KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Gerhard Seyfrieds wohl bekannteste und beliebteste Figur: der rauschebärtige Anarcho Zwille, hier in einer Zeichnung von 1977. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Wurde zum Inventar vieler WGs: Seyfrieds erstes Buch "Wo soll das alles enden" (1978; 2015 neu aufgelegt) – eine Sammlung kurzer Comics und Cartoons, die er für das Münchner Stadtmagazin "Blatt" gezeichnet hatte. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Ausschließlich den Kabbeleien zwischen Linken und Staatsmacht widmet sich der Cartoon-Band "Freakadellen und Bulletten" (1979), hier das Cover-Motiv. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Wirklich gefährlich erscheinen die Gesetzeshüter dabei selten, wie hier der von einer Sponti-WG unsanft aus dem Haus beförderte "Kontaktbereichsbeamte" im Comic "Invasion aus dem Alltag" von 1980. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Bei aller Komik reflektiert Seyfried die Aufrüstung des Sicherheitsapparates und den Überwachungswahn des Staates als Reaktion auf den RAF-Terror – wobei dieser Cartoon von 1978 aktuell wirkt. Bild: Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mittlerweile herrsche zwischen ihm und der Polizei "Waffenstillstand", so Seyfried. Es würden sich sogar regelmäßig Beamte melden, die alte Polizistenposter kaufen wollen. Bild aus "Wo soll das alles enden" (1978), Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

Mit dem Vorschuss zu "Wo soll das alles enden?" reist Seyfried 1978 nach San Francisco, wo er mit den Comiczeichnern Gilbert Shelton und Paul Mavrides ("Freak Brothers") arbeitet. Bild: Coffeehouse-Skizze, Berkeley; Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

In Kalifornien entstehen Unmengen von Comics und Skizzen, darunter auch Gebäudestudien wie die Top-Dog-Bude in Berkeley. Bild: Gerhard Seyfried

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Neuer Stil: In den 1990ern veröffentlicht Seyfried gemeinsam mit Ziska Riemann die dystopischen Comicbände "Future Subjunkies" (daraus das Bild) und "Space Bastards", die Themen wie "Virtual Reality" vorwegnehmen. Bild: Seyfried / Ziska

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Seyfrieds Gespür für den gediegenen Wort-Bild-Kalauer blieb bestehen, wie hier in einer 2001 für die Schweizer Zeitschrift "Hanf" erstellten Neuversion eines alten Cartoons. Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Tagesaktuelle politische Cartoons wie diesen von 2014 veröffentlicht Seyfried vor allem auf seiner Facebook-Seite, da es, wie er sagt, "keine Zeitung gibt, die sie will". Bild: Gerhard Seyfried

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Der Künstler mit Stift, Foto von 2012. Bild: Meisterstein

Ausgabe 249
Schaubühne

Pop! Stolizei!

Von Oliver Stenzel (Text), Gerhard Seyfried (Bilder)
Datum: 06.01.2016
Mit seinen Comics voll bekiffter Freaks und tumber Polizisten wurde Gerhard Seyfried zum zeichnerischen Chronisten der APO-Zeit. Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer Ausstellung dem Werk des Wahlberliners. Eine zwerchfellerschütternde Zeitreise.

Wer in den 1970ern und 1980er Jahren sozialisiert wurde und auch nur ansatzweise eine Nähe zur linken, alternativen Szene hatte – also im damaligen Sprachgebrauch zu den "Tagedieben" und "Bombenlegern" zählte –, der kennt mit einiger Sicherheit Gerhard Seyfrieds Comics und Karikaturen. Denn Seyfried war so etwas wie der zeichnerische, mit reichlich Sprachwitz gesegnete Chronist der APO-Zeit und der Sponti-Szene. Seine knollennasigen Freaks, Hippies und Anarchos und deren immer etwas dämlich wirkende Widersacher von der Polizei bevölkerten nicht nur Comicbände, sondern auch massenhaft Aufkleber, Plakate sowie Schüler- und Studentenzeitungen. Aus Seyfrieds Figuren wie dem rauschebärtigen Anarchisten Zwille wurden zigfach kopierte Ikonen, aus manchen Sprechblasentexten geflügelte Worte ("Pop! Stolizei! Äh: Stei! Polizop!").

Es waren vor allem drei kurz hintereinander erschienene Bände, die den Kultstatus des 1948 in München geborenen, seit 1976 mit kurzen Unterbrechungen in Berlin lebenden Seyfried begründeten: "Wo soll das alles enden" (1978), eine Zusammenstellung seiner Karikaturen und Comics für das Münchner Stadtmagazin "Blatt", "Freakadellen und Bulletten" (1979), eine Sammlung von Polizei-Cartoons, und "Invasion aus dem Alltag" von 1980, sein erster Comic in Albumlänge. In Letzterem schildert er die Erlebnisse einer latent bekifften Berliner Sponti-WG bei ihrer vermeintlichen Begegnung mit Außerirdischen, karikiert dabei mit reichlich Selbstironie die Alternativ-Szene, macht sich unter anderem über die "Freak-Aristokratie" lustig – aber noch mehr, erneut, über ausgesprochen tumbe, paranoide und schießfreudige Gesetzeshüter.

Mittlerweile habe sich sein Verhältnis zur Polizei beruhigt, sagt Seyfried, es herrsche "Waffenstillstand". Und es sei ja auch nicht so, dass die ganze Truppe komplett humorlos sei. "Ich hatte eine Zeitlang sehr viele Fans bei der Polizei – die hab ich immer noch, aber die sind jetzt meistens in Pension. Und es kam schon vor, dass Polizisten bei mir auftauchten und fragten, ob sie noch dieses oder jenes Polizeiplakat haben könnten." Das passiere inzwischen zwar seltener, aber immer noch regelmäßig, und er helfe dann natürlich gerne mit dem gesuchten Stück aus, sofern er noch eines habe.

Die Jahre des größten Ruhms als Comiczeichner sind indes schon ein Weilchen passé. "Wo soll das alles enden" verkaufte sich mit allen Neuauflagen rund 500 000 Mal, "Invasion aus dem Alltag" immerhin 200 000 Mal – für deutsche Comics heute völlig unvorstellbare Auflagen. 1990 erhielt Seyfried noch den Max-und-Moritz-Preis, die höchste deutsche Auszeichnung im Comicbereich, doch in den darauf folgenden Jahren verhielten sich Käufer und Kritiker zurückhaltender. Fast scheint es, als habe sich die Orientierungslosigkeit der deutschen Linken nach Mauerfall und Ende des Kalten Krieges auch auf die Wertschätzung ihres einst liebsten Zeichners ausgewirkt. 

Seyfried will Neues ausprobieren – und verschreckt Fans

Wobei Seyfried damals ohnehin Neues ausprobieren, von Knollennasen und abgegrasten Themen wegkommen wollte. 1991 und 1993 erschienen, gemeinsam mit der Berliner Künstlerin Ziska Riemann verfasst, die Comicbände "Future Subjunkies" und "Space Bastards": Keine überdrehten Freaks-und-Bullen-Geschichten mehr, sondern eine dystopische Zukunftsvision irgendwo zwischen Ridley Scotts "Blade Runner" und William Gibsons Cyberspace-Romanen. Abgründig düster und mit nur wenigen bösen Gags, dazu mit einem neuen, abstrakteren Zeichenstil – "das war ein großer Schock für meine Fans", lacht Seyfried heute. Es folgten nur noch drei Comicbände seitdem, "Let the Bad Times Roll" (1997), "Starship Eden" (1999) und "Kraft durch Freude" (2010). Wird es noch einmal einen neuen Seyfried-Comicband geben? Geplant habe er Unmengen, sagt der Zeichner, aber er könne das nicht mehr alleine finanzieren. "Und die Vorschüsse der Verlage sind, höflich ausgedrückt, lachhaft." 

In den letzten Jahren hat sich Seyfried dafür verstärkt aufs Verfassen akribisch recherchierter historischer Romane verlegt. Den Anfang machte 2003 "Herero": Von einer Vortragsreise 1999 nach Namibia inspiriert, schildert er die Niederschlagung des Herero-Aufstands 1904 durch deutsche Kolonialtruppen. Mit der Spätphase des Deutschen Kaiserreichs beschäftigen sich auch "Der Aufstand der Boxer" (2008) und der Spionageroman "Verdammte Deutsche" (2012). Eine weitgehend autobiografische Geschichte über die linke Szene Münchens und Berlins Anfang der 1970er-Jahre erzählt er dagegen in "Der schwarze Stern der Tupamaros" (2004). 

Unterm Strich erfuhr Seyfried für seine Romane viel Kritikerlob, merkte aber auch, dass er davon genauso wenig wie von Comics allein leben konnte. Beides sei "ein teures Hobby", über die Runden komme er vor allem durch Auftragsarbeiten. Dazu gehörten in den letzten Jahren auch Wahlplakate für den Berliner Grünen-Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele – auch wenn er ansonsten für die Grünen nicht mehr arbeiten will, "seitdem die zu Kriegseinsätzen Ja sagen." Aber Ströbele sei in seiner Partei eine Ausnahme, "der Last Man Standing". Zuletzt hat er auch für die Linke Wahlplakatmotive gemacht, weil die als "letzte Partei konsequent gegen Krieg ist", doch im Grunde halte er sich von politischen Parteien fern. "Ick hab mich immer als Anarchist bezeichnet", sagt Seyfried, in dessen Sätze sich trotz der im Vokabular spürbaren knapp 40 Berlin-Jahre immer wieder der melodische Münchner Akzent einschleicht. Ein so dezenter wie charmanter Sprach-Anarchismus.

Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer großen Ausstellung dem reichen zeichnerischen Schaffen des 67-Jährigen. Nicht die erste Werkschau, aber die bislang "größte und schönste", wie Seyfried betont, und die erste, die derart gründlich sein Werk reflektiere. Auf zwei Etagen werden frühe bis aktuelle politische Cartoons, Skizzen, Auszüge und Materialien zu seinen Comics, großformatige Wimmelbilder oder Plakate gezeigt, aber auch seine Anfangswerke aus der Werbegrafik und kuriose Gimmicks wie ein Polizeiautobastelbogen.

Von RAF bis NSU: Die Comics werden als Quellen wichtig

Die Frankfurter Schau macht auch deutlich, dass die Werke des Meisters so langsam als Quellen wichtig werden. "Wenn künftige Generationen von Soziologen das linksalternative Milieu der Siebziger- und Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts ergründen wollen, werden sie um das Gesamtwerk von Gerhard Seyfried nicht herumkommen. Es ist eine Fundgrube an gezeichneten Dokumenten und Analysen", schrieb bereits 2007 völlig zu Recht Lars von Törne im Berliner "Tagesspiegel".

In diesem Sinne wäre beispielsweise Seyfrieds "Wo soll das alles enden" sehr als Begleitlektüre zur bis vor knapp zwei Jahren im Stuttgarter Haus der Geschichte gezeigten RAF-Ausstellung zu empfehlen gewesen. Denn zu den dort etwas unterbelichteten Aspekten der Einschränkung der Grundrechte als Reaktion auf den Terror sowie der Aufrüstung des Sicherheitsapparates finden sich bei Seyfried ein paar sehr pointierte Reflexionen – mal von schwärzestem Humor geprägt, mal hemmungslos kalauerig. Einige Karikaturen zum Überwachungswahn des Staates könnte man auch heute wieder ohne größere Veränderungen veröffentlichen. Seyfried wurde damals selbst zur Sympathisanten-Szene gerechnet und musste regelmäßig Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen – nach eigenen Angaben mindestens 20 –, weil er mit Fritz Teufel und Juliane Plambeck befreundet war, beide Mitglieder der Bewegung 2. Juni. 

Das größte Vergnügen bei Seyfrieds Comics sind oft eher die kleinen Details, und mitunter kriegt man dabei auch Gänsehaut. In "Flucht aus Berlin" (1990) etwa lässt er die Protagonisten in der Berliner Kanalisation auf einen vergessenen Bunker stoßen, in dem ein Häuflein nach 1945 übrig gebliebener alter sowie einiger junger Nazis über eine erneute Machtergreifung fantasieren und dabei ihre Unterstützer in der Oberwelt aufzählen – übliche Verdächtige wie NPD, DVU, FAP und Wiking-Jugend sind dabei, aber auch "'Augenbraue' mit seiner NSU". NSU?! In einem Comic von 1990? Nur die Ruhe. Zumindest Zeitgenossen dürften noch draufkommen, dass "Augenbraue" der frühere CSU-Vorsitzende Theo Waigel sein muss – zumal die von der NSU schwärmende Comicfigur bayrische Tracht trägt – und das christliche "C" im Parteinamen kurzerhand durch ein nationales "N" ersetzt wurde. Aber Historiker späterer Generationen sind bei der Dechiffrierung nicht zu beneiden.

Info:

"Seyfried", Caricatura-Museum frankfurt – Museum für komische Kunst, Weckmarkt 17, 60311 Frankfurt am Main; noch bis zum 24. Januar; vorgezogene Finissage (Künstler ist anwesend) am 21. Januar, 19 Uhr. Mehr dazu unter diesem Link.

Gerhard Seyfrieds Homepage.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Lowandorder, 11.01.2016 00:46
Hi - Danke für den Tipp. Glatt durchgerutscht.
Was ne feine Ausstellung - mit nem duften Interview.
In dem Gerhard Seyfried gerade über die/seine Anfänge unaufgeregt humorvoll - aber klarsichtig die
reaktionäre BRD-Wirklichkeit Revue passieren und seine
unfrisierte:) Grundierung - what makes him tick - plastisch werden läßt.

ps in Titanic "blättern" am Schirm vom Feinsten
Wie die Aussicht "über" Ffm;)
pps Hab ich bei euch was nicht mitbekommen?
Aber - so kurz vor Toresschluß (24.1.!! - Start Sept.!!)??!
Gibt - sorry - ne kleine Darmolmütze^;)

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Argonautiker, 25.08.2016 14:23
Es war abzusehen, daß auch vor dem Mittelstand nicht halt gemacht wird. Hut ab, aber in übertriebene Hurra Rufe, möchte ich da deswegen auch nicht fallen, wenn sich da nun jemand zu wehren beginnt, denn von dieser Seite gab es auch...

Ausgabe 282 / Links oder rechts? / Barolo, 25.08.2016 14:18
Herr Muth, Ich wollte die Unterscheidung wäre so einfach wie Sie schreiben. Eine deutlich nach links gerückte Merkel-CDU bereitet uns auf einen Krieg vor. Das ganze von einer eher "Linken" US Regierung forciert und einer willigen Nato...

Ausgabe 282 / Gefährliches Missverständnis / Reinhard Muth, 25.08.2016 13:05
Schulden machen kann man auch vermeiden, indem man die Einnahmeseite stärkt. Dies wird beim Thema Schuldenbremse gerne ausgeblendet. Aber dann müssten ja die Reichen zur Kasse gebeten werden. Doch davor bewahrt uns ja Kretschmann un Co.

Ausgabe 282 / Links oder rechts? / Reinhard Muth, 25.08.2016 12:49
Für mich gibt es zwei einfache Beschreibungen, nach denen sich linkes und rechtes Verhalten unterscheiden lassen. Rechte grenzen aus, Linke integrieren und Rechte bereiten den Krieg vor, Linke den Frieden.

Ausgabe 282 / Gefährliches Missverständnis / Dr. Diethelm Gscheidle, 25.08.2016 10:44
Sehr geehrte Damen und Herren, genau die selben Herrschaften, die immer gegen eine redliche Schuldenbremse wettern, sind dann gleichzeitig auch diejenigen, welche beklagen, dass die Griechen durch ihre übermäßigen Schulden sich...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Rattenfänger, 25.08.2016 09:24
Politische Luxusreisen sollen also als Aufänger für Verschwendung dienen. Wir sind die größte Wirtschaftsmacht in Europa, Exportweltmeister und geben allen Menschen der Welt die es hier her schaffen'All Inclusive'. Da falles doch...

Ausgabe 282 / "Das haben wir versemmelt" / Rolf Schmid, 25.08.2016 02:36
Das - noch immer bestehende - KPD-Verbot passt ebenso wenig zu einem wahren, demokratischen RECHTS-Staat, in dem Meinungsfreiheit sogar Verfassungsrang hat, wie die Verurteilungen von Holocaust-Zweiflern und sogar deren Strafverteidiger,...

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Jürgen Maier, 25.08.2016 00:24
Herr Berner ist für mich ein herausragendes Beispiel für unternehmerischen Mut gepaart mit verantwortlichem Handeln - das können sich einige CEOs von Großunternehmen zum Vorbild nehmen. Sioux Schuhe kaufen wird zum Symbol der...

Ausgabe 279 / Die Totengräber Europas / Nico, 24.08.2016 22:52
Es gibt auch viel Gutes in der Idee von Europa und grundsätzlich verhält es sich ebenso wie etwa die BRD zu den Bundesländern. Gemeinsamkeiten gibt es ebenso, etwa den Willen zum Frieden und der Wille die Weltgeschicke mitzubestimmen....

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Theresa, 24.08.2016 20:30
Mein Respekt vor diesem verantwortungsbewussten Signal. Bewundernswert!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!