KONTEXT Extra:
S-21-Ausstieg ernsthaft erwogen

Jetzt ist es amtlich: Aus den entschwärzten Teilen eines für Angela Merkel erstellten Vermerks vom 5. Februar 2013 geht hervor, dass die Staatssekretäre der beteiligten Bundesministerien vor drei Jahren die Frage eines Ausstiegs aus Stuttgart 21 ernsthaft prüfen lassen wollten, bevor über die Kostensteigerungen entschieden werden sollte. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Michael Odenwald (CDU) hatte "eine umfassende Unterlage" erstellen lassen, wonach, wie es in dem vierseitigen Schreiben an die Kanzlerin heißt, "offenbar die Antwortentwürfe der DB AG auf die Fragen des AR kritisch kommentiert, weitere Fragen zur Kostenentwicklung und Risiken sowie nach Projektabbruch und Alternativen formuliert" wurden.

Unter anderem gibt der Vermerk die Auffassung des Bahnvorstands wieder, nach der die seinerzeit eingeräumten Kostensteigerungen nicht allein zu Lasten des Bundes gehen und andere Vorhaben der Bahn nicht tangieren würden. Das Bundesverkehrsministerium hatte dieser Ansicht zuvor widersprochen. Abschließend heißt es: "Um ein Scheitern des Projekts auf der Zeitschiene zu verhindern, muss der Aufsichtsrat nach Erörterung und Bewertung der von der DB beantworteten Fragen zügig eine Entscheidung (...)" fällen. Und das Verkehrsministerium wird gedrängt, "zügig zu einer abschließenden Bewertung der Faktenlage zu kommen und diese mit den anderen Ressorts abzustimmen".

Für Eisenhart von Loeper, der die Entschwärzung am Donnerstag in Berlin in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht erreicht hat, ist damit der "Verdacht der rechtswidrigen Einflussnahme auf die Weiterbauentscheidung erhärtet". Die weiteren nun einsehbaren Passagen des bisher Dokuments zeigten, so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, "dass es in der Sache massive, wenn auch diplomatisch formulierte Forderungen gab, Verkehrs-Staatssekretär Odenwald solle seine begründete Forderung der ernsthaften Prüfung des Ausstiegs aus dem Projekt aufgeben". Von Loeper weiter: "Obwohl es den Staatssekretären darum ging, bei Stuttgart 21 'vor dem Hintergrund der Entwicklung beim BER eine möglichst belastbare Finanzierung gewährleisten und Risiken soweit wie möglich ausschließen' zu können, sollte sich das Verkehrsministerium die Meinung des Bahnvorstands zu eigen machen. Dieser votierte dann trotz der enormen Kostensteigerung für Weiterbau."


Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Foto: VfB

Foto: VfB

Ausgabe 179
Gesellschaft

Im Tabellenkeller der Geschichte

Von Bruno Bienzle und Thomas Kuban
Datum: 03.09.2014
Ein Blick auf die Bundesligatabelle würde genügen, um Hohn und Spott über dem VfB Stuttgart auszuschütten: "Furchtlos und treu". Aber das Problem ist kein sportliches. Der wichtigste Fußballverein im Land beweist mit seinem Motto, dass er aus der Geschichte nichts gelernt hat.

Es klang wie ein Befehl. "Brust raus!" Unter diese Maxime stellte Präsident Bernd Wahler seinen programmatischen Auftritt bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart Ende Juli in der Porsche-Arena, als er den alten württembergischen Wappenspruch "Furchtlos und treu" als künftiges offizielles Leitbild des Klubs propagierte. Um eventuelle Kritik zu kontern, eine derart angejahrte Devise spreche der zugleich angestrebten Verjüngungskur der Weiß-Roten Hohn, präsentierte der vormalige Marketing-Manager von Adidas das neue Motto vorsorglich im modischen Gewand: furchtlosundtreu, in einem Wort geschrieben, soll Schwabens Fußballstolz neuen Glanz verbreiten und prangt fortan - in weißer Schrift auf schwarzem Grund - samt VfB-Wappen auf dem Mannschaftsbus. 

Doch statt den erhofften donnernden Applaus erntet der VfB seitdem neben pflichtschuldiger Ergebenheit aus der Cannstatter Kurve ("Besser als nix") harsche Kritik und beißenden Spott. Er beweise ein seltsames Geschichtsbewusstsein, exakt hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs jenen Leitspruch aus der Versenkung zu holen, mit dem Tausende Angehörige württembergischer Regimenter auf die Schlachtfelder jenseits des Rheins und in den Tod gezogen seien. Selbst linker Umtriebe Unverdächtige, wie das VfB-Ehrenmitglied Matthias Kleinert, schütteln darüber nur den Kopf.

Alt, abgegriffen, fragwürdig: Das neue Motto des VfB am Stadion. Foto: Benny Ulmer
Alt, abgegriffen, fragwürdig: Das neue Motto des VfB am Stadion. Foto: Benny Ulmer

Tatsächlich war der Treueschwur im Laufe der Zeit mancherlei Vereinnahmung ausgesetzt. Zu Zeiten des Nationalsozialismus sowieso, doch bis in unsere Tage bedienen sich rechtsextreme Gruppierungen sowie Musikgruppen der Neonaziszene wie "Race War" ungeniert des Wahlspruchs der alten Württemberger.

Am VfB-Chef ist alle Geschichte spurlos vorüber gegangen

Doch am VfB-Chef und sämtlichen Beratern, an der Spitze die vom VfB mit der Entwicklung einer Markenstrategie beauftragte Stuttgarter Werbeagentur Panama, muss all das spurlos vorübergegangen sein. Nicht so an vielen VfB-Fans, wie sich in den einschlägigen Foren im Internet nachlesen lässt. "Sieht so die von Wahler versprochene schwäbische Hochleistungskultur aus?" Oder: "Was für ein kranker Scheiß! Mensch Wahler, können Sie nicht mal ein bisschen aufpassen!?" - "Wie wär's, Wahler und Bobic ließen endlich Taten sprechen! Sprüche haben sie während und nach der verkorksten letzten Saison genug geklopft." Oder: "Und dieser Mann ist uns vom Aufsichtsrat als Marketingexperte gepriesen worden!" Der FC Bayern, wirft ein anderer weiß-roter Fan ein, hätte sein krachledernes, aber unverdächtiges Mia san mia, der VfB aber schieße "ein Eigentor". Vorzugsweise geeignet als Quell fortwährenden Spotts. "Furchtbar und kopfscheu" hätten sich Gentner & Co bei der Pokal-Pleite in Bochum präsentiert. Und am letzten Spieltag gegen Köln sah es auch nicht anders aus.

Joe Bauer, Kolumnist der "Stuttgarter Nachrichten", hat dem VfB-Präsidenten in einer seiner Depeschen im Internet eine verbale Vollrasur verpasst: "Der VfB-Slogan ist ein Fressen für rechtsextreme Ultras. Abgesehen von der historischen/politischen/militaristischen Dimension: Jeder Schützenverein aus der tiefsten Provinz würde sich heute mit dieser dumpfbackigen Parole blamieren. Wenn der Präsident eines Erstligaclubs aus der Hauptstadt eines Bundeslandes so etwas nicht begreift, ist er fehl am Platz. Er müsste zurücktreten. Erstens aus Ahnungslosigkeit, zweitens aus Unfähigkeit, seine Pflichten als Repräsentant eines Vereins und einer Stadt zu erkennen. Sei's drum. Ich weiß, wie sie beim VfB ihr ´Traditionsbewusstsein' rechtfertigen werden: Nur weil die Nazis Brot essen, dürfen wir kein Brot essen? Doch. Fresst die Dummheit löffelweise."

Furchtlos und treu - die Facebook-Seite des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Screenshot
Furchtlos und treu - die Facebook-Seite des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Screenshot

Was sagt Bernd Wahler zu alledem? Gar nichts. Der Nachfolger des vormaligen Porsche-Managers Gerd Mäuser, der sich als wandelndes Missverständnis im Roten Haus entpuppt und keinem Fettnapf aus dem Weg gegangen war, zahlt auch im zweiten Amtsjahr Lehrgeld. Staunend registriert er, wie in bester Absicht verkündete Ansagen quasi über Nacht zum Bumerang werden. Da war die von den Mitgliedern bei seiner Vorstellung noch pflichtschuldig mit Applaus bedachte Erklärung, der VfB gehöre für ihn in die Champions League, die ihn seitdem immer wieder einholt. Vor dieser Saison stellte er dem VfB-Anhang "ein, zwei Kracher" in Aussicht und auch gleich klar, dass er dabei an Verstärkungen für die Profitruppe denke und nicht etwa an das neue Ehrenratsmitglied Guido Buchwald oder an Karl Allgöwer, den er sich in einem Gremium vorstellen könne, das den glücklosen Sportvorstand Fredi Bobic beraten soll.

Kein Wunder, dass im Flurfunk in der VfB-Zentrale der hauptamtlich tätige VfB-Boss wie schon sein Vorgänger als "unser oberster Azubi" apostrophiert wird.

Lockt der VfB mit seiner Parole Rechtsradikale an?

Nun mögen Manager und Werbeagenten Geschichte als Steinbruch betrachten, aus dem sie passendes PR-Material heraus klauben können. Aber die braune Vergangenheit ihres Wahlspruchs einfach ausblenden, und seine Gegenwart ignorieren, wenn man damit die "Verbundenheit des Clubs mit den Schwaben der Region" zeigen will? "Furchtlos und treu" - so nannte sich auch eine Neonazi-Vereinigung im Stuttgarter Umfeld, die um die Jahrtausendwende herum aus der Sektion Württemberg des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" und dessen Jugendorganisation "White Youth" entstanden ist. Nach eigener Darstellung sei das noch vor dem Verbot der "Blood & Honour"-Division Deutschland gewesen, was das Landesamt für Verfassungsschutz damals geglaubt und "Furchtlos & Treu" nicht als Nachfolgeorganisation einer verbotenen Gruppierung bewertet hat.

Der Einladungsflyer zu einem Fußballturnier, das die Nazi-Organisation Furchtlos & Treu mitorganisiert hat. Bild: Scan
Der Einladungsflyer zu einem Fußballturnier, das die Nazi-Organisation Furchtlos & Treu mitorganisiert hat. Bild: Scan

Hinzu kommt: Während sich andere Fußballvereine der Nazi-Problematik in ihrer Anhängerschaft zunehmend bewusst werden und zumindest teilweise dagegen vorgehen, lockt die VfB-Führung mit ihrer neuen Parole die Rechtsextremisten womöglich geradezu an. Dabei ist zu beachten, dass auch die Nazis von "Furchtlos & Treu" fußballbegeistert waren und wahrscheinlich noch sind. Sie organisierten sogar Fußballturniere.

Dass der VfB auf seiner Startseite im Internet bis vor kurzem auch noch drei Trikots in der Reihenfolge schwarz-weiß-rot präsentierte, also in den Farben der Reichsflagge, dürfte symbolverliebten Nazis ebenfalls nicht entgangen sein. Das lässt den Fehlschuss der VfB-Chefetage als besonders kunstvolles Eigentor erscheinen. Denn unter den Fans tummeln sich nachweisbar Nazis, wie wohl bei fast allen Bundesliga-Vereinen.

Als da wäre "Neckar-Fils Stuttgart" beispielhaft zu nennen, eine schlagkräftige Gruppierung, die sich zum VfB bekennt. Es handelt sich - um es im Hooligan-Jargon zu sagen - um eine "Firm". Ihre Initialen "NF" sind - mehr oder weniger zufällig - identisch mit jenen der britischen Rechtsaußen-Partei "National Front".

Im Internet kursieren Video-Aufnahmen von einem Stuttgart-Konzert der britischen Nazi-Kultband Skrewdriver am 8.8.1992. Ein symbolträchtiges Datum, denn die "88" steht in der Szene als Zahlencode für "Heil Hitler". Hinter Skrewdriver-Sänger Ian Stuart Donaldson, der als Gründer das internationalen Nazi-Netzwerks "Blood & Honour" gilt, ist eine Flagge von "Neckar-Fils Stuttgart" zu sehen. Derzeit präsentiert sich die Stuttgarter NF-Truppe auf ihrer Facebook-Seite mit einer Foto-Show, die mit dem Titel "Mann für Mann" der Nazi-Band "Störkraft" musikalisch unterlegt ist. Im späten Frühjahr 2014 feierte "Neckar-Fils Stuttgart" bereits das 35-jährige Bestehen feiern.

Das Clubheim der Nazi-Organisation Furchtlos & Treu ist im Jahr 2003 abgebrannt. Foto: www.FilmFaktum.de
Das Clubheim der Nazi-Organisation Furchtlos & Treu ist im Jahr 2003 abgebrannt. Foto: www.FilmFaktum.de

Und noch ein letzter Hinweis: Im Falle der Nazi-Organisation "Furchtlos & Treu" brannte im Jahr 2003 zwar keine konspirative Wohnung und auch kein Wohnwagen aus wie beim NSU 2011, aber das Clubheim zwischen Meimsheim und Botenheim. Das liegt vor den Toren der Stadt Heilbronn, in der es noch viele offene Fragen bezüglich des Mordes an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter gibt. Damit befasst sich ein Recherche-Projekt des Freiburger Film-Labels FilmFaktum.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

JR, 09.09.2014 20:20
Hihi... Jetzt unterstützen auch die Fantas das Motto mit einem Stadionsong.
Auf gehts Kontext, haut alle in die Naziecke.

Schade, wenn man im Ländle nix zum Schimpfen findet...
Dann muss man halt was erfinden oder über Rostwasser schreiben.

maguscarolus, 09.09.2014 18:36
Für mich zeigt das Verhalten der VFB-Schickeria nur deren Zugehörigkeit zu den wahrhaft bildungsfernen Schichten!

Benno Mehring, 09.09.2014 17:21
Zu @soso und JR: Irgendwie lustig. Anfang bis Mitte der 70er Jahre kam ein Stadionverbot durch den amtierenden VfB-Präsidenten einem Nachweis für journalistische Unabhängigkeit gleich. Der Senator der Gutenberg-Gesellschaft, Konsul von Togo und Verleger von Kunstbüchern bewies seine Affinität zum Fußball, als er den VfB mit einem "Librio der Extraklasse" verstärken wollte und den 22 Mitgliedern des DFB-Kaders für die WM '74 per Formbrief sein Interesse an einer Verpflichtung übermittelte und um Antwort unter Angabe "Ihrer Gehaltsvorstellungen" bat. Das Ende der Ära Weitpert: Abwahl in einer ao. Mitgliederversammlung im April '74, Abstieg im Mai '74 unter Hinterlassung eines Schuldenbergs in zweistelliger Millionenhöhe. Der Nachfolger hieß übrigens Mayer-Vorfelder.

Lennart, 08.09.2014 16:08
Das ist wahrer Qualitätsjournalismus. Da darf Bruno Bienzle, laut der Gedenkseite für Axel Dünnwald-Metzler auf einer Degerlocher Homepage "absoluter Kickers-Fan" (http://www.stuttgarter-kickers.de/verein/gremien/ehrenprasident-axel-dunnwald-metzler) einen abfälligen Artikel über den VfB und seine Fans schreiben. Da kommt man dann ganz schnell von Neckarfils über das zugegebenermaßen etwas anachronistische aber in der Fanszene durchaus verbreitete "Furchtlos und treu" zur Anordnung der Trikots auf der Homepage.

Aber vielleicht kriegt Herr Bienzle ja jetzt etwas Oberwasser, wo die Blauen in der Dritten Liga auf Platz 1 stehen, während der VfB im Tabellenkeller der Ersten Liga feststeckt. Seien Sie sich sicher, Herr Bienzle: das geht wieder vorbei und schon bald können Sie es sich wieder in Ihrer blauen Bedeutungslosigkeit gemütlich machen.

MCBuhl, 07.09.2014 20:15
Waren wirklich Soldaten oder Untertanen gemeint? Oder meinte das Herrscherlein nicht sich selbst?
Wie alt ist das Wappenmotto eigentlich?
Gibt es da nicht den Zusammenhang mit der Reichssturmfahne? Also dass der württembergische Graf in einem Reichsheer ganz vorne mit dabei ist? Furchtlos eben...

Michael Jarosch, 07.09.2014 10:32
"Wenn wir alles, was (Neo-)Nazis einmal verwendet haben, mit dem Bann belegen, überlassen wir ihnen ein Stück weit die Macht."

Das ist wohl war.

"Furchtlos und treu" ist allerdings keine unverfängliche Aneinanderreihung irgendwelcher Worte. Wir alle wissen, was für Leute furchtlos und treu zu sein haben (zumindest nach Auffassung derer, die diese Menschen auf so etwas einschwören wollen): Soldaten.
Dieser Ausspruch hat natürlich einen militärischen Ursprung - und genau das finden (Neo-)Nazis gut, und genau deswegen wird er so gerne von diesen Kameraden genutzt.

Ich bin sicherlich kein Freund dessen, dass man kampflos den Nazis alles überlässt, was sie einmal angefasst haben. Allerdings frage ich mich, was man als kritisch denkender Mensch an diesem Spruch denn retten muss, dass er nicht komplett in die Hände der Nazis gerät. Er passt doch zu ihnen!

Daran ändern übrigens auch die Artikel der Stuttgarter Nachrichten (aus dem Kommentar von Thomas Schmadke, weiter unten) nichts: Zwar sagen gleich zwei Historiker: "Alles in Ordnung!" Aber warum sie zu dieser Einsicht kommen, steht da nicht. WENN einmal inhaltlich darauf eingegangen wird, ist dann doch wieder nur die Rede von "Heimat", "Stolz", "Tradition" oder allem zusammen.

Es mag zwar heute wieder Trendy sein, sich positiv auf seine Herkunft zu berufen, allerdings brauche ich kein (letztlich ausgrenzendes) Wir-Gefühl, um mich wohl (oder besser) zu fühlen. Und wenn der VfB meint, ein Motto, das Kadavergehorsam fordert, wäre das richtige für seinen Verein, dann ist's wohl auch nicht meiner.

JR, 07.09.2014 10:19
@soso
Danke für den Hinweis.
Ich habe mich schon gefragt was den Autor bewegt hat einen solch abstrus konstruierten Artikel zu schreiben.
Da ist einer schlicht beleidigt.
Und selbst wäre der Autor nicht mal auf das Thema gekommen. Er nutzt nur die Steilvorlage des dunkelblauen Joe Bauer. Ohne dass er ein Prozent dessen Talent hat.
Oberpeinlich ist der Vergleich der VfB Trikots mit der Reichsflagge.
Warum hat das Kontextlogo die gleichen Farben ?

Man könnte glauben, dass die Rechten hinter der Zeitung stecken um die linken mit so schlechten Artikeln zu diskreditieren.

Soso, 06.09.2014 21:39
„Bruno Bienzle war 39 Jahre Redaktionsmitglied der "Stuttgarter Nachrichten", davon 26 Jahre Lokalchef und zuvor zwölf Jahre im Sportressort. In der Abstiegssaison 74/75 belegte ihn VfB-Präsident Weitpert nach der 3:4-Heimniederlage gegen den MSV Duisburg mit Stadionverbot.
Quelle: http://www.kontextwochenzeitung.de/medien/159/zwei-zeitungen-im-brustring-2146.html

Hartmann Ulrich, 06.09.2014 16:01
"Furchtlos und trew" (mit w) war der Wahlspruch des Hauses Württemberg und Teil des Landeswappens. Mir ist das Motto erstmals auf Weinflaschen begegnet. Wenn wir alles, was (Neo-)Nazis einmal verwendet haben, mit dem Bann belegen, überlassen wir ihnen ein Stück weit die Macht.

MCBuhl, 05.09.2014 22:19
Der einzig wahre Klub der Stadt hat dieses Motto auch schon mehrfach drucken lassen:
http://t.co/WXWzXr7DXb

Es ist auch noch einer der drei Sterne des Vereinsemblems zu erkennen (Könner, Kämpfer, Kameraden)

Simon Steiner, 05.09.2014 10:52
Der Slogan hat 1. ein braunes Gschmäggle und 2. passt die Wahl zwar zum altbackenen Gebaren des VfB als Verein aber nicht zu seinen Fans und auch nicht zu seiner Spielweise. Das macht das alles zusammen gesehen so abstoßend.

Marco, 04.09.2014 21:50
Die Wurzeln des Vereins liegen eben in den unteren Schichten der Stuttgarter - oder besser - der Cannstatter Gesellschaft. Das wird nicht nur im leicht geschönten Gründungsdatum (denn hier wäre 1912 wesentlich treffender), sondern auch immer wieder in der einen oder anderen Aktion des Vereins oder Aussage von Verantwortlichen deutlich. Mangelnder Stil und mangelnde Weitsicht machen sich eben irgendwann auch im sportlichen Bereich bemerkbar. Immer gehetzt von der Besessenheit den FC Bayern abzulösen, hat man längst dessen Größe und Stil aus den Augen verloren. Man verlegt sich lieber darauf, den in der Stadt beheimateten Drittligisten zu schikanieren und benötigt anschließend wieder eine Heerschar Stabsdirektoren, um alles zu relativieren. Damit erreicht man die Championsleaque aber wohl nicht wirklich...

Alm Öhi, 04.09.2014 14:31
Der VfB ist da auch in guter Gesellschaft. 1899 Hoffenheim wirbt jetzt mit "Ein Team. Ein Weg. Einmalig"

http://www.achtzehn99.de/hoffe-verpasst-sich-einmaligen-auftritt/

Am Besten holen sie sich jetzt noch Jonathan Meese auf die Ehrentribüne.

Nadine, 03.09.2014 18:21
Ich kann mich Stuttgarterin nur anschließen. Abgesehen von der Tatsache, dass weder Furchtlosigkeit noch Treue in irgendeiner Art und Weise etwas mit Fußball zutun haben, weckt diese doch recht dumpfe Parole allenfalls vereins- und nationalstolze Gefühle in irgendwelchen pubertierenden Jungens-Brüsten (und Männerbrüsten, die auf dem Niveau hängen geblieben sind); schlimmstenfalls allerdings, wie weiter unten im Artikel angedeutet, führt es zu dämlichen Nazigröhlereien irgendwelcher Idioten.

Wie man sich sowas ausdenken kann...Ignoranz, gepaart mit Unwissen, fehlender Sensibilität und Werbegeilheit...das sind die richtigen Zutaten für so eine Hirnbrühe...!

Schwabe, 03.09.2014 15:36
Ähnlichkeiten des Artikels über den neuen "Schlachtruf" des VFB mit den "Brunzdummen Bühnennazis" (siehe letzte Kontext Ausgabe 178) drängen sich mir unweigerlich auf!
Herr Schmeiß Hirn ra.

Marc Braun, 03.09.2014 15:36
Jetzt wo sie es sagen fällt es mir auch auf. Ich hätte nie gedacht dass die Kontext-Leute so weit rechts sind!

AZ, 03.09.2014 14:21
Da ging der Furor mit den Autoren durch. Dass die Führung im wesentlichen verbesserungswürdig ist, ist richtig. Dass man Herrn Wahler dann als Azubi bezeichnet und das auf Flurfunk (sprich: Hörensagen) zurückführt, ist nicht die feine Art.

Aber dass der neue Präsident mehr heiße Luft verbreitet als den VfB voran zu bringen, das stimmt. Siehe hier:
http://vertikalpass.de/eine-reine-luftnummer/

Filip Kostic, 03.09.2014 13:37
muss nun leider auch die Bank drücken.

Bekanntlich steht die 18 ja für A(dolf) H(itler) - das geht ja nun gar nicht!

Die 18 sollte man einfach nicht mehr vergeben und auch sonst - ebenso wie die 88 gar nicht mehr benutzen.

Politisch korrekt wäre das jetzt also die 177. Ausgabe des Kontext.

Die Frage der Volljährigkeit müsste dann eben einfach anders geregelt werden.

Rechtsaußen, 03.09.2014 13:28
Politisch korrekt wird der VfB zukünftig nicht mehr über den rechten Flügel angreifen - dieser bleibt zukünftig unbesetzt - und auch keine Stürmer mehr einsetzen.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 270 / Grüne Geheimniskrämer / SechSelo, 01.06.2016 01:07
In einem solchen Beitrag wäre es darüber hinaus sehr wichtig gewesen, explizit darauf hinzuweisen, dass ein Zustandekommen von CETA ein TTIP durch die Hintertür ist, selbst wenn Letzteres scheitern sollte. Ein viel verheerenderes als es...

Ausgabe 269 / Der Menschenknipser / Reinmar Wipper, 31.05.2016 22:47
Vor ein paar Wochen saß Jo Röttgers an meinem Tisch, hat ein Wasser getrunken und registriert, was Susanne Stiefel von mir wissen wollte. Beim anschließenden Rundgang durch meinen Stadtteil hat er ein paar Bilder "geknipst", die genau...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Barolo, 31.05.2016 10:23
Hatte nun endlich Zeit den im Artikel angegebenen Film "Falsches Signal – Wie die Bahn beim Güterverkehr versagt" anzusehen. Als Stuttgarter ist man schon verblüfft, wie bei unserem Grossmarkt, trotz Gleisanschluss, 100% mit LKW...

Ausgabe 269 / Der Menschenknipser / by-the-way, 30.05.2016 22:57
... kein Kommentar zum Artikel über Jo Röttgers ? Das kann ich so nicht stehen lassen! Persönlich habe ich ihn, bei einem Projekt im Jahr 2004 in Thailand, an dem wir beide auf unterschiedliche Weise beteiligt waren,...

Ausgabe 65 / Arbeit: "Angst essen Seele auf" / SL, 30.05.2016 19:14
Was für ein punktgenauer Text. Meine Hochachtung und gleichzeitig fühle ich Verdruss. Ein einziger Kommentar unter diesem Text, den ich weniger für revolutionär als vielmehr für haarscharf beobachtet halte. Das dann noch in diese...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Ingstan, 30.05.2016 17:39
wie so oft sind die Kommentare fast aufschlussreicher als der Artikel, den ich als informativ empfand. Vom warmen Sofa aus lässt sich leicht lästern. Wer in und um Stuttgart herum noch glaubt, dass Polizisten bei Demoeinsätzen edel und...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / D. Hartmann, 30.05.2016 15:55
Zum letzten Satz Ihres Artikels eine wichtige Korrektur: Am Brennerbasistunnel wird breits seit über 2 Jahren gebaut. Inzwischen sind neben Erkundungs- , Zufahrts- und Rettungsstollen auch schon fast 5 km Haupttunnelröhren...

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Schwabe, 30.05.2016 11:03
Schließe mich Manfred Fröhlichs Kommentar an - "Gut gewettert" Herr Grohmann. So viel Sachlichkeit läßt so manchen Schaumschläger/Nebelkerzenzünder (jetzt da das Kind AfD geboren ist sollte man wieder seine Zieheltern CDU/CSU, SPD...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Horst Ruch, 29.05.2016 20:36
.....die Frage wird man doch noch stellen dürfen: warum ist "rechts" auf dem Vormarsch in "ganz" Europa. Doch wohl nur, weil die "Sozial" Demokraten ihren Geist an die "freie" Wirtschaft verkauft haben. Da wundert es manchmal schon, daß...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Schwabe, 29.05.2016 12:47
Die Folge daraus, dass m.E. die überwiegende Zahl von Journalisten (egal ob in Österreich, in Deutschland oder anderswo) nicht in der Lage ist bzw. nicht gewillt ist über die innen- und außenpolitischen Auswirkungen etablierter...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!