KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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Killt gern Gerüchte: Michael Würz an seinem Schreibtisch. Foto: Kontext

Killt gern Gerüchte: Michael Würz an seinem Schreibtisch. Foto: Kontext

Ausgabe 283
Medien

Der Gerüchte-Killer

Von Susanne Stiefel
Datum: 31.08.2016
Mit der sturen Beharrlichkeit eines Don Quichotte ficht Michael Würz für die Ehrenrettung des Lokaljournalismus. Für Haltung und für Menschlichkeit. Gegen Hetze und gegen den Vorwurf der Lügenpresse. Als Online-Redakteur in Balingen.

Seine Ducati steht seit zwei Jahren träge in der Garage. Seit dem 14. August 2014 genau. An diesem Tag verkündete die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney, dass in der Kaserne in Meßstetten Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Es war der Tag, an dem ein Shitstorm im Netz losbrach und keine Zeit mehr blieb für lustige Motorradtrips. Vor allem nicht für einen leidenschaftlichen Online-Redakteur wie Michael Würz.

Ein Jahr lang hatte er mit einer kleinen Online-Revolution beim "Zollern-Alb-Kurier" (ZAK) in Balingen einen direkten Draht zu seinen LeserInnen aufgebaut, hatte gechattet, gepostet, getwittert. Das war sein Baby. Er wollte sich seine Arbeit nicht durch Hassmails über Flüchtlinge kaputt machen lassen. "Ich bin schneller gealtert in diesen zwei Jahren", sagt der 33-Jährige mit einem schiefen Grinsen. Es war ein Job ohne Feierabend und ohne Urlaub. Der kommt erst jetzt und heißt: eine Woche Wandern in Tirol. Das Handy bleibt im Rucksack.

Michael Würz ist Lokalredakteur mit Herz und Verstand. Gut vorbereitet sitzt er in seinem kargen Redaktionsbüro, der Bildschirm erholt sich im Ruhemodus, und kurz nach dem Hallo legt Würz schon los: Wie schwierig es war, manch altgediente Journalisten für Facebook zu gewinnen. Wie viele Balinger ihn als linksgrünversifften Mainstream-Journalisten und ihre Lokalzeitung als Lügenpresse beschimpft haben. Wie er nach Öneys Ankündigung ununterbrochen online war, erklärte, antwortete, argumentierte, löschte, Tag und Nacht, sodass der Betriebsrat mehr als einmal protestierte.

Sein Motto: sich nichts gefallen lassen

Der ganze Kerl vibriert vor Mitteilungsdrang. Der Ring im Ohr blitzt kämpferisch, die Hände rudern mit, doch die Sätze sind wohlüberlegt. Das Telefon blinkt anhaltend, doch kein Klingeln stört, keine Mails fordern lautstark Aufmerksamkeit. Der Facebook-Aficionado ist offline? "Passt schon", sagt Würz. Der Mann hat vorgearbeitet.

Journalismus mit Haltung, lautet sein Credo, sich nichts gefallen lassen, sein Motto. Es geht ja nicht nur um die Geflüchteten. Wenn er rausfährt, um über einen Brand zu berichten, schreibt er, in guter journalistischer Tradition, was er sieht. Etwa, dass die Feuerwehrkinder gefährlich nahe um die Gasflaschen herumwuseln, als sei dies ein vergnügter Familienausflug und kein Ernstfall. Und wenn dann Kommandant und Bürgermeister in die Redaktion kommen, um sich zu beschweren, dass man das doch nicht schreiben könne, weil es den Ruf der Feuerwehr beschädige, bleibt er stur. "Wenn ich das nicht mehr täte, wäre ich nicht mehr glaubwürdig", sagte er ihnen, "Sie alle wollen eine unabhängige Presse, der Sie vertrauen können." Nach wenigen Minuten hat sich die Delegation verabschiedet. Nicht glücklich, aber überzeugt. Ein couragierter Lokalreporter kämpfte um den Ruf seiner Profession. Ob es um Feuerwehr, Geflüchtete oder um Sternschnuppen über der Zollernburg geht.

Flüchtlingshetze und Hass haben bei ZAK-Facebook nix verloren

Für sein Engagement hat ihn die Jury des "Medium Magazins" unter die Journalisten des Jahres 2015 gewählt. Über seinen Kampf um das Vertrauen der ZAK-Leser hat er in Stefan Niggemeiers Medienblog einen Erfahrungsbericht geschrieben. Das NDR-Medienmagazin "Zapp" hat vor wenigen Wochen über seine Mission impossible, über die Jagd nach Gerüchten, berichtet. In Balingen und Umgebung ist der Journalist schon längst bekannt wie ein bunter Hund. Ob er Tomaten im Supermarkt kauft oder in der Kneipe ein Bier trinkt – Würz wird angesprochen. Seit seinen fieberhaften Netzaktivitäten nach der Meßstetten-Entscheidung sowieso. "Ich habe inzwischen wohl mit jedem unserer 20 000 Abonnenten gechattet", scherzt er mit diesem schiefen Grinsen, das nicht so recht weiß, ob es dem Braten trauen kann. Zwei Tage und Nächte ununterbrochener Flüchtlingshass, das macht etwas mit einem.

Inzwischen ist es wieder ruhiger im Netz. Und die "Guten" sind wieder zurück, die argumentieren und inzwischen, darauf ist er besonders stolz, den Erklärjob für die größten Krawallschachteln übernehmen. Viele fragen nach seinem Erfolgskonzept, wollen es kopieren. Doch Würz hat kein Rezept. Nur ein paar Grundsätze. Einer davon lautet, die Leser ernst zu nehmen. "Zuhören ist nie falsch", sagt der gebürtige Balinger, "der Schwabe will schwätzen und keine vorgestanzten Antwortschablonen."

Sein Erfolg hat Begehrlichkeiten beim örtlichen Konkurrenten geweckt. Beim "Schwarzwälder Boten" hätte man den umtriebigen Onliner gerne abgeworben. Doch dort hat man ein Konzept, das ein schlichtes ist: Rot- und Blaulicht, Reichweite und Traffic über alles. "Das kommt von ganz oben", sagt Würz. Ganz oben ist dort die Südwestdeutsche Medienholding, zu der auch die Stuttgarter Zeitungsnachrichten gehören. Da wird munter freigeschaltet, was immer auch reinkommt. Das passte dem Journalisten nicht, der das Netz freihalten will von Hetze, Rassismus oder Erschießungsfantasien. "Schwabo" und Würz sind nicht zusammengekommen.

Michael Würz gefält das: der "Zollern-Alb-Kurier".
Michael Würz gefält das: der "Zollern-Alb-Kurier". Foto: Kontext

Arroganz und Sarkasmus sind seine Sache nicht. Würz redet mit allen, erklärt die Arbeitsweise von Journalisten, aber er macht nicht alles öffentlich. Einem Balinger Grundschullehrer etwa hat er wohl seinen Job gerettet, weil er dessen rassistische Empörung zur Landeserstaufnahmestelle LEA in Meßstetten nicht freigeschaltet hat. Der Mann hat sich später bei ihm bedankt. "Hetze gibt es quer durch alle Bevölkerungsschichten, Akademiker sind genauso darunter wie Hartz-IV-Empfänger", sagt Würz. Das Netz verleitet zu Schnell- und Kurzschlüssen. Und Gerüchte verbreiten sich in Windeseile.

So ist Michael Würz zum Gerüchtejäger geworden. Da er in vielen Facebook-Gruppen unterwegs ist, schnappt er manches schon im Entstehen auf. Manchem geht er nach, anderes ist schon so absurd, dass es sich von selbst entlarvt. Und wieder andere Gerüchte kleben wie Pattex, da hilft nicht einmal die Wahrheit. Die Schafe des örtlichen Schäfers stehen nicht mehr auf der Weide? Klarer Fall – geschächtet von den Flüchtlingen. Die Erklärung war viel banaler: Die Tiere waren ins Winterquartier gebracht worden, wie jedes Jahr. Keiner wollte das glauben. Lügenpresse halt. Einmal saß der Schäfer selbst beim Arzt im Wartezimmer, als das Thema aufkam. Er gab sich zu erkennen, erzählte von seinen quicklebendigen Schäfchen, doch die Wartenden schnitten ihm das Wort ab: Er habe doch keine Ahnung. Der Schäfer gab auf. Es ist zum Lachen und manchmal zum Verzweifeln. Würz hat sich für ein schiefes Grinsen entschieden.

ZAK-Verleger Welte ist schon mal mit einstelliger Rendite zufrieden

Und für Aufklärung. Auch Michael Würz weiß, dass es Manipulation durch Medien gibt, dass manche Medienkritik berechtigt ist. Er weiß aber auch, dass Einflussnahme subtiler funktioniert, als es Verschwörungstheorien suggerieren. Immer wieder versucht er deshalb zu erklären, wie Journalismus funktioniert, und Recherchen transparent zu machen. Die ZAK-Facebook-Seite ist eine Art Balinger Volkshochschule für Medienkompetenz geworden und Michael Würz ihr Dozent.

Erst kürzlich hat Bundesrichter Thomas Fischer zur Lokaljournalisten-Schelte angehoben und die "unterschichtenorientierte Medienberichterstattung über Straftaten" gegeißelt. "Kritik bitte an die Verlage", hat ihm die renommierte "Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen geantwortet, die nicht nur Prozesse, sondern auch die Arbeitsbedingungen der Gerichtskollegen jahrzehntelang beobachtet hat. Keine Zeit für einen zweiten Gedanken, funken auf allen Kanälen. Nun ist es nicht so, dass beim ZAK in Balingen das journalistische Paradies ausgebrochen ist. Auch dort verliert man jährlich Abonnenten, 200 im Jahr, auch dort wird gespart. Mehr Stellen hätten Würz und seinem jungen Kollegen sicherlich weniger Nachtschichten beschert.

Keine Gesellschafter im Nacken: Verleger Daniel Welte.
Keine Gesellschafter im Nacken: Verleger Daniel Welte.

Doch immerhin versteht der dortige Verleger und Geschäftsführer seine Zeitung nicht nur als eine Ware, die es möglichst gewinnbringend zu verkaufen gilt, sondern auch als Verantwortung. Daniel Welte unterstützt seinen Online-Redakteur nach Kräften. Seit Anfang des Jahres erst ist der Jungverleger, 34, als Geschäftsführer zuständig für die Redaktion. "Wir müssen in der Regionalität mit Qualität punkten", sagt er. Dazu gehöre auch, das Vertrauen der LeserInnen wieder zu gewinnen. Bereits in der sechsten Generation ist der ZAK in Familienbesitz. "Uns sitzen keine Gesellschafter im Nacken", sagt Welte forsch, "wir können auch mal mit einer einstelligen Rendite leben." Hoppla – das hat man von Verlegern schon lange nicht mehr gehört.

Inzwischen sitzt Michael Würz im Krokodil. Die Gaststätte liegt gleich gegenüber dem ZAK-Verlagshaus im Balinger Industriegebiet und ist eine Art Kantine des Zollern-Alb-Kuriers. Bei Kaffee und Cola lässt sich entspannter über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, über Ethik und Verantwortung im Journalismus diskutieren. Und auch über Drohgebärden in der analogen, real existierenden Welt. Wenn AfD-Plakate unter den Scheibenwischern seines Autos klemmen. Oder in seinem Briefkasten die rechtslastige "Junge Freiheit" steckt, dann sind die Signale von rechtsaußen klar: Wir wissen, wo du wohnst und welches Auto du fährst. Doch Michael Würz ist kein ängstlicher Mensch. Und er ist über die Hassmails auch nicht verzweifelt.

Ohne Angst im Krokodil: Michael Würz.
Ohne Angst im Krokodil: Michael Würz. Foto: Kontext

Ein nüchterner Erklärbär

Dafür sorgten Freunde, die ihm irgendwann mal das Handy aus der Hand nahmen und ein Bier vor ihn hinstellten. Da helfen zwei SWR-KollegInnen, die an einer Langzeitreportage über Meßstetten arbeiten, mit denen er sich regelmäßig austauscht. Und da hilft die brennende Geduld, mit der er wie ein Erklärbar immer wieder argumentiert, begründet und erklärt und erklärt. So nüchtern, wie es irgendwie geht.

Nicht so wie die Facebook-Zurücktroller der "Welt", die ihm manchmal gehörig auf die Nerven gehen. "Woher kommt es, dass innerhalb von zehn Minuten alle Medien die gleiche Eilmeldung haben?", wurden sie auf Facebook gefragt. Und die "Welt"-Journalisten trollten los. "Das ist doch eine berechtigte Frage", sagt Würz, "schließlich wissen viele nicht, dass alle Zeitungen eine Eilmeldung der dpa verwenden." Ist das wirklich die Aufgabe der Journalisten?, fragte ihn kürzlich Medienblogger Stefan Niggemeier. Michael Würz findet ja. Vielleicht wird er in seinem zweiten Leben ja Lehrer.


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Kommentare

hp, 12.10.2016 12:14
mein gott! laß s'hirn ra und dem würz noch viel geschichten.

Die Lerche, 02.09.2016 11:54
@Markus Hitter
Interessant, dass Sie Leute, die jeden Tag ihre volle Schicht arbeiten und dann in den Feierabend gehen, als Leute bezeichnen, „die in ihrem Beruf(…) nur das entgeltliche warm halten eines Bürostuhls sehen“.

Es ist auch keine „Maulerei“ wenn die Arbeitnehmervertreter in den Betrieben auf die Einhaltung der Vorgaben aus dem Arbeitszeitgesetz achten. Leider erfahren wir als Betriebsräte immer wieder (vor allem bei jungen Mitarbeitern), dass sie sich aus „Freude an der Arbeit“ selber ausbeuten. Das führt auch zu Burnout (kann, muss nicht). Aus meinem Betrieb sind mir eine Reihe von Fällen bekannt, wo genau das passiert ist.
Dass Arbeitnehmer „irgendwann in die Selbstständigkeit (gehen), nur um die gesetzlich verbotene Freiheit wieder zu erlangen“ ist eine steile These. Ich kenne keinen in meinem Betrieb (1000 Mitarbeiter).

„Ich denke es wäre ein Gefallen für Berufene und engagierte Berufsausüber, wenn Sie in solchen Fällen ihr Wissen über die Gesetzeslage für sich behalten.“

Nein, sehr geehrter Herr Hitter, der Wind hat sich gedreht im Land und Sie drehen leider daran mit. Aufklärung und Schulung über seine Rechte als Arbeitnehmer ist dringender denn je geboten. Siehe auch hierzu:

http://www.lerchenflug.de/elsternest/auf-nach-bremen/

Markus Hitter, 01.09.2016 15:44
@Die Lerche

Es ist genau solche Maulerei, die engagierten Leuten den Spass an einem Arbeitsverhältnis verdient. Anstatt sich dem widmen zu können, was Einem Freude macht, muss man auf die Uhr, auf die Tageszeit oder sonst irgendwelche Nebensächlichkeiten achten.

So nützlich diese Arbeitszeitgesetze für Arbeiter und Schichtdienst sind, so hinderlich sind sie für Leute, die in ihrem Beruf mehr als nur das entgeltliche warm halten eines Bürostuhls sehen.

Ich denke es wäre ein Gefallen für Berufene und engagierte Berufsausüber, wenn Sie in solchen Fällen ihr Wissen über die Gesetzeslage für sich behalten. Gehen solche Leute irgendwann in die Selbstständigkeit, nur um die gesetzlich verbotene Freiheit wieder zu erlangen, ist dem Sinn dieses Gesetzes auch nicht wirklich weiter geholfen.

ST, 01.09.2016 14:14
Interessanter Artikel. Merkwürdig ist aber, über die "Lokaljournalisten-Schelte" des Herrn Fischer nur aus zweiter Hand zu schreiben und ihn dabei prompt falsch zu benennen. Herr Fischer bezog seine Kritik, sachlich und spezifisch, das ist dann keine Schelte, gerade nicht nur auf Lokaljournalisten sondern auf viele bundesweit schreibende Kollegen. Diese zogen dagegen in ihren Antworten gerade über ihre lokalen Kollegen her. Vielleicht können Sie das im Artikel noch korrigieren?

leo leowe, 31.08.2016 15:12
Dort draußen im so genannten "Ländlichen Raum" sind die positiven und negativen Rückmeldungen eben noch ziemlich direkt erfahrbar. Da ist kein Mailkommunikationssystem wie in den großen Verlagshäusern dazwischengeschaltet und da geht es eben wirklich um Berichterstattung und Glaubwürdigkeit und nicht um die Zahl der Klicks auf der Online-Seite (mit den Werbeanzeigen).

Bravo für diesen Bericht über die aufrichtigen und anständigen Reporter im Lokalbereich!
# leo loewe

Insider, 31.08.2016 13:52
Solche ständig am Limit arbeitenden Menschen habe ich bei einer in Oberschwaben erscheinenden Zeitung vor Jahren auch erlebt. Sie waren weniger vom Burnout betroffen, dafür haben sie sich sehr stark dem Alkohol zugewandt!

Die Lerche, 31.08.2016 11:23
als Betriebsrat schlage ich mich immer wieder mit dem Arbeitszeitgesetz herum.
Arbeitszeit im Sinne dieses Gesetzes ist die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhepausen. Darin wird auch geregelt, dass die tägliche Arbeitszeit nicht über 10 Stunden ausgedehnt werden darf. Wenn der Verleger seinen Redakteur Michael Würz länger arbeiten lässt, macht er sich strafbar.
Lobend wird im Artikel erwähnt, dass ZAK-Verleger Welte schon mal mit einstelliger Rendite zufrieden ist. Diese Aussage ist sogar Zwischenüberschrift geworden. Gerne hätte ich erfahren, ob der auf zweistellige Rendite verzichtende Verleger seinen Mitarbeiter ein ordentliches Gehalt zahlt und ob er die Überstunden, die diese leisten, auch angemessen honoriert. Das Engagement von Michael Würz ist lobenswert, allerdings sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass solche ständig am Limit arbeitenden Menschen oft von Burnout betroffen sind. Dieser Aspekt kommt im Artikel leider nicht vor.

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