord-Labor des Stuttgarter Staatstheaters aufgeführt wurde.

Will nicht raus aus seinem Koffer: Sinnbild für Trauma in "Zappzarapp". Foto: Heike Schiller
Will nicht raus aus seinem Koffer: Sinnbild für Trauma in "Zappzarapp". Foto: Heike Schiller

"Die 'Montreal' soll untergegangen sein": So beginnt es mit den ersten Zeilen aus Anna Seghers' Roman "Transit": "mit ihrer Last von Flüchtlingen", die damals, 1940, nicht nach, sondern vor Deutschland und aus Europa flohen. Auf diese Umkehr der Perspektive legt Adelheid Schulz Wert. Deshalb erzählt Nasim Alkhouli nicht selbst, warum er aus Syrien geflohen ist, sondern für ihn Fabian Brodbeck: mit einer Google-Maps-Projektion von Stuttgart.

Als Student aus Duma, wo 2011 mit zuerst die Proteste begannen, wurde er an den zahlreichen Checkpoints auf dem Weg zur Uni ständig von Militärs drangsaliert. Als er schließlich gezwungen war, 40 Kilometer von Damaskus entfernt bei seiner Familie zu leben und sein Studium aufzugeben, hielt er es nicht länger aus. Er will Ingenieur werden und lernt derzeit mit Feuereifer Deutsch, um im Herbst ein Studium an der Universität Stuttgart zu beginnen.

Noch vor einem Dreivierteljahr sah alles ganz anders aus: Gegen Alkhouli wurde das Dublin-Verfahren eingeleitet, er sollte nach Italien zurück. Bald darauf wurden jedoch die Syrer ausgenommen. "Man macht wirklich alles mit", sagt Adelheid Schulz. Von zwei Mazedoniern, die anfangs dabei waren, ist einer abgeschoben worden. Von ihnen stammt eigentlich der Titel des Stücks – "Zappzarapp" –, der sich nun nicht mehr unmittelbar erschließt: "Es ging dabei ums Heiraten und wie die beiden zu ihren Ehefrauen 'gekommen' sind, nämlich indem sie sie eben 'zappzarapp' einfach heimlich aus dem Haus der Eltern, die nicht einverstanden waren, mitgenommen haben. Das ist uns hängen geblieben."

Anfangs ist das Stück zweisprachig. Nasim Alkhouli und Jay Modi erzählen auf Englisch, wie sie in einem Wrack von einem Boot von Alexandria in Ägypten aus nach Italien in See stachen und orientierungslos mitten im Meer gerade noch rechtzeitig aufgegriffen werden. Christian Lienou ist in einem Video zu sehen, wie er in einem Reiseführer zu seiner Heimatstadt Duala blättert. "Dies ist der Palast von Duala Manga-Bell", erklärt er in französischer Sprache, mit deutschen Untertiteln: "Er hat in Deutschland studiert und wurde 1914 von den Deutschen hingerichtet." So spielt auch die Kolonialgeschichte in die Gegenwart hinein. Später gehen alle zur deutschen Sprache über. Es fällt noch schwer, aber sie bemühen sich.

Integration als Tradition – und alle machen mit

Adelheid Schulz ist mit ihrem Projekt nicht allein. Schon 2014 registrierte das Kulturamt ein "großes Bedürfnis", sich mit dem Thema Flucht und Flüchtlinge auseinanderzusetzen – aber auch Unsicherheit, wie Birgit Schneider-Bönninger erzählt. Die Leiterin des Amts verweist auf die kulturellen Leitlinien der Stadt, die aus dem zweijährigen "Kulturdialog" hervorgegangen sind. "Diversität und Vielfalt als Chance", steht über einem der ersten Absätze des Dokuments: für Schneider-Bönninger eine Verpflichtung. Bereits im November 2014 fand ein erster Workshop zum "Stuttgarter Weg zur Flüchtlingskultur" statt, mit dem Ziel, Interessierte aus dem Kulturbereich mit Freundeskreisen und Behörden zu vernetzen. Ein zweiter folgt am 23. Februar.

Integration hat in Stuttgart und seinen Institutionen Tradition: vom Linden-Museum über das Institut für Auslandsbeziehungen bis hin zum Forum der Kulturen sind nahezu alle Kulturinitiativen integrativ unterwegs. Das Forum der Kulturen leitet den Initiativkreis interkulturelle Stadt (IKIS), der wiederum die Workshops angestoßen hat. Im Initiativkreis sind rund 20 Institutionen zusammengeschlossen, die sich regelmäßig beraten: von Kulturvereinen wie dem Deutsch-Türkischen Forum über Museen, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek bis hin zur Akademie Schloss Solitude und dem Literaturhaus. "Der Bereich Flüchtlingskulturarbeit ist kein Sonderthema, sondern Bestandteil der langfristigen Arbeit im Bereich Interkultur", sagt Birgit Schneider-Bönninger.

Diese Arbeit trägt nun Früchte: Das Theater tri-bühne hat unter dem Titel "Ich träume jede Nacht von meiner Heimat" ein Stück über reale Flüchtlingsschicksale im Programm. Die Gruppe Lokstoff inszeniert in einem Schiffscontainer die Geschichte der Flucht eines afghanischen Jungen und bietet Jugendlichen einen kulturellen Sprachkurs an, um über den Spracherwerb hinaus künstlerisch an Themen zu arbeiten, die ihnen wichtig sind.

In "Herakles Kinder" bleiben Profi- und Laienschauspieler getrennt. Foto: Julian Marbach/Staatstheater
In "Herakles Kinder" bleiben Profi- und Laienschauspieler getrennt. Foto: Julian Marbach/Staatstheater

Auch Staatstheater-Intendant Armin Petras erinnert sich, dass er bereits vor zehn Jahren das Euripides-Drama "Herakles Kinder" bearbeitet hat. "Wir flohn ja wir haben keine Heimat mehr / nur dieses nackte Leben hier und das ist ohne Schutz", heißt es bereits im ersten Monolog des Iolaos, der für die Kinder des Heroen in Athen um Asyl bittet: ein Satz wie ein Hammer, der auf die Gegenwart trifft. Petras hat für seine Inszenierung die gesamte Truppe von Adelheid Schulz übernommen. Als Chor der Geflüchteten sind sie darauf angewiesen, dass der Athener Königssohn Demophon sie nicht an den Herold von Argos ausliefert.

Nun gibt es da zwar eine gelungene Rap- und Gesangseinlage der Afrikaner und einen überzeugenden Auftritt der sechzehnjährigen Iranerin Kimia Mokari, Tochter von Theaterprofis aus Teheran. Als Herakles' Tochter Makarena opfert sie sich, damit Athen die Schlacht gegen Argos gewinne. Aber was bedeutet uns dieses Opfer? Die historische Fremdheit der Vorlage überwindet Petras nicht, wenn er hier und da Stichworte wie Fernsehteam oder Autobahnbrücke in den Text einstreut. Letztlich stehen hier vier reichlich selbstsichere Staatsschauspieler einer anonymen Gruppe von Geflüchteten gegenüber.

Auf die Augenhöhe kommt es an

In "Sündenbock" im Theater Rampe spielen keine Flüchtlinge mit. Aber es geht um Flucht, anhand der Geschichte eines japanischen Jungen von Kenzaburo Ōe, der als Einziger überlebt, als sein Dorf weggespült wird. Er wird vom Bürgermeister des Nachbardorfs zuvorkommend aufgenommen, aber weiterhin als Fremder betrachtet. Die Willkommenskultur schlägt denn auch schnell ins Gegenteil um: Als sieben Kinder an Ruhr sterben, ist er der Sündenbock. Er flieht, immer weiter, bis nach Mexiko und Kolumbien und fragt sich, ob er jemals dem Zyklus von Flucht und Verfolgung entkommen kann.

Szene aus "Sündenbock". Foto: Felix Grünschloß/Rampe
Szene aus "Sündenbock". Foto: Felix Grünschloß/Rampe

Sündenbock ist immer der Einzelne, der von der Masse ausgegrenzt wird. Die Regisseurin Nina Gühlstorff kehrt diese Perspektive um, indem sie den Text von allen drei Darstellern aufsagen lässt, die wiederum das Publikum im Singular als "Herr Professor" anreden: Jeder einzelne Zuschauer soll sich angesprochen fühlen und wird am Schluss – jeder der drei Schauspieler nimmt einen Teil des Publikums mit – auch direkt nach eigenen Verfehlungen gefragt. Verdächtigt er oder sie etwa nach der Kölner Silvesternacht pauschal alle Nordafrikaner und macht sie damit zum Sündenbock? Freilich: Niemand würde dies so öffentlich bekennen. An diesem Punkt geht die Idee des Stücks nicht auf, trotz aller Perspektivwechsel.

Auch die Perspektive der anderen zu zeigen: Dies ist Adelheid Schulz mit "Zappzarapp" viel besser gelungen. Sie hat mit ihrer gemischten Truppe ein wunderbares Stück auf die Bühne gebracht, das auch die Geflüchteten selbst zu Wort kommen lässt, ihre Situation von allen Seiten beleuchtet und in einen größeren Kontext stellt. "Bitte gähnen und seufzen Sie nicht, denn das ist meine und nur meine Geschichte, und ich habe keine originellere", flehen Flüchtlinge darin einen Sachbearbeiter der deutschen Behörden an. So wird die Wut der Geflüchteten auf die Bürokratie der Behörden fassbar. Aber auch eine Sachbearbeiterin, die Aktenstapel durch die Gegend trägt, weckt Mitleid.

"Die Augenhöhe ist mir wichtig", sagt Adelheid Schulz und: "Jeder muss ein bisschen aus seinem Raster raus", auch die Deutschen. Jeder muss sich ein bisschen bewegen und anpassen, um mit der gegenwärtigen Situation zurechtzukommen. In einer Szene hält Gari Avetissov Theaterbesuchern seine Hand hin, während die anderen Darsteller sich zu einem Walzer im Kreis drehen. Zunächst passiert nichts. Als eine Zuschauerin begreift, was der Schauspieler will, springt sie auf. Und tanzt mit ihm.

Mag nicht jeder Versuch hundertprozentig geglückt sein: Die vielen Theaterstücke, die sich derzeit mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigen, zeugen nicht nur vom großen Interesse der Theaterszene und des Publikums. Sie können, besser vielleicht als auf jede andere denkbare Weise, zum Nachdenken und zu einem Dialog einladen, an dem auch die Betroffenen, die Flüchtlinge selbst, beteiligt sind.

 

Info:

Staatstheater, Spielstätte Nord: Herakles Kinder, 19. 2., 20 Uhr.

Lokstoff, Schiffscontainer vor dem Theaterhaus: Pass.Worte. Wie Belal nach Deutschland kam, 20. 2., 4. 3., 5. 3., 12. 3., 8. 4., 9. 4., jeweils 20 Uhr.

tri-bühne: Ich träume jede Nacht von meiner Heimat. 15. 3., 20 Uhr.

Theater Rampe: Sündenbock. 25. 3., 26. 3., 20 Uhr. 27. 3., 18 Uhr.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie Ihre Meinung.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 278 / Winfried I. / Kornelia, 29.07.2016 13:06
Während das Wahlvolk immer noch träumt "eine Stimme" zu haben, werden und wurden hinter den Kulissen schon längst Fäden gezogen! Mausfeld: warum schweigen die Lämmer http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22751 "Einer der Väter...

Ausgabe 278 / Winfried I. / Insider, 29.07.2016 11:23
Carl Herzog von Württemberg feiert zwei Tage lang seinen 80. Geburtstag in Altshausen. Das Fest beginnt bereits am Vorabend, Sonntag, 31. Juli, mit einem Empfang für etwa 300 geladene Gäste, darunter die neue baden-württembergische...

Ausgabe 278 / Dietrich for President / Frank-Michael Lange, 29.07.2016 09:09
Stuttgarter Kickers, da habt Ihr im Unglück noch mal Glück gehabt! Aber: Halbwegs ehrlicher Fussball in der Regionalliga wäre wahrscheinlich eh nichts gewesen für einen Herrn Dietrich mit großen Ambitionen…Für alle ehrlichen...

Ausgabe 277 / Vom rechten Narrensaum / Arno Saager, 29.07.2016 02:05
Klare Aussage von Schlierer. - konsequent und nachvollziehbar begründet. Das ist anerkennenswert, - auch wenn es nicht jedem gefällt. In den inhaltlichen Aussagen ist er schwerlich bestreitbar. Er trifft den schmerzenden Kern. Genau...

Ausgabe 270 / Wie Krankenhäuser ihre Mängel verschleiern / Arnold Imort, 28.07.2016 22:28
Im Barbara Hosp. Gladbeck passierte mir (79 Jahre alt)folgendes: Bei dem Aufnahmegespräch zu einer hyperthermischen Blasenspülung sagte ich der Urologin, dass ich etwas außer Atem sei, weil ich schnell gegangen sei. Sie brach sofort...

Ausgabe 278 / Winfried I. / Pierre C., 28.07.2016 19:32
So wie es uns Menschen - der Meinung vieler Wissenschaftler entsprechend - nur auf Grund des Meteoriteneinschlags vor zirka 65 Millionen Jahren in Mexiko gibt (fast alles Leben, insbesondere das der Saurier wurde ausgelöscht), so konnte...

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Ernest Petek, 28.07.2016 19:03
Na das ist doch toll, dass jetzt, nach so langer Zeit (5 Jahre, 9 Monate), die ersten 19 sich "glücklich schätzen können" etwas (wenigstens etwas) zu bekommen. Lange genug haben die Juristen, die Minister, ihre Dienstaufsicht und die...

Ausgabe 278 / 300 Euro gegen die Schmerzen / Alfred, 28.07.2016 18:35
@ D.Hartmann Es gibt einen Fall bei dem ist die Kostenübernahme der Krankenkosten abgelehnt worden "da kein Vorsatz" juristisch belegt werden kann.

Ausgabe 278 / Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen / Peter Grohmann, 28.07.2016 18:15
Danke für Infos + Kommentare

Ausgabe 278 / Dietrich for President / Gerd, 28.07.2016 16:09
Keine Angst, VfB-Fans! Für Dietrich ist VfB-Präsident nur eine Durchgangsstation. Sein Ziel ist FIFA-Präsident zu werdeb. Da brauchen sie jetzt einen, der noch besserLÜGEN kann als der Blatter Sepp! Und wer wäre da besser geeignet als...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!