KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Propaganda-Bild mit Brot: Die "Ostarbeiterinnen" sind fast verhungert. Das Bild sollte das Gegenteil beweisen. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Propaganda-Bild mit Brot: Die "Ostarbeiterinnen" sind fast verhungert. Das Bild sollte das Gegenteil beweisen. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Ausgabe 250
Zeitgeschehen

Zu Tode gepflegt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 13.01.2016
In seinem Buch über die "Kindereuthanasie" in Stuttgart liefert Karl-Horst Marquart auch Belege für die Ermordung nicht behinderter Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Aufarbeitung kam jahrzehntelang nur sehr schleppend voran.

Auf dem Sterbedokument ist nicht einmal ein Name angegeben: Im Alter von nur 14 Tagen starb am 18. Dezember 1943 im Stuttgarter Kinderkrankenhaus der Sohn der "Ostarbeiterin" Tatjana S., wohnhaft im Lager Wangen. Als "Grundleiden" ist "Spina bifida, Klumpfüße" angegeben, was nach einem geheimen Erlass aus dem Jahr 1939 als "schweres angeborenes Leiden" galt, das mit Ermordung bestraft wurde. Der Erlass galt eigentlich nur für deutsche Kinder.

Der Arzt und Euthanasie-Experte Karl-Horst Marquart, der die im Stadtarchiv erhaltenen Totenscheine der Kinderklinik ausgewertet hat, geht davon aus, dass es sich um "die Vertuschung eines unnatürlichen Todes" handelt, da keine Todesursache des Buben angegeben ist: eine so genannte dezentrale oder wilde Euthanasie, die von den Tätern ohne ausdrückliche Weisung durchgeführt wurde. So beschreibt es Marquart in seinem neu erschienen Buch "Behandlung empfohlen – NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart", das am Montag, 18. Januar, im Württembergischen Kunstverein vorgestellt wird. Es ist einer von mehreren Fällen, die erstmals deutliche Hinweise liefern, dass auch in Stuttgart Zwangsarbeiter-Kinder geplant zu Tode kamen.

Nicht nur bei Daimler gab es ZwangsarbeiterInnen

60 Kinder von Zwangsarbeiterinnen starben in den Jahren 1943 bis 1945 im Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22 und seinen Dependancen, die euphemistisch als "Kinderheime" bezeichnet wurden: ein Drittel keine drei Monate alt, mehr als 80 Prozent jünger als zwei Jahre. Die Mütter stammten in 53 Fällen, also in der großen Mehrzahl, aus Russland, zwei weitere aus Polen. "Ostarbeiter" und "-arbeiterinnen" standen in der Nazi-Rassenideologie auf der untersten Stufe der Hierarchie. Sie galten als "rassisch minderwertig", mussten, ähnlich wie die Juden den Stern, ein aufgenähtes Kennzeichen mit der Bezeichnung "Ost" tragen und lebten streng überwacht in stacheldrahtumzäunten Barackenlagern.

Das Lager Wangen befand sich auf dem Sportplatz des Vereins SG Untertürkheim im Gewann Fleckenried, der 1955 dem Stuttgarter Hafen weichen musste. Es war eines von fünf Lagern des Daimler-Benz-Werks Untertürkheim, in denen "Ostarbeiterinnen" untergebracht waren. Ungefähr 5000 Zwangsarbeiter waren in Untertürkheim beschäftigt, verteilt auf rund 90 Lager und andere Unterkünfte – Franzosen und Niederländer lebten zum Teil, vergleichsweise privilegiert, in Hotels.

Zwangsarbeit gab es nicht nur bei Daimler. Zwei weitere russische Zwangsarbeiterkinder, deren Totenscheine laut Marquart "direkt auf einen 'Euthanasie'-Tod hindeuten", starben angeblich an Masernpneumonie im Alter von eineinhalb und fünf Jahren. In beiden Fällen ist kein "schweres angeborenes Leiden" genannt. Die Väter waren in Lagern am Hallschlag und an der Ostheimer Schule untergebracht, der eine arbeitete bei Mahle, der andere beim Städtischen Tiefbauamt. Die 5000 Zwangsarbeiter der Stadt wurden häufig in der schweren Arbeit des Luftschutzstollenbaus eingesetzt. Insgesamt gab es in Stuttgart rund 50 000 Zwangsarbeiter: Das konnte niemandem verborgen bleiben. Zwangsarbeit spielte sich vor den Augen aller ab.

Eine Gedenktafel erinnert im Daimler-Werk an die Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Joachim E. Röttgers
Eine Gedenktafel erinnert im Daimler-Werk an die Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Joachim E. Röttgers

Dennoch hat es nach dem Krieg fast 50 Jahre gedauert, bis eine Auseinandersetzung in Gang kam. Hierbei hat Daimler-Benz zunächst eine zweifelhafte, dann aber eine vorbildliche Rolle gespielt. Als der Historiker Ulrich Herbert 1983 über Zwangsarbeiter im Firmenarchiv recherchieren wollte, erhielt er die Auskunft: "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass für Ihr spezielles Thema in unseren Archivbeständen keine Unterlagen vorhanden sind."

In einer drei Jahre später zum Hundert-Jahr-Automobil-Jubiläum erschienenen Publikation über "Die Daimler-Benz AG in den Jahren 1933–1945" fanden sich nur wenige Angaben zum Thema. Damals erschien allerdings auch Herberts Standardwerk zur Geschichte der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Daimler geriet in die Kritik.

Daraufhin beschloss der Konzern, eine eigene Studie zum Thema in Auftrag zu geben. "Es handelt sich", wie Herbert 1994 in einer Rezension in der "Zeit" schreibt, "um die umfangreichste und genaueste Darstellung des Zwangsarbeitereinsatzes in einem deutschen Industrieunternehmen, die bisher verfasst wurde." 270 überlebende ehemalige Zwangsarbeiter wurden befragt, ein bis dahin einmaliges Unterfangen. Insbesondere das Kapitel über "freiwillige und unfreiwillige zivile ausländische Arbeitskräfte" von Barbara Hopmann enthält auch anschauliche Beschreibungen der Lebensumstände von Frauen und Kindern in einzelnen Werken.

Während "Westarbeiter" aus Frankreich und den Niederlanden wie die deutsche Bevölkerung auf Lebensmittelkarten einkaufen konnten, war die Ernährung der "Ostarbeiter", wie Hopmann schreibt, "quantitativ und qualitativ völlig unzureichend": morgens 150 Gramm Brot und eine Tasse Kaffeeersatz, zur Vesperpause nichts, mittags ein wenig fades Gemüse, manchmal mit Würmern durchsetzt, und abends eine dünne Wassersuppe. Sogenanntes Russenbrot bestand aus Roggen und Steckrüben, gestreckt mit Sägemehl und Stroh, wie der Pfarrer und Stadtrat Joachim Hahn im Herbst 2015 bei der Einweihung einer Gedenkstätte für 15 Zwangsarbeiter auf dem Plochinger Friedhof ausführte: "Es blieb nicht verborgen, wie abgemagert sie waren und wie sie behandelt wurden."

Verhungern wurde in Kauf genommen

"Wir hatten solchen Hunger", sagt eine ehemalige Zwangsarbeiterin im Gespräch mit Hopmann. Der Niederländer Leo Evers bekennt: "Mit den Russen habe ich immer viel Mitleid gehabt, die haben wenig zu essen bekommen, viel weniger, als wir hatten. Die Mädchen hatten sich nachts bei uns angemeldet, wir durften mal ... wenn wir etwas Brot gaben." Dies bestätigt Sofia Minajewa: "Wir hatten großen Hunger, wenn wir nicht vor Hunger sterben wollten, mussten wir uns zusätzlich Nahrung verschaffen." 

Schwangerschaften konnten dabei nicht ausbleiben. Die Frauen trieben entweder unter Zwang ab, oder aber sie wurden von ihren Kindern getrennt. "Insgesamt sollen allein im Krankenhaus Wangen 15 Kinder sowjetischer Daimler-Benz-Zwangsarbeiterinnen geboren worden sein", schreibt Hopmann, "die – während die Mütter arbeiteten – von anderen 'Ostarbeiterinnen' im Lager betreut wurden. Bis auf wenige Ausnahmen starben die Kinder jedoch kurz nach der Geburt infolge von Unterernährung und wurden auf dem Friedhof in Wangen beerdigt."

Propaganda-Foto aus der Nachkriegszeit. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive
Propaganda-Foto aus der Nachkriegszeit. Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Ins Kinderkrankenhaus oder eines der angeschlossenen "Kinderheime" kamen also ohnehin nur die, die nicht schon vorher verhungert waren. Von sechs weiteren Kindern, die nach Marquarts Recherchen unter verdächtigen Umständen in der Klinik starben, ist bei zweien als Todesursache Dekomposition angegeben: Das bedeutet, etwas weniger vornehm formuliert, dass sie an Nahrungsmangel zugrunde gingen. Offenbar wurde das Verhungern bewusst herbeigeführt oder jedenfalls in Kauf genommen. Marquart folgert: "Hunger sowie medizinische und pflegerische Vernachlässigung dürften zum beabsichtigten Tod der sechs Kinder geführt haben."

Nach dem Krieg stellten sich die Täter gegenseitig Persilscheine aus, um sich eine weiße Weste zu attestieren. "Wir als Diakonissen haben unsere Russenkinder lieb gehabt und sie mit Liebe gepflegt", schreibt die Oberschwester Emilie W. 1946 in einem Gefälligkeitsgutachten für das Spruchkammerverfahren gegen den Oberarzt Karl Lempp. "Weder in der Pflege noch im Essen war zwischen diesen und unseren deutschen Kindern ein Unterschied."

"Sehen so verhungerte russische Kinder aus?", steht unter den Fotos von zwölf adrett gekleideten, offenbar gesunden russischen Kindern in einem Bericht, den Konrad Zapf, zuvor Handlungsbevollmächtigter Leiter der Daimler-Benz-Ausländerabteilung, nach dem Krieg für das Unternehmen verfasste. Kinder wurden schon in jungen Jahren zur Zwangsarbeit herangezogen. Auf dem Plochinger Friedhof liegt ein neunjähriger Junge begraben. 3175 russische Kinder, die Zwangsarbeit leisteten, haben in Stuttgart und Umgebung den Krieg überlebt.

Nur Lappen und Holzpantinen an den Füßen

Auch bei Daimler arbeiteten "Ostarbeiter"-Kinder. "Seitenweise russische und ukrainische Namen und Geburtsorte von Kindern der Jahrgänge 1930–1934" sind im "Einstellungsbuch" des Werks Untertürkheim zwischen dem 4. und 26. Juli 1944 verzeichnet, wie Helmuth Bauer herausgefunden hat. Die Kinder waren zu dieser Zeit also zwischen zehn und vierzehn Jahren alt. 13 von ihnen hat Helmuth Bauer 2006 noch in Russland, Weißrussland und der Ukraine ausfindig gemacht. Eine von ihnen, Tamara Kuzmina aus Nowosibirsk, die er zwei Jahre später mit Unterstützung des Unternehmens nach Stuttgart einladen konnte, erzählt, wie sie mit dreizehn Jahren in einer Fabrik Winterschuhe für deutsche Soldaten nähen musste. Sie selbst trug nur Lappen und Holzpantinen an den Füßen. Ihre Schwester Vera starb im Alter von vier Jahren im Lager "Im Kies", das sich an der Stelle des Daimler-Getriebewerks an den Otto-Hirsch-Brücken befand.

Daimler-Benz hat 1988 einen Betrag von 20 Millionen DM an die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, das Deutsche Rote Kreuz und das Maximilian-Kolbe-Werk überwiesen. Der Ruf nach Entschädigung ist dennoch nicht verhallt. Ehemalige "Ostarbeiter" lebten oft unter wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen und hätten Unterstützung dringend brauchen können.

"Tag und Nacht" von Bernhard Heiliger mit einer Inschrift zur Erinerung an die Zwangsarbeiter. Seit dem Abriss des alten Mercedes-Benz-Museums 2007 steht sie etwas abseits im Firmengelände.
"Tag und Nacht" von Bernhard Heiliger mit einer Inschrift zur Erinerung an die Zwangsarbeiter. Steht inzwischen etwas abseits.

Daimler hat auch darauf reagiert. Das Unternehmen war Mitinitiator der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", die 5,1 Milliarden DM von 6500 Unternehmen einwarb, ergänzt um weitere fünf Milliarden DM seitens der Bundesregierung. Insgesamt wurden 4,4 Milliarden Euro für 1,66 Millionen frühere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bereitgestellt: Das sind 2650 Euro pro Kopf. Erst zu dieser Zeit hat sich auch die Stadt Stuttgart ihrer Verantwortung gestellt und als "Geste der Entschädigung und Versöhnung" 750 000 DM bereitgestellt. Wiederum wurden jedoch nicht die Überlebenden individuell entschädigt, sondern soziale Projekte und Seniorenprojekte in den osteuropäischen Partnerstädten Samara, Brünn und Lodz unterstützt. Bereits damals lebte nur noch jeder zehnte ehemalige Zwangsarbeiter.

Ute Wüest von Vellberg, Daimler-Pressesprecherin für die Bereiche Integrität und Recht, betont indes, das Thema bleibe im Mercedes-Benz-Museum und in allen Publikationen, etwa zum hundertjährigen Jubiläum des Werks Sindelfingen, immer präsent.

 

Weiterführende Literatur: 

Karl-Horst Marquart: "Behandlung empfohlen", NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart, Stuttgart 2015.

Barbara Hopmann, Mark Spoerer, Birgit Weitz, Beate Brüninghaus: Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, Stuttgart 1994.

Helmuth Bauer: Innere Bilder wird man nicht los. Die Frauen im KZ-Außenlager Genshagen, Berlin 2011.

Grundlegende Informationen zu Kindern von "Ostarbeiterinnen" gibt es unter diesem Link. 


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

werner banghard, 16.01.2016 18:59
Ein wichtiges thema!

Gibt es unterlagen zur zwangsarbeit und kindern im lager ego/blanco in derdingen, damals kreis vaihingen ?

Werner banghard

Mac, 15.01.2016 13:21
Erstklassiger Artikel zu einem dunklen Thema! Danke dafür!

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 10:47
Sehr geehrter Herr Barolo, bestimmte Musik ist wirklich sehr gefährlich und gewaltverursachend und kann somit Menschen tatsächlich töten! Die innovativen Forschungen des redlichen Freiburger Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Miehling...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Peter S, 29.03.2017 10:28
Ach ja die Grünen. Einmal dachte ich, ich brauche sie. Was danach kam war eine totale Enttäuschung. Heute sage ich, Parteien sind nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich. Eine Direktwahl bei der der Kandidat den Bürgern...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Thomas A, 29.03.2017 10:04
Es gibt "gutes" Sparen, nennen wir es optimieren und "schlechtes", so eine Art Kahlschlag mit Folgeschäden. Effizienzssteigerung kann auch zu mehr Beschäftigung durch mehr Umsatz führen. Firmen mit der Kundenorientierung (siehe...

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Barolo, 29.03.2017 10:02
Unfassbar mit was sich der NSU Untersuchungsausschuss im Ländle befasst. Statt auch nur eine der den Uwes nachgesagten Straftaten aufzudecken macht man auf Musik. Da muss ich wirklich scharf nachdenken, wann denn schon mal Musik einen...

Ausgabe 313 / PETA zwickt den Oberförster / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 09:34
Sehr geehrte Damen und Herren, der unredlichen und kriminellen Tierschutzorganisation MEBT ("Menschen für die ethische Behandlung von Tieren") das Verbandsklagerecht zu verweigern, ist sehr redlich und zeigt erneut, dass es sich bei...

Ausgabe 313 / Geschichte klittern mit Günther Oettinger / Thomas A, 29.03.2017 09:30
Bis zur Geschichtsstunde um Filbinger(man dachte fast die Nazis seien gegen Hitler gewesen) war der wahre Oppositionsführer im Landtag der Stefan Mappus. Von da ab wurde Oettinger weniger vom Parteifreund malträtiert. Kurz darauf wurden...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Horst Ruch, 29.03.2017 09:27
......drehen wir die Bilanz besser um... er wird ein Wahnzeichen für Stuttgart, als Wahrzeichen machen.... Ich dachte immer der Boss einer Aktiengesellschaft hat für den Gewinn seiner Aktionäre zu sorgen. Hier ist es umgekehrt, der...

Ausgabe 313 / Revolution und Wahrheit / Peterwmeisel, 29.03.2017 09:05
Herzlichen Dank für die Darstellungen "der Anstalt" in der wir leben! Das Konzept ist ein bedeutender Bruder der "Aufklärung". der uns hilft hin zu schauen und zu erkennen was mit uns, dem "Souverän" gespielt wird. Wir lernen, dass das...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Jue.So Jürgen Sojka, 29.03.2017 08:45
Hier lässt sich informatives zu jenem Dr. Richard Lutz nachlesen (¹) Auszug: Tatsächlich - Neue Demut bei der Bahn? Dazu müsste es allerdings zuvor Demut gegeben haben, um "Neue Demut" zu zeigen!! Wie sich erkennen lässt, lediglich...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Heinz Heckele, 29.03.2017 08:41
Die Botschaft hör ich wohl..... Ich glaube dagegen, daß Urban Priol kürzlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat, als er feststellte, "die heutigen Grünen sind wie FDP mit Fahrrad". Siehe Kretschmann!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!