KONTEXT Extra:
S-21-Ausstieg ernsthaft erwogen

Jetzt ist es amtlich: Aus den entschwärzten Teilen eines für Angela Merkel erstellten Vermerks vom 5. Februar 2013 geht hervor, dass die Staatssekretäre der beteiligten Bundesministerien vor drei Jahren die Frage eines Ausstiegs aus Stuttgart 21 ernsthaft prüfen lassen wollten, bevor über die Kostensteigerungen entschieden werden sollte. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Michael Odenwald (CDU) hatte "eine umfassende Unterlage" erstellen lassen, wonach, wie es in dem vierseitigen Schreiben an die Kanzlerin heißt, "offenbar die Antwortentwürfe der DB AG auf die Fragen des AR kritisch kommentiert, weitere Fragen zur Kostenentwicklung und Risiken sowie nach Projektabbruch und Alternativen formuliert" wurden.

Unter anderem gibt der Vermerk die Auffassung des Bahnvorstands wieder, nach der die seinerzeit eingeräumten Kostensteigerungen nicht allein zu Lasten des Bundes gehen und andere Vorhaben der Bahn nicht tangieren würden. Das Bundesverkehrsministerium hatte dieser Ansicht zuvor widersprochen. Abschließend heißt es: "Um ein Scheitern des Projekts auf der Zeitschiene zu verhindern, muss der Aufsichtsrat nach Erörterung und Bewertung der von der DB beantworteten Fragen zügig eine Entscheidung (...)" fällen. Und das Verkehrsministerium wird gedrängt, "zügig zu einer abschließenden Bewertung der Faktenlage zu kommen und diese mit den anderen Ressorts abzustimmen".

Für Eisenhart von Loeper, der die Entschwärzung am Donnerstag in Berlin in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht erreicht hat, ist damit der "Verdacht der rechtswidrigen Einflussnahme auf die Weiterbauentscheidung erhärtet". Die weiteren nun einsehbaren Passagen des bisher Dokuments zeigten, so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, "dass es in der Sache massive, wenn auch diplomatisch formulierte Forderungen gab, Verkehrs-Staatssekretär Odenwald solle seine begründete Forderung der ernsthaften Prüfung des Ausstiegs aus dem Projekt aufgeben". Von Loeper weiter: "Obwohl es den Staatssekretären darum ging, bei Stuttgart 21 'vor dem Hintergrund der Entwicklung beim BER eine möglichst belastbare Finanzierung gewährleisten und Risiken soweit wie möglich ausschließen' zu können, sollte sich das Verkehrsministerium die Meinung des Bahnvorstands zu eigen machen. Dieser votierte dann trotz der enormen Kostensteigerung für Weiterbau."


Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Propaganda-Bild mit Brot: Die "Ostarbeiterinnen" sind fast verhungert. Das Bild sollte das Gegenteil beweisen. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Propaganda-Bild mit Brot: Die "Ostarbeiterinnen" sind fast verhungert. Das Bild sollte das Gegenteil beweisen. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Ausgabe 250
Zeitgeschehen

Zu Tode gepflegt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 13.01.2016
In seinem Buch über die "Kindereuthanasie" in Stuttgart liefert Karl-Horst Marquart auch Belege für die Ermordung nicht behinderter Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Aufarbeitung kam jahrzehntelang nur sehr schleppend voran.

Auf dem Sterbedokument ist nicht einmal ein Name angegeben: Im Alter von nur 14 Tagen starb am 18. Dezember 1943 im Stuttgarter Kinderkrankenhaus der Sohn der "Ostarbeiterin" Tatjana S., wohnhaft im Lager Wangen. Als "Grundleiden" ist "Spina bifida, Klumpfüße" angegeben, was nach einem geheimen Erlass aus dem Jahr 1939 als "schweres angeborenes Leiden" galt, das mit Ermordung bestraft wurde. Der Erlass galt eigentlich nur für deutsche Kinder.

Der Arzt und Euthanasie-Experte Karl-Horst Marquart, der die im Stadtarchiv erhaltenen Totenscheine der Kinderklinik ausgewertet hat, geht davon aus, dass es sich um "die Vertuschung eines unnatürlichen Todes" handelt, da keine Todesursache des Buben angegeben ist: eine so genannte dezentrale oder wilde Euthanasie, die von den Tätern ohne ausdrückliche Weisung durchgeführt wurde. So beschreibt es Marquart in seinem neu erschienen Buch "Behandlung empfohlen – NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart", das am Montag, 18. Januar, im Württembergischen Kunstverein vorgestellt wird. Es ist einer von mehreren Fällen, die erstmals deutliche Hinweise liefern, dass auch in Stuttgart Zwangsarbeiter-Kinder geplant zu Tode kamen.

Nicht nur bei Daimler gab es ZwangsarbeiterInnen

60 Kinder von Zwangsarbeiterinnen starben in den Jahren 1943 bis 1945 im Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22 und seinen Dependancen, die euphemistisch als "Kinderheime" bezeichnet wurden: ein Drittel keine drei Monate alt, mehr als 80 Prozent jünger als zwei Jahre. Die Mütter stammten in 53 Fällen, also in der großen Mehrzahl, aus Russland, zwei weitere aus Polen. "Ostarbeiter" und "-arbeiterinnen" standen in der Nazi-Rassenideologie auf der untersten Stufe der Hierarchie. Sie galten als "rassisch minderwertig", mussten, ähnlich wie die Juden den Stern, ein aufgenähtes Kennzeichen mit der Bezeichnung "Ost" tragen und lebten streng überwacht in stacheldrahtumzäunten Barackenlagern.

Das Lager Wangen befand sich auf dem Sportplatz des Vereins SG Untertürkheim im Gewann Fleckenried, der 1955 dem Stuttgarter Hafen weichen musste. Es war eines von fünf Lagern des Daimler-Benz-Werks Untertürkheim, in denen "Ostarbeiterinnen" untergebracht waren. Ungefähr 5000 Zwangsarbeiter waren in Untertürkheim beschäftigt, verteilt auf rund 90 Lager und andere Unterkünfte – Franzosen und Niederländer lebten zum Teil, vergleichsweise privilegiert, in Hotels.

Zwangsarbeit gab es nicht nur bei Daimler. Zwei weitere russische Zwangsarbeiterkinder, deren Totenscheine laut Marquart "direkt auf einen 'Euthanasie'-Tod hindeuten", starben angeblich an Masernpneumonie im Alter von eineinhalb und fünf Jahren. In beiden Fällen ist kein "schweres angeborenes Leiden" genannt. Die Väter waren in Lagern am Hallschlag und an der Ostheimer Schule untergebracht, der eine arbeitete bei Mahle, der andere beim Städtischen Tiefbauamt. Die 5000 Zwangsarbeiter der Stadt wurden häufig in der schweren Arbeit des Luftschutzstollenbaus eingesetzt. Insgesamt gab es in Stuttgart rund 50 000 Zwangsarbeiter: Das konnte niemandem verborgen bleiben. Zwangsarbeit spielte sich vor den Augen aller ab.

Eine Gedenktafel erinnert im Daimler-Werk an die Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Joachim E. Röttgers
Eine Gedenktafel erinnert im Daimler-Werk an die Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Joachim E. Röttgers

Dennoch hat es nach dem Krieg fast 50 Jahre gedauert, bis eine Auseinandersetzung in Gang kam. Hierbei hat Daimler-Benz zunächst eine zweifelhafte, dann aber eine vorbildliche Rolle gespielt. Als der Historiker Ulrich Herbert 1983 über Zwangsarbeiter im Firmenarchiv recherchieren wollte, erhielt er die Auskunft: "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass für Ihr spezielles Thema in unseren Archivbeständen keine Unterlagen vorhanden sind."

In einer drei Jahre später zum Hundert-Jahr-Automobil-Jubiläum erschienenen Publikation über "Die Daimler-Benz AG in den Jahren 1933–1945" fanden sich nur wenige Angaben zum Thema. Damals erschien allerdings auch Herberts Standardwerk zur Geschichte der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Daimler geriet in die Kritik.

Daraufhin beschloss der Konzern, eine eigene Studie zum Thema in Auftrag zu geben. "Es handelt sich", wie Herbert 1994 in einer Rezension in der "Zeit" schreibt, "um die umfangreichste und genaueste Darstellung des Zwangsarbeitereinsatzes in einem deutschen Industrieunternehmen, die bisher verfasst wurde." 270 überlebende ehemalige Zwangsarbeiter wurden befragt, ein bis dahin einmaliges Unterfangen. Insbesondere das Kapitel über "freiwillige und unfreiwillige zivile ausländische Arbeitskräfte" von Barbara Hopmann enthält auch anschauliche Beschreibungen der Lebensumstände von Frauen und Kindern in einzelnen Werken.

Während "Westarbeiter" aus Frankreich und den Niederlanden wie die deutsche Bevölkerung auf Lebensmittelkarten einkaufen konnten, war die Ernährung der "Ostarbeiter", wie Hopmann schreibt, "quantitativ und qualitativ völlig unzureichend": morgens 150 Gramm Brot und eine Tasse Kaffeeersatz, zur Vesperpause nichts, mittags ein wenig fades Gemüse, manchmal mit Würmern durchsetzt, und abends eine dünne Wassersuppe. Sogenanntes Russenbrot bestand aus Roggen und Steckrüben, gestreckt mit Sägemehl und Stroh, wie der Pfarrer und Stadtrat Joachim Hahn im Herbst 2015 bei der Einweihung einer Gedenkstätte für 15 Zwangsarbeiter auf dem Plochinger Friedhof ausführte: "Es blieb nicht verborgen, wie abgemagert sie waren und wie sie behandelt wurden."

Verhungern wurde in Kauf genommen

"Wir hatten solchen Hunger", sagt eine ehemalige Zwangsarbeiterin im Gespräch mit Hopmann. Der Niederländer Leo Evers bekennt: "Mit den Russen habe ich immer viel Mitleid gehabt, die haben wenig zu essen bekommen, viel weniger, als wir hatten. Die Mädchen hatten sich nachts bei uns angemeldet, wir durften mal ... wenn wir etwas Brot gaben." Dies bestätigt Sofia Minajewa: "Wir hatten großen Hunger, wenn wir nicht vor Hunger sterben wollten, mussten wir uns zusätzlich Nahrung verschaffen." 

Schwangerschaften konnten dabei nicht ausbleiben. Die Frauen trieben entweder unter Zwang ab, oder aber sie wurden von ihren Kindern getrennt. "Insgesamt sollen allein im Krankenhaus Wangen 15 Kinder sowjetischer Daimler-Benz-Zwangsarbeiterinnen geboren worden sein", schreibt Hopmann, "die – während die Mütter arbeiteten – von anderen 'Ostarbeiterinnen' im Lager betreut wurden. Bis auf wenige Ausnahmen starben die Kinder jedoch kurz nach der Geburt infolge von Unterernährung und wurden auf dem Friedhof in Wangen beerdigt."

Propaganda-Foto aus der Nachkriegszeit. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive
Propaganda-Foto aus der Nachkriegszeit. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Ins Kinderkrankenhaus oder eines der angeschlossenen "Kinderheime" kamen also ohnehin nur die, die nicht schon vorher verhungert waren. Von sechs weiteren Kindern, die nach Marquarts Recherchen unter verdächtigen Umständen in der Klinik starben, ist bei zweien als Todesursache Dekomposition angegeben: Das bedeutet, etwas weniger vornehm formuliert, dass sie an Nahrungsmangel zugrunde gingen. Offenbar wurde das Verhungern bewusst herbeigeführt oder jedenfalls in Kauf genommen. Marquart folgert: "Hunger sowie medizinische und pflegerische Vernachlässigung dürften zum beabsichtigten Tod der sechs Kinder geführt haben."

Nach dem Krieg stellten sich die Täter gegenseitig Persilscheine aus, um sich eine weiße Weste zu attestieren. "Wir als Diakonissen haben unsere Russenkinder lieb gehabt und sie mit Liebe gepflegt", schreibt die Oberschwester Emilie W. 1946 in einem Gefälligkeitsgutachten für das Spruchkammerverfahren gegen den Oberarzt Karl Lempp. "Weder in der Pflege noch im Essen war zwischen diesen und unseren deutschen Kindern ein Unterschied."

"Sehen so verhungerte russische Kinder aus?", steht unter den Fotos von zwölf adrett gekleideten, offenbar gesunden russischen Kindern in einem Bericht, den Konrad Zapf, zuvor Handlungsbevollmächtigter Leiter der Daimler-Benz-Ausländerabteilung, nach dem Krieg für das Unternehmen verfasste. Kinder wurden schon in jungen Jahren zur Zwangsarbeit herangezogen. Auf dem Plochinger Friedhof liegt ein neunjähriger Junge begraben. 3175 russische Kinder, die Zwangsarbeit leisteten, haben in Stuttgart und Umgebung den Krieg überlebt.

Nur Lappen und Holzpantinen an den Füßen

Auch bei Daimler arbeiteten "Ostarbeiter"-Kinder. "Seitenweise russische und ukrainische Namen und Geburtsorte von Kindern der Jahrgänge 1930–1934" sind im "Einstellungsbuch" des Werks Untertürkheim zwischen dem 4. und 26. Juli 1944 verzeichnet, wie Helmuth Bauer herausgefunden hat. Die Kinder waren zu dieser Zeit also zwischen zehn und vierzehn Jahren alt. 13 von ihnen hat Helmuth Bauer 2006 noch in Russland, Weißrussland und der Ukraine ausfindig gemacht. Eine von ihnen, Tamara Kuzmina aus Nowosibirsk, die er zwei Jahre später mit Unterstützung des Unternehmens nach Stuttgart einladen konnte, erzählt, wie sie mit dreizehn Jahren in einer Fabrik Winterschuhe für deutsche Soldaten nähen musste. Sie selbst trug nur Lappen und Holzpantinen an den Füßen. Ihre Schwester Vera starb im Alter von vier Jahren im Lager "Im Kies", das sich an der Stelle des Daimler-Getriebewerks an den Otto-Hirsch-Brücken befand.

Daimler-Benz hat 1988 einen Betrag von 20 Millionen DM an die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, das Deutsche Rote Kreuz und das Maximilian-Kolbe-Werk überwiesen. Der Ruf nach Entschädigung ist dennoch nicht verhallt. Ehemalige "Ostarbeiter" lebten oft unter wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen und hätten Unterstützung dringend brauchen können.

"Tag und Nacht" von Bernhard Heiliger mit einer Inschrift zur Erinerung an die Zwangsarbeiter. Seit dem Abriss des alten Mercedes-Benz-Museums 2007 steht sie etwas abseits im Firmengelände.
"Tag und Nacht" von Bernhard Heiliger mit einer Inschrift zur Erinerung an die Zwangsarbeiter. Steht inzwischen etwas abseits.

Daimler hat auch darauf reagiert. Das Unternehmen war Mitinitiator der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", die 5,1 Milliarden DM von 6500 Unternehmen einwarb, ergänzt um weitere fünf Milliarden DM seitens der Bundesregierung. Insgesamt wurden 4,4 Milliarden Euro für 1,66 Millionen frühere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bereitgestellt: Das sind 2650 Euro pro Kopf. Erst zu dieser Zeit hat sich auch die Stadt Stuttgart ihrer Verantwortung gestellt und als "Geste der Entschädigung und Versöhnung" 750 000 DM bereitgestellt. Wiederum wurden jedoch nicht die Überlebenden individuell entschädigt, sondern soziale Projekte und Seniorenprojekte in den osteuropäischen Partnerstädten Samara, Brünn und Lodz unterstützt. Bereits damals lebte nur noch jeder zehnte ehemalige Zwangsarbeiter.

Ute Wüest von Vellberg, Daimler-Pressesprecherin für die Bereiche Integrität und Recht, betont indes, das Thema bleibe im Mercedes-Benz-Museum und in allen Publikationen, etwa zum hundertjährigen Jubiläum des Werks Sindelfingen, immer präsent.

 

Weiterführende Literatur: 

Karl-Horst Marquart: "Behandlung empfohlen", NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart, Stuttgart 2015.

Barbara Hopmann, Mark Spoerer, Birgit Weitz, Beate Brüninghaus: Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, Stuttgart 1994.

Helmuth Bauer: Innere Bilder wird man nicht los. Die Frauen im KZ-Außenlager Genshagen, Berlin 2011.

Grundlegende Informationen zu Kindern von "Ostarbeiterinnen" gibt es unter diesem Link. 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

werner banghard, 16.01.2016 18:59
Ein wichtiges thema!

Gibt es unterlagen zur zwangsarbeit und kindern im lager ego/blanco in derdingen, damals kreis vaihingen ?

Werner banghard

Mac, 15.01.2016 13:21
Erstklassiger Artikel zu einem dunklen Thema! Danke dafür!

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Schwabe, 30.05.2016 11:03
Schließe mich Manfred Fröhlichs Kommentar an - "Gut gewettert" Herr Grohmann. So viel Sachlichkeit läßt so manchen Schaumschläger/Nebelkerzenzünder (jetzt da das Kind AfD geboren ist sollte man wieder seine Zieheltern CDU/CSU, SPD...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Horst Ruch, 29.05.2016 20:36
.....die Frage wird man doch noch stellen dürfen: warum ist "rechts" auf dem Vormarsch in "ganz" Europa. Doch wohl nur, weil die "Sozial" Demokraten ihren Geist an die "freie" Wirtschaft verkauft haben. Da wundert es manchmal schon, daß...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Schwabe, 29.05.2016 12:47
Die Folge daraus, dass m.E. die überwiegende Zahl von Journalisten (egal ob in Österreich, in Deutschland oder anderswo) nicht in der Lage ist bzw. nicht gewillt ist über die innen- und außenpolitischen Auswirkungen etablierter...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Befix, 29.05.2016 12:34
Es geht hier doch nicht -obwohl man den Eindruck hat- um S21. Schaut Euch das SWR-Video an, wie die Bahn in Deutschland ausgebremst wird (und sich -u.a. dank McKinsey im Konzernprojekt "Zukunft Bahn" und einiger Topmanager, die keinen...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Robert, 29.05.2016 08:23
Journalist ist, wer einen Presseausweis hat? Den bekommst du gerade zu hinter her geworfen. Ich nehme solche Berichte schon lange nicht mehr ernst. Ich glaube einfach nicht, dass die Polizei einfach aus Übermut oder Langeweile...

Ausgabe 45 / Die Augen rechts / Hartmut Bäumer, 28.05.2016 19:14
Hartmut Fröschle ist seit Jahrzehnten im rechtsradikalen Milieu unterwegs. In den fünfziger Jahren war er - wohl auch führend - im Bund nationaler Studenten in Tübingen aktiv und befasste sich als solcher mit den damaligen auch...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / leser, 28.05.2016 16:31
FInde die rechtsschutzlichen Ausführungen des Rechtsschutz Gewährenden auch abenteuerlich. Klage, Anklae, Widerklage - gerät alles bisserl durcheinander. Aber wie schon einer richtig schrieb - Journalisten werden bei Straftaten...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Müller, 28.05.2016 14:47
@frau Rath Beim Gotthardbasistunnel gibt es eine Ost- u eine Weströhre. Also wurden über 100km Tunnel gebohrt. Dennoch bin ich komplett bei Ihnen. Die Gesamtkomplexität ist bei S21 größer als beim GBT. Daher glaube ich auch an...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / LaieImDienst, 28.05.2016 13:43
@Rechtsanwalt a.D. Stimmt, hatte mich vertan und beim Schreiben nicht mehr in Erinnerung, das eine Widerklage nur gegen Privatkläger möglich ist. Da hat sich wohl der Verdi Sprecher weit aus dem Fenster gelehnt, ohne vorher den...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Sikasuu, 28.05.2016 12:45
DerRobin, 27.05.2016 15:27:....Zwei von drei betroffenen Fotografen wollen klagen. Einer nicht. Mich würde interessieren, warum der nicht klagt. . Rechtsschutz = Kostenfrage? Je nachdem wer den Presseausweis ausgestellt hat ist die...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!