KONTEXT Extra:
Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


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Foto: VfB

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Ausgabe 179
Gesellschaft

Im Tabellenkeller der Geschichte

Von Bruno Bienzle und Thomas Kuban
Datum: 03.09.2014
Ein Blick auf die Bundesligatabelle würde genügen, um Hohn und Spott über dem VfB Stuttgart auszuschütten: "Furchtlos und treu". Aber das Problem ist kein sportliches. Der wichtigste Fußballverein im Land beweist mit seinem Motto, dass er aus der Geschichte nichts gelernt hat.

Es klang wie ein Befehl. "Brust raus!" Unter diese Maxime stellte Präsident Bernd Wahler seinen programmatischen Auftritt bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart Ende Juli in der Porsche-Arena, als er den alten württembergischen Wappenspruch "Furchtlos und treu" als künftiges offizielles Leitbild des Klubs propagierte. Um eventuelle Kritik zu kontern, eine derart angejahrte Devise spreche der zugleich angestrebten Verjüngungskur der Weiß-Roten Hohn, präsentierte der vormalige Marketing-Manager von Adidas das neue Motto vorsorglich im modischen Gewand: furchtlosundtreu, in einem Wort geschrieben, soll Schwabens Fußballstolz neuen Glanz verbreiten und prangt fortan - in weißer Schrift auf schwarzem Grund - samt VfB-Wappen auf dem Mannschaftsbus. 

Doch statt den erhofften donnernden Applaus erntet der VfB seitdem neben pflichtschuldiger Ergebenheit aus der Cannstatter Kurve ("Besser als nix") harsche Kritik und beißenden Spott. Er beweise ein seltsames Geschichtsbewusstsein, exakt hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs jenen Leitspruch aus der Versenkung zu holen, mit dem Tausende Angehörige württembergischer Regimenter auf die Schlachtfelder jenseits des Rheins und in den Tod gezogen seien. Selbst linker Umtriebe Unverdächtige, wie das VfB-Ehrenmitglied Matthias Kleinert, schütteln darüber nur den Kopf.

Alt, abgegriffen, fragwürdig: Das neue Motto des VfB am Stadion. Foto: Benny Ulmer
Alt, abgegriffen, fragwürdig: Das neue Motto des VfB am Stadion. Foto: Benny Ulmer

Tatsächlich war der Treueschwur im Laufe der Zeit mancherlei Vereinnahmung ausgesetzt. Zu Zeiten des Nationalsozialismus sowieso, doch bis in unsere Tage bedienen sich rechtsextreme Gruppierungen sowie Musikgruppen der Neonaziszene wie "Race War" ungeniert des Wahlspruchs der alten Württemberger.

Am VfB-Chef ist alle Geschichte spurlos vorüber gegangen

Doch am VfB-Chef und sämtlichen Beratern, an der Spitze die vom VfB mit der Entwicklung einer Markenstrategie beauftragte Stuttgarter Werbeagentur Panama, muss all das spurlos vorübergegangen sein. Nicht so an vielen VfB-Fans, wie sich in den einschlägigen Foren im Internet nachlesen lässt. "Sieht so die von Wahler versprochene schwäbische Hochleistungskultur aus?" Oder: "Was für ein kranker Scheiß! Mensch Wahler, können Sie nicht mal ein bisschen aufpassen!?" - "Wie wär's, Wahler und Bobic ließen endlich Taten sprechen! Sprüche haben sie während und nach der verkorksten letzten Saison genug geklopft." Oder: "Und dieser Mann ist uns vom Aufsichtsrat als Marketingexperte gepriesen worden!" Der FC Bayern, wirft ein anderer weiß-roter Fan ein, hätte sein krachledernes, aber unverdächtiges Mia san mia, der VfB aber schieße "ein Eigentor". Vorzugsweise geeignet als Quell fortwährenden Spotts. "Furchtbar und kopfscheu" hätten sich Gentner & Co bei der Pokal-Pleite in Bochum präsentiert. Und am letzten Spieltag gegen Köln sah es auch nicht anders aus.

Joe Bauer, Kolumnist der "Stuttgarter Nachrichten", hat dem VfB-Präsidenten in einer seiner Depeschen im Internet eine verbale Vollrasur verpasst: "Der VfB-Slogan ist ein Fressen für rechtsextreme Ultras. Abgesehen von der historischen/politischen/militaristischen Dimension: Jeder Schützenverein aus der tiefsten Provinz würde sich heute mit dieser dumpfbackigen Parole blamieren. Wenn der Präsident eines Erstligaclubs aus der Hauptstadt eines Bundeslandes so etwas nicht begreift, ist er fehl am Platz. Er müsste zurücktreten. Erstens aus Ahnungslosigkeit, zweitens aus Unfähigkeit, seine Pflichten als Repräsentant eines Vereins und einer Stadt zu erkennen. Sei's drum. Ich weiß, wie sie beim VfB ihr ´Traditionsbewusstsein' rechtfertigen werden: Nur weil die Nazis Brot essen, dürfen wir kein Brot essen? Doch. Fresst die Dummheit löffelweise."

Furchtlos und treu - die Facebook-Seite des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Screenshot
Furchtlos und treu - die Facebook-Seite des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Screenshot

Was sagt Bernd Wahler zu alledem? Gar nichts. Der Nachfolger des vormaligen Porsche-Managers Gerd Mäuser, der sich als wandelndes Missverständnis im Roten Haus entpuppt und keinem Fettnapf aus dem Weg gegangen war, zahlt auch im zweiten Amtsjahr Lehrgeld. Staunend registriert er, wie in bester Absicht verkündete Ansagen quasi über Nacht zum Bumerang werden. Da war die von den Mitgliedern bei seiner Vorstellung noch pflichtschuldig mit Applaus bedachte Erklärung, der VfB gehöre für ihn in die Champions League, die ihn seitdem immer wieder einholt. Vor dieser Saison stellte er dem VfB-Anhang "ein, zwei Kracher" in Aussicht und auch gleich klar, dass er dabei an Verstärkungen für die Profitruppe denke und nicht etwa an das neue Ehrenratsmitglied Guido Buchwald oder an Karl Allgöwer, den er sich in einem Gremium vorstellen könne, das den glücklosen Sportvorstand Fredi Bobic beraten soll.

Kein Wunder, dass im Flurfunk in der VfB-Zentrale der hauptamtlich tätige VfB-Boss wie schon sein Vorgänger als "unser oberster Azubi" apostrophiert wird.

Lockt der VfB mit seiner Parole Rechtsradikale an?

Nun mögen Manager und Werbeagenten Geschichte als Steinbruch betrachten, aus dem sie passendes PR-Material heraus klauben können. Aber die braune Vergangenheit ihres Wahlspruchs einfach ausblenden, und seine Gegenwart ignorieren, wenn man damit die "Verbundenheit des Clubs mit den Schwaben der Region" zeigen will? "Furchtlos und treu" - so nannte sich auch eine Neonazi-Vereinigung im Stuttgarter Umfeld, die um die Jahrtausendwende herum aus der Sektion Württemberg des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" und dessen Jugendorganisation "White Youth" entstanden ist. Nach eigener Darstellung sei das noch vor dem Verbot der "Blood & Honour"-Division Deutschland gewesen, was das Landesamt für Verfassungsschutz damals geglaubt und "Furchtlos & Treu" nicht als Nachfolgeorganisation einer verbotenen Gruppierung bewertet hat.

Der Einladungsflyer zu einem Fußballturnier, das die Nazi-Organisation Furchtlos & Treu mitorganisiert hat. Bild: Scan
Der Einladungsflyer zu einem Fußballturnier, das die Nazi-Organisation Furchtlos & Treu mitorganisiert hat. Bild: Scan

Hinzu kommt: Während sich andere Fußballvereine der Nazi-Problematik in ihrer Anhängerschaft zunehmend bewusst werden und zumindest teilweise dagegen vorgehen, lockt die VfB-Führung mit ihrer neuen Parole die Rechtsextremisten womöglich geradezu an. Dabei ist zu beachten, dass auch die Nazis von "Furchtlos & Treu" fußballbegeistert waren und wahrscheinlich noch sind. Sie organisierten sogar Fußballturniere.

Dass der VfB auf seiner Startseite im Internet bis vor kurzem auch noch drei Trikots in der Reihenfolge schwarz-weiß-rot präsentierte, also in den Farben der Reichsflagge, dürfte symbolverliebten Nazis ebenfalls nicht entgangen sein. Das lässt den Fehlschuss der VfB-Chefetage als besonders kunstvolles Eigentor erscheinen. Denn unter den Fans tummeln sich nachweisbar Nazis, wie wohl bei fast allen Bundesliga-Vereinen.

Als da wäre "Neckar-Fils Stuttgart" beispielhaft zu nennen, eine schlagkräftige Gruppierung, die sich zum VfB bekennt. Es handelt sich - um es im Hooligan-Jargon zu sagen - um eine "Firm". Ihre Initialen "NF" sind - mehr oder weniger zufällig - identisch mit jenen der britischen Rechtsaußen-Partei "National Front".

Im Internet kursieren Video-Aufnahmen von einem Stuttgart-Konzert der britischen Nazi-Kultband Skrewdriver am 8.8.1992. Ein symbolträchtiges Datum, denn die "88" steht in der Szene als Zahlencode für "Heil Hitler". Hinter Skrewdriver-Sänger Ian Stuart Donaldson, der als Gründer das internationalen Nazi-Netzwerks "Blood & Honour" gilt, ist eine Flagge von "Neckar-Fils Stuttgart" zu sehen. Derzeit präsentiert sich die Stuttgarter NF-Truppe auf ihrer Facebook-Seite mit einer Foto-Show, die mit dem Titel "Mann für Mann" der Nazi-Band "Störkraft" musikalisch unterlegt ist. Im späten Frühjahr 2014 feierte "Neckar-Fils Stuttgart" bereits das 35-jährige Bestehen feiern.

Das Clubheim der Nazi-Organisation Furchtlos & Treu ist im Jahr 2003 abgebrannt. Foto: www.FilmFaktum.de
Das Clubheim der Nazi-Organisation Furchtlos & Treu ist im Jahr 2003 abgebrannt. Foto: www.FilmFaktum.de

Und noch ein letzter Hinweis: Im Falle der Nazi-Organisation "Furchtlos & Treu" brannte im Jahr 2003 zwar keine konspirative Wohnung und auch kein Wohnwagen aus wie beim NSU 2011, aber das Clubheim zwischen Meimsheim und Botenheim. Das liegt vor den Toren der Stadt Heilbronn, in der es noch viele offene Fragen bezüglich des Mordes an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter gibt. Damit befasst sich ein Recherche-Projekt des Freiburger Film-Labels FilmFaktum.


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Kommentare

JR, 09.09.2014 20:20
Hihi... Jetzt unterstützen auch die Fantas das Motto mit einem Stadionsong.
Auf gehts Kontext, haut alle in die Naziecke.

Schade, wenn man im Ländle nix zum Schimpfen findet...
Dann muss man halt was erfinden oder über Rostwasser schreiben.

maguscarolus, 09.09.2014 18:36
Für mich zeigt das Verhalten der VFB-Schickeria nur deren Zugehörigkeit zu den wahrhaft bildungsfernen Schichten!

Benno Mehring, 09.09.2014 17:21
Zu @soso und JR: Irgendwie lustig. Anfang bis Mitte der 70er Jahre kam ein Stadionverbot durch den amtierenden VfB-Präsidenten einem Nachweis für journalistische Unabhängigkeit gleich. Der Senator der Gutenberg-Gesellschaft, Konsul von Togo und Verleger von Kunstbüchern bewies seine Affinität zum Fußball, als er den VfB mit einem "Librio der Extraklasse" verstärken wollte und den 22 Mitgliedern des DFB-Kaders für die WM '74 per Formbrief sein Interesse an einer Verpflichtung übermittelte und um Antwort unter Angabe "Ihrer Gehaltsvorstellungen" bat. Das Ende der Ära Weitpert: Abwahl in einer ao. Mitgliederversammlung im April '74, Abstieg im Mai '74 unter Hinterlassung eines Schuldenbergs in zweistelliger Millionenhöhe. Der Nachfolger hieß übrigens Mayer-Vorfelder.

Lennart, 08.09.2014 16:08
Das ist wahrer Qualitätsjournalismus. Da darf Bruno Bienzle, laut der Gedenkseite für Axel Dünnwald-Metzler auf einer Degerlocher Homepage "absoluter Kickers-Fan" (http://www.stuttgarter-kickers.de/verein/gremien/ehrenprasident-axel-dunnwald-metzler) einen abfälligen Artikel über den VfB und seine Fans schreiben. Da kommt man dann ganz schnell von Neckarfils über das zugegebenermaßen etwas anachronistische aber in der Fanszene durchaus verbreitete "Furchtlos und treu" zur Anordnung der Trikots auf der Homepage.

Aber vielleicht kriegt Herr Bienzle ja jetzt etwas Oberwasser, wo die Blauen in der Dritten Liga auf Platz 1 stehen, während der VfB im Tabellenkeller der Ersten Liga feststeckt. Seien Sie sich sicher, Herr Bienzle: das geht wieder vorbei und schon bald können Sie es sich wieder in Ihrer blauen Bedeutungslosigkeit gemütlich machen.

MCBuhl, 07.09.2014 20:15
Waren wirklich Soldaten oder Untertanen gemeint? Oder meinte das Herrscherlein nicht sich selbst?
Wie alt ist das Wappenmotto eigentlich?
Gibt es da nicht den Zusammenhang mit der Reichssturmfahne? Also dass der württembergische Graf in einem Reichsheer ganz vorne mit dabei ist? Furchtlos eben...

Michael Jarosch, 07.09.2014 10:32
"Wenn wir alles, was (Neo-)Nazis einmal verwendet haben, mit dem Bann belegen, überlassen wir ihnen ein Stück weit die Macht."

Das ist wohl war.

"Furchtlos und treu" ist allerdings keine unverfängliche Aneinanderreihung irgendwelcher Worte. Wir alle wissen, was für Leute furchtlos und treu zu sein haben (zumindest nach Auffassung derer, die diese Menschen auf so etwas einschwören wollen): Soldaten.
Dieser Ausspruch hat natürlich einen militärischen Ursprung - und genau das finden (Neo-)Nazis gut, und genau deswegen wird er so gerne von diesen Kameraden genutzt.

Ich bin sicherlich kein Freund dessen, dass man kampflos den Nazis alles überlässt, was sie einmal angefasst haben. Allerdings frage ich mich, was man als kritisch denkender Mensch an diesem Spruch denn retten muss, dass er nicht komplett in die Hände der Nazis gerät. Er passt doch zu ihnen!

Daran ändern übrigens auch die Artikel der Stuttgarter Nachrichten (aus dem Kommentar von Thomas Schmadke, weiter unten) nichts: Zwar sagen gleich zwei Historiker: "Alles in Ordnung!" Aber warum sie zu dieser Einsicht kommen, steht da nicht. WENN einmal inhaltlich darauf eingegangen wird, ist dann doch wieder nur die Rede von "Heimat", "Stolz", "Tradition" oder allem zusammen.

Es mag zwar heute wieder Trendy sein, sich positiv auf seine Herkunft zu berufen, allerdings brauche ich kein (letztlich ausgrenzendes) Wir-Gefühl, um mich wohl (oder besser) zu fühlen. Und wenn der VfB meint, ein Motto, das Kadavergehorsam fordert, wäre das richtige für seinen Verein, dann ist's wohl auch nicht meiner.

JR, 07.09.2014 10:19
@soso
Danke für den Hinweis.
Ich habe mich schon gefragt was den Autor bewegt hat einen solch abstrus konstruierten Artikel zu schreiben.
Da ist einer schlicht beleidigt.
Und selbst wäre der Autor nicht mal auf das Thema gekommen. Er nutzt nur die Steilvorlage des dunkelblauen Joe Bauer. Ohne dass er ein Prozent dessen Talent hat.
Oberpeinlich ist der Vergleich der VfB Trikots mit der Reichsflagge.
Warum hat das Kontextlogo die gleichen Farben ?

Man könnte glauben, dass die Rechten hinter der Zeitung stecken um die linken mit so schlechten Artikeln zu diskreditieren.

Soso, 06.09.2014 21:39
„Bruno Bienzle war 39 Jahre Redaktionsmitglied der "Stuttgarter Nachrichten", davon 26 Jahre Lokalchef und zuvor zwölf Jahre im Sportressort. In der Abstiegssaison 74/75 belegte ihn VfB-Präsident Weitpert nach der 3:4-Heimniederlage gegen den MSV Duisburg mit Stadionverbot.
Quelle: http://www.kontextwochenzeitung.de/medien/159/zwei-zeitungen-im-brustring-2146.html

Hartmann Ulrich, 06.09.2014 16:01
"Furchtlos und trew" (mit w) war der Wahlspruch des Hauses Württemberg und Teil des Landeswappens. Mir ist das Motto erstmals auf Weinflaschen begegnet. Wenn wir alles, was (Neo-)Nazis einmal verwendet haben, mit dem Bann belegen, überlassen wir ihnen ein Stück weit die Macht.

MCBuhl, 05.09.2014 22:19
Der einzig wahre Klub der Stadt hat dieses Motto auch schon mehrfach drucken lassen:
http://t.co/WXWzXr7DXb

Es ist auch noch einer der drei Sterne des Vereinsemblems zu erkennen (Könner, Kämpfer, Kameraden)

Simon Steiner, 05.09.2014 10:52
Der Slogan hat 1. ein braunes Gschmäggle und 2. passt die Wahl zwar zum altbackenen Gebaren des VfB als Verein aber nicht zu seinen Fans und auch nicht zu seiner Spielweise. Das macht das alles zusammen gesehen so abstoßend.

Marco, 04.09.2014 21:50
Die Wurzeln des Vereins liegen eben in den unteren Schichten der Stuttgarter - oder besser - der Cannstatter Gesellschaft. Das wird nicht nur im leicht geschönten Gründungsdatum (denn hier wäre 1912 wesentlich treffender), sondern auch immer wieder in der einen oder anderen Aktion des Vereins oder Aussage von Verantwortlichen deutlich. Mangelnder Stil und mangelnde Weitsicht machen sich eben irgendwann auch im sportlichen Bereich bemerkbar. Immer gehetzt von der Besessenheit den FC Bayern abzulösen, hat man längst dessen Größe und Stil aus den Augen verloren. Man verlegt sich lieber darauf, den in der Stadt beheimateten Drittligisten zu schikanieren und benötigt anschließend wieder eine Heerschar Stabsdirektoren, um alles zu relativieren. Damit erreicht man die Championsleaque aber wohl nicht wirklich...

Alm Öhi, 04.09.2014 14:31
Der VfB ist da auch in guter Gesellschaft. 1899 Hoffenheim wirbt jetzt mit "Ein Team. Ein Weg. Einmalig"

http://www.achtzehn99.de/hoffe-verpasst-sich-einmaligen-auftritt/

Am Besten holen sie sich jetzt noch Jonathan Meese auf die Ehrentribüne.

Nadine, 03.09.2014 18:21
Ich kann mich Stuttgarterin nur anschließen. Abgesehen von der Tatsache, dass weder Furchtlosigkeit noch Treue in irgendeiner Art und Weise etwas mit Fußball zutun haben, weckt diese doch recht dumpfe Parole allenfalls vereins- und nationalstolze Gefühle in irgendwelchen pubertierenden Jungens-Brüsten (und Männerbrüsten, die auf dem Niveau hängen geblieben sind); schlimmstenfalls allerdings, wie weiter unten im Artikel angedeutet, führt es zu dämlichen Nazigröhlereien irgendwelcher Idioten.

Wie man sich sowas ausdenken kann...Ignoranz, gepaart mit Unwissen, fehlender Sensibilität und Werbegeilheit...das sind die richtigen Zutaten für so eine Hirnbrühe...!

Schwabe, 03.09.2014 15:36
Ähnlichkeiten des Artikels über den neuen "Schlachtruf" des VFB mit den "Brunzdummen Bühnennazis" (siehe letzte Kontext Ausgabe 178) drängen sich mir unweigerlich auf!
Herr Schmeiß Hirn ra.

Marc Braun, 03.09.2014 15:36
Jetzt wo sie es sagen fällt es mir auch auf. Ich hätte nie gedacht dass die Kontext-Leute so weit rechts sind!

AZ, 03.09.2014 14:21
Da ging der Furor mit den Autoren durch. Dass die Führung im wesentlichen verbesserungswürdig ist, ist richtig. Dass man Herrn Wahler dann als Azubi bezeichnet und das auf Flurfunk (sprich: Hörensagen) zurückführt, ist nicht die feine Art.

Aber dass der neue Präsident mehr heiße Luft verbreitet als den VfB voran zu bringen, das stimmt. Siehe hier:
http://vertikalpass.de/eine-reine-luftnummer/

Filip Kostic, 03.09.2014 13:37
muss nun leider auch die Bank drücken.

Bekanntlich steht die 18 ja für A(dolf) H(itler) - das geht ja nun gar nicht!

Die 18 sollte man einfach nicht mehr vergeben und auch sonst - ebenso wie die 88 gar nicht mehr benutzen.

Politisch korrekt wäre das jetzt also die 177. Ausgabe des Kontext.

Die Frage der Volljährigkeit müsste dann eben einfach anders geregelt werden.

Rechtsaußen, 03.09.2014 13:28
Politisch korrekt wird der VfB zukünftig nicht mehr über den rechten Flügel angreifen - dieser bleibt zukünftig unbesetzt - und auch keine Stürmer mehr einsetzen.

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Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / Müller, 28.06.2016 07:27
@frau Rath Selbstverständlich ist nicht der behördliche Schwergang alleine für die Verzögerungen verantwortlich. S21 hat einfach eine mords Komplexität. Aber auch K21 würde man in viele Planfeststellungen zerschneiden. Das geht...

Ausgabe 273 / Wer eine Grube gräbt / CharlotteRath, 27.06.2016 17:56
@mueller zu "damals" bzw. "langwierige Genehmigungsverfahren": Sie meinen tatsächlich, vor Erlass der "Planungsvereinfachungs- und -beschleunigungsgesetze" und vor der Änderung der öffentlichen Haushaltsordnungen ging alles...

Ausgabe 273 / Sofadeutsche / Horst Ruch, 27.06.2016 17:05
......nur nach vorne blicken, nie mit den Schmuddelkindern spielen. Die NATO das wirkliche TTIP-Europa, das aus den USA gesteuerte Programm, zur wundersamen Geldvermehrung. Kaiser Wilhelm war mit Krupp&Co zwar auch schon ohne Amerika...

Ausgabe 83 / Rassismus im Kinderzimmer / Demokrator, 27.06.2016 07:08
Ist dieser Artikel ernst gemeint?

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Demokrator, 27.06.2016 07:07
Man merkt schon, Kontext hat den Finger in die Wunde gelegt.

Ausgabe 273 / Trumps Luftnummer / Demokrator, 27.06.2016 07:05
Na, "Müller", wieder nur gegen die Kritiker keilen, wenn einem die Argumente ausgegangen sind? http://omec.us/ddg/lohnschreiber-regeln.html

Ausgabe 273 / Jeden Tag ein guter Freund / Dieter Kief, 26.06.2016 21:33
Grüzi Hr. Reile! Die Entwicklung des "Südkurier-Skandals" hat leider eine neue Wendung genommen, von der Ihr hiesiges Entlastungsangriffle auf mich am Ende sogar ablenken könnte, was aber nicht richtig wäre. Josef-Otto Freudenreich...

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