KONTEXT Extra:
Zwei Afd-Fraktionen im Landtag zulässig

Nach dem von der Landtagsverwaltung in Auftrag gegebenen Gutachten zur Vertretung der "Alternative für Deutschland" (AfD) im baden-württembergischen Parlament gibt es keine Handhabe gegen die Parallelfraktion. Die Professoren Christofer Lenz, Martin Morlok und Martin Nettesheim schreiben in ihrer 35-seitigen Stellungnahme: Der unter der Bezeichnung "Fraktion der Alternative für Baden-Württemberg im Landtag von Baden-Württemberg" auftretende Zusammenschluss von 14 der AfD angehörenden Abgeordneten sei "seit seiner Konstituierung am 06.07.2016 eine Fraktion im Sinne der Geschäftsordnung des Landtags". Einer Anerkennung bedürfe es nicht. Es bestünden keine über den Wortlaut Geschäftsordnung "hinausgehende, rechtliche Anforderungen an die Zulässigkeit einer Fraktionsbildung".

Auch das "Verbot der Fraktionsvermehrung" greift nach Einschätzung der Gutachter nicht. "Der Landtag würde die verfassungsrechtlichen Grenzen seiner Geschäftsordnungsautonomie aber nicht überschreiten", heißt es weiter, "wenn er eine Regelung erließe, die die Gründung einer 'Parallelfraktion' untersagt." Einer bereits bestehenden Fraktion ist der Status aber auch dadurch nicht zu nehmen. Denn: "Eine derartige Regelung dürfte nur mit Wirkung für die Zukunft erlassen werden, zweckmäßigerweise zum Zeitpunkt des Zusammentritts des neuen Landtag."

Damit müssen sich die anderen Fraktionen, wenn der AfD-Bundes- und Landessprecher Jörg Meuthen mit den Bemühungen eines Zusammenschlusses unter seiner Führung keinen Erfolg hat, weiterhin mit mindestens zwei rechtspopulistischen Rednern und Rednerinnen zu jedem Tagesordnungspunkt abfinden. Die geschätzen Kosten der Spaltung für die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen liegen bei drei Millionen Euro. Denn auch die zweite AfD-Fraktion hat ein Recht auf die allen anderen zustehende finanzielle Ausstattung. (25.7.2016)


Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


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Ausgabe 240
Politik

Kriminelle im Dienste des Staates

Von Anton Maegerle
Datum: 04.11.2015
Um rechtsextreme Umtriebe aufzudecken, bedarf es des Verfassungsschutzes und seiner V-Leute. Heißt es. Spätestens seit dem Auffliegen des NSU-Terrors weiß man, dass das eine Mär ist. Eine Bestandsaufnahme.

Der neueste Fall vorneweg: Zuletzt wurde im Oktober der jahrzehntelang aktive Neonazi-Rädelsführer Roland Sokol posthum als V-Mann des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz geoutet. Sokol war Gründungsmitglied von "Hooligans gegen Salafisten".

Dienstgebäude des BfV in Köln. Foto: Bundesamt für Verfassungsschutz
Dienstgebäude des BfV in Köln. Foto: Bundesamt für Verfassungsschutz

Zum Grundsätzlichen: Der Verfassungsschutz sieht sich als "demokratieschützendes Frühwarnsystem". Dennoch konnten Neonazis seit der deutsch-deutschen Vereinigung mindestens 180 Menschen verbrennen, erschlagen, erstechen und aus dumpfen Hass heraus ermorden. Bedingt durch das multiple Versagen der Sicherheitsbehörden und die ständige Relativierung und Verharmlosung der extremen Rechten durch den Verfassungsschutz konnte der "Nationalsozialistische Untergrund" ungehindert in den Jahren 2000 bis 2007 mordend durch die Bundesrepublik ziehen.

Gebetsmühlenartig behauptete das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinen Berichten aus den 90er Jahren, dass es keine Anhaltspunkte für rechtsterroristische Gewalt in der Bundesrepublik gebe. Das war zugleich Staatsdoktrin. Erst am 16. November 2011, wenige Tage nach dem Auffliegen des NSU, gestand der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ein: "Man konnte sich bis vor wenigen Tagen nicht vorstellen, dass es tatsächlich terroristische Organisationen oder Zellen geben könnte, die mordend durchs Land laufen."

Das NSU-Trio war von zwei Dutzend V-Leuten umstellt

Wie inzwischen bekannt, wurden Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos von rund zwei Dutzend V-Leuten des Inlandsgeheimdienstes und der Landeskriminalämter umstellt - und nicht aufgespürt. Hier gilt es festzuhalten: Hat der Verfassungsschutz nichts von den NSU-Morden gewusst, dann ist er überflüssig. Hat er bewusst beiseite geschaut, dann ist er eine Gefahr für die Verfassung.

Nun erklärt der VS regelmäßig, V-Leute seien unabdingbar notwendig und ihr Einsatz sei nicht in Frage zu stellen. Warum eigentlich? Es handelt sich hier um Spitzel aus der Szene, die als angeworbene Verräter, sei es als Selbstanbieter oder vom VS gelockt, aus ihrer Gruppe dem Staat Informationen liefern. Ziel ist, Interna über verfassungsfeindliche Umtriebe zu erlangen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, Straftaten zu verhindern und Rädelsführer zu überführen. Oft werden vom Verfassungsschutz Personen angesprochen, die in einer persönlichen Notlage sind: Schulden, drohender Verlust des Arbeitsplatzes oder ideologische Zweifel.

Viel Steuergeld für Spitzel. Foto: Joachim E. Röttgers
Viel Steuergeld für Spitzel. Foto: Joachim E. Röttgers

Häufig dienen sich Neonazis auch selbst an. Sei es in der Hoffnung auf eine mildere Strafe, Aussetzung von Strafverfolgung oder schlicht auf ein sattes Honorar. Die Prämien können sich im Laufe der Jahre auf sechsstellige Beträge summieren. Geld gibt es meist gegen Quittung bar auf die Hand. Die bisher größte bekanntgewordene Summe kassierte der Neonazi Thomas Richter (alias "Corelli"). Die Top-Quelle des Bundesamtes erhielt 180 000 Euro, zu attraktiven Konditionen: V-Leute müssen die Honorare nicht in der Steuererklärung ausweisen. Die Prämien werden vom Inlandsgeheimdienst in der Regel vorab pauschal mit zehn Prozent versteuert. Diese "Spitzelsteuer" verstößt sowohl gegen das Gebot der strikten Gesetzesanwendung im Steuerrecht als auch gegen das Gebot der Rechtsanwendungsgleichheit.

Jahr für Jahr geben die Verfassungsschutzämter in Bund und Ländern so Millionen Euro für das V-Leute-System aus, wissend, dass ihre staatlich alimentierten Spitzel die Prämiengelder vielfach in die rechtsextreme Szene stecken. Bekanntestes Beispiel ist der Neonazi Tino Brandt, Gründer und Führer des "Thüringer Heimatschutzes" (THS), der Keimzelle des NSU. Ohne die V-Leute, ihre Entlohnung aus Steuergeldern, wäre das Milieu, aus dem die späteren NSU-Terroristen erwuchsen, so nicht entstanden.

Wolfgang Frenz, einer der Schlapphut-Gehilfen, die das erste NPD-Verbotsverfahren zu Fall gebracht haben, hat mit seinem Geld jahrzehntelang den nordrhein-westfälischen NPD-Landesverband gesponsert. Der 2002 vom ARD-Politmagazin "Report Mainz" enttarnte Frenz war NPD-Landesvize und V-Mann des NRW-Verfassungsschutzes. Frenz steht auch stellvertretend für viele, die über eine lange Zeit übelste antisemitische Propaganda betreiben konnten, die die Grenze zum Justiziablen überschritt und dennoch vom Verfassungsschutz nicht beendet wurde.

Alles möglich: NPD-Vorstand und VS-Spitzel

V-Leute sind oftmals zugleich Informanten und Straftäter. Nicht von ungefähr scheiterte das 2001 eingeleitete Verfahren gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht: Bis zu 15 Prozent der NPD-Vorstandsmitglieder in Bund und Ländern arbeiteten zugleich als Spitzel für den Verfassungsschutz. Das Verfahren endete am 18. März 2003 mit einer Einstellung aus formalen Gründen, obwohl die Richter offenkundig von der Verfassungswidrigkeit der NPD überzeugt waren. Ihr Argument: V-Leute dürfen Ziele und Aktivitäten einer extremistischen Organisation nicht entscheidend bestimmen, sonst setzten sich die Geheimdienste dem Vorwurf aus, die verfassungsfeindlichen Bestrebungen selbst anzuleiten.

Ort des NPD-Vorbotsverfahrens: Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Foto: Joachim E. Röttgers
Ort des NPD-Vorbotsverfahrens: Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Foto: Joachim E. Röttgers

In Nordrhein-Westfalen wurde diese Praxis auf die Spitze getrieben. NPD-Landesvorsitzender in NRW war Udo Holtmann, zugleich V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Sein Stellvertreter arbeitete ebenfalls als VS-Spitzel, womit die Spitzenpositionen der Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland in den Händen des Inlandsgeheimdienstes waren.

Der NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht hat offen gelegt, dass es kaum eine überregional aktive Neonazistruktur ohne V-Leute gab. Der Staat fördert damit indirekt und direkt den Weg in die Gewalt. Seine Spitzel sehen sich nicht als V-Person des Verfassungsschutzes in ihrer jeweiligen Partei oder Gruppierung, sondern als V-Person ihrer jeweiligen Partei oder Gruppierung beim Verfassungsschutz. So kommt es immer wieder vor, dass V-Leute Aktionen steuern, dazu aufstacheln und zum bewaffneten Kampf aufrufen.

Unter dem Deckmantel des Verfassungsschutzes können sie ungestört agieren, austesten, welche Aktivitäten geduldet werden und sich selbst aus der Schusslinie nehmen. Vor Exekutivmaßnahmen werden sie gewarnt, vor anderen Behörden abgeschirmt und vor Ermittlungsverfahren geschützt. Quellenschutz ist dem Verfassungsschutz wichtiger als Strafverfolgung und Kriminalitätsbekämpfung. Die Aufrechterhaltung der Tarnung steht vor der Verhinderung oder Aufklärung einer Straftat. Immer wieder kommt es zu Straftaten mit Wissen und Billigung der Ämter, die von Amts wegen vertuscht werden. Gerichtsprozesse gegen V-Leute verkommen tendenziell zu rechtsstaatswidrigen Geheimverfahren. Aus Gründen des Quellenschutzes oder des "Staatswohls" werden Akten manipuliert oder geschwärzt, V-Mann-Führer treten nur mit beschränkten Aussagegenehmigungen auf.

Loyalität gibt es nur gegenüber dem Geld

V-Leute haben oft mehrere Loyalitäten, belügen und betrügen nicht nur die eigenen Gesinnungskameraden, sondern auch die Behörden. Sie tun, was ihrer jeweiligen Interessenlage entspricht. Eine Quelle, die aus dem terroristischen Unterstützerbereich gewonnen wird, gerät immer in einen unlösbaren Identitätskonflikt. Sie wird nie ganz auf der Seite des Staates stehen, weil sie sich immer auch den politischen Zielen ihrer Kameraden verpflichtet fühlt. Das heißt, der Staat wird einer solchen Quelle nie ganz vertrauen und sie kontrollieren können.

Loyalität nur gegenüber dem Geld. Foto: Joachim E. Röttgers
Loyalität nur gegenüber dem Geld. Foto: Joachim E. Röttgers

Loyalität gilt nur gegenüber dem Geld, von dem viel in den Aufbau von Logistik und Kommunikation fließt. Zu Zeiten des NSU waren dies, wenn nicht vom VS selbst bereitgestellt, Handys, Faxgeräte, Computer, Reisekosten, Anwaltskosten, NS-Propaganda. Ein staatlicher Steuergeldsegen für die erklärten Feinde der Verfassung, für Kriminelle im Dienste des Staates.

Das Bundeskriminalamt (BKA) teilt diese Sichtweise. In einem 14-seitigen Geheimpapier des BKA vom 3. Februar 1997 erhob der Staatsschutz schwere Vorwürfe gegen den Verfassungsschutz. Kern der "Anklageschrift" gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz: Die V-Leute wirkten als Brandstifter und schaukelten sich gegenseitig hoch. Der VS bekämpfe die Neonazi-Szene nicht entschieden, sondern schütze sie, beispielsweise vor Durchsuchungen. Wichtige Informationen seien zu spät an die Polizei weitergereicht worden. V-Leute seien kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems.

Auch die Rolle des V-Mann-Führers ist vielfach dubios und eines Rechtsstaates nicht würdig. Sie schließt ein, Gesetze zu brechen, Straftaten zu vertuschen und letztlich die Justiz zu behindern, wenn es den geheimdienstlichen Zielen dient. Diese Führer pflegen symbiotische Beziehungen, hängen an ihrem Spitzel, unabhängig davon, ob er wertvolle Informationen liefert oder sich strafbar macht, weil sie sonst einen neuen V-Mann aufbauen müssten. Diese Kumpanei, dieses Fraternisieren, das Sich-Anfreunden und Duzen, befördert ein schwer zu kontrollierendes Eigenleben, und ist auch durch eine stärkere Rotation nicht aufzubrechen.

"Aus dem Ruder" gelaufene V-Leute wie Tino Brandt oder Wolfgang Frenz sind nicht Einzelfälle, sie sind das Ergebnis des System des geheimen administrativen Verfassungsschutzes selbst - und abzuschaffen. Mit einem wirklichen Nutzen: Die Behörde könnte so bis zu 30 Prozent ihrer Gesamtkosten sparen, meint der Ex-Verfassungsschützer Winfried Ridder.

Aktensalat. Foto: Joachim E. Röttgers
Aktensalat. Foto: Joachim E. Röttgers

Dennoch behauptetet die Bundesregierung, der Einsatz von V-Leuten zähle "zu den effektivsten nachrichtendienstlichen Mitteln für eine kontinuierliche Informationsgewinnung" und sei "für die Sicherheitsbehörde unverzichtbar". Wie das aussieht, hat der NSU-Komplex deutlich gezeigt. Die Spitzel waren in Gewalttaten verstrickt, die Geheimdienstler haben es gewusst und gedeckt, bis hin zur Vernichtung von Akten im Bundesamt für Verfassungsschutz und diversen Landesämtern. Wegen der Vertuschung von weiteren Informationen nahmen die VS-Chefs von Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ihren Hut. Das ändert freilich nichts daran, dass der VS, nach den ersten kosmetischen Reformen, weiterhin die Hoheit über seine Akten hat und darüber bestimmen kann, welche Dokumente er Ermittlern und Untersuchungsausschüssen übergibt.

Eine Handvoll Politiker gegen 11 500 Schlapphüte

Ihrem Wesen nach arbeiten Geheimdienste geheim. Das gilt auch für ihre Kontrolle durch das Parlament. Die Abgeordneten, denen diese Aufgabe obliegt, sind nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber ihren KollegInnen im Bundestag zur Verschwiegenheit verpflichtet. Das mehrköpfige Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr), das sich aus allen Fraktionen des Bundestages zusammensetzt, beaufsichtigt neben dem Bundesamt für Verfassungsschutz auch den Bundesnachrichtendienst (BND) und den Militärischen Abschirmdienst (MAD). Eine Handvoll ParlamentarierInnen gegen rund 11 500 Schlapphüte.

Was folgt daraus? Der Verfassungsschutz ist eine undurchschaubare Institution, die systembedingt zu Eigenmächtigkeit, Machtmissbrauch und Skandalen neigt. Ihn gänzlich abzuschaffen, wird an den parlamentarischen Gegebenheiten scheitern. Doch die Diskussion, ihn in eine Analysebehörde mit deutlich weniger Aufgaben umzuwandeln, muss geführt werden. Eine Möglichkeit wäre der Umbau zu einem Informations- und Koordinationszentrum, dessen Arbeit auf wissenschaftlichen Quellen und Materialien beruht und alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einbezieht. Eine solche Behörde wäre dann auch in der Lage, Berichte über Extremismus und Terrorismus zu publizieren, die in Konkurrenz zur unabhängigen Forschung und Publizistik stehen - und nicht erst berichtet, wenn Journalisten oder Kriminalschriftsteller bereits recherchiert und geschrieben haben.


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Kommentare

Peter S., 11.11.2015 17:25
Herr Steiner, den ersten Satz kann ich unterstreichen. Vor allem wenn der starke Verdacht besteht, daß sich der Staat nicht nur Krimineller bedient sondern auch noch zu Taten anleitet.
Auf den Prüfstand gehören aber nicht Staaten, sondern Menschen.
Das sind i.d.R Politiker und Beamte, welche ihrem Auftrag als Vetreter des Volkes nicht im richtigen Umfang nachkommen.
Die Missstände, wie sie offensichtlich bei den sogenannten Ämtern für Verfassungsschutz bestehen, schützen zu aller erst die existierende Macht. Und das sind heute viel eher die Neoliberale Krake und der dominierende militärisch industrielle Komplex aus USA.
Die paar deutschen Nazis spielen m.E in diesem Konzert nur eine Statistenrolle bzw die der nützlichen Idioten. Es wäre wirklich interessant zu sehen, was von den bösen Rechten in Deutschland noch übrig wäre, wenn alle V-Leute und das Geld dazu abgezogen würde.

Rolf Steiner, 07.11.2015 10:22
Staaten, deren Behörden sich offen oder verdeckt "Krimineller" bedienen, gehören grundsätzlich auf den Prüfstand: Sind sie noch repräsentativ für eine Demokratie oder nicht. Was diesen unsäglichen Verfassungsschutz angeht, so schütze er die Nazis, aber nicht die Verfassung.

CharlotteRath, 05.11.2015 20:37
Ist es nicht schön zu erfahren, was wir so alles mit unseren Steuern finanzieren ...

Laut Süddeutscher Zeitung bekam Neonazi Thomas Richter (alias "Corelli") nicht nur 180 000, sondern 296 842,83 Euro.
http://www.sueddeutsche.de/politik/rechtsextremist-corelli-staat-zahlte-v-mann-fast-euro-1.2488294

Auch Abfindungen sind nicht unüblich:
"Der Rechtsextremist machte keine Probleme. Anstandslos unterschrieb er, was ein baden-württembergischer Verfassungsschützer ihm vorlegte: 'Mein Verhältnis zu der Dienststelle endet in beiderseitigem Einvernehmen mit dem heutigen Tage'. Damit war sein Rauswurf als V-Mann des Inlandsgeheimdienstes besiegelt. Ein wichtiger Schritt für das NPD-Verbotsverfahren, schließlich würden Zuträger wie der V-Mann aus der NPD-Führung in Baden-Württemberg den Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht gefährden. Doch das geheime Abschiedstreffen der Topquelle mit ihrem staatlichen Kontaktmann verlief weniger nüchtern, als man es von einer dienstlichen Besprechung zwischen einem Landesbeamten und einem Rechtsextremisten erwarten würde.
Als 'kleines Trostpflaster' für die doch recht abrupte Trennung habe man dem NPD-Politiker einen Geldbetrag überreicht, protokollierte der Stuttgarter Verfassungsschützer ..."
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-10/npd-verbot-verfassungsschutz-spitzel-karlsruhe

Laut Wikipedia erhielt die NPD dank ihres Status als politische Partei, welcher nur aufgrund der V-Männer-Durchdringung vor allem in den Spitzenpositionen der Partei noch immer Bestand hat, alleine im Jahr 2014 insgesamt 1.415.502,86 € staatliche Zuschüsse.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaldemokratische_Partei_Deutschlands

Tja, was tut man möglicherweise nicht alles im Dienste seiner Selbstrechtfertigung ... in einem Roman tritt als fiktive Figur ein BfV-Präsident auf: "Nur wir haben eine eigene Partei."

Und was beabsichtigt die Bundesregierung? Nicht etwa eine stärkere Kontrolle des BfV. Sondern eine massive Erhöhung des Personalbestands: "Wir werden nicht zulassen, dass Rechtsextreme den Ruf Deutschlands als weltoffenes Land besudeln", sagte Unionsvize Thomas Strobl der Zeitung. Er kündigte eine Stärkung des Verfassungsschutzes an. Dem Blatt zufolge wird intern von zusätzlichem Personal im dreistelligen Bereich ausgegangen. ..."
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-10/koalition-ausbau-sicherheitsbehoerden

Ach ist es schön, wie unsere Regierung "gut" und "böse" säuberlich voneinander zu trennen weiß. Beruhigt geht der deutsche Michel schlafen.

Schwabe, 05.11.2015 07:54
Die Überschrift läßt aufhorchen, doch der Artikel selbst rührt in alt bekanntem.

Stephan Braun, 04.11.2015 11:57
Ich gratuliere Anton Maegerle zu diesem Beitrag und finde, auch sein Vorschlag, den VS in eine reine Analysebehörde umzuwandeln, die sich in Konkurrenz zur unabhängigen Forschung und Publizistik bewähren muss, führt in die richtige Richtung.
In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, dass die ersten Vorläufer des VS-Berichtes des Bundes als Ausgabe der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APUZ), der Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament", veröffentlicht wurden. VS-Berichte sind also durchaus auch in einer anderen Form vorstellbar.
Und nochmal weitergedacht, halte ich die Frage durchaus für diskussionswürdig, ob die VS-Berichte dann nicht auch abwechselnd von unterschiedlichen Instituten verstellt werden könnten.

Blender, 04.11.2015 10:06
Hätten die Regierung Kohl und Nachfolger die Gelder, die für V-Männer ausgegeben wurden, in die politische Bildung der damaligen ex-DDR Bevölkerung, insbesondere in Jugendhäuser gesteckt, dann hätten wir diese Probleme heute nicht.
1.) weil es ohne die logistische Unterstützung der V-Männer durch Verfassungsschützer die Szene so nicht gäbe und
2.) weil es mit Jugendhäusern die frustrierten Jugendlichen nicht gäbe die willfährig Spaß daran finden durch Rudelbildung Angst zu verbreiten.
Genau da ist der Ansatz: Jugendlichen die Gewissheit geben, dass es auch noch andere Jugendgruppen gibt als Rechtsextreme, und dass sie vor diesen Schlägertypen beschützt sind.
3.) Rechtstaatliche Mittel gegen alle Feinde unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung.
Die Verfassungsschutz-Führung hat sich meines Erachtens nie wirklich zur Aufgabe gemacht das GRUNDGESETZ vom 23 Mai 1949 zu schützen sondern vielmehr die VERFASSUNG vor 1945.
Meine Forderung: Der Verfassungsschutz gehört zum Schutz des Grundgesetzes aufgelöst.

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