KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Leser begreife Aussagen in Interviews als autorisiert. "Wer wortwörtlich zitiert wird, aber nicht druckreif spricht, steht blöd da", meint Anton Hunger. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 201
Medien

Scoop sticht Skrupel

Von Anton Hunger
Datum: 04.02.2015
Der meistdiskutierte Kontext-Artikel in der vergangenen Woche: die Philippika gegen immer dreistere Versuche von PR-Agenten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Unser Autor kennt als Journalist und Pressesprecher beide Seiten. Über die Autorisierung von Interviews und die Selbstgerechtigkeit von Journalisten.

Pressesprecher, die ein Gespräch mit einer Führungspersönlichkeit zu einem journalistischen Beitrag nur dann zulassen, wenn der Journalist sich zum Gegenlesen bereit erklärt, sind Dumpfbacken. Es gibt sie, keine Frage. Sie beleidigen den Journalisten mit diesem unappetitlichen Ansinnen, gehen ihm an die Ehre und verlangen die Unterwerfung. Sie wollen Zensur ausüben, wenn auch unausgesprochen.

Der Journalist muss sich darauf nicht einlassen. Und er muss nicht einmal den Grundgesetzartikel 5 bemühen, es genügt oftmals ein Blick in den Arbeitsvertrag. Viele Verlage verbieten es, Artikel zum Gegenlesen an den Gesprächspartner oder dessen PR-Berater zu schicken. Steht es nicht im Arbeitsvertrag, dann im – geschriebenen oder mündlich überlieferten – "Code of Conduct" des Verlags oder der Redaktion (in den USA sehr verbreitet, aber auch in Deutschland nicht unüblich).

Man kann sich also wehren und hat dafür gute Argumente. Das Risiko, das der Journalist eingeht, ist allenfalls, dass das Gespräch nicht zustande kommt. Er muss dann die Geschichte ohne das ausgefallene Gespräch schreiben – oder die Geschichte begraben. Aber niemand, außer Behörden, ist verpflichtet, einem Journalisten zu Diensten zu sein, damit er bei der Wahrheitsfindung weiterkommt. Man könnte es auch weniger euphemistisch ausdrücken: Damit das Geschäftsmodell des Verlags keinen Schaden nimmt.

Anders verhält es sich bei Interviews, die in Frage-und-Antwort-Form wiedergegeben werden. Der Leser begreift die gedruckten Aussagen des Interviewten als autorisiert. Andere Medien können daraus zitieren, müssen den Interviewten also nicht einmal dafür kontaktieren. Ein autorisiertes Interview hat dokumentarischen Charakter. Ein nicht autorisiertes Interview hinterlässt immer Zweifel, wenn sich der Interviewte wehrt. Manchmal hat sich der Interviewte nur ungeschickt ausgedrückt, hat etwas gesagt, was er so nicht gemeint hat.

Druckreif sprechen muss man üben

Viele Führungspersönlichkeiten – gleichgültig, ob in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder des Sports – sprechen nicht unbedingt druckreif. Die Ausnahmen sind an zwei Händen abzuzählen: Alfred Herrhausen konnte es perfekt, Hans Lutz Merkle ebenfalls. Edzard Reuter, Wolfgang Reitzle oder Joe Kaeser können es. Unter den Politikern finden sich weit mehr als unter Wirtschaftsführern: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Joachim Gauck, Ursula von der Leyen, Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht, mit Abstrichen auch Horst Seehofer, auch Peter Gauweiler, selbst Winfried Kretschmann, wenn man seine schwäbischen Vokabeln übersetzen kann. Aber wie sieht's aus mit Stefan Mappus? Mit Günter Oettinger? Mit Ilse Aigner? Mit Nils Schmid? Mit Bernd Riexinger? Mit Uli Hoeneß? Druckreif reden ist eine hohe Kunst, es will gelernt sein. Das Schwert der Politiker ist das Wort. Deshalb üben sie die druckreife Sprache. Und da sie – in guten Zeiten – mindestens im Wochentakt vor die Kamera treten, üben sie gleichsam: learning by doing.

Wirtschaftsführer sind in einer ungleich schwierigeren Situation. Ihr Schwert ist zwar auch das Wort, ihr Damoklesschwert aber sind die Zahlen. Es passiert extrem selten, dass einer seinen Posten wegen unbedachter Äußerungen räumen muss. Immerhin: Der Deutschen Bank brachte eine kritische Äußerung ihres damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer eine saftige Schadenersatzklage ein. Doch in der Regel sind es die Zahlen, die zu einem Rausschmiss führen, die schlechten Zahlen natürlich. Deshalb nehmen sich Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft auch kaum die Zeit, zu lernen, wie man druckreif spricht. Erst recht dann nicht, wenn schon der Kittel brennt.

Ignoranz und Unvermögen in den Redaktionen

Vor diesem Hintergrund wäre es eine gute journalistische Tugend, wenn das nicht astrein Gesagte des Interviewten wenigstens in verständlichem Deutsch mit richtiger Grammatik und Semantik niedergeschrieben würde. Das ist aber in vielen Fällen nicht der Fall, auch weil der Zeitdruck in personell ausgedünnten Redaktionen inzwischen unerträglich zugenommen hat. Aber nicht nur deshalb. Zuweilen ist es einfach Ignoranz, mitunter auch Unvermögen, weil die Komplexität mancher Themen den einen und anderen Journalisten schlicht überfordert. Der "Spiegel" ist eine rühmliche Ausnahme, die "FAZ" auch. Die politischen Monatsmagazine weitgehend.

Aber die Journalisten der allermeisten Tageszeitungen – und beileibe nicht nur "Bild" – oder vieler Fachmagazine hören das Band ab und übernehmen oftmals die unbeholfene Sprache des Interviewten. Lassen es beispielsweise zu, dass jeder Satz in einem Absatz mit "ich" beginnt (passiert sogar in der "Süddeutschen"), dass "Automobil" adjektivisch genutzt wird ("eine automobile Entwicklung" gibt es nicht, es wäre eine sich selbst bewegende Entwicklung, was nicht gemeint ist), dass Sinnentstellungen in Kauf genommen werden, wenn sie nur ein Wort wegen mangelnder Verständlichkeit ändern oder weglassen.

Im Klartext: Wenn das nicht druckreif Gesprochene mehr wortwörtlich als dem Wortsinn nach wiedergegeben wird. Dann steht der Interviewte blöd da. Der Leser jedenfalls münzt sein niederschmetterndes Urteil nur auf den Interviewten, nicht auf den Schreiber, der die Antworten – aus welchen Gründen auch immer – nicht in ordentliches Deutsch fassen konnte.

Da mag man einwenden, dass im angloamerikanischen Sprachraum autorisierte Interviews verpönt sind, dass Autorisieren halt eine deutsche, in Teilen auch kontinentaleuropäische Marotte ist. Mag sein. Aber in den USA, in England oder in Australien haben ausgefuchste PR-Strategen ihren "Schützlingen" längst beigebracht, ja nicht allzu konkret zu werden, bei Allgemeinplätzen zu bleiben, kurze Sätze zu sprechen, lange Pausen einzubauen und auch beim drängendsten Insistieren des Journalisten sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Entsprechend lesen sich viele Interviews in dieser ach so erlesenen pressefreundlichen Gesellschaft der Edlen. Vielfach eben bla, bla, bla ...

Journalisten müssen sich gegenseitig kontrollieren

Sicherlich wird das Autorisieren auch missbraucht, wenn der Duktus des Interviews verändert, die Botschaft umgeschrieben wird. Auch das muss man sich nicht gefallen lassen. Papierkörbe in Redaktionen haben ein großes Fassungsvermögen. Klagen über die Ungebührlichkeit des im vorauseilenden Gehorsam agierenden Pressesprechers helfen nicht. Man muss auch kämpfen, auf Augenhöhe und mit den gleichen Waffen. Das Risiko bleibt, dass der mediale Wettbewerber auf das unmoralische Angebot eingeht und das "zensierte" Interview veröffentlicht. Den ungebührlichen Eingriff erkennt der Leser ja nicht. Da wäre es durchaus angebracht, über den "unsoliden" Wettbewerber eine bittere Sottise ins eigene Blatt zu heben, wofür sich dann die meisten wieder zu schade sind. So schnell hackt eine Krähe der anderen halt kein Auge aus. Viele Journalisten sind im Austeilen, wenn es um Gott und die Welt geht, Weltmeister. Wenn es um die eigene Zunft geht, bestenfalls Bezirksligisten.

Wenn ein Sportler Formulierungsprobleme hat, nimmt das niemand krumm. Manchmal dient es sogar der Unterhaltung – und dabei darf einem nicht nur Giovanni Trappatoni einfallen, der als Italiener kaum der deutschen Sprache mächtig sein muss. Bei Wirtschaftsführern können sprachliche Handicaps dagegen schnell auch unangenehme Fragen nach sich ziehen. Aus dieser Spannungssituation entstehen leicht Aversionen gegen Journalisten ganz allgemein. Manager und Unternehmer stehen heutzutage viel stärker unter öffentlicher Beobachtung, als dies noch vor ungefähr zwei Dekaden der Fall war, wogegen nichts einzuwenden ist. Aber die Vorsicht, mit Journalisten zu sprechen, nimmt eben entsprechend zu. Das mag man aus Journalistensicht bedauern, man kann es auch kritisieren. Aber offensichtlich haben sich Wirtschaftsführer und Journalisten immer weniger zu sagen. Das war auch schon mal anders.

Investigativer Journalismus ist oft "schwarze" PR

Hinzu kommt: Etliche Redaktionen haben Investigativteams gegründet, um den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Das gehört heute zu einem publizistischen Geschäftsmodell. Aber es ist der Wettbewerb unter den Medien, der dafür sorgt, dass zuweilen Selbstverständlichkeiten zu Skandalen hochstilisiert werden. Was dem Leser dabei nicht vermittelt wird, ist die Variante, wie – in Teilen jedenfalls – investigativ arbeitende Journalisten ihre Zeitungsspalten für verdeckte PR zur Verfügung stellen, oftmals auch für "schwarze" PR, für Denunziation also, für Verdächtigungen oder Gerüchte. Einige PR-Agenturen organisieren das durchaus geschickt, wenn derjenige, der ein Interesse an der Verleumdung des anderen oder an der Herabsetzung von dessen Produkt hat, gut honoriert. Pfiffige Spin-Doctors versprechen für solches Entgegenkommen der Journalisten dann eine Exklusivgeschichte.

Und den Scoop braucht man offensichtlich heute, wenn man nicht gerade für die "Neue Zürcher Zeitung" oder die "International Herald Tribune" schreibt. "Effiziente" PR ist, wenn Kampagnen so organisiert werden, dass für das Publikum nicht ersichtlich ist, wer dahintersteckt. Vogelgrippe (Profiteur Pharmagigant Roche), Schweinegrippe (Profiteur GlaxoSmithKline). Hervorragende Beispiele für Lehrbücher der PR, fraglos. Und die Rolle der Journalisten dabei? Ein Scoop ist immer stärker als die eigene Skrupel.

Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben

"Wenn ein Journalist einmal etwas Genaueres über seinen Beruf erfahren möchte, sollte er vielleicht versuchen, selbst zum Gegenstand von Journalismus zu werden. Das könnte ihn ernüchtern, und sogar der Kater danach wäre womöglich gesund." Herbert Riehl-Heyse, einer der angesehensten deutschen Journalisten, schrieb diese wahren Sätze, als es der "Süddeutschen Zeitung" wirtschaftlich elendig ging und sie die Häme der konkurrierenden Medien zu spüren bekam. Dabei ist das, was der "Süddeutschen" widerfahren ist und Riehl-Heyse so aufgeregt hat, alltägliche Praxis in den Medien. Es ist ja auch klar: Der Anspruch, dem Journalisten gerecht werden sollen, nämlich aufzuklären, die Welt erklären, unabhängig zu sein und objektiv zu berichten, verleitet eben zu Selbstgerechtigkeit. "Tut mir leid", so der Schweizer Journalist und Autor Constantin Seibt, "so etwas wie Reinheit ist im Journalismus nicht zu haben."

Gegenlesen? Ach ja. Man lässt journalistische Beiträge nicht gegenlesen. Punkt. Und man lässt Wortlaut-Interviews autorisieren, weil sie sonst an Wahrhaftigkeit und Bedeutung verlieren. Man möchte den Journalisten zurufen: Begegnet denen, die euch kujonieren wollen und denjenigen der gleichen Sorte, die euch mit Scoops füttern, auf Augenhöhe. Und beklagt euch nicht, wenn euch das nicht gelingt. "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr", fasste Martin Walser das Grundproblem der zivilisatorischen Auseinandersetzung zusammen. Und dabei hatte er noch nicht einmal die Presseszene im Auge. Man kann es auch, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, deutlicher sagen: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners."

 

Anton Hunger ist Mitglied des Beirats von Kontext. Er ist Journalist und war 17 Jahre lang Pressechef bei Porsche.


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Kommentare

Fred, 01.04.2015 22:37
Nach der Erfahrung, die ich mit einer Veröffentlichung gemacht habe, würde ich mich ohne Gegenlesen nie mehr auf einen Artikel einlassen.
Ein kleines Missverständnis, was durch unterschiedlichen Sprachgebrauch zwischen Techniker und Nichttechniker eher die Regel als Ausnahme ist, und schon ist man mit einer redaktionell bearbeitetn Aussage, die nie so zu verstehen war in aller Öffentlichkeit blamiert.

Auch wenn ein Journalist sich bei der Forderung gegenzulesen persönlich bei der Ehre angegriffen fühlt, die andere Seite ist auch zu sehen.

Philippe Ressing, 10.02.2015 10:02
Grundsätzlich kann ich den Ausführungen des Autors nur zustimmen. Bei Interviews ist man oft gezwungen, sie komplett umzuschreiben, damit der Text lesbar wird. Wörtliche Aussagen vom Interviewten autorisieren zu lassen, halte ich deshalb für zulässig. Gerade Medienunternehmen und ihre Spitzenleute verhalten sich oft - gelinde gesagt - unverschämt. Ich habe als einstiger Medienjournalist erleben müssen, dass 'Amtsträger' öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, aber auch von Landesmedienanstalten gegebene Interviews komplett umgeschrieben haben. Odt wurde im Eifer des Gefechts 'Klartext' geredet, denn man dann später so nicht mehr gedruckt sehen wollte. Und was macht der Redakteur und Journalist? Oft beugt er sich in vorerfüllendem Gehorsam. Man braucht die Gunst der Hierarchen und der Verlag will die Anstalt nicht als Abonnent verlieren. Ungeschminkt dreist verhielten sich oft die Presseverantwortlichen kommerzieller Medienkonzerne. Da wurden nicht nur wörtliche Zitate zur Autorisierung eingefordert, sondern der ganze Artikel. Und die Journalisten machten mit - so habe ich es in drei Jahren Tätigkeit für zwei kommerzielle Medienfachdienste merhfach erlebt.
Eine Lösung des Autorisierugnswahns bei Interviews wäre, sie wie in den USA oft üblich, als Fließtext mit einzelnen Zitaten zu veröffentlichen. Das Zitat kann dann autorisiert werden, der Charakter des insgesamt Gesagten könnte aber erhalten bleiben.

invinoveritas, 05.02.2015 12:29
Anton Hunger hat einen unaufgeregten, für Außenstehende informativen Blick ins mediale Innere geworfen. Zwei Kernsätze verdienen Einspruch. Der erste ("Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners") bedient einen modischen Relativismus und ist bei etwas näherem Hinsehen hübsch formulierter Nonsens. Wissenschaftler oder Journalisten können sinnvoll ihre Arbeit ja nur tun in der Gewissheit, dass es eben doch auffindbare Wahrheit(en) gibt.

Nicht wahr ist hingegen Hungers Behauptung, ein Scoop, also eine aufsehenerregende Exklusivmeldung, sei "immer stärker als die eigenen Skrupel". Und modisch ist sie auch: lustiges Mitträllern im Chor der vielen, für die die Charakterlosigkeit von Journalisten eine ausgemachte Sache ist. Will uns der frühere Stuttgarter-Zeitungs-Wirtschaftsredakteur und spätere Wendelin-Wiedeking-Intimus Hunger damit sagen, dies sei damals seine und seiner Kollegen Devise gewesen?

So oder so, der Satz ist Unfug. Unzählige Scoops wurden nie geschrieben oder gesendet, eben weil es auch in diesem so maßlos geschmähten Berufsstand dasselbe gibt wie anderswo: schlichten Anstand. Auch Toni Hunger weiß das, und er sollte nicht Vorurteile schüren wider besseres Wissen.

Winfried Plesch, 05.02.2015 10:45
Toll! Gibt es sowas, wie den Tag der Redaktionen schon? Wenn nein, sollte er in jeder Redaktion einmal im Jahr eingeführt werden und dieser Artikel zum Thema der Eigenreflexion und Bedeutung für das eigene Arbeiten gemacht werden.

Schwabe, 04.02.2015 11:30
Wow - was für ein Artikel! Bin schwer beeindruckt und auch erfreut etwas so intelligentes, aufklärendes und gleichzeitig unterhaltsames zu lesen!
Wobei ich mir eine kleine Anmerkung nun doch nicht verkneifen kann: Meines Erachtens stehen heutzutage viele Dinge in vielen Verträgen. Ob diese Dinge einen immer schützen wenn man/frau sich auf sie beruft bezweifle ich.

tillupp, 04.02.2015 10:36
@ kujonieren
Für alle die diese Wort auch nicht kennen.
Bedeutung: [bei der Arbeit] unwürdig behandeln, schikanieren, unnötig und bösartig bedrängen

http://www.duden.de/rechtschreibung/kujonieren
Wortart: schwaches Verb
Gebrauch: umgangssprachlich abwertend
Beispiel:
sich kujonieren lassen

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