KONTEXT Extra:
NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


NSU-Ausschuss: Schon wieder eine tote Zeugin

In seiner nächsten Sitzung wollte der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Zeugin hören, die in den Neunzigerjahren vermutlich zu einer Gruppierung von Rechtsextremisten im Raum Ludwigsburg gehörte. Und sie stand im persönlichen Austausch mit der Neonazi-Szene in Jena und Chemnitz. 1996 soll die Frau sich auch mit Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen haben und später mit einem aus Thüringen stammenden und in Baden-Württemberg lebenden Mitveranstalter diverser deklarierter Konzerte rechtsextremer Skinheadbands, darunter auch der Band "Noie Werte".

Allerdings ist die Zeugin seit einigen Tagen tot. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, ehe der Ausschuss Aufklärung verlangen konnte. "Ich habe dem Justizministerium sofort mitgeteilt", so der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass wir großes Interesse daran haben, zu erfahren, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann." Am Donnerstag teilte das Ministerium mit, dass an der Leichenschau "wohl auch ein forensisch erfahrener Mediziner" mitgewirkt habe. Die Abgeordneten wollen sich jetzt in ihrer nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 mit dem Fall befassen. Er sei sicher, so Drexler, "dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden", nicht zuletzt, weil "die Behörden ihre Lektionen gelernt haben".

Ende März 2015 war die 20-jährige Melisa M., eine frühere Freundin des im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten rechten Aussteigers Florian Heilig, überraschend verstorben, nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe als Folge eine Motocross-Unfalls. "Es dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im linken Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben", hieß es damals in der Pressemitteilung. Auch ein technisches Gutachten zum Zustand ihrer Maschine wurde vorgelegt - ohne Hinweise auf technische Manipulation. Ein knappes Jahr später hatte sich ihr Verlobter Sascha W. das Leben genommen. (10.2.2017)

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"Informal Tented Settlement" im Libanon. Foto: Leila Mousa

"Informal Tented Settlement" im Libanon. Foto: Leila Mousa

Ausgabe 249
Überm Kesselrand

Gestrandet im Libanon

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 06.01.2016
Rund ein Prozent betrug 2015 der Bevölkerungszuwachs im deutschen Südwesten durch Flüchtlinge – und manche meinen schon, das sei nicht zu schaffen. Im Libanon ist jeder Vierte ein Flüchtling. Die Geografin Leila Mousa hat sich mit der Situation dort beschäftigt.

Ungefähr halb so viele Menschen wie in Baden-Württemberg leben im Libanon, auf weniger als einem Drittel der Fläche. Auch die Wirtschaftsleistung pro Kopf beträgt nur ein Drittel, bei großen Unterschieden zwischen Arm und Reich. Unter den sechs Millionen Einwohnern befinden sich rund 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge – und bis zu 400 000 Palästinenser. Wie viele genau, weiß kein Mensch: Wer weiterzieht, wird nicht registriert.

Leila Mousa. Foto: Shehadeh
Leila Mousa. Foto: Shehadeh

Leila Mousa ist seit 2004 immer wieder in den Libanon gereist. In Tamm bei Ludwigsburg aufgewachsen, beginnt sie in Heidelberg ein Geografiestudium. 2001 wechselt sie nach Paris, wo sie bei Rony Brauman studiert. Durch Brauman, der zwölf Jahre lang Präsident von Médécins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) war, wird sie auf die Situation im Nahen Osten aufmerksam. Noch während ihres Studiums unternimmt sie erste Exkursionen, angefangen mit einem Praktikum in Gaza. Aber im Gazastreifen ist Arbeit nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Mousa will ihr Studium zu Ende bringen. Daher beschließt sie, sich auf den Libanon zu verlegen. Zu dem Land gibt es an ihrem Institut in Heidelberg bereits einen Forschungsschwerpunkt.

In ihrer Magisterarbeit beschäftigt sich die Geografin erstmals mit den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Zwölf solche Lager gibt es; es sind allerdings keine Zeltlager oder Baracken, sondern eher richtige Städte oder Stadtteile – wie die entsprechenden Lager im Westjordanland, im Gazastreifen, in Jordanien und Syrien.

Zuständig ist die UNRWA, das 1949 nach der israelischen Staatsgründung und der Vertreibung der Palästinenser gegründete Hilfswerk der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge. Das UN-Hilfswerk verwaltet die Flüchtlingslager, kümmert sich um Schulen und Gesundheit, vergibt Kleinkredite und Hilfsleistungen, heute vor allem Lebensmittel im Gazastreifen. Ursprünglich hatte die UNRWA nur für drei Jahre tätig werden sollen, in der optimistischen Annahme, dass sich das Palästina-Problem so schnell lösen ließe.

Keine politische Vertretung im Lager

2006 wird Leila Mousa Universitätsdozentin in Heidelberg. Sie nimmt am DFG-Forschungsprojekt "Urban Governance in humanitären Schutzräumen" teil. Im Rahmen dieses Projekts und um sich für ihre Doktorarbeit zu orientieren, reist sie 2007 zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum von drei Monaten im Libanon. In Beirut lernt sie die Flüchtlingslager Sabra und Shatila kennen.

In diesem Jahr kommt es in Nahr al-Bared, einem anderen palästinensischen Flüchtlingslager, zu den schwersten Scharmützeln im Libanon seit Ende des 14-jährigen Bürgerkriegs, der 1975 mit Kämpfen zwischen den maronitischen, also katholischen Phalange-Milizen und der PLO begonnen hatte. Seit 1989 herrscht ein fragiles Gleichgewicht zwischen den religiösen und politischen Gruppen im Land. 2006 waren die Bewohner eines Flüchtlingslagers bei den israelischen Luftangriffen wiederum die ersten Leidtragenden. Der Vorwurf: Kämpfer der Hisbollah-Miliz hielten sich dort auf.

Das palästinensische Flüchtlingslager Shatila – eher Stadt als Lager. Foto: Leila Mousa
Das palästinensische Flüchtlingslager Shatila – eher Stadt als Lager. Foto: Leila Mousa

Die Menschen im Flüchtlingslager haben keine politische Vertretung. Mousa weist darauf hin, dass die UNRWA, anders als das UNHCR, das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten Nationen, nicht als Interessenvertretung fungiert, sondern als reine Hilfsorganisation: Seit 67 Jahren leben die Palästinenser im Libanon in einem Provisorium, ohne Bürgerrechte, ohne Zugang zum Arbeitsmarkt, ohne Aussicht auf einen eigenen Staat.

Angeregt von ihrem Studium bei Rony Brauman, der immer darauf drängt, auch nach den Motiven der Helfer zu fragen, beschäftigt sich die Geografin in ihrer Dissertation mit den Mechanismen der Zuteilung von Hilfsleistungen. Von Anfang an verlässt sie sich dabei nicht allein auf die offiziellen Informationen von Regierungsstellen und Hilfsorganisationen, sondern knüpft Kontakte auch zu den Menschen, die von deren Unterstützung abhängig sind. Sie lernt Rapper kennen, die genau solche Fragen thematisierten: Wie die Gelder der NGOs verteilt werden, wer darüber entscheidet, wer es mit welchen Tricks fertig bringt, sich eine Position zu verschaffen.

Um die Situation der syrischen Flüchtlinge zu verstehen, die seit 2011 in großer Zahl ins Land gekommen sind, ist es wichtig, diese Hintergründe zu kennen. Ein weiteres ungelöstes Problem kann sich das Land nicht leisten, das oft unter erheblicher Einmischung der Nachbarländer, vor allem Syrien und Israel, einen langen Bürgerkrieg durchgemacht hat. Syrien war bis 2005 auch militärisch im Libanon präsent. Heute stellt das Verhältnis zum Nachbarn das Land vor eine Zerreißprobe.

Das UNHCR registriert die Neuankömmlinge – aber nicht als Flüchtlinge, sondern als "Displaced Persons from Syria", was eher dem deutschen Begriff der Vertriebenen entspricht. Das hat gravierende Konsequenzen: Da die Regierung um keinen Preis weitere Lager haben will, leben sie über das ganze Land verteilt. Wer es sich leisten kann, hat eine Wohnung gemietet. Andere wohnen in Garagen oder leerstehenden Schulen und Rohbauten. Um die 100 000 leben in Hunderten so genannter Informal Tented Settlements (ITS – informelle Zeltsiedlungen), abhängig vom Schawisch, dem Beauftragten des Grundbesitzers.

Flüchtlinge rutschen ab in die Illegalität

80 Prozent der Flüchtlinge zahlen Miete, zum Teil horrende Summen, sagt Mousa, manchmal auch nur für ein Stück Land, um darauf ein Zelt aufzubauen. Im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) hat sie 2015 ein Forschungsprojekt zur auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in Flüchtlingslagern übernommen. Viele sind auch in den palästinensischen Lagern untergekommen, Palästinenser aus Syrien, aber auch Syrer. "An die bestehenden Häuser wurde angebaut, um Zimmer vermieten zu können", erzählt Mousa, "bis die Häuser über den engen Gassen fast zusammenstoßen."

Zudem behandelt die libanesische Regierung die Syrer formal wie Touristen: Sie verlangt Visa-Gebühren auch von Gastarbeitern, die seit langer Zeit im Libanon arbeiten und nun gezwungen werden, alle sechs Monate ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Viele können sich das nicht leisten. Das bedeutet, sie rutschen ab in die Illegalität. Im März 2015 hat die libanesische Regierung das UNHCR ohne nähere Begründung angehalten, die Registrierung der Flüchtlinge auszusetzen. Infolgedessen kamen bis 11. Mai nach Angaben des UNHCR 36 000 Kinder staatenlos auf die Welt.

In der Bekaa-Ebene im Süden des Libanon kommt inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Syrien. Foto: Leila Mousa
In der Bekaa-Ebene im Süden des Libanon kommt inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Syrien. Foto: Leila Mousa

Ohne Registrierung haben die Kinder nur begrenzt Zugang zum Bildungssystem und können keine Prüfungen ablegen. Ohnehin geht nur ein Drittel der rund 400 000 Flüchtlingskinder zur Schule. Viele arbeiten, wie Mousa erfuhr, etwa auf den Feldern oder in Schlachthöfen. Das Schulsystem ist überlastet. Während 80 Prozent der libanesischen Kinder Privatschulen besuchen, müssen die ärmeren im Land mit den schlecht ausgestatteten öffentlichen Schulen vorlieb nehmen. Derzeit bemühe sich das libanesische Bildungsministerium allerdings intensiv um eine Lösung. Seit September 2015 wurden 160 000 Flüchtlingskinder neu an öffentlichen Schulen aufgenommen.

Für die anderen bieten nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen einen alternativen Schulunterricht an, teilweise reduziert auf die Fächer Mathematik, Arabisch und Englisch, damit die Kinder nicht völlig den Anschluss verlieren. Da es in Syrien keinen Englischunterricht gab, stehen Flüchtlingskinder im Libanon, dessen Bildungssystem auf die englische und französische Sprache ausgerichtet ist, vor einem zusätzlichen Problem.

Zudem kommt es zu Spannungen auf dem Arbeitsmarkt, zu dem Flüchtlinge nur begrenzt Zugang haben. In schlecht bezahlten Jobs konkurrieren sie mit der Unterschicht des Landes. Viele sind auf Hilfsleistungen angewiesen. Aber dem UNHCR, das ganz von freiwilligen Zahlungen der Mitgliedsländer und Fundraising abhängig ist, fehlen die Gelder. Nicht einmal die Hälfte der benötigten Mittel stand dem Hilfswerk zuletzt zur Verfügung. Laut UN-Hochkommissar António Guterres ist das der Hauptgrund für die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa. "Die Flüchtlinge leben im Libanon unter prekären Bedingungen", sagt auch Leila Mousa. "Das Land hält für sie keine Perspektiven bereit. Sie haben das Gefühl, ihnen bleibt keine andere Wahl, als nach Europa zu gehen."

Kultur als Mittel der Krisenprävention

Welche Rolle kann in dieser Situation die Kultur spielen? Schon bevor Mousa im Auftrag des ifa dieser Frage nachzugehen begann, hatte sie viele Kontakte zu Künstlern. Einige von ihnen sind heute ziemlich erfolgreich, wie der Musiker Ashraf el-Chouli, der auch ein Café betreibt, oder Abed Katanani, der aus dem Bereich der Street Art kommt und mittlerweile international in Galerien ausstellt.

Kunst und Kultur sind für europäische Kulturinstitute wie das ifa längst ein wichtiges Mittel der Krisenprävention. Die verheerenden Folgen der Kriege in Afghanistan und im Irak – der so genannte Islamische Staat etwa ist ein Auffangbecken für Teile der früheren Armee Saddam Husseins – haben vor Augen geführt, dass ein Dialog an die Stelle militärischer Auseinandersetzungen treten muss. Dem dient die auswärtige Kulturpolitik, im Libanon nun erstmals ergänzt durch die Flüchtlingsarbeit.

Aber was heißt Kultur? Dass sich Palästinenser durch Kunsthandwerk ihrer Herkunft versichern? Dass Flüchtlingskinder beschäftigt werden und Traumata verarbeiten? Oder dass unabhängige Künstler einen kritischen Blick auf die Mechanismen der Hilfsprogramme werfen?

Deutschland engagiert sich durchaus. Die Bundesrepublik ist unter anderem wichtigster Geldgeber der Bildungsinitiativen des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Aber wenn es am Nötigsten fehlt, also an Unterkünften, Arbeit und vor allem Zukunftsaussichten, bleibt nur die unsichere Perspektive der Flucht. Was die europäischen Länder im Libanon nicht investieren, müssen sie dann für Flüchtlingsunterkünfte und -hilfe in Europa einplanen.

Info:

Leila Mousas Studie "Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik für Flüchtlingslager? Handlungsfelder und Potenziale in den Flüchtlingslagern des Libanon" soll bis Mitte Januar in der ifa-Edition "Kultur und Außenpolitik" erscheinen.


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Kommentare

Deitrich Heißenbüttel, 09.01.2016 16:42
@Gela (+ Schwabe): Die langfristige Wirksamkeit von kulturellen Aktivitäten speziell in Konfliktsituationen gehört bei Kulturinstituten wie dem ifa, wie ich als Berichterstatter bei einer Reihe von Konferenzen weiß, unter dem Stichwort der Evaluation zu den meist diskutierten Fragen in diesem Bereich. (Leider ist mein Bericht aus Brüssel unter dem angegebenen Link auf Englisch verfasst, sonst hätte ich Ihnen gern die deutsche Version zugeschickt.) Diejenigen, die vor Ort tätig sind, bezweifeln diese langfristige Wirksamkeit in der Regel nicht, stoßen jedoch an Grenzen, wenn sie diese Erfolge den Institutionen und Stiftungen am anderen Ende, im sicheren Europa, nachweisen sollen. Wenn jemand ein Musikinsturment spielen lernt, in einer Theatergruppe auftritt oder was auch immer: Das kann der Anfang einer Karriere sein oder eine Episode, die mit Ende des Programms wieder aufhört. Zur Veränderung der Lebenssituationen gehört aber vor allem eine Zukunftsperspektive. Kulturelle und künstlerische Aktivitäten können helfen, die Kreativität und damit Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen, aber wenn der Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten verwehrt ist oder ein neuer Krieg die nächste Katastrophe auslöst, kann Kultur daran natürlich auch nicht viel ändern. Integration, das zuletzt, ist ein beidseitiger Prozess. In der http://neuenachbarschaft.de/ in Berlin-Moabit lernen nicht nur Flüchtlinge Deutsch, sondern auch deutsche Helfer Arabisch. Das imponiert mir.

Gela, 08.01.2016 19:55
Gerade heute bekam ich von der Peter-Ustinov-Stiftung wieder Informationsmaterial über ihre Projekte. Die Stiftung will durch Theater- und andere künstlerische Projekte mit Straßenkindern, Flüchtlingskindern u.a. vernachlässigten Kindergruppen in vielen Ländern (auch Deutschland) deren Kreativität, Selbstbewußssein und soziale Kompetenzen stärken und ihnen ein Stück unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Das klingt überzeugend und könnte auch den Kindern in den libanesischen Flüchtlingslagern helfen. Allerdings würde es mich interessieren, ob diese Projekte neben kurzfristigen Erfolgen auch langfristig zu Veränderung der Lebenssituation der teilnehmenden Kinder führt.
Darüberhinaus denke ich, dass die Pflege der eigenen Kultur auch Flüchtlingen in Deutschland helfen kann, sich selbstbewußt hier zu integrieren und Achtung vor unserer Kultur zu bekommen. Unterdrückung der eigenen Kultur und Sprache von Minderheiten führt nur zu Spannungen, wie z.B. bei den Kurden in der Türkei.

Bernd, 07.01.2016 09:32
Lesen

Schwabe, 06.01.2016 19:39
"Kultur" scheint für Leila Mousa im Zusammenhang mit der weltweiten "Flüchtlingskrise" eine wichtige/große Rolle zu spielen. Dies interessiert mich sehr und ist aus meiner Sicht ein richtiger Weg.

Leider ist der diesbezügliche Link im Artikel unter dem Abschnitt "Kultur als Mittel der Krisenprävention (wichtiges Mittel der Krisenprävention)" auf Englisch verfasst, was, in Zusammenhang mit der Länge des Links, meine rudimentären Englischkenntnisse übersteigt. Schade, ich hätte ihn gerne gewusst was drin steht.

Unabhängig von den Fluchtursachen (m.E. geostrategische Großmachtpolitik zur Kontrolle von natürlichen Rohstoffen fremder Länder insbesondere Öl und Gas in Verbindung mit Kriegen und Waffenexporten), aber unter Berücksichtigung der rasanten Entwicklungen der Flüchtlingsströme behaupte ich, dass eine (dauerhafte) Integration unterschiedlicher Kulturkreise, egal wo auf der Welt, schwierig ist.
Eine solche Integration (zumal dauerhafter Natur) ist m.E. nur freiwillig sowie durch Achtung und Respekt vor der Verschiedenheit von Kulturen und deren Menschen erfolgreich (und das m.E. auch nur bedingt, je nach sozialem Standard des Einzelnen im Einwanderungsland).
Dazu kommt m.E., dass - jedenfalls in der Regel - je weiter die räumliche Entfernung verschiedener Kulturkreise zueinander ist, um so größer sind die Unterschiede der aufeinanderprallenden Kulturkreise und um so schwieriger die Integration (nicht zuletz auch aufgrund der klimatischen/topographischen Verhältnisse und den daraus natürlich gewachsenen, andersartigen Verhaltens-/Ernährungsweisen und Traditionen).
Eine solche Integration (und damit der Akzeptanz/Toleranz) ist ansatzweise m.E. nur durch schnellste, intensivste Aufklärung der Andersartigkeit verschiedener Kulturkreise durch den Staat möglich (also ein offener Umgang damit) - sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung, als auch gegenüber den einreisenden/flüchtenden Menschen.
Dabei sollten m.E. die einheimischen/gewachsenen, kulturell bedingten Verhaltens- bzw. Lebensgewohnheiten und Traditionen des Einwanderungslandes im Vordergrund stehen. Eine der eigenen Bevölkerung "von oben" verordnete, sozusagen gesetzlich vorgeschriebene Integration von fremden Kulturkreisen ohne eine anständige Aufklärung/Auseinandersetzung und Behandlung der einheimischen Bevölkerung führt m.E. nicht zum gewünschten Ziel der (dauerhaften) Integration, sondern nur zu Unruhen und zu Spaltung im Einwanderungsland.

Ich persönlich denke, dass eine unfreiwillige/plötzlich auftretende und darüber hinaus dauerhafte Integration verschiedenster Kulturkreise (natürliche) Abwehrmechanismen hervorruft. Mit Fremdenfeindlichkeit hat dies m.E. nicht zwingend zu tun!

Einer meiner Lieblingssätze in diesem Zusammenhang welcher kurz und prägnant die Achtung vor sowie die Einzigartigkeit und Wichtigkeit verschiedener gewachsener Kulturkreise zum Ausdruck bringt:
"Kultur ist das was Dich zum Fremden macht wenn Du von Daheim fort gehst"
Wer weiß was ein Kulturschock ist bzw. selbst schon einmal einen hatte, hat (vermutlich unvorbereitet) Bekanntschaft mir der Wirkung einer fremden Kultur gemacht. Kleiner Tipp: In "All inklusive (Luxus)Hotels" wird sich kein Kulturschock einstellen.
Kids dagegen, die von Ihren Eltern zu den "Strengsten Eltern der Welt" geschickt wurden, können vermutlich ein Lied vom "Kulturschock" singen, dessen Wirkung hier m.E. zielgerichtet eingesetzt wird (auch wenn die Sendung an sich nur auf Quote angelegt ist).

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