KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Der tierische Kuhdamm in Heggelbach.

Der tierische Kuhdamm in Heggelbach.

Kleines Schwein der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Kleines Schwein der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Kühe in Offenstall-Haltung.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Kühe in Offenstall-Haltung.

Zwiebeln der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Zwiebeln der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Praktikantin Amelie in der Käserei.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Praktikantin Amelie in der Käserei.

Bauer Alfred Kaltenbach aus Kleinstadelhofen.

Bauer Alfred Kaltenbach aus Kleinstadelhofen.

Hofgemeinschaft Heggelbach Schweinestall.

Hofgemeinschaft Heggelbach Schweinestall.

Landschaft bei Herdwangen.

Landschaft bei Herdwangen.

Schuhregal der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Schuhregal der Hofgemeinschaft Heggelbach.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Thorsten Krug.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Thorsten Krug.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Kerstin Krug.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Kerstin Krug.

Kreuz bei Herdwangen.

Kreuz bei Herdwangen.

Dorf Hahnennest.

Dorf Hahnennest.

Georg Rauch, Geschäftsführer, der riesigen Biogasanlage der Familien Rauch, Metzler, König und Kaltenbach

Georg Rauch, Geschäftsführer, der riesigen Biogasanlage der Familien Rauch, Metzler, König und Kaltenbach

Allgäu.

Allgäu.

Biogasanlage.

Biogasanlage.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Rolf Raneburger.

Hofgemeinschaft Heggelbach, Rolf Raneburger.

Ausgabe 207
Gesellschaft

1000 Kühe für Oberschwaben

Von Susanne Stiefel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 18.03.2015
In Oberschwaben tobt ein Kulturkampf im Kuhstall. Die Hofgemeinschaft Hahnennest will Milch in Massentierhaltung produzieren. Bäuerliche Kleinbetriebe fürchten um ihre Existenz, Umweltverbände um die Wasserqualität, Verbraucher um die Qualität ihrer Lebensmittel. Eine Reportage aus dem Kampfgebiet.

Der Kuhdamm liegt in Heggelbach. Hier flanieren allenfalls Rindviecher, springen Hühner um die Ecke und die Hofkatze sucht sich auf leisen Pfoten einen windgeschützten Sonnenplatz. Zum Kuhdamm auf den Heggelbachhof im Wald hinter Überlingen verirren sich weniger Vergnügungs- als vielmehr Genusssüchtige. Denn die Demeter-Hofgemeinschaft an der Grenze zwischen Oberschwaben und Bodensee ist bekannt für ihren selbst gemachten Käse. Die Milch der 50 Kühe, die hinter dem handgemalten Kuhdammschild ausschließlich Gras und Heu fressen, wird in der hofeigenen Molkerei täglich zu Schibli, Alpkäse, Camembert, Frischkäse und Tilsiter verarbeitet.

Von der Massentierhaltung sind die fünf Familien, die hier gemeinsam wirtschaften, viele Kühe entfernt. Davon spricht man bei Rindern erst ab einer Zahl von 500. Thorsten Krug, lange Haare, Latzhose und Landwirtschaftsstudium, ist der Herr der Rinder und kennt jedes Tier mit Namen. Die Heggelbacher wirtschaften biologisch-dynamisch und gemeinsam und sind stolz darauf, mit dem Demeterhof eine Nische zum Leben und Arbeiten gefunden zu haben. "Wir arbeiten im Kreislauf mit der Natur", sagt Kerstin Krug, 40 Jahre, vier Kinder, rustikale Wollmütze gegen den kalten Wind, der hier im März noch um die Ställe pfeift. "Das ist nur vernünftig für Mensch und Tier und hat mit Romantik nichts zu tun", sagt Rolf Raneburger, Ring im Ohr, und mit dabei, seit der Heggelbachhof im Jahr 1986 gegründet wurde. Der alte Hase kennt den Bullerbü-Vorwurf, der da heißt: Mit Romantik kann kein Hof überleben.

Biologisch-dynamisch und festfreudig

Drei Familien waren es damals im Tschernobyl-Jahr, die biologisch-dynamisch wirtschaften wollten. Die erste Heuernte konnten sie bequerelverseucht gleich wegwerfen. Die einen sind geflüchtet vor den radioaktiven Niederschlägen, die anderen haben die Zähne zusammengebissen und angepackt.

Thorsten Krug: Herr der Rinder am Heggelbachhof.
Thorsten Krug: Herr der Rinder am Heggelbachhof.

Heute ernährt der Demeter-Hof fünf Familien, 10 Kinder und 15 Erwachsene. Das eigene Gemüse packen sie am Hof ab und verkaufen es an Bioläden. Den Käse fährt Rolf Raneburger, der den Kontakt mit den Kunden liebt, auf die Märkte. Für den Kuhdamm ist Thorsten Krug zuständig, für die Vermietung der Ferienwohnungen Frau Krug. Und weil bei der Käserei Molke anfällt, haben sie jetzt auch noch 250 Mastschweine angeschafft, die Molke lieben und sich an diesem kalten Tag im Stall zu Schweineknäueln zusammengekuschelt haben.

Das mag nach Idylle klingen, doch dazu ist die Arbeit zu hart. Dennoch sind die Heggelbacher davon überzeugt, dass ihre Art des Wirtschaftens, das nicht auf Wachstum angelegt ist, für Mensch und Tier gut ist und in die Struktur der Landschaft passt. Und Zeit für ein Sphinxtfest, das sie alle zwei Jahre zu Pfingsten in ihrem Weiler organisieren, bleibt auch.

Massentierhaltung? 1000 Kühe in einem Großstall? Bei diesen Fragen werden die drei Heggelbacher munter, die bei einer Tasse Kaffee in der warmen Küche der Krugs sitzen. "Da ist kein Weidegang mehr drin", sagt Thorsten Krug. "Das ist eine wahnsinnige Masse", sagt Kerstin Krug, "denn 1000 Kühe heißt auch 1000 Kälber." – "Es braucht keine Massentierhaltung, um vier Familien zu ernähren", sagt Rolf Raneburger. Keine Frage, dass sie alle gegen den Großstall in Hahnennest unterschrieben haben. Also doch bäuerliche Romantik gegen landwirtschaftliches Unternehmertum?

Der Ort Hahnennest liegt nur wenige Kilometer entfernt nahe Ostrach und ist doch eine andere Welt. Hier dominieren die großen Ställe mit ihren Silos, die aufgeräumt und funktional Effizienz verströmen.

Eine kleine Kapelle wacht über die 44 Dorfbewohner, weil hier in Oberschwaben nichts geht ohne das Vertrauen in Gott. Doch über allem thront die gigantische Biogasanlage mit ihren vier überdimensionalen Kuppeln auf der Anhöhe. Vier Bauern haben sich in Hahnennest zu einer Hofgemeinschaft zusammengeschlossen. Die einen haben 250 bzw. 1800 Schweine im Stall, die anderen 65 bzw. 45 Milchkühe. Das soll sich drastisch ändern. 

Hahnennest-Bauern setzen auf Wachstum und Gewinne

Die Biogasanlage war der gemeinsame erste Streich. Seit 2002 speisen sie Strom und Wärme ins Netz. Täglich frisst die Anlage 90 Tonnen Mais, Mist oder Silage und 100 Tonnen Gülle. Und nun planen die bäuerlichen Unternehmer den zweiten Streich: Ddn bislang größten Kuhstall in Baden-Württemberg mit 1000 Kühen auf 10 000 Quadratmeter gleich hinter der Biogasanlage. Das sind Dimensionen, die man in Oberschwaben bisher nur von Fernsehbildern aus Niedersachsen und Ostdeutschland kennt. Die anfallende Gülle soll das Substrat für die Biogasanlage liefern, die Milch verkauft werden und die Gewinne also doppelt sprudeln.

Biogasanlage und Hofanlagen in Hahnennest.
Biogasanlage und Hofanlagen in Hahnennest.

Einer der Hahnennestler ist Georg Michael Rauch. Er trägt ein Lederband mit einem Tonanhänger um den Hals, eine Baskenmütze auf dem Kopf, spielte früher in einer Band und wird noch heute von seinen alten Freunden in bestem Schwaboenglisch George Michael Smoke genannt wird. Der ehemalige Gitarrist und Frontmann versteht nicht, was daran schlecht sein soll, wenn sich Bauern als Unternehmer verstehen und fein kapitalistisch auf Wachstum und Gewinne setzen. Am 1. April, in wenigen Tagen also, fällt zudem die Milchquote. Die Bauern vom Hahnennest wollen gerüstet sein. "Wir machen keine Agrarindustrie", wehrt er mit einer kräftiger Stimme ab, die aus einem beträchtlichen Körperumfang tönt, "wir sind vier Familienbetriebe." Keinen Hektar wolle er mehr dazupachten, ihre Biogasanlage habe sogar ein Zertifikat vom BUND, der jetzt gegen sie stänkere.

Das ganze Gerede von Strukturwandel, Verdrängungswettbewerb, Wasserqualität, kurz: die Aufregung um den geplanten 1000-Kühe-Stall will Rauch nicht verstehen. Und sagen will er dazu auch nichts mehr, jetzt, wo es so viel Gegenwind gebe, Veranstaltung über aber ohne sie inszeniert und Unterschriften gesammelt würden. Und das alles, bevor die Anlage überhaupt genehmigt ist. Am Ecktisch in der warmen Küche, unter den alten Familienfotos aus drei Bauerngenerationen, erklärt er wortreich und durchaus launig, warum er nichts mehr erklärt, jedenfalls nicht öffentlich. Auf der Internetseite der Hofgemeinschaft Hahnennest ist ein Zitat von Walter Rathenau zu lesen: "Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbs ist in Wahrheit die Klage über den Mangel eigener Einfälle." Doch ganz so einfach ist es nicht.

Seit Jahren nimmt die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg ab. Megabetriebe wie der geplante Großstall in Hahnennest können sich strukturell auf die ganze Region auswirken und die Pachtpreise deutlich nach oben drücken. Das fürchtet auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), eine Art Konkurrenz zum Bauernverband. Der 1000-Kühe-Stall könnte für viele Kleinbauern in der Nachbarschaft der Todesstoß sein.

Georg Rauch: Früher Band-Frontmann, heute Großbauer.
Georg Rauch: früher Band-Frontmann, heute Großbauer.

"Die Sorgen sind berechtigt", sagt Wolfgang Reimer, Amtschef des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums, auf Kontext-Anfrage, "und wir wollen keine großen Ställe fördern." Doch die Agrarpolitik wird in Brüssel und Berlin gemacht. Dort wurde auch das Ende der Milchquote zum 1. April beschlossen. "Deshalb brauchen wir ein effizientes Sicherheitsnetz zur Absicherung der Milchviehbetriebe", sagte Reimer vor wenigen Tagen bei Beratungen über die europäische Milchmarktpolitik. In Baden-Württemberg gibt es derzeit 3000 Bauernhöfe mit weniger als 20 Kühen, in noch mal so vielen Ställen stehen zwischen 20 und 50 Rindviecher. 

Kleinbauern und Verbraucher gegen Massentierhaltung

Dazu gehört auch der Stall von Alfred Kaltenbach. Der Nebenerwerbslandwirt aus Kleinstadelhofen hat von dem Massentierhaltungsprojekt des Hahnennests in der Zeitung gelesen: "Das hat mich auf die Palme gebracht." Gleich will er mehr erzählen, vorher muss er seinen 16 Kühen noch eine Schaufel Silage und Heu zum Fressen hinkippen. Zehn Bauern gab es früher in dem 53-Seelen-Ort zwischen Heggelbach und Hahnennest, wird er später im Wohnzimmer erzählen, heute sind es noch zwei. Und er hat Angst, dass es immer weniger werden. Anfang des Jahres hat der 61-Jährige einen Brief an das Landwirtschaftministerium abgeschickt. "Familienbetriebe führen sich durch die Ansiedlung solcher Anlagen in ihrer Existenz gefährdet" , schreibt er und von der Angst, Pachtflächen zu verlieren oder höhere Pacht zahlen zu müssen. Vor zwei Tagen kam die Antwort aus Stuttgart. Verständnis für die Bedenken war das eine. Eine umfassende Stellungnahme könne man erst abgeben, wenn das Hahnennestkonzept vorliege. "Damit bin ich nicht zufrieden", sagt Kaltenbach.

Sammelt Unterschriften gegen Massentierhaltung: Kleinbauer Alfred Kaltenbach.
Sammelt Unterschriften gegen Massentierhaltung: Kleinbauer Alfred Kaltenbach.

Anfangs traute sich keiner, gegen den Großstall zu unterschreiben. "Die haben alle Angst vor dem Rauch", meint Kaltenbach, und dass ihn "diese Sache" Jahre seines Lebens gekostet habe. Inzwischen hat der streitlustige Bauer über 600 Unterschriften gesammelt, und es melden sich immer mehr, die mitmachen wollen. Eine Pfullendorfer Firma sammelt nun unter ihren Mitarbeitern selber Unterschriften, und die dortige evangelische Kirche sammelt fleißig mit. Kaltenbach schält sich halb aus dem Stall-Overall und guckt listig über seine Lesebrille.

Halbtags arbeitet der Kleinbauer, der einst 50 Kühe im Stall stehen hatte, als Raiffeisen-Fahrer. Davor hat er sich als Security-Mann versucht. Nachts Gebäude bewachen, tagsüber die Milchkühe versorgen, Heu machen, das hat er nicht gepackt. Als er beinahe gegen einen Baum gefahren ist, hat er damit aufgehört. Doch seinen Hof will er nicht aufgeben. Die Schwiegertochter hat jetzt eine kleine Zucht mit Pinzgauer Rindern angefangen. Kaltenbach zieht ein Garagentor auf, dahinter stehen auf dichtem Strohteppich zwei Mutterkühe mit ihren Kälbern. Vielleicht, denkt er laut vor sich hin, sei es besser, auf Fleisch statt auf Milch zu setzen. Und die Tiere artgerecht zu halten. "Böden und Vieh sind keine Maschinen", sagt der Kleinbauer, und das ist eine klare Kampfansage an die Großbauern in Hahnennest. 

Kaltenbach wird von immer mehr Menschen unterstützt, die Fleisch und Milch aus artgerechter Haltung konsumieren wollen. Die Hahnennestbauern arbeiten derweil emsig an der Genehmigung des Großstalls und planen eine eigen Informationsveranstaltung.

Schweineansicht, biologisch-dynamisch
Schweineansicht, biologisch-dynamisch.

Und beim BUND in Pfullendorf ist die Sorge ums Grundwasser keineswegs ausgeräumt. Der Kulturkampf im Kuhstall geht weiter.


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Kommentare

Schwabe, 22.03.2015 16:48
@Thina
"Man muss danach gucken, wie es den Tieren tatsächlich geht und nur das kann der Maßstab sein.". Das sehe ich genau so!
Wenn es stimmt was Sie beobachtet haben wollen, was glauben Sie weshalb die Umstände in den kleinen bäuerlichen Betrieben Ihrer Meinung nach oft so schlecht sind?!
Könnte es nicht sein, das Landwirte von solch kleinen Bauernhöfen durch die betriebene (Preis-)Politik (Molkereien, Großschlachtereien, Discounter, falsche Subventionen, etc) und der daraus resultierenden Industrialisierung ruiniert werden. Vielleicht sogar schon nur mit einem Zweitjob überleben können? Kleinen Höfen somit die Existenzgrundlage entzogen wird?
Ich warne davor kleine Höfe schlecht zu reden ohne die Hintergründe professionell zu recherchieren!

Michael Hartmann, 22.03.2015 16:45
Reichlich blauäugig, zu glauben, ein globales Problem lokal lösen zu können. Aucn ohne die Expansion der Hofgemeinschaft bleibt die Konkurrenz der Agrarindustrie in Niedersachsen und Ostdeutschland bestehen. Die Kleinbetriebe werden über kurz oder lang verschwinden, sofern sie nicht eine Nische finden wie zum Beispiel die Selbstvermarktung.
Nebenbei, ab welcher Grösse spricht man eigentlich von Massentierhaltung? 1000 Kühe sind nicht o.k. aber 250 Schweine?

Thina, 21.03.2015 22:23
Also, im Rahmen meines Studiums habe ich eine ganze Menge Kuhställe gesehen. Ich erinnere mich gut an Ställe, in denen weniger als 35 Tiere standen, und an Ställe, in denen zwischen 70-140 Tiere standen. Die Ställe, aus denen man am liebsten rückwärts wieder rausgegangen wäre, waren in aller Regel die Ställe mit weniger als 35 Tieren. Und ich spreche hier ausschlieplich vom Tierwohl. Die hygienischen Zustände, der bauliche Zustand der Stallgebäude, die schlechte Luft, der Dreck mit all den Konsequenzen die sich für die Tiergesundheit ergeben (Euterentzündungen, Verletzungsgefahr....). Schwerer Parasitenbefall, aber der Landwirt registriert nicht mal, dass seinen Tieren etwas fehlt. Kälber, noch kein Jahr alt, aber schon trächtig, weil der Landwirt unfähig war, Weibchen und Männchen voneinander zu trennen.... Was ich da so alles gesehen habe, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Die besten Ställe, die ich gesehen habe, lagen bei Größen zwischen 70 und 140 Tieren. Größere Ställe kenne ich nicht und kann ich deshalb nicht beurteilen. Es gibt immer auch Ausnahmen, kleine gute Betriebe und große schlechte Betriebe. Aber unterm Strich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass kleine Betriebe nicht zwangsläufig die besseren sind, eher im Gegenteil. Zwei Tierärzte haben mir gegenüber die Meinung geäußert, dass im Interesse des Tierschutzes die wirklich kleinen Betriebe verschwinden müssten, so tragisch das auch ist. Ich denke nur, dass man sich davor hüten muss, einen Betrieb nach der Tierzahl zu beurteilen. Man muss danach gucken, wie es den Tieren tatsächlich geht und nur das kann der Maßstab sein.

Insider, 21.03.2015 17:23
Noch ein anderes aktuelles Beispiel aus dem Kreis Sigmaringen.
Schwäbische Zeitung vom 21.03.2015- Der CDU stinken die geplanten Kuhställe--Der Meßkircher Landwirt Hubert Hopp hat einen Bauantrag für den Neubau zweier Kuhställe hinter seiner Biogasanlage eingereicht. Die Ställe bieten Platz für insgesamt 500 Tiere. Am Dienstag, 24. März, entscheidet der Technische Ausschuss des Meßkircher Gemeinderats über das Vorhaben.

Bigi Möhrle, 19.03.2015 14:27
Herzlichen Dank für diesen Artikel! Könnte ruhig auch mal in die regionalen Blätter hier...Südkurier und Schwäbische Zeitung. Gute Zusammenschau und Zusammenstellung.

Gerhard Fischer, 19.03.2015 11:38
Ich verstehe die Haltung der Kleinbauern, die angst vor Massentierhaltung, weil sie die Preise drückt. Und da ist es eben wieder, das Sch..-System, welches niemanden ein Grundeinkommen sichert.
Doch zurück zum Thema, es ist wichtig den Protest der Bürger gegen die Massentierhaltung zu verstärken. Auch wenn angeblich die Tiere in dieser Anlage es "schön" hätten, "artgerecht" leben könnten, das ist ein Trugschluss. Artgerecht leben gibt es nicht für 1000 Tiere, es gibt kein artgerechtes Leben für Tiere, solange sie ausgebeutet, ausgenutzt werden von Menschen, Nach 4-5 Jahren ist eine Kuh am Ende ihrer Leistung und wird geschlachtet, Ihre Kälbchen in dieser Zeit werden entweder schon früh geschlachtet oder stehen wieder als Milchkuh zur Verfügung. Dieser tödliche Kreislauf gilt für alle Kühe, ob grosser Betrieb oder kleiner. Da hilft es auch nicht, wenn der Bauer sie beim Namen nennt.
Es ist ein Verbrechen, artgerecht ist nur die Freiheit.
Den Kleinbauern wünsche ich die Einsicht mit dieser Verdienstmöglichkeit aufzuhören, allerdings ebenso ihnen eine andere adäquate Lebensgrundlage zu geben, z.B. durch Förderung des bio-veganen Landbau. Hier ist die Politik gefordert. Die Massentierhaltung muss beendet werden. Den Bauern muss über ein Ausstiegskonzept eine Alternative angeboten werden

Ulrich Scheuffele, 18.03.2015 10:42
Hier kann sich nur was ändern, wenn sich auch beim Verbraucher etwas ändert. Ich kaufe meine Milch und Eier direkt beim Bauern auf dem Hof. Wenn ich mal Milch im Laden kaufe, dann im Naturkostladen und zahle für Qualität gerne ein paar Cent mehr.

Insider, 18.03.2015 09:02
Auch das ist der Kreis Sigmaringen:Biogasanlage am Christelhof in Laiz soll erweitert werden. Leistung steigt auf bis zu 2000 Kilowatt in Spitzenbedarfszeiten – Bewohner sehen Zufahrt durchs Dorf kritisch.Die Biogasproduzenten möchten die Kapazität ihrer Anlage deutlich von derzeit 750 auf 2000 Kilowatt in Spitzenzeiten erhöhen und benötigen dazu unter anderem zwei Lagerbehälter, die außerhalb des derzeit genehmigten Firmengeländes liegen würden.Der Sigmaringer Gemeinderat hat mit einer Enthaltung der Planung zugestimmt, unter anderem, weil die Biogasanlage auch städtische Einrichtungen versorgt und eine Erweiterung auch den Zielen der Stadt entspricht, sich in größerem Umfang aus regenerativen Energien zu versorgen.

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