KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 201
Medien

Scoop sticht Skrupel

Von Anton Hunger
Datum: 04.02.2015
Der meistdiskutierte Kontext-Artikel in der vergangenen Woche: die Philippika gegen immer dreistere Versuche von PR-Agenten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Unser Autor kennt als Journalist und Pressesprecher beide Seiten. Über die Autorisierung von Interviews und die Selbstgerechtigkeit von Journalisten.

Pressesprecher, die ein Gespräch mit einer Führungspersönlichkeit zu einem journalistischen Beitrag nur dann zulassen, wenn der Journalist sich zum Gegenlesen bereit erklärt, sind Dumpfbacken. Es gibt sie, keine Frage. Sie beleidigen den Journalisten mit diesem unappetitlichen Ansinnen, gehen ihm an die Ehre und verlangen die Unterwerfung. Sie wollen Zensur ausüben, wenn auch unausgesprochen.

Der Journalist muss sich darauf nicht einlassen. Und er muss nicht einmal den Grundgesetzartikel 5 bemühen, es genügt oftmals ein Blick in den Arbeitsvertrag. Viele Verlage verbieten es, Artikel zum Gegenlesen an den Gesprächspartner oder dessen PR-Berater zu schicken. Steht es nicht im Arbeitsvertrag, dann im – geschriebenen oder mündlich überlieferten – "Code of Conduct" des Verlags oder der Redaktion (in den USA sehr verbreitet, aber auch in Deutschland nicht unüblich).

Man kann sich also wehren und hat dafür gute Argumente. Das Risiko, das der Journalist eingeht, ist allenfalls, dass das Gespräch nicht zustande kommt. Er muss dann die Geschichte ohne das ausgefallene Gespräch schreiben – oder die Geschichte begraben. Aber niemand, außer Behörden, ist verpflichtet, einem Journalisten zu Diensten zu sein, damit er bei der Wahrheitsfindung weiterkommt. Man könnte es auch weniger euphemistisch ausdrücken: Damit das Geschäftsmodell des Verlags keinen Schaden nimmt.

Anders verhält es sich bei Interviews, die in Frage-und-Antwort-Form wiedergegeben werden. Der Leser begreift die gedruckten Aussagen des Interviewten als autorisiert. Andere Medien können daraus zitieren, müssen den Interviewten also nicht einmal dafür kontaktieren. Ein autorisiertes Interview hat dokumentarischen Charakter. Ein nicht autorisiertes Interview hinterlässt immer Zweifel, wenn sich der Interviewte wehrt. Manchmal hat sich der Interviewte nur ungeschickt ausgedrückt, hat etwas gesagt, was er so nicht gemeint hat.

Druckreif sprechen muss man üben

Viele Führungspersönlichkeiten – gleichgültig, ob in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder des Sports – sprechen nicht unbedingt druckreif. Die Ausnahmen sind an zwei Händen abzuzählen: Alfred Herrhausen konnte es perfekt, Hans Lutz Merkle ebenfalls. Edzard Reuter, Wolfgang Reitzle oder Joe Kaeser können es. Unter den Politikern finden sich weit mehr als unter Wirtschaftsführern: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Joachim Gauck, Ursula von der Leyen, Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht, mit Abstrichen auch Horst Seehofer, auch Peter Gauweiler, selbst Winfried Kretschmann, wenn man seine schwäbischen Vokabeln übersetzen kann. Aber wie sieht's aus mit Stefan Mappus? Mit Günter Oettinger? Mit Ilse Aigner? Mit Nils Schmid? Mit Bernd Riexinger? Mit Uli Hoeneß? Druckreif reden ist eine hohe Kunst, es will gelernt sein. Das Schwert der Politiker ist das Wort. Deshalb üben sie die druckreife Sprache. Und da sie – in guten Zeiten – mindestens im Wochentakt vor die Kamera treten, üben sie gleichsam: learning by doing.

Wirtschaftsführer sind in einer ungleich schwierigeren Situation. Ihr Schwert ist zwar auch das Wort, ihr Damoklesschwert aber sind die Zahlen. Es passiert extrem selten, dass einer seinen Posten wegen unbedachter Äußerungen räumen muss. Immerhin: Der Deutschen Bank brachte eine kritische Äußerung ihres damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer eine saftige Schadenersatzklage ein. Doch in der Regel sind es die Zahlen, die zu einem Rausschmiss führen, die schlechten Zahlen natürlich. Deshalb nehmen sich Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft auch kaum die Zeit, zu lernen, wie man druckreif spricht. Erst recht dann nicht, wenn schon der Kittel brennt.

Ignoranz und Unvermögen in den Redaktionen

Vor diesem Hintergrund wäre es eine gute journalistische Tugend, wenn das nicht astrein Gesagte des Interviewten wenigstens in verständlichem Deutsch mit richtiger Grammatik und Semantik niedergeschrieben würde. Das ist aber in vielen Fällen nicht der Fall, auch weil der Zeitdruck in personell ausgedünnten Redaktionen inzwischen unerträglich zugenommen hat. Aber nicht nur deshalb. Zuweilen ist es einfach Ignoranz, mitunter auch Unvermögen, weil die Komplexität mancher Themen den einen und anderen Journalisten schlicht überfordert. Der "Spiegel" ist eine rühmliche Ausnahme, die "FAZ" auch. Die politischen Monatsmagazine weitgehend.

Aber die Journalisten der allermeisten Tageszeitungen – und beileibe nicht nur "Bild" – oder vieler Fachmagazine hören das Band ab und übernehmen oftmals die unbeholfene Sprache des Interviewten. Lassen es beispielsweise zu, dass jeder Satz in einem Absatz mit "ich" beginnt (passiert sogar in der "Süddeutschen"), dass "Automobil" adjektivisch genutzt wird ("eine automobile Entwicklung" gibt es nicht, es wäre eine sich selbst bewegende Entwicklung, was nicht gemeint ist), dass Sinnentstellungen in Kauf genommen werden, wenn sie nur ein Wort wegen mangelnder Verständlichkeit ändern oder weglassen.

Im Klartext: Wenn das nicht druckreif Gesprochene mehr wortwörtlich als dem Wortsinn nach wiedergegeben wird. Dann steht der Interviewte blöd da. Der Leser jedenfalls münzt sein niederschmetterndes Urteil nur auf den Interviewten, nicht auf den Schreiber, der die Antworten – aus welchen Gründen auch immer – nicht in ordentliches Deutsch fassen konnte.

Da mag man einwenden, dass im angloamerikanischen Sprachraum autorisierte Interviews verpönt sind, dass Autorisieren halt eine deutsche, in Teilen auch kontinentaleuropäische Marotte ist. Mag sein. Aber in den USA, in England oder in Australien haben ausgefuchste PR-Strategen ihren "Schützlingen" längst beigebracht, ja nicht allzu konkret zu werden, bei Allgemeinplätzen zu bleiben, kurze Sätze zu sprechen, lange Pausen einzubauen und auch beim drängendsten Insistieren des Journalisten sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Entsprechend lesen sich viele Interviews in dieser ach so erlesenen pressefreundlichen Gesellschaft der Edlen. Vielfach eben bla, bla, bla ...

Journalisten müssen sich gegenseitig kontrollieren

Sicherlich wird das Autorisieren auch missbraucht, wenn der Duktus des Interviews verändert, die Botschaft umgeschrieben wird. Auch das muss man sich nicht gefallen lassen. Papierkörbe in Redaktionen haben ein großes Fassungsvermögen. Klagen über die Ungebührlichkeit des im vorauseilenden Gehorsam agierenden Pressesprechers helfen nicht. Man muss auch kämpfen, auf Augenhöhe und mit den gleichen Waffen. Das Risiko bleibt, dass der mediale Wettbewerber auf das unmoralische Angebot eingeht und das "zensierte" Interview veröffentlicht. Den ungebührlichen Eingriff erkennt der Leser ja nicht. Da wäre es durchaus angebracht, über den "unsoliden" Wettbewerber eine bittere Sottise ins eigene Blatt zu heben, wofür sich dann die meisten wieder zu schade sind. So schnell hackt eine Krähe der anderen halt kein Auge aus. Viele Journalisten sind im Austeilen, wenn es um Gott und die Welt geht, Weltmeister. Wenn es um die eigene Zunft geht, bestenfalls Bezirksligisten.

Wenn ein Sportler Formulierungsprobleme hat, nimmt das niemand krumm. Manchmal dient es sogar der Unterhaltung – und dabei darf einem nicht nur Giovanni Trappatoni einfallen, der als Italiener kaum der deutschen Sprache mächtig sein muss. Bei Wirtschaftsführern können sprachliche Handicaps dagegen schnell auch unangenehme Fragen nach sich ziehen. Aus dieser Spannungssituation entstehen leicht Aversionen gegen Journalisten ganz allgemein. Manager und Unternehmer stehen heutzutage viel stärker unter öffentlicher Beobachtung, als dies noch vor ungefähr zwei Dekaden der Fall war, wogegen nichts einzuwenden ist. Aber die Vorsicht, mit Journalisten zu sprechen, nimmt eben entsprechend zu. Das mag man aus Journalistensicht bedauern, man kann es auch kritisieren. Aber offensichtlich haben sich Wirtschaftsführer und Journalisten immer weniger zu sagen. Das war auch schon mal anders.

Investigativer Journalismus ist oft "schwarze" PR

Hinzu kommt: Etliche Redaktionen haben Investigativteams gegründet, um den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Das gehört heute zu einem publizistischen Geschäftsmodell. Aber es ist der Wettbewerb unter den Medien, der dafür sorgt, dass zuweilen Selbstverständlichkeiten zu Skandalen hochstilisiert werden. Was dem Leser dabei nicht vermittelt wird, ist die Variante, wie – in Teilen jedenfalls – investigativ arbeitende Journalisten ihre Zeitungsspalten für verdeckte PR zur Verfügung stellen, oftmals auch für "schwarze" PR, für Denunziation also, für Verdächtigungen oder Gerüchte. Einige PR-Agenturen organisieren das durchaus geschickt, wenn derjenige, der ein Interesse an der Verleumdung des anderen oder an der Herabsetzung von dessen Produkt hat, gut honoriert. Pfiffige Spin-Doctors versprechen für solches Entgegenkommen der Journalisten dann eine Exklusivgeschichte.

Und den Scoop braucht man offensichtlich heute, wenn man nicht gerade für die "Neue Zürcher Zeitung" oder die "International Herald Tribune" schreibt. "Effiziente" PR ist, wenn Kampagnen so organisiert werden, dass für das Publikum nicht ersichtlich ist, wer dahintersteckt. Vogelgrippe (Profiteur Pharmagigant Roche), Schweinegrippe (Profiteur GlaxoSmithKline). Hervorragende Beispiele für Lehrbücher der PR, fraglos. Und die Rolle der Journalisten dabei? Ein Scoop ist immer stärker als die eigene Skrupel.

Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben

"Wenn ein Journalist einmal etwas Genaueres über seinen Beruf erfahren möchte, sollte er vielleicht versuchen, selbst zum Gegenstand von Journalismus zu werden. Das könnte ihn ernüchtern, und sogar der Kater danach wäre womöglich gesund." Herbert Riehl-Heyse, einer der angesehensten deutschen Journalisten, schrieb diese wahren Sätze, als es der "Süddeutschen Zeitung" wirtschaftlich elendig ging und sie die Häme der konkurrierenden Medien zu spüren bekam. Dabei ist das, was der "Süddeutschen" widerfahren ist und Riehl-Heyse so aufgeregt hat, alltägliche Praxis in den Medien. Es ist ja auch klar: Der Anspruch, dem Journalisten gerecht werden sollen, nämlich aufzuklären, die Welt erklären, unabhängig zu sein und objektiv zu berichten, verleitet eben zu Selbstgerechtigkeit. "Tut mir leid", so der Schweizer Journalist und Autor Constantin Seibt, "so etwas wie Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben."

Gegenlesen? Ach ja. Man lässt journalistische Beiträge nicht gegenlesen. Punkt. Und man lässt Wortlaut-Interviews autorisieren, weil sie sonst an Wahrhaftigkeit und Bedeutung verlieren. Man möchte den Journalisten zurufen: Begegnet denen, die euch kujonieren wollen und denjenigen der gleichen Sorte, die euch mit Scoops füttern, auf Augenhöhe. Und beklagt euch nicht, wenn euch das nicht gelingt. "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr", fasste Martin Walser das Grundproblem der zivilisatorischen Auseinandersetzung zusammen. Und dabei hatte er noch nicht einmal die Presseszene im Auge. Man kann es auch, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, deutlicher sagen: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners."

 

Anton Hunger ist Mitglied des Beirats von Kontext. Er ist Journalist und war 17 Jahre lang Pressechef bei Porsche.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Fred, 01.04.2015 22:37
Nach der Erfahrung, die ich mit einer Veröffentlichung gemacht habe, würde ich mich ohne Gegenlesen nie mehr auf einen Artikel einlassen.
Ein kleines Missverständnis, was durch unterschiedlichen Sprachgebrauch zwischen Techniker und Nichttechniker eher die Regel als Ausnahme ist, und schon ist man mit einer redaktionell bearbeitetn Aussage, die nie so zu verstehen war in aller Öffentlichkeit blamiert.

Auch wenn ein Journalist sich bei der Forderung gegenzulesen persönlich bei der Ehre angegriffen fühlt, die andere Seite ist auch zu sehen.

Philippe Ressing, 10.02.2015 10:02
Grundsätzlich kann ich den Ausführungen des Autors nur zustimmen. Bei Interviews ist man oft gezwungen, sie komplett umzuschreiben, damit der Text lesbar wird. Wörtliche Aussagen vom Interviewten autorisieren zu lassen, halte ich deshalb für zulässig. Gerade Medienunternehmen und ihre Spitzenleute verhalten sich oft - gelinde gesagt - unverschämt. Ich habe als einstiger Medienjournalist erleben müssen, dass 'Amtsträger' öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, aber auch von Landesmedienanstalten gegebene Interviews komplett umgeschrieben haben. Odt wurde im Eifer des Gefechts 'Klartext' geredet, denn man dann später so nicht mehr gedruckt sehen wollte. Und was macht der Redakteur und Journalist? Oft beugt er sich in vorerfüllendem Gehorsam. Man braucht die Gunst der Hierarchen und der Verlag will die Anstalt nicht als Abonnent verlieren. Ungeschminkt dreist verhielten sich oft die Presseverantwortlichen kommerzieller Medienkonzerne. Da wurden nicht nur wörtliche Zitate zur Autorisierung eingefordert, sondern der ganze Artikel. Und die Journalisten machten mit - so habe ich es in drei Jahren Tätigkeit für zwei kommerzielle Medienfachdienste merhfach erlebt.
Eine Lösung des Autorisierugnswahns bei Interviews wäre, sie wie in den USA oft üblich, als Fließtext mit einzelnen Zitaten zu veröffentlichen. Das Zitat kann dann autorisiert werden, der Charakter des insgesamt Gesagten könnte aber erhalten bleiben.

invinoveritas, 05.02.2015 12:29
Anton Hunger hat einen unaufgeregten, für Außenstehende informativen Blick ins mediale Innere geworfen. Zwei Kernsätze verdienen Einspruch. Der erste ("Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners") bedient einen modischen Relativismus und ist bei etwas näherem Hinsehen hübsch formulierter Nonsens. Wissenschaftler oder Journalisten können sinnvoll ihre Arbeit ja nur tun in der Gewissheit, dass es eben doch auffindbare Wahrheit(en) gibt.

Nicht wahr ist hingegen Hungers Behauptung, ein Scoop, also eine aufsehenerregende Exklusivmeldung, sei "immer stärker als die eigenen Skrupel". Und modisch ist sie auch: lustiges Mitträllern im Chor der vielen, für die die Charakterlosigkeit von Journalisten eine ausgemachte Sache ist. Will uns der frühere Stuttgarter-Zeitungs-Wirtschaftsredakteur und spätere Wendelin-Wiedeking-Intimus Hunger damit sagen, dies sei damals seine und seiner Kollegen Devise gewesen?

So oder so, der Satz ist Unfug. Unzählige Scoops wurden nie geschrieben oder gesendet, eben weil es auch in diesem so maßlos geschmähten Berufsstand dasselbe gibt wie anderswo: schlichten Anstand. Auch Toni Hunger weiß das, und er sollte nicht Vorurteile schüren wider besseres Wissen.

Winfried Plesch, 05.02.2015 10:45
Toll! Gibt es sowas, wie den Tag der Redaktionen schon? Wenn nein, sollte er in jeder Redaktion einmal im Jahr eingeführt werden und dieser Artikel zum Thema der Eigenreflexion und Bedeutung für das eigene Arbeiten gemacht werden.

Schwabe, 04.02.2015 11:30
Wow - was für ein Artikel! Bin schwer beeindruckt und auch erfreut etwas so intelligentes, aufklärendes und gleichzeitig unterhaltsames zu lesen!
Wobei ich mir eine kleine Anmerkung nun doch nicht verkneifen kann: Meines Erachtens stehen heutzutage viele Dinge in vielen Verträgen. Ob diese Dinge einen immer schützen wenn man/frau sich auf sie beruft bezweifle ich.

tillupp, 04.02.2015 10:36
@ kujonieren
Für alle die diese Wort auch nicht kennen.
Bedeutung: [bei der Arbeit] unwürdig behandeln, schikanieren, unnötig und bösartig bedrängen

http://www.duden.de/rechtschreibung/kujonieren
Wortart: schwaches Verb
Gebrauch: umgangssprachlich abwertend
Beispiel:
sich kujonieren lassen

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 10:47
Sehr geehrter Herr Barolo, bestimmte Musik ist wirklich sehr gefährlich und gewaltverursachend und kann somit Menschen tatsächlich töten! Die innovativen Forschungen des redlichen Freiburger Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Miehling...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Peter S, 29.03.2017 10:28
Ach ja die Grünen. Einmal dachte ich, ich brauche sie. Was danach kam war eine totale Enttäuschung. Heute sage ich, Parteien sind nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich. Eine Direktwahl bei der der Kandidat den Bürgern...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Thomas A, 29.03.2017 10:04
Es gibt "gutes" Sparen, nennen wir es optimieren und "schlechtes", so eine Art Kahlschlag mit Folgeschäden. Effizienzssteigerung kann auch zu mehr Beschäftigung durch mehr Umsatz führen. Firmen mit der Kundenorientierung (siehe...

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Barolo, 29.03.2017 10:02
Unfassbar mit was sich der NSU Untersuchungsausschuss im Ländle befasst. Statt auch nur eine der den Uwes nachgesagten Straftaten aufzudecken macht man auf Musik. Da muss ich wirklich scharf nachdenken, wann denn schon mal Musik einen...

Ausgabe 313 / PETA zwickt den Oberförster / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 09:34
Sehr geehrte Damen und Herren, der unredlichen und kriminellen Tierschutzorganisation MEBT ("Menschen für die ethische Behandlung von Tieren") das Verbandsklagerecht zu verweigern, ist sehr redlich und zeigt erneut, dass es sich bei...

Ausgabe 313 / Geschichte klittern mit Günther Oettinger / Thomas A, 29.03.2017 09:30
Bis zur Geschichtsstunde um Filbinger(man dachte fast die Nazis seien gegen Hitler gewesen) war der wahre Oppositionsführer im Landtag der Stefan Mappus. Von da ab wurde Oettinger weniger vom Parteifreund malträtiert. Kurz darauf wurden...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Horst Ruch, 29.03.2017 09:27
......drehen wir die Bilanz besser um... er wird ein Wahnzeichen für Stuttgart, als Wahrzeichen machen.... Ich dachte immer der Boss einer Aktiengesellschaft hat für den Gewinn seiner Aktionäre zu sorgen. Hier ist es umgekehrt, der...

Ausgabe 313 / Revolution und Wahrheit / Peterwmeisel, 29.03.2017 09:05
Herzlichen Dank für die Darstellungen "der Anstalt" in der wir leben! Das Konzept ist ein bedeutender Bruder der "Aufklärung". der uns hilft hin zu schauen und zu erkennen was mit uns, dem "Souverän" gespielt wird. Wir lernen, dass das...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Jue.So Jürgen Sojka, 29.03.2017 08:45
Hier lässt sich informatives zu jenem Dr. Richard Lutz nachlesen (¹) Auszug: Tatsächlich - Neue Demut bei der Bahn? Dazu müsste es allerdings zuvor Demut gegeben haben, um "Neue Demut" zu zeigen!! Wie sich erkennen lässt, lediglich...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Heinz Heckele, 29.03.2017 08:41
Die Botschaft hör ich wohl..... Ich glaube dagegen, daß Urban Priol kürzlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat, als er feststellte, "die heutigen Grünen sind wie FDP mit Fahrrad". Siehe Kretschmann!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!