KONTEXT Extra:
NSU: Unterstützerumfeld nicht ausermittelt

Die NSU-Expertin im Landeskriminalamt Sabine Rieger hat dem zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfohlen, weitere Zeugen zu den Verbindungen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Baden-Württemberg zu vernehmen. Denn: Sie hält nicht für plausibel, dass die Kontakte 2001 tatsächlich abrupt abrissen – bis dahin sind rund 30 Besuche des Trios belegt – und dementsprechend die Arbeit nicht für "hundertprozentig abgeschlossen". Sie könne sich nicht vorstellen, dass es über 2001 hinaus "keinen gab, der zumindest Ansprechpartner war", sagte die Kriminalhauptkommissarin in der siebten Sitzung am Freitag im Landtag. Rieger nannte dem Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) verschiedene Namen von Zeugen, die möglicherweise ihrerseits Kontakt zu Kontaktpersonen gehabt haben könnten. Ein starkes Indiz dafür, dass der NSU immer weiter Verbindungen nach Baden-Württemberg pflegte, ist der Stadtplan von Ludwigsburg, der nach dem Auffliegen im November 2011 im Brandschutt von Zwickau gefunden wurde. Der stammt auf dem Jahr 2009.

Bekannt wurde inzwischen auch, dass die drei Rechtsterroristen vor ihrem Abtauchen 1998 von Thüringer Behörden abgehört wurden. Nach Angaben Drexlers ist allerdings ungeklärt, ob die entsprechenden Protokolle noch vorhanden sind. Der Ausschuss will dem nachgehen, weil darin ebenfalls Kontakte, etwa nach Ludwigsburg oder nach Heilbronn, belegt sein könnten. (24.2.2017)

Weitere Ausschuss-Termine: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni, 17. Juli 2017. 


Abschiebung nach Afghanistan: Strobls "katastrophale Pannen"

Immerhin eines ist geklärt: was CDU-Innenminister Thomas Strobl unter dem "konsequenten Vollzug von Recht und Gesetz" versteht. Nach einer Einzelfallprüfung durch sein Haus sollten am Mittwochabend ein psychisch kranker Mann, der per Gerichtsbeschluss schon einmal von der baden-württembergischen Abschiebe-Liste geholt wurde, und ein afghanisch-türkischer Familienvater aus München nach Kabul reisen müssen. Abermals griffen Gerichte ein. Der grüne Koalitionspartner tobt, von "katastrophalen Pannen" ist die Rede und davon, dass der CDU-Landeschef alle Absprachen gebrochen hat. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann knöpfte sich den Stellvertreter vor. Und die baden-württembergischen Jusos sprechen von einem "Spiel mit dem Leben der Betroffenen". Dass wieder Gerichte "eingreifen müssen, um diesem Irrsinn ein Ende zu setzten, zeigt, wie leichtfertig mit dem Schicksal einzelner Menschen umgegangen wird". Die Landesregierung habe den Spielraum, "das zu stoppen, und muss diesen endlich nutzen".

Bisher wollte sich Kretschmann dem vorübergehenden Abschiebestopp nach Afghanistan, den andere grün-mitregierte Länder bereits umsetzen, allerdings nicht anschließen. Der Druck auf ihn steigt aber weiter, nachdem am Mittwoch auch ein Mann abgeschoben wurde, der seit Jahren einen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hatte. Außerdem ist Strobl weiter uneinsichtig und will die Aufregung beim Koalitionspartner, bei den Jusos, den Flüchtlingsorganisationen und vielen Unterstützern vor Ort nicht verstehen. Stattdessen sieht er in einer Aussetzung von Abschiebungen eine "Aushöhlung des Rechtsstaats". Er könne nicht nachvollziehen, sagt der Merkel-Vize, dass es Länder gibt, die sich "systematisch weigern", geltendes Recht zu vollziehen: "Das sind Schläge gegen den Föderalismus."

Mehr zum Thema: "Späte Einsicht", "Kritik ist Lüge", "Der Hardliner", "Geisterfahrer unterwegs" https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/300/der-hardliner-4100.html


Alles von vorne

Nicht alle bekommen eine zweite Chance, baden-württembergische Landtagsabgeordnete nehmen sie sich: Mit einem sogenannten Aufhebungsgesetz beginnen die Reparaturarbeiten nach dem bisher größten Aufreger der Legislaturperiode, der im Hau-Ruck-Verfahren beschlossenen knappen Verdoppelung der Pauschalen für Aufwand und Wahlkreis, sowie der Rückkehr zur staatlichen Altersversorgung. Die Grünen wollten alle Vorhaben gemeinsam auf den Prüfstand stellen, CDU und SPD setzten sich durch mit einer Expertenkommission, die allein die Rentenreform prüfen wird.

Zuerst allerdings muss Mitte März das entsprechende Gesetz endgültig aufgehoben werden. Danach werden die Experten, einschließlich jener vom Rechnungshof, benannt. Irgendwann im Herbst soll dann mit jener Transparenz, an der es im ersten Durchlauf bitter mangelte, über die Veränderungen, mit denen eine Anhebung der Alters- und Hinterbliebenenversorgung einhergeht, diskutiert werden. Eile haben die Abgeordneten keine, denn niemand will sich ausgerechnet in den Wochen vor der Bundestagswahl abermals Vorwürfen aussetzen, sich eine Luxuspension auf Staatskosten zu genehmigen. (22.2.2017)

Mehr zum Thema: "Raffkes mit Mandat"


Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


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Killt gern Gerüchte: Michael Würz an seinem Schreibtisch. Foto: Kontext

Killt gern Gerüchte: Michael Würz an seinem Schreibtisch. Foto: Kontext

Ausgabe 283
Medien

Der Gerüchte-Killer

Von Susanne Stiefel
Datum: 31.08.2016
Mit der sturen Beharrlichkeit eines Don Quichotte ficht Michael Würz für die Ehrenrettung des Lokaljournalismus. Für Haltung und für Menschlichkeit. Gegen Hetze und gegen den Vorwurf der Lügenpresse. Als Online-Redakteur in Balingen.

Seine Ducati steht seit zwei Jahren träge in der Garage. Seit dem 14. August 2014 genau. An diesem Tag verkündete die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney, dass in der Kaserne in Meßstetten Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Es war der Tag, an dem ein Shitstorm im Netz losbrach und keine Zeit mehr blieb für lustige Motorradtrips. Vor allem nicht für einen leidenschaftlichen Online-Redakteur wie Michael Würz.

Ein Jahr lang hatte er mit einer kleinen Online-Revolution beim "Zollern-Alb-Kurier" (ZAK) in Balingen einen direkten Draht zu seinen LeserInnen aufgebaut, hatte gechattet, gepostet, getwittert. Das war sein Baby. Er wollte sich seine Arbeit nicht durch Hassmails über Flüchtlinge kaputt machen lassen. "Ich bin schneller gealtert in diesen zwei Jahren", sagt der 33-Jährige mit einem schiefen Grinsen. Es war ein Job ohne Feierabend und ohne Urlaub. Der kommt erst jetzt und heißt: eine Woche Wandern in Tirol. Das Handy bleibt im Rucksack.

Michael Würz ist Lokalredakteur mit Herz und Verstand. Gut vorbereitet sitzt er in seinem kargen Redaktionsbüro, der Bildschirm erholt sich im Ruhemodus, und kurz nach dem Hallo legt Würz schon los: Wie schwierig es war, manch altgediente Journalisten für Facebook zu gewinnen. Wie viele Balinger ihn als linksgrünversifften Mainstream-Journalisten und ihre Lokalzeitung als Lügenpresse beschimpft haben. Wie er nach Öneys Ankündigung ununterbrochen online war, erklärte, antwortete, argumentierte, löschte, Tag und Nacht, sodass der Betriebsrat mehr als einmal protestierte.

Sein Motto: sich nichts gefallen lassen

Der ganze Kerl vibriert vor Mitteilungsdrang. Der Ring im Ohr blitzt kämpferisch, die Hände rudern mit, doch die Sätze sind wohlüberlegt. Das Telefon blinkt anhaltend, doch kein Klingeln stört, keine Mails fordern lautstark Aufmerksamkeit. Der Facebook-Aficionado ist offline? "Passt schon", sagt Würz. Der Mann hat vorgearbeitet.

Journalismus mit Haltung, lautet sein Credo, sich nichts gefallen lassen, sein Motto. Es geht ja nicht nur um die Geflüchteten. Wenn er rausfährt, um über einen Brand zu berichten, schreibt er, in guter journalistischer Tradition, was er sieht. Etwa, dass die Feuerwehrkinder gefährlich nahe um die Gasflaschen herumwuseln, als sei dies ein vergnügter Familienausflug und kein Ernstfall. Und wenn dann Kommandant und Bürgermeister in die Redaktion kommen, um sich zu beschweren, dass man das doch nicht schreiben könne, weil es den Ruf der Feuerwehr beschädige, bleibt er stur. "Wenn ich das nicht mehr täte, wäre ich nicht mehr glaubwürdig", sagte er ihnen, "Sie alle wollen eine unabhängige Presse, der Sie vertrauen können." Nach wenigen Minuten hat sich die Delegation verabschiedet. Nicht glücklich, aber überzeugt. Ein couragierter Lokalreporter kämpfte um den Ruf seiner Profession. Ob es um Feuerwehr, Geflüchtete oder um Sternschnuppen über der Zollernburg geht.

Flüchtlingshetze und Hass haben bei ZAK-Facebook nix verloren

Für sein Engagement hat ihn die Jury des "Medium Magazins" unter die Journalisten des Jahres 2015 gewählt. Über seinen Kampf um das Vertrauen der ZAK-Leser hat er in Stefan Niggemeiers Medienblog einen Erfahrungsbericht geschrieben. Das NDR-Medienmagazin "Zapp" hat vor wenigen Wochen über seine Mission impossible, über die Jagd nach Gerüchten, berichtet. In Balingen und Umgebung ist der Journalist schon längst bekannt wie ein bunter Hund. Ob er Tomaten im Supermarkt kauft oder in der Kneipe ein Bier trinkt – Würz wird angesprochen. Seit seinen fieberhaften Netzaktivitäten nach der Meßstetten-Entscheidung sowieso. "Ich habe inzwischen wohl mit jedem unserer 20 000 Abonnenten gechattet", scherzt er mit diesem schiefen Grinsen, das nicht so recht weiß, ob es dem Braten trauen kann. Zwei Tage und Nächte ununterbrochener Flüchtlingshass, das macht etwas mit einem.

Inzwischen ist es wieder ruhiger im Netz. Und die "Guten" sind wieder zurück, die argumentieren und inzwischen, darauf ist er besonders stolz, den Erklärjob für die größten Krawallschachteln übernehmen. Viele fragen nach seinem Erfolgskonzept, wollen es kopieren. Doch Würz hat kein Rezept. Nur ein paar Grundsätze. Einer davon lautet, die Leser ernst zu nehmen. "Zuhören ist nie falsch", sagt der gebürtige Balinger, "der Schwabe will schwätzen und keine vorgestanzten Antwortschablonen."

Sein Erfolg hat Begehrlichkeiten beim örtlichen Konkurrenten geweckt. Beim "Schwarzwälder Boten" hätte man den umtriebigen Onliner gerne abgeworben. Doch dort hat man ein Konzept, das ein schlichtes ist: Rot- und Blaulicht, Reichweite und Traffic über alles. "Das kommt von ganz oben", sagt Würz. Ganz oben ist dort die Südwestdeutsche Medienholding, zu der auch die Stuttgarter Zeitungsnachrichten gehören. Da wird munter freigeschaltet, was immer auch reinkommt. Das passte dem Journalisten nicht, der das Netz freihalten will von Hetze, Rassismus oder Erschießungsfantasien. "Schwabo" und Würz sind nicht zusammengekommen.

Michael Würz gefält das: der "Zollern-Alb-Kurier".
Michael Würz gefält das: der "Zollern-Alb-Kurier". Foto: Kontext

Arroganz und Sarkasmus sind seine Sache nicht. Würz redet mit allen, erklärt die Arbeitsweise von Journalisten, aber er macht nicht alles öffentlich. Einem Balinger Grundschullehrer etwa hat er wohl seinen Job gerettet, weil er dessen rassistische Empörung zur Landeserstaufnahmestelle LEA in Meßstetten nicht freigeschaltet hat. Der Mann hat sich später bei ihm bedankt. "Hetze gibt es quer durch alle Bevölkerungsschichten, Akademiker sind genauso darunter wie Hartz-IV-Empfänger", sagt Würz. Das Netz verleitet zu Schnell- und Kurzschlüssen. Und Gerüchte verbreiten sich in Windeseile.

So ist Michael Würz zum Gerüchtejäger geworden. Da er in vielen Facebook-Gruppen unterwegs ist, schnappt er manches schon im Entstehen auf. Manchem geht er nach, anderes ist schon so absurd, dass es sich von selbst entlarvt. Und wieder andere Gerüchte kleben wie Pattex, da hilft nicht einmal die Wahrheit. Die Schafe des örtlichen Schäfers stehen nicht mehr auf der Weide? Klarer Fall – geschächtet von den Flüchtlingen. Die Erklärung war viel banaler: Die Tiere waren ins Winterquartier gebracht worden, wie jedes Jahr. Keiner wollte das glauben. Lügenpresse halt. Einmal saß der Schäfer selbst beim Arzt im Wartezimmer, als das Thema aufkam. Er gab sich zu erkennen, erzählte von seinen quicklebendigen Schäfchen, doch die Wartenden schnitten ihm das Wort ab: Er habe doch keine Ahnung. Der Schäfer gab auf. Es ist zum Lachen und manchmal zum Verzweifeln. Würz hat sich für ein schiefes Grinsen entschieden.

ZAK-Verleger Welte ist schon mal mit einstelliger Rendite zufrieden

Und für Aufklärung. Auch Michael Würz weiß, dass es Manipulation durch Medien gibt, dass manche Medienkritik berechtigt ist. Er weiß aber auch, dass Einflussnahme subtiler funktioniert, als es Verschwörungstheorien suggerieren. Immer wieder versucht er deshalb zu erklären, wie Journalismus funktioniert, und Recherchen transparent zu machen. Die ZAK-Facebook-Seite ist eine Art Balinger Volkshochschule für Medienkompetenz geworden und Michael Würz ihr Dozent.

Erst kürzlich hat Bundesrichter Thomas Fischer zur Lokaljournalisten-Schelte angehoben und die "unterschichtenorientierte Medienberichterstattung über Straftaten" gegeißelt. "Kritik bitte an die Verlage", hat ihm die renommierte "Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen geantwortet, die nicht nur Prozesse, sondern auch die Arbeitsbedingungen der Gerichtskollegen jahrzehntelang beobachtet hat. Keine Zeit für einen zweiten Gedanken, funken auf allen Kanälen. Nun ist es nicht so, dass beim ZAK in Balingen das journalistische Paradies ausgebrochen ist. Auch dort verliert man jährlich Abonnenten, 200 im Jahr, auch dort wird gespart. Mehr Stellen hätten Würz und seinem jungen Kollegen sicherlich weniger Nachtschichten beschert.

Keine Gesellschafter im Nacken: Verleger Daniel Welte.
Keine Gesellschafter im Nacken: Verleger Daniel Welte.

Doch immerhin versteht der dortige Verleger und Geschäftsführer seine Zeitung nicht nur als eine Ware, die es möglichst gewinnbringend zu verkaufen gilt, sondern auch als Verantwortung. Daniel Welte unterstützt seinen Online-Redakteur nach Kräften. Seit Anfang des Jahres erst ist der Jungverleger, 34, als Geschäftsführer zuständig für die Redaktion. "Wir müssen in der Regionalität mit Qualität punkten", sagt er. Dazu gehöre auch, das Vertrauen der LeserInnen wieder zu gewinnen. Bereits in der sechsten Generation ist der ZAK in Familienbesitz. "Uns sitzen keine Gesellschafter im Nacken", sagt Welte forsch, "wir können auch mal mit einer einstelligen Rendite leben." Hoppla – das hat man von Verlegern schon lange nicht mehr gehört.

Inzwischen sitzt Michael Würz im Krokodil. Die Gaststätte liegt gleich gegenüber dem ZAK-Verlagshaus im Balinger Industriegebiet und ist eine Art Kantine des Zollern-Alb-Kuriers. Bei Kaffee und Cola lässt sich entspannter über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, über Ethik und Verantwortung im Journalismus diskutieren. Und auch über Drohgebärden in der analogen, real existierenden Welt. Wenn AfD-Plakate unter den Scheibenwischern seines Autos klemmen. Oder in seinem Briefkasten die rechtslastige "Junge Freiheit" steckt, dann sind die Signale von rechtsaußen klar: Wir wissen, wo du wohnst und welches Auto du fährst. Doch Michael Würz ist kein ängstlicher Mensch. Und er ist über die Hassmails auch nicht verzweifelt.

Ohne Angst im Krokodil: Michael Würz.
Ohne Angst im Krokodil: Michael Würz. Foto: Kontext

Ein nüchterner Erklärbär

Dafür sorgten Freunde, die ihm irgendwann mal das Handy aus der Hand nahmen und ein Bier vor ihn hinstellten. Da helfen zwei SWR-KollegInnen, die an einer Langzeitreportage über Meßstetten arbeiten, mit denen er sich regelmäßig austauscht. Und da hilft die brennende Geduld, mit der er wie ein Erklärbar immer wieder argumentiert, begründet und erklärt und erklärt. So nüchtern, wie es irgendwie geht.

Nicht so wie die Facebook-Zurücktroller der "Welt", die ihm manchmal gehörig auf die Nerven gehen. "Woher kommt es, dass innerhalb von zehn Minuten alle Medien die gleiche Eilmeldung haben?", wurden sie auf Facebook gefragt. Und die "Welt"-Journalisten trollten los. "Das ist doch eine berechtigte Frage", sagt Würz, "schließlich wissen viele nicht, dass alle Zeitungen eine Eilmeldung der dpa verwenden." Ist das wirklich die Aufgabe der Journalisten?, fragte ihn kürzlich Medienblogger Stefan Niggemeier. Michael Würz findet ja. Vielleicht wird er in seinem zweiten Leben ja Lehrer.


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Kommentare

hp, 12.10.2016 12:14
mein gott! laß s'hirn ra und dem würz noch viel geschichten.

Die Lerche, 02.09.2016 11:54
@Markus Hitter
Interessant, dass Sie Leute, die jeden Tag ihre volle Schicht arbeiten und dann in den Feierabend gehen, als Leute bezeichnen, „die in ihrem Beruf(…) nur das entgeltliche warm halten eines Bürostuhls sehen“.

Es ist auch keine „Maulerei“ wenn die Arbeitnehmervertreter in den Betrieben auf die Einhaltung der Vorgaben aus dem Arbeitszeitgesetz achten. Leider erfahren wir als Betriebsräte immer wieder (vor allem bei jungen Mitarbeitern), dass sie sich aus „Freude an der Arbeit“ selber ausbeuten. Das führt auch zu Burnout (kann, muss nicht). Aus meinem Betrieb sind mir eine Reihe von Fällen bekannt, wo genau das passiert ist.
Dass Arbeitnehmer „irgendwann in die Selbstständigkeit (gehen), nur um die gesetzlich verbotene Freiheit wieder zu erlangen“ ist eine steile These. Ich kenne keinen in meinem Betrieb (1000 Mitarbeiter).

„Ich denke es wäre ein Gefallen für Berufene und engagierte Berufsausüber, wenn Sie in solchen Fällen ihr Wissen über die Gesetzeslage für sich behalten.“

Nein, sehr geehrter Herr Hitter, der Wind hat sich gedreht im Land und Sie drehen leider daran mit. Aufklärung und Schulung über seine Rechte als Arbeitnehmer ist dringender denn je geboten. Siehe auch hierzu:

http://www.lerchenflug.de/elsternest/auf-nach-bremen/

Markus Hitter, 01.09.2016 15:44
@Die Lerche

Es ist genau solche Maulerei, die engagierten Leuten den Spass an einem Arbeitsverhältnis verdient. Anstatt sich dem widmen zu können, was Einem Freude macht, muss man auf die Uhr, auf die Tageszeit oder sonst irgendwelche Nebensächlichkeiten achten.

So nützlich diese Arbeitszeitgesetze für Arbeiter und Schichtdienst sind, so hinderlich sind sie für Leute, die in ihrem Beruf mehr als nur das entgeltliche warm halten eines Bürostuhls sehen.

Ich denke es wäre ein Gefallen für Berufene und engagierte Berufsausüber, wenn Sie in solchen Fällen ihr Wissen über die Gesetzeslage für sich behalten. Gehen solche Leute irgendwann in die Selbstständigkeit, nur um die gesetzlich verbotene Freiheit wieder zu erlangen, ist dem Sinn dieses Gesetzes auch nicht wirklich weiter geholfen.

ST, 01.09.2016 14:14
Interessanter Artikel. Merkwürdig ist aber, über die "Lokaljournalisten-Schelte" des Herrn Fischer nur aus zweiter Hand zu schreiben und ihn dabei prompt falsch zu benennen. Herr Fischer bezog seine Kritik, sachlich und spezifisch, das ist dann keine Schelte, gerade nicht nur auf Lokaljournalisten sondern auf viele bundesweit schreibende Kollegen. Diese zogen dagegen in ihren Antworten gerade über ihre lokalen Kollegen her. Vielleicht können Sie das im Artikel noch korrigieren?

leo leowe, 31.08.2016 15:12
Dort draußen im so genannten "Ländlichen Raum" sind die positiven und negativen Rückmeldungen eben noch ziemlich direkt erfahrbar. Da ist kein Mailkommunikationssystem wie in den großen Verlagshäusern dazwischengeschaltet und da geht es eben wirklich um Berichterstattung und Glaubwürdigkeit und nicht um die Zahl der Klicks auf der Online-Seite (mit den Werbeanzeigen).

Bravo für diesen Bericht über die aufrichtigen und anständigen Reporter im Lokalbereich!
# leo loewe

Insider, 31.08.2016 13:52
Solche ständig am Limit arbeitenden Menschen habe ich bei einer in Oberschwaben erscheinenden Zeitung vor Jahren auch erlebt. Sie waren weniger vom Burnout betroffen, dafür haben sie sich sehr stark dem Alkohol zugewandt!

Die Lerche, 31.08.2016 11:23
als Betriebsrat schlage ich mich immer wieder mit dem Arbeitszeitgesetz herum.
Arbeitszeit im Sinne dieses Gesetzes ist die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhepausen. Darin wird auch geregelt, dass die tägliche Arbeitszeit nicht über 10 Stunden ausgedehnt werden darf. Wenn der Verleger seinen Redakteur Michael Würz länger arbeiten lässt, macht er sich strafbar.
Lobend wird im Artikel erwähnt, dass ZAK-Verleger Welte schon mal mit einstelliger Rendite zufrieden ist. Diese Aussage ist sogar Zwischenüberschrift geworden. Gerne hätte ich erfahren, ob der auf zweistellige Rendite verzichtende Verleger seinen Mitarbeiter ein ordentliches Gehalt zahlt und ob er die Überstunden, die diese leisten, auch angemessen honoriert. Das Engagement von Michael Würz ist lobenswert, allerdings sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass solche ständig am Limit arbeitenden Menschen oft von Burnout betroffen sind. Dieser Aspekt kommt im Artikel leider nicht vor.

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