KONTEXT Extra:
Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


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Gregor Gysi ganz entspannt: Inzwischen liebt er sogar Tierfilme. Fotos: Martin Storz

Gregor Gysi ganz entspannt: Inzwischen liebt er sogar Tierfilme. Fotos: Martin Storz

Ausgabe 253
Politik

Das Häuschen ist sicher

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 03.02.2016
Die Linke kommt nicht vom Fleck. Da braucht es einen Gregor Gysi. Er nimmt der schwäbischen Hausfrau die Angst, dass ihr das Häuschen auf dem Killesberg weggenommen wird. Auch nicht, wenn Riexinger und Rockenbauch in den Landtag einziehen.

Gregor Gysi weiß, die Lage der Linken ist nicht gut, jene der Welt draußen ebenfalls nicht. Beides hat miteinander zu tun, weil auch er kaum mehr durchdringt, vor lauter Petry-Geschrei und vollgestopften Medienkanälen, die nur noch ein Thema zu kennen scheinen: die Flüchtlingspolitik im Spiegel der AfD. Talkshows lehnt er inzwischen ab, wenn abzusehen ist, dass die Zündler nicht zu etwas anderem gefragt werden. Zur sozialen Gerechtigkeit etwa, zur Vermögenssteuer, zu TTIP. Zu all dem eben, wovon sie "keine Ahnung" haben.

Im Cannstatter Kursaal kann der 68-Jährige vom Anfang her sprechen, vom Krieg, den Waffenlieferanten, der hilflosen EU, vom Wohlstand weniger und der Armut vieler. Er sagt, er kenne viele Reiche, denen er immer erzähle, dass ihr Reichtum gefährdet sei, wenn die Situation "unbeherrschbar" würde. Da würden sie doch nachdenklich werden, versichert er den 750 Zuhörern. Wenn Gysi kommt, ist die Hütte voll.

Die Schere weitet sich, nur, wie lange noch? Die britische Hilfsorganisation Oxfam hat gerechnet. Ein Prozent besitzt fast die Hälfte des Weltvermögens. Millionär geht, so wie es läuft, nur mit Hartz IV als Gegenüber und trägt nicht für alle Ewigkeit. Das hat er auch schon seinem Lieblingsgegner Volker Kauder von der CDU gesagt, Jesus zitierend: Es geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Das hat den frommen Mann aus Tuttlingen sehr empört. Die Auslegung der Heiligen Schrift sei seine Sache, nicht die eines Ungläubigen, hat er dem früheren DDR-Bürger entgegengeschleudert, und damit klargemacht, dass mit der Bibel die Welt auch nicht zu retten ist.

Kretschmann tut so, als tränke er Starkbier

Später, kurz vor Mitternacht, die beiden Bodyguards vom BKA sind weg, erklärt Gysi im Kübler-Stüble, warum das auch mit dem Katholiken Kretschmann nicht klappen kann. Verzeihbar sei, sagt Gysi, die Schummelei auf dem Nockerberg, als alle, auch sein Tischnachbar Kretschmann, so getan hätten, als tränken sie Paulaner Starkbier. Gefärbtes Wasser sei's gewesen, nur er habe zwei echte Maß in sich hineingeschüttet. Aber in der Flüchtlingspolitik die CDU "rechts überholen", nein, das will er dem grünen Ministerpräsidenten nicht durchgehen lassen. Das könne wohl nur einer, dem es "ziemlich wurscht" sei, was seine Partei so denke. Ob sie wohl einen Schwulen zur Hinrichtung nach Saudi-Arabien zurück schicken wollten?

Hannes Rockenbauch moderiert den Wahlauftakt im Cannstatter Kursaal.
Hannes Rockenbauch moderiert den Wahlauftakt im Cannstatter Kursaal.

Neben ihm sitzt Feuerkopf Hannes Rockenbauch (36), der Stuttgarter Kandidat der Linken, und lässt sich erläutern, wie er dem MP begegnen muss: "Präsidiale Typen" nie frontal angreifen, besser fragen, ob der Ministerpräsident vor lauter Bedeutung auch noch zum Schaffen käme – "das verfängt bei den Schwaben". Bedeutende Männer seien nämlich komisch, fährt Gysi fort und erzählt, wie er einst zwischen Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder gestanden hat und jeder sein Lieblingsspielzeug verraten sollte. Zuerst Oskar: einen Fußball. Danach Gerd: eine Blechbüchse, weil für einen Fußball kein Geld da war. Zuletzt Gregor, hirnend, wie er beide toppen konnte: eine "Negerpuppe". Fortan fürchteten sie ihn. Selbst die Kanzlerin guckte vom Smartphone hoch, wenn er sie im Bundestag direkt angesprach.

Der MP möge wenigstens heimlich die Linke wählen

Zu Guido Wolf (CDU) kann er nichts sagen. Den kennt er nicht. Seine Kragenweite ist Kretschmann, dem er rät, lieber zweimal nachzudenken, als einmal seinen Beamten in den Hintern zu treten, zwecks deren Bewegung und eigener Entlastung. Und dann: zur Wahl der Linken aufrufen, oder, wenn ihm das unheimlich erscheine, sie wenigstens heimlich wählen. Dann habe er zwei Oppositionsparteien im Parlament. Eine rechte in der AfD und eine linke in der Linken. Gut für eine demokratische Streitkultur und gut für einen Ministerpräsidenten, der "doch so gerne mittig ist". Die Idee bringt ihn selbst zum Strahlen, Frontmann Bernd Riexinger und Rockenbauch eher zum Staunen.

Ein guter Gedanke in der Theorie, ein schwer umsetzbarer in der Praxis. Die Linke bleibt für Kretschmann der Gegner, und andersrum auch. Der Grüne sei der "Wiedergänger von Erwin Teufel", schimpft Gewerkschafter Riexinger immer wieder und zählt auf, was unter Grün-Rot alles nicht gemacht worden sei. Eine soziale Wohnungspolitik, ein Programm gegen Kinderarmut, gegen prekäre Arbeit, Leiharbeit, Sozialdumping. Stattdessen eine Erbschaftssteuer im Sinne der schwäbischen Millionäre. Und dann so tun, als wäre Baden-Württemberg das "letzte Paradies". Ja, sagt Rockenbauch, "es ist mühsam in diesem Land". Wir führen die "Welt an die Wand", und auf unseren Straßen die Giga-Liner von Daimler. Da ist was dran.

Bernd Riexinger und Gökay Akbulut stellen die Linken-Kampagne zur Landtagswahl vor.
Bernd Riexinger und Gökay Akbulut stellen die Linken-Kampagne zur Landtagswahl vor.

Wahltaktisch schöpfen er, Riexinger und seine Mitspitzenfrau Gökay Akbulut Hoffnung aus der neuen Lage. Sie glauben nicht an eine Neuauflage der Regierung Kretschmann, verabschieden das Argument, eine Stimme für die Linke sei eine verlorene. Niemand nehme ernsthaft an, meint Rockenbauch, dass die Grünen die CDU noch überholten und die SPD auf 20 Prozent käme. Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün, das sei die Farbe der nächsten Regierung, prophezeien sie, und der bodenständige Riexinger will alle beruhigen, die sich vor dem bösen Wolf fürchten: Mit der Linken würden sie nicht im Bett der CDU landen.

Gysi will sagen: Auch Linke können nett sein

Genau. In der Ruhe liegt die Kraft. Das sagt auch Gregor Gysi und nimmt einen Schluck echte Weißweinschorle. Dafür stehe sein bekannter Bundesvorsitzender, der Bernd (Oskars Gattin Sarah weniger, wegen ihrer "Gastrecht"-Einlassung), was gerade in Wahlkampfzeiten, in denen die Parteien "immer hektisch" würden, ungemein wichtig sei. Er habe das auch erst lernen müssen, inzwischen aber einen Grad der Gelassenheit erreicht, der ihm sogar das Anschauen von Tierfilmen ermögliche.

Wer so entspannt ist, mag auch die Schwaben. Selbst Erwin Teufel ("Lächelt der eigentlich echt?") lobt er, weil er schlauer war als Kurt Biedenkopf ("Völlig humorfrei") und den Werbespruch ("Wir können alles außer Hochdeutsch") übernahm, der einst für Sachsen gedacht war. Richard von Weizsäcker war er zugetan, Parteifreund Ulrich Maurer, den Exsozi, nimmt er als "angenehmen Kerl" wahr und die Prenzlauer Schwaben überhaupt nicht als gierig. Das sei "Blödsinn", sagt Gysi, diese Behauptung, sie kauften alles auf, die Schwaben seien "nicht an allem schuld".

Will sagen: Ein Linker frisst weder kleine Kinder, noch nimmt er der schwäbischen Hausfrau ihr Häuschen auf dem Killesberg weg. Deshalb müssten die drei Prozent, die derzeit für die baden-württembergische Linke in den Umfragen stehen, keineswegs das Ende der Fahnenstange sein. Das Rennen sei offen, sagt Gysi und verweist auf die unberechenbare Stimmung im Volk. Es gebe nichts Schnelllebigeres als Wahlverhalten, betont er, und dann, wenn alles gut gehe, sprich die Linke in den Stuttgarter Landtag einzöge, "verändern wir Deutschland". Gelänge es in Bayern – "die ganze Welt".


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Kommentare

Berhard Pflueger, 08.02.2016 22:14
Ich würde mir sehr wünschen, dass ein Bernd Riexinger am 13. März in den Landtag gewählt wird. Das täte diesem geistig beharrlich-verstockt in den 50-igern des vergangenen Jahrhunderts verweilenden Bundesland (wer schon sonst bspw. ist so grundnaiv im Rest der Republik und lässt sich von moralisch-ethisch verkommenen, raffgierigen Grundstücksspekulanten seinen Bahnhof sauteuer vergraben?) mehr als gut.

Und auch für die Grünen, die nach der vergangenen Wahl - schneller als man "Oops" sagen konnte - sehr bequem in den duchgesessenen schwarzen Sesseln der Macht fläzten, wäre eine solche Opposition enorm vitalisiernd.

Dass die "Linke" einen unglaublich integeren, seriösen Tom Adler in Stuttgart nicht zu ihrem Spitzenkandidaten machte, ist, glaube ich, ein taktischer Fehler: Hannes Rockenbauch mutet fast wie eine seltsam-befremdliche Marketing-Idee aus dem Baukasten der Postdemokratie an. So eine Art 'linker Turner'. Substanzielle Veränderung aber setzt u.a. die Fähigkeit zum Bohren dicker Bretter voraus (ansonsten haben die Populisten, die "schrecklichen Vereinfacher" jeglicher Coleur leichtes Spiel).

Der Beitrag von J.-O. Freudenreich ist aus meiner Sicht im Übrigen eine ganz schlechte Werbung für die "Linke". Diese "Home-Story" zu dieser sich im Landtagswahlkampf befindenden Partei vermeidet fast alles Inhaltlich-Visionäre, was man sogar bei jemandem wie Rockenbauch finden könnte. Sie setzt eher auf den 'Gemütlichkeitsfaktor' am 'Stammtisch'. Hat Gysi wirklich "N****puppe" ohne jegliche Relativierung anzudeuten gesagt?..

Heinz Greiner, 06.02.2016 20:17
Verehrtester Herr Oehler ,

die Empfehlung ist : Lesen des Kommentars von H. Ewerth ,
versuchen den zu verstehen , sich dann fragen , was davon beständiges Thema edler Linker sein könnte und dann am Schluß schauen wieviel davon Gysi und Konsorten mehr als Lippenbekenntnis wert ist .

Bernd Oehler, 06.02.2016 16:11
Oje, Herr Greiner: Leerzeichen & Leerstellen wohin man guckt, gell? Womöglich war ihre »starke Formulierung« ein Kraftausdruck? Das wäre ja noch kein Argument gewesen, das die Öffentlichkeit erleuchtet hätte.
Schemenhaft erkenne ich Ihr Begehr. Nun, wenn Sie dazu bei denjenigen Parteien, die in den letzten Jahren in der Bundesregierung (und damit Verantwortliche) waren, Hinweise in der Programmatik in Sachen Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, Steuerpolitik, Wirtschaftspolitik, Friedenspolitik entdecken, welche die Habenichtse im In- und Ausland nicht erneut ausplündern/verarschen/für dumm verkaufen/bombardieren, bitte ich um sachdienliche Hinweise.
Gewiss hat die Linke in Landesregierungen der reinen linken Lehre auch nicht immer gehuldigt. Den Prügelknaben für die Parteien rechts von ihr würde ich dennoch nicht aus ihr machen.
Man darf zuvörderst auf den Schleimspuren nicht ausrutschen, die (spätestens) ab dem 13. März von allen Parteien abgesondert werden, die mit der CDU ins Regierungsbettchen schlüpfen wollen. Liegt man dann auf der Nase, erhebt sich am rechten Rand das viertelfaschistoide Grauen einer Alternative, die keine ist, sondern eine Spielpuppe in einem Spiel, das uns über den Kopf zu wachsen droht.

Heinz Greiner, 05.02.2016 17:28
Ja hochverehrter Herr Oehler ,

tu ich nicht , Kontext druckte die starke Formulierung nicht :

Von Gysi , Riexinger, und andern Linken kommt eben nicht das ,was Schröder und Kumpane aufgegeben haben , oder eben nur bei Gelegenheit als Lippenbekenntnis :

Bürgerversicherungen
Bezahlung der Ostrenten durch alle
Flüchtlingskostenumlage auf alle wäre aktuell auch so ein Thema für die sich sozial Gebenden
Haben Sie mal gehört , daß Linke fordern Pensionen um denselben Betrag zu erhöhen wie Renten ?
Wissen Sie was Zinseszinsrechnung ist ?
Abschaffen der Beamtenbeihilfe in der Erstligaversorgung ?

Es kommt halt nix von denen .
Man lebt fein von der Politik wie so viele .

Solidarität nur Lippenbekenntnis . Keine Haltung , wenn Sie mir den konservativen Begriff nachsehen .
Rockenbauch weiß über soziale Dinge nix . Das Urteil erlaube ich mir allerdings , ich sprach mal mit ihm .
Der wußte nix , gar nix .

Bernd Oehler, 05.02.2016 13:58
Ja, Herr Greiner, dass Sie den Gysi nicht leiden können und den Rockenbauch und den Riexinger: das hab ich mitbekommen. Über die Gründe schweigen Sie sich allerdings aus.
Ich habe übrigens gehört, dass für jedes überflüssige Leerzeichen in Kommentaren ein Asylantrag genehmigt wird - wussten Sie das?

Heinz Greiner, 05.02.2016 07:45
Tja ,

wenn man etwas schärfer gegen die linken Helden formuliert , wird's nicht veröffentlicht .
Es macht noch keinen Politiker aus, das daherzuschwätzen , was jeder halbwegs normale für anständig hält .
Im Geschwätz erschöpfen die Linken sich , das reicht .
Und sosehr Rockenbauch bei S21 gute Aktivitäten mittrug , so wenig ist er geeignet als hauptamtlicher von der Politik Lebender . Riexinger ein Lohle .
Wenigstens weiß man nun warum man die Artikel H. Freudenreichs schon früher nicht mehr las .

anke, 04.02.2016 14:58
Man könnte glatt (N-)Ostalgisch werden beim Lesen dieses Interviews!

Sehr schade, dass der Mann schon 68 ist und seine Ruhe braucht. Was Besseres ist derzeit nicht im Angebot. Und dass demnächst wer nachwächst von diesem Kaliber, kann ich von hier aus leider auch nicht wirklich sehen.

Ich frage mich manchmal, ob Gregor Gysi seiner Partei und überhaupt der Politik nun eigentlich voraus war respektive ist, oder ob er der letzte einer mit ihm aussterbenden Gattung genannt werden muss.

Hartmann Ulrich, 03.02.2016 12:21
Heute verändern wir Deutschland und morgen die ganze Welt?

Peter Meisel, 03.02.2016 11:45
Ein wunderbarer Text - Danke. Meine Einsicht ist, sogar Politiker sind Menschen und einige können sehr menschlich reden. Bleibt für mich, dem Souverän, nur die Frage, wem darf ich vertrauen?
Allein die Vorsilbe "Ver-" deutet auf die Möglichkeit meines Irrens hin.
Bei Julian Nida-Rümelin ist mir die Optimierungsfalle bekannt geworden, in der viele Menschen stecken. Das gilt besonders für die Politiker? Wenn wir eine Kommunikationskultur wollen, sei die Wahrhaftigkeit der Aussage unser Grundgesetz.
Sonst "ist die Zukunft unterirdisch und der Glaube an die Demokratie gerät unter die Räder".
Ich bin gespannt wie uns Peter Lenk mit S21 darstellen wird, nachdem er den Volker Kauder CDU mit dem Wahlkreis incl. Heckler & Koch, als Vortänzer der Bananerepublik dargestellt hat?

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