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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Jwd: die Skulptur "Tag und Nacht" an ihrem aktuellen Standort. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 309
Zeitgeschehen

Das versteckte Mahnmal

Von Oliver Stenzel
Datum: 01.03.2017
Was passierte mit dem Mahnmal für die Daimler-Zwangsarbeiter, das bis 2006 vor dem alten Mercedes-Benz-Museum stand? Eine Mitarbeiterin bohrt nach. Jetzt soll es beim neuen Museum aufgestellt werden. Aber nicht davor, sondern weit abseits.

Im Dritten Reich galt die Firma Daimler-Benz nicht nur als "nationalsozialistischer Musterbetrieb", sie war vor allem ein kriegswichtiges Unternehmen wegen ihrer Rüstungsproduktion. Diese hielten ab 1942 Tausende Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten aufrecht. 1944 sollen es über 46 000 gewesen sein, mehr als die Hälfte aller Angestellten des Unternehmens. Bis Daimler anfing, an sie zu erinnern, vergingen mehr als 40 Jahre.

Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers
Bettina Stadtmüller. Foto: Joachim E. Röttgers

Über die NS-Vergangenheit der Firma wusste Bettina Stadtmüller, als sie 2003 bei der Daimler AG als Mitarbeiterin im Media- und Datamanagement begann, nicht viel. Bis sie 2013 im Intranet des Unternehmens einen Artikel darüber las, wie die eigene Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet worden sei, illustriert mit einem Foto des Mahnmals zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter bei Daimler – vor dem früheren Mercedes-Benz-Museum, das schon 2007 abgerissen wurde. Und wo das Mahnmal schon lange nicht mehr stand. "Ich habe mich zunächst einfach gefragt: Wo ist das Ding eigentlich abgeblieben?", erzählt Stadtmüller. So begann ihre Suche.

Der Einweihung des Mahnmals 1989 waren einige Jahre vorausgegangen, in denen das Unternehmen wegen seines Umgangs mit der braunen Vergangenheit schwer unter Druck geraten war. Denn in den Publikationen zur 100-jährigen Jubiläumsfeier der Firma im Jahr 1986 kam dieser Teil der Geschichte kaum vor. Und schon 1983 war der Historiker Ulrich Herbert, der über Zwangsarbeit bei der Firma forschen wollte, abgewiesen worden – es gebe in den Archiven dazu keine Dokumente, hieß es.

Dass sich das Unternehmen irgendwann doch zu einem anderen Umgang mit seiner Geschichte entschloss, lag am zunehmenden öffentlichen Druck, unter anderem durch mehrere kritische Artikel im "Spiegel", und nicht zuletzt auch am ab 1987 neuen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter, der 1935 als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis in die Türkei geflohen war. Die Firma öffnete ihre Archive und gab die Studie "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" in Auftrag, die bei ihrem Erscheinen 1994 vom einst abgewiesenen Ulrich Herbert als die bislang "umfangreichste und genaueste Darstellung" des Themas bei einem deutschen Unternehmen gelobt wurde. Außerdem überwies der Konzern 1988 einen Betrag von 20 Millionen DM an die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, das Deutsche Rote Kreuz und das Maximilian-Kolbe-Werk. Zur Entschädigung von Zwangsarbeitern folgte zwölf Jahre später zudem die Beteiligung an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft.

Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers
Die Gedenktafel zur Skulptur im Oktober 2003. Foto: Joachim E. Röttgers

Und Daimler entschied sich zum Aufstellen eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjahren für das Unternehmen schuften mussten. Verwendet wurde zwar ein nicht speziell zu diesem Zwecke erstelltes Kunstwerk, sondern die bereits 1982 entstandene und erst jetzt von Daimler aufgekaufte Skulptur "Tag und Nacht" des Bildhauers Bernhard Heiliger. Aber sie wurde mit einer zusätzlichen Gedenktafel versehen und direkt vor dem Museum im Werk Untertürkheim aufgestellt, an einem äußerst prominenten Ort also, an dem nicht nur alle Museumsbesucher, sondern auch Besucher, die zum Vorstand kamen, vorbeimussten.

Eingeweiht wurde das Mahnmal am 10. Januar 1989, und in den Worten Edzard Reuters bekannte sich das Unternehmen damit zur Einsicht, dass die heutige Generation verantwortlich dafür sei, "was aus solchen Erbschaften in der Geschichte wird." Passend dazu die Widmung auf der Gedenktafel: "In Erinnerung an die Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und zur Mahnung, den Frieden zu erhalten und die Würde freier Menschen zu verteidigen." Diese Mahnung ist in den vergangenen Jahren im Unternehmen etwas aus dem Blickfeld geraten – im Wortsinne. Denn an einem prominenten Ort steht das Mahnmal seit 2006 nicht mehr. Ursprünglich hieß es noch, dass es direkt vor dem neuen, 2006 eingeweihten Mercedes-Benz-Museum aufgestellt werden sollte. Dorthin gelangte es bislang nicht.

Ohne Gedenktafel ist die Skulptur kein Mahnmal mehr

Bettina Stadtmüller stieß bei ihrer Suche schnell auf den neuen Standort: den Park des Geländes "Puritas" im Werk Untertürkheim, auf dem hintersten Winkel des Firmengeländes. Sie fand die Skulptur, aber nicht die Gedenktafel. Nach einer Anfrage bei Daimler-Kunstbesitz fand sie dann auch die Tafel: etwa zwölf Meter von der Skulptur entfernt und von einem Gebüsch bedeckt. Doch durch die räumliche Trennung von Skulptur und Tafel ist es kein Mahnmal mehr. "Das Gebüsch wurde zwar mittlerweile entfernt und der Grünstreifen umgestaltet, aber die Tafel ist eben immer noch zwölf Meter weg und alles andere als gepflegt."

Die Sache ließ Stadtmüller nicht mehr los, sie schrieb Artikel darüber in der IG-Metall-Betriebszeitung "Scheibenwischer" und initiierte mit Unterstützung von Betriebsräten, Vertrauensleuten und Jugendvertretung im November 2015 ein Schreiben an den Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth, unterschrieben von den Betriebsratsvorsitzenden, in dem eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum angemahnt wurde. Porth antwortete: Es bestünde aus Unternehmenssicht großes Interesse daran, das Mahnmal wieder öffentlich zu machen, nur hänge die Wahl des Alternativstandorts noch von einer Reihe von Baumaßnahmen ab, weshalb dies noch etwas Zeit beanspruchen werde. Immerhin werde aber als "Zwischenlösung" ein Hinweisschild zum jetzigen Standort angebracht werden. "Im Mai 2016 gab es dann tatsächlich ein Blech-Hinweisschild", so Stadtmüller, doch mittlerweile sei dieses Schild schon wieder verschwunden, an diesem Ort ist jetzt eine Baustelle.

Kurz nacheinander trafen beim Daimler-Vorstand Ende 2016 Briefe vom DGB Baden-Württemberg und von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz ein, die beide eine Aufstellung des Mahnmals vor dem neuen Museum forderten. Daraufhin schien sich das Unternehmen dann schließlich doch genötigt, klarer Position zu beziehen: Man plane, "im nächsten Jahr die Skulptur in unmittelbarer Nähe des neuen Mercedes-Benz-Museums aufzustellen", heißt es in beiden Antwortschreiben aus dem Dezember. Aus der geplanten Aufstellung 2017 ist nun bereits "das erste Quartal 2018" geworden, so Ute Wüest von Vellberg, Daimler-Pressesprecherin für die Bereiche Integrität und Recht.

Ob die beharrlichen Nachfragen dazu geführt haben, dass endlich Bewegung in die Sache gekommen ist? Dass der Standort auf dem Puritas-Gelände "von vornherein als Interimsposition gedacht" gewesen sei, betont jedenfalls Wüest von Vellberg. Auf jeden Fall gibt es nun endlich einen neuen, definitiven Standort für das Mahnmal – allerdings ist der im Vergleich zum ersten eine ziemliche Enttäuschung. Zwar in der Nähe des Museums, aber nicht vor dessen Eingang, sondern etwa 200 Meter entfernt an einer Stelle nahe des Neckarufers, die momentan noch an eine Reihe von Sportplätzen grenzt, anstelle derer aber bald ein Großparkplatz entstehen soll. Hier kommt man allenfalls zufällig vorbei.

Warum erst jetzt, und warum gerade hier? Bei Daimler will man die Verwunderung darüber nicht verstehen. Man habe nach einem geeigneten Standort gesucht, der den Anforderungen der Skulptur, die ja sehr groß sei, technisch entspreche, und der auch gut zugänglich sei, so Pressefrau Wüest von Vellberg. Den habe man nun gefunden.

Und diese Suche hat 10 Jahre gedauert? Es sei, betont Wüest von Vellberg, nun mal eine Skulptur, die eine große Fläche brauche, und die man nicht gut auf einer Schräge aufstellen könne – das Museum liege ja auf einem Hügel. Außerdem sei es vor dem Museum "sehr eng".

Daimler: Vor dem Museumseingang ist kein Platz

Sehr eng? Vor dem Mercedes-Benz-Museum? Wüest von Vellberg zählt auf: Auf der einen Seite die Niederlassung, viel Busverkehr davor, die vorbei führende Bundesstraße, und man brauche die Fläche auch für die vielen Besucher, die ins und aus dem Museum kämen. Da müsse man sehen, wie man alle Anforderungen organisatorisch unterbringe, und "die Kunst ist sicher nicht der erste Punkt, den Sie da organisatorisch unterbringen müssen."

Aber sollte man das Mahnmal nicht als integralen Bestandteil des Museums, des Erinnerns sehen, der eine entsprechend prominente Platzierung verdient? Das hänge auch von der Fläche ab, die man zur Verfügung habe, so Wüest von Vellberg. Und mit dem Thema Nationalsozialismus werde sehr bewusst umgegangen im Rahmen des Museums, "auch wenn nicht die Bernhard-Heiliger-Skulptur direkt dazu zählte, also nicht Teil des Museums war."

Also keine Chance auf einen Standort direkt vor dem Museum? "Die neue Stelle ist in unmittelbarer Nähe des Museums", sagt Wüest von Vellberg. Aber direkt am Eingang könne man keine Skulptur aufstellen, das sei absolut unmöglich, wenn man sich die Gegebenheiten ansehe.

Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers
Daimler-Pressesprecherin: "Unmöglich", hier die Skulptur aufzustellen. Foto: Joachim E Röttgers

Eine Meinung, die nicht überall geteilt wird. "Das Mahnmal gehört an den Haupteingang des Museums, wo die Leute reingehen", ärgerte sich etwa der ehemalige Daimler-Betriebsrat Gerd Rathgeb bei einer Veranstaltung der Hotel-Silber-Initiative im Februar, bei der es auch um das Mahnmal ging. "Es ist schon ein Skandal erster Ordnung, dass so ein Mahnmal erst so spät aufgestellt wurde", so Rathgeb, "es ist ein zweiter Skandal, dass man es nur kurze Zeit später über zehn Jahre ins Abseits gestellt hat, und dass man es jetzt wieder an einen Platz stellt, der nicht in Ordnung ist, das ist der dritte Skandal." Daimler habe überhaupt erst durch die Rüstungsproduktion für die Nazis und die Zwangsarbeiter im Krieg überlebt, ist Rathgeb überzeugt, "wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wäre Daimler in den 30er Jahren bankrottgegangen."

120 Orte, die mit Zwangsarbeit bei Daimler zu tun haben

"Ich bin ja schon froh, dass das Mahnmal jetzt in die Öffentlichkeit kommt", sagt Stadtmüller, die mittlerweile Betriebsrätin bei der Daimler-Zentrale ist. Immerhin, an dem geplanten Standort finden sich Spuren aus der braunen Vergangenheit von Daimler: In unmittelbarer Nähe befanden sich von 1945 bis etwa 1954 die Lager für die DP-Lager, Barackensiedlungen für die so genannten "Displaced Persons" (DPs – Sammelbegriff für ausländische Zivilpersonen, die sich durch Kriegseinwirkung außerhalb der Heimat aufhielten), zu denen auch ehemalige Zwangsarbeiter der Firma zählten. Die Geschichte dieses speziellen Ortes kennen allerdings nur wenige, genau wie die vieler anderer, wie Stadtmüller erfuhr, als sie mehr über Zwangsarbeit bei Daimler und Orte, die damit zu tun haben, wissen wollte.

"Anfangs dachte ich, im Internet gäbe es sicher schon eine Übersicht solcher Orte, die man schnell anklicken könnte", erzählt sie. "War aber nicht so! Ich habe gar nichts gefunden." Seitdem recherchiert sie selbst und hat mittlerweile rund 120 Standorte in ganz Baden-Württemberg gefunden, die allein mit Zwangsarbeit im Werk in Untertürkheim zu tun haben – ob verschiedene Zwangsarbeiterlager und -unterkünfte, Orte von Betriebsverlagerungen oder den von russischen Kriegsgefangenen gebauten Schutzstollen "Rübezahl" in Stuttgart-Wangen.

All dies hat Stadtmüller bislang privat, in ihrer Freizeit gemacht, würde sich aber freuen, wenn das Unternehmen selbst solche Recherchen in die Hand nähme. Ihr Engagement wurde noch größer dadurch, dass sie während ihrer Suche auch Bezüge zu ihrer Familiengeschichte entdeckte. Ihre Familie väterlicherseits kommt aus den Niederlanden, "meine Großmutter wurde 1942 von der Straße weg zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt", erzählt Stadtmüller. Traumatisiert sei die Großmutter 1945 zurückgekommen, unfähig, sich um ihre Kinder zu kümmern. "Diese Ereignisse haben unterschwellig Auswirkungen bis hinein in die Gegenwart, auf mich und meine Generation", so die Daimler-Betriebsrätin, "deswegen ist für mich das Vergangene nicht vorbei und nicht vergessen." 


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Kommentare

Andrea, 04.03.2017 12:06
"Aus der Geschichte lernen" hat sicher viele Bedeutungen. Aber hätte dieses Mahnmal, stünde es vor dem Museumseingang, einen Einfluss auf die Zukunft? In Europa entsteht gerade eine neue Dikatur, viele Daimler-Mitarbeiter stammen aus genau diesem Land. Würde man diese mit einem Mahnmal erreichen?

Michael Schmid, 02.03.2017 13:08
robby sei gedankt, daß er mittels Kommentar an zwei Publikationen erinnert, die bereits zur 100-Jahr-Feier von Daimler-Benz einen Überblick zur Firmengeschichte während des Dritten Reichs gaben. Als einer der Verfasser erinnere ich mich an einige Veranstaltungen zu dem Thema, die vor 30 Jahren in der lokalen Öffentlichkeit auf ein eher geringes Interesse stießen. Daimler war letztendlich eben Daimler. Und so hat diese Öffentlichkeit mehr oder minder dem Unternehmen seinen sehr eigenwilligen Umgang mit dem Thema Zwangsarbeit auch abgenommen. Denn schließlich ging es vor 70 und selbst noch vor 30 Jahren nur um eine Frage: wie entschädigt oder, auf den Punkt gebracht, bezahlt das Unternehmen im Nachhinein alle seine in den Jahren 1940 bis 1945 beschäftigten Zwangsarbeiter und Konzentrationslagerhäftlinge.

Zaininger, 01.03.2017 22:00
"... was aus solchen Erbschaften in der Geschichte wird..." kann niemanden gleichgültig lassen. Edzard Reuter hatte an der Konzernspitze wenigstens (und aufgrund eigener Erfahrungen) noch ein Gespür für gesellschaftliche Verantwortung jenseits von PS und Aktienindex.

robby, 01.03.2017 13:32
Umfangreiches Quellenmaterial zur NS-Vergangenheit der Daimler-Benz AG findet sich in den Bänden 3 und 5 der Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte aus dem Jahre 1987:
Das Daimler-Benz Buch, DELPHI Politik bei GRENO, Nördlingen
Die Daimler-Benz AG 1916-1948, DELPHI Politik bei GRENO, Nördlingen

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Mein Herz geht auf. Hier wird nicht nur über die Vergangenheit oder Gegenwart gschimpft. Nein, es wird tatsächlich über die Zukunft nachgedacht! Und ich bin vollkommen bei Frau Rath :-) Was soll ein Fussgängerstegle? Wir haben...

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Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Horst Ruch, 23.03.2017 22:12
....a propos "Stegle". Das ist es gerade was W.Backes angesprochen hat: Think big. Stirling hatte nicht umsonst die Planung für die Erschließung der Staatsgalerie und Musikhochschule auf einer höheren Ebene angeordnet, somit die (Teil)...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

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