KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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Bunte Milchpackungen in Supermärkten suggerieren ein gesundes Milchkuh-Leben auf saftigen Weiden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Fotos: www.tierisch-kuhl.de

Bunte Milchpackungen in Supermärkten suggerieren ein gesundes Milchkuh-Leben auf saftigen Weiden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Fotos: www.tierisch-kuhl.de

Ausgabe 207
Gesellschaft

Masse auf Kosten von Tier und Mensch

Von Lisa Eberhardt
Datum: 18.03.2015
Pro Liter Milch 59 Cent – das hat seinen Preis. Supermarktkunden sparen auf Kosten der Tiere, Melker und Treiber. Das erkennt, wer in die Gummistiefel schlüpft und sich auf dem landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt verdingt. So geschehen im Rahmen des Baden-Württemberger Recherche-Projekts "Tierisch KUHL".

Ein Kuhstall, irgendwo nördlich von Baden-Württemberg. Ein Tierparadies! Für Tauben und Stare, die sich hier zu Hunderten oder gar Tausenden direkt über den Futterplätzen eingenistet haben. Auch für die Mäuse und Ratten, die sich zwischen Pellet- und Silofutter wie im Schlaraffenland fühlen. Und für die Katzen, welche die fetten Nager und aus Nestern gepurzelte Vogelbabys verspeisen. Ein Paradies, in dem zwar kein Honig, aber dafür umso mehr Milch fließt. 

Für die Kühe und Kälber, die hier leben, und die Menschen, die hier arbeiten, ist dieser Stall allerdings nicht das Gelobte Land. Das Gemäuer, in dem bis zu 1300 Kühe gefangen sind, ist in die Jahre gekommen. Beton und rostiges Metall prägen das Ambiente. Die Tiere stehen auf Spaltboden. Ein Teil der Ruheboxen, die ihnen zur Verfügung stehen, ist mit den humusartigen Resten der hofeigenen Biogasanlage verfüllt, ein anderer Teil besteht aus Beton und ist mit Gummimatten bedeckt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie arschkurz sind – auf dass die Kühe auf den Spaltboden scheißen. Fladen, die doch auf der Liegefläche landen, müssen vom Treiber im Akkordtempo heruntergefegt werden, während er die Gruppen zu jeweils 80 bis 100 Tieren in Richtung Melkstand scheucht.

Kuh im Melkstand.
Kuh im Melkstand.

Dieser Melkstand ist ebenfalls schon älteren Baujahrs, aber immerhin mit Computertechnik ausgestattet. Jede Kuh ist hier eine Nummer, die nebst ihrer Herdennummer erfasst wird. Dazu ihre Milchleistung. Wenn sie beispielsweise fünf oder mehr Liter unter dem durchschnittlichen Milchergebnis der vergangenen Tage bleibt, muss einer von zwei Melkern das Tier via Computer melden. Beim Verlassen des Melkstands wird die Kuh dann über eine Schleuse vollautomatisch auf einen Warteplatz aussortiert, um sie anschließend zu untersuchen.

Kälber werden wie am Fließband geboren

Kühe sind in Tierfabriken dieser Art vor allem eines: Milchmaschinen. Wenn eine heißläuft, brennt nichts durch, aber sie bekommt Fieber. Im Extremfall über 41 Grad. Das treibt dem Betriebsleiter dann Sorgenfalten auf die Stirn. Er ist ein ruhiger und auch in stressigen Situationen gelassen wirkender Mann, mit trockenem Humor gesegnet und – geschätzt – Mitte 40. Im Unterschied zu seinen von Zeitdruck getriebenen Mitarbeitern scheint er fast schon zärtlich mit den Tieren umzugehen. Er mag Kühe, wie er sagt, und erzählt zwischendurch von der Weidehaltung eines Bekannten mit Fleischrassen, in der vieles anders gemacht werden könne als hier, in diesem Stall, wo viele Tiere auf wenig Raum leben.

Kälber dürfen unter diesen industriellen Bedingungen beispielsweise nicht bei ihren Müttern bleiben. Mamas und Babys werden getrennt, noch ehe das Fell der Säuglinge trocken ist. Und geboren wird wie am Fließband. Denn bei Kühen ist es auch nicht anders wie bei Menschen: Ohne frisch geborene Kinder fließt keine Milch.

Was in früheren Zeiten Bauersleute stöhnen ließ, ist hier der angestrebte Regelfall: die Produktion von Flaschenkälbern. Die Handaufzucht kostet Zeit, von der zu wenig vorhanden ist – vor allem, wenn ein Kalb nicht selbstständig trinkt. Die Gesundheit der Kleinen ist daher oft angeschlagen. Husten, Durchfall und Fieber sind auch die Kinderkrankheiten im Kälberstall. Um die Überlebenschancen zu verbessern, werden die Boxen regelmäßig mit Hochdruckreiniger und Desinfektionsmittel als keimfreie Zone markiert – bis Urin und Kot die Fläche zurückerobert haben. Tierzucht und Keimzucht gedeihen hier in einer Symbiose. 

Apropos Tierzucht: Manches milchreiche Euter ist derart gewaltig geraten, dass es fast am Boden schleift. Die Versorgung des eigenen Kalbes würde in solchen Fällen schon aus anatomischen Gründen scheitern.

Das Leben am Leistungslimit ist also alles andere als ein tierisches Vergnügen. Fünf Jahre lang halten das die Kühe in der Regel durch. Für viele führt der Weg über den Spaltboden aber schon deutlich früher in den Schlachthof. Man darf aber bei alledem nicht vergessen, dass es mit der Bauernhofromantik von schwäbischen Kleinstlandwirtschaften früher auch nicht weit her war: Kühe standen oft ein Leben lang in dunklen Anbindeställen. Im Vergleich dazu können sich heutige Hochleistungskühe immerhin in ihren Boxenlaufställen frei bewegen. 

Mehr als tausend Kühe in einer Schicht

Zurück zum Alltag des Großbetriebs: Der Krankheitsfall ist – wie alles hier – ein Kostenfaktor. Bei hochfiebrigen Mutterkühen wird nicht gleich der Tierarzt geholt, da packt der Betriebsleiter das Stethoskop lieber selbst aus, um sie abzuhören. Verdacht auf Lungenentzündung. Antibiotika sind vorrätig, der Landwirt kann rezeptlos zugreifen und spritzen. Dann muss die Kuh aber aus der Herde heraus. Würde von so einem behandelten Tier versehentlich Milch ins Milchwerk gelangen, bekäme der Betrieb einen Monat lang fünf Cent pro Liter Milch abgezogen. Bei 23 000 Liter pro Tag wären das gut 1000 Euro täglich.

Auch die Biestmilch der Tiere, die ganz frisch abgekalbt haben, darf auf keinen Fall in den Milchtank gelangen, weil sonst die ganze Ladung schlecht würde. Das muss der Treiber im Zusammenspiel mit den Melkern sicherstellen.

Eingeklemmtes Kalb.
Eingeklemmtes Kalb.

Der Treiber jagt in einer Schicht mehr als tausend Kühe vor sich her in Richtung Milchstand. Zudem hilft er den Melkern, und er schaut teilweise nach frisch geborenen Kälbern. Dementsprechend groß ist sein Zeitdruck. Tiere, die in ihren Liegeboxen nicht aufstehen wollen, werden mit Tritten traktiert oder mit einem kurzen Stock in den Körper gepiekt. Das muss weh tun. Schließlich sind Kühe keine Dickhäuter. Sie spüren sogar Mücken auf ihrem Fell, die sie mit einem Schwanzwedeln zu verscheuchen wissen.

Abhängig vom Treiber werden die Kühe auch mit Elektroschocks traktiert, wenn sie nicht aufstehen wollen oder können. Und bei manchen setzt es Stockhiebe, wenn die Tiere nicht schnell genug in Richtung Melkstand laufen – in ein Melkgefängnis: Sie gehen einen schmalen Gang entlang und biegen dann im 90-Grad-Winkel ab. Hinter ihnen schließt sich ein Brett, die nächste Kuh geht in die nächste Box, in der sie allenfalls minimal vor oder zurück kann.

Melker machen einen Scheißjob

Rund 40 Kühe können gleichzeitig abgefertigt werden. Das ist wie Fließbandarbeit: Sie beginnt mit dem Vormelken. Jedem Strich, wie die Euterzitzen im Fachjargon heißen, werden von Hand drei, vier Spritzer Milch entlockt. In dieser ersten Milch sind viele Keime enthalten, sie wird weggekippt. Dreckige Euter werden mit einem feuchten Tuch abgewischt, wobei das Tuch nur für eine Kuh verwendet werden darf. Damit Keime nicht übertragen werden. Danach werden die Melksonden angesetzt. Manche Kühe treten sie los, sodass sie erneut angesetzt werden müssen – in manchen Fällen, nachdem sie in einen Kuhfladen gefallen waren. Sobald kaum mehr Milch fließt, schalten die Melkmaschinen automatisch ab.

Danach werden die Striche der Kühe mit einer Desinfektionsflüssigkeit gedippt, auf dass sich die Euter nicht entzünden. Die Melksonden werden zudem in ein Bad mit Essigsäure getaucht, um sie zu desinfizieren, ehe die nächste Kuh angeschlossen wird. Lediglich eine Gruppe kranker Kühe, die nicht mit den anderen in Kontakt geraten darf, kommt nicht in diesen Genuss. Sie kommen bald zum Schlachter, das Desinfizieren der Melksonden wird gespart. 

All das geschieht im Akkordtempo. Die Melker machen buchstäblich einen Scheißjob. Die Kühe lassen ihre Fladen beim Gang in den Melkstand und beim Melken auf den Betonboden pflatschen. Dazwischen wird gepinkelt, als ob jemand einen Wasserhahn volle Kanne aufgedreht hätte. Wer hier arbeitet, ist bis zum Ende der rund achtstündigen Schicht von Kopf bis Fuß mit Kot und Urin bespritzt. Eine besondere Scheiße: Wenn eine Kuh beim Vormelken oder beim Dippen des Euters plötzlich loskackt. Dann ergießt sich die warme, stinkende Soße über den Arm des Melkers – wenn die Kuh etwas weiter vorne in der Box steht und der Melker folglich weit in den Melkstand hineingreifen muss, hat er die Fäkalien sogar auf der Schulter. Mal eben die juckende Nase am T-Shirt-Ärmel abzuwischen, geht dann nicht mehr.

Die Schutzkleidung besteht wohlgemerkt nur aus einer Schürze, Einweghandschuhen und Armstutzen. Diese Armstutzen haben das Qualitätsniveau eines aufgeschnittenen Gefrierbeutels mit zwei Gummizügen. Sie reichen bis über den Ellenbogen, verrutschen aber leicht. Sie werden tagelang verwendet, bis sie zerrissen sind. Auf dem Hof wird überhaupt massivst gespart. Der Betriebsleiter hebt sogar die Pappverpackungen der Medizinfläschchen auf, um sie auseinanderzufalten und die Innenseite als Notizzettel zu verwenden.

Im Vergleich zu einem Melker geht ein Hilfsarbeiter, der Ställe ausmistet, einem regelrecht sauberen Job nach. Obendrein sind die Melker geistig gefordert. Sie müssen im Blick behalten, welche Kühe gerade im Melkstand stehen. Sie haben einen Zettel mit den Nummern von Tieren, deren Milch für die Kälber in einen Eimer gemolken oder deren Milch untersucht werden muss – auch Milch-Untersuchungen machen Melker teilweise.

Kuh mit Geschwür am Bein und riesigem Euter.
Kuh mit Geschwür am Bein und riesigem Euter.

Sobald sie beim Vormelken feststellen, dass Milch sämig oder wässerig ist, müssen sie die Kuh melden – ebenso, wenn sie hinkt. Parallel dazu müssen sie im Blick behalten, wo das letzte Tier einer Gruppe steht, damit beim Entlassen aus dem Melkstand nicht Tiere verschiedener Gruppen gemeinsam abmarschieren und später mühsam getrennt werden müssen. Dasselbe droht in noch größerem Stile, wenn ein Treiber vergisst, ein Gatter zu schließen. Dann mischen sich die Kuhgruppen im Stall-Labyrinth und müssen wieder auseinandersortiert werden. Das darf schlicht nicht passieren, denn dafür ist keine Zeit. 

Acht Euro pro Stunde, keine Schmutzzulage

Für diese hektischen und körperlich anstrengenden Jobs, bei denen obendrein mitgedacht werden muss, erhalten ungelernte Berufsanfänger acht Euro pro Stunde plus Schichtzulage, aber keine Schmutzzulage. Mit zunehmender Berufserfahrung gibt es einen Euro, maximal 1,50 Euro mehr.

In einem neuen Stall sollen immerhin die Arbeitswege kürzer und die Haltungsbedingungen für die Kühe besser werden, kündigt der Betriebsleiter an. Die Planungen laufen, sie kommen aber nicht so schnell voran, wie er sich das vorstellt. Mehr Stroh soll das Wohlbefinden der Kühe steigern und damit wahrscheinlich auch ihre Milchleistung. Rund 15 Liter sind gegenwärtig eine übliche Größenordnung pro Melkdurchgang, dem sich die Paarhufer im 12-Stunden-Rhythmus unterziehen müssen. Manche schleppen sich mit Gelenken dorthin, an denen im Extremfall Geschwulste von der Größe eines Fußballs wuchern. Klauenprobleme kommen hinzu. Dementsprechend schmerzhaft kann für die Tiere schon das Aufstehen sein. Wenn sie sich dazu nicht schnell genug zwingen, setzt es eben Tritte oder Hiebe. Das ist ein tierischer Stress – für Menschen und Kühe.

Eines der unzähligen Kälber aus diesem Betrieb lebt inzwischen übrigens nicht mehr unter diesen Bedingungen. Das Pressebüro, welches das Rechercheprojekt "Tierisch KUHL" realisiert, hat das Tier für 40 Euro gekauft. Es handelt sich um eine junge Kuh, die offenbar nicht für die Milchvieh-Produktion taugte und von keinem Händler in die Kälbermast mitgenommen wurde – ein Tier, das ein Abfallprodukt der Milchproduktion war. 

 

Lisa Eberhardt ist das Pseudonym einer freien Journalistin, die sich über die Situation in der tierischen Lebensmittelproduktion informiert, indem sie in Betrieben als Arbeiterin anheuert: in Milchvieh- und Geflügelställen, in der Kälbermast, beim Tierarzt und im Schlachthof. Sie will sich ein Bild machen, wie es abseits offizieller Präsentationen in der Branche aussieht – und auf dieser Basis auch der Öffentlichkeit Einblicke bieten. Das Kalb Muhki hat sie gekauft und damit vor dem sicheren Tod bewahrt.

Das Rechercheprojekt "Tierisch KUHL" will keine Einzelfall-Diskussionen, sondern eine Grundsatzdebatte über die tierische Nahrungsmittelproduktion entfachen. Deshalb werden die landwirtschaftlichen Betriebe, in denen recherchiert wurde, in anonymisierter Form vorgestellt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es die Einkäufer sind, welche die Haltungs- und Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft maßgeblich beeinflussen – über die Auswahl von billigen oder fairer bezahlten Produkten.


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Kommentare

Antonietta, 01.05.2015 15:04
Fakt ist, dass eine Kuh jedes Jahr ein Kälbchen gebären muss, um überhaupt Milch geben zu können. Direkt nach der Geburt wird das kleine Kälbchen von seiner Mutter getrennt und in einen Käfig gesperrt. Die meisten Kälber werden nach ein paar Tagen zum Schlachthof gebracht und dort im jungen Alter (oft ohne oder mit unzureichender Betäubung) getötet, in zwei Hälften geteilt und zu Kalbs(leber)wurst verarbeitet. Ein unvorstellbares Grauen für diese jungen Kuhkinder, die eigentlich nur eins wollten, Geborgenheit bei ihrer Mutter und ein Leben in Freiheit.

Antonietta, 29.04.2015 10:05
98% des Fleisches das in Deutschland verzehrt wird, stammt aus der industriellen Massentierhaltung. Es stammt von Tieren die ein kurzes erbärmliches Leben auf engstem Raum gefristet haben, ohne die Möglichkeit ihr arteigenes Verhalten auch nur annähernd auszuleben.

Martin Schäfer, 30.03.2015 23:29
Vielen Dank für diesen Artikel , der die landwirtschaftliche Wahrheit in großen Milchviehbetrieben ans Tageslicht fördert. Eigentlich hätte man nach der Wende in der DDR mal fragen können wie es so klappt in den 1200er Kuhställen, die gab es schon lange in deutschen Landen. Damals arbeitete das ganze Dorf in solchen LPGs und nach der Trennung von LPG Pflanze und LPG Tier waren viele froh dass sie nicht mehr in die Ställe mußten und bei dem Elend mitarbeiten, Schlepper fahren ist einfach schöner.
Unsere Familie betreibt einen Demetermilchviehbetrieb mit etwa 65 Milchkühen, 60 ha Grünland, 30 ha Acker in Baden Württemberg.Das ist so die Größenordnung bei der wir zu dritt in der Lage sind auch noch Weidegang und im Sommer Grünfutter als Hauptfutter anzubieten. Mit denKlauen haben auch wir zu tun, ohne einen erfahrenen Klauenpfleger zur Seite wäre die Sache mit dem Laufstall schief gegangen. Mit dem Laufstall können wir zwar mehr Tiere halten, aber problemlos ist das eben nie. Nach Mittellangstand mit Stroheinstreu, Kurzstand mit Gitterrost in Anbindehaltung kam der Tretmiststall und jetzt seit 1999 der Boxenlaufstall, der jetzt auch wieder verbessert werden muss. Fazit nach bald 30 Jahren Ökolandwirtschaft, den perfekten Stall gibt es nicht.
Trotzdem kommen wir um eine Haltung von Rindern und Kühen nicht drumherum, ohne den Mist und die Gülle unserer Rinder sind wir nicht in der Lage dauerhaft den Humusgehalt in unseren Ackerböden zu halten und damit die Ernährung z.B. mit Getreide sicherzustellen. Auch die Verwertung des ganzen Grünlandes ist nur mit Wiederkäuern möglich, Biogasanlagen rechnen sich dafür nur mit hohenSubventionen.
Meine Forderung ist die Förderung von Ställen so zu begrenzen, dass es ab einer Viehzahl, die das dreifache des durchschnittlichen Bestandes eines Landes überschreitet keine öffentlichen Fördergelder mehr gibt.
Martin Schäfer

Dr. Edmund Haferbeck, 22.03.2015 09:57
"Kühe sind in Tierfabriken dieser Art vor allem eines: Milchmaschinen. (...) Tierzucht und Keimzucht gedeihen hier in einer Symbiose."
Damit ist alles gesagt und die Autorin hat präzise den alltäglichen ganz normalen Wahnsinn voll von Tier- und Menschenquälerei in einer solchen Fabrik beschrieben - denn nichts anderes stellen solche Anlagen mit lebenden "Produktionseinheiten" dar: Augiasställe voller Qual und beständiger Verstöße gegen einschlägige Richtlinien und gesetzliche Grundlagen, seien diese auch noch so lasch und gerade auf das Ermöglichen solcher Fabriken zugeschnitten.
PETA hätte diese Reportage nicht besser schreiben können, es wären dann halt noch die Videobilder dazugekommen, z.B. solche von der Alb:
http://www.peta.de/schwaebischealb#.VQ6C0OGgpA4
oder aus Mecklenburg-Vorpommern:
http://www.peta.de/datzetal#.VQ6DCuGgpA4
Und dennoch planen eben halt die Hahnennest-Bauern eine solche mit systemimmanenter Tierquälerei einhergehende Fabrik - mit leidensfähigen Mitgeschöpfen, gegen jegliche Vernunft. Es ist der KONTEXT-Wochenzeitung hoch anzurechnen, gerade diese beiden "Geschichten aus Oberschwaben" gegenüber gestellt zu haben.

Schwabe, 22.03.2015 09:34
Und sie* nennen es Fortschritt!
* sie = bürgerlich neoliberale* Politik
* neoliberal = neue Freiheit (des Marktes)
Gerne auch mit dem Zusatz "alternativlos".

Warum "alternativlos"? Weil hinter einer industriellen Landwirtschaft das gierige und ausbeuterische Großkapital steht welches den Profit wittert. Hier in Form von Milliardenschweren Diskountern (Lidl, Aldi, Rewe, Edeka, etc.) und von (Groß-)Molkereien und (Groß-)Schlachtereien. Hinter dem Wort "alternativlos" im Sinne von bürgerlich neoliberalen Parteien steckt zu 100 % die radikale Profitgier weniger Konzerne. Insbesondere deren Vorstände und ggf. deren Aktionäre.
In der Hoffnung auf persönliche Karrieren und evtl. auf einen Millionenschweren "Anschlußjob" nach der fragwürdigen Politikerkarriere machen sich unsere charakterlosen Gesellen bürgerlicher Politik zum Steigbügelhalter.

Und was steht bzw. stünde hinter einer bäuerlichen Laqndwirtschaft ohne das Diktat von Großkonzernen? Rücksicht auf Mensch (Landwirt), Tier und Umwelt. Gesunde Lebensmittel, anständige Arbeitsplätze, etc.! Ein glücklicheres Leben!

Und warum lassen wir uns das seit Jahrzehnten gefallen? Weil man nichts dagegen machen kann? Nein !!! Weil wir seit Jahrzehnten gleich wählen und nicht merken wie unsere Damen und Herren bürgerlich neoliberale Politiker/Parteien dies zu unseren Ungunsten und zu ihrem persönlichen Vorteil ausnützen (auch Lobbyismus genannt bzw. Korruption/Machtmißbrauch a la Deutschland).

vegantispe, 21.03.2015 19:53
Menschen die im Erwachsenenalter die Säuglingsnahrung einer artfremden Spezies konsumieren, wohlwissend welch katastrophale Zustände für die betroffenen Mütter und Kinder und für die Erde dieses Verhalten mit sich bringt, sollten mal in sich gehen und sich fragen, was mit ihnen nicht stimmt.

Dieses Verhalten ist einfach nur abartig und beschämend. Die Skrupel gegenüber den Ausgebeuteten werden immer geringer, die Gewaltbereitschaft immer größer und die Zerstörung der Erde schreitet in rasendem Tempo voran. Doch keinen interessiert es.

Schwabe, 19.03.2015 17:19
Die deutsche radikal kapital- und profitorientierte Wirtschaft und die deutsche bürgerlich neoliberale Politik arbeiten Hand in Hand. Angezettelt von den USA und der EU (also auch von Deutschland), werden weltweit aus wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen Kriege geführt und Menschen getötet. Auch die deutsche Bevölkerung leidet unter der unheilvollen Allianz von Wirtschaft und bürgerlicher Politik.
Warum also sollte die radikal am Profit orientierte und von der bürgerlichen Politik unterstützte industrielle Landwirtschaft (Massentierhaltung, Genmanipulationen, Monokulturen, etc.) auf Tiere oder die Umwelt Rücksicht nehmen wenn die Wirtschaft noch nicht einmal vor Menschenleben/Kriegen zurückschreckt?
Der Kapitalismus läßt grüßen
Anstatt weg zu kommen von der Massentierhaltung wird aus Profitgier das Gegenteil eintreten - es wird noch schlimmer werden. Die Mehrheitsbevölkerung interessiert das Leid der Tiere nicht wirklich. Die werden mit Billigjobs abgespeist und mit Unterhaltungselektronik, Handys, Mitternachts-Schopping, Fußball, Skandalen und Skandälchen etc. bespaßt und damit abgelenkt.
Wenn die Mehrheitsbevölkerung aus ihrem politischen Dornröschenschlaf endlich aufwachen würde, müßten und würden sie anders, sprich nicht bürgerlich wählen. Das ist nämlich die einzigste Chance das sich in Deutschland irgend etwas für die Mehrheitsbevölkerung und letztlich auch für Ter und Umwelt zum Guten wendet.

Gerhard Fischer, 19.03.2015 11:54
Was hier berichtet wird, ist der Alltag, sowohl für die Tiere als auch die Beschäftigten dort, Die Tier können sich nicht wehren, die Beschäftigten sind auf den Verdienst angewiesen. dieses Wirtschaftssystem, ist erbärmlich, das Tier eine Ware.
Solange so ein Wirtschaftssystem vorherrscht, wird es kein Ende geben, ausser für die Tiere selbst, die zwangsgezüchtet geboren werden, um Milch und Fleisch zu liefern, die kein Mensch braucht als Nahrung, und die nach wenigen Monaten (Kälber), Jahren (Kühe) wieder oft leidvoll getötet werden.
Nicht nur das ist das Verbrechen an der Natur, nein, das Verbrechen geschieht in den Köpfen derer, die Subventionen für eine Viehlandwirtschaft fördern, die weit weg sind von diesem Alltag. Sie müssen gezwungen werden durch den Bürger, die Massentierhaltung zu beenden, dadurch, dass solche Betriebe nicht mehr subventioniert werden, dadurch, dass die MWst. für Fleisch und Milch angehoben werden, dadurch, dass sie ein Austiegskonzept zu erarbeiten haben, um den Bauern eine Alternative, z.B. bio-veganen Landbau anzubieten.
Die Konsumenten müssen weiter über diese elenden Lebewesen verachtenden Zustände informiert werden, solange bis ihnen das tierische Essen "stinkt".

LisafürPETA, 19.03.2015 09:52
Wenn Tiere für das Einkommen der Menschen gehalten werden, werden Tiere ausgebeutet und getötet. Deshalb: gesunde und leckere Milchalternativen! (www.veganstart.de)

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