KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


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Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 201
Medien

Scoop sticht Skrupel

Von Anton Hunger
Datum: 04.02.2015
Der meistdiskutierte Kontext-Artikel in der vergangenen Woche: die Philippika gegen immer dreistere Versuche von PR-Agenten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Unser Autor kennt als Journalist und Pressesprecher beide Seiten. Über die Autorisierung von Interviews und die Selbstgerechtigkeit von Journalisten.

Pressesprecher, die ein Gespräch mit einer Führungspersönlichkeit zu einem journalistischen Beitrag nur dann zulassen, wenn der Journalist sich zum Gegenlesen bereit erklärt, sind Dumpfbacken. Es gibt sie, keine Frage. Sie beleidigen den Journalisten mit diesem unappetitlichen Ansinnen, gehen ihm an die Ehre und verlangen die Unterwerfung. Sie wollen Zensur ausüben, wenn auch unausgesprochen.

Der Journalist muss sich darauf nicht einlassen. Und er muss nicht einmal den Grundgesetzartikel 5 bemühen, es genügt oftmals ein Blick in den Arbeitsvertrag. Viele Verlage verbieten es, Artikel zum Gegenlesen an den Gesprächspartner oder dessen PR-Berater zu schicken. Steht es nicht im Arbeitsvertrag, dann im – geschriebenen oder mündlich überlieferten – "Code of Conduct" des Verlags oder der Redaktion (in den USA sehr verbreitet, aber auch in Deutschland nicht unüblich).

Man kann sich also wehren und hat dafür gute Argumente. Das Risiko, das der Journalist eingeht, ist allenfalls, dass das Gespräch nicht zustande kommt. Er muss dann die Geschichte ohne das ausgefallene Gespräch schreiben – oder die Geschichte begraben. Aber niemand, außer Behörden, ist verpflichtet, einem Journalisten zu Diensten zu sein, damit er bei der Wahrheitsfindung weiterkommt. Man könnte es auch weniger euphemistisch ausdrücken: Damit das Geschäftsmodell des Verlags keinen Schaden nimmt.

Anders verhält es sich bei Interviews, die in Frage-und-Antwort-Form wiedergegeben werden. Der Leser begreift die gedruckten Aussagen des Interviewten als autorisiert. Andere Medien können daraus zitieren, müssen den Interviewten also nicht einmal dafür kontaktieren. Ein autorisiertes Interview hat dokumentarischen Charakter. Ein nicht autorisiertes Interview hinterlässt immer Zweifel, wenn sich der Interviewte wehrt. Manchmal hat sich der Interviewte nur ungeschickt ausgedrückt, hat etwas gesagt, was er so nicht gemeint hat.

Druckreif sprechen muss man üben

Viele Führungspersönlichkeiten – gleichgültig, ob in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder des Sports – sprechen nicht unbedingt druckreif. Die Ausnahmen sind an zwei Händen abzuzählen: Alfred Herrhausen konnte es perfekt, Hans Lutz Merkle ebenfalls. Edzard Reuter, Wolfgang Reitzle oder Joe Kaeser können es. Unter den Politikern finden sich weit mehr als unter Wirtschaftsführern: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Joachim Gauck, Ursula von der Leyen, Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht, mit Abstrichen auch Horst Seehofer, auch Peter Gauweiler, selbst Winfried Kretschmann, wenn man seine schwäbischen Vokabeln übersetzen kann. Aber wie sieht's aus mit Stefan Mappus? Mit Günter Oettinger? Mit Ilse Aigner? Mit Nils Schmid? Mit Bernd Riexinger? Mit Uli Hoeneß? Druckreif reden ist eine hohe Kunst, es will gelernt sein. Das Schwert der Politiker ist das Wort. Deshalb üben sie die druckreife Sprache. Und da sie – in guten Zeiten – mindestens im Wochentakt vor die Kamera treten, üben sie gleichsam: learning by doing.

Wirtschaftsführer sind in einer ungleich schwierigeren Situation. Ihr Schwert ist zwar auch das Wort, ihr Damoklesschwert aber sind die Zahlen. Es passiert extrem selten, dass einer seinen Posten wegen unbedachter Äußerungen räumen muss. Immerhin: Der Deutschen Bank brachte eine kritische Äußerung ihres damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer eine saftige Schadenersatzklage ein. Doch in der Regel sind es die Zahlen, die zu einem Rausschmiss führen, die schlechten Zahlen natürlich. Deshalb nehmen sich Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft auch kaum die Zeit, zu lernen, wie man druckreif spricht. Erst recht dann nicht, wenn schon der Kittel brennt.

Ignoranz und Unvermögen in den Redaktionen

Vor diesem Hintergrund wäre es eine gute journalistische Tugend, wenn das nicht astrein Gesagte des Interviewten wenigstens in verständlichem Deutsch mit richtiger Grammatik und Semantik niedergeschrieben würde. Das ist aber in vielen Fällen nicht der Fall, auch weil der Zeitdruck in personell ausgedünnten Redaktionen inzwischen unerträglich zugenommen hat. Aber nicht nur deshalb. Zuweilen ist es einfach Ignoranz, mitunter auch Unvermögen, weil die Komplexität mancher Themen den einen und anderen Journalisten schlicht überfordert. Der "Spiegel" ist eine rühmliche Ausnahme, die "FAZ" auch. Die politischen Monatsmagazine weitgehend.

Aber die Journalisten der allermeisten Tageszeitungen – und beileibe nicht nur "Bild" – oder vieler Fachmagazine hören das Band ab und übernehmen oftmals die unbeholfene Sprache des Interviewten. Lassen es beispielsweise zu, dass jeder Satz in einem Absatz mit "ich" beginnt (passiert sogar in der "Süddeutschen"), dass "Automobil" adjektivisch genutzt wird ("eine automobile Entwicklung" gibt es nicht, es wäre eine sich selbst bewegende Entwicklung, was nicht gemeint ist), dass Sinnentstellungen in Kauf genommen werden, wenn sie nur ein Wort wegen mangelnder Verständlichkeit ändern oder weglassen.

Im Klartext: Wenn das nicht druckreif Gesprochene mehr wortwörtlich als dem Wortsinn nach wiedergegeben wird. Dann steht der Interviewte blöd da. Der Leser jedenfalls münzt sein niederschmetterndes Urteil nur auf den Interviewten, nicht auf den Schreiber, der die Antworten – aus welchen Gründen auch immer – nicht in ordentliches Deutsch fassen konnte.

Da mag man einwenden, dass im angloamerikanischen Sprachraum autorisierte Interviews verpönt sind, dass Autorisieren halt eine deutsche, in Teilen auch kontinentaleuropäische Marotte ist. Mag sein. Aber in den USA, in England oder in Australien haben ausgefuchste PR-Strategen ihren "Schützlingen" längst beigebracht, ja nicht allzu konkret zu werden, bei Allgemeinplätzen zu bleiben, kurze Sätze zu sprechen, lange Pausen einzubauen und auch beim drängendsten Insistieren des Journalisten sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Entsprechend lesen sich viele Interviews in dieser ach so erlesenen pressefreundlichen Gesellschaft der Edlen. Vielfach eben bla, bla, bla ...

Journalisten müssen sich gegenseitig kontrollieren

Sicherlich wird das Autorisieren auch missbraucht, wenn der Duktus des Interviews verändert, die Botschaft umgeschrieben wird. Auch das muss man sich nicht gefallen lassen. Papierkörbe in Redaktionen haben ein großes Fassungsvermögen. Klagen über die Ungebührlichkeit des im vorauseilenden Gehorsam agierenden Pressesprechers helfen nicht. Man muss auch kämpfen, auf Augenhöhe und mit den gleichen Waffen. Das Risiko bleibt, dass der mediale Wettbewerber auf das unmoralische Angebot eingeht und das "zensierte" Interview veröffentlicht. Den ungebührlichen Eingriff erkennt der Leser ja nicht. Da wäre es durchaus angebracht, über den "unsoliden" Wettbewerber eine bittere Sottise ins eigene Blatt zu heben, wofür sich dann die meisten wieder zu schade sind. So schnell hackt eine Krähe der anderen halt kein Auge aus. Viele Journalisten sind im Austeilen, wenn es um Gott und die Welt geht, Weltmeister. Wenn es um die eigene Zunft geht, bestenfalls Bezirksligisten.

Wenn ein Sportler Formulierungsprobleme hat, nimmt das niemand krumm. Manchmal dient es sogar der Unterhaltung – und dabei darf einem nicht nur Giovanni Trappatoni einfallen, der als Italiener kaum der deutschen Sprache mächtig sein muss. Bei Wirtschaftsführern können sprachliche Handicaps dagegen schnell auch unangenehme Fragen nach sich ziehen. Aus dieser Spannungssituation entstehen leicht Aversionen gegen Journalisten ganz allgemein. Manager und Unternehmer stehen heutzutage viel stärker unter öffentlicher Beobachtung, als dies noch vor ungefähr zwei Dekaden der Fall war, wogegen nichts einzuwenden ist. Aber die Vorsicht, mit Journalisten zu sprechen, nimmt eben entsprechend zu. Das mag man aus Journalistensicht bedauern, man kann es auch kritisieren. Aber offensichtlich haben sich Wirtschaftsführer und Journalisten immer weniger zu sagen. Das war auch schon mal anders.

Investigativer Journalismus ist oft "schwarze" PR

Hinzu kommt: Etliche Redaktionen haben Investigativteams gegründet, um den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Das gehört heute zu einem publizistischen Geschäftsmodell. Aber es ist der Wettbewerb unter den Medien, der dafür sorgt, dass zuweilen Selbstverständlichkeiten zu Skandalen hochstilisiert werden. Was dem Leser dabei nicht vermittelt wird, ist die Variante, wie – in Teilen jedenfalls – investigativ arbeitende Journalisten ihre Zeitungsspalten für verdeckte PR zur Verfügung stellen, oftmals auch für "schwarze" PR, für Denunziation also, für Verdächtigungen oder Gerüchte. Einige PR-Agenturen organisieren das durchaus geschickt, wenn derjenige, der ein Interesse an der Verleumdung des anderen oder an der Herabsetzung von dessen Produkt hat, gut honoriert. Pfiffige Spin-Doctors versprechen für solches Entgegenkommen der Journalisten dann eine Exklusivgeschichte.

Und den Scoop braucht man offensichtlich heute, wenn man nicht gerade für die "Neue Zürcher Zeitung" oder die "International Herald Tribune" schreibt. "Effiziente" PR ist, wenn Kampagnen so organisiert werden, dass für das Publikum nicht ersichtlich ist, wer dahintersteckt. Vogelgrippe (Profiteur Pharmagigant Roche), Schweinegrippe (Profiteur GlaxoSmithKline). Hervorragende Beispiele für Lehrbücher der PR, fraglos. Und die Rolle der Journalisten dabei? Ein Scoop ist immer stärker als die eigene Skrupel.

Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben

"Wenn ein Journalist einmal etwas Genaueres über seinen Beruf erfahren möchte, sollte er vielleicht versuchen, selbst zum Gegenstand von Journalismus zu werden. Das könnte ihn ernüchtern, und sogar der Kater danach wäre womöglich gesund." Herbert Riehl-Heyse, einer der angesehensten deutschen Journalisten, schrieb diese wahren Sätze, als es der "Süddeutschen Zeitung" wirtschaftlich elendig ging und sie die Häme der konkurrierenden Medien zu spüren bekam. Dabei ist das, was der "Süddeutschen" widerfahren ist und Riehl-Heyse so aufgeregt hat, alltägliche Praxis in den Medien. Es ist ja auch klar: Der Anspruch, dem Journalisten gerecht werden sollen, nämlich aufzuklären, die Welt erklären, unabhängig zu sein und objektiv zu berichten, verleitet eben zu Selbstgerechtigkeit. "Tut mir leid", so der Schweizer Journalist und Autor Constantin Seibt, "so etwas wie Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben."

Gegenlesen? Ach ja. Man lässt journalistische Beiträge nicht gegenlesen. Punkt. Und man lässt Wortlaut-Interviews autorisieren, weil sie sonst an Wahrhaftigkeit und Bedeutung verlieren. Man möchte den Journalisten zurufen: Begegnet denen, die euch kujonieren wollen und denjenigen der gleichen Sorte, die euch mit Scoops füttern, auf Augenhöhe. Und beklagt euch nicht, wenn euch das nicht gelingt. "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr", fasste Martin Walser das Grundproblem der zivilisatorischen Auseinandersetzung zusammen. Und dabei hatte er noch nicht einmal die Presseszene im Auge. Man kann es auch, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, deutlicher sagen: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners."

 

Anton Hunger ist Mitglied des Beirats von Kontext. Er ist Journalist und war 17 Jahre lang Pressechef bei Porsche.


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Kommentare

Fred, 01.04.2015 22:37
Nach der Erfahrung, die ich mit einer Veröffentlichung gemacht habe, würde ich mich ohne Gegenlesen nie mehr auf einen Artikel einlassen.
Ein kleines Missverständnis, was durch unterschiedlichen Sprachgebrauch zwischen Techniker und Nichttechniker eher die Regel als Ausnahme ist, und schon ist man mit einer redaktionell bearbeitetn Aussage, die nie so zu verstehen war in aller Öffentlichkeit blamiert.

Auch wenn ein Journalist sich bei der Forderung gegenzulesen persönlich bei der Ehre angegriffen fühlt, die andere Seite ist auch zu sehen.

Philippe Ressing, 10.02.2015 10:02
Grundsätzlich kann ich den Ausführungen des Autors nur zustimmen. Bei Interviews ist man oft gezwungen, sie komplett umzuschreiben, damit der Text lesbar wird. Wörtliche Aussagen vom Interviewten autorisieren zu lassen, halte ich deshalb für zulässig. Gerade Medienunternehmen und ihre Spitzenleute verhalten sich oft - gelinde gesagt - unverschämt. Ich habe als einstiger Medienjournalist erleben müssen, dass 'Amtsträger' öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, aber auch von Landesmedienanstalten gegebene Interviews komplett umgeschrieben haben. Odt wurde im Eifer des Gefechts 'Klartext' geredet, denn man dann später so nicht mehr gedruckt sehen wollte. Und was macht der Redakteur und Journalist? Oft beugt er sich in vorerfüllendem Gehorsam. Man braucht die Gunst der Hierarchen und der Verlag will die Anstalt nicht als Abonnent verlieren. Ungeschminkt dreist verhielten sich oft die Presseverantwortlichen kommerzieller Medienkonzerne. Da wurden nicht nur wörtliche Zitate zur Autorisierung eingefordert, sondern der ganze Artikel. Und die Journalisten machten mit - so habe ich es in drei Jahren Tätigkeit für zwei kommerzielle Medienfachdienste merhfach erlebt.
Eine Lösung des Autorisierugnswahns bei Interviews wäre, sie wie in den USA oft üblich, als Fließtext mit einzelnen Zitaten zu veröffentlichen. Das Zitat kann dann autorisiert werden, der Charakter des insgesamt Gesagten könnte aber erhalten bleiben.

invinoveritas, 05.02.2015 12:29
Anton Hunger hat einen unaufgeregten, für Außenstehende informativen Blick ins mediale Innere geworfen. Zwei Kernsätze verdienen Einspruch. Der erste ("Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners") bedient einen modischen Relativismus und ist bei etwas näherem Hinsehen hübsch formulierter Nonsens. Wissenschaftler oder Journalisten können sinnvoll ihre Arbeit ja nur tun in der Gewissheit, dass es eben doch auffindbare Wahrheit(en) gibt.

Nicht wahr ist hingegen Hungers Behauptung, ein Scoop, also eine aufsehenerregende Exklusivmeldung, sei "immer stärker als die eigenen Skrupel". Und modisch ist sie auch: lustiges Mitträllern im Chor der vielen, für die die Charakterlosigkeit von Journalisten eine ausgemachte Sache ist. Will uns der frühere Stuttgarter-Zeitungs-Wirtschaftsredakteur und spätere Wendelin-Wiedeking-Intimus Hunger damit sagen, dies sei damals seine und seiner Kollegen Devise gewesen?

So oder so, der Satz ist Unfug. Unzählige Scoops wurden nie geschrieben oder gesendet, eben weil es auch in diesem so maßlos geschmähten Berufsstand dasselbe gibt wie anderswo: schlichten Anstand. Auch Toni Hunger weiß das, und er sollte nicht Vorurteile schüren wider besseres Wissen.

Winfried Plesch, 05.02.2015 10:45
Toll! Gibt es sowas, wie den Tag der Redaktionen schon? Wenn nein, sollte er in jeder Redaktion einmal im Jahr eingeführt werden und dieser Artikel zum Thema der Eigenreflexion und Bedeutung für das eigene Arbeiten gemacht werden.

Schwabe, 04.02.2015 11:30
Wow - was für ein Artikel! Bin schwer beeindruckt und auch erfreut etwas so intelligentes, aufklärendes und gleichzeitig unterhaltsames zu lesen!
Wobei ich mir eine kleine Anmerkung nun doch nicht verkneifen kann: Meines Erachtens stehen heutzutage viele Dinge in vielen Verträgen. Ob diese Dinge einen immer schützen wenn man/frau sich auf sie beruft bezweifle ich.

tillupp, 04.02.2015 10:36
@ kujonieren
Für alle die diese Wort auch nicht kennen.
Bedeutung: [bei der Arbeit] unwürdig behandeln, schikanieren, unnötig und bösartig bedrängen

http://www.duden.de/rechtschreibung/kujonieren
Wortart: schwaches Verb
Gebrauch: umgangssprachlich abwertend
Beispiel:
sich kujonieren lassen

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