KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Ausgabe 249
Schaubühne

Pop! Stolizei!

Von Oliver Stenzel (Text), Gerhard Seyfried (Bilder)
Datum: 06.01.2016
Mit seinen Comics voll bekiffter Freaks und tumber Polizisten wurde Gerhard Seyfried zum zeichnerischen Chronisten der APO-Zeit. Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer Ausstellung dem Werk des Wahlberliners. Eine zwerchfellerschütternde Zeitreise.

Wer in den 1970ern und 1980er Jahren sozialisiert wurde und auch nur ansatzweise eine Nähe zur linken, alternativen Szene hatte – also im damaligen Sprachgebrauch zu den "Tagedieben" und "Bombenlegern" zählte –, der kennt mit einiger Sicherheit Gerhard Seyfrieds Comics und Karikaturen. Denn Seyfried war so etwas wie der zeichnerische, mit reichlich Sprachwitz gesegnete Chronist der APO-Zeit und der Sponti-Szene. Seine knollennasigen Freaks, Hippies und Anarchos und deren immer etwas dämlich wirkende Widersacher von der Polizei bevölkerten nicht nur Comicbände, sondern auch massenhaft Aufkleber, Plakate sowie Schüler- und Studentenzeitungen. Aus Seyfrieds Figuren wie dem rauschebärtigen Anarchisten Zwille wurden zigfach kopierte Ikonen, aus manchen Sprechblasentexten geflügelte Worte ("Pop! Stolizei! Äh: Stei! Polizop!").

Es waren vor allem drei kurz hintereinander erschienene Bände, die den Kultstatus des 1948 in München geborenen, seit 1976 mit kurzen Unterbrechungen in Berlin lebenden Seyfried begründeten: "Wo soll das alles enden" (1978), eine Zusammenstellung seiner Karikaturen und Comics für das Münchner Stadtmagazin "Blatt", "Freakadellen und Bulletten" (1979), eine Sammlung von Polizei-Cartoons, und "Invasion aus dem Alltag" von 1980, sein erster Comic in Albumlänge. In Letzterem schildert er die Erlebnisse einer latent bekifften Berliner Sponti-WG bei ihrer vermeintlichen Begegnung mit Außerirdischen, karikiert dabei mit reichlich Selbstironie die Alternativ-Szene, macht sich unter anderem über die "Freak-Aristokratie" lustig – aber noch mehr, erneut, über ausgesprochen tumbe, paranoide und schießfreudige Gesetzeshüter.

Mittlerweile habe sich sein Verhältnis zur Polizei beruhigt, sagt Seyfried, es herrsche "Waffenstillstand". Und es sei ja auch nicht so, dass die ganze Truppe komplett humorlos sei. "Ich hatte eine Zeitlang sehr viele Fans bei der Polizei – die hab ich immer noch, aber die sind jetzt meistens in Pension. Und es kam schon vor, dass Polizisten bei mir auftauchten und fragten, ob sie noch dieses oder jenes Polizeiplakat haben könnten." Das passiere inzwischen zwar seltener, aber immer noch regelmäßig, und er helfe dann natürlich gerne mit dem gesuchten Stück aus, sofern er noch eines habe.

Die Jahre des größten Ruhms als Comiczeichner sind indes schon ein Weilchen passé. "Wo soll das alles enden" verkaufte sich mit allen Neuauflagen rund 500 000 Mal, "Invasion aus dem Alltag" immerhin 200 000 Mal – für deutsche Comics heute völlig unvorstellbare Auflagen. 1990 erhielt Seyfried noch den Max-und-Moritz-Preis, die höchste deutsche Auszeichnung im Comicbereich, doch in den darauf folgenden Jahren verhielten sich Käufer und Kritiker zurückhaltender. Fast scheint es, als habe sich die Orientierungslosigkeit der deutschen Linken nach Mauerfall und Ende des Kalten Krieges auch auf die Wertschätzung ihres einst liebsten Zeichners ausgewirkt. 

Seyfried will Neues ausprobieren – und verschreckt Fans

Wobei Seyfried damals ohnehin Neues ausprobieren, von Knollennasen und abgegrasten Themen wegkommen wollte. 1991 und 1993 erschienen, gemeinsam mit der Berliner Künstlerin Ziska Riemann verfasst, die Comicbände "Future Subjunkies" und "Space Bastards": Keine überdrehten Freaks-und-Bullen-Geschichten mehr, sondern eine dystopische Zukunftsvision irgendwo zwischen Ridley Scotts "Blade Runner" und William Gibsons Cyberspace-Romanen. Abgründig düster und mit nur wenigen bösen Gags, dazu mit einem neuen, abstrakteren Zeichenstil – "das war ein großer Schock für meine Fans", lacht Seyfried heute. Es folgten nur noch drei Comicbände seitdem, "Let the Bad Times Roll" (1997), "Starship Eden" (1999) und "Kraft durch Freude" (2010). Wird es noch einmal einen neuen Seyfried-Comicband geben? Geplant habe er Unmengen, sagt der Zeichner, aber er könne das nicht mehr alleine finanzieren. "Und die Vorschüsse der Verlage sind, höflich ausgedrückt, lachhaft." 

In den letzten Jahren hat sich Seyfried dafür verstärkt aufs Verfassen akribisch recherchierter historischer Romane verlegt. Den Anfang machte 2003 "Herero": Von einer Vortragsreise 1999 nach Namibia inspiriert, schildert er die Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904 durch deutsche Kolonialtruppen. Mit der Spätphase des Deutschen Kaiserreichs beschäftigen sich auch "Der Aufstand der Boxer" (2008) und der Spionageroman "Verdammte Deutsche" (2012). Eine weitgehend autobiografische Geschichte über die linke Szene Münchens und Berlins Anfang der 1970er-Jahre erzählt er dagegen in "Der schwarze Stern der Tupamaros" (2004). 

Unterm Strich erfuhr Seyfried für seine Romane viel Kritikerlob, merkte aber auch, dass er davon genauso wenig wie von Comics allein leben konnte. Beides sei "ein teures Hobby", über die Runden komme er vor allem durch Auftragsarbeiten. Dazu gehörten in den letzten Jahren auch Wahlplakate für den Berliner Grünen-Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele – auch wenn er ansonsten für die Grünen nicht mehr arbeiten will, "seitdem die zu Kriegseinsätzen Ja sagen." Aber Ströbele sei in seiner Partei eine Ausnahme, "der Last Man Standing". Zuletzt hat er auch für die Linke Wahlplakatmotive gemacht, weil die als "letzte Partei konsequent gegen Krieg ist", doch im Grunde halte er sich von politischen Parteien fern. "Ick hab mich immer als Anarchist bezeichnet", sagt Seyfried, in dessen Sätze sich trotz der im Vokabular spürbaren knapp 40 Berlin-Jahre immer wieder der melodische Münchner Akzent einschleicht. Ein so dezenter wie charmanter Sprach-Anarchismus.

Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer großen Ausstellung dem reichen zeichnerischen Schaffen des 67-Jährigen. Nicht die erste Werkschau, aber die bislang "größte und schönste", wie Seyfried betont, und die erste, die derart gründlich sein Werk reflektiere. Auf zwei Etagen werden frühe bis aktuelle politische Cartoons, Skizzen, Auszüge und Materialien zu seinen Comics, großformatige Wimmelbilder oder Plakate gezeigt, aber auch seine Anfangswerke aus der Werbegrafik und kuriose Gimmicks wie ein Polizeiautobastelbogen.

Von RAF bis NSU: Die Comics werden als Quellen wichtig

Die Frankfurter Schau macht auch deutlich, dass die Werke des Meisters so langsam als Quellen wichtig werden. "Wenn künftige Generationen von Soziologen das linksalternative Milieu der Siebziger- und Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts ergründen wollen, werden sie um das Gesamtwerk von Gerhard Seyfried nicht herumkommen. Es ist eine Fundgrube an gezeichneten Dokumenten und Analysen", schrieb bereits 2007 völlig zu Recht Lars von Törne im Berliner "Tagesspiegel".

In diesem Sinne wäre beispielsweise Seyfrieds "Wo soll das alles enden" sehr als Begleitlektüre zur bis vor knapp zwei Jahren im Stuttgarter Haus der Geschichte gezeigten RAF-Ausstellung zu empfehlen gewesen. Denn zu den dort etwas unterbelichteten Aspekten der Einschränkung der Grundrechte als Reaktion auf den Terror sowie der Aufrüstung des Sicherheitsapparates finden sich bei Seyfried ein paar sehr pointierte Reflexionen – mal von schwärzestem Humor geprägt, mal hemmungslos kalauerig. Einige Karikaturen zum Überwachungswahn des Staates könnte man auch heute wieder ohne größere Veränderungen veröffentlichen. Seyfried wurde damals selbst zur Sympathisanten-Szene gerechnet und musste regelmäßig Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen – nach eigenen Angaben mindestens 20 –, weil er mit Fritz Teufel und Juliane Plambeck befreundet war, beide Mitglieder der Bewegung 2. Juni. 

Das größte Vergnügen bei Seyfrieds Comics sind oft eher die kleinen Details, und mitunter kriegt man dabei auch Gänsehaut. In "Flucht aus Berlin" (1990) etwa lässt er die Protagonisten in der Berliner Kanalisation auf einen vergessenen Bunker stoßen, in dem ein Häuflein nach 1945 übrig gebliebener alter sowie einiger junger Nazis über eine erneute Machtergreifung fantasieren und dabei ihre Unterstützer in der Oberwelt aufzählen – übliche Verdächtige wie NPD, DVU, FAP und Wiking-Jugend sind dabei, aber auch "'Augenbraue' mit seiner NSU". NSU?! In einem Comic von 1990? Nur die Ruhe. Zumindest Zeitgenossen dürften noch draufkommen, dass "Augenbraue" der frühere CSU-Vorsitzende Theo Waigel sein muss – zumal die von der NSU schwärmende Comicfigur bayrische Tracht trägt – und das christliche "C" im Parteinamen kurzerhand durch ein nationales "N" ersetzt wurde. Aber Historiker späterer Generationen sind bei der Dechiffrierung nicht zu beneiden.

Info:

"Seyfried", Caricatura-Museum frankfurt – Museum für komische Kunst, Weckmarkt 17, 60311 Frankfurt am Main; noch bis zum 24. Januar; vorgezogene Finissage (Künstler ist anwesend) am 21. Januar, 19 Uhr. Mehr dazu unter diesem Link.

Gerhard Seyfrieds Homepage.


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Kommentare

Lowandorder, 11.01.2016 00:46
Hi - Danke für den Tipp. Glatt durchgerutscht.
Was ne feine Ausstellung - mit nem duften Interview.
In dem Gerhard Seyfried gerade über die/seine Anfänge unaufgeregt humorvoll - aber klarsichtig die
reaktionäre BRD-Wirklichkeit Revue passieren und seine
unfrisierte:) Grundierung - what makes him tick - plastisch werden läßt.

ps in Titanic "blättern" am Schirm vom Feinsten
Wie die Aussicht "über" Ffm;)
pps Hab ich bei euch was nicht mitbekommen?
Aber - so kurz vor Toresschluß (24.1.!! - Start Sept.!!)??!
Gibt - sorry - ne kleine Darmolmütze^;)

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