KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

"Informal Tented Settlement" im Libanon. Foto: Leila Mousa

"Informal Tented Settlement" im Libanon. Foto: Leila Mousa

Ausgabe 249
Überm Kesselrand

Gestrandet im Libanon

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 06.01.2016
Rund ein Prozent betrug 2015 der Bevölkerungszuwachs im deutschen Südwesten durch Flüchtlinge – und manche meinen schon, das sei nicht zu schaffen. Im Libanon ist jeder Vierte ein Flüchtling. Die Geografin Leila Mousa hat sich mit der Situation dort beschäftigt.

Ungefähr halb so viele Menschen wie in Baden-Württemberg leben im Libanon, auf weniger als einem Drittel der Fläche. Auch die Wirtschaftsleistung pro Kopf beträgt nur ein Drittel, bei großen Unterschieden zwischen Arm und Reich. Unter den sechs Millionen Einwohnern befinden sich rund 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge – und bis zu 400 000 Palästinenser. Wie viele genau, weiß kein Mensch: Wer weiterzieht, wird nicht registriert.

Leila Mousa. Foto: Shehadeh
Leila Mousa. Foto: Shehadeh

Leila Mousa ist seit 2004 immer wieder in den Libanon gereist. In Tamm bei Ludwigsburg aufgewachsen, beginnt sie in Heidelberg ein Geografiestudium. 2001 wechselt sie nach Paris, wo sie bei Rony Brauman studiert. Durch Brauman, der zwölf Jahre lang Präsident von Médécins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) war, wird sie auf die Situation im Nahen Osten aufmerksam. Noch während ihres Studiums unternimmt sie erste Exkursionen, angefangen mit einem Praktikum in Gaza. Aber im Gazastreifen ist Arbeit nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Mousa will ihr Studium zu Ende bringen. Daher beschließt sie, sich auf den Libanon zu verlegen. Zu dem Land gibt es an ihrem Institut in Heidelberg bereits einen Forschungsschwerpunkt.

In ihrer Magisterarbeit beschäftigt sich die Geografin erstmals mit den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Zwölf solche Lager gibt es; es sind allerdings keine Zeltlager oder Baracken, sondern eher richtige Städte oder Stadtteile – wie die entsprechenden Lager im Westjordanland, im Gazastreifen, in Jordanien und Syrien.

Zuständig ist die UNRWA, das 1949 nach der israelischen Staatsgründung und der Vertreibung der Palästinenser gegründete Hilfswerk der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge. Das UN-Hilfswerk verwaltet die Flüchtlingslager, kümmert sich um Schulen und Gesundheit, vergibt Kleinkredite und Hilfsleistungen, heute vor allem Lebensmittel im Gazastreifen. Ursprünglich hatte die UNRWA nur für drei Jahre tätig werden sollen, in der optimistischen Annahme, dass sich das Palästina-Problem so schnell lösen ließe.

Keine politische Vertretung im Lager

2006 wird Leila Mousa Universitätsdozentin in Heidelberg. Sie nimmt am DFG-Forschungsprojekt "Urban Governance in humanitären Schutzräumen" teil. Im Rahmen dieses Projekts und um sich für ihre Doktorarbeit zu orientieren, reist sie 2007 zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum von drei Monaten im Libanon. In Beirut lernt sie die Flüchtlingslager Sabra und Shatila kennen.

In diesem Jahr kommt es in Nahr al-Bared, einem anderen palästinensischen Flüchtlingslager, zu den schwersten Scharmützeln im Libanon seit Ende des 14-jährigen Bürgerkriegs, der 1975 mit Kämpfen zwischen den maronitischen, also katholischen Phalange-Milizen und der PLO begonnen hatte. Seit 1989 herrscht ein fragiles Gleichgewicht zwischen den religiösen und politischen Gruppen im Land. 2006 waren die Bewohner eines Flüchtlingslagers bei den israelischen Luftangriffen wiederum die ersten Leidtragenden. Der Vorwurf: Kämpfer der Hisbollah-Miliz hielten sich dort auf.

Das palästinensische Flüchtlingslager Shatila – eher Stadt als Lager. Foto: Leila Mousa
Das palästinensische Flüchtlingslager Shatila – eher Stadt als Lager. Foto: Leila Mousa

Die Menschen im Flüchtlingslager haben keine politische Vertretung. Mousa weist darauf hin, dass die UNRWA, anders als das UNHCR, das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten Nationen, nicht als Interessenvertretung fungiert, sondern als reine Hilfsorganisation: Seit 67 Jahren leben die Palästinenser im Libanon in einem Provisorium, ohne Bürgerrechte, ohne Zugang zum Arbeitsmarkt, ohne Aussicht auf einen eigenen Staat.

Angeregt von ihrem Studium bei Rony Brauman, der immer darauf drängt, auch nach den Motiven der Helfer zu fragen, beschäftigt sich die Geografin in ihrer Dissertation mit den Mechanismen der Zuteilung von Hilfsleistungen. Von Anfang an verlässt sie sich dabei nicht allein auf die offiziellen Informationen von Regierungsstellen und Hilfsorganisationen, sondern knüpft Kontakte auch zu den Menschen, die von deren Unterstützung abhängig sind. Sie lernt Rapper kennen, die genau solche Fragen thematisierten: Wie die Gelder der NGOs verteilt werden, wer darüber entscheidet, wer es mit welchen Tricks fertig bringt, sich eine Position zu verschaffen.

Um die Situation der syrischen Flüchtlinge zu verstehen, die seit 2011 in großer Zahl ins Land gekommen sind, ist es wichtig, diese Hintergründe zu kennen. Ein weiteres ungelöstes Problem kann sich das Land nicht leisten, das oft unter erheblicher Einmischung der Nachbarländer, vor allem Syrien und Israel, einen langen Bürgerkrieg durchgemacht hat. Syrien war bis 2005 auch militärisch im Libanon präsent. Heute stellt das Verhältnis zum Nachbarn das Land vor eine Zerreißprobe.

Das UNHCR registriert die Neuankömmlinge – aber nicht als Flüchtlinge, sondern als "Displaced Persons from Syria", was eher dem deutschen Begriff der Vertriebenen entspricht. Das hat gravierende Konsequenzen: Da die Regierung um keinen Preis weitere Lager haben will, leben sie über das ganze Land verteilt. Wer es sich leisten kann, hat eine Wohnung gemietet. Andere wohnen in Garagen oder leerstehenden Schulen und Rohbauten. Um die 100 000 leben in Hunderten so genannter Informal Tented Settlements (ITS – informelle Zeltsiedlungen), abhängig vom Schawisch, dem Beauftragten des Grundbesitzers.

Flüchtlinge rutschen ab in die Illegalität

80 Prozent der Flüchtlinge zahlen Miete, zum Teil horrende Summen, sagt Mousa, manchmal auch nur für ein Stück Land, um darauf ein Zelt aufzubauen. Im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) hat sie 2015 ein Forschungsprojekt zur auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in Flüchtlingslagern übernommen. Viele sind auch in den palästinensischen Lagern untergekommen, Palästinenser aus Syrien, aber auch Syrer. "An die bestehenden Häuser wurde angebaut, um Zimmer vermieten zu können", erzählt Mousa, "bis die Häuser über den engen Gassen fast zusammenstoßen."

Zudem behandelt die libanesische Regierung die Syrer formal wie Touristen: Sie verlangt Visa-Gebühren auch von Gastarbeitern, die seit langer Zeit im Libanon arbeiten und nun gezwungen werden, alle sechs Monate ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Viele können sich das nicht leisten. Das bedeutet, sie rutschen ab in die Illegalität. Im März 2015 hat die libanesische Regierung das UNHCR ohne nähere Begründung angehalten, die Registrierung der Flüchtlinge auszusetzen. Infolgedessen kamen bis 11. Mai nach Angaben des UNHCR 36 000 Kinder staatenlos auf die Welt.

In der Bekaa-Ebene im Süden des Libanon kommt inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Syrien. Foto: Leila Mousa
In der Bekaa-Ebene im Süden des Libanon kommt inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Syrien. Foto: Leila Mousa

Ohne Registrierung haben die Kinder nur begrenzt Zugang zum Bildungssystem und können keine Prüfungen ablegen. Ohnehin geht nur ein Drittel der rund 400 000 Flüchtlingskinder zur Schule. Viele arbeiten, wie Mousa erfuhr, etwa auf den Feldern oder in Schlachthöfen. Das Schulsystem ist überlastet. Während 80 Prozent der libanesischen Kinder Privatschulen besuchen, müssen die ärmeren im Land mit den schlecht ausgestatteten öffentlichen Schulen vorlieb nehmen. Derzeit bemühe sich das libanesische Bildungsministerium allerdings intensiv um eine Lösung. Seit September 2015 wurden 160 000 Flüchtlingskinder neu an öffentlichen Schulen aufgenommen.

Für die anderen bieten nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen einen alternativen Schulunterricht an, teilweise reduziert auf die Fächer Mathematik, Arabisch und Englisch, damit die Kinder nicht völlig den Anschluss verlieren. Da es in Syrien keinen Englischunterricht gab, stehen Flüchtlingskinder im Libanon, dessen Bildungssystem auf die englische und französische Sprache ausgerichtet ist, vor einem zusätzlichen Problem.

Zudem kommt es zu Spannungen auf dem Arbeitsmarkt, zu dem Flüchtlinge nur begrenzt Zugang haben. In schlecht bezahlten Jobs konkurrieren sie mit der Unterschicht des Landes. Viele sind auf Hilfsleistungen angewiesen. Aber dem UNHCR, das ganz von freiwilligen Zahlungen der Mitgliedsländer und Fundraising abhängig ist, fehlen die Gelder. Nicht einmal die Hälfte der benötigten Mittel stand dem Hilfswerk zuletzt zur Verfügung. Laut UN-Hochkommissar António Guterres ist das der Hauptgrund für die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa. "Die Flüchtlinge leben im Libanon unter prekären Bedingungen", sagt auch Leila Mousa. "Das Land hält für sie keine Perspektiven bereit. Sie haben das Gefühl, ihnen bleibt keine andere Wahl, als nach Europa zu gehen."

Kultur als Mittel der Krisenprävention

Welche Rolle kann in dieser Situation die Kultur spielen? Schon bevor Mousa im Auftrag des ifa dieser Frage nachzugehen begann, hatte sie viele Kontakte zu Künstlern. Einige von ihnen sind heute ziemlich erfolgreich, wie der Musiker Ashraf el-Chouli, der auch ein Café betreibt, oder Abed Katanani, der aus dem Bereich der Street Art kommt und mittlerweile international in Galerien ausstellt.

Kunst und Kultur sind für europäische Kulturinstitute wie das ifa längst ein wichtiges Mittel der Krisenprävention. Die verheerenden Folgen der Kriege in Afghanistan und im Irak – der so genannte Islamische Staat etwa ist ein Auffangbecken für Teile der früheren Armee Saddam Husseins – haben vor Augen geführt, dass ein Dialog an die Stelle militärischer Auseinandersetzungen treten muss. Dem dient die auswärtige Kulturpolitik, im Libanon nun erstmals ergänzt durch die Flüchtlingsarbeit.

Aber was heißt Kultur? Dass sich Palästinenser durch Kunsthandwerk ihrer Herkunft versichern? Dass Flüchtlingskinder beschäftigt werden und Traumata verarbeiten? Oder dass unabhängige Künstler einen kritischen Blick auf die Mechanismen der Hilfsprogramme werfen?

Deutschland engagiert sich durchaus. Die Bundesrepublik ist unter anderem wichtigster Geldgeber der Bildungsinitiativen des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Aber wenn es am Nötigsten fehlt, also an Unterkünften, Arbeit und vor allem Zukunftsaussichten, bleibt nur die unsichere Perspektive der Flucht. Was die europäischen Länder im Libanon nicht investieren, müssen sie dann für Flüchtlingsunterkünfte und -hilfe in Europa einplanen.

Info:

Leila Mousas Studie "Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik für Flüchtlingslager? Handlungsfelder und Potenziale in den Flüchtlingslagern des Libanon" soll bis Mitte Januar in der ifa-Edition "Kultur und Außenpolitik" erscheinen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Deitrich Heißenbüttel, 09.01.2016 16:42
@Gela (+ Schwabe): Die langfristige Wirksamkeit von kulturellen Aktivitäten speziell in Konfliktsituationen gehört bei Kulturinstituten wie dem ifa, wie ich als Berichterstatter bei einer Reihe von Konferenzen weiß, unter dem Stichwort der Evaluation zu den meist diskutierten Fragen in diesem Bereich. (Leider ist mein Bericht aus Brüssel unter dem angegebenen Link auf Englisch verfasst, sonst hätte ich Ihnen gern die deutsche Version zugeschickt.) Diejenigen, die vor Ort tätig sind, bezweifeln diese langfristige Wirksamkeit in der Regel nicht, stoßen jedoch an Grenzen, wenn sie diese Erfolge den Institutionen und Stiftungen am anderen Ende, im sicheren Europa, nachweisen sollen. Wenn jemand ein Musikinsturment spielen lernt, in einer Theatergruppe auftritt oder was auch immer: Das kann der Anfang einer Karriere sein oder eine Episode, die mit Ende des Programms wieder aufhört. Zur Veränderung der Lebenssituationen gehört aber vor allem eine Zukunftsperspektive. Kulturelle und künstlerische Aktivitäten können helfen, die Kreativität und damit Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen, aber wenn der Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten verwehrt ist oder ein neuer Krieg die nächste Katastrophe auslöst, kann Kultur daran natürlich auch nicht viel ändern. Integration, das zuletzt, ist ein beidseitiger Prozess. In der http://neuenachbarschaft.de/ in Berlin-Moabit lernen nicht nur Flüchtlinge Deutsch, sondern auch deutsche Helfer Arabisch. Das imponiert mir.

Gela, 08.01.2016 19:55
Gerade heute bekam ich von der Peter-Ustinov-Stiftung wieder Informationsmaterial über ihre Projekte. Die Stiftung will durch Theater- und andere künstlerische Projekte mit Straßenkindern, Flüchtlingskindern u.a. vernachlässigten Kindergruppen in vielen Ländern (auch Deutschland) deren Kreativität, Selbstbewußssein und soziale Kompetenzen stärken und ihnen ein Stück unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Das klingt überzeugend und könnte auch den Kindern in den libanesischen Flüchtlingslagern helfen. Allerdings würde es mich interessieren, ob diese Projekte neben kurzfristigen Erfolgen auch langfristig zu Veränderung der Lebenssituation der teilnehmenden Kinder führt.
Darüberhinaus denke ich, dass die Pflege der eigenen Kultur auch Flüchtlingen in Deutschland helfen kann, sich selbstbewußt hier zu integrieren und Achtung vor unserer Kultur zu bekommen. Unterdrückung der eigenen Kultur und Sprache von Minderheiten führt nur zu Spannungen, wie z.B. bei den Kurden in der Türkei.

Bernd, 07.01.2016 09:32
Lesen

Schwabe, 06.01.2016 19:39
"Kultur" scheint für Leila Mousa im Zusammenhang mit der weltweiten "Flüchtlingskrise" eine wichtige/große Rolle zu spielen. Dies interessiert mich sehr und ist aus meiner Sicht ein richtiger Weg.

Leider ist der diesbezügliche Link im Artikel unter dem Abschnitt "Kultur als Mittel der Krisenprävention (wichtiges Mittel der Krisenprävention)" auf Englisch verfasst, was, in Zusammenhang mit der Länge des Links, meine rudimentären Englischkenntnisse übersteigt. Schade, ich hätte ihn gerne gewusst was drin steht.

Unabhängig von den Fluchtursachen (m.E. geostrategische Großmachtpolitik zur Kontrolle von natürlichen Rohstoffen fremder Länder insbesondere Öl und Gas in Verbindung mit Kriegen und Waffenexporten), aber unter Berücksichtigung der rasanten Entwicklungen der Flüchtlingsströme behaupte ich, dass eine (dauerhafte) Integration unterschiedlicher Kulturkreise, egal wo auf der Welt, schwierig ist.
Eine solche Integration (zumal dauerhafter Natur) ist m.E. nur freiwillig sowie durch Achtung und Respekt vor der Verschiedenheit von Kulturen und deren Menschen erfolgreich (und das m.E. auch nur bedingt, je nach sozialem Standard des Einzelnen im Einwanderungsland).
Dazu kommt m.E., dass - jedenfalls in der Regel - je weiter die räumliche Entfernung verschiedener Kulturkreise zueinander ist, um so größer sind die Unterschiede der aufeinanderprallenden Kulturkreise und um so schwieriger die Integration (nicht zuletz auch aufgrund der klimatischen/topographischen Verhältnisse und den daraus natürlich gewachsenen, andersartigen Verhaltens-/Ernährungsweisen und Traditionen).
Eine solche Integration (und damit der Akzeptanz/Toleranz) ist ansatzweise m.E. nur durch schnellste, intensivste Aufklärung der Andersartigkeit verschiedener Kulturkreise durch den Staat möglich (also ein offener Umgang damit) - sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung, als auch gegenüber den einreisenden/flüchtenden Menschen.
Dabei sollten m.E. die einheimischen/gewachsenen, kulturell bedingten Verhaltens- bzw. Lebensgewohnheiten und Traditionen des Einwanderungslandes im Vordergrund stehen. Eine der eigenen Bevölkerung "von oben" verordnete, sozusagen gesetzlich vorgeschriebene Integration von fremden Kulturkreisen ohne eine anständige Aufklärung/Auseinandersetzung und Behandlung der einheimischen Bevölkerung führt m.E. nicht zum gewünschten Ziel der (dauerhaften) Integration, sondern nur zu Unruhen und zu Spaltung im Einwanderungsland.

Ich persönlich denke, dass eine unfreiwillige/plötzlich auftretende und darüber hinaus dauerhafte Integration verschiedenster Kulturkreise (natürliche) Abwehrmechanismen hervorruft. Mit Fremdenfeindlichkeit hat dies m.E. nicht zwingend zu tun!

Einer meiner Lieblingssätze in diesem Zusammenhang welcher kurz und prägnant die Achtung vor sowie die Einzigartigkeit und Wichtigkeit verschiedener gewachsener Kulturkreise zum Ausdruck bringt:
"Kultur ist das was Dich zum Fremden macht wenn Du von Daheim fort gehst"
Wer weiß was ein Kulturschock ist bzw. selbst schon einmal einen hatte, hat (vermutlich unvorbereitet) Bekanntschaft mir der Wirkung einer fremden Kultur gemacht. Kleiner Tipp: In "All inklusive (Luxus)Hotels" wird sich kein Kulturschock einstellen.
Kids dagegen, die von Ihren Eltern zu den "Strengsten Eltern der Welt" geschickt wurden, können vermutlich ein Lied vom "Kulturschock" singen, dessen Wirkung hier m.E. zielgerichtet eingesetzt wird (auch wenn die Sendung an sich nur auf Quote angelegt ist).

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 303 / Dann klopft mal schön / a.weisshaupt, 19.01.2017 15:54
beim wort "fake-news" denke ich an die öffentlich rechtlichen zwangsgebühreneintreiber und an die mainstreammedien, die mir gerne jederzeit was von faulen griechen, bösen putins, gefährlichen rechten und sonstigen feindbildern...

Ausgabe 303 / Den Säcken ans Geld / adabei, 19.01.2017 14:15
Wer redet hier von Neid? Es geht um Gerechtigkeit. „Armut und Reichtum sind Zwillinge“, sagt schon ein albanisches Sprichwort. Oder anders, also "sachlich", wie Bolgheri verlangt: Da wir alle aus einem begrenzten, globalen Vorrat...

Ausgabe 303 / Anti-Christen / Bolgheri, 19.01.2017 13:08
@Herr Steiner, sowohl britische als auch chinesische Regierungsbehörden haben Reisewarnungen für Deutschland herausgegeben, diese Reisewarnungen bestehen weiterhin. Diese Warnungen kommen nicht von ungefähr. Und diese Warnungen sind...

Ausgabe 303 / Kein Platz für Heuschrecken / Bernd Oehler, 19.01.2017 12:15
@Anja Schmitt: Ich habe nicht behauptet, dass in den Projekte nur Kreditgeber wohnen - dass das genaue Gegenteil der Fall sei, dürfen Sie gerne mit Zahlen untermauern. Über das Modell habe ich mich recht genau informiert, ich habe...

Ausgabe 303 / "Der Kalte Krieg ist zurück" / Peter S., 19.01.2017 11:48
Ich glaub das Buch lese ich. Gorbatschow haben wir enorm viel zu verdanken. Aber er war naiv dem Westen zu vertrauen. Auch ohne UdSSR und warschauer Pakt wurde aggressiv expandiert. Ob es zu spät ist die NATO abzuschaffen weiss ich nicht....

Ausgabe 303 / Den Säcken ans Geld / Bolgheri, 19.01.2017 11:13
Neid ist nie ein guter Ratgeber für eine sachliche Auseinandersetzung mit Themen.

Ausgabe 303 / Anti-Christen / Bolgheri, 19.01.2017 10:51
Fakt ist, die Parteien CDU, CSU, SPD, GRÜNE, FDP haben den Krieg nach Deutschland zurückgebracht. Fakt ist, dass der erste Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung seit dem 2. Weltkrieg durch eine Rot-Grüne Regierung mit eifrigster...

Ausgabe 303 / Dann klopft mal schön / Blinkfeuer, 19.01.2017 09:51
Nur bei fb wird beobachtet oder auch bei der NATO- Show, ARD, 20:00h täglich?

Ausgabe 303 / Jeder Zehnte am Abgrund / Liane, 19.01.2017 00:12
Es erschreckt mich, wie sehr auch das grünlinksliberale BildungsBiedermeierBürgertum auf die marktradikale Chimäre aufgesessen ist: survival the fittest, jeder ist seines Glückes Schmied, wer nicht kämpft hat verloren, homo...

Ausgabe 303 / Jeder zweite Baum – ein fürstlicher / Zaininger, 18.01.2017 23:34
Lieber Peter Fackelmann, ich stimme grundsätzlich mit Ihnen überein, aber bitte sprachlich korrekt: die heutigen "Durchlauchten" und "Königlichen Hoheiten" (seit 1918 als Titel abgeschafft, von unterwürfigen Figuren immer noch so...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.