KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


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Foto: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 200
Medien

Gegenlesen? Nicht mit uns

Von Susanne Stiefel
Datum: 28.01.2015
Sie nerven nicht nur. Sie sind auch brandgefährlich, die immer dreisteren Versuche von Pressesprechern und PR-Abteilungen, die Berichterstattung zu beeinflussen. Gegenlesen heißt der unerhörte Wunsch, beliebt ist die Begründung: "Wir wollen nur inhaltliche Fehler vermeiden."

Mal abgesehen davon, dass es eine Beleidigung ist. Der Job von JournalistInnen ist es, so lange nachzufragen, bis sie etwas verstanden haben: Ob es sich dabei um die Ausführungen einer Wissenschaftlerin handelt, den Börsengang eines Unternehmens oder die x-te Gesundheitsreform der Politik. Nur wer etwas verstanden hat, kann jegliches Fachchinesisch so übersetzen, dass es für Nichtfachleute, vulgo LeserInnen, verständlich ist. Das gehört schlicht zum journalistischen Handwerk, das ist der demokratische Auftrag an die vierte Gewalt. Wer also wie oben argumentiert, spricht Journalisten jegliche Kompetenz ab. Oder wollen Sie einem Zimmermann sagen, wie er die Dachsparren anzubringen hat? Und doch bekommen Journalisten diese Bitte, die oft keine Frage mehr ist, immer öfter zu hören: "Wir möchten gegenlesen."

Dahinter steckt aber viel mehr als eine Beleidigung. Dahinter steckt Kalkül. Wer einen Artikel vor Veröffentlichung lesen will, will intervenieren. Will beeinflussen, was über seine Politik, ihre Wissenschaft, seine Person geschrieben wird. Alle reden derzeit von Pressefreiheit, die es gegen islamistische Amokläufer zu verteidigen gilt. Keine Widerrede. Dringend notwendig wäre es jedoch auch, diese tapfer verteidigte Freiheit den vielen Pressestellen von Unternehmen, Politikern und Universitäten ins Gedächtnis zu rufen, deren Job es ist, ihre Auftraggeber in den schönsten Farben schillern zu lassen oder zu verkaufen.

Recht auf unzensierte Veröffentlichung

Hallo? Schon mal was vom Grundgesetzartikel 5 gehört? Wer im Journalismus arbeitet, hat diese unerhörte Forderung nach Zensur, und nichts anderes ist es, schon manches Mal gehört und dagegen argumentiert. Wer schon länger als JournalistIn arbeitet, stellt fest, dass sie nicht mehr verschämt, sondern immer unverschämter geäußert wird: "Ohne Gegenlesen gibt es kein Gespräch."

Ein Gespräch etwa mit dem Sindelfinger Mercedes-Benz-Betriebsratchef Ergun Lümali, geboren 1962 im türkischen Eskisehir, Schulzeit in Gechingen, Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker, heute Vize im Daimler-Gesamtbetriebsrat, auf den ersten Blick eine Integrations- und Erfolgsgeschichte. Integration, Flüchtlings- und Asylpolitik gehören zu den Kernthemen von Kontext: also Termin ausmachen, sich mit dem Mann treffen, recherchieren, fragen, schreiben. So der Plan.

Doch dann das unsittliche Ansinnen: Die Pressestelle will das Porträt(!) vor Veröffentlichung lesen. Will sich auch nicht auf das Entgegenkommen, die wörtlichen Zitate autorisieren zu lassen, einlassen. Man sei enttäuscht von einem "Spiegel"-Artikel kürzlich, man wolle selbstverständlich nur inhaltliche Fehler ... siehe oben. Wohlgemerkt: Es ging um das Porträt eines Betriebsrats. Noch befremdlicher, dass nicht einmal der Betriebsrat den Mut hatte, ohne das Placet der Pressestelle von sich zu erzählen. Deshalb steht in dieser Kontext kein Porträt, sondern dieser Artikel.

Es sind solche Tage, an denen man versteht, wieso Deutschland in Sachen Pressefreiheit nur auf Platz 14 steht (Rangliste Reporter ohne Grenzen). Hinter Finnland (1), den Niederlanden (2) und Estland (11), aber knapp vor Jamaika (17). Immerhin. Eine kleine Erinnerung für Pressestellen und andere, die es vergessen haben sollten: Die Pressefreiheit ist ein Kind der Aufklärung. Pressefreiheit bedeutet das Recht auf unzensierte Veröffentlichung von Information und Meinung. Sie hat den Auftrag, die Menschen zu informieren. Journalisten tragen damit zur Meinungsbildung in einer Demokratie bei. Selbstverständlich stehen auch Pressesprecher großer Konzerne wie Daimler, wenn man sie fragt, fest auf dem Boden des Grundgesetzes. Theoretisch. Pressefreiheit sei ein hohes Gut, keine Frage. Weniger hoch wird dieses Gut geschätzt, wenn es in der Praxis um die eigenen Interessen geht. Gegenlesen also und der Zusatz: "Das machen alle so." Noch so ein Satz, der seriöse JournalistInnen auf die Palme bringen kann.

Ein anderes Beispiel aus deutschen Landen. Was wurde Satire verteidigt nach den tödlichen Kugeln in Paris, nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo", auch und zu Recht von der Kanzlerin. Weniger bekannt ist, dass die ZDF "heute-show" im Oktober vergangenen Jahres keine Drehgenehmigung im deutschen Bundestag erhielt. Dabei wollten die SatirikerInnen um Oliver Welke der Frage nachgehen, warum die Debattenkultur im Bundestag so auf den Hund gekommen ist. Erst Wochen später, nachdem Hunderte Protestmails bei der Verwaltung des Bundestags eingegangen waren, durfte das "heute-show"-Team dann doch drehen. Es ist immer einfacher, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Pressestellen nehmen gleich die ganze Hand

Wenn junge KollegInnen im Porträtseminar neuerdings immer öfter fragen, ob es denn üblich sei, ein Porträt oder einen anderen Artikel zum Gegenlesen zu geben, dann weiß man, dass das journalistische Selbstverständnis schon schwer angenagt ist. Denn leider ist es so, dass der unerhörte Wunsch von Pressestellen und PR-Agenturen in Redaktionen immer öfter erhört wird. Weil keine Zeit bleibt, offene Fragen nachzurecherchieren, weil es bequemer ist und weil es weniger Ärger gibt, wenn die Betroffenen vorher drüberlesen. "Dann schick halt mal hin", lernen viele Volontäre eine scheinbar gängige Praxis. 

Und viele Pressestellen haben diesen kleinen Finger, der ausgestreckt wurde, nicht nur genommen, sondern gleich die ganze Hand ergriffen. Wer nicht spurt, wird erst gar nicht zum Gespräch vorgelassen, basta. Selbstverständlich wollen wir nicht alle über einen Kamm scheren. Manche kennen noch die Wächterfunktion der Medien, die im Grundgesetz festgelegt ist. Die Rolle der vierten Gewalt, die den Mächtigen auf die Finger schaut, in der Gesellschaft, in Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft

Was aus Interviews werden kann, wenn sie von der Pressestelle bis zur Unkenntlichkeit autorisiert werden, hat die taz 2003 am Beispiel von Olaf Scholz, damals SPD-Generalsekretär, heute erster Bürgermeister von Hamburg, drastisch deutlich gemacht: Von dem ursprünglich geführten Gespräch war nichts mehr übrig, sogar die Fragen des taz-Kollegen waren umformuliert. Diese Praxis des "Autorisierens" von Interviews ist im englischsprachigen Journalismus unbekannt. Dort wird ein Gespräch aufgezeichnet, sprachlich bearbeitet und gedruckt, basta.

Lesenswert ist eine Betrachtung des "Guardian"-Journalisten Ian Traynor. Er berichtet von einem 90-minütigen Gespräch mit der deutschen Kanzlerin, das er gemeinsam mit vier Kollegen europäischer Zeitungen und einem US-amerikanischen Kollegen führte. Was passiere, fragte Traynor den Pressesprecher, wenn er die Zitate in seinen Artikel einbaue, ohne die Autorisierung abzuwarten, wie es eben in Großbritannien und den USA üblich sei? Die Antwort: "Wir werden Ihrem Chef einen Brief schreiben. Wir werden sagen, dass sie das so nie gesagt hat." Was so viel heißt wie: Sie kriegen kein Gespräch mehr mit der Kanzlerin und sind schlimmstenfalls Ihren Job los. Übrigens: Die Aussage, die alle fünf europäischen Journalisten als die interessanteste und wichtigste angesehen hatten, wurde von der Pressestelle im Kanzleramt gestrichen. 

Diese Konvention, dieses ungeschriebene Gesetz des Autorisierens, ist in Deutschland inzwischen zum ehernen Gesetz geworden. Viele junge JournalistInnen wissen nicht einmal mehr, dass dieses Vorgehen ein journalistisches Entgegenkommen und kein Muss ist. Sie wissen oft nicht mehr, dass dies nur für Interviews gilt. Das muss sich ebenso ändern wie die Vorgehensweise von Pressestellen. Im Sinne der Pressefreiheit.


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Kommentare

CharlotteRath, 24.02.2015 21:53
@ invinoveritas, 30.01.2015 18:05 bat zur „Untermauerung der hier üblichen generalisierenden Beschreibung von Medien und Journalisten als unkritisch, liebedienerisch, manipulativ, gekauft, opportunistisch, unfähig etc.“ noch „weiterreichende Belege im Sinne eines flächendeckenden, die ganze Medienszene durchziehenden Phänomens“.

Bitteschön:
„Die deutsche Wirtschaft macht sich Sorgen um die Unabhängigkeit der freien Presse, weil es mittlerweile zu einfach geworden sei, sich redaktionelle Berichterstattung zu erkaufen. Um sich selbst zu ermahnen, haben Dax-Konzerne nun einen Kodex aufgesetzt, um Einflussnahme auf die Medien zu reglementieren.
Die deutschen Medien sind mittlerweile der deutschen Wirtschaft offenbar zu billig zu haben. Der Arbeitskreis Corporate Compliance der deutschen Wirtschaft, in dem Compliance-Verantwortliche zahlreicher Dax-Konzerne sitzen, hat einen Kodex aufgesetzt, der die Einflussnahme von Unternehmen auf die Berichterstattung stoppen soll.
“Unternehmen können heute in einem Ausmaß redaktionelle Berichterstattung kaufen, wie das früher völlig undenkbar war. Und sie machen davon Gebrauch”, sagte Jürgen Gramke, Vorsitzender des Arbeitskreises, in der aktuellen Ausgabe des manager magazins. ...
http://meedia.de/2015/02/23/pressekodex-von-unternehmen-die-wirtschaft-macht-sich-sorgen-um-die-unabhaengigkeit-der-medien/?utm_campaign=NEWSLETTER_ABEND&utm_source=newsletter&utm_medium=email

Nicole Klappert, 10.02.2015 11:53
Zunächst mal: Es ist in himmelweiter Unterschied, ob ein Chefredakteur/Ressortleiter/das hauseigene Korrektorat (waren DAS noch Zeiten!) vor Veröffentlichung liest, auf stilistische Macken oder Rechtschreibfehler etc. hinweist, oder ob ich meinen Text der PR-Abteilung eines Unternehmens vorlege mit der dmütig geäußerten Bitte um Freigabe. Ich weiß von Kollegen, die sich auf diese Weise ihre neuen Jobs auf der anderen Seite des Schreibtisches erschrieben haben. Als ich meine derzeitige Stelle antrat, war die erste "Frage" vom Vorstand der Bank nebenan: "Sie legen uns den Text ja nochmal vor." - "Äh - nein?" - "Aber der xxx (selbstverständlich war er mit meinem Vorgänger per Du) hat das immer so gemacht." Manche unserer freien Mitarbeiter kommen mit ihren Wochenendterminen nicht um die Ecke, gefragt, warum nicht, heißt es: "Da wollte der Schützenverein nochmal drüber arbeiten." Und dann staunen diese Kinder, dem Rotstift des Lehrers noch nicht entwachsen, Bauklötze, wenn wir ihnen sagen: "Bitte leg denen das nicht vor, bitte frag denen eher ein Loch in den Bauch, wenn du was nicht ganz verstanden hast." Jeder macht es. Der Bankvorstand, der Vereinshansel, alle. Und zu viele von uns lassen sie. Und was dieses Zimmermanns-Beispiel angeht: Der Zimmermann steht mit seinem Job nicht im Grundgesetz. Ja, wir müssen sorgfältig arbeiten. Ja, wir haben oft zu viel Druck dafür. Aber wenn ich sehe, in welche Richtung hier viele Kommentare gehen, bekomme ich Angst. Die Tatsache, dass in vielen PR-Abteilungen von den "Großen" ferngsteuerte, ganz junge Leute sitzen, die von der Aufgabe der Presse so viel Ahnung haben wie ein Hund vom Klettern, die mit Smileys unterzeichnen und mit "LG", macht das alles übrigens nicht besser.

Michael, 04.02.2015 14:07
Selbst Schuld muss ich da sagen.

So rund um das Jahr 2000 bin ich öfters von Medien auf Lan Parties Interviewt worden. Das war schon immer ein Balance Akt, da die Meinung ja oft vorgeherrscht hat, dass wir alles Mörder und Terroristen auf einem Fortbildungslager im Meuchelmorden sind.
D.h. man hat bei jedem Satz eh 5 mal überlegt wie man ihn formuliert, damit er nicht falsch verstanden werden kann.
Das Ergebnis war dann oft Unglaublich, da wurde nicht nur verzerrend gekürzt sondern sogar Fragen und Antworten vertauscht was oft zu einer Umkehr der Aussage führte.
Und LanParties sind jetzt sicher nichts weltbewegendes, aber man sieht halt schön wie die Medien Arbeiten.

Jetzt haben halt Leute angefangen sich abzusichern.
Das Ergebnis ist eigentlich katastrophal.
Als Leser glaub ich weder das der Politiker das so gesagt hat, weil ich weiß das es zu 90% die Pressestelle überarbeitet hat, und ich traue den Medien nicht weil ich glaub das sie dem Politiker das Wort im Mund umgedreht haben.
Bsp: http://www.bildblog.de/62651/im-zweifel-gegen-den-griechen/

Hardy Prothmann, 04.02.2015 01:23
Wir halten das in der von mir verantworteten Redaktion ganz einfach: Gegenlesen ist nicht. Punkt.

Bei Interviews lege ich vorher fest, dass man ein Gespräch führt. Das bringen wir möglichst nah am Gespräch in Form. Kürzen Inhalte oder fassen zusammen. Worauf der Gesprächspartner einen Anspruch hat: Er muss inhaltlich korrekt wiedergegeben werden. Interviewte erhalten auf Wunsch den Text "zur Kenntnis" - sie können begründete Änderungswünsche äußern, die wir, sofern es falsche verstandene oder falsch wiedergegebene oder falsch geäußerte Inhalte angeht, auch berücksichtigen.

Das gilt auch für Zitate in anderen Artikelformen.

Was klar ist: Das ist ein Angebot, kein Muss.

Tatsächlich sind meine Erfahrungen positiv - es gibt nur selten Änderungswünsche und wenn, sind diese meist von Vorteil auch für die Leser/innen.

Wenn es doch mal "streng" wird, dann machen wir das: Wir berichten darüber.

http://www.rheinneckarblog.de/27/fragen-nicht-im-sinne-von/33128.html

Und gerne empfehle ich dieses Interview, dass nie stattgefunden hat, aber trotzdem erschienen ist:

http://www.rheinneckarblog.de/22/herzlichen-gluechwunsch-herr-harbarth-wir-sind-stolz-auf-sie/43646.html

Fachwerkhaus-Besitzer, 02.02.2015 14:02
"Oder wollen Sie einem Zimmermann sagen, wie er die Dachsparren anzubringen hat? "

Ja klar. Unbedingt. Öfters so praktiziert, wenn ich merken musste, dass der Zimmermann handwerkliche Fehler macht. Der Zimmermanns-Meister hatte auch kein Problem damit, wenn ich auf Mängel seines Gesellen hingewiesen habe. Rechtzeitig korrigieren ist allemal besser als ein kapitaler Bauschaden und Regress.

Seltsam: Textarbeiter scheinen zu glauben, dass alles, was journalistisch fabriziert wird, potentiell Pulitzer-Preis-verdächtig und darum gegen jede Kritik erhaben ist, da sie bereits als Meister vom Himmel fallen, wohlmöglich als "Dipl.-Journ."

Peter S., 02.02.2015 12:51
Denjenigen, welche das "Gegenlesen" als gute Kontolle für die aus Zeitdruck immer schlampigeren Journalisten befürworten sei gesagt: Wenn die Qualität verbessert werden soll, dann sollen das die eigenen Leute machen und nicht die PR Abteilung eines Konzerns. Da ist ein offensichtlicher Interessenskonflikt vorhanden, der umso grösser ist, wenn die Themen kontrovers verlaufen d.h. wenn es interessant für den Leser wird.

Naturwissenschaftler, 02.02.2015 12:35
Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum es die Journalisten so stört, wenn der Gesprächspartner den Artikel gegen lesen möchte. Es geht hierbei doch nicht um den kritischen oder gar investigativen Journalismus. Oftmals wird doch einfach über XY berichtet, wobei der Journalist von XY vorher auch nichts gewusst hat. Dann erzählt ihm jemand etwas und der Journalist schreibt was er verstanden hat. Dabei passieren natürlich Fehler. Beim Gegenlesen können diese beseitigt werden. Die Änderungswünsche kann der Journalist aber auch verwerfen, wenn er damit nicht einverstanden ist.

Schwabe, 02.02.2015 10:50
@Meutrich
na Sie trauen sich was - die Arbeit eines Zimmermanns zu kritisieren. Sind sie Bauleiter (Architekt) oder Meister im Zimmereihandwerk, dass Sie es sich vor Ort auf der Baustelle zutrauen festzustellen das Ihr Dachstuhl nicht korrekt aufgeschlagen wird? Und das dies Auswirkungen auf die Qualität des Endprodukts hat? In der Regel werden bzw. sollten solche Baumängel von Folgehandwerkern im Rahmen der VOB bemerkt und angezeigt werden, da dieser seine Leistung auf der Leistung des Vorgängers aufbaut. So kann der Hanwerker (Zimmermann) sein werkvertragliches Recht auf Nachbesserung wahrnehmen.
Warum glauben Sie die Arbeit eines angestellten oder freien Journalisten welche zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt mit der Arbeit eines werkvertraglich verpflichteten Handwerkers irgendwo in Deutschland vergleichen zu können? Möchten Sie Pressestellen bzw. PR-Agenturen mit privaten Bauherren vergleichen? Da begeben Sie sich m.E. aber auf sehr dünnes Eis meutrich, denn Sie als privater Bauherr bezahlen die Handwerker bzw. den Architekt das diese Ihr Gebäude nach Ihren Vorstellungen errichten. Journalisten sollten unabhängig sein - oder irre ich mich da?
Ihr Vergleich hinkt nicht nur, er ist m.E. schlicht weg keiner.

Robert Bühl, 02.02.2015 10:20
Von Qualitätssicherung kann man bei der TAZ.de beileibe nicht immer sprechen. Unzulässige Verallgemeinerungen, wie zum Beispiel beim Bericht über die seit Jahren andauernden undemokratischen Blockade- und Störungsversuche des Akademikerballes in der Wiener Hofburg: Mitglieder akademischer Studentenverbindungen (Korporationen) seien "Nazis" und "sexistisch" und "rassistisch". Die Zahl der Verindungen ohne ausländische Mitglieder ist seit langer Zeit schon verschwindend gering, Verbindungen, in denen nationalsozialistische Ideologie verherrlicht und umgesetzt wird, sind eher ganz selten und seitdem es Korporationen mit ausschliesslich weibichen Mitgliedern gibt, ann wohl der "Sexismus" ein ernstzunehmender Vorwurf mehr sein. Es gibt heute unkritisiert reine Männergesangsvereine und rein männliche Orchester. Die Art des "Journalismus" gegen Korporationen Jedweder Couleur ist felerhaft und deshalb minderwertig.

hypnos, 01.02.2015 19:24
Ich kann den Ärger der Autorin nachvollziehen. Natürlich versuchen Pressestellen etc. Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen - dazu sind sie da.

Umgekehrt finde ich es aber auch immer wieder erstaunlich, in wie vielen Artikeln Abschnitte zu finden sind, die schlicht und ergreifend Unfug sind. Gerade, wenn es um komplexe Themen aus Wissenschaft und Technik geht. Es geht mir hier nicht um Vereinfachungen, die das Verständnis verbessern sollen oder um kleinere Ungenauigkeiten, sondern um Dinge, die (für Experten) offensichtlich nicht richtig sein können.

Machen Sie sich doch einmal die Mühe, mit einem Piloten über die Qualität der Berichterstattung zum letzten Flugzeugabsturz zu sprechen. Oder mit einem Experten über den Artikel zum letzten "Durchbruch" in der Krebs-Forschung.

Meutrich, 01.02.2015 13:15
Um die Frage der Autorin zu beantworten: Ich würde einem Zimmermann zwar nicht sagen, wie er die Dachsparren anzubringen hat, aber auch seine Arbeit würde ich kontrollieren!

Es ist nun mal so, dass man heutzutage sowohl als Einzelperson als auch als Unternehmen sich auf niemanden mehr verlassen kann. Und genauso wie man gut beraten ist, die von einem Handwerker verrichtete Arbeit zu kontrollieren, um Bau-Pfusch o.ä. zu vermeiden, muss man das heutzutage auch in anderen Lebensbereichen tun. Und warum sollte man da die Arbeit von Journalisten nicht auch nach dem Motto "Vertrauen (in die Kompetenz des Journalisten) ist gut, Kontrolle ist besser!" kontrollieren!?!

Früher hatten Journalisten auch kein Problem damit! Artikel wurden von Chefredakteuren bzw. Ressortleitern vor der Abnahme gelesen, Korrektoren/-innen lasen den Text auch noch mal durch und der gesetzte Artikel wurde dann ein weiteres Mal von einem Schlussredakteur final durchgelesen. Gleich drei Prüfungsinstanzen!!

Und heutzutage, wo nicht gerade wenige Journalisten/-innen unter Zeitdruck schlampiger arbeiten und/oder tendenziöse Artikel schreiben (immer mehr Artikel vermischen persönliche Meinungen/Ideologien mit Sachverhalten obwohl der Presse-Kodex einen eigentlich zu einer möglichst neutralen Berichterstattung verpflichtet), ist es umso wichtiger, Artikel vor der Veröffentlichung gegen zu lesen. Nicht selten werden auch bei Interviews/Zitaten Aussagen aus ihrem Zusammenhang heraus gerissen, um etwas Anderes zu suggerieren; da kann ich (selbst knapp 20 Jahre als Journalist gearbeitet) verstehen, dass die PR-Abteilungen & Co. eine gewisse Kontrolle über das Endergebnis behalten möchten, indem sie sich das Recht heraus nehmen, die Artikel vor der Veröffentlichung gegen zu lesen!

Ulrich Frank, 31.01.2015 18:29
@invinoveritas, 30.01.2015 18:05 - Ihr heißes Engagement in Ehren, mitsamt den charmanten Unzurechnungsfähigkeitserklärungen an die Adresse derjenigen hier die nicht Ihrer Meinung sind - dieser Strahl aus dem Kärcher, nein diese feurige Hitzewand kann aber nicht darüber hinwegtäuschen daß

1.) Sie selbst wenig mehr als die Behauptung in den Ring werfen es sei hierzulande mit den Medien eigentlich (d.h. im "großen und ganzen") alles in Ordnung und deshalb nichts zu kritisieren, vor allem nicht von Leuten hier im Forum die Sie auf eine denkwürdige Weise als unter Ihrem Niveau stehend zu betrachten scheinen.

2.) daß sich innerhalb dieser Ihrer spärlichen sich zumeist im ziemlich aggressiven Saft- und Kraft-Modus befindlichen Argumentation darüber hinaus auch deren Grenzen verschieben: - mittlerweile gibt es sogar Konzessionen - , aber jetzt sollen von den vor Ihrem Gericht stehenden Kritikern schon "viel weiterreichende Belege im Sinne eines flächendeckenden, die ganze Medienszene durchziehenden Phänomens" beigebracht werden. Es ist Ihrerseits eine Fluchtbewegung zu erkennen von dieser bisherigen vorwiegenden Nichtstellungnahme zum Konkreten zu der Forderung: also jetzt muß ein Gesamtphänomen "Lügenmedien" aufgewiesen werden, von diesen Verbreitern böser Behauptungen - DAS können sie bestimmt nicht! Ganz abgesehen davon daß Sie, invinoveritas, bisher zu den /konkreten/ Beispielen entweder nur kavalierhaft oder so gut wie keine Stellung zu nehmen pflegten.

Auch in Anbetracht der Tatsache daß man sich hier z.T. etwas weit entfernt von Frau Stiefels Beitrag der sich konkret um versuchte Einflußnahme durch Gegenlesen dreht - und es ist hier dann wohl vor allem an Beiträge zu denken bei denen es um heikle Punkte, politisch, sozial oder von wirtschaftlichem Interesse geht und nicht um auf beiden Seiten unkontroverse Richtigstellungswünsche - es geht hier um einen Zensurmodus der in die Formulierung oder Modellierung von Nachrichtentexten- und Darbietungen eingeht, eine Modellierung welche Aufmerksamkeiten lenkt.

Und diese Aufmerksamkeit wird nun einmal gelenkt, und übrige Bereiche korrespondierend unterbelichtet, verursacht wenn nicht durch systematische oder äußerliche Beschränkungen so z.B. durch konkrete Einflußnahme beim Gegenlesen oder durch eingebettete Interessenlagen.

Der ARD-"Brennpunkt" nach der Griechenland-Wahl zur besten Sendezeit bot ein weiteres Schauspiel: als Zuschauer ohne weitere Informationen war es nur schwer nachzuvollziehen weshalb eine - im Tenor (!) der aktuellen deutschen Berichterstattung durchaus eher skeptisch bis mißfällig betrachtete - neue Regierung gewählt worden war: Griechenland kam herüber wie Deutschland, eine junge griechische Verkäuferin bzw. Bedienung, im Interview froh darüber daß sie eine Stelle gefunden hatte, wurde vor einer mit Lebensmitteln vollgestellten Regalwand gefilmt. Dann auch der obligatorisch herbeizitierte "Wirtschaftsexperte" der das Programm der neuen Regierung sehr skeptisch darstellte. Zum Schluß wurde - das Ganze war schon "mundgerecht" aufbereitet worden - , dem deutschen Finanzminister das Wort gegeben der jovial signalisierte es sei ja erst gewählt worden und die Griechen hätten jetzt sozusagen ein paar Tage Zeit das Wahlprogramm ihrer neuen Regierung zu vergessen; dann noch die verhohlene Drohung mit der letzten Tranche. - Da war das "Gegenlesen" 1. nicht nur schon eingebettet - das war 2., trotz "Brennpunkt", uninformativ und irgendwie schlampig zusammengetackert - trotz Gebührenmilliarden und großer Vorlaufzeit, und germanozentrisch noch dazu.

Weiterhin die etwas länger zurückliegende Sendung in welcher Günter Jauch ein ARD-Interview mit Kreml-Chef-Putin präsentierte und noch VOR dem Abspielen der Aufnahme dazu aufforderte: "Also beobachten Sie doch im folgenden einmal genau die Gesichtszüge des Mannes - da sieht man doch daß der unter Druck ist und irgendwas nicht stimmt" (oder so ähnlich).

Das ist kein echter Journalismus, das ist vor-gelesene Präjudikation, das ist Beeinflußung wie sie in den entsprechend heiklen Fällen auch durch Gegenlesen stattfinden soll.

Auch Mafiosi hatten, wenn man einem Film aus den 30ern glaubt, den Presseagenten der Sorge zu tragen hatte daß Ereignisse aus dem ehrenwerten Milieu auf den "society pages" und nicht auf der ersten Seite der Zeitung erscheinen.

Schwabe, 31.01.2015 13:50
Ein wichtiger, interessanter und tiefer Einblick in den heutigen Arbeitsalltag von Journalisten. Vielen Dank Susanne Stiefel und Kontext für diesen Artikel.
Wenn die "Hausspitzen" andere Zeitungen/Medienhäuser ebenso konsequent handeln würden wie es die Kontext Wochenzeitung tut, hätte der Spuk der extrem einseitigen Berichterstattung bald ein Ende.
Aus meiner Sicht stinkt der Fisch immer vom Kopf her. Das ist bei Journalisten nicht anders wie z.B. bei AltenpflegerInnen, Krankenschwestern/Pflegern oder bei Bahnmitarbeitern. Nicht die AltenpflegerInnen, Krankenschwestern oder Bahnmitarbeiter sind schuld an den für Patienten und Kunden i.d.R. oft unzumutbaren und sich stets verschlimmernden Zuständen, sondern deren Vorgesetzte mit Personalverantwortung. Wobei das Wort "Vorgesetzte" oft im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen ist, denn Sachverstand und/oder Verständnis für das Wohl von Patient oder Kunde sind heutzutage Nebensache. Heute gilt es - im Zuge von Privatisierung - in erster Linie den Profit des Unternehmens zu verteidigen. Die Krankenschwester hat keine Schuld daran, dass in Deutschland jährlich zig tausend Menschen an den Folgen von Krankenhausaufenthalten sterben weil sie sich dort aufgrund unhygienischer Zustände (Sparmaßnahmen zu Lasten der Patienten) und Personalmangel mit totbringenden resistenten Keimen infizieren. Ebenso haben Bahnmitarbeiter keine Schuld am Zustand der Bahn.
Journalisten geht es m.E. nicht anders. Ich vermute, sollten sich engagierte JournalistInnen gegenüber Pressestellen oder PR-Agenturen ähnlich konsequent verhalten wie dies Kontext gegenüber Daimler tut, werden sie bald arbeitslos sein oder keine Aufträge mehr bekommen.

invinoveritas, 30.01.2015 18:05
@Charlotte Rath & FernDerHeimat

Es muss wahnsinnig schwer sein, einigermaßen methodische Überlegungen anzustellen.
1. Man kann die hier übliche pauschale Medienschelte doch nicht ernsthaft rechtfertigen wollen durch Hinweis auf zwei in Gottes Namen kritikwürdige Artikel. An den beiden Tagen, an denen sie erschienen sind, dürften etliche tausend Artikel in deutschen Druckerzeugnissen publiziert worden sein, an denen mit Fug und Recht diese oder jene Kritik geübt werden könnte, bis hin zu schweren und schwersten Verstößen gegen journalistische Regeln. Dasselbe gilt für Sendungen von TV und Radio. Kein bei Trost befindlicher Beobachter bestreitet das.
Aber: Zur Untermauerung der hier üblichen generalisierenden Beschreibung von Medien und Journalisten als unkritisch, liebedienerisch, manipulativ, gekauft, opportunistisch, unfähig etc. müssten viel weiterreichende Belege im Sinne eines flächendeckenden, die ganze Medienszene durchziehenden Phänomens beigebracht werden. Und das funktioniert nicht, weil diese Beschreibung nicht zutrifft.
2. Der Umstand, dass ein Hund bellt, besagt über die Gründe noch gar nichts. Die können in Lebensfreude liegen, aber auch etwa im Schmerz über die unfreiwillige Begegnung mit einem Volltrottel.

invinoveritas, 30.01.2015 16:16
Noch mal nee, lieber Herr PRler. Weil diese Debatte aber die allermeisten hier kaum interessieren dürfte, nur in aller Kürze dies:
Dass niemand gezwungen werden kann und soll, einem Medium zur Verfügung zu stehen, ist trivial. Wenn aber wie hier die prinzipielle Bereitschaft da ist, gibt es für das dann Folgende sinnvolle, vernünftige Standards, für beide Seiten. Es verletzt aber diese Standards massiv, wenn für das Portrait eines Betriebsratsvorsitzenden die Pressestelle des Unternehmens eingeschaltet wird (jämmerlich genug für einen, der sich doch zutraut, die Interessen von zigtausend Beschäftigten couragiert zu vertreten) und, noch ärger, diese den ganzen Text vorab lesen will, anstatt sich mit den verwendeten Zitaten zu begnügen.
Das Recht auf freie Entscheidung bedeutet nicht, dass diese der Kritik enthoben wäre. Auch das ist trivial, aber offenbar leider nicht für jeden.

CharlotteRath, 30.01.2015 14:52
@ invinoveritas, 29.01.2015 23:33
Liebe/r/s „invinoveritas“ - schön wär’s wenn es Phantasie wäre. Dafür fehlen mir leider die Promille. Stattdessen habe ich beispielsweise folgendes in der Aktenlage:

Einen Artikel, der auf der Titelseite eines Amtsblattes einer deutschen Landeshauptstadt erschien, welcher einschließlich der Rechtschreibfehler von einem privaten Wirtschaftsunternehmens übernommen wurde, plus Eingeständnis aus der Redaktion, dass dem so sei, es aber nicht zu den Gepflogenheiten der Redaktion gehöre, die Quellen offen zu legen.

Einen Artikel aus einem der „unabhängigen Stuttgarter Qualitätsmedien", in dem das Vorhandensein eines Fachgutachtens sowie dessen angebliche Ergebnisse fingiert wurden, plus Schriftverkehr mit dem Journalisten, hier für eine Richtigstellung zu sorgen, welche er aber für überflüssig hielt (und die meines Wissens bis heute nicht erfolgt ist).

Wer alles für reinen Wein nimmt, der ihm eingeschenkt wird, merkt vermutlich nicht, was er das so alles konsumiert ... ;o)

Ein PRler, 30.01.2015 12:42
Lieber invinoveritas, recht herzlichen Dank für Ihre Replik, wenngleich ich es bevorzuge, persönlich zu entscheiden, ob ich für etwas bzw. jemanden stelle und wovor ich mich stelle.

Mir ist nicht ganz klar, ob Sie es sich vorstellen können, dass es Menschen gibt, die über andere Erfahrungen verfügen als sie und vielleicht sogar gewisse Vorbehalte und/oder Berührungsängste gegenüber Journalisten und der durch sie hergestellten Öffentlichkeit haben.

Über die Beweggründe des Daimler-Betriebsrats können wir beide nur spekulieren. Fest steht: Es war seine Entscheidung, die Pressestelle des Konzerns um Unterstützung zu bitten. Wie hätte diese denn reagieren sollen? Die Bitte ignorieren oder zurückweisen? Wenn ja, aus welchen Gründen?

Ich wiederhole meine Position sehr gerne noch einmal: Jeder darf frei entscheiden, ob, wann und unter welchen Voraussetzungen er für ein Interview zur Verfügung steht. Diese Erwartungshaltung sollte auch kommuniziert werden dürfen. Es liegt dann am Journalisten, zu entscheiden, ob er bereit ist, auf die Bedürfnisse seines Gegenübers einzugehen. Auch hier sind alle Formen der Entscheidung in meinen Augen vollkommen legitim.

FernDerHeimat, 30.01.2015 05:57
Schau, schau. Der Weingeist pöbelt immer noch gegen jede Kritik an "seiner" Presse.

Getretene Hunde bellen?

invinoveritas, 29.01.2015 23:33
Nee, sehr geehrter PRler, vor diesen Betriebsrat und die Daimler-Pressestelle sollten Sie sich nun auf gar keinen Fall stellen. Wenn schon dieser Betriebsrat keine Eier in der Hose hat und wegen einer Porträt-Anfrage die Pressestelle alarmiert, dann wäre es an ihr zu sagen, dass sie damit weder etwas zu tun hat noch zu tun haben will. Wenn nicht einmal so etwas klar ist, können sich Journalisten und Pressesprecher einen Dialog über gemeinsame Werte und Professionalität schenken.

An Kornelia, Charlotte Rath, Ulrich Frank und all die anderen, die hier abenteuerlichste Phantasien über diese verkommenen Medien ausschütten:

Man stelle sich drei Tage vor, an denen Ihr sechs regionale und überregionale Tageszeitungen, der Spiegel und die ZEIT sowie ausgewählte Sendungen von ARD und ZDF intensiv lest und anseht. Danach wertet ihr aus und prüft konkret, was von euren Vorwürfen belegbar oder zumindest plausibel gemacht übrig bleibt. Prognose: natürlich nicht null, aber so mitleiderregend wenig, dass sich lange Schlangen bilden werden vorm nächsten Mauseloch.

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